.... Alles wäre gut abgegangen, fuhr der Gefangene fort; sie miauten also

auf die zärtlichste Weise, allein Mamsellchen hörte auf keinen und

putzte sich das Gesicht mit ihren weichen Sammtpfoten; Sie hätten sie für

Penelope unter ihren Freiern gehalten.

Nur weiter! sagte der Maler. Etwas schneller...

Ja weiter. Auf einmal nahm sich der eine Kater die Freiheit, seine Krallen

über das Maul eines der Bewerber zu streichen; dieser nimmt das Ding

schief, die andern mengen sich hinein, ple! pla! schallt das Signal:

Krieg auf Leben und Tod! Und man sieht nichts mehr als einen wild

durcheinanderfahrenden Tanz, Krallengriffe, Zähnefletschen, ein wahres

Höllenkonzert. Während sie sich balgen, springt Penelope auf die Treppe,

der ganze Tanz hinter her.... Ich habe nichts weiter gesehen. Allein nach

dem jetzt entstehenden Gepolter zu urtheilen, mußten sie etwas umgeworfen

haben, und dies auf etwas Andres gestürzt sein. Das war etwa um acht Uhr.

* * * * *

Ich fühlte mich durch den Dienst, den mir der Gefangene in diesem

Augenblicke erwies, sehr gedehmüthigt, und dies um so mehr, als die

dreiste Lüge nach so großer Frömmigkeit, dieser ausgelassene Ton nach

so heftigen Schmerzen plötzlich die ganze Theilnahme, welche mir der Mann

eingeflößt hatte, verscheuchten. Ich bin fest überzeugt, daß ich ohne

die Anwesenheit des Herrn Ratin mich stark genug gefühlt hätte, ihn auf

der Stelle Lügen zu strafen und dem Maler alles zu bekennen; aber es kam

Liebe in meinem Verbrechen vor, und die große Schamhaftigkeit des Herrn

Ratin erschien mir als ein unglücklicher Felsen, an dem ich unrettbar, bei

dem geringsten Verdachte seinerseits, zerschellen mußte.

[Illustration]

Mittlerweile fuhr eben der Wagen an dem Hause vor und die junge Miß und

der Vater stiegen die Treppe hinan. Meine Sitzung! rief der Maler voll

Verzweiflung. Gefangener, Ihr habt uns eine alberne Geschichte aufgebunden;

da ist ein Bild, das hatte ich an die Wand gelehnt, und finde es jetzt

auswärts gekehrt... oder drehen etwa die Katzen meine Bilder um?... Man

ist eingebrochen; man ist durch's Fenster gebrochen.... Julius! was haben

Sie gesehen?...

Julius! jag' den Hund hinaus, rief mir in demselben Augenblicke Herr Ratin

zu.

Ich muß nämlich bemerken, daß der niedliche Wachtelhund in diesem

Augenblicke den neuen Regenschirm des Herrn Ratin höchst neugierig anroch.

Gleich war ich bereit, den Hund auf die Flur zu jagen und noch ein Stück

weiter zu verfolgen, um dem Maler Zeit zu lassen, seine unselige Frage zu

vergessen.

* * * * *

Als ich zurückkam, war er in der That mit dem Empfange seiner Gäste

beschäftigt; er bat sie um Entschuldigung, daß er sie in einer so

entsetzlichen Unordnung empfinge. Wenn Sie nicht morgen reisen wollten,

bemerkte er, so würde ich Sie bitten, diese letzte Sitzung auf einen

andern Tag zu verschieben. -- Es ist leider unmöglich unsre Abreise zu

verschieben, versetzte der Greis; aber ich bitte Sie, lassen Sie sich durch

unsere Anwesenheit nicht abhalten, die augenblicklichen Nachstellungen,

welche zur Entdeckung des Schuldigen unerläßlich sind, zu machen. Der

Maler stieg also selbst auf das Dach, um die Wege zu untersuchen.

[Illustration]

Glücklicherweise war Herr Ratin meilenweit von dem Verdacht entfernt, daß

ich den geringsten Antheil an diesem Vorfalle haben könnte. Nachdem er

seinen Schirm sorgfältig in das Futteral gesteckt hatte, trat er zu dem

Tische, blätterte in meinen Büchern und bemerkte die Stellen, welche den

Gegenstand meiner Arbeit bilden sollten. In Betracht der Arbeit, welche Du

mir vorgelegt hast, hub er an, und in Betracht der bessern Sinnesart,

worin ich Dich finde... hier trat der Maler ein und ganz und gar mit seiner

Angelegenheit beschäftigt, rief er:

Haben Sie hier nicht eine Kammer.... ach! ja wohl, da! hätten Sie

vielleicht die Güte, sie mir zu öffnen? Man hat nur von dort auf das Dach

kommen können und wir werden entdecken, von wannen man in meine Kammer

gedrungen ist. -- Sehr gern, mein Herr, sagte Herr Ratin. Bei diesen Worten

nahm er aus seiner Lade den Schlüssel und steckte ihn in das Schloß,

das ich möglichst wieder in Ordnung gebracht hatte, indeß ich bleich vor

Schrecken mit ungemeinem Eifer zu arbeiten schien.

* * * * *

[Illustration]

Während die beiden Herren ihre Untersuchung anstellten, vernahm ich Lärm

in dem Gefängniß. Leute redeten heftig, einige unheimliche Worte

drangen zu meinem Ohre, die Schildwache stand auf der Lauer und ein paar

Vorübergehende waren stehen geblieben, um den Ausgang dieses Vorfalls zu

erwarten.

Da ist die Schnur! rief eine Stimme.

Die Feile! die Feile! rief eine andere Stimme; hier, schauet, unter diesem

Steine.

Das ist wahrlich sein Taschentuch! sagte in demselben Augenblicke Herr

Ratin. Wäre es möglich!.... Julius!

* * * * *

[Illustration]

Die Thür stand offen. Vor Schrecken wankend, eilte ich hinaus, ohne eine

andere Absicht, als mich für den Augenblick den schrecklichen Foltern der

Furcht und der Scham zu entziehen. Kaum aber hatte ich hundert Schritte auf

der Straße gethan, als ich mich umwandte und den ehrsamen Lumpenhändler

bemerkte, welcher in unser Haus ging, um einem Beamten den Weg zu meiner

Wohnung zu zeigen. Ich verdoppelte meine Schritte und sobald ich den

Fuß um die Ecke der nächsten Straße gesetzt hatte, lief ich aus

Leibeskräften bis zum Stadtthore und hier hinaus, nicht ohne die größte

Furcht beim Anblick der friedlichen Gendarmen, welche hier Wacht hielten,

zu empfinden.

Indem ich so hinlief, hatte ich Muße, über meine Lage nachzudenken, die

mir höchst verzweifelt erschien. Wieder zurückkehren, das hieß jetzt

nicht blos wieder in Herrn Ratins Hände fallen, sondern eben so gewiß

mich den Gendarmen überliefern, und dieser Gedanke verursachte mir den

entsetzlichsten Schrecken. Also von solchen Betrachtungen gejagt und von

der Furcht aufs äußerste angespornt, lief ich in einem Zuge bis an eine

Wiese bei Coppet, wo ich mich endlich auf fremdem Gebiet niedersetzte.

Und kaum hier an diesem entlegenen Orte glaubte ich mich vor den

Nachstellungen der Gerechtigkeit gesichert. Ohne Unterlaß richtete ich

meine Blicke nach der Heerstraße zu, und allemal wenn Kühe, ein Esel,

ein Wagen den Staub etwas aufwirbelte, bildete ich mir ein, die gesammte

Gendarmerie nach allen Richtungen zu meiner Verfolgung ausgesendet

zu sehen. Mehr und mehr von dieser Angst gefoltert, faßte ich einen

entscheidenden Entschluß: nämlich meinen Weg bis nach Lausanne

fortzusetzen, wo sich mein Onkel aufhielt. Ich machte mich also wieder auf

den Marsch.

* * * * *

In jedem Alter ist die Verbannung eine gar traurige Sache; wie erst für

ein Kind, das vom Mutterherde noch nicht fortgekommen. Kaum drei Stunden

trennten mich von meiner Vaterstadt, und es schien mir, als sei ich im

endlosen All verlassen und hätte jegliche Stütze, jegliche Freistätte

verloren. So ging ich mit schwerem Herzen an dem Ufer des Sees hin, der

mir vordem von meinem Fenster aus so lachend erschien. Je weiter ich

mich entfernte, desto schwächer wurde die Furcht, aber jene Gefühle

bemächtigten sich meiner mit immer größerer Gewalt. Zwei oder drei Male

setzte ich mich am Rand der Straße nieder, denn meine Traurigkeit war

so groß geworden, daß ich mich versucht fühlte, wieder umzuwenden und

meinen Lehrer um Verzeihung zu bitten.

[Illustration]

Es war zu spät. Außerdem befand ich mich nach meinem Marsche fast eben

so nahe bei Lausanne als bei Genf, bei meinem Onkel als bei Herrn Ratin.

Dieser Umstand belebte meinen Muth. Die Ruhe kehrte in meine Brust zurück

und schon dachte ich wieder an die junge Miß und knüpfte von neuem den

Faden der süßesten Träumereien, die mich gestern um dieselbe Stunde so

sehr entzückt hatten, an. Inmitten dieser bezaubernden Natur erschien mir

ihr Bild unendlich süßer; die Klarheit des Himmels, der Duft, welcher die

Berge färbte, die Frische der schönen Ufer gesellte sich hinzu und die

Traurigkeit der Verbannung entschwand.

Was für Kraft und Drang ist in der Jugend! Bin ich wol derselbe, den

ich eben schilderte? Bin ich jener Jüngling, der leichten Fußes am Ufer

hineilt, voll Liebe die azurnen Fluthen betrachtet, die grünen Berge

Savoyens, das alte Schloß Hermance und die Luft und die Räume mit den

lebendigen Empfindungen, die ihn beseelen, erfüllt?

* * * * *

Bei der Abenddämmerung wendete ich mich von der Straße seitwärts, um bei

Bauersleuten ein Obdach zu begehren, welche dafür das einzige Geldstück,

das ich besaß, annahmen. Ich theilte ihre Suppe und ihr ländliches Lager

und am folgenden Morgen mit Tagesanbruch verließ ich sie, um meine Reise

fortzusetzen.

Ich war ohne Mütze fortgelaufen; die Strahlen der Morgensonne verbrannten

mein Gesicht. Deshalb blieb ich unter den Thorwegen der Meiereien

stehen, um etwas Kühlung zu genießen, bis die Blicke der Meier oder der

Vorübergehenden mich aus meiner Zufluchtsstätte fortscheuchten; denn ich

fürchtete immer, daß der Verdacht der Verbrechen, welche ich begangen

hatte, der Grund ihrer Neugierde wäre, obgleich dieselbe einzig und allein

aus meiner Jugend und meiner auffallenden Tracht hervorging.

[Illustration]

Hinter dem stillen Dorfe Allaman erblickt man rechts von der Straße

prachtvolle Eichbäume, die den Saum eines großen Gehölzes bilden. Von

ihrem Schatten aus streift der Blick über die ganze Fläche des Sees nach

Wallis bis zu den majestätischen Gipfeln der Alpen. Oder nach Genf zu

gewendet, ergeht er sich mild über eine Kette von sanften, ferngezogenen

Hügeln, deren letzte sich in die Himmelsräume verlieren. Ich konnte dem

Reize dieses schattigen Aufenthalts nicht widerstehen, ging hin und setzte

mich nieder, um daselbst das Stück Schwarzbrod zu verzehren, womit die

Bauern mich versorgt hatten.

Ich dachte an die Wonne, mich bald in die Arme meines Onkels werfen zu

können; das Verlangen danach war so heftig, so ungestüm, daß mich

bei dem bloßen Gedanken, dasselbe könne getäuscht werden, unbegrenzte

Niedergeschlagenheit überfiel. Mein Oheim! mein theurer Oheim! rief ich

aus tief ergriffenem Herzen; wenn ich dich nur sehe, mit dir spreche... mit

dir beisammen bin...

* * * * *

In diesem Augenblicke fuhr ein Reisewagen auf der Heerstraße hin; sechs

Postpferde zogen ihn, in ihrem Laufe lange Staubwolken aufwirbelnd. Der

Postillon ließ seine Peitsche knallen, indeß die Dienerschaft nachlässig

auf ihren Sitzen schlief. Dieser Wagen war etwa bereits zweihundert

Schritte an dem Orte, wo ich saß, vorüber, als er anhielt, ein Diener

niederstieg und auf mich zukam.

Ich wollte davonlaufen, da glaubte ich John, den Diener der jungen Miß,

zu erkennen. Sind Sie, rief er mich an, der junge Mann, der gestern aus dem

Hause an der Peterskirche verschwunden ist?

Ja, antwortete ich ihm.

So folgen Sie mir.

Wohin?

Zu dem Wagen. Ihr Lehrer ist in schöner Besorgniß!

Wo ist denn mein Lehrer?

Er sucht Sie auf allen Kreuzwegen... kleiner Spaßvogel!

[Illustration]

Diese Worte erweckten in mir einigen Verdacht, daß Herr Ratin sich bei den

Reisenden befinden könne, so daß ich John nicht folgen wollte, als ich

von weitem eine weiße Gestalt aus dem Wagen steigen sah. Schnell erhob

ich mich und lief auf die junge Miß zu, damit sie nicht so weit auf der

staubigen Straße zu gehen habe; doch als ich mich näherte, hemmten Scham

und Aufregung meine Schritte und ich blieb in einiger Entfernung von ihr

stehen.

Sie sind Herr Julius, nicht wahr? redete sie mich mit freundlicher Stimme

an.

Ja, mein Fräulein.

Ach! Wie die Sonne Sie verbrannt hat. Steigen Sie mit in den Wagen. Ihr

Lehrer befindet sich in großer Angst, und es macht mir viel Freude, daß

wir Ihnen begegnet sind...

Kommen Sie, Freundchen, sagte der Greis, der den Kopf aus dem Schlage

gesteckt hatte, kommen Sie herein, wir wollen ein wenig von Ihrer

Geschichte sprechen.... Sie müssen recht müde sein?

Ich stieg ein und der Wagen fuhr weiter.

* * * * *

Ich befand mich in einem so aufgeregten Zustande, daß mir die Worte

fehlten. Glückseligkeit, Verwirrung und Scham trieben mein Herz in

heftigen Schlägen und durchglüheten mein gebräuntes Antlitz mit

brennendem Feuer. Ich hielt den Rest meines Stückes Schwarzbrod noch in

der Hand.

Sie haben keine gute Mahlzeit bekommen, wie es mir scheint, sagte der

Greis. Sagen Sie mir doch, in welchem Gasthofe sind Sie gewesen?

Bei Landleuten, mein Herr, die mich diese Nacht beherbergten.

Und wohin dachten Sie heute Abend zu gehen?

Nach Lausanne.

Wie, so weit? fiel die junge Miß ein, und im bloßen Kopfe, wie Sie sind.

Vielleicht noch weiter! Allenthalben hin, Fräulein, bis ich meinen Onkel

gefunden habe! Und Thränen traten mir in die Augen.

Er hat sonst niemand mehr! sagte sie zu ihrem Vater. Dabei warf sie

einen Blick voll Mitleid auf mich, dessen Zauber die kühnsten Träume

verwirklichte, welche ich an meinem Fenster gehegt hatte.

* * * * *

Mein Sohn, hub der freundliche Greis wieder an, Sie bleiben bis Lausanne

bei uns und wir geben Sie dort in die Hände Ihres Oheims. Sie haben da

einen wilden Streich gemacht. Wovor fürchteten Sie sich denn so sehr?

Ach, Herr! ich hatte ja dem Gefangenen die Feile gegeben. Er litt

entsetzlich, das können Sie glauben; es war ja nur, um das eine Fußeisen

etwas auszufeilen...

Nun, Freundchen, darin sehe ich nichts als das Mitgefühl eines guten

Herzens. In Ihrem Alter braucht man noch nicht zu wissen, daß es immer nur

zu einem Zwecke ist, wenn ein Gefangener eine Feile leiht. Aber Sie sagen

ja nichts von der Werkstatt des Malers; Sie waren es doch, nicht wahr?

Ja, mein Herr. Ich hätte es dem Maler gesagt, meinem Oheim, Ihnen.... aber

vor Herrn Ratin hatte ich Furcht.

Ist denn dieser Herr Ratin ein so fürchterlicher Mensch? Aber noch eins,

was wollten Sie in dem Zimmer des Malers machen? Hatten Sie das Bild meiner

Tochter herumgedreht?

Ich erröthete bis über die Stirne.

Er fing an zu lachen. Ah! ah! das macht die Sache ernst, denn sicher

geschah es nicht, um mein Bild zu sehen. Jetzt ist es an dir, Lucy, böse

zu werden.

Keinesweges, mein Vater, sagte sie, mit bezaubernder Anmuth lachend. Ich

weiß, daß Herr Julius die Künste liebt: er selbst zeichnet mit

Talent, also ist es sehr natürlich, daß er die Arbeit eines geschickten

Künstlers sehen wollte.

Lucy, fiel der Greis mit sanftem Scherz ein, du brauchst gleichfalls

nicht zu wissen, daß, wenn man ein Bild umdreht, worauf sich dein

Antlitz befindet, es sehr natürlich aus dem Grunde geschieht, dasselbe zu

sehen.... Da er meine Scham bemerkte, setzte er hinzu: Erröthen Sie nicht,

mein Sohn, seien Sie überzeugt, daß ich Sie deshalb nicht weniger achte

und daß meine Tochter Ihnen verzeiht. Nicht wahr, Lucy?

* * * * *

Eine leichte Verlegenheit folgte diesen Worten, die jedoch nur bei mir

allein von längerer Dauer war. Bald hatte ich auf eine Menge von Fragen zu

antworten, welche diese liebenswürdigen Personen an mich richteten. Nach

dem obigen Gespräche bemerkte ich bei dem Greise eine zunehmende herzliche

Fröhlichkeit und zu gleicher Zeit bei der jungen Miß ein wenig mehr

Zurückhaltung, doch keinesweges auch geringere Theilnahme und Besorgniß

für meine Lage. Ich meinestheils konnte die Augen nicht auf sie richten,

ohne mich wie berauscht von ihrem Anblicke und dem süßesten Entzücken

durchschauert zu fühlen.

Indeß naheten wir uns der Stadt. Wird Ihr Oheim nicht böse sein? sagte

der Greis zu mir.

O nein, mein Herr!.... Und wenn auch, die Freude, ihn wiederzusehen, wird

so groß sein, daß mir das wenig Kummer macht.

Liebenswürdiges Kind, sagte Lucy auf Englisch.

Ich will Sie aber doch sogleich in seine Hände abliefern. Eichenstraße,

nicht wahr? John! Laß Eichenstraße Nr. 3 halten.

* * * * *

Meine einzige Furcht war, daß wir meinen Onkel nicht zu Hause fänden.

Der Wagen hielt an, und ein kleines Kind sagte uns, daß er sich in seinem

Zimmer befinde. Ruf' ihn herab, sagte ich zu dem Kinde.

Nein, wir gehen hinauf, sagte der Greis; ist es hoch?

Im ersten Stock, versetzte das Kind.

Und wie bei dem Maler faßte die junge Miß den Arm ihres Vaters und

trat mit ihm in die Hausflur, während ich ihre Fußtapfen hätte küssen

mögen.

* * * * *

[Illustration]

Mein Oheim war eben nach Hause gekommen. Kaum erblickte ich ihn, so eilte

ich auf ihn zu und warf mich in seine Arme. Du, Julius! sagte er. Ich

überhäufte ihn mit Liebkosungen, ohne einer Antwort fähig zu sein.

Du kommst ohne Hut, mein Sohn, indeß in gutem Geleit, wie ich sehe. Mein

Fräulein und mein Herr, haben Sie die Güte, sich zu setzen. Ich ließ

seine Hand los, um Stühle herbeizuholen.

Wir wollten nur, mein Herr, bemerkte der Greis, dies Kind, das allerdings

einer Unbesonnenheit schuldig, dessen Herz aber ganz brav ist, Ihren

würdigen Händen übergeben; er mag Ihnen selbst erzählen, welchen

Zufällen wir es verdanken, daß wir ihn zum Reisegefährten hatten und uns

die Freiheit nahmen, bei Ihnen einzusprechen. Leben Sie wohl, Freundchen,

sagte er und reichte mir die Hand; ich lasse Ihnen meinen Namen hier auf

dieser Karte, daß Sie wissen, wer ich bin, wenn Sie jemals mir wieder das

Vergnügen erweisen wollen, meine Freundschaft in Anspruch zu nehmen.

Leben Sie wohl, Herr Julius...., sagte das liebenswürdige Mädchen und

reichte mir ihre Hand.

Nassen Auges sah ich sie scheiden.

* * * * *

[Illustration]

Auf diese Weise fand ich meinen guten Onkel Tom wieder. Nach Verlauf

etlicher Tage kehrten wir nach Genf zurück. Er erlösete mich von Herrn

Ratin und nahm mich mit sich.

Also war der Anfang meiner Jugend; ich werde in der »Bibliothek«

erzählen, wie ich drei Jahre später dieselbe beschloß.

[Illustration]

II.

Die Bibliothek.

Um meine Ferien nutzreich zu verbringen, hat mein Oheim mir gerathen,

den Grotius zu lesen und dann den Pufendorf, um hinterher den Burlamaqui

vorzunehmen, der in dem Augenblicke abhanden gekommen war. Also stehe ich

morgens früh auf, gehe an meinen Tisch, lasse mich nieder, kreuze die

Beine und schlage das Buch auf.... Allein dann geht es mir gar seltsam.

Nach Verlauf einer halben Stunde beginnen Geist und Augen rechts und links

abzuschweifen. Anfänglich nur auf den Rand des Quartanten, wo ich einen

gelben Punkt auskratze, ein Stäubchen fortblase oder ein Knötchen mit

aller möglichen Sorgsamkeit aus dem Papier löse, dann geht es an den Kork

meines Dintenfasses, der ganz voll kleiner sonderbarer Merkwürdigkeiten

ist, deren jede einzelne mich nach der andern in Anspruch nimmt, bis

ich endlich meine Feder in den Ring desselben stecke und ihn in sanftem

Schwunge tanzen lasse, was mir unsägliches Vergnügen macht. Hierauf lehne

ich mich mit Wohlbehagen rücklings in meinen Sessel, strecke die Beine

aus und falte die Hände über dem Kopf. In dieser Lage fällt es mir sehr

schwer, nicht irgend eine Arie zu pfeifen, wobei ich mit unwillkürlicher

Beharrlichkeit den Bewegungen einer Fliege folge, die durch die Scheiben zu

dringen versucht.

[Illustration]

Darüber werden mir die Glieder steif und ich erhebe mich, um, mit den

Händen in den Taschen, einen kleinen Spaziergang zu machen, der mich in

die Tiefe des Zimmers führt. Hier stoße ich auf die finstere Wand und

kehre ganz natürlich zu dem Fenster zurück, wo ich mit den Fingerspitzen

einen unübertrefflich schönen Wirbel trommele. Doch da fährt ein Wagen

vorbei, ein Hund bellt, oder es geschieht gar nichts; ich muß sehen, was

es gibt; ich öffne.... Bin ich einmal da, so komme ich sicher nicht sobald

wieder weg.

Das Fenster! das ist der echte Zeitvertreib eines Studenten; ich meine

darunter einen fleißigen Studenten, das will sagen einen solchen, der

weder Schenken noch Taugenichtse besucht. O, so ein wackrer junger Mann! Er

ist die Hoffnung seiner Eltern, die ihn ehrsam und gesetzt wissen; seiner

Lehrer, die ihn weder die Promenaden besuchen, noch durch die Straßen

sprengen, oder am Kartentische sitzen sehen, und mit Wohlgefallen sagen,

daß der junge Mann es weit bringen werde. In dieser Hoffnung liegt er

ruhig in seinem Fenster.

Dieser er... ohne Bescheidenheit gesprochen, bin ich. Hier verbringe ich

meine Tage und wenn ich's sagen soll... Nein, weder meine Lehrer, noch

Grotius und Pufendorf haben mir den hundertsten Theil der Unterweisung

zukommen lassen, welche ich hier schöpfte, indem ich blos auf die Straße

hinabschaute.

* * * * *

[Illustration]

Wie überall, so schreitet man auch hier stufenweise voran. Anfänglich

ist's einfache Erholungsgafferei. Man schaut in die Luft, man faßt

einen Strohhalm in's Auge, man bläst eine Feder, man betrachtet ein

Spinnengewebe oder speit auf einen bestimmten Pflasterstein. Diese Dinge

nehmen in Betracht ihrer Wichtigkeit ganze Stunden weg.

Ich scherze nicht. Man denke sich einen Menschen, der dies nicht getrieben

hat, was ist er? was kann er sein? ein dummes Geschöpf, das rein materiell

und äußerlich ist, ohne Sinn, ohne Poesie, der die Straße seines Lebens

hinabschreitet, ohne jemals anzuhalten oder vom Wege abzuschweifen, die

Umgebung zu betrachten oder sich etwas weiter zu verlaufen; es ist eine

Gliederpuppe, die von der Wiege zum Grabe wandelt, wie eine Dampfmaschine

von Liverpool nach Manchester.

Ja, die Gafferei ist wenigstens einmal im Leben eine Nothwendigkeit,

vorzüglich gegen das achtzehnte Jahr, beim Abgange von der Schule. Hier

fängt die auf den Bänken vertrocknete Seele wieder an sich zu beleben,

sie macht einen Halt, um sich umzuschauen, sie beschließt ein erborgtes

Leben, um ein eigenes anzufangen. Ja, ein ganzer Sommer in diesem Zustande

verbracht, scheint mir für eine sorgfältige Erziehung nicht zu viel. Es

ist sogar wahrscheinlich, daß ein einziger Sommer nicht ausreicht, einen

großen Mann zu bilden. Sokrates ging Jahre lang umher gaffen, Rousseau bis

zum vierzigsten Jahre, Lafontaine sein ganzes Leben.

Und dennoch habe ich eine solche Vorschrift in keinem Erziehungsbuche

angetroffen.

* * * * *

Diese eben angeführten Beschäftigungen sind also die Grundlage aller

wahren, tüchtigen Bildung. In Wahrheit, vermöge derselben erhalten die

Sinne eine schuldlose Nahrung, der Geist erlangt dabei zuerst Ruhe und

dann Hang zu Beobachtungen und endlich folgerecht und unwillkürlich

die Gewohnheit, Begriffe zu ordnen, ihre Verwandtschaft mit einander

aufzusuchen und zur Allgemeinheit zu erheben. Und so kommt er von selbst

auf jenen philosophischen Weg, den Baco anempfiehlt und den Newton

befolgte, welcher eines Tages beim Umherschlendern in seinem Garten einen

Apfel fallen sah und die Lehre von der Schwerkraft entdeckte.

[Illustration]

Der Student an seinem Fenster entdeckt nun zwar die Schwerkraft nicht,

allein vermöge eines ganz gleichen Verfahrens kommen ihm mittelst des

Schauens auf die Straße eine Menge von Gedanken in's Gehirn, die, ob an

sich neu oder alt, für ihn wenigstens neu sind und deutlich beweisen, daß

er seine Zeit nützlich angewandt hat.

Und diese Gedanken stoßen in seinem Hirne mit den alten erborgten Gedanken

zusammen und aus dem Stoße sprühen neue Lichtfunken; denn da sein

Wesen nicht gestattet, daß er zwischen allen, und besonders zwischen

widersprechenden schwankt, so muß er endlich selbst über der Betrachtung

eines Strohhalmes vergleichen, wählen, und wird, das ist augenscheinlich,

klüger.

Und welche herrliche Weise zu arbeiten ist diese Art, seine Zeit zu

vertreiben!

* * * * *

[Illustration]

Allein wenn auch, streng genommen, ein Strohhalm genügt, um mit Nutzen

herumzugaffen, so muß ich doch gestehen, daß ich dabei nicht stehen

blieb; denn mein Fenster bot eine wunderbare Menge von Dingen dar.

Gegenüber ist das Hospital, ein gewaltiges Gebäude, wohinein nichts geht,

woheraus nichts kommt, das mir nicht Zoll geben müßte. Ich erforsche

die Absichten, ich errathe die Ursachen oder berechne die Folgen. Und nur

selten täusche ich mich; denn wenn ich bei jedem neuen Falle die

Mienen des Thürstehers befrage, so finde ich darin tausend merkwürdige

Mittheilungen über die Leute. Nichts gibt über die geselligen

Verhältnisse besser Auskunft als das Gesicht eines Pförtners. Es ist ein

Wunderspiegel, worin sich in allen verschiedenen Abstufungen kriechende

Ehrfurcht, erhabene Beschützermiene oder grobe Geringschätzung kundgeben,

je nachdem der reiche Direktor, der untergeordnete Beamte oder das arme

Findelkind sich in ihm abspiegelt. Ein wechselhafter Spiegel, aber treu.

* * * * *

[Illustration]

Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle · 第 4 / 13 段