Schlag zehn Uhr, lieber Onkel. Die vollständigste Genugthuung malte sich

bei diesen Worten auf dem Gesichte meines Oheims Tom. Er war vergnügt,

mich wiederhergestellt zu sehen, mehr aber noch war er es der Ehre willen,

die seine Wissenschaft daraus erntete. Er nahm einen feierlichen Ton an:

Jetzt, Julius, will ich dir sagen, was du hattest. Eine Hemicephalalgie.

[Illustration]

Glauben Sie, Oheim?

Ich glaube es nicht, Julius, sondern ich weiß es, und weiß es ganz

sicher; denn ich bin nicht ein Jota vom Hippokrates abgegangen. Durch den

Fall und die Erschütterung des Gehirns entstand ein Austreten der inneren

Ausscheidungen der Gehirnhaut. Und weißt du wol, in welchem Zustande

ich dich gefunden habe? Uebermäßig schneller Pulsschlag, stierer Blick,

vollständiges Irrereden. Ueberdies.... das Zugpflaster....

Ach! mein Oheim, reden Sie nicht mehr davon und erzählen Sie es Niemanden.

Das Zugpflaster hat ein leichtes Durchsickern erzeugt; es geht besser;

indeß scheint das Fieber noch nicht verschwunden. Nun kommt mein

Kühltrank.

Ja, Oheim!

Jetzt tritt ruhiger Schlaf ein...

O freilich, Onkel; ausgezeichnet.

Ein vorhergesehener, vorausgesagter, prophezeiter Schlummer von ein Uhr

Nachts bis zehn Uhr Morgens. Und jetzt bist du auf dem Wege der Genesung!

Vollständig genesen, mein Oheim.

Nein; und vor allen Dingen müssen wir einen Rückfall vermeiden. Du

verhältst dich ruhig, indeß ich dir ein leichtes Senfpflaster bereite;

später wollen wir sehen. Ruhe dich aus und arbeite heute nicht. Versprich

mir das.

Sie können darauf rechnen.

* * * * *

Sobald mein Onkel gegangen war, machte ich mich über den Folianten. Aber

ich gerieth in eine neue Verlegenheit. Das Buch hatte zweitausend Seiten

und in meiner Eile hatte ich die einzige davon, die meine Theilnahme

erregte, zu bemerken vergessen. Dieses Ungeheuer durchblättern? es ist

darin ein Gedanke, ein Wort vielleicht nur, welches sie anziehen konnte,

und dieses Wort unter einer Million anderer zu entdecken! Und dennoch trieb

mich eine unbesiegliche Begierde an, danach zu suchen, gleich, als ob mein

Schicksal von dieser Entdeckung abhange.

[Illustration]

Ich ging an's Werk. O! welch unsinniges Zeug kam mir vor Augen und welchen

Eifer zum Studium hatte ich dabei! Wenn mein Onkel mich gesehen, oder nur

mein Professor! Eifriger, junger Mann, zügeln Sie Ihre Hitze, hätte er

mir gesagt; Sie treibens zu stark.

Es war eine Sammlung von alten Chroniken des Mittelalters, worin manch

fabelhaftes, verliebtes Abenteuer berichtet war; manches Wappenstück,

Anmerkungen, Urkunden; ein buntes Gemisch im Geschmacke meines Oheims. Ich

fand indeß mancherlei darin, welches sie und mich ansprechen konnte, doch

nicht mehr als jeden Andern; so kam ich bis zur zweihundertsten Seite.

Darüber schrien die Stuhlrollen, die Leiter rollte, eine ungemeine

Bewegung gab sich in dem Zimmer meines Oheims kund. Es war klar, er

suchte umsonst, indeß ich mich mit dem Nachschlagen befaßte. Mir kam ein

Gedanke... Ich stieg hinauf.

* * * * *

Wirklich befand sich mein Oheim in einem bejammernswerthen Zustande, wie

eine Löwin, welcher... Ich will sagen, er irrte umher und suchte seine

Scharteke, die er von seinen Fächern, von seinem Tisch, vom Himmel wieder

verlangte. Verwirrung und Unordnung war in sein stilles, ruhiges Bereich

gedrungen.

[Illustration]

Bestohlen! ich bin bestohlen, Julius... und verloren! (Er erklärte mir

dies.) Das Buch ist von unbeschreiblichem Werthe, unersetzbar, und ich war

gerade auf derselben Seite im Begriff... aber ich habe meinen Gewährsmann

verloren! o, Libanius! du siegst!

Unmöglich! es muß durchaus... laßt nur sehen... was für eine Seite,

Onkel?

Ha! weiß ich's! Drei Jahre Streit über die Bulle Unigenitus und im Hafen

Schiffbruch leiden!

Die Bulle, sagen Sie?...

_Unigenitus!_

_Unigenitus!_ Ja, das ist abscheulich. Und diese Seite...

Gab die Bulle mit einer Variante, die sich sonst nirgends findet.

Und weiter nichts?

Wie, Du, Du findest das nicht genug! Ich gäbe alles was ich habe für

diese Seite. Aber ich werde sie wieder bekommen. Nur eine Person konnte

es thun... sie soll mir schon sagen, wer der Gesell ist, der die Folianten

wegholt... Geschwind!

Und der gute Onkel setzte seine Perrücke zurecht, nahm sein altes

Rohr, setzte den dreieckigen Hut auf und ging. Auch ich stieg hinab und

wiederholte für mich ganz leise: Bulle Unigenitus, Bulle Unigenitus, aus

Besorgniß das Wort zu vergessen.

* * * * *

Bulle _Unigenitus_, Bulle _Unigenitus_, sagte ich und durchblätterte

meinen Folianten. Bulle _Unigenitus_... Da ist sie! in dicken Buchstaben.

Es war Latein: entsetzliche Täuschung. Seit diesem Eindrucke habe ich

stets einen Widerwillen gegen das Latein empfunden, das ich, aufrichtig

gesagt, vorher auch nicht liebte. Da ich indeß bemerkte, daß die

Bulle mitten auf der Seite anfing, so richtete ich meinen Blick auf das

Vorhergehende. Ich las:

_Was massen die Kastellanen von Amgrivois

auf die Linie der Chauvin gelangte

durch Verheyratung des edlen Herrn von

Saintree mit der Henriette von Entragues._

Der edle Junkher war noch niemalen von Liebe betroffen gewest. Also

geschahe es, da der Bart ihm zu keimen begunnte, dass er Henrietten

in dem Schlosshofe sahe und vieles vergnügen daran fassete sie

anzuschauen, fein wie sie war und von vorteillhafftem Gesichte; undt

schöpfete aus solchem Beginnen ein Liebesleid, nicht vermögend ein

ander Ding zu denken bei Tag- und Nachtzeiten. Wusste aber mit

nichten wie es ihr kund geben, sintemahlen er noch ganz unerfahren in

angelegenheiten der Liebe. Und keck und ohn forcht als er unter den

Junkhern war, so war er vor dem Angesicht eines Fräuleins links

und schlecht beholfen. Also fassete er sich, da er immer heftiger

entbrannte, nahm sich ein Muth und stellete sich in das Gemach seines

Ahns, da sie musste hinkommen, und wollete mit einem Strauss ihr

ein gar glänzend Zeugniss der Flamme verleihen, darinnen er um

ihre schönen Augen brannte. Und so lang als sie nicht kame, war er

wundersam fertig ihr zu reden undt sein sträusslein zierlichstermassen

zu überreichen. Da indessen Henriette eintrat, er eiligst selbiges

unter die Tafel warf und stumm wurde, links und übler befangen, denn

ein edelknabe über einem Fehler ertappet. Henriette ihren theils hatt'

es wohl gesehen sammt den dichten Strauss und ward gar wundersam roth,

und solche waren sie einander gegenüber roth wie ein paar Feldmohn und

unvermächtig etwas zu sagen. Und sie wären da noch ohne den Ahn, der

eintrat: Was machet ihr hinnen?... u. s. w.

* * * * *

[Illustration]

Ich las und las tausendmal diese Seite, ich war vor Freude entzückt, denn

da ich in meinem Geiste die schlichten Ereignisse dieser Geschichte mit

dem verglich, was ich in den Mienen meiner Jüdin gelesen hatte, mußte ich

allerdings glauben, daß meine Schüchternheit und mein unbeholfenes Wesen

ihr nicht misfallen hatten, wie ich aus ihrer Unterhaltung mit meinem Onkel

annehmen durfte, daß meine Aufmerksamkeit, wie mein Gesicht am Fenster

ihr nicht entgangen waren! Wir hatten uns also verstanden; ich war also

tausendmal weiter, als ich glaubte, und konnte mich fernerhin dem Hange

meines Herzens hingeben, ohne durch die Schwierigkeiten eines ersten

Schritts oder die Furcht, ihr fremd zu sein, beschränkt zu werden. Das

erste, was ich that, war, daß ich eine genaue Abschrift dieser theuern

Zeilen nahm; dann benutzte ich, da mir der Kummer, den ich meinem Oheim

gemacht hatte, schwer auf dem Herzen lag, die Abwesenheit desselben, um das

Buch wieder hinaufzutragen, wo ich es so zwischen die andern steckte, daß

er glauben mußte, er habe es selber verkramt.

* * * * *

Ich kehrte in mein Zimmer zurück und schloß mich ein, um ungestörter

allein mit meinen Gedanken zu sein, die mir heute eine wunderliebe

Gesellschaft waren. Ich durchging in meinem Geiste stets dieselben Dinge,

um neue Seiten an ihnen zu entdecken, bis ich endlich ermüdet von dem

gethanen Schritte abließ, um zu bedenken, was weiter zu thun: denn mein

Loos an das ihre ketten war von da an das einzige Ziel meines Lebens.

Ich zählte achtzehn Jahr. Ich war Student, ohne Stand, ohne andere Mittel

als die Güte meines Oheims. Allein diese Schwierigkeiten kümmerten

mich wenig, und ich beseitigte sie in tausenderlei Weise, wie es der

Muth eingibt, den die Gewalt einer großen Liebe verleiht. Hingebung,

Aufopferung, unbestimmte Ruhmbegierde schwellten mein Herz und erhoben mich

zu meiner theuern Jüdin; ich erhielt ihre Hand und vermochte ihr ein Loos

zu bieten, wie sie es verdiente. Oder wenn ich bedachte, wie weit ich noch

von diesen glänzenden Verhältnissen entfernt sei, so wünschte ich, sie

solle arm, von niederem Stande, verlassen sein, so daß sie durch

eine Vereinigung mit mir nur gewinnen könne; ich dachte wieder an die

geringschätzige Miene des Pförtners, die jetzt meine einzige Hoffnung

wurde.

Es war Sonntag. Die Glocken riefen die Gläubigen zum Tempel; ihr

eintöniger Schall brachte Ruhe in meine Seele. Sie schwiegen und

die Stille der Straßen verlieh meinen Gedanken, die sich über alle

Hindernisse hinaus erhoben hatten, höhern Muth. Die Melodien der

Kirchengesänge, die ernsten Töne der Orgel gesellten sich sanft zu

meinen Träumereien und ich sah unvermerkt mich selber in der Mitte der

Gläubigen, im Genuß eines ruhigen Glücks neben meiner Gefährtin, wie

wir beide aus demselben Buche ablasen, wie sie ihre schönen Wimpern auf

das Blatt senkte, wie ihr Athem sich mit dem meinigen vermischte und ein

süßes Glück unser Theil auf dieser Welt und unsere gemeinsame Hoffnung

in der andern war.

* * * * *

Aber eine Jüdin in der Kirche! Nein, dieses Bedenken kam mir nicht an. Ein

trunkenes Herz kleidet seine Träume nur mit seinen Wünschen und Bildern

aus, mit dieser angenehmen, gefälligen Gesellschaft, welche seinem Fluge

nirgends wehren. Ach! ich bin seitdem wieder auf die Erde gekommen; ich bin

im Geleit der Wirklichkeit gewandelt, unter der Zuchtruthe des Verstandes

und der Vernunft; sie alle zusammen, diese strengen Lehrer, haben mir nicht

einen Augenblick gegeben, der sich mit den himmlischen Regungen von damals

vergleichen könnte. Warum müssen doch solche Augenblicke so kurz sein und

sich nicht wiederfinden!

Ich kannte den Namen, die Wohnung jener nicht, die sich meines ganzen

Seins bemächtigt hatte. Ich erwartete mit steigender Ungeduld die Stunde

Montags. Sie erschien nicht. Dienstag und Mittwoch vergingen eben so. Ich

hörte, daß seit zweien Tagen der Kranke, den sie gepflegt hatte, todt

war. Am Freitag war ich voll Ungeduld zu meinem Oheim hinaufgegangen; ein

Unbekannter klopfte an die Thüre und überbrachte ihm ein Päckchen.

Mach' es auf, Julius! sagte er.

Ich öffnete. Es war das Buch in Saffianband. Auf der innern Seite des

Umschlags standen die Worte zu lesen:

Wenn ich sterbe, bitte ich dies Buch an Herrn Tom zu geben, von dem ich

es habe.

Und weiter unten:

Wenn Herr Tom mir einen Gefallen erzeigen will, so gebe er das Buch

seinem Neffen zum Andenken an diejenige, welche er in der Bibliothek

empfangen hat.

* * * * *

Wenn sie stürbe! rief ich aus; sie, sterben!

Armes Kind, sagte mein Oheim Tom; was kann ihr zugestoßen sein?

Wo wohnt sie, Onkel?

Wir wollen zusammen gehen, um uns nach ihr zu erkundigen.

Einen Augenblick darauf befanden wir uns in der Straße. Es regnete. Wir

waren fast die Einzigen, welche draußen gingen. Beim Umbiegen um eine

Straßenecke sahen wir einige Leute; mein Oheim blieb stehen... Was gibt

es? sagte ich; weshalb gehen wir nicht... Armer Julius, es ist zu spät! Es

war der Leichenzug: vor zwei Tagen hatten die Pocken sie hinweggerafft!

* * * * *

Am nächsten Tage begann ich wieder zu schauen und zu sinnen: eine

Träumerei voll Bitterkeit und innerer Leere, fade Muße, Widerwillen

gegen die Welt, die Menschen, das Leben selber, ohne den Reiz irgend einer

Erinnerung. Statt aller Gesellschaft, als einzigen Freund, hatte ich das

kleine Buch, und wenn ich die Zeile gelesen, die für mich bestimmt war,

drückte mir die Wehmuth das Herz, bis die Thränen mir aus den Augen

strömten und mich erleichterten.

[Illustration]

Mein zweiter Freund war mein Oheim Tom. Ich erzählte ihm alles, und als

ich ihm meinen Streich, den ich ihm gespielt, erzählte, fand ich in seinem

Herzen nur Nachsicht und Güte. Meine Trauer rührte ihn und auch er nahm

seinen Theil daran, ohne sie ganz zu verstehen. Und wenn er am Abend mich

düster sah, so rückte er leise seinen Stuhl neben den meinigen und wir

saßen schweigend neben einander, beide in einem Gedanken vereint. Ein

so verständiges Mädchen, sagte er in seiner treuherzigen Einfalt, in

Pausen.... ein so hübsches Mädchen.... ein so junges Mädchen! Und bei

dem Schimmer des Kamins sah ich eine Thräne seine alten Wimpern feuchten.

Endlich kam die Zeit auch mir zu Hülfe, sie gab mir die Ruhe wieder und

andere Freuden, aber nie eine ähnliche: ich hatte meine Jugend zu Grabe

getragen.

[Illustration]

III.

Henriette.

[Illustration]

Wie ist doch das Herz treu, so lange es jung und rein ist! Wie ist es so

zartfühlend und aufrichtig! Wie liebte ich diese Jüdin, welche ich kaum

gesehen und so bald wieder verloren! Welch engelgleiches Bildniß ist mir

von diesem zerbrechlichen Wesen, dem reizenden Verein von Anmuth, Zucht und

Schönheit, geblieben!

* * * * *

Der Gedanke an den Tod erwacht langsam, nach und nach; in den ersten Tagen

des Lebens hat sein Name keinen Sinn. Für die Kindheit ist alles in der

Blüthe, im Entstehen, eine Schöpfung von gestern; für den Jüngling ist

alles Kraft, Jugend, überströmendes Leben. In der That, einzelne Wesen

verschwinden aus dem Gesichte, aber sie sterben nicht.... Sterben! das

will sagen, für immer der Freude verloren sein; den lachenden Anblick

der Fluren, des Himmels, selbst den Gedanken daran verlieren, welchen so

glänzende Hoffnungen, so lebendige, wahre Gebilde erfüllen!!...

Sterben! das will sagen, die Glieder, welche von Kraft strotzen, von Leben

glühen, die frisches Blut röthet, schwach werden, eisig erkalten, in

entsetzliche Blässe sich auflösen sehen.

Unter die Erde dringen, das Leichentuch aufheben, dieses wurmzerfressene

Fleisch anschauen, die staubzerfallenen Gebeine... der Greis kennt diese

Bilder, er verscheucht sie, aber den Jüngling treten sie niemals an.

* * * * *

Er verliert die, welche er liebt, er weiß, daß er sie nicht wiedersehen

wird, er begegnet ihrem Leichenzug, er weiß, daß sie unter diesen

Bretern, unter diesem Hügel liegt... aber es ist immer noch sie,

unverändert, ewig schön, rein, reizend mit dem verschämten Lächeln, dem

schüchternen Blick, der ergreifenden Stimme.

Er verliert die, welche er liebt, sein Herz erstickt oder strömt glühende

Seufzer aus; er sucht, er ruft die, welche ihm entrissen worden; er redet

zu ihr, er legt ihrem Schatten das ihr eigenthümliche Leben, die ihr

eigenthümliche Liebe bei, er sieht sie vor sich stehen.... es ist immer

noch sie, unverändert, ewig schön, rein, reizend mit dem verschämten

Lächeln, dem schüchternen Blicke, der ergreifenden Stimme.

Er verliert die, welche er liebt. Nein, er trennt sich von ihr, sie

befindet sich an irgend einem Orte und dieser Ort ist durch ihre Gegenwart

verschönt; er ist

Geehrt durch ihren Fuß, erhellt von ihrem Blick;

alles ist daselbst Schönheit, Liebe, mildes Licht, keusches Geheimniß...

Und dennoch! An dem Orte, wo sie sich befindet, ist die Nacht, die

Kälte, die Nässe, der Tod und seine widerwärtigen Gehilfen in vollster

Thätigkeit!

* * * * *

Der Gedanke an den Tod erwacht langsam, nach und nach. Aber ist er einmal

in die Seele des Menschen gedrungen, so verschwindet er nicht wieder.

Vordem war seine Zukunft Leben; jetzt ist der Tod das Ende aller seiner

Pläne, derselbe drängt sich von nun an in alle seine Unternehmungen. Er

denkt an ihn, wenn er die Scheune füllt, er zieht ihn zu Rathe, wenn

er Güter erwirbt, derselbe drängt sich auf, wenn er seine Pachten

abschließt; er setzt sich einsam mit demselben in sein Gemach, um sein

Testament zu machen, und unterzeichnet dasselbe mit ihm.

Die Jugend ist hochherzig, empfänglich, muthig... und die Greise nennen

sie verschwenderisch, unüberlegt, tollkühn.

Das Alter ist haushälterisch, bedachtsam, vorsichtig... und die Jünglinge

heißen es geizig, selbstsüchtig, zaghaft.

Aber warum beurtheilen sie einander, wie können sie sich beurtheilen? Sie

haben keinen gemeinschaftlichen Maßstab. Die Einen berechnen alles auf's

Leben, die Anderen alles auf den Tod.

* * * * *

Dieser Augenblick, wo der Lebenshorizont des Menschen wechselt, ist

bedeutsam. Die eben noch so fern am Himmel schwebenden Gebiete ziehen

näher, das phantastische, glänzende Gewölk wird dicht und regungslos,

die azurnen und goldenen Räume zeigen nur noch die Nacht hinter kurzer

Dämmerung... O! wie verändert sind die Verhältnisse! wie bedeutungslos

erscheint dem Menschen alles, was er gethan! Er begreift nun, daß sein

Vater ernst, daß sein Großvater finster war und Abends, wenn die Spiele

begannen, sich zurückzog.

Er selbst fühlt sich bewegt; dieser neue Gedanke arbeitet in seinem Herzen

und weckt die Erinnerung an viele Worte, viele Dinge, deren düstern Sinn

oder trostreichen Zauber er früher nicht begriff....

* * * * *

Es war einmal in den Tagen seiner ersten Jugend, an einem Sonntage; er sah,

er hörte der Zecher fröhliche Lust, wie sie in der Weinlaube saßen,

das Leben feierten und dem Grabe Hohn sprachen; man lachte, man trank, man

erheiterte sich das kurze Dasein und unter dem Laube heraus rauschte in

fröhlicher Weise das Lied durch die Lüfte:

.... Einst müßt ihr in die Grube sinken,

Wo Nacht auf immer uns umschlingt;

Drum Freunde! laßt uns leben, trinken!

Auf Freunde, trinket, lebet, singt!...

Und will in's Leichentuch uns hüllen

Der bleiche Knochenmann, Freund Hain,

Dann laßt das Glas noch einmal füllen...

Mit dreistem Sprung zur Gruft hinein!

Und der Chor wiederholte mit vollem, wogendem Klange:

Und will in's Leichentuch uns hüllen

Der bleiche Knochenmann, Freund Hain,

Dann laßt das Glas noch einmal füllen...

Mit dreistem Sprung zur Gruft hinein!

* * * * *

Vor Jahren, vor langen Jahren war's einmal auf steinigem Acker, ein

schwacher Greis beugte sich unter der Last seiner schweren Arbeit. Im

Brande der Sonne machte er eine unfruchtbare Haide urbar; der Schweiß rann

ihm von der kahlen Stirne und die Hacke zitterte in seiner dürren Hand.

In dem Augenblick kam ein Reiter den Rain entlang. Beim Anblicke des Mannes

zügelte er seinen Lauf: Ihr habt wol Eure liebe Noth? fragte er. Der Greis

hielt ein und gab durch eine Geberde zu erkennen, daß ihm die Noth nicht

fehle; dann nahm er die Hacke wieder zur Hand und sprach: Man muß sich in

Geduld schicken, um den Himmel zu verdienen!

Ferne, aber gewaltige Erinnerungen, deren jede einen ganz verschiedenen

Keim in sich birgt. Welcher ist's, der aufsprießen wird?....

* * * * *

Ist die Nacht hinter der kurzen Dämmerung ewig? Dann laßt mich anstoßen

mit euch, fröhliche Kumpane! laßt mich mit euch des Lebens genießen,

Trotz biete ich dir, Freund Hain!... Dann stelle ich all mein Sach' auf das

Leben und auf mein Haupt: Ehre, Tugend, Humanität, Reichthum; denn mein

Gott bin ich, meine Ewigkeit diese wenigen Tage, mein ganzer Antheil an

der Glückseligkeit so viel ich vom Antheil Anderer erhasche, so viel ich

Freuden aus meinem Körper gewinne, so viel ich meine Sinne entzücken

kann! Ehrlich -- wenn ich stark, reich, wohl vom Schicksale bedacht;

achtbar aber auch dann, wenn schwach, ich List gebrauche, wenn ich arm,

stehle; wenn ich enterbt, im Finstern wandle, um mir meinen Antheil vom

Erbe zu verschaffen; denn meine Nacht nahet und ich habe ein gleiches Recht

zum Genuß!

Und will in's Leichentuch uns hüllen

. . . . . . . . . . . . . .

Lustiges Liedlein, wie düster erscheinst du mir! Du gleichst dem

blühenden Hügel, der vermoderte Gebeine bedeckt!

* * * * *

Aber wenn die Nacht hinter dieser kurzen Dämmerung sich lichtet!.... Wenn

sie nur ein dichter Schleier ist, der dem Auge die glänzenden, unendlichen

Himmel verhüllt?...

Dann, Alter, wende ich mich zu dir; deine Lumpen ziehen mich an; ich will

auf deinem Pfade wandeln.

Welcher Frieden für das Herz, welches Licht für den Geist! Eine

gemeinsame Mühseligkeit, ein gemeinsamer Gott, eine gemeinsame Ewigkeit!

Komm, mein Bruder, dein Elend dauert mich; dies Gold wird mich anklagen,

wenn ich dir keine Linderung gewähre. Leiden und Duldung, Reichthum und

Milde sind nicht mehr leere Worte, sondern süße Arzneien und führen zum

Leben!

Das Ueble also ist ein Uebel und daher das Gute zu erwählen und zu

verfolgen. Die Gerechtigkeit ist heilig, die Humanität segensvoll; der

Schwache hat seine Rechte und der Starke beschränkende Pflichten. Mächtig

oder elend, niemand ist enterbt außer durch seine Schuld... Vergnügen,

Lust, Reichthümer, ihr habt eure Gebrechen und eure Pflichten. Armuth,

Schmerzen, Herzeleid, ihr habt eure Tröstungen und eure Berechtigungen....

Tod! ich will dir weder Hohn sprechen noch dich fürchten; einzig und

allein will ich mich bereiten, die glücklichen Reiche zu sehen, deren

Eingang du aufschließest.

Alter Mann! wie weise, reich und tröstlich erscheinst du mir. Du gleichst

in meinen Augen alten Ruinen, die am entlegenen Plätzchen Schätze

verbergen.

* * * * *

So ändern sich die Dinge mit der Anschauungsweise. In diesem Sinne ist der

Augenblick so bedeutsam, wo der Gedanke an den Tod die Seele des Menschen

erfaßt und zwei Wege sich vor ihm öffnen.

Wäre der Mensch ein bloßes Vernunftwesen, so würde man ihn je nach dem

Standpunkte seiner Ansichten durch eine gebieterische, schicksalsschwere

Nothwendigkeit, von Schluß zu Schluß folgend, in dem einen oder dem

andern dieser beiden Wege wandeln sehen. Glücklicherweise kennt und

liebt der Mensch, unabhängig von aller Schulweisheit, die Ordnung, die

Gerechtigkeit, das Gute; wenn er die Tugend gekostet, so zieht sie ihn

an und er hält fest an ihr. Zudem, von Leidenschaften gepeinigt, von

der Nothwendigkeit ganz und gar in Anspruch genommen, hat der armselige

Vernunftmensch, der wankelmüthige Geist, das schwache Geschöpf weder Zeit

noch Kraft, grausam oder erhaben zu sein... Doch man folge der Menge, man

beobachte die Einzelnen, welche sich davon absonderten, um segenbringend

oder verderblich zu wirken, und man wird unter denen, die nach bestimmten

Grundsätzen handeln, auch die Entschlossensten antreffen und sie ohne

Stolz zur Tugend schreiten sehen, und zum Verbrechen ohne Gewissensbisse.

* * * * *

Doch, armes Liedlein! darum hadre ich nicht mit dir; du dachtest an nichts

Uebles. Trinken und Singen ist ein herrlich Ding: die Freude erweitert

das Herz. Unter der Weinlaube beim Klange der Becher ziehe der Ernste, der

Freudenfeind sich zurück, dann erscheinst du, auf den Flügeln der Lust

und Freude heranschwebend.

Ist es deine Schuld, wenn einzelne Verse dem Laubdache entschlüpfen und an

das Ohr eines Knaben schlagen, der mit seinem Oheim den Hügel hinanstieg?

Wir kehrten zurück. Mein Oheim Tom trinkt selber freilich keinen Wein,

aber er sah es gern, wenn andere Leute um eine Flasche herum die Sorgen

und Mühen der Woche vergaßen. Es war seine Gewohnheit nicht, an solchen

Gelagen Theil zu nehmen, allein es machte ihm Vergnügen, ihnen zuzusehen,

die Fröhlichkeit pflanzte sich auf ihn fort und seine Züge belebten

sich mit freundlichem Lächeln. So ging ich auch Sonntag Abends mit ihm

spazieren, nicht etwa an öffentliche Orte oder an einsame Stellen, sondern

zwischen den Weingeländen herum, die vor der Stadt die Familien der

geringen Leute versammelten.

[Illustration]

* * * * *

Noch jetzt gehe ich dahin. Zuweilen bin ich mitten darunter, ich weiß

nicht ob etwa, weil ich selbst ein geringer Mann geblieben bin, oder ob

meine Kunst mich dahin leitete.

Da rede ich von zwei neuen Dingen zu dir, Leser! Das Erstere wird einen

unangenehmen Eindruck auf dich machen, das Letztere überrascht dich, wenn

du aus dem, was du bisher von meiner Geschichte gelesen, nicht errathen

hast, daß Ostade und Teniers mich weit stärker anzogen, als Grotius und

Pufendorf. Doch ich will diese beiden Dinge trennen, um von jedem besonders

zu sprechen.

* * * * *

Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle · 第 7 / 13 段