Hast du jenes Knötchen vergessen, welches dein Haupt so gut als das

meinige hat? Ich erlaube mir, dich daran zu erinnern. Vernimm also, daß

niemand von sich sagt, er gehöre zu dem gewöhnlichen Volke, noch darauf

stolz ist, vom Volke zu sein, oder seine Freunde darunter zu haben. Oder

wäre ich nicht ein wenig dein Freund? Was du auch sein magst, das Volk

ist in deinem Munde das Volk auf niedrerer Stufe, als der, wo du in der

Stufenleiter der bürgerlichen Gesellschaft stehst. Du, du gehörst nicht

dazu und in jedem Falle, wo deine Eitelkeit (wiederum das Knötchen) ihre

Rechnung nicht dabei findet, wirst du keinen Ruhm darin suchen, zum Volke

zu gehören, und wärest du wirklich aus ihm. Merk dir's.

In der That, wenn bewußtes Knötchen durch die Aufgeblasenheit eines

Großen sich verletzt fühlt und es gern auswetzen möchte, könnte es sich

weigern unter solchen Umständen, daß du eine Ehre darein setztest, zum

Volke zu gehören, und wäre es auch wirklich nicht einmal der Fall. Aber

das ist nur für den Augenblick und blos deshalb, weil das Volk weit mehr

Lebensart, bessere Sitten, einen weit vorzüglicheren Ton hat, als jener

Große, und weil er's als unendlich tief unter ihm stehend betrachtet.

Eben so wenn besagtes Knötchen möchte, daß du einem Club vorstehst, die

Seele einer Bewegung seist, das Haupt einer Partei, der Herausgeber eines

Volksblatts, so würdest du wieder nur in ein Ding deinen Stolz setzen,

nämlich darein, daß du zum Volke gehörst, daß du aus dem Schoose des

Volks entsprossen, daß du im Schoose des Volks und, wenn möglich, für

dasselbe sterben wollest. Aber deine weißen Handschuh, dein feines

Kleid, deine saubere Wäsche, das Spazierstöckchen, mit dem du spielend

umherfichst, die Augengläser, welche dir ein Bedürfniß geworden, zeugen

wider deine Behauptung. Du nennst dich Einen vom Volk! und würdest dich

beleidigt fühlen, hielte man dich beim Worte.

Du siehst, die Ausnahme bewahrheitet die Regel.

* * * * *

Ja, es ist wirklich so, ich bin beim Volk geblieben. Ich suche daraus weder

Ruhm noch Schimpf zu ziehen, obwol ich fühle, wie ungemein schwer das ist.

Ich schreite zu dem zweiten Punkte.

Mein Oheim Tom hegte große Vorurtheile wider den Stand eines Künstlers.

Er fand denselben eines denkenden Wesens nicht sehr würdig und höchst

ungeeignet, ein essendes, trinkendes und besonders ein heirathendes Wesen

zu ernähren. Sonderbar ist dabei, daß er, während er die Künstler

geringschätzte, die Kunst ganz besonders verehrte, insoweit nämlich die

Kunst in's Bereich der Gelehrsamkeit fällt, als sie ein Gegenstand zu

Untersuchungen, zu Denkschriften ist. Mein Oheim hatte zwei dicke Bände

über die griechische Glyptik geschrieben.

[Illustration]

Ich hingegen ließ die griechische Steinschneiderei sein wie sie wollte;

jung wie ich war, hatte das Grün der Wälder, das Blau der Berge, der

Adel der menschlichen Gestalt, die Anmuth der Frauen, der weiße Bart

des Greises für mich einen geheimen Zauber, der noch weit lebendiger und

gewaltiger wurde, wenn ich auf Leinwand oder Papier eine Nachahmung dieser

mir so reizenden Dinge sah. Tausend linkische Versuche auf meinen Heften

und Büchern thaten die wundersame Lust kund, die ich in der Nachahmung

meiner selbst fand, und ich erinnere mich, daß ich lange Arbeitstunden

hindurch mit Wollust die reizenden Bilder niederkritzelte, welche einige,

gar häufig falsch oder nothdürftig begriffene Verse Virgils in meiner

Einbildung erweckten. Ich malte Dido. Ich malte Jarbas. Ich malte Venus

selber:

=Virginis os habitumque gerens, et virginis arma

Spartanae: vel qualis equos Threissa fatigat

Harpalyce, volucremque fuga praevertitur Hebrum.

Namque humeris de more habilem suspenderat arcum

Venatrix, dederatque comam diffundere ventis,

Nuda genu, nodoque sinus collecta fluentes.=

* * * * *

Anfänglich hatte mein Oheim Tom zu meinen Kritzeleien gelächelt; später

aber hörte er auf, eine Neigung zu ermuntern, die mich von meinen Studien

abzog. Nichts desto weniger nährte er, wenn er Sonntag Abends mich mit

in die Weinberge spazieren nahm, ohne es zu ahnen, diesen Hang, dem er

entgegenarbeiten wollte. Unter den Laubgewinden fand ich die reizendsten

Spiele von Licht und Schatten, lebendige, malerische Gruppen und

jene menschlichen Antlitze, auf denen sich in tausend Zügen Freude,

Trunkenheit, Friede, bange Sorgen, kindliche Freude oder verschämte

Schüchternheit malten. Ich liebte eben so sehr als er diese Spaziergänge,

nur daß wir auf denselben verschiedenen Gelüsten nachgingen. Als indeß

in meinen Heften auf die Jarbas und Dido nach und nach gewöhnlichere, aber

wahrere Figuren folgten, hörten diese Spaziergänge auf.

Nun führte mich mein guter Oheim wider seine Neigung und trotz seines

hohen Alters weit von der Stadt nach entlegenen Fluren spazieren, zuweilen

sogar bis zu den Orten, wo unter den Felsen des Berges Salève die Arve

sich durch ein grünendes Thal schlängelt, einsame Inseln mit ihren

Fluthen umschließend und in ihren Wellen den sanften Glanz der Abendsonne

spiegelnd. Von dem Platze, wo wir uns niederließen, sah man eine alte

Barke vorüberziehende Landleute an's andere Ufer setzen, oder auch in

der Ferne eine lange Reihe von Kühen durch eine Furth von den Inseln zum

festen Lande ziehen. Der Hirt folgte auf einem alten Rößlein, vor sich

im Sattel ein Paar Buben; das Gebrüll ward ferner und ferner und schlug

in leisem Verhallen kaum an unser Ohr, bis der lange Zug sich in den

dunkelblauen Schatten der Dämmerung verlor.

[Illustration]

Diese Schauspiele entzückten mich. Mit bewegtem Herzen, die Seele voll

süßer Empfindungen, ging ich von dannen und ein geheimes Verlangen zur

Nachbildung, zur Wiedergabe einiger Züge von diesen Wundern drängte mich

bereits. Nach der Rückkehr verwendete ich den ganzen Abend darauf. In

entzückender, stets bereitwillig aufblühender Träumerei schmückte ich

meine unförmigen Gebilde mit der höchsten Farbenpracht, die in meiner

Phantasie lebte, und zitterte im Gefühl der unschuldigsten, jedoch

lebhaftesten Freude.

* * * * *

Obgleich mein Oheim über die Steinbildnerei schrieb und die Werke des

Phidias sammt den drei Manieren Raphael's auswendig wußte, so verstand

sich mein guter Oheim doch blutwenig auf Zeichnen- und Malerkunst. Er

rühmte die schönen Zeiten der Renaissance[3], allein seine Liebhaberei

richtete sich auf die Medaillons von Le Prince und die Hirtengemälde von

Boucher, womit er seine Bibliothek geschmückt hatte.

[3]: Das Zeitalter aufblühender Kunst von 1453, der Einnahme

Konstantinopels, bis 1610, Beginn der Regierung Ludwig's XIII., dessen

Ausbildungspunkt unter Franz I. von Frankreich fällt.

Jedoch hing neben dem Bette in wurmstichigem Rahmen noch ein Bild,

welches wir, mein Oheim und ich, vor allen anderen liebten, obgleich aus

verschiedenen Beweggründen: er, weil dies Gemälde, das aus der Zeit vor

Raphael herstammte, viel Licht auf die Erfindung der Oelmalerei warf; ich,

weil es mir vor allen die geheimnißvolle Macht des Schönen offenbarte.

[Illustration]

Es war eine Madonna mit dem Jesuskindlein auf dem Arme. Ein goldener

Heiligenschein umzog die keusche Stirn der Marie, ihr Haar fiel auf die

Schultern herab und ein blaues Gewand mit weiten Aermeln ließ in ihrer

Haltung unschuldsvolle Anmuth und die zärtliche Besorgtheit einer jungen

Mutter erblicken. Auf mich übte dies Gemälde, das ohne alle kunstreiche

Erfindung war und den ausgeprägten Charakter eines Jahrhunderts des

Glaubens, der Jugend und aufblühender Kunst trug, einen unwiderstehlichen

Reiz. Die junge Madonna besaß meine Bewunderung, meine Liebe, meine

Verehrung, und wenn ich hinauf zu meinem Oheim ging, so haftete mein erster

und letzter Blick auf ihr.

Meinem Oheim aber schien das Alles mit dem Rechtsstudium gar nicht

zusammenzupassen, er nahm das Gemälde herab und ließ es verschwinden.

* * * * *

Das Recht ging jedoch darum nicht besser; ich fand keinen Geschmack daran

und als ich meine Jüdin verloren hatte, ließ ich von jeglicher Arbeit

ab. Keinen Ehrgeiz fühlte ich mehr, keinen Hang zu irgend etwas, keine

Zeichnungen, keine Bücher, ein einziges ausgenommen, das fast nimmer

aus meinen Händen kam. Wochen, Monate verflossen so und mein armer Oheim

bekümmerte sich sehr, allein er machte mir nicht den geringsten Vorwurf.

Eines Tages war ich zu ihm gegangen und setzte mich wie gewöhnlich neben

seinen Schreibtisch. Er saß über seinen Büchern und beschäftigte sich,

eine Belegstelle abzuschreiben. Ich bemerkte das Zittern seiner Hand,

welches heute auffällig stark war; die schwankenden Buchstaben verriethen

eine ungewöhnliche Unsicherheit. Diese zunehmenden Anzeichen des

unmerklich sich steigernden Alters erweckten in mir eine Traurigkeit,

welche meinem Gemüthe eigenthümlich zu werden begann und in Ermangelung

andern Gegenstandes sich auf diese Wahrnehmungen richtete.

[Illustration]

Und das hatte seinen Grund, denn der Oheim, welcher vor mir dasaß, war

meine Vorsehung auf Erden, und so weit meine Erinnerung reichte, hatte ich

keine andere Stütze als die seinige gehabt, keine väterliche Liebe als

von ihm erfahren. Man hat dies bereits aus den bisherigen Erzählungen

abnehmen können; wenn man aber bedenken will, daß ich diesem guten Oheime

noch keine Seite widmete, um den Leser mit ihm bekannt zu machen, so wird

man es entschuldigen, wenn ich mit freudiger Bereitwilligkeit jetzt von ihm

rede.

Mein Oheim Tom ist unter den Gelehrten bekannt, allen denen zum Beispiel,

die sich mit der griechischen Steinbildnerei oder der Bulle _Unigenitus_

beschäftigen. Sein Name ist in den Verzeichnissen der öffentlichen

Bibliotheken zu lesen, seine Werke findet man in besondern Fächern

aufgestellt. Unsere Familie ist deutschen Ursprungs und ließ sich im

verwichenen Jahrhunderte in Genf nieder. Gegen 1720 erblickte mein Oheim

das Licht der Welt in dem alten Hause, welches am St. Petersbrunnen steht,

einem alten Kloster, dessen einer Eckthurm noch zu sehen ist. Dies

ist alles was ich von den Vorfahren meines Oheims und seinen ersten

Lebensjahren weiß. Ich darf annehmen, daß er seine Schule durchmachte,

die akademischen Grade erwarb und sich dem ehelosen Stande und den

Wissenschaften widmete. Er ließ sich bald darauf in dem erwähnten Hause

der französischen Stiftung nieder, gleichfalls ein altes Kloster, wo er

die ganze Zeit seines langen Lebens verbrachte.

Mein Oheim lebte zwischen seinen Büchern, und da er keine Verbindungen

in der Stadt unterhielt, so war sein Name wol manchem lebenden Gelehrten,

besonders in Deutschland, bekannt, allein in seinem eigenen Stadtviertel

fast gar nicht. Kein Geräusch in seiner Behausung, kein Wechsel in seinen

Gewohnheiten, keine Aenderung in seiner alterthümlichen Tracht. Daher

kam es, daß man, wie alles Eintönige und unwandelbar Gleichmäßige, als

Häuser, Markzeichen, so auch ihn sah, ohne ihn zu bemerken. Zwei- oder

dreimal wol redeten mich Vorübergehende an, und fragten, wer der Greis

wäre; allein dies waren Fremde, welchen seine Haltung oder Tracht, die

von der Anderer so wesentlich abstach, auffiel. »Es ist mein Oheim!«

antwortete ich voll Stolz über ihre Neugierde.

Aus dieser Lebensweise, diesem Geschmacke entstanden auch gewisse geistige

Gewohnheiten. Fremd wie mein Oheim, als Mann der Wissenschaft, der Welt

war, schöpfte er in vollem Vertrauen auf seine Wissenschaft, seine

Lehrsätze und Meinungen aus Büchern, wobei ihn nicht die verdächtige

Unparteilichkeit eines Philosophen leitete, sondern ein ruhiger Geist, der

den Leidenschaften und Triebfedern der Welt fremd war und weder Eile zum

Beschließen noch Gründe zur Anhänglichkeit an eine Richtung hatte. Daher

war er mit den gewagtesten Aufstellungen der Philosophie vertraut und hatte

mit nicht minderer Genauigkeit in den spitzfindigsten Fragen der Theologie

herumgearbeitet, ohne daß man so leicht herausbringen konnte, was

denn eigentlich seine Ansicht war. Die Moral hatte er mit demselben

wissenschaftlichen Geiste studirt, doch mehr um sie zu kennen als um einen

Vergleich zur Anwendung darin zu ziehen. Darum war es eben so schwierig,

die Grundsätze seiner Handlungsweise herauszufinden. In Betreff des

Glaubens wie im Gebiete der Grundsätze erregte nichts sein Erstaunen,

nichts seinen Eifer, und wenn seine Ueberzeugungen schwach waren, so war

seine Duldsamkeit eine vollständige.

Dies Gemälde, das ich von meinem Oheim entwarf, wird ihm vielleicht die

Liebe vieler Leser, wenn nicht gar ihre Achtung rauben. Es thut mir leid

und dies um so mehr, als ich dieserhalb sich meine Freundschaft für

sie verringern fühle. Ja, wenn es sich darum handelte, ob jene Art

Skepticismus, die ich meinem Oheim beilege, an und für sich oder ihrer

Richtung willen gut oder schlecht sei, so glaube ich, meine Ansicht würde

mit jenem Theile der Leser zusammenpassen, allein ich sage mich von ihnen

los, wenn sie sich um der Beschaffenheit einer Lehre willen für berechtigt

halten, ihre Liebe und Achtung dem Manne, welcher ihr anhängt, zu

entziehen, sobald dieser Mann gut und ehrenhaft ist.

Um aber gerecht zu sein, meine Leser sind zu entschuldigen. Ihre Ansicht

entspringt aus achtbarer Quelle. In der That, der größte Theil der

Menschen, ich meine diejenigen, welche ihrem Geschlechte Ehre machen, ist

gewiß mehr als einmal in den Fall gekommen, an sich selbst zu erkennen,

daß edle Triebe nicht ausreichen, um zum Guten zu führen, und wie oft sie

unterliegen, wenn sie mit anderen minder edeln Trieben zu kämpfen haben.

Deshalb sind in ihren Augen Grundsätze und Glaubensgesetze nothwendig als

mächtige Hilfsleiter und allein vermögend, dem Guten den Sieg zu sichern,

und deshalb sind sie gegen diejenigen mistrauisch, bei denen sie diese

Bürgschaften nicht zu bemerken glauben.

Eben in dieser Meinung, die ich durchaus theile, finde ich die Erklärung

und gewissermaßen den Schlüssel des Charakters meines Oheims und der

scheinbaren Widersprüche, welche auf den ersten Blick zwischen seinen

Ansichten und seinem Leben obwalteten. Dieser Mann war von einer so guten,

ehrenhaften, wohlwollenden Gemüthsart, daß er vielleicht niemals gleich

den Lesern, von denen ich redete, in die Lage gekommen ist, das Bedürfniß

von Hilfsmitteln, die ihn zum Guten ermunterten, und noch weniger die ihn

vom Schlechten abhielten, zu empfinden. Ein natürliches richtiges Gefühl

bewahrte ihn vor allen Ausschweifungen, eine angeborne Schüchternheit

und sein zurückgezogenes Leben hatten ihn in altväterlicher Einfachheit

erhalten, während sein eher menschlich als empfindsam, eher edelmüthig

als warm zu nennendes Herz, welches wenig von Enttäuschung und Mistrauen

heimgesucht war, eine gewisse jugendliche Frische behalten hatte, die

sich in allen seinen Gefühlen und Handlungen äußerte. Und dabei, was

einzutreten pflegt, wenn die Tugenden keine Anstrengung kosteten, weder

Stolz noch Härte, sondern echte Bescheidenheit, reine Güte und ein

gewisser Zauber von Unschuld erhöheten alle liebenswürdigen Eigenschaften

dieses vortrefflichen Greises.

Also trotz der mehr oder weniger sonderbaren und widersprechenden

Ansichten, welche im Gemüthe meines Oheims wogen und neben einander

bestehen oder unter sich im Kampfe begriffen sein mochten, trotz der

moralischen oder Verhaltungs-Grundsätze, die folgerecht aus diesen

Ansichten hervorgehen konnten, trugen alle seine Handlungen den Charakter

der strengsten Ehrenhaftigkeit und wahrsten Güte. Wenn die Woche in den

fleißigen Forschungen, die ihn ganz und gar beschäftigten, vergangen war,

widmete er den Sonntag einer ehrbaren stillen Ruhe: Morgens besorgte ein

alter Barbier, der einer Zeit mit ihm entsprossen, seinen Bart und ordnete

seine Perrücke, dann that er einen kastanienbraunen Rock, neu, aber von

altem Schnitt, an und begab sich in die Kirche seines Sprengels, auf den

Rohrstab mit goldenem Knopfe gestützt und unter dem Arme einen Psalter,

der sauber in genarbtes Leder gebunden und mit silbernem Schloß versehen

war. Er setzte sich an seinen bestimmten Platz und hörte die Predigt

mit gewissenhafter Aufmerksamkeit an, und sicherlich brachte keiner eine

größere Bereitwilligkeit mit, die Ermahnungen auf sich anzuwenden. Seine

unsichere Stimme ertönte beim Gesange und nachdem er seine reichliche,

doch stets gleiche Gabe in den Opferstock gethan, kehrte er nach

Hause zurück; wir aßen zusammen und der Abend ward den gemüthlichen

Spaziergängen, wovon ich oben sprach, gewidmet.

Diese Züge, welche nur eine Lebensseite meines Oheims darstellen,

genügen, um ein Bild von der ehrenhaften Einfachheit zu geben, die in

allen Handlungen seines zurückgezogenen Lebens vorwaltete, obgleich sie

keinen genügenden Maßstab von der eben so einfachen Güte seines Herzens

geben; und ich fühle mich in Verlegenheit, dieselbe zu schildern,

ohne ihren Reiz zu verwischen, ohne Gefahr zu laufen, das als Tugend

hinzustellen, was bei ihm Natur, gewohnte Weise war. Soll ich erwähnen,

daß er durch den Tod meiner ihm mancherlei Verpflichtungen hinterlassenden

Eltern mein Beschützer geworden und geblieben war, ohne daß es ihm jemals

in den Sinn kam, es nöthige ihn keine natürliche Pflicht, sein mäßiges

Vermögen meinetwillen anzugreifen? Soll ich sagen, daß es ihm nie, auch

nur einen Augenblick einfiel, daß ich kein Recht auf alle seine Opfer

habe, ja daß er nicht einmal danach fragte, ob ich derselben würdig sei,

seine Lehren befolge, oder seine Wohlthaten dankbar anerkenne? Doch in

den Augen Vieler wird dies als eine sich von selbst verstehende Pflicht

erscheinen und seine Güte zeigt sich am besten in seinen minder

bedeutenden Handlungen.

Dies ist meine Meinung. Und darum bedauere ich, daß die alte Dienerin,

die fünfunddreißig Jahre lang den kleinen Haushalt meines Oheims führte,

nicht an meiner Statt die Feder führt. Besser bei Kräften als sie, fand

er es weit einfacher, die Schwächen ihrer Wirthschaft selber zu verbessern

als ihr eine Nebenbuhlerin zu geben, und statt darum übler Laune zu

werden, ließ ihn seine natürliche Lebendigkeit die Alte mit lustigen,

liebevollen Scherzworten necken. Allerdings, er zankte zuweilen mit ihr,

aber nur weil sie nicht auf seine Vorschriften hörte, und indem er sie mit

dem Hippokrates tyrannisirte, vertauschte der wackere Oheim gewissermaßen

die Rollen und wurde ihr Diener. In den letzten Lebensmonaten dieser

Frau räumte er ihr seinen lieben Lehnstuhl ein und machte jeden

Tag eigenhändig das Bett der alten Dienerin, wohin wir sie zusammen

hinüberbrachten, um den bleichen Lippen noch ein Lächeln zu entlocken.

Eines Abends fühlte die arme Frau ungewöhnlich heftige Schmerzen; mein

Oheim ließ sich auf's genaueste alle Symptome sagen, fragte sein Buch

um Rath, ersann einen helfenden Trank und ging selbst um Mitternacht, um

denselben unter seinen eigenen Augen von dem Apotheker bereiten zu lassen.

Seine Abwesenheit dauerte etwas lange; Margarethe rief mich und theilte mir

ihre Besorgniß mit. Schnell zog ich mich an und eilte auf dem nächsten

Wege zum Apotheker. Mein Oheim war vor wenigen Augenblicken hier

fortgegangen. Durch diese Versicherung beruhigt, nahm ich meinen Rückweg

durch dieselbe Straße, die er gegangen sein mußte; es war die Altstädter

Straße.

Ich hatte die Mitte der Straße, die sehr abschüssig ist, erreicht, da

gewahrte ich in einiger Entfernung einen einzelnen Mann, den ich an seinen

Bewegungen nicht sogleich für meinen Onkel erkannte. Er trug unter großer

Anstrengung einen schweren Gegenstand, den er zwei Mal niedersetzte, wie um

Athem zu holen, und als er am obern Ende der Straße angelangt war, stellte

er seine Last in die Ecke eines Häuservorsprungs, wobei er mit dem Stocke

versuchte, ob der Gegenstand nicht in die Straße zurückrollen könne.

Jetzt erkannte ich meinen Oheim, der sich sehr wunderte, mich zu erblicken.

Ich erklärte ihm die Veranlassung meines Nachgehens. -- Ich, ich wäre

schon zurück, antwortete er, wenn ich mich nicht an einen großen Stein

tüchtig gestoßen hätte; und damit eilte er hinkend weiter.

Dieser Zug, glaube ich, zeichnet den edeln Mann. Alt, hinkend, trotz seiner

Eile hatte er ganz allein den gewaltigen Stein an einen Ort getragen, wo

er keinen Schaden mehr thun konnte, und diesen Umstand allein hatte er von

seinem Begebnisse bereits vergessen.

* * * * *

Jetzt wird man eher begreifen, mit welcher Traurigkeit mich an jenem Tage

das Zittern seiner Hand erfüllte. Ich brachte dies Zeichen mit anderen

zusammen, welchen ich denselben Ursprung zuschrieb, seine mehr und mehr

sich vermindernde Eßlust, die Abkürzung der Spaziergänge und Sonntags in

der Kirche eine Erschöpfung, gegen die er nur mit sichtbarem Kraftaufwande

ankämpfte.

Während ich mich diesen traurigen Gedanken hingab, fielen meine Augen mit

einem Male auf die Madonna... sie war wieder an ihren Platz gehängt. Ich

fühlte mich überrascht, denn ich glaubte, mein Oheim hätte sie an einen

schon lange danach gehenden Juden verkauft. Ich erhob mich unwillkürlich,

um sie zu betrachten.

[Illustration]

Diese Madonna, sagte in diesem Augenblicke mein Oheim...

Seine Stimme zitterte vor Bewegung.

* * * * *

Das Einzige, worin ich gewissermaßen mit meinem Oheim im Widerspruche

stand, war -- und man hat gesehen, wie -- mein Hang zu den schönen

Künsten. Nur der unendliche Werth, den er darein setzte, den einzigen

Sprößling der Familie in eine ruhmreiche wissenschaftliche Laufbahn

treten zu sehen, hatte ihn einzig und allein zu jenen Kunstgriffen

vermocht, die, wie unschuldig sie auch waren, seinem geraden Sinne, wie

seiner Herzensgüte namenlos viel gekostet hatten. Gewiß, er hatte es sich

als eine gewaltige Härte vorgeworfen, mir den Anblick der Madonna entzogen

zu haben. Und das war genug, um seine reine, heitere Seele zu beunruhigen

und mit Scham vor sich selber zu erfüllen.

Diese Madonna, hub mein Oheim auf's neue an, habe ich wegnehmen lassen,

weil es.... Ich hätte sie sollen nicht wegnehmen... Ich schenke sie Dir.

Du magst sie in Dein Zimmer bringen lassen.

Während dieser Worte hatte mein Oheim seine gewöhnliche Ruhe

wiedergewonnen. Jetzt war es an mir, mich verwirrt und gerührt zu

fühlen; denn diese bedauernden Worte und das sie begleitende edle Geschenk

überfielen mich mitten in meiner Traurigkeit.

Aber dafür, fuhr er lächelnd fort, gibst Du mir meine Bücher wieder.

Mein Grotius langweilt sich da unten... Mein Pufendorf schläft... Die Alte

hat mir von Spinnen gesagt, die zwischen den beiden ihre Netze weben... Nun

jeder hat seinen Hang... Das Recht bietet freilich eine ehrenhafte Laufbahn

dar!... Doch was? die Kunst hat auch ihr Gutes... Man malt die schöne

Natur, man stellt mannichfache Scenen dar, man macht sich einen Namen...

Wird man auch nicht reich dabei, so kann man doch bescheiden davon leben...

Sparsamkeit, etwas Beihülfe;... über lang oder kurz, wenn ich nicht mehr

bin, mein bischen Habe...

[Illustration]

Hier konnte ich meine Thränen nicht mehr zurückhalten; ich gab ihnen

freien Lauf und überließ mich ganz der Betrübniß, welche diese Worte in

mir hervorriefen.

* * * * *

Mein Oheim schwieg, er hatte die Veranlassung meiner Thränen misdeutet

und versuchte anfänglich nicht, mich zu trösten. Jedoch nach einigem

Schweigen trat er näher:

Ein so verständiges Mädchen! sagte er;... so schön!... Ein so junges

Mädchen!

Nicht um sie weine ich, guter Oheim; aber Sie haben mir so betrübende

Dinge gesagt!... Was soll aus mir werden, wenn Sie nicht mehr sind? Diese

Worte rissen meinen Oheim aus seinem Irrthume und erleichterten sein Herz

so sehr, daß er augenblicklich seine Heiterkeit wiederfand.

Ohe! mein armer Julius, darum weinst Du?...

[Illustration]

Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle · 第 8 / 13 段