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Die
Bibliothek meines Oheims.
Eine Genfer Novelle.
Von
Rudolf Töpffer.
Vollständige Deutsche Ausgabe,
mit 137 Bildern von der Hand des Verfassers.
Leipzig:
_Brockhaus & Avenarius._
1847.
[Illustration]
Inhalt.
Seite
I. Die beiden Gefangenen 3
II. Die Bibliothek 105
III. Henriette 171
I.
Die beiden Gefangenen.
[Illustration]
Ich habe Leute kennen gelernt, die an der Schwelle des väterlichen
Kramladens groß geworden sind. Dieselben hatten sich in dieser Lebensweise
eine gewisse praktische Menschenkenntniß erworben, und so eine Art
spießbürgerlichen Sinn, einen Philistergeschmack, eine Gewöhnlichkeit
der Ansichten bei kleinstädtischer Engherzigkeit und Vorurtheilen. Man
machte sie zu Advokaten, Beamten, und jeder übertrug denn von seiner
Ladenschwelle weg gute oder schlechte Eindrücke, die sich nie verwischten,
in diese seine Wirkungskreise.
Andere saßen dieselbe Lebenszeit, ich will sagen etwa ums funfzehnte Jahr,
in einem einsamen Kämmerlein unterm Dache, über stillem Hofe. Die wurden
nachdenkliche Leute, und -- wie wenig sie mit den Straßenneuigkeiten
bekannt waren -- ein kleiner Kreis von Nachbarn genügte ihnen, reiche
Beobachtungen über diese für sich anzustellen. Sie erwarben sich
eine zwar minder ausgebreitete, dafür aber desto innerlichere
Menschenkenntniß. Wie manche Zeit verbrachten sie, fern von jeder
Zerstreuung, mit sich selbst, während jene Ersteren auf ihrer
Ladenschwelle immer von neuen Gegenständen angezogen wurden und so weder
Zeit noch Lust bekamen, eine Bekanntschaft ihres eigenen Innern zu machen.
Ob Advokat oder Minister, muß nicht der Mann aus dem Dachstübchen andere
Weisen haben, als der von Vaters Thüre!
Oder hätte das etwa keinen Einfluß, was einem vor Augen geschieht? und
die Leute, die um einen herumlaufen, und das Gerede, das man hört, und
die düsteren oder aufheiternden Gegenstände, die man sieht, und die
Nachbarschaft und all die tausend Zufälligkeiten? Fürwahr! es ist ein
eigen Ding um die Erziehung! Indeß Ihr mit klarem Bewußtsein nach den
Rathschlägen eines Freundes oder Buchs Geist und Herz Eures Kindes zu
dem von Euch erwünschten Ziele zu lenken sucht, kommen Dinge, Gerede,
Nachbarn, Zufälligkeiten und verschwören sich gegen Euch oder helfen auch
wol nach, ohne daß ihr Einfluß zu verhindern oder nur zu entbehren wäre.
Später endlich, wenn's so über zwanzig, fünfundzwanzig Jahre kommt,
thut der Einfluß der Wohnung wenig mehr. Mag dieselbe düster oder heiter,
bequem oder ärmlich sein: sie gleicht einer Schule, worin der Unterricht
geschlossen ist. In diesem Alter baut der Mensch seine Lebensbahn; er ist
bereits vor jener, die Zukunft einschließenden Wolke angelangt, die ihm
eben noch so fern erschien; seine Seele ist nicht mehr träumerisch und
gelehrig; die Gegenstände spiegeln sich wol in ihr ab, lassen aber keinen
Eindruck mehr zurück.
* * * * *
[Illustration]
Ich nun wohnte in einem einsamen Stadttheile[1], nämlich hinter der
Peterskirche in der Nähe des bischöflichen Gefangenhauses. Durch das
Grün einer Akazie gewahrte ich die Fensterbogen der Kirche, den Fuß
des hohen Thurms, ein schmales Fenster des Gefängnisses und in der Ferne
zwischen den Dächern hin den See und seine Ufer. Wie viel vortreffliche
Lehren hätte ich nicht daraus gewinnen können; wie sehr hatte mich das
Schicksal vor andern Knaben meines Alters begünstigt! Mag ich sie nun auch
nicht recht zu benutzen gewußt haben, so rechne ich es mir doch zum
Ruhme an, aus dieser Schule hervorgegangen zu sein, die edler als eine
Ladenschwelle und reicher als ein einsames Stübchen war. Sicher, hätte
ich nur im mindesten Anlage besessen, wäre ich darin zum Dichter geworden.
[1]: Dieser Stadttheil grenzt an die Hauptkirche Genfs, das in Rede
stehende Haus ist unter dem Namen =Maison de la bourse française=
(französisches Stift) bekannt, weil es zur Unterstützung von genfer
Protestanten französischer Abkunft bestimmt war.
* * * * *
Indeß bei Licht besehen, ist es so besser; denn ich bezweifle gar sehr,
daß es jemals einen glücklichen Dichter gegeben hat. Oder kennt Ihr etwa
einen Einzigen auch unter den Glücklichsten von ihnen, der seinen Durst
nach Ruhm und Ehre stillen konnte? Kennt Ihr Einen selbst unter den
Größten und gerade unter diesen, der je mit seinen Arbeiten zufrieden
gewesen wäre und in ihnen die himmlischen Gebilde wieder erkannte,
die sein Genius ihm vorhielt? Ein Leben voll trügerischer Hoffnungen,
Enttäuschungen, Ueberdruß, das ist alles! Ja, mehr noch! dies ist nur die
Oberfläche, sie muß, denke ich, noch größere Schmerzen, noch bitterern
Unmuth einschließen. Diese Köpfe bauen sich ein übermenschliches Glück,
welches jeden Tag zerschellt oder zusammenbricht. Sie strecken ihr Haupt
hoch in die Himmel und sind an die Erde gefesselt; sie lieben Göttinnen
und finden nur Sterbliche. Tasso, Petrarca und du, Racine, ihr
empfindsamen, kranken Seelen, ihr nimmer ruhigen, ewig blutenden,
klagereichen Herzen, sagt einmal, um welchen Preis ihr unsterblich
geworden!
[Illustration]
Das ist Ursache und Wirkung. Weil sie Dichter sind, leiden sie solche
Qualen und weil sie solche Qualen leiden, sind sie Dichter. Aus dem Kampfe
in ihrem Innern springt, wie ein Blitz aus der Wolke, der Strahl, welcher
aus ihren Versen uns anglänzt; das Leiden enthüllt ihnen die Freude, die
Freude lehrt sie das Leiden; an der Seite ihrer Enttäuschungen blühen
ihre Hoffnungen. Aus diesem reichen Chaos, aus diesen fruchtbaren Schmerzen
entstehen ihre erhabenen Lieder. So entlockt der Sturm der einsamen
Aeolsharfe die süßesten Töne.
Ich wundere mich darum gar nicht mehr, daß ich einmal einen gescheiten
Mann sagen hörte: lieber ein Winkelkrämer als weltberühmter Dichter,
lieber der namenlose Giraud als Dante Alighieri.
* * * * *
[Illustration]
Diese Vorstellung, die ich mir vom Dichter mache, ist ganz wahr, denn man
sehe nur, wonach diejenigen ringen, welche nach diesem Berufe streben. Ist
es nicht, wenn irgend möglich, nach dieser Verwirrung, diesen Schmerzen,
diesem reichen Chaos? Gleich wie man die Tugend durch fromme Redensarten
nachäfft, so äffen sie die Poesie durch Worte der Klage, der Angst und
unaussprechlichen Schmerzes nach. Sie leiden in ihren Versen, sie seufzen
in ihren Versen, sie schleppen darin mit zwanzig Jahren das ersterbende
Alter eines verbitterten Lebens, sie vergehen darin! Fast Alle beginnen
damit. Ach! Freundchen, es ist nicht so leicht als du denkst, traurig,
unglücklich, betrübt sein; von Wünschen gefoltert, von Entzücken
gegeißelt zu werden, sein Leben verbittern, sterben wie Millevoye! Darum
die Maske herunter und zeige dein Antlitz heiter. Warum, du dicker Freund,
o warum deiner Natur nicht folgen? Was für einen Vorzug erblickst du
darin, seufzend und klagend zu erscheinen, für todt und doch nicht im
Grabe vergessen zu gelten?
* * * * *
Wenn ich übrigens von fruchtbaren Schmerzen rede, so will ich damit
keinesweges sagen, daß jeder große Dichter in seinen Versen nothwendig
seufzen und weinen müsse; im Gegentheil, die reizendsten Phantasien
überdecken seinen bittern Unmuth. Selbst wenn er uns in ein entzückendes
Elysium zaubert oder uns die Schönheit mit den himmlischsten Farben malt,
so ist es die Leere der Erde, die ihn zur Flucht in glücklichere Höhen
bewog. Er malt die Gesundheit, weil er krank ist, den Sommer, weil er
auf Eisfeldern irrt, frische Quellen, weil ringsum Dürre schmachtet. Der
Unglückliche kostet einige Minuten lang entzückenden Rausch und läßt
uns aus der Schale mittrinken; wir bekommen den Nektar, ihm bleiben die
Hefen.
[Illustration]
Aber da ertappe ich einen häßlichen Gedanken, der hinter einer Falte
meines Gehirnes hervorguckt, nämlich den Gedanken, daß ich meiner Lust
willen es wol zufrieden bin, daß solche duldende Seelen gelebt haben,...
daß Unglückliche sich lange Jahre in Kummer hinschleppten, um einige
Gedanken, einige Verse zu hinterlassen, die mich entzücken, die mich
einen Augenblick erregen!... Der entsetzlichen Selbstsucht des Herzens, der
grausamen Lust, die sich selbst ganz sich selber opfert! Aber dennoch...
Racine, ein Dütenkrämer, Virgil, ein Ellenhändler;... Nein, ich bin noch
nicht gescheit genug, über meinen grauen Schädel sind noch nicht Jahre
genug gezogen. Es wird ein Tag kommen, und nur zu bald, wo ich gescheiter,
wenn auch nicht minder selbstsüchtig, den jungen Leuten dies zu Gemüth
führen will. Und wenn so ein alberner Gedanke, wie ich ihn da eben
ertappe, in ihrem Gehirn aufsteigt, so soll er ihre Stirne umziehen und
ihnen auf den Lippen sitzen bleiben.
* * * * *
Es gibt viele solcher schmählichen Gedanken in dem Gehirn, die sich vor
Scham verbergen, die aus Furcht, verhöhnt zu werden, schweigen, und die,
wenn sie zuweilen einmal aus ihrem Versteck hervorgucken, die Schamröthe
bis hoch auf die Stirn treiben. Einstmals hat ein Mann eine Haussuchung in
seinem eigenen Gehirn angestellt; er durchforschte alle Falten desselben,
suchte zu unterst und zu oberst und ließ auch nicht das kleinste Titelchen
unbeschauet. Was er so fand, daraus machte er ein Buch voll Lebensregeln,
einen treuen Spiegel, in dem sich der Mensch weit häßlicher sieht als er
zu sein glaubte.
[Illustration]
Der Herzog[2], der dies that, befolgte darin die Lehre des Sokrates,
welcher den Menschen ermahnt, in sein eigenes Gehirn zu schauen.
Γνῶθι σεαυτόν (ist griechisch) will nichts weiter sagen. Ich
wenigstens zweifle sehr, ob bei so einer beständigen Selbstbetrachtung
viel zu gewinnen ist; in gar vielen Dingen ist es besser, sich nicht zu
kennen. Manche werden, je besser sie sich kennen lernen, je schlechter; ein
anderer, der einsieht, daß auf seinem Acker kein gutes Korn gedeihen will,
faßt gar den Entschluß, mit dem Unkraut zu wuchern.
[2]: Franz, Herzog von Larochefoucauld.
* * * * *
[Illustration]
Darum schaue ich nicht mehr so viel in mein Gehirn, dagegen ist es mir der
angenehmste Zeitvertreib, Anderen hineinzulugen. Ich nehme die Lupe dazu,
das Vergrößerungsglas, und ihr glaubt nicht, wie viel kleine, sonderbare
Eigenthümlichkeiten ich entdecke, der großen, die man mit bloßen Augen
sieht, und der ungeheuern, welche von weitem schon auffallen, gar nicht zu
erwähnen. Gall war gewiß ein Narr, daß er den Inhalt nach der Schale,
den Geschmack der Frucht nach ihrem Aussehen, den Balsam nach der Büchse
beurtheilen will. Ich mache auf und koste, ich öffne den Deckel und
rieche.
Denkt, alle Gehirne sind aus einerlei Stoff gemacht; ich begreife es,
daß sie alle dieselbe Anzahl Zellen haben, dieselben Knötchen enthalten,
gleichwie in jeder Orange dieselbe Anzahl Kerne in derselben Zahl gleicher
Zellen sich befindet; allein von diesen Knötchen misrathen einige, andere
gedeihen übermäßig und daraus kommen Misverhältnisse, welche jene
Unterschiede in den Charakteren bilden, wodurch die Menschen einander
unähnlich werden.
Sonderbar ist es, daß eines dieser Knötchen niemals misräth; daß es
sich von Nichts wie von Vielem ernährt, eines der ersten seinen Wachsthum
nimmt und als letztes von allen abstirbt, so daß man, wenn dies gestorben
ist, sicher sein kann, daß der ganze Mensch aufgehört hat zu leben. Dies
ist die Eitelkeit. Ich habe dies von einem Todtenbeschauer, der hat mir
anvertraut, daß er sich lediglich an dies Zeichen hielte und es als das
sicherste von allen andern ansehe; riefe man ihn zu einem Verstorbenen,
so überzeuge er sich vor allen Dingen, ob derselbe nicht noch nach irgend
einem Schein strebe, ob nicht irgend eine Sorgsamkeit in seiner Miene oder
seiner Haltung, nicht irgend eine Besorgniß vor fremdem Blicke vorhanden
sei. In diesem Falle gab er, ohne nur nach dem Puls zu fühlen, die
Erlaubniß zur Bestattung, und wiewol er dieses Verfahren immer beobachtet
hatte, war er doch überzeugt, noch niemals einen Lebenden unter die Erde
gebracht zu haben, was, wie er sagte, seinen Amtsgenossen öfterer passire,
die auf den Puls, den Athem und andere unzureichende Anzeichen etwas
gäben. Er behauptete, dieser Todtenbeschauer nämlich, daß nicht so sehr
Umstände, Vermögen und Beschäftigung diese Knötchen entfalten, sondern
wenn irgend etwas Einfluß übe, so sei es das Alter. In der Kindheit
ist es just nicht das erste, das sich zeigt, in der Jugend eben nicht das
stärkste, aber von zwanzig Jahren an ist's eine gewaltige, gefräßige
Knolle, welche ihre Nahrung aus Allem saugt.
* * * * *
Ich vergesse aber, daß ich von meiner Wohnung sprechen wollte. Ich
verbrachte die heitern Tage meiner ersten Jugendzeit in tiefer Stille,
lebte wenig mit meinem Lehrer zusammen, mehr mit mir selber und viel mit
Eucharis, Galathea und vorzugsweise mit Estella.
[Illustration]
Es gibt ein Alter; aber in der That nur eines und das dauert nicht lange:
wo die Schäferromane Florians einen eigenthümlichen Reiz üben; in diesem
Alter befand ich mich. Mir schien nichts liebenswürdiger als diese jungen
Schäferinnen, nichts naiver als ihre zierlichen Redensarten und ihre
Rosenwassergefühle, nichts ländlicher, bäurischer als ihre schmucken
Mieder und die hübschen Hirtenstäbe mit winkenden Bändern; bei den
hübschesten Mädchen der Stadt fand ich kaum halb so viel Anmuth,
Schönheit, Geist und namentlich Gefühl als bei meinen lieben
Schäfermädchen. Darum hatte ich ihnen mein Herz ohne Rückhalt gegeben
und meine junge Phantasie gelobte, es ihnen treu zu bewahren.
Kindische Liebe, erster Glanz jenes Feuers, das später alles ergreifend
und verheerend auflodert! ...... Welchen Reiz, welch' heitere reine Lust
gewährt die unschuldige Vorempfindung eines Gefühls, das so reich an
Stürmen ist!
* * * * *
Das Unglück bei meiner Leidenschaft war, daß ich mich nicht so recht
sicher ihr hingeben durfte, und dies einer höchst ernsthaften Unterredung
wegen, die ich ganz kürzlich mit meinem Lehrer gehabt hatte. Die
Veranlassung gab Telemachs schönes Benehmen auf der Insel der Kalypso,
als er in seiner Tugendhaftigkeit Eucharis verließ; wir übersetzten dies
Benehmen zusammen in schlechtes Latein:
Und er stürzte Telemach in das Meer...
=Et Telemachum in mare de rupe praecipitavit=, hatte ich eben übersetzt,
als es Herrn Ratin, so hieß mein Lehrer, einfiel, mich zu fragen, was ich
von dem Benehmen Mentors hielte.
Die Frage setzte mich sehr in Verlegenheit, denn so viel wußte ich schon,
daß man in Gegenwart seines Lehrers den Mentor nicht tadeln darf. Im
Grunde genommen fand ich aber, daß Mentor sich bei dieser Gelegenheit
etwas grob benommen habe. -- Ich meine, versetzte ich, daß Telemach froh
sein konnte, mit einigen Zügen Meerwasser davongekommen zu sein.
[Illustration]
Du begreifst meine Frage nicht, versetzte Herr Ratin; Telemach war in
die Nymphe Eucharis verliebt; die Liebe aber ist die unseligste, die
verächtlichste, der Tugend feindlichste Leidenschaft. Wenn ein junger Mann
verliebt ist, so verfällt er in Schlaffheit und Weichlichkeit, er taugt zu
nichts mehr, als bei den Frauen zu schmachten, wie Herkules zu den Füßen
der Omphale. Dies Benehmen des weisen Mentor, den Telemach vom Rande des
Abgrundes zu retten, war daher das Bewundernswürdigste von Allem. So,
setzte Herr Ratin hinzu, hättest du mir antworten sollen.
* * * * *
Auf diese mittelbare Weise wurde es mir klar, daß ich mich in einem
schwierigen Falle befand und bereits weit von der Tugend abgewichen sei,
denn die Estella liebte ich in meinen Augen offenbar eben so sehr als
Telemach die Eucharis. Ich beschloß also, ein so frevelhaftes Gefühl zu
bekämpfen, welches, der Bewunderung nach zu urtheilen, mit der Herr Ratin
das Benehmen Mentors erhob, früher oder später zum Schlimmen führen
mußte.
Herrn Ratins Worte hatten übrigens einen großen Eindruck auf mich
gemacht; wol weniger weil ich sie begriff, als darum, weil sie dunkel und
geheimnißvoll erschienen. Um weise zu sein und nicht in den Abgrund
zu stürzen, unterdrückte ich ein unschuldiges Feuer, meine Einbildung
heftete sich an die unheilkündenden Worte Ratins, um deren Sinn zu
erforschen und große Offenbarungen daraus zu ziehen.
Das war meine erste Liebe; wenn sie auch, ihrer durchaus eingebildeten
Natur gemäß, keine Folgen hatte, so drückte doch die Weise, wie sie
durch Herrn Ratins Belehrung verscheucht wurde, jeder meiner andern
Liebe einen eigenthümlichen Stempel auf, wie man aus den nachfolgenden
Erzählungen sehen kann.
* * * * *
Das schon erwähnte Gefängniß hatte nur ein einziges Fenster nach meiner
Seite her. Gefängnisse sind überhaupt nicht reich an Fenstern.
Dieses Fenster nun sitzt in einer schwarzen düstern Mauer. Eiserne Stangen
wehren dem Gefangenen den Kopf herauszustecken und eine Vorkehrung draußen
beraubt ihn der Aussicht auf die Straße und läßt nur wenig Himmelslicht
in die Tiefe seiner Klause dringen. Ich erinnere mich, daß der Anblick
dieses Mauerlochs mir damals nichts als Schrecken und Zorn einflößte. Ich
bildete mir ein, daß die ganze Welt voll ehrlicher Leute sei, und darum
schien es mir ruchlos, daß ein Einzelner darin sich herausnahm, Dieb
oder Mörder zu sein, und die Gerechtigkeit, welche ehrliche Leute gegen
dergleichen Ungeheuer beschirmte, erschien mir als eine heilige, strenge
Matrone, deren Urtheile nicht zu streng sein konnten. Später änderte ich
diese Ansicht: die Gerechtigkeit erschien mir nicht mehr so heilig, die
ehrlichen Leute sanken in meiner Achtung und in jenen Ungeheuern fand ich
allzuoft nur Opfer des Elendes, der Verführung, der Ungerechtigkeit.... Da
kam das Mitleid und milderte meinen Zorn.
Der Geist eines Kindes ist entschieden, weil sein Auge beschränkt ist.
Alle Fragen sind ihm einfach, weil es nur eine Seite derselben sieht, und
deshalb scheint seinem minder aufgeklärten als geraden Sinne die Lösung
eben so einfach als klar. Aus diesem Grunde sagen die Sanftesten unter
ihnen zuweilen Hartherzigkeiten und die Aeußerungen der Zartfühlendsten
sind grausam. Ohne daß ich darum gerade diesen Zartfühlendsten
angehört hätte, begegnete mir dies oft. Wenn ich einen Menschen nach
dem Gefängniß bringen sah, so sprach meine ganze Theilnahme für die
Gendarmen, mein ganzer Abscheu gegen den Gefangenen. Dies war weder
Grausamkeit, noch Gemeinheit, sondern Rechtlichkeitssinn. Bei minder
kindlichem Gemüthe hätte ich die Gendarmen verabscheut und den Gefangenen
beklagt.
[Illustration]
Eines Tages sah ich einen solchen vorüberziehen, der meine ganze
Entrüstung erregte. Es war ein Mitschuldiger an einem grausamen Morde; sie
hatten zu zweien einen Greis getödtet, um das Geld desselben zu bekommen,
und dann hatten sie sich eines unschuldigen Zeugen, eines Kindes, das bei
dem Morde anwesend war, durch einen zweiten Mord entledigt. Der Genosse
dieses Menschen war zum Tode, er aber durch die Geschicklichkeit seines
Vertheidigers oder durch sonst mildernde Gründe blos zu lebenslänglichem
Kerker verurtheilt. In dem Augenblick, wo er ins Gefängniß treten sollte,
ging er unter meinem Fenster vorüber, er sah die benachbarten Häuser
neugierig an, seine Augen begegneten den meinigen; er lächelte, als ob er
mich kennte! Dies Lächeln machte einen tiefen, widerwärtigen Eindruck auf
mich. Den ganzen Tag konnte ich es nicht mehr aus den Gedanken bringen.
Ich beschloß, meinem Lehrer es mitzutheilen, und dieser ergriff die
Gelegenheit, mir eindringliche Vorstellung über die viele Zeit zu machen,
die ich durch das Schauen auf die Straße verlöre.
* * * * *
Mein Lehrer war doch, wenn ich es recht bedenke, ein drolliger Mann: brav
und pedantisch, ehrbar und komisch, ernst und lächerlich, so daß er
auf mich zu gleicher Zeit einen Ehrfurcht und Lachen erregenden Eindruck
machte. Die Gewalt strenger Ehrbarkeit, der Einfluß strenger Grundsätze
ist aber, wenn das eigene Benehmen ihnen nicht widerspricht, so groß, daß
Ratin trotz des wahrhaft lächerlichen Eindruckes, den er auf mich machte,
eine weit größere Gewalt über mich übte, als mancher weit geschicktere
oder tüchtigere Lehrer, bei dem ich aber den geringsten Zwiespalt zwischen
den Vorschriften, die er mir aufstellte, und denen, die er selbst befolgte,
bemerkt hätte.
Er war ein Ausbund von Tugend. Wir überschlugen ganze Seiten im Telemach,
weil sie den guten Sitten gefährlich wären, und mit der größten
Sorgsamkeit suchte er mich vor jeder Neigung zu der verliebten Kalypso zu
bewahren, wobei er mir bemerklich machte, daß ich in der Welt noch eine
Menge gefährlicher Weiber antreffen würde, die ihr ähnlich wären.
Diese Kalypso verabscheute er, Kalypso, obwol eine Göttin, war ihm ein
Gräuel. Die lateinischen Klassiker lasen wir übrigens nur nach dem
gesäuberten Texte des Jesuiten Juventius und dennoch sprangen wir über
eine Menge Stellen hinweg, die der strenge Jesuit für ungefährlich
gehalten hatte. Hieraus war die entsetzliche Vorstellung, die ich mir
von vielen Dingen machte, entsprungen, wie nicht minder die entsetzliche
Furcht, dem Herrn Ratin meine unschuldigsten Gedanken merken zu lassen,
wenn sie auch nur den leichtesten Anflug von Liebe hatten, oder im
entferntesten mit Kalypso in Berührung standen, diesem Gespenste Ratins.
Es ließe sich Vieles hierüber sagen. Diese Methode entzündet weit mehr,
als sie löscht; sie läßt nicht zum Ausbruch kommen, aber sie beugt nicht
vor. Sie erzeugt viel eher Vorurtheile als Grundsätze. Ihre erste Wirkung
ist namentlich, daß sie sonst unfehlbar immer die Unschuld, diese zarte
Blume, die ein Lächeln beugt, die nichts wieder aufrichten kann, in Gefahr
bringt.
Uebrigens war Herr Ratin ganz vollgepfropft von Latein und alten Rom, sonst
aber ein guter Kerl, der nicht so streng war, als gern er Strafpredigten
hielt. Beim Dintenfleck citirte er den Seneca, bei einem Schelmenstreich
den Cato von Utika als Beispiel. Eines aber konnte er mir nimmer vergeben,
und das war mein unsinniges Lachen. Der Mann sah in meinem albernen
Gelächter die sonderbarsten Dinge: den Zeitgeist, eine frühzeitige
Verderbtheit, das sichere Vorzeichen einer bejammernswerthen Zukunft. Ueber
diesen Punkt redete er leidenschaftlich und ohne Aufhören. Ich schreibe
dies einer Warze zu, die er auf der Nase hatte.
[Illustration]
Diese Warze war von der Dicke einer Kichererbse und mit einer kleinen
Anzahl sehr feiner und sehr hygrometrischer Haare besetzt; denn ich hatte
bemerkt, daß sie mit der Veränderung der Witterung bald steifer, bald
schlaffer dastanden. Nun kam es zuweilen, daß ich während meiner Stunden
auf die unschuldigste Weise von der Welt, aus bloßer Neugierde und ohne
einen Gedanken an Spott die Warze betrachtete. Dann fuhr er mich heftig
an und kanzelte mich über meine Zerstreuung tüchtig ab. Ein anderes Mal,
freilich seltener, wollte eine Fliege sich durchaus, trotz des ungeduldigen
Zorns meines Lehrers, darauf setzen. Er beschleunigte alsdann die
Erklärung unsers Autors, damit ich über der Arbeit diesen sonderbaren
Kampf nicht bemerken sollte. Allein das war für mich eben ein Zeichen,
daß etwas vorgehe, und eine unwiderstehliche Neugierde trieb mich an,
meinen Blick verstohlen auf sein Gesicht zu werfen. Je nachdem, was es nun
eben gab, faßte mich meine närrische Lachlust, und je eigensinniger
die Fliege war, desto unwiderstehlicher wurde es bei mir und ich platzte
heraus. Herr Ratin schien dann durchaus in der Welt nicht die Ursachen
eines solchen Scandals zu begreifen; er donnerte gegen das unsinnige
Lachen im allgemeinen und führte mir die schrecklichen Folgen desselben zu
Herzen.
* * * * *
Nichts desto weniger ist das tolle Lachen eins der herrlichsten Dinge, die
ich kenne. Es ist eine verbotene Frucht und darum vortrefflich. Mich haben
nicht so sehr die Strafpredigten meines Lehrers davon geheilt, als das
Alter. Um so recht mit Herzenslust unsinnig zu lachen, muß man Schüler
sein und wo möglich einen Lehrer haben, der auf der Nase eine Warze mit
drei spaßhaften Härchen besitzt.
.... Dies Alter ist ohne Rücksicht!
[Illustration]
Beim Nachdenken über diese Warze ist mir die Ansicht gekommen, daß alle
reizbaren Leute irgend eine physische oder moralische Schwäche haben, eine
sichtbare oder unsichtbare Warze, welche sie auf die Meinung bringt, daß
man über sie spotte. Vor solchen Leuten lache man nicht: das hieße über
sie lachen; man rede niemals von Lupe und Warze: das sind Anspielungen;
nimmer von Cicero und Scipio Nasica, sonst hat man es mit ihnen zu thun.
* * * * *
Es war die Zeit der Maikäfer; sie hatten mir bis dahin ungemein viel
Vergnügen gemacht, aber ich verlor den Spaß daran. Wie man doch altert!
Indeß, wenn ich allein in meiner Kammer saß und unter tödtlich langer
Weile meine Aufgaben arbeitete, so verschmähte ich die Gesellschaft von
einem oder einem Paar solcher Thiere nicht. Ich muß übrigens bemerken,
daß sie nicht mehr an einen Faden gebunden, um sie fliegen zu lassen,
oder an einen kleinen Wagen gespannt wurden, zu dergleichen kindischen
Spielereien war ich schon zu alt geworden. Wenn man aber meint, daß sich
weiter nichts mit einem Maikäfer anfangen ließe, so irrt man gewaltig.
Zwischen den Kinderspielen und den ernsten Studien des Naturforschers
liegen noch viele Stufen.
Ich hatte einen unter einem umgekehrten Glase sitzen; das Thier quälte
sich ab, die Wände desselben hinanzuklettern, um im Augenblick wieder
herunterzufallen, und das ging endlos so weiter; zuweilen fiel es auf den
Rücken, das ist bekanntlich für einen Maikäfer ein großes Unglück;
ehe ich ihm zu Hilfe kam, bewunderte ich seine Langmüthigkeit, mit der
er seine sechs Arme in der leeren Luft herumstreckte, in der immer
fehlschlagenden Hoffnung, an irgend einen Körper anzuhaken, obgleich
keiner da war. -- Die Maikäfer sind doch dumme Thiere, sprach ich bei mir.
In der Regel half ich ihm dadurch aus der Noth, daß ich ihm die Spitze
meiner Feder hinhielt; dies führte mich zu der größten, glücklichsten
Entdeckung. Ich kann in diesem Betracht mit Berquin sagen, daß eine gute
Handlung niemals unbelohnt bleibt. Mein Maikäfer hatte sich an den Bart
der Feder angeklammert, und während er sich erholte, schrieb ich eine
Zeile, wobei ich mehr auf ihn und seine Thaten achtete, als auf die des
Julius Cäsar, den ich eben übersetzte. Wird er davonfliegen oder die
Feder herunterklettern? Von welchen Zufällen hängen doch alle Dinge ab!
Hätte er sich zu dem ersten entschlossen, so wäre es um meine Entdeckung
geschehen gewesen, ich hätte sie nicht einmal geahnt; glücklicherweise
kletterte er bergab. Als er sich der Dinte näherte, empfand ich eine
Vorahnung; ich fühlte, daß große Dinge geschehen würden. So ahnte
Columbus, ohne die Küste zu sehen, sein Amerika. Wirklich netzt mein
Maikäfer, als er an dem Ende des Schnabels angekommen ist, seine
Schwanzspitze mit Dinte. Schnell ein weißes Blatt...... ein Augenblick der
höchsten Spannung.
Die Schwanzspitze kommt auf's Papier, die Dinte hinterläßt Spuren und
wunderbare Zeichnungen entstehen. Zuweilen hob der Maikäfer, ob aus
Verstand oder weil der Vitriol seine Nerven angriff, im vollen Gange den
Schwanz in die Höhe und ließ ihn erst später wieder nieder. Daraus
entsteht eine Reihe von Punkten, eine Arbeit von wunderbarer Zartheit. Dann
wieder änderte er seine Richtung und bog ab; jetzt ändert er den Plan
noch einmal und kommt wieder zurück: es ist ein =S=!... Bei dieser
Entdeckung durchzuckte mich ein Lichtstrahl.
[Illustration]
Ich versehe dem staunenden Thiere die Schwanzspitze wohl mit Dinte und
setze es auf die erste Seite meines Heftes. Dann nehme ich einen Strohhalm,
um seine Arbeit zu leiten, um seine Pfade zu lenken, und zwinge den
Maikäfer sich so zu bewegen, daß er meinen Namen schreibt. Es bedurfte
zweier Stunden; aber welch' Meisterwerk!
»Die edelste Eroberung, welche der Mensch je gemacht hat, sagt Buffon,
ist.... sicherlich der Maikäfer!«
* * * * *
[Illustration]
Um die Arbeit zu leiten, hatte ich mich dem Fenster genähert, eben wurde
der letzte Buchstabe fertig, da rief eine Stimme leise: Freundchen! Ich sah
schnell auf die Straße. Da war niemand. -- Hier! rief dieselbe Stimme. --
Wo? fragte ich. -- Im Gefängnisse.
Jetzt merkte ich, daß die Worte aus dem Kerkerfenster gekommen und von dem
Verbrecher, dessen abscheuliches Lächeln mich so heftig erschreckt hatte,
an mich gerichtet waren. Ich fuhr bis an die andere Wand meines Zimmers
zurück.
-- Fürchten Sie nichts, fuhr die Stimme fort; ein braver Mensch spricht
mit Ihnen... -- Schurke! rief ich, wenn Sie mich noch länger anreden, so
rufe ich die Wache!
Er schwieg einen Augenblick. -- Als man mich neulich durch die Straße
brachte, hub er darauf wieder an, sah ich Ihr Gesicht und schloß daraus,
daß Sie ein mitleidiges Herz hätten und ein unglückliches Opfer der
Ungerechtigkeit beklagen könnten.... -- Schweigt! rief ich aufs Neue,
Bösewicht! Ihr habt einen Greis und ein Kind ermordet!....
-- Ach! ich sehe wol, Sie sind verblendet wie Alle. Noch so jung und doch
schon das Schlimmste glauben! Er schwieg, denn er hörte jemand die Straße
kommen. Es war ein schwarzgekleideter Mann, ein Leichenträger, wie ich
nachher erfuhr.
Als der Mann vorüber war, fuhr er fort: -- Ach! der ehrwürdige
Gefängnißprediger ist ganz anders. Der weiß, Gottlob! daß mein Herz
rein und meine Seele ohne Flecken ist! Er schwieg wiederum. Diesmal ging
ein Gendarm vorüber. Ich trug Bedenken, ihn anzurufen und ihm die Reden
des Gefangenen mitzutheilen; allein diese Worte selbst hatten schon zu sehr
auf meine Leichtgläubigkeit eingewirkt, als daß ich diese Regung wieder
unterdrücken konnte. Außerdem schien es mir ein Verrath zu sein, da
doch der Gefangene der Ehrlichkeit meines Gesichts vertraut hatte. Meine
Eigenliebe fühlte sich zu sehr geschmeichelt, als daß ich ein solches
Lob Lügen strafen konnte. Ich habe ja eben gesagt, daß diese Leidenschaft
sich von Allem nährt, es ist keine Hand so schmutzig, daß sie sich nicht
gern davon streichen ließe.
Nach der Unterhaltung, die mich zum Fenster gelockt hatte, blieb der
Gefangene ruhig und ich kehrte zu meinem Maikäfer zurück.
* * * * *
Welches Entsetzen! das Unheil war groß, unverbesserlich! schnell ergriff
ich den Urheber und warf ihn zum Fenster hinaus, dann betrachtete ich mit
Schrecken die verzweifelte Geschichte.
[Illustration]
Ein langer schwarzer Streifen lief vom vierten Kapitel =de bello gallico=
gerade durch zum linken Rande; da war dem Thiere der Schnitt zu steil
gewesen, um hinabzuklettern, und es hatte sich wiederum nach dem rechten
Rande umgedreht. Jetzt war es nördlich gewandelt und hatte beschlossen,
mittelst des Dintenfasses das Buch zu verlassen, war aber dabei den
sanften, glatten Abhang hinuntergeglitten in den Abgrund, in die Gehenna,
in die Dinte, zu seinem Verderben und meinem.
Jetzt hatte der Maikäfer leider zu spät bemerkt, daß er nicht auf der
rechten Straße sei, und den Weg zurückzugewinnen versucht: von Kopf bis
zu den Füßen in Schwarz gehüllt, war er wieder aus der Dinte gekrochen
und zum vierten Kapitel =de bello gallico= zurückgekehrt, wo ich ihn, der
keinen Begriff davon hatte, fand.
Das waren entsetzliche Flecken; Seen, Flüsse, eine ganze Kette von
Kreuz- und Querstrichen, ohne Geschmack, ohne Genie.... ein schwarzes,
abscheuliches Bild!!
Ach! das Buch, das Buch war eine Elzevir-Ausgabe meines Lehrers, ein
Elzevir in Quarto, ein seltener, kostbarer, unersetzlicher Elzevir, der
mir aufs eindringlichste auf die Seele gebunden war. Ich war unrettbar
verloren.
* * * * *
Ich fing die Dinte mit Löschpapier auf, ich trocknete das Blatt und dann
begann ich meine Lage zu überdenken.
Ich empfand mehr Angst als Gewissensbisse; am meisten fürchtete ich mich,
daß ich den Maikäfer bekennen mußte. Wie schlimm mußte nicht mein
Lehrer diesen schändlichen Zeitvertreib ansehen, für einen Knaben
von meinen Jahren, wie er zu sagen pflegte, diesen so kindischen und
wahrscheinlich höchst unmoralischen Zeitvertreib. Das machte mich zittern.
Satan, dessen ich mich in dem Augenblicke nicht versah, trat heran und bot
mir Auswege dar. Satan fehlt niemals zur Stunde der Versuchung; er gab mir
eine ganz kleine Lüge an die Hand. Während meiner Abwesenheit wäre
die verwünschte Katze des Nachbars ins Zimmer gekommen und hätte das
Dintenfaß auf das vierte Kapitel =de bello gallico= geworfen. Da ich nun
aber während der Arbeitsstunden nicht ausgehen durfte, so wollte ich
meine Abwesenheit dadurch rechtfertigen, daß ich eine Feder hatte kaufen
müssen. Da aber in einem Schranke noch genug Federn zu meiner Verfügung
lagen, so hatte ich gestern beim Baden den Schlüssel verloren. Und da ich
nun gestern keine Erlaubniß gehabt hatte, baden zu gehen und wirklich auch
nicht dort gewesen war, so setzte ich voraus, daß ich ohne Erlaubniß
dort gewesen und durch das Geständniß dieses Fehlers meiner kunstreichen
Erfindung ungemein viel Wahrscheinlichkeit verlieh, wie sich auch zu
gleicher Zeit meine Gewissensangst verminderte, da ich mich ja offenherzig
eines Fehlers anklagte, was mich in meinen Augen fast....
[Illustration]
Schon war der sinnreiche Plan ganz fertig, als ich Herrn Ratins Schritte
auf der Treppe vernahm.
In meiner Verwirrung schlug ich das Buch zu, öffnete es wieder, schlug
es nochmals zu und öffnete es rasch aufs neue, damit der Flecken selber
spräche, und mir wenigstens die Unannehmlichkeit des ersten Geständnisses
ersparte....
* * * * *
Herr Ratin kam, um mir Stunde zu geben; er legte den Hut ab, rückte
den Stuhl an, setzte sich und schnaubte sich, ohne das Buch zu sehen. Um
Fassung zu bekommen, schnaubte ich mich ebenfalls. Auf diese Bewegung hin
sah Herr Ratin mich groß an; es war ja die Nase dabei im Spiel.
Anfangs merkte ich nicht, daß Herr Ratin eine Absicht darin vermuthete,
daß ich zu gleicher Zeit mit ihm das Schnupftuch zog. Ich bildete mir
also ein, er habe den Flecken gesehen und schlug die Augen nieder. Sein
forschendes Schweigen brachte mich weit mehr außer Fassung, als seine
Fragen, auf welche ich Antworten bereit hatte, vermocht hätten. Endlich
sprach er mit feierlichem Tone: Julius! ich lese auf Deinem Gesichte...
-- Nein, Herr... -- Ich lese, sage ich Dir... -- Nein, Herr, es ist die
Katze... unterbrach ich ihn.
Hier wechselte Herr Ratin die Farbe. Meine Antwort schien ihm im höchsten
Grade alle denkbaren Grenzen der Ehrerbietigkeit zu übersteigen, und
er begann bereits sich zu ereifern: da fielen seine Blicke auf den
entsetzlichen Flecken. Dieser Anblick übte einen gewaltigen Schlag auf
ihn, der in Wechselwirkung auf mich überging.
[Illustration]
Jetzt war es Zeit, den Sturm zu beschwören. -- Herr, als ich ausgegangen
war... die Katze... um eine Feder zu kaufen... die Katze... weil ich den
Schlüssel verloren... gestern beim Baden... die Katze... Je weiter ich
sprach, desto heftiger wurde Herrn Ratins Blick, so daß ich ihn zuletzt
nicht mehr ertragen konnte, ich wurde verwirrt und bekannte gleich von
vornherein mein Vergehen. -- Ich lüge... Herr Ratin... ich selbst habe das
Unheil angerichtet!
Und nun entstand eine große Stille.
* * * * *
Wundere Dich nicht, sagte Herr Ratin endlich mit feierlicher Stimme, wenn
das Uebermaß meines Unwillens die Gewalt desselben zusammenpreßt
und seinen Ausbruch verzögert. Ja, es fehlen mir sogar die Worte, um
auszusprechen... hier kam eine Fliege... ein Kitzel von Lachen durchzuckte
mein Gesicht.
Es entstand aufs Neue ein tiefes Schweigen.
[Illustration]
Endlich stand Herr Ratin auf. -- Du wirst zwei Tage das Zimmer hüten,
um über Deine Aufführung nachzudenken, unterdeß werde ich überlegen,
welche Maßregeln ich in einem so ungewöhnlichen Falle zu treffen habe...
Damit ging Herr Ratin, schloß das Zimmer zu und nahm den Schlüssel mit.
* * * * *
Das offene Bekenntniß meiner Schuld hatte mich erleichtert, die Entfernung
des Herrn Ratin ersparte mir die Scham; so schienen mir die ersten
Augenblicke meiner Gefangenschaft eine wonnige Freiheit zu sein; ohne die
Verbindlichkeit, zwei Tage lang an meinen Fehltritt zu denken, würde ich
mich sehr gefreut haben, wie man es nach einem entscheidenden Augenblicke
zu thun pflegt.
[Illustration]
Ich ging also ans Bedenken, aber die Gedanken wollten mir nicht recht
kommen. Als ich meinen Fehler so recht gründlich erkennen wollte, fand
ich daran nichts übles als die Lüge, und die hatte ich ja augenblicklich
durch mein Geständniß wieder gut gemacht; noch obendrein hatte ich dies
aus freien Stücken gethan. Indessen der guten Ordnung willen bestrebte ich
mich Reue zu empfinden, und als ich merkte, wie viel Mühe es mir machte
wirklich dazu zu gelangen, begann ich zu fürchten, daß mein Herz wirklich
schon sehr schlecht und verdorben sei, wie Herr Ratin behauptete, und ich
faßte ganz zerknirscht den Entschluß, in Zukunft nicht mehr zu lachen.
* * * * *
[Illustration]
Wie ich eben im besten Zuge war, kommt just der Pastetenmann über die
Straße; es war dies seine Stunde. Natürlicherweise trat der Gedanke,
Pasteten zu essen, sogleich vor meine Seele; ich machte mir jedoch ein
Gewissen daraus, in einem Augenblicke, wo ich mich mit meiner Seele
beschäftigen sollte, einem fleischlichen Gelüste nachzugeben. Also ließ
ich den Burschen harren und schreien und blieb ruhig in meinem Stübchen
sitzen.
Man muß aber so einen Pastetenmann kennen, um zu wissen, wie hartnäckig
er seine Kunden verfolgt. Der meinige sah mich durchaus nicht, ließ sich
aber dadurch nicht irre machen, sondern fuhr mit unverwüstlichem Vertrauen
auf meine Leckerei fort zu rufen. Blos ein einziges Wörtchen setzte er
seinen Pasteten noch hinzu, die dringende Mahnung: _ganz frisch_; aber
dieser Zusatz brachte eine gewaltige Verwirrung in meine Moralität.
Glücklicherweise ertappte ich mich noch und brachte alles wieder in
Ordnung.
* * * * *
Um indeß den ehrenwerthen Handelsmann draußen nicht länger im Irrthum zu
lassen und um seine kostbare Zeit zu bringen, trat ich an's Fenster, um ihm
zu sagen, daß ich heute keinen Kuchen nehmen würde.
[Illustration]
-- Geschwind! rief er, ich hab's eilig... Ich hab' ja schon gesagt, daß er
mehr Glauben an mich hatte als ich selber.
Nein, versetzte ich, ich habe kein Geld.
's thut nichts.
Und dann habe ich auch keinen Hunger!
Nicht wahr!
Und bin auch sehr beschäftigt.
D'rum schnell!
Ja, ich bin auch eingeschlossen.
Ach, Sie haben mich zum Besten, sprach er und nahm den Korb, als wolle er
gehen.
Diese Bewegung übte einen wunderbaren Eindruck auf mich. -- Halt, rief ich
ihm zu.
Einige Augenblicke darauf wandelten zwei Pasteten.... ganz frische!...
in einer Mütze, die kunstreich an einem Bindfaden befestigt war, in die
Höhe.
* * * * *
Dummes Thier von Maikäfer, dachte ich und verzehrte meinen Kuchen, --
hat vier Flügel zum Fliegen und fällt in ein Dintenfaß! Ohne diese
unbegreifliche Dummheit hätte ich meine Aufgaben ruhig gemacht, wäre
artig gewesen, Herr Ratin zufrieden und ich auch; keine Lüge, keine
Einsperrung... Dummkopf von Maikäfer.
[Illustration]
Ha! kein übler Gedanke das! Ich hatte den Sündenbock gefunden, dem ich
einen nach dem andern alle meine Fehltritte auflud, und mein Gewissen nahm
wieder eine glückliche Ruhe an. Nicht wenig, bilde ich mir ein, trug dazu
bei, daß die Entrüstung des Herrn Ratin so stark gewesen war, um ganz
und gar zu vergessen, mir Arbeiten aufzugeben. Ach! zwei Tage und keine
Arbeiten!... Das war vielleicht unter allen Strafen mir die willkommenste!
* * * * *
[Illustration]
Einmal mit meinem Gewissen abgefunden und zwei Festtage vor mir, wollte ich
einige Veränderungen vornehmen, die mir zur Verschönerung meines Zimmers
vorzüglich schienen. Die erste war, daß ich den Elzevir, das Wörterbuch
und alle Bücher und Arbeitshefte aus dem Gesichte räumte. Als dies
geschehen, empfand ich ein so herrliches als neues Gefühl, und es war, als
hätte man mich von Banden befreit. In meiner Gefangenschaft also sollte
ich zum ersten Male den ganzen Reiz der Freiheit kennen lernen.
Welch' herrliches Gefühl! Mit vollem Rechte schlafen, nichtsthun, träumen
zu können... und dies in einem Alter, wo uns unsere eigene Gesellschaft so
süß, unser Herz so reich an entzückenden Unterhaltungen, unser Geist in
seinen Genüssen so leicht befriedigt ist; wo Luft, Himmel, Land, Mauern,
Alles etwas hat, das zu uns spricht, uns bewegt; wo eine Akazie eine Welt,
ein Maikäfer ein Kleinod ist! Ach! daß ich diese glücklichen Stunden
nicht wieder zurückrufen, diese bezaubernde Lust nicht wiederfinden kann!
Wie bleich ist heut' zu Tage die Sonne! Wie langweilig sind die Stunden,
wie undankbar die Mußezeit!
Ich begegne meiner Feder alle Augenblicke über diesen Gedanken. Jedes Mal,
wenn ich schreibe, drängt es mich, denselben auszusprechen; ich hab' es
tausendmal gethan und werde es ferner thun. Umsonst hat das Glück mich
geleitet, umsonst haben die Jahre mir jegliches seinen Zoll an Gütern
gebracht, umsonst gehen die Tage rein und klar auf: diese Erinnerungen
von einst verwischt nichts aus meinem Herzen. Je älter ich werde, desto
jugendfrischer erscheinen sie mir und desto mehr find' ich eine Ursache
schwermüthiger Betrübniß darin. Ich besitze mehr, als ich je begehrte,
allein das Alter, wo man begehrt, sehne ich zurück: die wirklichen
Güter erscheinen mir bei weitem nicht so genußreich, als die leere
aber funkelnde Wolke, welche mich damals umhüllte und mich in stetem
Freudenrausche erhielt.
Frische Maimorgen, blauer Himmel, lieblicher See, ich sehe euch noch,
aber.... wo ist euer Glanz geblieben, was ist aus eurer Klarheit geworden,
wo ist jener unbeschreibliche Zauber von Freude, Geheimniß, Hoffnung
geblieben! Ihr gefallt meinen Augen, aber ihr füllet meine Seele nicht
mehr; ich bleibe kalt bei eurem lachenden Entgegenkommen; um euch noch
ferner zu lieben, bedarf's, daß ich in die Jahre zurücksteige, daß
ich in eine Vergangenheit zurückfliehe, die nimmer wiederkehren wird! O
Traurigkeit, o bitteres Gefühl!
Dies Gefühl findet man im Grunde aller Poesie, wenn es nicht die
Hauptquelle derselben ist. Kein Poet lebt von der Gegenwart, alle sehnen
sich zurück: ja mehr noch: durch die Täuschungen des Lebens zu jenen
Erinnerungen hingezogen, werden sie darin verliebt; sie umkleiden dieselben
mit einem Reize, den die Wirklichkeit nicht hatte, sie verwandeln ihr
Sehnen in Schönheit, womit sie dieselben schmücken, und indem sie sich
nach Herzensgelüst ein herrliches Traumbild schaffen, weinen sie, daß sie
verloren, was sie nimmer besaßen.
* * * * *
In diesem Sinne ist die Jugend das Alter der Poesie, die Zeit, wo dieselbe
ihre Schätze sammelt, nicht aber, wie Einige glauben, die, wo sie davon
Gebrauch machen kann. Sie weiß nichts mit dem lautern Golde anzufangen,
welches um sie herum gehäuft ist. Aber laßt die Zeit kommen und ihr
Stück um Stück entreißen, dann fängt sie eben, indem sie derselben die
Beute streitig macht, an zu begreifen, was sie besaß; aus dem Verluste
erkennt sie ihren Reichthum, aus dem Schmerze die entschwundenen Freuden.
Dann schwillt das Herz, die Einbildungskraft entflammt sich, der Gedanke
reißt sich los und schwingt sich zu den Wolken... dann singt Virgil!
* * * * *
Doch was soll man zu jenen unbärtigen Poeten sagen, die in jenem
Alter singen, wo, wenn sie wahrhaft Poeten waren, ihr ganzes Sein nicht
zureichte, um zu empfinden, sich in der Stille an jenen Düften zu
berauschen, die sie einzig und allein später in ihre Verse ausströmen
können.
Es gibt frühreife Mathematiker, wie Pascal beweist; aber Poeten, nein. Ein
sechzigjähriger Homer ist weit denkbarer als ein Lafontaine als Kind.
Vor zwanzig Jahren können wol einzelne Schimmer durchbrechen, allein vor
diesem Alter und noch drüber hinaus hat kein poetischer Genius seine Reife
erreicht. Viele freilich strecken ihre Flügel weit eher aus: schwacher
Aufflug, rascher Fall; dafür, daß sie zu zeitig den Flug unternahmen,
liegen sie bald auf dem Boden. Zeitungen, Coterien, das ist euer Werk, hebt
sie nun auch wieder auf!
Lafontaine verkannte sich sehr spät noch, vielleicht gar sein ganzes
Leben; doch ist das nicht eben sein Geheimniß? Leset, ich bitte euch,
seine Vorreden. Kann er's glauben, daß er ein besserer ist, als alle
Welt? Und das ist keine Bescheidenheit; er hatte einzig und allein nicht
Eitelkeit genug, um bescheiden zu sein; es ist einfache, ungekünstelte
Natur, reine Gutmüthigkeit. Er singt, weil's ihm Vergnügen macht, nicht
weil er sich den Beruf beilegt, nicht weil er's sich zur Aufgabe gemacht
hat; er singt und von seinen Lippen fließt der Strom der Poesie.
Er war dumm, wie man weiß. Er überredete sich, daß Phädrus sein Meister
wäre; er vergaß Ludwig den Großen zu loben; ohne daran zu denken,
beleidigte er die Marquis und blieb deshalb ohne Unterstützungen. In der
That, ein großer Tropf im Vergleich mit so vielen geistreichen Poeten!
* * * * *
Als ich Bücher und Hefte hatte verschwinden lassen, kam ich doch ein wenig
in Verlegenheit, was denn nun beginnen? Indem ich darüber nachsann,
ließ sich seitwärts im Zimmer ein Geräusch vernehmen. Ich sah durch's
Schlüsselloch: es war die Katze aus der Nachbarschaft, welche mit einer
ungeheuern Ratte Krieg führte.
Anfangs nahm ich Partei für die Katze, die zu meiner Freundschaft
gehörte, und ich erkannte, daß der Beistand meiner Wünsche ihr nicht
unnütz sein dürfe, denn schon war sie an der Schnauze verwundet und griff
ihren beherzten Gegner nur noch zaghaft an. Als ich indeß einige Minuten
lang dem Kampfe zugeschauet hatte, begann der Muth und die Gewandtheit der
Schwächern angesichts eines so schrecklichen Feindes meine Theilnahme zu
erregen, so daß ich beschloß, durchaus parteilos zu verharren.
Allein bald erfuhr ich, daß es gar schwer ist, parteilos zu bleiben, das
heißt, gleichgiltig zwischen Katze und Ratte; zumal als ich bemerkte, daß
Ratte und ich in Betreff der Elzevirs eines Sinnes waren. Traun! das Thier
hatte sich in dasselbe Loch verschanzt, welches seine Zähne im Schooße
eines dicken auf der Erde liegenden Folianten gegraben hatten. Ich
beschloß die Ratte zu retten und that einen gewaltigen Fußtritt gegen die
Thüre, um den Kater zu erschrecken; dies gelang mir so vortrefflich, daß
das Schloß aufsprang und die Thür sich öffnete.
* * * * *
[Illustration]
Es gab nichts mehr drinnen als den Folianten: der Feind verschwunden, von
meinem Schützling keine Spur. Ich aber befand mich nichts desto weniger in
bedenklicher Lage.
Dies Zimmer enthielt einen Theil der Bibliothek meines zur Zeit abwesenden
Oheims; eine stäubige Rumpelkammer, ringsum mit alten Scharteken
angefüllt. In der Mitte eine zerfallene Elektrisirmaschine und einige
Kasten voll Mineralien, gegen das Fenster zu ein alterthümlicher
Lehnstuhl. Der Bücher wegen hielt man dies Zimmer stets verschlossen,
nämlich damit ich nicht hineingeriethe. Mußte Herr Ratin davon reden, so
geschah's geheimnißvoll und wie von einem verrufenen Orte. Unter solchen
Umständen kam der Zufall meiner Neugierde ausgezeichnet zu Hilfe.
Ich wollte Physik treiben, aber die Maschine ging nicht und ich machte
mich über die Mineralogie; von hier aus gerieth ich auf den Folianten. Die
Ratte hatte großartig darin gearbeitet; vom Titel las man nichts mehr als
Dictio... Ein Dictionnaire! dachte ich, nun das Buch ist doch eben nicht
gefährlich. Was für ein Wörterbuch?... Ich öffnete den Band. Oben auf
der Seite stand der Name eines Frauenzimmers; darunter krauses Zeug mit
Latein dazwischen; unten Anmerkungen. D'rin war von Liebe die Rede.
Auf den ersten Blick war ich sehr überrascht. In einem Wörterbuch! wer
hätte das gedacht! Von Liebe in einem Wörterbuch! Ich konnte gar nicht
davon abkommen. Die Folianten haben aber ihr Gewicht, ich ging also und
setzte mich in den Lehnsessel neben das Fenster und kümmerte mich für
den Augenblick nicht im mindesten um die prächtige Landschaft, welche der
Fensterrahmen einschloß.