Der Maler hatte nämlich die Gewohnheit, zwischen den Sitzungen seine

Gemälde draußen vor das Fenster an ein Paar dazu angebrachte Eisenstangen

zu hängen, um sie der Sonne auszusetzen. Hingen sie einmal da, so brauchte

ich nur die Augen aufzuschlagen und ich befand mich sogleich inmitten

der allerschönsten Gesellschaft: Mylords und Barone, Herzoginnen und

Marquisen, alle diese Leute hingen am Nagel und sahen sich an, und ich sah

sie an, und wir sahen uns einander an.

* * * * *

[Illustration]

Letzten Montag also war ich auf das Geräusch eines Wagens an meinen

Posten geeilt. Es war eine glänzende Carosse, vier Pferde, ein prächtiges

Geschirr, Diener in Livree. Der Wagen hielt und heraustrat ein schwacher

Greis, dem zwei Diener ehrfurchtsvoll beisprangen. Ich merkte mir seinen

kahlen Scheitel und sein Silberhaar, um ihn recht wieder zu erkennen, wenn

er in die Galerie käme.

Als der Greis den Fuß auf die Erde gesetzt hatte, stieg eine junge Dame

aus dem Wagen. Die beiden Diener zogen sich zurück, der Greis stützte

sich auf den Arm des Mädchens und sie traten langsam in die Hausthür. Ein

großer Wachtelhund folgte ihnen spielend.

Bei diesem Anblicke fühlte ich mich bewegt, nicht so sehr über den

wahrhaft rührenden Anblick, ein junges schönes Mädchen als Stütze eines

Greises zu sehen, sondern vornehmlich, weil die liebenswürdige Nymphe,

die mit allem geschmückt war, was Anmuth und Schönheit noch zu erhöhen

vermochte, mir, der ich so oft von zärtlichen Gedanken überkommen wurde,

die Sterbliche zeigte, welche ich in unklaren Bildern träumte und die die

unbestimmten Gefühle, die heißen Gluthen, die seit einiger Zeit mein Herz

durchwogten, an sich fesselte.

Ein besonderer Umstand bei dieser jungen Person hatte mich mit unerwartetem

Zauber gefesselt. Es war die große Einfachheit ihrer Kleidung. Bei so

vielen Anzeichen von Reichthum sah ich an ihr nur einen einfachen Strohhut,

ein weißes Gewand und dennoch so viel Herrlichkeit und Anmuth, daß es mir

schien, ich würde, wenn ich sie allein in einsamen Gegenden und von aller

Zuthat des Reichthums entblößt sähe, an ihrer Haltung, an ihrem Gange,

an ihrem ganzen Wesen ihren Rang, ihren Reichthum und selbst die edle

Hingebung erkennen müssen, womit sie sich den Huldigungen der

jungen Männer zu entziehen suchte, um die Schritte eines Greises zu

unterstützen.

Und dann, soll ich es nur sagen, ich war durch die Gesellschaft, die ich

vor meinem Fenster sah, schon verwöhnt: Rang, Reichthum, Anmuth und guter

Geschmack in Haltung und Tracht, alle diese Dinge hatten für mich einen

unwiderstehlichen Reiz bekommen. Durch das Anschauen dieser Personen hatte

ich alle Empfänglichkeit für das Gemeine, das Gewöhnliche, für meinen

Stand und meines Gleichen verloren, und wenn schon ein junges Mädchen, in

welchem Gewande sie auch erschienen wäre, mich lebhaft bewegt hätte,

so mußte eine solche Erscheinung mich entflammen und zu maßloser

Leidenschaft entzünden.

Dies blieb denn auch nicht aus und zwar in solchem Grade, daß ich

plötzlich die heftigste Liebe zu dieser jungen Antigone fühlte. Uebrigens

war meine Leidenschaft so rein und erhaben, daß ich nicht einmal daran

dachte, mich zu fragen, ob sie nicht etwa eine jener Kalypsen sei, von

denen Herr Ratin mir so viel geredet.

* * * * *

Diejenigen, welche glauben, daß eine Schülerliebe nicht lebhaft und

hingebend genug sei, um hoffnungslos und ohne Ziel zu sein, täuschen sich

sehr.

Solche Leute müssen niemals Schüler gewesen sein, oder sie waren

Schüler, die sich vortrefflich auf Partikeln und bezügliche Fürwörter

verstanden, Schüler von bewundernswerthem Gedächtniß, klugem Verstande,

zahmem Herzen, regelrechtem Geiste, von gezügelter Einbildung und alle

Jahre dreimal mit Prämien geschmückt.

Musterschüler, Muster nach Herrn Ratins Geschmacke, hoffnungsvolle Ratins

der Zukunft. Sie sind heutzutage Minister, Advokaten, Krämer, Poeten,

Lehrer, Tabakshändler und, wo sie sein mögen, mit Tabak beschäftigt oder

auf der Kanzel, in ihrem Comptoir oder auf dem Parnassus, sie sind stets

Musterminister, Musterkrämer, Musterpoeten, Muster, durch und durch Muster

und nichts als Muster, weder mehr noch minder, und das ist doch schon ganz

hübsch.

Meine Liebe sollte nicht so lebendig und hingebend gewesen sein, weil ich

mir davon nichts als tolles Entzücken versprechen konnte; ich hätte für

sie nicht Alles geopfert, selbst wenn ich nichts von ihr erwarten

durfte? Ach! wie verrechnet man sich da! Für einen einzigen Blick des

liebenswürdigen Mädchens hätte ich Herrn Ratin gegeben; für ein

Lächeln hätte ich die vier Elzevire des Vatican in's Feuer geworfen.

* * * * *

[Illustration]

Sie stiegen die Treppe herauf. Als sie vor meinem Zimmer vorüber waren,

öffnete ich leise die Thür ein wenig; der Wachtelhund stürzte freudig,

lustig, schmeichelnd herein in mein Zimmer.

Es war ein herrliches Thier! Außer der Schönheit und vorzüglichen

Reinlichkeit seines wohlgeordneten Haares hatten Benehmen, Wesen und alle

Geberden bei ihm etwas Elegantes und Liebenswürdiges, so daß ich den

Unterschied unserer Naturen vergaß und ihn mit einem gewissen Neide

anblickte, als einen Hund vornehmen Standes, als einen Hund, der mit

hochstehenden Personen zu vertraut sei, um auf meine Achtungsbezeigungen

nur etwas zu geben, vor allem als den Lieblingshund jenes schönen

Fräuleins, für das ich -- nichts war. An dem Namen, der auf das Halsband

gegraben war, fand ich meine Vermuthung bestätigt, daß sie Engländerin

sei.

* * * * *

[Illustration]

Als der Hund fort war, hatte ich nichts besseres zu thun, als an das zu

denken, was über mir vorging. Um etwas von dem Gespräche zu erlauschen,

näherte ich mich leise dem Fenster. Der Maler und der Greis sprachen

miteinander, aber das Mädchen blieb still.

Sie bekommen da ein trauriges Gesicht zu malen, mein Herr! sagte der Greis,

und da die Copie bestimmt ist, sehr bald das Original zu überleben, so

wäre es recht gut, wenn Sie so wenig als möglich Trauriges hineinlegten,

denn ich möchte meinen Enkeln nicht gern zum Schreckbilde dienen. Gewiß,

fuhr er mit sanftem Lächeln fort, es ist keine Eitelkeit, daß ich mich

in dem Alter und Zustande, worin ich mich befinde, malen lasse, und ich

glaube, daß viele Ihrer Kunden einen geeigneteren Zeitpunkt wählen.

Nicht immer, mein Herr, versetzte der Maler, ein so ehrwürdiges Antlitz

als das Ihrige trifft man vielleicht weit seltener, als die Frische und

Jugend selber.

Eine Schmeichelei, mein Herr, die ich annehme. Ich hab' nicht mehr viel

Zeit, deren zu hören.... Lucy, ich mache dich traurig; aber, liebes Kind,

kannst Du der Zukunft nicht eben so ruhig entgegensehen, wie Dein Vater;

ich bitte Dich, wer wird, wenn wir uns trennen, am meisten verlieren? Ich

rufe den Herrn hier als Richter auf....

Verzeihen Sie, mein Herr, es scheint mir, wie dem Fräulein, daß eine

Trennung für beide Theile zu betrübend ist, als daß es nicht besser

wäre, den Blick davon abzuwenden.

Das ist's ja eben, was ich Schwäche nenne, und davon wollte ich meine

Tochter heilen. Ich entschuldige diese Schwäche, wenn es sich um Schläge

handelt, welche erlaubte Hoffnungen vernichten, die Jugend in ihrer

Blüthe treffen und ihr die schönen Jahre, die sie zu erreichen glaubte,

entreißen. Aber wenn der Tod uns am vorausgesehenen Ziele unsers

Lebens erreicht.... wenn er dem Schlafe gleicht, der den Mühen eines

arbeitsvollen Tages folgt.... wenn ein Vater bis zum letzten Augenblicke in

der Liebe einer theuern Tochter glücklich war und nichts mehr begehrt, als

in ihren Armen zu entschlummern.... ist denn dies Bild so traurig, daß man

die Augen abwenden muß, daß man solche Kraft bedarf, um den Anblick zu

ertragen?.... Lucy, warum diese Thränen? komm, komm, mein Kind, sei wie

ich.... und unsere Tage werden heiter sein und wir ihrer Lust bis zum

letzten Augenblicke uns erfreuen... und jenes Unglück, das lange nicht so

groß erscheint, wenn man ihm in's Angesicht schauen kann, wird nicht

durch alles das vergrößert werden, was die Einbildung, blinde Furcht,

vergebliches Widerstreben Unseliges und Schreckliches hinzuthun....

Verzeihung, mein Herr, setzte er hinzu, das ist mein ewiger Streit mit

meiner Lucy und wenn das Portrait mich nicht auf diese Gedanken gebracht

hätte, so würde ich mir die Freiheit nicht genommen haben, die

Feindseligkeiten hier zu erneuern.

Voll Entzücken hörte ich diese Worte, die mich von den gesammten

Verhältnissen unterrichteten und mir das Mädchen mit einem Zuge von

Schwermuth und kindlicher Liebe verschönten. Wie, dachte ich, diese

stolzen Rosse, diese stattlichen Diener, solch' prächtige Carosse, all'

dieser Reichthum, all' diese Gegenstände der Lust oder Eitelkeit -- und

die Königin von all' den Dingen, die Augen voll Thränen und bekümmert,

daß sie sich nicht für immer ihrem alten Vater weihen kann!

* * * * *

Denselben Tag noch kam das Bildnis in die Galerie. Es war ein einfacher

Entwurf, in dem ich ohne Mühe den edeln Greis erkannte. Er nahm die linke

Seite des Gemäldes ein; zur Rechten war ein großer Raum leer gelassen,

der, meiner Meinung nach, einen schlechten Eindruck hervorbrachte.

Als aber bei der zweiten Sitzung das Gemälde aus der Galerie zurückgeholt

wurde, obgleich diesmal die junge Miß allein gekommen war, wurde ich in

dem Glauben bestärkt, daß der leere Raum für sie bestimmt sei und ich

endlich ihre Züge würde betrachten können.

Sie haben mir versprochen, mein Fräulein, sagte der Maler, mir seine

Zeichnung des Theils Ihres Parks mitzubringen, in welchen Ihr Herr Vater

sich versetzt zu sehen wünscht.

[Illustration]

Ich habe daran gedacht, mein Herr, versetzte sie; die Zeichnung ist im

Wagen. Sie trat an's Fenster: =John, bring me my album if you please....=

Aber da sehe ich, daß John nicht mehr da ist, fügte sie lächelnd hinzu.

In der That, ihre Leute hatten einen armen Teufel bei den Pferden

gelassen und sich in irgend ein benachbartes Kaffeehaus begeben. Ich werde

hinabeilen, sagte der Maler.... Allein ich war ihm schon zuvorgekommen

und stieg bereits die Treppe wieder hinauf, wobei ich meine Lippen auf

das Album der jungen Miß drückte. Ich hoffte bis an die Thür des

Arbeitszimmers zu dringen und dort ihr Angesicht zu erspähen; allein

unterwegs begegnete mir der Maler. Schönen Dank! Sie sind wahrlich der

wackerste Knabe, den ich gesehen. Und er nahm mir das Buch aus der Hand.

* * * * *

Ich kehrte ruhiger auf meinen Posten zurück als ich ihn verlassen hatte,

und dazu hatte ich keinen Grund, denn es waren mir Worte entgangen, deren

jedes von unsäglichem Werthe war.

.... Das artige Kind! Er versteht also Englisch. -- Sehr gut. Er dient mir

gewöhnlich als Dolmetscher bei Ihren Landsleuten.... Ein liebenswürdiger

junger Mensch! Es ist schade, daß er nicht Künstler werden soll, wozu

seine Neigung und seine Talente ihn ziehen...

Der Maler hielt inne und stand auf: Ich will Ihnen etwas zeigen... Hier!

eine Skizze, die er einmal hier am Fenster machte.... der See, ein Theil

des Gefängnisses.... der schlechte Hut, der auf die Straße herabhängt,

um Almosen zu sammeln, deutet auf die Anwesenheit eines armen Gefangenen,

für den diese herrliche Natur unsichtbar ist.

Ein reizendes Bild! sagte sie, und voll Gefühl..... Aber warum einer

Neigung widerstreben, die sich so entschieden äußert?

Es sind die Vormünder, die wollen, daß er Rechtsgelehrter werde.

Seine Vormünder... Ist er denn verwaiset?

Schon lange. Er hat nur noch einen alten Oheim, der sich um seine Erziehung

kümmert.

Armes Kind! sagte die junge Engländerin mit einem Ausdruck voller Mitleid.

[Illustration]

* * * * *

Diese Worte berauschten mich. Sie hatte mich bedauert; Grund genug, daß

ich stolz war, eine Waise zu sein, daß mein größtes Unglück sich mir in

Glück verwandelte.

O! wie gern hätte ich ihre Gedanken auf meiner Person weilen sehen! Doch

statt dieses höchsten Glücks nahm das Gespräch eine andere Wendung

und ich erfuhr aus einigen Worten, daß sie in acht Tagen nach England

zurückkehren würde. Was soll dann aus mir, Herrn Ratin gegenüber,

werden! Ich war trostlos.

[Illustration]

England! reizendes Land, zu dem die Schiffe ziehen; frische Ufer, schattige

Parke, wo die jungen Miß mit ihrer Schwermuth sich ergehen. Hier ist alles

ohne Reiz; hier ist nichts liebenswerth. Und ich sah gleichgültig auf den

See.

Wenn sie sich entfernen wird, wenn andere Gegenden sie ziehen sehen!....

wenn zur Mittagsstunde sie auf staubigen Straßen reist und den Blick auf

das Grün der Bäume, der Wiesen schweifen läßt!.... daß ich doch auf

diesen Wiesen, unter diesen Bäumen wäre!... Junge Miß, Du fliehst?.....

daß ich nicht vor den Rossen bin, in Gefahr von ihnen zertreten zu werden.

Ich würde sie in Furcht sehen, sie würde Mitleid mit mir haben! Und ich

bildete mir ein, daß ohne ihr Mitleid es sich nicht der Mühe lohne zu

leben.

* * * * *

Die Sitzung war zu Ende. Ganz in meinen Gedanken versunken, erwartete ich

mit ungeduldiger Begierde, daß das Bild in die Galerie käme; aber es

wurde Abend und es erschien nicht, und die nächsten Tage vergingen in der

nämlichen unbefriedigten Erwartung. Da geschah es, daß ich einmal, bis an

das Dachfenster gekommen, nun der Versuchung nicht widerstehen konnte,

bis in das Malerzimmer selbst zu dringen, um die Züge derjenigen zu

betrachten, die in meinem Herzen thronte. Der Leser weiß, welches

Misgeschick daraus entstand und wie ich stehen geblieben war in meinen

Träumen inmitten der allerschönsten Unordnung. Ich will nun weiter

erzählen.

Diesmal hatte ich die allerklarste Empfindung meiner vollständigsten

Vernichtung. Schon die böse Lüge und das Elzevir-Verbrechen, dann noch

eine Thür eingerannt, verbotene Bücher gelesen, aus meinem Gefängniß

entschlüpft, über die Dächer geschlichen, Verwirrung und Verwüstung

in eine Werkstätte gebracht, eine Gliederpuppe umgeworfen, ein Gemälde

durchlöchert!.... Entsetzliche Kette von Verbrechen, deren erstes Glied,

nämlich das tolle Lachen, Herr Ratin in Händen hatte.

Was thun? Wieder ordnen, den Schaden gut machen, alles in Ordnung bringen?

Unmöglich; des Uebels war zu viel. Eine Geschichte ersinnen? Diesen

Augenblick hatte ich bei Gelegenheit des Maikäfers gefunden, daß es nicht

so leicht sei. Bekennen? um alles in der Welt nicht! denn da hätte ich

gestehen müssen, daß ich verliebt war, und bei dem bloßen Verdacht einer

solchen Unsittlichkeit sah ich Herrn Ratins Gesicht sich über und über

röthen und einen einzigen Blick von ihm mich vernichten.

Ich beschloß in mein Zimmer zurückzukehren, die Thür hinter mir zu

schließen und mich mit mehr Eifer als je an die Arbeit zu machen, theils

um meinen Geist von der beunruhigenden Furcht zu befreien, theils um Herrn

Ratin für mich zu gewinnen, der ganz sicher mit meinem guten Benehmen

zufrieden sein würde, wenn ich ihm einen tüchtigen Vorrath Arbeiten,

sauber geschrieben, sorgsam gearbeitet, von dem vollkommensten Fleiße

zeugend, vorlegte. Nur weil der Tag stark zu Ende ging, glaubte ich

meine Rückkehr um einige Minuten verschieben zu müssen, damit mich die

Dunkelheit vor den Blicken des Gefangenen verberge, wenn ich über das Dach

zurückkehrte.

* * * * *

Ich benutzte diese Minuten, um meine Neugierde zu stillen. Nach kurzem

Suchen fand ich das Bild an die Wand gelehnt und näherte es dem Fenster.

Es war beinahe vollendet. Die junge Miß saß in anmuthiger Haltung

neben ihrem Vater und ihre zarte Hand ruhte nachlässig auf dem Halse des

schönen Wachtelhundes. Alte Buchen umschatteten die Gruppe und durch eine

Lichtung gewahrte man ein schönes Schloß auf einem Rasenplatze, von dem

man über das Meer hinaussah.

[Illustration]

Beim Anblick dieser ganz Anmuth athmenden, von einem rührenden Ausdruck

von Milde und Schwermuth belebten Züge beseelten mich die zärtlichsten

Gefühle, aber nur um augenblicklich wieder in den bittern Schmerz zu

versinken, daß ich ihr nichts war, daß ich sie bald scheiden sehen

würde. Aufs Seligste im Zauber ihres Blickes schwelgend, sagte ich bei

mir: Warum, o warum bist du nicht meine Schwester! Was für einen guten,

lieben Bruder solltest du an mir finden! Wie glücklich würde ich mit dir

diesen Greis machen! Wie doch das Grün, wo ihr weilt, so schön ist....

wie reizend würden mir die Wüsten mit dir sein!.... Lucy!.... meine

Lucy!.... meine Heißgeliebte!

Die Nacht war gekommen. Traurig riß ich mich von dem Bilde los und befand

mich im Nu in meinem Zimmer, eben da man mir Licht und Abendessen brachte.

* * * * *

[Illustration]

In dem aufgeregten Zustande, worin ich mich befand, hatte ich weder Hunger

noch Schlaf; ich dachte nur daran, mich schnell an's Werk zu machen,

um Herrn Ratin sichtbare Beweise meiner Arbeit und meiner gänzlichen

Umwandlung in jedem Augenblick, wo er kommen möchte, vorlegen zu können.

Nach dem Cäsar Virgil, nach dem Virgil Bourdon, nach dem Bourdon drei

Seiten Aufsatz, nach den drei Seiten.... schlief ich ein.

* * * * *

[Illustration]

Ich war sehr überrascht, als beim Grauen des Tages mich eine Stimme

weckte, die aus voller Kehle Psalmen sang. Ich horchte.... es war der

Gefangene. Er fuhr in etwas gedämpfterm Tone fort und schwieg endlich

ganz. Diese fromme Uebung erweckte mir von dem Menschen beinahe eine

günstige Meinung. Nach einigem Schweigen hub er an:

Sie haben diese Nacht tüchtig gearbeitet?....

Singt Ihr alle Morgen so? unterbrach ich ihn.

Von Kindheit auf... Glauben Sie denn, ich könnte ohne die Tröstungen der

Religion mein Misgeschick ertragen?

Nein, ich wundere mich nur, daß die Religion Euch nicht von dem Verbrechen

abgehalten hat, welches Euch in's Gefängniß brachte.

Das Verbrechen -- ich bin unschuldig. Gott hat zugegeben, daß meine

Richter irrten, möge der Wille Gottes geschehen! Ich würde mich d'rein

ergeben, setzte er hinzu, wenn ich neben der leiblichen Nahrung nur auch

die Speise der Seele hätte.... aber ich besitze keine Bibel.

Wie! fiel ich ein, man versagte Euch die Bibel?

Wen man für verabscheuungswürdig hält, dem versagt man alles.

Ihr müsset eine Bibel haben!.... Ich will, daß Ihr eine habt und sollt'

ich Euch meine eigene bringen!!

Edler, junger Mann! sprach er mit dankendem Tone, bis zu mir bringen?

Unmöglich! Auch möchte ich es nicht einmal zugeben! Der Anblick dieses

entsetzlichen Aufenthalts darf Ihre Blicke nicht betrüben.... soll ich

Ihnen sagen, wie es kommt, daß ich mich an Sie wendete? Gestern, als ich

die Kuchen an einer Schnur zu Ihnen hinaufziehen sah,... da sagte ich zu

mir voll Neid: gibt es nicht eine mitleidige Seele, die auf gleiche Weise

das Brod des Lebens zu einem armen Gefangenen gelangen ließe!

Dies war mir ein leuchtender Fingerzeig.

Habt Ihr eine Schnur?

Die Vorsehung hat zugegeben, versetzte er, daß ich eine behalten konnte,

die ich zu diesem einzigen Zwecke aufbewahrte.

Ihr sollt eine Bibel haben! Ja, Ihr sollt! rief ich ihn unterbrechend aus.

Und hocherfreut bei dem Gedanken, dem Unglücklichen so wahrhaft zu

nützen, suchte ich eilig meine Bibel unter den Büchern, die ich gestern

in den Schrank gepackt.

* * * * *

[Illustration]

Während ich so suchte, glaubte ich von der Seite des Gefängnisses her ein

ersticktes Seufzen zu vernehmen.... ich horchte. Seid Ihr es? fragte ich

den Gefangenen. Er antwortete nicht, aber das Seufzen währte fort und

wurde vernehmlicher und klagender. Was gibt es, was fehlt Euch denn? rief

ich jetzt mit bewegter, ängstlicher Stimme. -- Ein entsetzliches Leiden,

versetzte er, und kein Mittel dagegen! Die eine meiner Ketten war zu eng

für mein Bein, sie hat eine Geschwulst verursacht, durch den Druck des

Eisens.... O! o! rief er auf einmal aus --

Sagt,... sagt doch nur, armer Mann!

.... mir die grausamsten Schmerzen verursacht! D'rum konnte ich nicht

schlafen, und sah Sie diese Nacht arbeiten.

Unglücklicher Mann! Und Ihr verlangt nicht, daß man dem abhilft?

Man besucht mich nur alle fünf Tage. Ach!... noch drei... da werd' ich's

sagen.

O! wie dauert Ihr mich! Könnt ich denn nicht...

Nichts! nichts! Armes Kind... Man müßte... Ach! ach! ich fühle schon,

wie Ihr Mitleid mir Linderung gibt... Man müßte... O! o!... Ach! ach!...

Was müßte man...?

Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!... das Blut rinnt!... vom Eisen ein wenig

abfeilen können...

Eine Feile! rief ich, eine Feile! Halt! in meine Bibel...

* * * * *

[Illustration]

Ich hatte eine Feile. Ich legte sie schnell in das Buch. Doch als ich

alles mit einem Bindfaden zusammengebunden hatte, fiel mir der verzweifelte

Gedanke ein, daß ich eingeschlossen war. Der Gefangene fuhr indeß fort zu

jammern, und jeder Klagelaut, den er von sich gab, zerriß mein Herz. Schon

dachte ich das Schloß meiner Thüre zu sprengen, als mich der Anblick

eines Lumpensammlers, der die Straße daherkam, mit Entzücken erfüllte:

He! rief ich ihn an; binde dies an die Schnur, die da drüben an der Mauer

herabhängt, geschwind, geschwind, es gilt einen armen Mann zu trösten.

Der Lumpensammler band das Bündelchen an und rasch stieg dasselbe in die

Höhe. In demselben Augenblicke that sich meine Thür auf.

Es war Herr Ratin! Er fand mich über der Arbeit.

Gestern, sprach er zu mir, hab' ich in der Entrüstung, worein Deine

Aufführung mich brachte, vergessen, Dir Arbeiten für die beiden Tage zu

geben...

Ich habe gearbeitet, sagte ich zitternd.

Herr Ratin musterte die Arbeiten mit einigem Mistrauen, so neu erschien ihm

der Vorfall. Als er sich jedoch überzeugt hatte, daß sie während meiner

Gefangenschaft gearbeitet waren, hub er an: Ich lobe Dich, daß Du aus

eigenem Antriebe die Gefahren des Müssigganges flohest; ein junger

müssiger Mensch gibt nichts als verabscheuungswerthe Dinge an, denn er ist

allen schlechten Gedanken preisgegeben, die in einem Alter wie das Deinige

seinen unthätigen Geist bestürmen. Denk' an die Gracchen, die nur deshalb

ihrer Mutter so viel Freude machten, weil sie schon im frühen Alter

gesetzt und fleißig waren.

Ja, Herr Ratin, sagte ich.

Du hast Dir nicht einmal Zeit genommen zu essen, sagte er, als er mein

Essen von gestern unberührt sah.

Nein, Herr!

Ich will darin eine Folge des großen Kummers erkennen, den Du über Deine

gestrige Aufführung empfinden mußtest.

Ja!

Hast Du darüber ernsthafte Betrachtungen angestellt?

Ja, Herr Ratin!

Hast Du eingesehen, wie Du durch Dein tolles Lachen alle Achtung

vergaßest?

Ja. (In diesem Augenblicke stieg Jemand die Treppe hinauf.)

Und dann weiter in Lüge verfielst.

Ja! (Die Thür der Malerwerkstätte öffnete sich.)

Und von der Lüge...

Ja! (Ein Schrei des Entsetzens ließ sich vernehmen.)

Was für ein Lärm ist das...?

Ja, Herr!... (Es gab Ausrufungen, heftiges Geschrei, gewaltige

Verzweiflungsrufe; ich war einer Ohnmacht nahe!!!)

* * * * *

[Illustration]

Ich versuchte aus allen Kräften die Aufmerksamkeit des Herrn Ratin von dem

Lärm oben abzulenken. Als Sie mich gestern verlassen, sprach ich...

Halt... fiel er ein und horchte immer aufmerksamer, was in der Werkstätte

vorging.

Allerdings war der Lärm daselbst groß. -- Verloren! Entsetzlich! Alles

verloren! schrie der Maler verzweiflungsvoll. Man muß durch's Fenster

hereingekommen sein!

Er trat an dasselbe heran: Julius! rief er, sind Sie von gestern Abend an

zu Haus gewesen?

Ja, mein Herr, sagte Herr Ratin vortretend, und zwar auf meinen Befehl.

Zum Henker, Herr! Mein Arbeitszimmer ist durcheinander gewühlt, meine

Gemälde sind verdorben, die Staffelei umgeworfen... und Ihr Zögling muß

das alles gehört haben.

* * * * *

Wollen Sie einen armen Gefangenen anhören? sagte jetzt eine Stimme, die

aus dem Fenster des Gefängnisses kam; ich habe alles gesehen, ich will

Ihnen alles erzählen.

Redet, sprecht...

So wissen Sie, mein Herr, daß es gestern Abend große Gesellschaft auf dem

Dache gab, just vor der Oeffnung Ihres Fensters. Es waren fünf Katzen, Sie

wissen, wenn die Herren Kater Süßigkeiten sagen...

[Illustration]

Kurz gefaßt! sagte Herr Ratin.

.... so werden sie ein wenig laut dabei. Das Kätzlein war spröde.

Kurz gefaßt! sage ich, wiederholte Herr Ratin; das gehört nicht zur

Sache.

Verzeihen Sie, mein Herr, denn ohne die Sprödigkeit dieses Fräuleins und

die Eifersucht der vier Liebhaber...

Julius! geh' einen Augenblick vor die Thür.

Ich ließ mich nicht bitten.

* * * * *

Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle · 第 3 / 13 段