Der hat dem Schauspieler Shakespeare, mit dem er Umgang pflog, diese

Werke zugetraut.

Was für Narren wären wir, wenn wir bloß darum daran zweifelten, weil

unsre Kenntnis der Person Shakespeares weniger intim ist als seine!

Diese Zeugnisse könnten aber nun gehäuft werden.

Im Anfang von Shakespeares Londoner Laufbahn erscheint eine Schrift aus

dem Nachlaß des Dramatikers Robert Greene, eines Gelehrten: darin warnt

er in bittern Worten vor den Schauspielern, die sich jetzt auch als

Dramatiker auftun; mit einem deutlichen Hinweis auf Shakespeare, der

„in dem Wahne lebe, der einzige ~Shake-scene~, Bühnenerschütterer

im Lande zu sein“.

Ein paar Monate darauf erklärt der Herausgeber dieser Schrift, Henry

Chettle, sein Bedauern über diesen Angriff auf Shakespeare: „ich habe

mich persönlich davon überzeugt, daß seine höflichen Umgangsformen

seinen Vorzügen, die ihn in seinem Berufe auszeichnen, in nichts

nachstehn. Überdies wissen einige angesehene Persönlichkeiten von

seiner rechtschaffenen Handlungsweise -- als Beweis für seine

Ehrenhaftigkeit -- und von der glücklichen Anmut seines Stils -- als

Beweis für seine Kunst -- zu erzählen.“

Genug, zu viel schon davon: ob es uns lieb ist oder leid: der Verfasser

der gewaltigen Dichtungen ist 1564 in Stratford geboren und 1616 dort

gestorben und war zwischenhinein Schauspieler in London.

Sind wir nun so weit, so möchten wir uns gern ein Bild von seiner

äußern Gestalt, seiner Leiblichkeit, seinem Gesicht machen; das ist uns

für die Persönlichkeit sehr wichtig. Aber da hapert es sehr, -- wie

es mit all diesem Persönlichen, was Überlieferung von Tatsächlichem

angeht, fast in allen Stücken hapert.

Der elegante Mann mit dem schönen Bart, wie er vor den meisten

Shakespeare-Ausgaben steht, oder wie man ihn, im Hofgewand und mit

einer begeistert-anmutigen Gebärde vor der Königin Elisabeth -- man

tut’s nicht billiger -- auf Ölgemälden und Stahlstichen vorlesen sieht,

-- diese Gestalt mit diesem nichtssagend glatten Gesicht geht auf

das sogenannte Chandos-Porträt zurück, das in London in der National

Portrait Gallery hängt und erst lange nach Shakespeares Tod gemacht

ist. Es spricht gar nichts für diese Ähnlichkeit, -- denn es ist sehr

unähnlich den beiden Abbildungen, in denen seine Bekannten ihn doch

wenigstens irgendwie erkannten und die untereinander übereinstimmen.

Das ist einmal die Büste in der Stratforder Kirche, nicht weit vom

Grab, ein paar Jahre nach dem Tod von der Familie aufgestellt: ein

elendes Machwerk, fabriziert von dem holländischen ~tomb-maker~

Jansen, der sein Geschäft in London betrieb. Immerhin wird er

Shakespeare gekannt haben, vielleicht hat er gar nach einer Totenmaske

gearbeitet; und die Familie wird ja wohl zufrieden gewesen sein.

Hier sei gleich gesagt, daß der tote Shakespeare in Stratford und von

seiner Familie nach Verdienst gewürdigt wurde, wenn auch wie alles, was

von dieser Seite kam, abgeschmackt. Unter der Büste stehen schlechte

lateinische und wenig bessere englische Verse, die lauten:

„Nestors Einsicht, des Sokrates Geist und die Künste Vergils

Decket die Erde, betrauert das Volk, hat der Olymp.“

Und englisch:

„Steh, Wandrer, warum willst du so schnell vorbei?

Lies, wenn du kannst, wen der neidische Tod hier gebettet,

In diesem Grabmal Shakespeare, mit dem die flinke Natur starb,

Dessen Name dies Monument mehr schmückt als der Kostenaufwand,

Denn alles, was er schrieb, läßt die überlebende Kunst zurück

Wie einen Pagen, sein Genie zu bedienen.“

Das andre Bild steht als Kupfer vor der Folioausgabe, rührt wiederum

von einem Holländer, Martin Droeshout, her und ist ein kümmerliches

Machwerk.

Aber eine äußere Ähnlichkeit mit der Stratforder Büste kann

herausgefunden werden, und überdies hat es Ben Jonson gelobt.

Wir haben nun zwar seit 1892 auch ein Ölgemälde, das in Stratford

entdeckt wurde, und das die Jahreszahl 1609 trägt: gleichviel, wie

es entstanden ist, jedenfalls gibt es nur in nicht viel besserer

Handwerksmanier dasselbe Gesicht wieder, wie der Stich vor der

Gesamtausgabe.

Man kann aber, wenn man sich in eines dieser Machwerke, die offenbar

eine gewisse äußere Ähnlichkeit haben, versenkt, sie von innen heraus

beleben und dann einen Augenblick lang einen Eindruck wie von einem

großen Lebenden haben.

Dazu helfen kann nun die wunderschöne sogenannte Darmstädter Totenmaske

oder eine Abbildung von ihr. Die ist in den 40er Jahren in Darmstadt

aufgetaucht und befindet sich noch da in Privatbesitz. Die Ähnlichkeit

besonders mit der Stratforder Büste ist groß, außerordentlich: während

die aber leer und albern dreinblickt, hat die Maske einen wunderbar

ernsten großen Ausdruck. Ich halte sie für ein Meisterwerk -- wie die

Tiara des Saitaphernes; womit ich schon sage, daß ich sie für eine

großartige Fälschung halte (Herman Grimm und andere sind begeistert für

die Echtheit eingetreten).

Aber so stelle ich mir Shakespeare vor, weil diesen Ausdruck auch die

authentischen Bilder annehmen, wenn man sie zu beleben versucht.

Zu Shakespeares Leben und zur Shakespeare-Biographie: -- das ist nicht

das nämliche!

Vier Elemente bezeichnen Shakespeares Leben: Leidenschaft oder

Trieb -- Innigkeit oder Seele -- überlegener Geist oder Verstand --

Menschenfreundlichkeit (~humane gentleness~).

Vier Elemente ganz andrer Art bezeichnen die Shakespeare-Biographie:

Dürre oder Leere -- Hypothese -- Komik -- und Langeweile.

Wie viele solcher dickleibigen Werke gibt es, in einem oder zwei

Bänden, die alle so aussehen:

Eine Schilderung der Zeit -- Beschreibung der Lage Stratfords -- des

Lebens in solchen Städten -- sehr Ausführliches über die damaligen

Theaterverhältnisse -- eine Abhandlung über den Modestil des Euphuismus

-- ausführliche Analysen sämtlicher Stücke Shakespeares -- und

zwischenhinein gestreut die meist gänzlich unwichtigen zufälligen

Dokumente, die sich auf Shakespeare und seine Familie beziehen, ein

paar dürre Nachrichten, und Vermutungen über Vermutungen, Behauptungen

über Behauptungen!

Überall aber geht es so zu, wie es naiv genug einer der Biographen in

seinem Vorwort bekennt:

„Manche Behauptung stützt sich mehr auf Vermutung und Kombination

als auf sicheren Beweis. Ich habe solche Angaben mit allem Vorbehalt

gemacht, aber die Natur des Werkes bringt es mit sich, daß auf diesen

nicht ganz zuverlässigen Steinen später weitergebaut werden mußte.“

Ein paar Beispiele für dieses Verfahren, aus einem der kürzesten,

tatsächlichsten dieser Art Bücher, das von Dowden verfaßt ist:

„Shakespeare wurde sicherlich in die Stratforder Lateinfreischule

geschickt.“ Das heißt: man weiß gar nichts davon. -- Der nächste Satz:

„Dort lernte er nicht bloß Englisch, sondern auch etwas Latein und

vielleicht ein klein wenig Griechisch.“ Ein paar Sätze weiter: „Daß er

seine lateinische Grammatik auswendig konnte, kann fast mit Sicherheit

angenommen werden.“

So geht es durchweg: Schauspieler waren in Stratford -- der Vater mag

den kleinen William mitgenommen haben; ein Fest in Kenilworth: „der

Vater dürfte mit dem vor ihm auf dem Sattel sitzenden Buben hinüber

geritten sein.“

Aus der Schule, von der wir bloß nicht wissen, ob er je drin war,

mußte Shakespeare sehr wahrscheinlich wegen des Vermögensverfalls

herausgenommen werden, der indessen auch nicht feststeht.

Wenn wir schon Tatsachen dichten wollen, was bindet uns denn z. B.

an die armselige Lateinfreischule? Kann denn nicht ein gelehrter

Pfarrer oder Gutsherr oder ein Mönch wie Pater Lorenzo, oder mehrere

der Art hintereinander sich des Wunderkindes, des genialen Jünglings

angenommen und ihn zu Büchern geleitet haben?

Und so durchweg, das ganze Leben hindurch!

Und nun will ich die gesicherten nackten Tatsachen aufstellen, die uns

etwas angehn; zwischen diesen Grundpfeilern darf und soll die Phantasie

arbeiten, die vom Dichter, seinen Werken aus fühlen, nicht aber

Tatsachen erdichten soll.

Eine kleine Landstadt -- Fluß, Felder, Wiesen, Wälder. Ländliches,

zunftmäßiges Handwerk; die Gemeindeverfassung ganz mittelalterlich.

Was der junge William trieb, wissen wir nicht. Gerüchte allerlei Art

besagen nur, was wir uns sowieso denken müssen: daß eine glühende

Jugendnatur in der Enge wild und schäumend wurde.

Für das Gerücht von der Wilddieberei und den Konflikten mit dem

Gutsherrn gibt es tatsächliche Anhaltspunkte: da muß etwas dran sein.

Etwa 18½ Jahre alt heiratet William Shakespeare; eilig, mit nur

einmaligem Aufgebot und besonderer Erlaubnis des Bischofs. Die erfolgt

November 1582; Mai 1583 ist das erste Kind da, die Tochter Susanna.

Shakespeares Frau, Anna Hathaway, ist acht Jahre älter als er: 18:26.

Daß es da stürmisch, unregelmäßig herging, ist sicher.

Zwei Jahre darauf, 1585, gibt es Zwillinge: der Sohn Hamnet, der dann

als Elfjähriger in Stratford starb, die Tochter Judith.

Von 1592 an ist Shakespeare in London als Schauspieler und

Theaterdichter bekannt.

Wann er dahin gekommen ist, ob er einfach ausgerissen ist, wann er mit

Dichten anfing, wo er die Bildung her hatte, die sich von allem Anfang

an zeigt: nichts von alledem wissen wir; in nichts ist unsre Phantasie

behindert; keine Tatsächlichkeit stellt uns vor eine Unmöglichkeit oder

Unwahrscheinlichkeit.

Nicht die geringste Nachricht, daß seine Frau und die Kinder je in

London gewesen wären.

Dagegen wissen wir, daß Shakespeares Beziehungen zu Stratford nie

abbrachen, daß er früh begann, dort Grundstücke zu erwerben.

In den Sonetten sehen wir ihn manchmal -- schwermütig die Trennung vom

Freund beklagend -- über Land reiten.

1592 erscheint Heinrich VI., erster Teil auf der Bühne, 1593, 94

erscheinen seine beiden Gedichtbände, von ihm selbst herausgegeben, von

1597 an ununterbrochen hintereinander im Anschluß an Aufführungen die

Quartbändchen, die seine Dramen drucken.

1598 nennt ihn Meres als großen Dichter und zählt 12 seiner Stücke auf.

1599 erlangt der alte Shakespeare das Recht, ein Wappen zu führen;

damit gehören er und seine Nachkommen zur ~gentry~, einer Art

niedern Adels oder erhöhten Bürgertums; in den Dokumenten erscheint

der Dichter-Schauspieler jetzt als William Shakespeare, „Gentleman aus

Stratford“.

Er erwirbt ganz ansehnliche Grundstücke in Stratford; auch ein Haus in

London.

1607 heiratet seine Tochter Susanna, 24 Jahre alt, den Arzt John Hall,

1608 kommt sein Enkelkind Elisabeth zur Welt († 1670, und damit war

Shakespeares Nachkommenschaft zu Ende).

Von 1612 an etwa -- der Tradition zufolge -- wird Shakespeare wieder

seinen Wohnsitz in Stratford gehabt haben.

Januar 1616 erster Entwurf des Testaments, das dann wieder weggelegt

wird. Februar heiratet, 31 Jahre alt, die Tochter Judith einen

Stratforder Weinhändler.

Am 25. März: Testament.

Am 23. April -- nach unserm Kalender 3. Mai -- starb er.

Die Grabschrift auf dem Grabstein -- ich habe sie schon erwähnt -- wird

von der Tradition auf ihn selbst zurückgeführt:

„Um Jesu willen, Freund, laß ab,

Den Staub zu stören hier im Grab.

Gesegnet der, so schont die Stein’!

Verflucht, wer rührt an mein Gebein!“

Der Ton ist der übliche etwas bänkelsängerische Grabsteinton; die

Stimmung entspricht den Gedanken, die wir aus den Sonetten kennen:

Kümmert euch nicht um den Würmerfraß! laßt mich da drunten in Ruhe!

In der Tat ist das Grab nie geöffnet worden, obwohl die

Shakespeareforscher und Kuriosen immer wieder Lust dazu verspürten und

die arme kranke Miß Bacon es jahrelang umkreiste und dort die Lösung

des Rätsels suchte.

Und nun, wo in diesen kahlen Umrissen eines Lebens so unendlich viel

Platz ist, atmen wir einmal auf, denken wir einen Augenblick an den

unsäglichen Reichtum von Lebendigkeit aus Zeiten und Schicksalen in den

Werken dieses Dichters, hören wir eine Stimme aus einer der Tragödien.

Bürger Roms, leidenschaftlich aufgepeitschte wollen wir sein, eben ist

der große Cäsar ermordet worden, Antonius steht auf dem Forum über dem

Leichnam und ruft in die Menge:

„Seht hier dies Pergament mit Cäsars Siegel,

Ich fand’s bei ihm, es ist sein letzter Wille.

Vernähme nur das Volk dies Testament,

* * * * *

Sie gingen hin und küßten Cäsars Wunden -- --“

Wie hat dieser Shakespeare die Größe, die Gehobenheit, die Erhabenheit

des gebietenden, des über seinen Tod hinaus wirkenden Mannes immer

wieder gedichtet, gepriesen!

Wie hat er selbst, in der großen Stimmung, wenn er zu dem Freunde

sprach, hie und da immer wieder sich der Unsterblichkeit seiner Zeilen

versichert!

Dürften wir nicht, wenn wir das Testament William Shakespeares

vernehmen sollen, irgendwie ein Vermächtnis des großen Mannes, wenn

nicht an die Menschheit, nicht an sein Volk, so doch an gleichstrebende

Freunde erwarten? Eine Verfügung wenigstens über seine Schriften, seine

Manuskripte? Oder doch -- wir werden schon ganz bescheiden -- über die

Bücher seiner Bibliothek?

Aber nichts, nichts von alledem hören wir.

Ich gestehe aufrichtig, es überläuft mich jedesmal kalt, wenn ich an

Shakespeares Testament denke.

Die Echtheit ist nie bezweifelt worden, ist wohl auch nicht zu

bezweifeln, obwohl es keine saubere Reinschrift ist, sondern nur eine

erste Niederschrift mit Ausstreichungen und Einfügungen von seiten des

Notars (nicht Geistlichen). Von Shakespeare geschrieben ist darin nur

die sehr zittrige Unterschrift.

(Diese und noch ein paar Unterschriften unter Aktenstücken: das ist

alles, was wir von seiner Hand haben.)

Sehen wir von dem, was nicht da steht, ab, und ebenso von einer

kleinen nachträglich eingeschobenen Verfügung, so hat das Testament

im positiven Inhalt gar nichts Befremdliches: verfügt man über

wirtschaftliche Güter, so kann es sich nur um wirtschaftliche

Zweckmäßigkeit handeln. Shakespeares Besitz bestand im wesentlichen aus

Liegenschaften, und wie ein Bauer oder Edelmann hatte er den Wunsch,

daß diese Besitzung ungeteilt beisammen blieb. Sohn war keiner mehr

da; es sollten also die Häuser in Stratford und das in London und die

Grundstücke in Stratfords Umgebung alle an die älteste Tochter fallen,

von da nach dem Erstgeburtsrecht an Söhne; und gibt es in dieser

Linie keine Söhne mehr, an Söhne aus der Linie der zweiten Tochter

Judith. Die Linien starben aber beide schon in der nächsten Generation

aus. Judith wird mit 300 Pfund abgefunden, das sind nach heutigem

Geldwert etwa 48 000 Mark, die allmählich in Raten unter bestimmten

Bedingungen zu zahlen sind. Das bewegliche Vermögen fällt ebenfalls in

der Hauptsache der ersten Tochter anheim; dafür wird eben die zweite

mit Geld abgefunden. Legate werden ausgesetzt: für Shakespeares einzige

noch lebende Schwester, drei Schwestersöhne; zehn Pfund für die Armen

Stratfords, etwa 1600 Mark also; etliche Bekannte in Stratford; ferner

die drei ehemaligen Schauspielerkollegen Richard Burbage -- der die

größten Gestalten Shakespeares verkörperte --, John Heminge und Henry

Condell -- die dann die Werke herausgaben: die erhielten je 26 Shilling

8 Pence, über 200 Mark, für Ringe, die sie zu seinem Gedächtnis tragen

sollten; diese ~In-memoriam~-Ringe entsprachen einem Brauch der

Zeit.

In dem Entwurf, der dann Rechtskraft erlangte, ist nun ursprünglich

Shakespeares Frau, die ihn um 7 Jahre überlebte, mit keiner Silbe

erwähnt. Wäre sie unerwähnt geblieben, so könnten wir sagen, was die

ängstlich aufs Normale bedachten Biographen sowieso stark betonen: sie

war vor Not geschützt, sie hatte, woran kein Testament etwas ändern

konnte, ihr gesetzliches Witwenausgedinge: ein Drittel aller Einkünfte.

Schön: wer denkt an Not?

Aber die Tochter Susanna und ihr Mann erhalten alle

Einrichtungsgegenstände und Schmucksachen; deren Tochter Elisabeth

alles Silbergeschirr; die Tochter Judith eine vergoldete Schale;

Shakespeares Schwester seine sämtlichen Kleidungsstücke; seine Frau

zuerst nichts und dann, in einem nachträglich eingeflickten Sätzchen --

wer es nicht weiß, würde es nie erraten -- das zweitbeste Bett.

Wir wissen nichts; wissen nicht, ob die Ehe ganz zerfallen war; ob die

Frau krank, ganz siech oder gar schwachsinnig war, wissen auch nicht,

wie es um Geist und Gemüt William Shakespeares jetzt am Rande des

Todes, am Schluß eines körperlichen Verfalls, einer Zermürbtheit, die

er schon lange in sich gespürt hat, bestellt war, -- -- all das, was

ich hier sage, was ich kaum anzudeuten mich getraue, -- -- all das ist

möglich; wir wissen nichts. Wir wissen bloß, daß dasteht: für die Frau

das zweitbeste Bett, -- und daß das der Dichter des Lear, des Hamlet,

des Macbeth verfügt hat, dieses ganze Testament, und weiter nichts,

kein Wort. (Die christliche Eingangsphrase und die Versicherung... bei

guter Gesundheit, ohne Bedeutung.)

Ist das ein Rätsel? Halte ich mein Versprechen, daß ich wahrlich dieses

Rätsel nicht lösen werde, wie dieser glühendste, wildeste und innigste

aller Menschen -- ich sage nicht zu viel -- alles, worin er wahrhaft

lebte, abbrach und sich irgendwie ins Bürgerliche verkroch, um da mit

dem Leibe, am Ende gar noch vorher mit dem Geiste zu sterben?

Wir lösen es nicht, aber wir erblicken das ganze schauerliche Rätsel,

wenn wir unmittelbar nach diesem bürgerlichen Geschäftstestament das

geistige, das franziskanische Testament Shakespeares hören:

„Seele, o arme Seele, Kern im Kot,

Im sündigen, des Aufruhrs frevelmächtig!

Was quälst du dich im Innern, leidest Not.

Und kleidest deine Außenwände prächtig?

Was wendest du bei also kurzer Pacht

So große Kosten auf dein eitles Haus?

Daß einst der Wurm, der Erbe solcher Pracht,

Die Last auffresse? Geht dein Leib so aus?

Dann wag’s, auf Kosten dieses Knechts zu leben,

Und laß ihn darben, daß dein Schatz sich mehre;

Für Himmelsgut sollst Erdentand du geben,

Sei außen fürder arm, dein Innres nähre!

Den Menschenfresser Tod, o Mensch, verzehr!

Ist Tod erst tot, dann gibt’s kein Sterben mehr.“

Dieses 146. Sonett steht, in der letzten Abteilung der Sonette, mitten

in der Auseinandersetzung des Dichters mit dem Weibe, mit seinem

Weibe, der Art Weib, die ihm so arg zu schaffen machte.

Von seiner Frau rede ich hier nicht, von der Geliebten in London, die

die Frau eines andern gewesen war, der noch lebte.

~Fair is foul, and foul is fair~: schön ist wüst, und wüst ist

schön -- so haben wir es von den Hexen im Macbeth gehört.

Und ganz ähnlich klingt’s in dem ersten dieser Weibsonette: Schwarz

soll jetzt als Schönheit gelten, soll der Erbe der Schönheit sein, denn

Schönheit muß sich wie ein Bastard verstecken.

Jetzt, wo jede Hand künstlich die Kräfte der Natur anwendet und das

Häßliche schön macht -- ~fairing the foul~ -- jetzt lebt Schönheit

in Schmach und Verbannung.

Drum sind die Augen der Geliebten schwarz: sie tragen Trauer um die,

die, nicht schön geboren, doch der Schönheit nicht entbehren; doch

in ihrer Trauer werden sie schön, durch das Seelische, das aus ihnen

spricht.

Es ist zweifelnde Liebe, unwillige Liebe: der Dichter ist gespalten in

Trieb und Geist: oben wohnt einer, der sich wehrt; unten treibt etwas,

und es kann sich nicht frei machen.

Drum analysiert er sie, zerlegt ihre Reize.

Was ist denn an ihr?

Und -- fast gegen seinen Willen, so klingt es, so soll es klingen, denn

es ist ein Kunstwerk -- entsteht aus der kritischen Prüfung ihrer Reize

das Lob der Geliebten.

In lauter Skepsis ist es doch ein entzückend kecker Einfall, so zu

loben:

Ihre roten Lippen -- Korallen sind eigentlich röter; Schnee strahlt

doch noch heller als ihre Brüste... Ich hör’ sie gern reden, aber

Musik klingt doch noch schöner; eine Göttin hab’ ich zwar nie

wandeln sehen, aber den Boden berührt die Geliebte immerhin: --

„Und dennoch ist mein Lieb so wohlgefügt,

Wie irgendeins, von dem ein Dichter lügt.“

Aber dann kommen die so ganz andern Töne, wo er nicht mehr zweifelnd

spielt, sondern ingrimmig verzweifelt, wie wenn alles Heil verspielt

wäre.

Da ist das 129. Sonett, das ich Ihnen, als ich von Cleopatra sprach,

in Prosa mitteilte, möge es jetzt, wennschon viel verloren geht,

als Dichtung erklingen. Es wirkt noch stärker und schauriger, wenn

wir das wissen, daß es unmittelbar solchem Spiel folgt und wieder

vorhergeht. Solch ein Spiel mit kritischer Liebe, das nicht will,

aber muß, hat mancher Dichter, etwa Heine, auch getrieben; aber dann

diese irdisch-höllische Liebe in so wahrhaft biblisch-gewaltigen Tönen

verfluchen, das finden wir nur bei Shakespeare. Das Spielerische, das

Innige des Hohen Liedes ist da,

Schwarz bin ich und doch lieblich,

Ihr Töchter Jerusalems -- --,

aber bei Shakespeare wendet sich die ganze glühende Leidenschaftsgewalt

im selben Zusammenhang ebenso von der Liebe ab wie vorher und nachher

der Liebe zu.

Das ist die Notwendigkeit der Natur und des Geistes, wie er sie eben in

diesem Sonett erklärt:

„Geübte Wollust ist des Geists Verschwendung

In wüste Schmach; Wollust ist bis zur Tat

Meineidig, mördrisch, blutig, voll Verblendung,

Roheit, Ausschweifung, Grausamkeit, Verrat.

Genossen kaum, verachtet allsogleich,

Sinnlos erjagt, und wenn ihr Ziel errungen,

Sinnlos gehaßt, dem gift’gen Köder gleich,

Gelegt, um toll zu machen, wenn verschlungen.

Toll im Begehren, toll auch im Genuß;

Gehabt, erlangt, verlangend -- ohne Zaum;

Im Kosten Glück, gekostet Überdruß,

Im Anfang Seligkeit, nachher -- ein Traum.

Das alles weiß die Welt, doch keiner flieht

Den Himmel, der uns so zur Hölle zieht.“

Es muß im Ausdruck dieser Frau etwas bezaubernd Seelenvolles gewesen

sein, was sich dann in ihrem Tun und Lassen nicht bewährte.

Erinnern wir uns an das Bild, das er von Cleopatra, der hysterischen

und eben darin zauberhaften Frau, entworfen hat; so ähnlichen Eindruck

bekommen wir auch hier:

„Euch Augen bin ich hold, die voll Bedauern,

Derweil mich mit Verachtung quält dein Herz,

In schwarzem Schleier liebend mich betrauern,

Mit edlem Mitleid schauend meinen Schmerz.“

Und dann kommt die Entwicklung der äußern Handlung auch in diesem Teil:

bald spielerisch, bald in wild-vezweifelndem Ausbruch hören wir von dem

Verhältnis der drei Menschen zu einander:

„Kannst du dich nicht mit meiner Qual bescheiden,

Muß auch mein Freund ein Knecht der Knechtschaft sein?“

Und:

„Er ging von mir; du hast statt Eines Zwei;

Er zahlt das Spiel, und doch bin ich nicht frei.“

Und wie Antonius im Wutausbruch die zweideutige Geliebte wie eine

Dirne behandelt, so hören wir auch den Sonnettendichter Shakespeare

selbst seine Liebste „~the wide world’s commonplace~“, den

gemeinsam-gemeinen Jedermanns-Ort schelten.

Dann aber wird dieses Zwiefache, in dem jeder der drei Menschen steht,

wo sie zu dreien einen Reigen, einen Totentanz bilden, in dem jeder

den andern an der Hand hält, und ihre Plätze immer neu tauschen, wie

programmatisch auf die Höhe des ewigen Kriegs zwischen Seele und Leib,

zwischen irdischer und himmlischer Liebe gehoben:

„Zwei Lieben hab’ ich, die mein Trost und Bangen,

Die wie zwei Geister üben ihre Macht.

Der gute Geist ein Mann in Schönheitsprangen,

Ein Weib der böse, dunkel wie die Nacht.

Das weiblich Böse rüstet mich zur eil’gen

Verdammnis, drum entführt sie mir den guten,

Und wandelt’ gern zum Teufel meinen Heil’gen,

Sein Herz umbuhlend mit verruchten Gluten.

Ob er verwandelt, ob er rein geblieben,

Vermuten kann ich’s, kann es nicht bestimmen;

Doch weil die Zwei mich nicht, nur sich noch lieben,

Wird einer in des andern Hölle glimmen.

Allein mein Zweifel wird sich nimmer lösen,

Bis einst mein Engel flieht, versengt vom Bösen.“

Wahrhaftig, es gehört viel dazu, ein so arges, zweifelndes Trieb-

und Liebeserlebnis nicht bloß mildernd und stillend zum Spiel

hinabzustimmen, sondern es so, wie es hier geschieht, zur Höhe des

Symbols zu erheben.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 29 / 30 段