eine Aebtissin und hatte einen Liebhaber! Meine Gedanken verwirrten sich
bei diesen sonderbaren Widersprüchen. Eine Frau und auf lateinisch lieben!
Eine Aebtissin und einen Geliebten haben! Ich sah es ein, daß ich's mit
einem abscheulich schlechten Buche zu thun hatte, und der Gedanke, daß ein
Lexicon sich mit dergleichen Geschichten befassen könne, verringerte meine
bisherige Achtung für diese Gattung gemeinlich so ehrsamer Bücher. Es war
etwa, als wenn Herr Ratin, mein Lehrer, als wenn Mentor auf einmal anhübe
den Wein und die Liebe, die Liebe und den Wein zu singen.
Indeß legte ich keineswegs das Buch bei Seite, wie ich hätte thun sollen,
sondern im Gegentheil, von diesen ersten Angaben angezogen, las ich den
Artikel, und immer mehr angezogen, las ich die Noten, las ich das Latein.
Es gab wunderliche Dinge darin und mancherlei Rührendes, mancherlei
Geheimnißvolles; aber ein Theil der Geschichte fehlte. Jetzt war ich
nicht mehr für die Ratte, und es schien mir, daß die Sache der Katze in
mancherlei Hinsicht weit eher Beistand verdiente.
In so verstümmelten Bänden ist just immer das Fehlende, was einem am
wissenswürdigsten scheint. Die Lücken reizen die Neugierde weit mehr, als
ganze Seiten sie zu stillen vermögen. Ich komme selten in die Versuchung
einen Band zu lesen, aber ich mache die Düten immer auseinander, um sie
zu lesen, und finde so, daß es weit weniger jammervoll für ein Buch ist,
beim Krämer zu enden, als bei dem Buchhändler zu verkommen.
* * * * *
Heloise lebte im Mittelalter. Das ist eine Zeit, die ich mir voll Klöster,
Zellen und Glocken denke, mit hübschen Nonnen und bärtigen Mönchen,
waldigen Gegenden mit der Aussicht über Seen und Thäler, ein Bild, etwa
wie von Pommiers und seiner Abtei am Fuße des Berges Salève. Ich kann mir
einmal das Mittelalter nicht anders vorstellen.
Jenes Mädchen war die Nichte eines Canonicus, ein hübsches frommes Kind,
in meinen Augen nicht minder reizend durch ihre angeborene Anmuth als
durch das geistliche Gewand, in dem ich sie mir vorstellte. Ich hatte zu
Chambéry die Schwestern vom Herzen Jesu gesehen und malte mir nach diesem
Muster alle Nonnen, alle frommen Schwestern und wenn es Noth that, auch die
Päpstin Johanna.
Zur Zeit da Heloise in der Stille tiefer Einsamkeit mit der züchtigen
Anmuth, mit unbewußten Reizen aufblühete, sprach man allenthalben von
nichts als von einem berühmten Gelehrten, Namens Abälard. Er war jung
und weise, von unermeßlichem Wissen und durchdringendem Verstande. Sein
Antlitz gewann eben so sehr als seine Worte, seine Schönheit kam seinem
Ruhme gleich und vor seinem Namen erbleichten alle anderen. Abälard hielt
in der Schule Streitreden über Fragen, die damals im Schwunge waren, und
in diesen Wettkämpfen hatte er alle seine Gegner niedergeschmettert, vor
den Augen der Menge, vor den Augen der Frauen, die sich auf die Bühne
drängten, um die Reize des schönen Kämpfers zu schauen.
Unter dieser Menge befand sich die Nichte des Canonicus. Das Mädchen
mit dem ausgezeichneten Geiste, mit dem glühenden Herzen horchte voll
lebhafter Bewegung. Die Augen auf den Jüngling geheftet, verschlang sie
seine Worte, begleitete sie seine Geberden, stritt sie mit ihm, siegte sie
mit ihm und berauschte sich in seinen Triumphen, und ohne es zu wissen,
sog sie in langen Zügen eine glühende, unverlöschbare Liebe ein. Sie
glaubte, die Wissenschaft sei es, was sie liebe, und ihr Oheim, der nicht
minder brannte ihre glücklichen Anlagen auszubilden, rief Abälard an
ihre Seite, um sie zu leiten und zu unterweisen.... Glückliche Liebende!
thörichter Canonicus!....
Hier begann die Arbeit der Ratte.
[Illustration]
* * * * *
Ich schlug das Blatt um, ach, wie war alles so verändert!
[Illustration]
Heloise hatte den Schleier genommen... Es ergriff mich tief, denn ich
liebte sie, ich theilte ihren glücklichen Wahn, und schön, wie ich sie
mir bereits gemalt, erschien sie mir jetzt in der Traurigkeit noch weit
schöner, unter den alten Gewölben des Klosters Argenteuil weit jünger,
in dem Schmerze, dem sie selbst am Fuße des Altars unterlag, weit
rührender.... Das Buch erzählte das Alles in gothischem Style; von den
alten Seiten wehete ein lebendiger Odem der entschwundenen Zeit und zu dem
Reize lebhafter Eindrücke der Vergangenheit gesellte sich die jugendliche
Frische meiner Empfindung.
Dort ins Kloster versteckt, strebte Heloise in Strömen frommer Zähren die
noch helllodernde Flamme zu löschen: allein die Religion vermochte
nicht dieses kranke Herz zu heilen, sie vermehrte nur die Qualen noch.
Traurigkeit, bittre Reue, Gewissensbisse, eine unüberwindliche Liebe
marterten die Tage der bleichen Klausnerin; die Augen netzten sich mit
Thränen, sie beweinte den fernen Abälard, die Tage seines Ruhmes und
ihres Glücks. Ein schuldiges, aber immer noch rührendes Weib! Eine
schöne, liebevolle Sünderin, deren Leid diese ganze ferne Zeit mit
poetischem Schimmer umstrahlt!....
»Abälard, übersetzte ich gerührt aus einem Briefe, in dem Heloise von
dem Geliebten Kraft erfleht; Abälard, welche Kämpfe, um ein so verlornes
Herz, wie das meine, zurückzubringen! Wie vielmal bereuen, um immer wieder
zurückzufallen! überwinden, um sogleich wieder überwunden zu
werden; abschwören, um wieder zu beginnen, mit neuem Rausche wieder zu
ergreifen!«
»Glückselige Zeiten! Liebliche Erinnerungen, an ihnen scheitert meine
Kraft, zerschellt mein Muth!.... Gar oft vergieße ich mit Wonnegefühl
die Thränen der Reue, werfe mich vor dem Throne Gottes nieder und die
siegbringende Gnade will herniedersteigen in mein Herz.... dann.... dein
Bildniß erscheint mir, Abälard.... Ich will es verscheuchen, es verfolgt
mich; es entreißt mich der Ruhe, zu der ich eben eingehen wollte; es
stürzt mich auf's neue in jene Pein, die ich vergöttere, indem ich sie
verabscheue.... Unbesieglicher Zauber! endloser Kampf ohne Sieg! Mag ich
über den Gräbern weinen, oder in meiner Zelle beten, oder mag ich in der
Nacht dieser Schattengänge umherirren, es ist da, immer da, dies Bild,
das allein meinen Augen gefällt, das sie mit Thränen badet, das Angst
und Gewissensbisse in meine Seele wirft!... Wenn ich heilige Hymnen singen
höre und der Weihrauch in die Tempelwölbung steigt, wenn die Orgel
mit ihren Tönen die heilige Stätte durchbraust, oder Schweigen darin
herrscht.... ist es wieder da und nimmer fort, und unterbricht dies
Schweigen, vernichtet die Pracht, es ruft mich, es reißt mich fort aus den
Hallen! So bleibt deine Heloise inmitten der friedlichen Jungfrauen,
die Gott in seiner Ruhe aufgenommen, allein eine Schuldige, von Stürmen
umhergeschleudert, in einem Meer von glühenden, irdischen Leidenschaften
untergehend.....«
* * * * *
Nachdem ich in dem mächtigen Reize dieser schwermüthigen Zeilen
ausgeschwelgt hatte, wandte ich mich zu Abälard. Wo werde ich ihn
wiederfinden? Ach! das Ungewitter hatte über seinem Haupte getobt; ihn,
der vor kurzem so hell erglänzte, fand ich jetzt gefallen, verbannt, von
Stätte zu Stätte fliehend und seine jammervollen Tage vor der Wuth des
Neides und der Verfolgung flüchtend: die Frommen verriethen ihn, die
Mönche gaben ihm Gift, die Concilien verbrannten seine Schriften.... Von
Bitterkeit übermannt, verbarg er sich in eine Wildniß.
[Illustration]
»In meinen glücklichen Tagen, schreibt er selbst, hatte ich einmal eine
Einöde betreten, die den Sterblichen unbekannt war, der Wohnsitz wilder
Thiere, wo keine Stimme ertönte, als das kreischende Geschrei der
Raubvögel. Hierher flüchtete ich mich. Aus Schilfrohr bauete ich mir eine
Klause und deckte sie mit Stroh, da suchte ich Heloise zu vergessen und
trachtete Ruhe im Schooße Gottes zu finden...«
Hier, in der Einöde, die Abälard's Brief mir vor die Augen malte, machte
ich eine Pause. Ich bewunderte die Seltsamkeit dieser alten Abenteuer, die
leidenschaftliche Bewegung in Beider Leben, die poetische Vermengung
von Liebe und Frömmigkeit, von Ruhm und Elend. Und, wie es zu geschehen
pflegt, wenn das Herz hingerissen, die Einbildungskraft erhitzt ist --
ich vergaß die Leiden der beiden Unglücklichen und dachte nur an ihre
glühende, wechselseitige Liebe, um die ich sie beneidete.
* * * * *
Abälard betete in seiner wilden Freistätte. In der Welt vermißte man die
Gewalt seiner Stimme, man beklagte sein Unglück, und das Gerücht seiner
plötzlichen Flucht machte die allgemeine Aufmerksamkeit rege. Eifer und
Freundschaft entdeckten endlich seine Spur, einige Pilgrimme, ehemalige
Schüler, drangen bis zu ihm, und bald strömte die Menge, mit reichen
Opfergaben beladen, den Pfad zur Einsiedelei entlang. Von diesen Geschenken
hatte Abälard die stattliche Abtei Paraklet erbauet, auf derselben Stelle,
wo eben noch die Strohklause sich erhob, als er erfuhr, daß die Mönche
von St. Denis sich des Klosters Argenteuil bemächtigt und die Nonnen
daraus vertrieben hatten. Da begab er sich seiner Zufluchtsstätte und rief
seine theure Heloise hierher.
Die junge Aebtissin kam mit ihren Gefährtinnen. Abälard aber hatte
sich bereits zurückgezogen und die Abtei St. Gildas de Ruys in dem
Kirchsprengel von Vannes verbarg sein trauriges Dasein.
[Illustration]
Diese Abtei erhebt sich auf einem Felsen, den die Wogen des Meeres
unablässig peitschen. Kein Wald, keine Wiese ringsum; nichts als eine
unendliche Ebene, wo aus unfruchtbarem Erdreich Steine umhergestreuet
liegen. Die steilen Ufer mit nackten, zerrissenen Felsen bilden eine
hellgraue Linie, die allein in den düstern Anblick der ganzen Gegend
Abwechslung bringt. Von seiner Zelle aus sah der Einsiedler diese lange
Linie in den Buchten verschwinden, an den Vorsprüngen wieder auftauchen,
die fernen Gestade gürten und in den unermeßlichen Horizont sich
verlieren.
Aber für Abälard war diese entsetzliche Oede nicht zu düster; seine
Seele war weit mehr umdüstert. Jede Freude war hier erblichen, der
Weihrauch des Ruhmes war verflogen und selbst Heloisens Bildniß haftete
nur noch darin, um ein bitteres Leid, eine finstere Reue zu nähren. Doch
in der Einsamkeit, welche kein Geräusch der Welt störte, wandte sich
der gefeierte Büßer ohne Unterlaß zu sich selber und überschauete die
Verirrungen seines Lebens; er erwog mit Muße die Eitelkeit des Ruhms, die
Nichtigkeit irdischer Freuden, er überredete sich mehr und mehr von der
Nichtigkeit der irdischen Dinge. Dann wendete er sich zu Heloisen, deren
Unbußfertigkeit aus ihren glühenden Briefen redete, er fand den frommen
Eifer wieder, ein heiliges Entsetzen erweckte seinen Muth, belebte
seine erloschene Kraft aufs neue. Hier sehen wir diesen so großen
als unglücklichen Mann die schwere Arbeit unternehmen, seine Seele zu
läutern, die Bande zu brechen, die ihn noch an die Erde ketten, zu den
himmlischen Höhen aufzustreben und seine Geliebte mit sich emporzureißen.
Hier war es, wo er jenen berühmten Brief schrieb, in dem er, endlich
Sieger in dem hartnäckigen Kampfe, seiner Heloise die hilfreiche Hand
reicht, ihr Kraft einflößt, ihre Schritte unterstützt und durch den
Staub des Grabes ihre Blicke das lebendige, tröstende Licht des Himmels
schauen läßt.
»Heloise, schreibt er am Schlusse, ich werde dich auf Erden nicht
wiedersehen, aber wenn der Ewige, in dessen Hand unsere Tage stehen, den
Faden dieses unglückvollen Lebens zerschnitten, was allen Anzeichen nach
vor dem Ende deiner Lebensbahn geschehen wird.... so bitte ich dich, wo ich
auch verscheiden mag, nimm meinen Leichnam zu dir, laß ihn nach Paraklet
bringen, damit ich neben dir beigesetzt werde. So, Heloise, werden wir nach
so vielen Widerwärtigkeiten auf immer vereint sein, ohne Gefahr und ohne
Frevel. Denn dann werden Furcht, Hoffnung, Erinnerung, Gewissenspein
gleich dem verwehenden Staube schwinden, gleich dem Rauche, der in der Luft
verdampft, und es wird keine Spur unserer früheren Verirrungen bleiben.
Du selbst, Heloise, wirst durch das Anschauen meines Leichnams veranlaßt
werden, in dich zu gehen und zu erkennen, wie thöricht es ist, in
regelloser Leidenschaft ein wenig Staub, einen vergänglichen Körper,
die schnöde Speise der Würmer, dem allmächtigen, unwandelbaren Gott
vorzuziehen, der allein unsere Wünsche zu erfüllen und uns die ewige
Glückseligkeit zu verleihen vermag!«
* * * * *
[Illustration]
Lange hatte ich diese Geschichte geendet, ohne daß mein Geist sich ganz
davon loszureißen vermochte. Das Buch auf den Knien, die Blicke auf die
Landschaft gewendet, welche von den Gluthen der Abendsonne vergoldet wurde,
befanden sich meine Gedanken in Paraklet, ich streifte um seine Mauern
herum, ich sah in den düstern Laubgängen die trauernde Heloise, und ganz
Gefühl für Abälard, betete ich mit ihm die unglücklich Liebende an.
Diese Bilder verschmolzen alsbald mit den Gegenständen, die sich
meinem Blicke darboten, so daß ich, ohne den alterthümlichen Sessel zu
verlassen, mich in eine Glanz strahlende Welt versetzt fühlte, die von
poetischen, reichen Gefühlen lebte und webte.
Aber außer dem Gelesenen, außer dem glühenden Abendnebel und dem
glänzenden Schauspiele, welches das Dachfenster mir öffnete, mengten
sich andere Eindrücke in meine Träumereien. Mitten in dem verworrenen
Geräusch, welches in einer Stadt das Leben der Straßen bekundet, der
Arbeit der Gewerke, dem Treiben am Hafen, trugen die Lüfte die fernen
Töne einer Drehorgel sanft meinem Ohre zu. Durch den Reiz dieser fernen
Melodie nahmen alle Gefühle ein stärkeres Leben, die Bilder einen
mächtigern Eindruck, der Abend höhere Reinheit an. Eine unbekannte
Frische durchwehete die ganze Schöpfung und meine Einbildung schwelgte
in den azurnen Räumen und erquickte sich an dem Dufte von tausend Blumen,
ohne bei einer zu verweilen.
Unmerklich hatte ich mich von Heloise entfernt, ich hatte ihren Schatten
unter den alten Buchen, unter den gothischen Bogen verlassen, ich hatte
über den Zeiten geschifft, und bald verlor ich die dunkelblauen Gipfel
der Vergangenheit aus dem Gesichte und näherte mich bekannteren Ufern,
verwandteren Tagen, näheren Wesen. Das Verstummen der Orgeltöne führte
auch mich wieder in die Wirklichkeit, das dicke Buch, welches auf meinen
Knien ruhte, war mir wieder gleichgültig geworden und ich stand, ohne
etwas dabei zu denken, auf und trug es in sein Fach zurück...
* * * * *
Wie ist doch die Stunde, die den Erregungen folgt, so eintönig. Wie
bitter ist die Rückkehr von den glänzenden Gebieten der Einbildung zu den
undankbaren Gestaden der Wirklichkeit! Der Abend erschien mir düster, mein
Gefängniß verhaßt, meine Muße eine Last.
Armes Kind, das du in diesem poetischen Hauche zu fühlen, zu lieben,
zu leben hoffst und, unter deiner eigenen Anstrengung erliegend,
zurücksinkst, wie bemitleide ich dich! viel Täuschungen erwarten dich,
gar manchmal noch wird deine Seele, wie von süßem Rausche gehoben,
sich von der Erde loszureißen suchen, um zu den Wolken zu schweben,
aber allemal wird eine schwere Kette ihren Flug hemmen, bis sie endlich
gebändigt, an's Joch gewöhnt, erlernt hat sich auf der Heerstraße des
Lebens hinzuschleppen.
Glücklicherweise war ich in dieser Lage nicht; ohne die Wirklichkeit des
Lebens zu verlassen, begegnete ich einem Wesen, auf welches mein Herz alle
seine Empfindungen bezog und so ihren Reiz und ihre Dauer nach Gefallen
verlängerte. Aus diesem Wesen verfehlte ich nicht, sogleich meine Heloise
zu machen, aber nicht die unglückliche, sondern die zärtlich liebende,
nicht die Sünderin, sondern eine reine, schöne, und ich richtete an sie,
als wäre sie gegenwärtig gewesen, die lebhaftesten, leidenschaftlichsten
Anreden...
* * * * *
Man sieht, ich war verliebt, ich war's seit acht Tagen, und seit sechs
Tagen hatte ich den Gegenstand meiner Liebe nicht gesehen.
[Illustration]
Wie es nun unglücklich Liebende machen: die ersten Tage wiegte ich mich
in Hoffnungen, dann hatte ich Zerstreuungen gesucht, die mir aber, wie
man gesehen hat, nicht zum besten gelungen waren. Hinterher war meine
Gefangenschaft gekommen, und vom ersten Augenblicke dieses müßigen Lebens
an war ich nicht im Stande gewesen, meine Liebe zu vergessen. Diesen Abend
nun hatte die romantische Geschichte, die ich gelesen, meine Leidenschaft
auf's Aeußerste angeregt, ich verzehrte mich in Sehnen, und meine Gedanken
ergingen sich auf allerlei verzweifelten Wegen.
Man muß nämlich wissen, daß ich, wenn ich in die Dachkammer gelangte,
die oberhalb der meinigen lag, meine Heißgeliebte sehen konnte!..... Sie
befand sich allein zu dieser Stunde..... Das Dachfenster öffnete mir einen
Weg, über die Dächer dahin zu gelangen.
* * * * *
[Illustration]
Die Versuchung war unwiderstehlich und dies um so mehr, als ich mich seit
einem Augenblicke bereits auf dem Dache befand. Ich setzte mich nieder,
um Muth zu fassen und mich mit meinem Unternehmen vertraut zu machen,
denn schon dieser Anfang seiner Ausführung versetzte mich in so große
Aufregung, daß ich im Begriff war umzukehren. Für den Augenblick hatte
ich nichts eiliger zu thun, als mich durchaus unsichtbar zu machen, indem
ich mich auf das Dach legte.... Ich bemerkte Herrn Ratin unten in der
Straße.
* * * * *
Sobald ich mich von diesem Donnerschlage etwas erholt, wagte ich es,
den Kopf ein wenig in die Höhe zu heben, so daß ich über den Dachrand
hinwegsehen konnte.... Keine Spur mehr von Herrn Ratin! Gewiß stieg er die
Treppe herauf und ehe eine Minute verging, überraschte er mich auf meiner
Reise in's Blaue. Ach! wie war ich zerknirscht, welche Gewissensbisse
empfand ich. Wie leicht wurde mir die Reue, wie sehr erkannte ich die
ungeheure Schuld meines Fehlers!.... Da sah ich Herrn Ratin wieder zum
Vorschein kommen, weg waren Gewissensbisse und Angst, er schritt über die
Straße fort, sich entfernend weiter.
[Illustration]
Bald verlor ich ihn aus dem Gesichte; allein es wurde mir klar, daß ich
auf dieser Stelle nicht bleiben konnte, ohne Gefahr zu laufen, daß man
mich aus dem Fensterloche des Gefängnisses bemerke, in dessen Tiefe ich
von meiner Höhe erschreckt hinabblickte. Ich machte mich also auf den Weg,
um mir den Rest des Tages zu nutze zu machen, und mit wenigen Schritten war
das von mir gesuchte Fenster erreicht. Es war offen....
Mein Herz pochte heftig, denn trotz der Gewißheit, die ich hatte, konnte
ich mich nicht fest genug überreden, daß meine Heißgeliebte an diesem
Orte allein wäre. Ich zauderte noch, da hörte ich plötzlich eine Stimme
mir zurufen: Nur herein! fürchten Sie nicht, daß ich Sie verrathe, lieber
junger Herr.
Es war die Stimme des Gefangenen. Beim ersten Worte verlor ich alle
Geistesgegenwart, ich sprang mit raschem Satze in die Kammer, wo ich mich
auf den Schultern einer schönen reichgekleideten Dame wiederfand, die mit
mir zur Erde stürzte.
* * * * *
Ich kann nicht beschreiben, was im nächsten Augenblicke nach dem Sturze
geschah, denn ich hatte alle Besinnung verloren. Das Erste was mir auffiel,
als ich wieder zu mir kam, war, daß die Dame mit dem Gesicht gegen den
Boden lag und weder Geschrei noch Vorwürfe hören ließ. Ich näherte mich
halb kriechend und sagte zu ihr mit leiser, zaghafter Stimme: Madame!....
Keine Antwort... Madame!!!... Alles stumm.
[Illustration]
Da befand ich mich nun in einer unseligen Geschichte. Eine achtbare Dame
getödtet!... ein Schüler der Mörder! Mein Kritiker wird hier sagen,
daß ich absichtlich übertreibe, um dem falschen, modernen Geschmacke zu
huldigen. -- Nur nicht so rasch geurtheilt, Kritikus. Die Dame war eine
Gliederpuppe, ich befand mich in dem Arbeitszimmer eines Malers. Nun,
klingt es anders, Kritikus?
* * * * *
Ich erhob mich zuerst selber und fing dann an die Dame aufzuheben. Ein
einfältiges Lächeln umschwebte ihr zinnoberfarbiges Antlitz, obgleich die
Nase sehr gelitten hatte. Ich besserte einigen Schaden aus, allein dies
war ein zu kleiner Theil des Uebels, als daß ich mich lange dabei verweilt
hätte.
[Illustration]
Denn die Dame hatte mit der Nase an den Oelkrug gestoßen, dieser hatte
das Gleichgewicht verloren, war umgefallen und hatte Pinsel, Farbenblasen,
Palette herabgeworfen und Oel im Zimmer umhergeschüttet. Ich wollte dies
ein wenig wieder in Ordnung bringen, allein wiederum war dieser Theil des
Unglücks zu klein, als daß ich mich lange dabei aufgehalten hätte.
Denn der Oelkrug hatte im Fallen den Fuß einer erzdummen Staffelei
erreicht, dieselbe hatte zu schwanken begonnen, war endlich umgefallen und
hatte einen stattlichen Herrn, der an einem Nagel hing und unserm Treiben
zusah, mitten auf der Brust gestreift. Der Nagel war seinem Herrn gefolgt,
dieser der Staffelei und alle zusammen hatten sich über die Lampe
gestürzt, die den Spiegel über dem Kamine zerschlug, indem sie ein
Geschirr umwarf.
Die Verwüstung war erschrecklich, die Ueberschwemmung allgemein und die
Dame lächelte immerfort.
* * * * *
In dem Drange dieser Ereignisse hatte meine Liebe ein wenig durch diese so
heftigen, unerwarteten Unglücksfälle gelitten. Während ich so dastehe
und über meine Lage nachdenke, will ich den Augenblick benutzen und
erzählen, in wen ich verliebt war und wie ich es geworden.
Oberhalb meines Zimmers befand sich die Wohnung eines geschickten
Portraitmalers. Dieser Maler besaß das große Talent, die Leute zu
gleicher Zeit sprechend ähnlich und schön zu malen. Oh! welch' herrlicher
Stand, wenn man's also versteht! Welch' wunderbarer Köder, woran sich
Karpfen, Hechte, Kärpflein und sogar Ottern und Meerkälber fingen, und
das aus freien Stücken und ohne sich über die Angel zu beklagen und dem
Fischer noch obendrein dankbar!
Denkt an das Eitelkeits-Knötchen. Sobald man einmal wohlhäbig, reich
geworden ist, ist es nicht einer der ersten Rathschläge, die man euch
ertheilt, euer anziehendes, ganz eigenes und, um es mit einem Worte zu
sagen, so liebenswürdiges Antlitz auf die Leinwand übertragen zu lassen;
heißt es nicht, daß man diese Ueberraschung der Mutter, der Gemahlin, dem
Oheim, der Tante schuldig sei? Und wenn die alle gestorben sind, heißt es
dann nicht, man muß die Kunst ermuntern und einen armen Teufel verdienen
lassen. Und wenn der arme Teufel reich ist, gibt es nicht tausend
andere Vorwände?... eine Wand ausschmücken, ein passendes Gegenstück
bekommen... Denn was will am Ende das Knötchen? Es will, daß ihr euch
auf der Leinwand als hübsch, zierlich, geputzt, in feiner Wäsche, mit
Glacéehandschuhen bewundert, es will vor allen Dingen, daß man euch so
sehe, euch so bewundere, daß man daraus eure Züge, euern Reichthum,
euern Adel, euer Talent, euer Zartgefühl, euern Geist, eure Feinheit, eure
Wohlthätigkeit, eure gewählte Lektüre, euern edeln Geschmack und so viel
andere vorzügliche Dinge bewundere, die aus euch ein ganz absonderliches
Wesen machen, das mit tausend und einer vortrefflichen Eigenschaft begabt
ist, die Fehler gar nicht einmal zu zählen, welche gleichfalls eben so
viele Vortrefflichkeiten abgeben. Das alles will das Knötchen, und ist es
da nicht zu verwundern, daß es euch im Namen des Vaters, der Mutter, der
Gemahlin, der Kinder quält, euch malen und wieder malen und nochmals malen
zu lassen? Ich würde mich übers Gegentheil weit eher wundern.
Die Kunst des Portraitirens ist also auf's genaueste mit der Lehre vom
Knötchen verwandt und viele Maler sind, weil sie diese Grundsätze
verkannten, im Hospital gestorben. Sie stellten den Hecht als Hecht, das
Meerschweinchen eben als Meerschweinchen dar. Große Maler, schlechte
Portraitisten. Die Leute sind nicht mehr zu ihnen gekommen und der Hunger
hat sie aufgerieben.
* * * * *
[Illustration]
Dieser Maler nun hatte alle vornehmen Gesichter zu konterfeien und es
verging kein Tag, daß nicht stattliche Wagen kamen, ihre Herrschaft
brachten und sie vor dem Hause erwarteten. Es war für mich ein herrlicher
Zeitvertreib, die schönen Pferde zu betrachten, sie die Fliegen
verscheuchen zu sehen, die Kutscher pfeifen oder mit der Peitsche klatschen
zu hören. Außerdem war ich sicher, daß ich von denselben Personen,
welche aus dem Wagen stiegen und deren Gesicht ich von meinem Fenster aus
nicht sehen konnte, nach Verlauf von zwei oder drei Tagen mit aller Muße,
so viel ich nur Lust hatte, die Züge betrachten konnte.