Saal des Hospitals. Von dem Platze, wo ich arbeite, kann ich die dunkle
Decke sehen; zuweilen steckt der widerwärtige Krankenwärter die Nase
gegen die Fensterscheiben und schauet in die Straße. Wenn ich auf den
Tisch steige, überblicken meine Augen den jammervollen Aufenthalt, wo
Schmerzen, Sterberingen und Tod ihre Opfer auf zwei langen Reihen von
Betten ausgestreckt haben. Ein grauenvoller Anblick, zu dem mich nichts
desto weniger eine düstere Theilnahme hinzieht, wo bei dem Anblicke eines
sterbenden Unglücklichen meine Einbildungskraft zu Häupten seines Lagers
schweift, und bald sich zu dem erlöschenden Leben wendend, bald zu der
sich öffnenden Zukunft zurückkehrend, sich in dem schwermuthsvollen Reize
ergeht, der stets an dem Geheimnisse haftet, womit das menschliche Geschick
umhüllt ist.
* * * * *
Links unten in der Straße ist die Kirche, einsam die Woche über, Sonntags
angefüllt und von frommen Gesängen ertönend. Auch hier beobachte ich,
was hineingeht, was herauskommt, ich fasse meine Muthmaßungen, jedoch mit
minderer Sicherheit. Es ist ja kein Thürsteher da. Und gäbe es einen, so
wäre mir damit schwerlich weiter geholfen, denn es ist ein Charakterzug
des Thürstehers, sich an's Kleid zu halten; darüber hinaus ist er blind,
stumm, taub und seine Mienen spiegeln nichts wider. Ich aber möchte die
Seele derer kennen lernen, die die Kirche besuchen. Leider sitzt die
Seele unter dem Kleide, unter dem Brusttuche, unter dem Hemde, unter dem
Fleische, und oft auch ist sie nicht da, sondern schweift umher während
der Predigt. Ich tappe alsdann umher, muthmaße, setze voraus und befinde
mich dabei auch nicht übel; denn gerade das Schwankende, Unbestimmte,
Zweifelhafte ist eben die Nahrung und der Zauber des Umhergaffens.
[Illustration]
Rechts ist ein Brunnen, um dessen blaue Fluth Mägde, Burschen, Knechte und
Frau Basen Hof halten. Beim Geplätscher des sich füllenden Eimers
sagt man sich Süßigkeiten, man erzählt sich das harte Benehmen
der Herrschaft, die Unannehmlichkeiten des Dienstes, die geheimen
Hausgeschichten. Dies ist meine Zeitung, die um so unterhaltender ist, als
ich nicht alles vernehmen kann und oftmals rathen muß.
Oben zwischen den Dächern hin erblicke ich den Himmel, der bald hoch und
blau ist, bald grau und von fliegenden Wolken bezogen; zuweilen zieht dann
ein langer Vögelzug hin, der zu fernen Gestaden über unsere Städte und
Felder wegwandert. Durch den Himmel stehe ich mit der Außenwelt, mit dem
Raume und der Unendlichkeit in Verbindung: eine gewaltige Tiefe, wo hinein
ich mich, das Kinn auf die Hand gestützt, mit Blick und Gedanken stürze.
* * * * *
Bin ich müde höher zu fliegen, so steige ich zu den Dächern zurück. Da
sind die Katzen, die mager und lechzend in der Liebeszeit miauen oder fett
und träge in der Augustsonne sich dehnen. Unter dem Dache die Schwalben
mit ihren Jungen, die mit dem Frühlinge wiederkommen und mit dem Herbste
weiterziehen, immer im Fluge Nahrung suchend und sie der schreienden Brut
zutragend. Sie sind über meinen Anblick nicht mehr erschreckt, als über
das Gefäß mit Kapuzinernelken im Fenster unter mir.
[Illustration]
Endlich die Straße, dieses immer wechselnde, immer neue Schauspiel:
hübsche Milchmädchen, ehrsame Rathsherren, muthwillige Schüler;
Hunde, die murren oder närrisch spielen; Zugochsen, die Heu kauen und
wiederkauen, indeß ihr Herr eins trinken gegangen. Und meint ihr etwa,
daß ich meine Zeit unnütz verliere, wenn's regnet? Behüte, da gibt's
erst recht zu thun. Tausend kleine Ströme einen sich zu einem starken
Bache, der wächst, schwillt an, rauscht dahin und reißt in seinem Laufe
allerlei Gegenstände fort, die ich alle einzeln in ihren Sprüngen mit
wundersamer Aufmerksamkeit begleite. Oder irgend ein alter zerbrochener
Topf sammelt all diese Flüchtlinge hinter seinem weiten Bauche und
unternimmt's, der Wuth des Stromes zu widerstehen: Kiesel, Knochen, Späne
füllen seinen Raum an und dehnen sich seitwärts aus, es bildet sich
ein Meer und der Kampf beginnt. Da wird die Geschichte im höchsten Grade
romantisch, ich nehme Partei und fast allemal für den zerbrochenen Topf.
Ich spähe weithin, ob ihm Verstärkung kommt, ich zittere für seinen
rechten Flügel, der nachgibt, ich fürchte für den linken Flügel, durch
den schon eine Lücke gebrochen ist... aber der wackere Veteran hält im
Kreise seiner Kerntruppen Stand, obschon die Fluth ihm fast über den
Kopf schlägt. Doch wer vermag wider den Himmel zu streiten! Der Regen
verdoppelt seine Wuth und der Dammbruch.... ein Dammbruch! welche
Augenblicke gehen einem Dammbruch voraus! Das ist in Betreff der
unschuldigen Vergnügen das ausgezeichnetste, wie ich's kenne. Blos wenn
Damen den Bach überschreiten und ihr feines Füßchen zeigen, da lasse ich
den Dammbruch und folge den weißen Strümpfen bis zur Straßenecke mit den
Augen. Und das ist nur der kleinste Theil der Wunder, die man von meinem
Fenster aus sieht.
Ja, ich finde den Tag manchmal zu kurz, und gar viele Dinge gehen verloren,
weil mir's an Zeit gebricht.
* * * * *
[Illustration]
Oberhalb meines Zimmers ist das meines Onkels Tom; er sitzt auf seinem
Sessel mit Rollen, den Rücken vorwärts gebeugt, und so lange ein
Sonnenstrahl seine Silberlocken erhellt, liest er, merkt an, trägt
zusammen, ordnet und einverleibt seinem Gehirn die Quintessenz von einigen
Tausend Bänden, welche rings in seinem Zimmer herum die Wände bekleiden.
Gerade das Gegentheil von seinem Neffen, weiß mein Onkel Tom alles, was
man aus Büchern lernt, und nichts von dem, was man auf der Straße lernt.
D'rum glaubt er an seine Wissenschaft mehr als an die wirklichen Dinge
selber. Man könnte ihn als Zweifler an seiner eignen Existenz
finden, dagegen als Buchstabengläubigen in Betreff so eines dunkeln
philosophischen Systems. Sonst ist er gut und unschuldig wie ein Kind,
dafür, daß er nimmer mit Leuten gelebt hat.
Drei verschiedene Geräusche zeigen mir fast alles an, was mein Oheim Tom
vornimmt: wenn er aufsteht, schreiet die Rolle des Lehnstuhls; wenn er
ein Buch nehmen will, rollt die Leiter; hat er sich an einer Prise Tabak
erfrischt, so klopft die Dose auf dem Tisch.
Diese drei Geräusche folgen gemeinlich hintereinander und ich bin so daran
gewöhnt, daß sie mich in meinen Beschäftigungen wenig stören; aber
eines Tages...
* * * * *
[Illustration]
Eines Tages kreischt die Rolle, die Leiter rollt nicht, ich warte auf
die Dose... auch nichts. Ich wache aus meiner Träumerei auf, gleich dem
Müller aus dem Schlafe, wenn das Mühlrad stillsteht. Ich horche; mein
Onkel Tom plaudert, mein Onkel Tom lacht... eine andre Stimme... Also doch
richtig! sagte ich in großer Aufregung zu mir.
* * * * *
Man muß nämlich wissen, daß ich in meinen Arbeiten am Fenster durchaus
nicht bei den Allgemeinheiten stehen geblieben war. Ich hatte mich seit
einigen Tagen ganz besonders mit einem Gegenstande beschäftigt, der meine
Theilnahme, die ich den übrigen zollte, bedeutend verringerte. Eine
Folge dieser Veränderung in der Richtung meiner Arbeiten waren bestimmte
Symptome.
Morgens erwarte ich. Um zwei Uhr fängt mein Herz an zu pochen; wenn sie
vorüber ist, so ist mein Tagewerk zu Ende.
Früher war es mir nie in den Sinn gekommen, daß ich allein war; denn
waren wir nicht, mein Oheim und ich und der Bach und die Schwalben und die
ganze Welt; jetzt aber fühle ich mich allein, ganz allein, außer gegen
drei Uhr, wo alles um mich herum und in mir auf's neue Leben gewinnt.
Ich habe schon gesagt, wie früher meine Stunden so leicht dahinflossen,
heute weiß ich nicht, was ich anfangen soll, ich kann weder arbeiten noch
müßig sein, noch auf die Straße schauen, und das ist sehr bedeutsam.
Dies geht so weit, daß eines Tages eine große Feder zwei Spannen weit
von meiner Nase sich drehete, ohne daß mir nur der Gedanke kam, danach zu
blasen. Und solcher Fälle könnte ich hundert anführen.
Statt dessen träume ich jetzt mit wachen Augen. Ich denke, daß sie mich
kennt, daß sie mir zulächelt, daß ich ihr gefalle, oder ich suche wol
Mittel und Wege ihr etwas zu gelten, ich begegne ihr unterwegs, ich reise
mit ihr, ich beschütze sie, ich vertheidige sie, ich rette sie in meine
Arme und es betrübt mich ungemein tief, daß ich nicht mit ihr zusammen
in einem finstern Walde bin, wo wir von schrecklichen Räubern angefallen
werden, die ich in die Flucht schlage und wo ich bei ihrer Vertheidigung
verwundet werde.
[Illustration]
* * * * *
Doch ich muß wol auch sagen, wer denn dieser Gegenstand war. Ich weiß
nicht, wie ich es anfangen soll, denn die Worte sind gar ungeschickt, das
Bild zu malen, unter dem uns das erste Mädchen erschien, welches unser
Herz pochen machte. Das sind frische, lebendige Empfindungen, die einer
ganz jugendlichen Sprache bedürfen.
Ich sage also nur, daß sie alle Tage gegen drei Uhr aus einem Nachbarhause
kam, die Straße hinabging und unter meinem Fenster vorüberkam.
Ihr Kleid war blau und so einfach, daß schwerlich jemand es unter den
vielen andern blauen Kleidern, die vorübergingen, herauserkannt hätte,
und ich selber auch nicht, aber ich fand darin eine ganz eigene Anmuth,
womit es die jugendliche Gestalt umfloß. Und diese jugendliche Gestalt
schien mir ihren Reiz von dem sittsamen Wesen des liebenswürdigen
Mädchens, dessen Anblick so süß war, zu empfangen, und ich konnte von
dem Kleide unmöglich glauben, daß irgend ein andres, auf hundert Meilen
in der Runde, von den ersten Künstlerinnen gemacht, mir besser gefallen
hätte.
Sobald also dieses Kleid in meinen Gesichtskreis kam, schien mir alles
ringsum ein freundliches, festliches Ansehen zu bekommen, und war dasselbe
verschwunden, so bedurfte es für meine seligen Träume noch eines blauen
Kleides.
* * * * *
[Illustration]
Diesen Tag nun sah ich sie wie gewöhnlich erscheinen und bis unter mein
Fenster kommen; meine Augen schickten sich an, ihr bis zur Straßenecke zu
folgen und meine Gedanken noch viel weiter: da bog sie ein und trat gerade
unter mir in die Hausthür. Ich wurde verwirrt und flog mit dem Kopfe
zurück, als träte sie augenblicks in mein Zimmer.
Danach fing ich an zu bedenken, daß sie nach der andern Straße durchs
Haus gegangen sei, als sich in der Bibliothek meines Oheims Tom jene
bemeldeten ungewöhnlichen Dinge zutrugen, die mich so sehr bewegten.
Wie! sie redet mit meinem Oheim!... Und ich strengte mein Gehör auf's
unglaublichste an, einige Worte zu erhaschen, da kam ein unvorhergesehenes
Ereigniß dazwischen und stürzte die Welt zusammen, die sich um mich zu
gestalten begann.
* * * * *
Dieses so wichtige Ereigniß war in der That von höchst geringer
Bedeutung: die Leiter rollte und ich hörte meinen Oheim unter
fortwährendem Geplauder die Stufen hinansteigen; ich glaubte sogar aus
seinem Munde das Wort: Hebräisch, zu vernehmen. Aus diesem allen ging
klar hervor, daß mein Oheim Tom es in diesem Augenblicke mit irgend
einem gelehrten Hebräer zu thun habe, der mit ihm über irgend eine
nichtssagende Gelehrsamkeit verhandelte. Denn wer konnte sich einbilden,
daß ihr junger Kopf sich mit wissenschaftlichen Dummheiten befasse, oder
daß ihre schöne Hand in einem staubigen Folianten blättern wolle; kein
Gedanke daran.
[Illustration]
Ich begab mich maschinenmäßig, mit sehr getäuschter Hoffnung, wieder
an's Fenster, wie man wol thut, wenn man einen Gedanken hat, der einen
sich selber entfremdet. Indeß philosophirten gegenüber im wärmsten
Sonnenschein zwei Esel, die zusammen angebunden waren. Nach einer kleinen
Weile hoher Bedeutsamkeit stellte der eine Betrachtungen an, was ich aus
einem unmerklichen Zucken seines linken Ohrs erkannte, dann streckte er den
Kopf vor und zeigte lüstern sein altes Gebiß dem andern. Dieser verstand
das Zeichen und hub alsbald eben so an und beide machten sich an's Werk und
kratzten sich den Hals mit einer solchen gegenseitigen Dienstwilligkeit,
mit einer so wollüstigen Nachlässigkeit, einer so süßen Trägheit, daß
ich nicht umhin konnte, mich im Geiste als Dritten zu ihnen zu versetzen.
Dies war zum ersten Male seit meiner Fensterträumerei der Fall. Es liegt
in der Einfalt gewisser Schauspiele ein unwiderstehlicher Reiz, welcher die
Seele sich selber entfremdet und sie ihren süßesten Empfindungen ungetreu
macht; daher belustigte ich mich wahrlich daran, als ein blaues Gewand aus
der Thür kam. Sie war es. Ha! rief ich, ohne es zu wissen.
Da das Mädchen etwas vernahm, so bog sie den Kopf ein wenig in die Höhe,
so daß unter ihrem Hute hervor ihr schöner Blick mich traf, der mich
mit Scham, Verwirrung und einem blitzschnellen Entzücken erfüllte. Sie
erröthete und setzte ihren Weg fort.
Es ist ein eigener Zauber, daß man in diesem Alter beim Hauch des Windes,
beim Rascheln eines Strohhalms erröthet: aber meinetwegen erröthen, das
schien mir denn doch eine unbeschreibliche Gunst, ein Umstand, der meine
Lage wesentlich veränderte, denn es war das erste Mal, daß etwas zwischen
ihr und mir vorging.
* * * * *
[Illustration]
Meine Freude verminderte sich übrigens sehr schnell, denn ich kam
augenblicklich zu mir selber zurück; sie hatte mich »Ha!« mit
aufgesperrtem Munde, mit verwirrtem Auge und mit der Miene eines
Verblüfften, der seinen Hut in den Strom fallen sieht, ausrufen sehen. Der
Gedanke des ersten Eindrucks, den ich damit auf sie gemacht haben mußte,
war mir unbeschreiblich bitter.
Doch man rathe, was sie unter dem Arme trug? Einen Octavband in Pergament,
mit silbernem Schloß versehen, eine jämmerliche Scharteke, die ich
hundertmal im Zimmer meines Onkels hatte umherliegen sehen und die mir
jetzt, so sanft unter ihrem Arm an die Seite gedrückt, das Buch der
Bücher schien... Ich begriff zum ersten Male, daß so ein alter Schinken
noch zu etwas gut sein kann. Wie weise war doch mein Oheim Tom, daß er
sein ganzes Leben lang dergleichen Zeug gesammelt hatte! Ich, wie arm war
ich, daß ich nicht der Besitzer dieses glücklichen Buchs gewesen war,
dessen Titel ich nicht einmal kannte.
* * * * *
[Illustration]
Sie ging quer über die Straße und begab sich geradeswegs zum
Hospitalthore, wo sie einige Worte zu dem Pförtner sagte, der sie zu
kennen schien und ihr genau so viel von seiner Gewogenheit zukommen
ließ, daß sie hineinzugehen wagte. Obschon ich über dies rauhe Benehmen
entrüstet war, so fühlte ich doch ein unbeschreibliches Vergnügen bei
dem Gedanken, daß das Mädchen meiner Träume nicht allzu reichen oder
hohen Standes war und ich mich nicht vor mir selber über die Wünsche, die
in meinem Herzen zu keimen begannen, zu schämen brauchte.
Ich empfand ein großes Vergnügen, daß ich sie so nahe bei mir wußte,
denn ich hatte schon gefürchtet, daß ich sie bis morgen verlieren würde.
Ich brannte vor Begierde zu erfahren, was sie zu meinem Oheim geführt
hatte und was sie in's Hospital führen mochte. Für den Augenblick aber
fesselte mich das Verlangen, sie wieder herauskommen zu sehen; und ich
legte mich in's Fenster und wartete, bis die Nacht gekommen war, da verlor
ich die Hoffnung, sie heute noch zu sehen, und stieg eilig zu meinem Oheim
Tom hinauf.
* * * * *
Er hatte bereits seine Lampe angezündet und ich fand ihn, wie er mit der
größten Aufmerksamkeit eine Phiole mit bläulicher Flüssigkeit gegen
das Licht beschauete. Guten Abend, Julius, sagte er, ohne sich stören zu
lassen, setz dich, ich bin im Augenblicke fertig.
Ich setzte mich, voller Ungeduld, meinen Oheim zu fragen, und betrachtete
die Bibliothek, die mir ein ganz andres Ansehen bekommen hatte. Mit
höchster Achtung schaute ich auf die ehrwürdigen Bücher, die Geschwister
jenes, welches ich unter ihrem Arme gesehen hatte, und die Gegenstände,
die ich sah, die Luft, die ich athmete, erschienen mir anders, als ob
der Besuch des Mädchens an diesem Orte Spuren ihrer Anwesenheit
zurückgelassen hätte.
So! sagte mein Oheim; nun, Julius, du weißt nicht...
Nein, Oheim!...
Dank einem Mädchen, das hierher kam... Bei diesen Worten ging er zu seinem
Tische, indeß ich mein Herz vor Erwartung klopfen hörte; jetzt kam er
zurück:
Rathe... sagte er, als wolle er sich an meiner Ueberraschung weiden.
Ich war unfähig irgend etwas zu rathen.
Sie hat mit Ihnen von mir gesprochen? sagte ich mit steigenden: Spannung.
Viel Besseres, versetzte der Oheim mit schlauer Miene.
Sagen Sie, o sagen Sie, Oheim, ich bitte.
Da, schau, meinen Burlamaqui habe ich wiedergefunden!
[Illustration]
Ich fiel vom Himmel auf die Erde und sprach im Herzen Verwünschungen
gegen Burlamaqui aus, den ich's aus Ehrfurcht statt meines Onkels entgelten
ließ.
Ich suchte ein Buch für sie, fuhr mein Oheim Tom fort, und da habe ich Dir
dies wieder gefunden, das ich schon verloren gegeben.
Ein liebenswürdiges Kind, fuhr er fort, und ist meiner Treu mehr werth als
ein Dutzend von Deinen Professoren.
Der Meinung war ich denn allerdings auch und diese Aeußerung meines Oheims
Tom söhnte mich wieder etwas mit ihm aus.
Sie liest Hebräisch wie ein Engel!
Jetzt war es wieder mit mir vorbei! Sie liest Hebräisch? Aber, Onkel...
Dieser Gedanke war mir unerträglich.
Es hat mir ein ausgezeichnetes Vergnügen gemacht, sie den Psalm 48 in der
Ausgabe von Buxtorf lesen zu lassen; ich hab' ihr auseinandergesetzt,
indem ich die Varianten mit der Ausgabe von Crösius verglich, wie sehr der
Buxtorf'sche Text vorzuziehen ist.
Das haben Sie ihr in der That gesagt? ihr?
Nun, das ist doch natürlich, denn ich sprach ja mit ihr.
Sie war hier, vor Ihnen, und Sie konnten ihr so etwas sagen!
Ei ja doch; übrigens konnte ich das, was ich ihr sagte, schwerlich einer
Andern, als einer Jüdin sagen.
Sie ist eine Jüdin!
* * * * *
Ist es Anderen auch so gegangen, wie mir? Jüdin! schön und Jüdin! Ich
fand sie darum gleich zehnmal schöner und liebte sie darum zehnmal mehr.
Es ist wol nicht ganz christlich, indeß muß ich versichern, daß es
dennoch so war und daß der Reiz, den ich bereits an ihr gefunden, frischer
wurde, lebendiger, als wären dieselben Gegenstände, welche ich an ihr
geliebt hatte, auf einmal ganz anders und neu geworden.
Ich weiß ferner, daß ich in diesem Punkte gar übel dachte und daß der
schwächste Logiker mich fader Thorheit hätte zeihen können, wie viel
mehr mein Oheim Tom; d'rum sagte ich ihm nichts davon, denn ich hatte ein
größeres Vertrauen zu meinem Irrthum als zu seiner Logik.
Indeß war der Eindruck, so wie ich ihn beschrieben. Uebrigens... liebt
man seine Schwester mit Liebe? Nein. Seine Landsmännin? Weit eher. Eine
Fremde? Noch viel mehr. Und nun erst eine schöne Jüdin! Und vielleicht
ist sie eine Verlassene, in den Augen der Welt übel angesehen: das war in
meinen Augen ein Vorzug, als ob sie mir dadurch näher gebracht würde.
* * * * *
Sie will also Hebräisch treiben? fragte ich meinen Oheim Tom.
Nein, obgleich ich mein Möglichstes that, sie dazu zu bewegen. Es
ist wegen eines armen Greises, der im Sterben liegt, sie wollte eine
hebräische Bibel von mir leihen, um ihm einige erbauliche Sachen vorlesen
zu können.
[Illustration]
Sie kommt also nicht wieder?
Morgen um zehn Uhr wird sie mir das Buch zurückbringen.
Und mein Oheim hub auf's neue an, seine Phiole zu untersuchen, indeß ich
immer mehr in Gedanken versank. Morgen, hier in diesem Zimmer! sagte ich
zu mir; so nahe bei mir, und ich bin ihr nichts! nicht einmal so viel, als
mein Oheim Tom und seine Phiole. Traurig stieg ich in mein Zimmer hinab.
* * * * *
Ich war sehr überrascht, als ich mein Zimmer von einem matten Scheine
erhellt fand. Ich bemerkte, daß es der Schimmer eines Lichtes war, welches
gegenüber in dem Saale des Hospitals, der gewöhnlich zu dieser Stunde
finster war, brannte, und stieg auf einen Stuhl, von dem ich zuerst einen
Schatten, der gegen die Rückwand des Zimmers fiel, entdeckte. Meine
Neugierde wurde dadurch lebhaft angeregt, ich erhob mich zwischen Stuhl
und Fenster, und konnte nun tief genug sehen, um an derselben Wand einen
Frauenhut zu erblicken. Sie ist's! rief ich aus, den Stuhl auf den Tisch
setzend, Grotius und Pufendorf unter den Stuhl und mich oben darauf, das
war das Werk eines Augenblicks. Ich hielt den Athem an, um das Schauspiel,
welches sich meinen Blicken darbot, besser zu genießen.
[Illustration]
Zu Häupten eines bleichen, leidenden Greises sah ich sie fromm und
andächtig sitzen, von allem Glanze verschönt, den ihre Jugend und Frische
in dieser Umgebung von Krankheit und Alter erhielt; ihre schönen Wimpern
neigten sich gegen das Buch meines Oheims, aus dem sie Worte des Trostes
las. Zuweilen hielt sie ein, um dem Kranken Ruhe zu gönnen, dann rückte
sie ihm die Kissen zurecht oder faßte theilnehmend seine Hand und sah ihn
mit einem Mitleid an, welches mir himmlisch schien.
Glücklicher Sterbende! sagte ich, wie süß müssen ihm ihre Worte sein,
wie beseligend ihre Sorgfalt!... O! könnte ich meine Jugend und Gesundheit
gegen Dein Alter und Deine Gebrechen eintauschen!...
Ich weiß nicht, ob ich diese Betrachtungen mit lauter Stimme anstellte,
oder ob es blos Zufall war -- in diesem Augenblicke hielt das Mädchen ein,
erhob das Haupt und blickte starr zu mir herüber. Ich wurde verwirrt, als
hätte sie mich in der Dunkelheit, worin ich mich befand, sehen können,
ich machte eine Bewegung nach rückwärts, ich fiel und mit mir stürzten
Stuhl, Tisch, Grotius und Pufendorf.
* * * * *
Der Lärm war groß, einen Augenblick war ich betäubt von dem Falle. Eben
als ich mich erhob, erschien mein Oheim Tom mit einem Lichte in der Hand.
[Illustration]
Was gibt's, Julius? fragte er mich erschreckt.
Nichts, Onkel... ich... da oben an der Decke... (Mein Oheim kehrte den
Blick nach der Decke.) Ich wollte aufhängen... (Der Onkel kehrte die Augen
ringsumher, um zu sehen, was es denn aufzuhängen gäbe)... und da, als
ich... da bin ich gefallen... und da... bin ich hingefallen...
Erhole dich, erhole dich, mein Sohn, sagte der Oheim Tom mit gütigem Tone.
Der Fall hat wahrscheinlich deine Gehirnnerven angegriffen, darum ist deine
Rede so unzusammenhängend. Er hieß mich sitzen, beeilte sich daneben die
beiden Folianten aufzuheben, deren eingedrückte Ecken ihn ohne Zweifel
weit mehr ergriffen, als die Unterredung mit der schönen Jüdin. Er legte
sie behutsam wieder auf den Tisch und kam dann zu mir zurück: Und du
wolltest etwas aufhängen? sprach er und faßte meine Hand in der Weise,
daß er seinen Finger verstohlen auf meinen Puls bringen konnte.
Die Frage kam mir sehr ungelegen, denn in Wahrheit gab es in dem ganzen
Zimmer auch nicht eine Spur von etwas, was aufzuhängen gewesen wäre. Da
ich nun außerdem die nachsichtige Milde meines guten Oheims kannte, so
wollte ich ihm alles erzählen bis auf diesen Augenblick, aber ich ließ es
sein.
Ich ließ es sein; denn für das, was in meinem Herzen lebte, war Nachsicht
schon nicht mehr ausreichend. Ich hätte Theilnahme verlangt und mein
Oheim hätte mir keine gewähren können, als für seine abstrakten,
wissenschaftlichen Ideen; dies erzeugte ein Widerstreben in mir, ihm mein
Herz zu öffnen, ich fürchtete ein Gefühl zu entheiligen, das ich so sehr
nach meiner Weise mir zu erhalten strebte.
Ja, ich wollte aufhängen... Ach! mein Gott! schon!
Was gibt's?
Ach! Oheim, es ist vorbei!
Was?
* * * * *
In diesem Augenblicke erlosch das Licht in dem Zimmer des Sterbenden und
mit ihm meine ganze Hoffnung.
Meinem Oheim dagegen erschien bei diesem Ausbruche der Fall höchst
bedenklich, er veranlaßte mich zu Bette zu gehen und prüfte mich daselbst
mit der größten Aufmerksamkeit, indeß ich an das Mädchen dachte, deren
Anblick mich entzückt hatte.
[Illustration]
Mein Oheim Tom war weit entfernt, die Ursache meines Uebels zu ahnen.
Indeß, nachdem er mich anatomisch untersucht und betastet hatte, kam
er mit einer Sicherheit, die seiner Wissenschaft Ehre machte, zu der
Ueberzeugung, daß meine Knochen im vollständigen Zustande sich befänden.
Aller Unruhe über diesen Punkt entledigt, untersuchte er jetzt den Athem,
den Umlauf des Blutes und alle Lebensthätigkeiten; darauf ging er zu ganz
und gar äußerlichen Anzeichen über und schien endlich seine Wißbegierde
befriedigt zu haben, denn er verließ mich mit der Miene eines Menschen,
der irgend einen Gedanken zum Ueberlegen im Kopfe trägt.