mich ganz und gar verlor, als das Rollen der Leiter mich aufweckte, und
bald darauf schlief ich ein.
[Illustration]
Mein Schlaf war sehr unruhig. Tausend Bilder ohne Zusammenhang mit dem
Gegenstande meiner Gedanken kreuzten sich, jagten sich vor meinem Blicke;
es war weder Schlummer noch Wachen und noch weniger Ruhe. Endlich folgte
auf diese Aufregung eine Erschöpfung und meine für einige Augenblicke
unterbrochenen Träume kehrten wieder und nahmen eine andere Gestalt an.
Ich träumte, daß ich in einem einsamen Holze ging, leidend aber ruhig,
meine Seele von, ich weiß nicht welchem, mich mit unbekanntem Entzücken
erfüllenden Gefühle durchdrungen. Anfangs war niemand in meiner Nähe und
nichts, was mich an die Wirklichkeit des Lebens hätte erinnern können.
Ich war es wol, aber mit Schönheit, Anmuth und allen Vortheilen
ausgestattet, die ich im wachen Zustande begehrte.
[Illustration]
Ich fühlte mich ermüdet und setzte mich an einem einsamen Plätzchen
nieder. Es kam eine Gestalt auf mich zu, die ich nicht kannte, deren Züge
aber von dem Ausdruck schwermüthiger Güte belebt waren; ganz unmerklich
nahm dieselbe ein mir bekannteres Aussehen an... und endlich war es meine
geliebte Jüdin. Auch sie war ganz so begabt, als ich wünschte, und schien
ein Gefallen daran zu finden, mich zu betrachten, und obgleich sie nichts
sprach, hatte ihr Blick doch eine Sprache, die mich tief im Herzen auf's
angenehmste berührte. Ich sah ihr schönes Haupt sich auf meine Stirn
neigen, ich fühlte ihren süßen Odem und endlich fand ich ihre Hand in
der meinigen. Eine steigende Bewegung durchzuckte mich, mein Traum verlor
mehr und mehr seine Ruhe, die Bilder verschwammen durcheinander und wurden
ungewiß, und von Antlitz zu Antlitz sah ich zuletzt nichts mehr, als das
meines Oheims Tom, der meine Hand gefaßt hatte, um den Puls zu fühlen,
und dessen Antlitz auf das meinige herabgebeugt war und mich durch seine
Brille betrachtete.
* * * * *
Ja! das Angesicht meines Oheims Tom kam mir in diesem Augenblicke sehr
widerwärtig vor! Ich liebe ihn, ich liebe ihn von ganzem Herzen, meinen
Oheim Tom; aber von dem süßesten Gegenstande auf's Gesicht seines Onkels
gerathen, von den reizendsten Träumen des Herzens zur kalten Wirklichkeit!
So viel ist nicht einmal nothwendig, um Leben und Oheim verhaßt zu machen.
Beruhige dich, Julius, sprach er, ich bin deinem Uebel auf der Spur. Und
damit fuhr er fort mich zu beobachten und blätterte dabei in einem alten
Quartanten, wie um dem Ausspruche des Verfassers gemäß das Mittel nach
den Anzeichen einzurichten.
O! ich befinde mich nicht schlecht! Sie täuschen sich, Oheim! Das einzige
Uebel ist nur, daß ich aufgeweckt bin. Ach! ich war so glücklich!
Du befandest dich wohl, du befandest Dich ruhig, glücklich?
Ach! ich befand mich im Himmel, warum haben Sie mich aufgeweckt?
Hier belebte eine sichtbare Freude, von einem Schimmer von Stolz und
gelehrter Genugthuung untermischt, das Antlitz meines Oheims Tom und ich
glaubte ihn sagen zu hören: Schön! das Mittel wirkt.
Was haben Sie denn mit mir angefangen? fragte ich.
Du sollst es erfahren. Sieh, hier habe ich Deinen Fall im Hippokrates,
Seite 64 der haager Ausgabe. Jetzt für den Augenblick bedarf es vor allem
der Ruhe.
Aber, Onkel...
Was?
Ich wußte nicht, wie ich's anfangen sollte, um meinen Oheim darauf
zu bringen, daß er mir von der jungen Jüdin erzähle, ohne ihm meine
Gefühle für dieselbe merken zu lassen. Und doch hätte ich ihn so gern
darauf gebracht.
Nicht wahr, morgen, sagten Sie?... Und ich schwieg.
Morgen?
Sie kommt zu uns.
Wer?
Ich fürchtete schon zu viel gesagt zu haben.
Das Fieber...
Das Fieber?...
* * * * *
[Illustration]
So waren denn meine Fragen und Antworten für ihn im höchsten Grade
unzusammenhängend und ich vernahm, daß er das Wort: Fieberphantasien
flüsterte. Hierauf ging er fort. Gleich darauf rollte die Leiter;
ich zitterte. Aber das war alles, was mir in der Lage, aus welcher
ich gekommen, wieder vortheilhaft sein konnte. Ich machte unglaubliche
Anstrengungen, um meinen Schlummer und den Traum wieder zu gewinnen.
Umsonst. Ich konnte nicht einmal die Wirklichkeit, welche mich früher
befriedigt hatte, wieder erhaschen: der Traum hatte sie verwischt, ohne
daß ich sie wieder herstellen konnte; alles war leer und wüst. Nur erst
als meine Gedanken sich auf den nächsten Morgen richteten, konnte ich das
Bildniß meiner Jüdin, wie sie vor meinen Träumen war, wiederfinden. Ich
stellte mir ihre Ankunft bei meinem Oheim in tausenderlei Weise vor und
bildete die unsinnigsten Pläne, wie ich sie sehen, mit ihr reden, mich mit
ihr bekannt machen könne.
Meinen Oheim entfernen... selber sie empfangen... mit Ihr sprechen... Aber
was sollte ich ihr sagen? Zu wissen, was ich ihr sagen solle, war die erste
Bedingung, um meinen Plan möglich zu machen; ich war darüber in großer
Verlegenheit, denn zum erstenmale sollte ich von Liebe sprechen. Ich hatte
als Vorbilder nichts als ein Paar Romane, welche ich gelesen hatte und in
denen man mir so vortrefflich zu reden schien, daß ich daran verzweifelte,
zu solcher Vollkommenheit zu gelangen.
O! wenn ich ihr nur den Zustand meines Herzens schildern könnte! rief ich
aus. Ich glaube, jedes Mädchen würde die Gefühle, die ich für sie hege,
entgegennehmen. Und ich sprang aus dem Bett, um zu versuchen, was ich ihr
wol zu sagen vermöchte.
* * * * *
[Illustration]
Das Licht wurde angezündet und mir gegenüber stellte ich einen Stuhl, und
wandte mich an denselben. Ich sammelte mich einen Augenblick und hub dann
folgendermaßen an:
Mein Fräulein!
Mein Fräulein? Das Wort gefiel mir nicht; ein andres? Ich konnte keins
finden. Ihr Name? ich kannte ihn nicht. Ich dachte, wenn ich suchte... Ich
suchte viel und lange. Nichts fiel mir ein, als »mein Fräulein.« Also
gleich beim Anfange blieb ich stecken.
Aber ist sie denn ein Fräulein? Ist sie für mich ein Fräulein, wie die
erste beste? Mein Fräulein! Unmöglich! Da müßte ich ja gleich hinterher
den Hut ziehen und sagen: ich habe die Ehre u. s. w. Ich setzte mich
höchst unzufrieden nieder.
Wol zehnmal begann ich, ohne etwas andres zu finden. Endlich beschloß ich
dieser Schwierigkeit zu trotzen und dies Wort auszulassen, ich hob also mit
leidenschaftlichem Tone an:
Sie sehen den vor sich, der nur für Sie leben, nur Sie lieben will.... Und
von dieser Stunde.... schwöre ich Ihnen mit Herz und....
Ach! mein Himmel, das wird ja ein Vers! Ich bemerkte, daß ich auf einen
schlechten Reim losrannte. Voll Verzweiflung setzte ich mich wieder.
[Illustration]
Wie schwer ist es doch, seine Gefühle auszudrücken! dachte ich voll
Bitterkeit. Was wird mir geschehen? Sie wird lachen... oder gar über meine
Tölpelei mitleidig die Achseln zucken und ich bin verloren! Dieser Gedanke
war mir entsetzlich und ich verzichtete bereits auf meinen Plan.
Indeß schwellten tausend Gefühle mein Herz, als suchten sie einen Ausweg,
und ohne daß ich es wollte, kreuzten in meinem Kopfe eine Masse von
Redensarten, Betheuerungen, leidenschaftlichen Anreden, unter deren
erdrückender Last ich erlag.
* * * * *
Um mir Erleichterung zu verschaffen, erhob ich mich und ging im Zimmer
umher. Mir entschlüpften einzelne Worte, abgebrochene Redensarten:
.... Sie wissen nicht, wer ich bin, und doch erhält mich bereits nichts
mehr am Leben als Sie oder Ihr Bild... Weswegen bin ich hier? Ich habe Sie
sehen wollen... Ich habe auf die Gefahr hin, Ihnen zu misfallen, Sie wollen
erkennen lassen, daß es einen Jüngling gibt, dessen einziger Gedanke Sie
sind... Weshalb bin ich hier? Um meine Liebe, mein Geschick, mein Leben zu
Ihren Füßen zu legen. Jüdin? Was thut's! Jüdin, ich werde Sie anbeten;
Jüdin, ich werde Ihnen allenthalben hin folgen! O meine theure Jüdin,
werden Sie irgendwo sonst jemand finden, der Sie liebt, wie ich?... Werden
Sie die Zärtlichkeit, die Ergebenheit, das Glück finden, welches mein
Herz für Sie bewahrt? Ach! könnten Sie nur die Hälfte von dem, was ich
empfinde, theilen, Sie würden den Tag segnen, wo Sie mich zu Ihren Füßen
sahen, und noch heute würden Sie mir die Hoffnung lassen, daß ich nicht
umsonst zu Ihnen geredet habe...
Erleichtert hielt ich ein; ich hatte in diese Worte einen Theil der
Gefühle gehaucht, welche meine Seele durchflutheten, und in dem Feuer,
womit ich meine Rede begleitete, glaubte ich das Mädchen zu sehen, wie sie
erröthete, von Rührung ergriffen wurde, und wie meine Worte ihr zu Herzen
drangen. Ich legte die Hand auf das meinige und fuhr fort: Ach! nein, aus
Mitleid gegen einen Unglücklichen verstoßen Sie mich nicht, Sie würden
mich in einen Abgrund stürzen! für mich ist Leben, wo Sie sind!... Ha!...
Hol ihn der Geier! O mein Onkel! mein Onkel!
* * * * *
Alles war verloren, ohne Rettung verloren und ich war im Begriff, bittere
Thränen zu vergießen. Die Leidenschaft hatte mir in meinen eigenen Augen
höhern Adel verliehen, auf einige Augenblicke war das Mistrauen in mich
selber, jener Widerwille, jene Furcht, welche mir stets die Hoffnung
vergifteten, verschwunden. Ich fühlte mich als ein Ebenbürtiger vor
meiner Gottheit, und indem ich die Worte aussprach, führte ich meine Hand
zum Herzen, welches ich bis auf die Haut brennen fühlte, da... Nein! Ich
hätte keinen größern Ekel empfinden können, wenn ich die Hand auf eine
kalte Natter, auf eine feuchte Kröte gelegt hätte, ein Zugpflaster lag
auf meiner Brust -- ich riß das Scheusal weg und schleuderte es von mir.
[Illustration]
* * * * *
In diesem Augenblicke trat mein Oheim Tom in's Zimmer, ruhig wie eine
Windstille, eine Phiole in der Hand und sein Buch unter dem Arme.
Verwünscht sei Ihr Hippokrates! rief ich ihm heftig entgegen, verwünscht
Ihre alten Scharteken und alle die... Was haben Sie gemacht? Sagen Sie,
Oheim, was haben Sie gemacht?... Zweimal die süßesten Augenblicke meines
Lebens vergiftet und was haben Sie da noch? Wollen Sie mich vergiften?
Ueber diese Anrede hatte sich mein Oheim Tom keineswegs entrüstet,
vielmehr setzte er die Kette seiner Folgerungen da fort, wo er stehen
geblieben war, und in der Meinung bekräftigt, daß der Paroxismus
fortwähre, hatte er die Haltung eines scharfen, aufmerksamen Beobachters
angenommen; ohne sich im geringsten um den Sinn meiner Worte zu kümmern,
forschte er scharfsinnig an meinen Geberden, an der Heftigkeit meiner
Stimme, an dem Feuer meines Blicks nach der Beschaffenheit und dem
Fortgang meines Uebels, und merkte sich genau alle Anzeichen bis auf die
allerkleinsten, um ihnen sogleich zu begegnen.
[Illustration]
Er hat das Zugpflaster abgerissen, sagte er ganz leise. Julius!
Was?
Leg' dich hin, mein Lieber; leg' dich, Julius, thue mir den Gefallen.
Ich überlegte mir die Sache und hielt es für das Gerathenste, mich
hinzulegen, da ich meinen Oheim unmöglich von dem Gedanken abbringen
konnte, ich sei närrisch, vorausgesetzt, daß ich ihm mein Geheimniß
nicht offenbarte, was in diesem Augenblicke alle meine Pläne vernichtet
hätte, ohne daß ihm damit mein gesunder Verstand bewiesen wäre.
Und hier bringe ich ein Tränklein für dich, trink', mein Söhnchen,
trink.
Ich nahm die Phiole und indem ich that, als tränke ich, ließ ich den
Inhalt zwischen Bett und Mauer niederfließen. Mein Oheim umband mir den
Kopf mit einem Tuche, deckte mich bis über die Ohren zu, schloß die
Vorhänge und Fensterläden und zog seine Uhr hervor. Es ist drei Uhr,
sprach er, er muß bis zehn Uhr schlafen, um zehn Uhr weniger zwanzig
Minuten wird es Zeit sein, wieder herabzukommen. Und er verließ mich.
* * * * *
Von Müdigkeit erschöpft, schlief ich einige Augenblicke, allein bald
trieb mich meine Aufregung wieder aus dem Bette und ich beschäftigte
mich mit Vorbereitungen zu meinem Plane. Ich machte eine Puppe, die mir so
ähnlich als möglich sah, band ihr das Tuch meines Onkels um den Kopf
und bedeckte sie über und über. Dann schloß ich die Vorhänge, fest
überzeugt, daß mein Onkel sie auf das Ansehen des Hippokrates hin nicht
vor zehn Uhr öffnen werde, und stellte mich an's Fenster.
[Illustration]
Schon gingen einzelne Milchmädchen vorüber; man machte die Fenster auf
und die Schwalben waren in voller Thätigkeit. Der Anbruch des Lichts,
die Frische des Morgens, der Anblick der gewohnten Gegenstände gaben
mir wieder größere Ruhe und zeigten mir mein Unternehmen in einem weit
ungünstigeren Lichte; ich schwankte fast. Allein als die Eindrücke meines
Traumes mir wieder in's Gedächtniß kamen, da schien es mir, daß auf
diesen Plan verzichten, auf alles unwiderbringlich verzichten hieße, was
es Herrlichstes in der Welt gebe. Und ich fand meinen ganzen Muth wieder.
Indeß verstrich die Zeit. Ich hatte eben meine Uhr angesehen, als die
Stuhlrollen sich hören ließen. Es war neun und drei viertel Uhr. Ich ging
rasch davon und ließ meinen Onkel zu dem Puppenmännchen gehen, indeß ich
mich leise in die öde Bibliothek begab.
* * * * *
Mit großer Behutsamkeit trat ich hinein und eilte zum Fenster. Als ich
so aufrecht hinter den Scheiben stand, die Augen auf die Ecke der Straße
gerichtet, von woher sie kommen mußte, fing ich an vor Erwartung und
Beklommenheit zu zittern. Um das Unglück voll zu machen, bemerkte ich,
daß meine wohlgesetzte Anrede mir aus dem Sinne entschwand und indem
ich die einzelnen Stellen daraus festhalten wollte, verfiel ich in so
sonderbare Aufregung, daß ich vor Bewegung fast erstickte. Ich sah mich
verloren und meine Furcht wurde so heftig, daß ich zu pfeifen anfing, um
mich selbst zu übertäuben. In diesem Augenblick schlug die Uhr zehn; ich
hegte die Hoffnung, daß, wenn es einmal zehn geschlagen habe, sie heute
nicht kommen würde, und zählte die Stundenschläge, deren jeder eine
Ewigkeit auf sich warten ließ. Endlich ertönte der zehnte Schlag und ich
empfand eine große Erleichterung.
Schon fing ich an, mich zu erholen, als ein blaues Gewand sichtbar wurde.
Sie war es!.... Mein Herz pochte, meine Anrede flog davon. Ich hatte keine
andere Empfindung, als den allersehnlichsten Wunsch, sie möchte in irgend
einer andern Absicht ausgegangen sein, und erwartete mit unaussprechlicher
Angst, ob sie vor unserm Hause vorbeigehen oder hineintreten würde. Indem
ich so die leichtesten Schwenkungen ihres Ganges beobachtete, zog ich
daraus allerlei Folgerungen, die mich abwechselnd mit Freude und Furcht
erfüllten, und das Einzige, was mich etwas beruhigte, war, daß sie auf
der andern Seite des Baches ging.
Sie schritt über denselben! Und weil die Fensterscheiben mich hinderten
den Kopf vorzubeugen, so verlor ich sie aus dem Gesichte. Alsbald sah
ich sie auch in meiner Vorstellung in die Bibliothek treten und alle
Geistesgegenwart wich von mir. Ich eilte gegen die Thür, um zu entfliehen;
allein indem ich durch das Vorzimmer kam, mahnte mich der Schall von ihren
Schritten, welche in dem stillen Hofe widerhallten, daß ich ihr hier
begegnen mußte. Ich blieb stehen. Sie war da... Beim Schall der Glocke
wurden meine Augen trübe, ich schwankte, ich setzte mich hin und war fest
entschlossen nicht zu öffnen.
In diesem Augenblicke kam die Katze meines Onkels von einer Dachluke herab
auf die Fensterbank gesprungen. Bei diesem Geräusche durchschauerte mich
kalter Schrecken, als ginge die Thür mit einem Schlage auf. Das Thier
hatte mich erkannt, ich bemerkte mit entsetzlicher Angst, daß es miauen
wollte: es miaute!.... da glaubte ich ganz sicher, daß meine Anwesenheit
verrathen sei, und ich fühlte, wie Röthe mir über's Gesicht flog. Ein
zweiter Glockenzug vollendete meine Vernichtung.
[Illustration]
Ich stand auf, ich setzte mich wieder und stand wieder auf, die Augen
stets auf die Glocke geheftet, welche ich noch einmal anschlagen zu sehen
fürchtete. Ich horchte aufmerksam, in der Hoffnung, daß sie sich wieder
entfernen würde; da traf ein anderes Geräusch mein Ohr: es war der
Schritt meines Oheims Tom, der in mein Zimmer ging. Jetzt überfiel mich
die noch größere Furcht, von ihm mit dem Mädchen zusammen getroffen
zu werden, und in der Verwirrung beschloß ich, lieber der Gefahr
entgegenzugehen, als sie zu erwarten. Ich zog mich also leise wieder
zurück, damit es scheine, als käme ich aus der Bibliothek, hustete,
und ging mit einem Schritte, dem die Furcht Festigkeit verlieh, hin und
öffnete.... Ihre liebliche Gestalt zeichnete sich im Schattenriß auf dem
Halbdunkel der Treppe: Ist Herr Tom zu Hause? fragte sie.
* * * * *
Dies waren die ersten Worte, welche ich von den Lippen der schönen Jüdin
vernahm. Sie hallen noch in meinen Ohren wider, so viel Reiz hatte der
Ton ihrer Stimme für mich. Obgleich die Frage überaus einfach war, so
antwortete ich doch für den Augenblick nicht, jedoch weniger aus Absicht
als aus Verwirrung, und schritt höchst linkisch gegen die Bibliothek zu,
sie folgte mir nach.
[Illustration]
Ohne mich umzusehen, ging ich bis an den Tisch meines Oheims. Ich
wünschte, die Tafel möchte recht weit entfernt sein, so sehr fürchtete
ich den Augenblick, wo ihr Blick dem meinigen begegnete. Endlich sah ich
sie an, sie erkannte mich und erröthete.
Wo war meine Anrede geblieben! Ueber alle Berge. Ich schwieg und war weit
röther als sie; weil wir aber so nicht länger gegenüber bleiben konnten,
hub' ich folgendermaßen an:
Mein Fräulein... Und da blieb ich stecken.
Herr Tom... versetzte sie und suchte ihrer Verlegenheit Herr zu werden: Ich
werde wiederkommen, da er nicht zu Hause ist. Sie verneigte sich leicht,
ging davon und ließ mich in einer so übermäßigen Verwirrung stehen,
daß ich nicht eher daran dachte, sie zu geleiten, bis sie bereits die
Thüre der Bibliothek hinter sich hatte. Jetzt erst eilte ich ihr nach. Sie
war verwirrt, ich auch; und als wir in der Dunkelheit der Hausflur
beide die Thür öffnen wollten, begegneten sich unsere Hände -- ein
Wonneschauer durchzuckte meinen ganzen Körper. Sie ging; ich blieb allein,
allein in der weiten Welt.
* * * * *
Kaum war sie fort, da kam meine Anrede ganz und gar wieder. Ich schalt
mich über mein linkisches Wesen, meine Dummheit, meine Verlegenheit. Denn
damals wußte ich noch nicht, daß diese Verlegenheit, diese Unbeholfenheit
gleichfalls ihre Sprache habe, die bei vielen Frauen sehr großen Eindruck
macht und weit schwieriger nachzuahmen ist, als jede andere. Indeß
erinnerte ich mich bald an den Ausdruck ihrer Mienen, ihre Verwirrung,
ihren Blick, und wurde dadurch weit zufriedener gestellt. Ich eilte wieder
an das Fenster, um sie gehen zu sehen, da hörte ich die Thüre hinter
mir sich öffnen. Kaum hatte ich Zeit, um auf das Bett meines Oheims zu
springen, wo ich mich hinter den alten grünen Vorhängen, die jegliches
Licht von demselben abhielten, verbarg.
[Illustration]
Aber, mein liebes Kind, was Sie mir sagten...
Ein junger Mensch, ich versichere Sie, Herr Tom.
Ein junger Mensch! der Unverschämte! Und wie benahm er sich?
Er benahm sich gut. Er sah gar nicht unverschämt aus, Herr Tom.
Das bleibt sich gleich... denn sehen Sie, so sich hier als Herr zu
benehmen...
Vielleicht ein Bekannter von Ihnen...
Ich oder mein Neffe; sonst niemand.
Ich glaube... der war's, sagte sie mit leiserer Stimme und
niedergeschlagenen Augen.
Er! Eben diesen Augenblick habe ich ihn verlassen! in dem Zimmer hier
unten!... Und, sagen Sie mir, kennen Sie denn auch meinen Neffen?
Hier trat eine Pause ein, eine ewig lange Pause.
Sie erröthen, hübsches Kind!... Nun, verlassen Sie sich darauf, es gibt
deren genug, die nicht so brav... auch nicht so liebenswürdig... Doch
sagen Sie, woher kennen Sie ihn?
Mein Herr... Sie sagten, daß er unter Ihrem Zimmer wohne. Hier habe
ich zuweilen am Fenster... denselben jungen Mann gesehen, der mich hier
empfing.
Unmöglich, sage ich Ihnen. 's ist allerdings mein Neffe, den Sie am
Fenster gesehen haben, denn da verbringt er den ganzen lieben Tag; doch
daß er hier gewesen sei, nein, daran ist er ganz unschuldig, der arme
Julius. Ich will Ihnen auch sagen warum. Gestern Abend gegen neun Uhr war
der Wildfang auf ein hohes Gerüst geklettert, ohne daß ich begreifen
kann weshalb, es müßte denn sein, daß es wegen einer Narrethei im
Hospitalsaale gegenüber gewesen. (Hier wurde die Verwirrung des Mädchens
immer größer, sie wendete das Antlitz seitwärts zu mir her, um ihr
Erröthen vor dem Oheim zu verbergen.) Und auf einmal krack!... ein
gewaltiges Gepolter, ich laufe hinzu und finde ihn an der Erde liegen; es
war so arg, daß ich ihn zu Bett brachte, wo er sich noch befindet... Doch
ja, sehen Sie, was ich glaube. Einem jungen Mädchen von Ihrem Aeußern
wird schon immer von jungen Leuten nachgegangen. Ein solcher nun, so ein
Verwegener... verstehen Sie?... ist Ihnen voraufgegangen. Nun, nicht so
schamhaft, mein Kind, nicht so schamhaft; es ist keine Sünde, wenn man
hübsch ist... Lassen wir's aber, wenn es Sie in Verlegenheit setzt, ein
ander Mal schließe ich meine Thüre besser. Sprechen wir von anderen
Dingen. Sie bringen mir mein Buch zurück? Hm! was sagen Sie zu dem Text?
Halt einmal, legen Sie das Buch da hin und warten Sie einen Augenblick.
Ich will... Warten Sie ein wenig. Und er ging in ein Seitengemach, das zur
Bibliothek führte. Ich zitterte, denn dies für gewöhnlich verschlossene
Gemach war durch eine geheime Treppe mit meinem Zimmer verbunden.
* * * * *
Ich blieb allein mit ihr. Ich war der einzige Zeuge neben ihr für einige
Augenblicke: das schien mir eine unschätzbare Gunst, gleich als ob Sie
mir ihr Herz erschlossen hätte. In ihren Zügen, in ihrer Haltung, den
geringsten Bewegungen glaubte ich ähnliche Dinge zu lesen, wie sie
vor einem Augenblicke in mir vorgingen. Geheimnißsüße Augenblicke!
Augenblicke wonniger Stille, wo mein Herz in der Wirklichkeit einige Bilder
meines Traumes fand!
Zum ersten Male sah ich sie so nahe und konnte mich an dem Zauber weiden,
den ich in ihr entdeckte. Daß ich es nicht in diese Zeilen hauchen, es
nicht malen kann, wie sie mir erschien! Und die Bibliothek meines Oheims
schien ein Wunderrahmen zu sein, der ihre glänzende Schönheit noch
erhöhte. Die ehrwürdigen Bücher, die Reihenfolge der Alter
vertretend, auf den staubigen Gestellen, der alterthümliche Duft, das
studirzimmerliche Schweigen und mitten darin diese junge Blume voll Frische
und Leben... das sind Dinge, die sich nicht in Worte fassen lassen.
So lange hatte sie aufrecht gestanden und ging jetzt, sich neben dem
Fenster auf den Lehnsessel meines Oheims niederzusetzen. Sie stützte die
Wange auf die schöne Hand und sendete den Blick nachdenklich-schwermüthig
gen Himmel; ein Lächeln flog leicht wie der Odem über ihre Lippen. Dann
streiften ihre Blicke nachlässig über den dicken Folianten, von dem
mein Oheim aufgestanden war. Nach und nach blieben sie darauf haften, ihr
bescheidenes Antlitz überzog lebhafte Röthe und eine steigende Theilnahme
malte sich darauf. Ich hab' es! rief in diesem Augenblicke mein Oheim Tom;
sie erhob sich, ohne jedoch die Augen von dem Folianten abzuwenden, bis
mein Onkel in die Bibliothek getreten war.
[Illustration]
Da ist es! Das hat Mühe gekostet. Ich schenke es Ihnen wegen Ihrer Liebe
zu dem Hebräischen, ich behalte das andere, das für mich größern Werth
hat, weil ich sehr auf den Text halte. Dieses mit dem Saffianbande paßt
besser für Ihre zarten Finger; nehmen Sie es und erinnern Sie sich dabei
an den Doktor Tom.
Sie sind zu gütig, mein Herr. Ich nehme Ihr schönes Buch an und werde
immer Ihrer gedenken, obschon ich nicht hoffen darf, daß ich Sie wieder
besuchen werde.
Ja, sagte mein Onkel lächelnd, aus Furcht vor dem bösen Neffen. Gut, daß
ich darauf komme, ich hätte den meinigen fast vergessen... Leben Sie wohl,
auf Wiedersehen.
Er gab ihr das Geleit. Bereits war der Foliant, welcher ihre Blicke
gefesselt hatte, in meinem Besitz; allein ich zitterte, mein Oheim möchte
mir nicht Zeit genug gönnen zu entschlüpfen, glücklicherweise hatte er
die Thüre des Seitengemachs offen gelassen; ich stürzte hier hinein. Im
Nu war mein Buch in Sicherheit; die Kleiderpuppe unter dem Bett und ich
auf demselben, wo ich meinen guten Oheim Tom erwartete, der gleich darauf
eintrat.
* * * * *
O! o! Schon auf? fragte er. Und wann aufgewacht?