Was ihm, ihm im wirklichen, persönlichen Leben das Schicksal bereitet

hat, diese seine Freundschaftsliebe zu dem bestimmten hellen Mann,

diese seine Brunstliebe zu der dunklen Frau, und daß nun die beiden

sich zu einander, gegen einander wenden, das erlebt er als Gleichnis,

mit der Düsterkeit seines Gemüts als Verheißung trostlosen Ausgangs:

hat der böse Geist den guten ganz an sich gezogen, so ist sein, des

Dichters Schicksal erfüllt: die böse Macht hat gesiegt.

Hier empfindet er sein Leben und die Gewalten, die von außen in sein

Leben eingreifen, so, wie er’s im Macbeth dargestellt hat: innen und

außen -- es ist ein dämonischer Zusammenhang; wie der Träger der

Wünschelrute ein metallisches Element in sich hat, das die Metalle im

Erdinnern grüßt und lockt, so besteht eine geheime Kongruenz zwischen

den Strömen in unserm Gemüt und den Kräften und Wesen draußen, zu denen

es uns, die es zu einander von uns her hinzieht.

Mehr als einmal im Lauf dieser Vorträge habe ich auf einen großen Mann

des Geistes, einen Zeitgenossen und Landsmann Rembrandts, auf den

spanisch-holländischen Juden Spinoza hinzuweisen gehabt, der 16 Jahre

nach Shakespeares Tod geboren wurde.

Was wir bei Shakespeare immer wieder als letzten Sinn der Dramen

erleben, daß der Triebmensch, auch wenn er ein gebietender Fürst ist,

ein Knecht, ein Sklave ist, daß der Geist aber frei macht, das haben

wir jetzt eben wieder in den Sonetten gehört, in der Klage, die sich an

die Wollust richtet:

„Muß auch mein Freund ein Knecht der Knechtschaft sein?“

„Und doch bin ich nicht frei.“

Und so hat es Spinoza seiner Ethik zugrunde gelegt:

„Die Ohnmacht des Menschen zur Mäßigung oder Hemmung seiner Affekte

nenne ich Knechtschaft; denn der von seinen Affekten abhängige Mensch

ist nicht Herr seiner selbst, sondern dem Schicksal untertan.“

Nicht Herr seiner selbst, sondern dem Schicksal untertan -- das Thema

der großen Charaktertragödien Shakespeares.

Und dann folgt bei Spinoza eine Analyse der verschiedenen

Erscheinungsformen der Knechtschaft, in der kühlen Begriffssprache so

unerbittlich scharf, so vollendet und letztgiltig, wie Shakespeare

diese Musterkarte in seinen Dramen in lebendiger Anschaulichkeit

entworfen hat.

Und haben wir nicht eben als höchsten Gipfel von Shakespeares Leben,

als sein Vermächtnis, zu dem er in glühenden Kämpfen kaum für seine

Wirklichkeit, nur für seine Sehnsucht, für seinen Glauben gekommen ist,

die Botschaft von der Überwindung des Todes gehört?

Wende nichts mehr an das Außen, nichts mehr an den Leib und seine

Triebe, sei außen arm, nähre deine Seele!

Entringe dich, so heißt das, der Knechtschaft der Triebe, du

vernünftiger, du geistiger Mensch, sei frei!

Genau so hören wir’s von Spinoza, der’s nicht, wie der Phantasie- und

Leidenschaftsmensch, sich mit dem Leben erarbeiten mußte, bei ihm nicht

als ersehnten Gipfel glühend eruptiven Lebens, sondern als stille Höhe

der Weisheit:

„Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod, und seine

Weisheit besteht im Nachdenken über das Leben und nicht über den

Tod.“

Das ist das Letzte und Höchste, wozu Shakespeare der Dichter gekommen

ist. Das ist der Gipfel, die Krone seiner Persönlichkeit, wenn wir mit

Fug und Recht als die Persönlichkeit eines Dichters, eines Künstlers

nicht das nur nehmen, was äußerlich in die Welt hinein ragt, sondern

was innen eine neue Welt, einen neuen Menschen schafft und in den

Werken der Kunst verkörpert.

Wir haben ja doch wahrlich heutigen Tags eine ganz andre biographische

Neugier als Shakespeares Zeitgenossen, aber nehmen wir doch einmal ein

Beispiel.

Wie gräßlich unbegreiflich, was für ein widerwärtiges Rätsel wäre uns

der große Vincent van Gogh in seinem persönlichen Leben, wenn wir für

dieses Leben angewiesen wären auf die Berichte seiner Verwandten,

Bekannten und Freunde, und auf die amtlichen Dokumente.

Nur dadurch, daß wir die wundervollen Briefe dieses Mannes haben,

kennen wir die heilige Glut seines reinen Innern; außen in dieser

unsrer Welt wurde das Schöne wüst; gehen wir in ihn hinein, so wird das

Wüste schön, wie in seinen Bildern.

Und dasselbe gilt für Courbet, dasselbe für Verlaine, für Oscar Wilde,

für so viele andre, für alle, die das Reine, das Hohe, das Göttliche

nicht in der Ruhe des Denkens, sondern in der Glut der Gesichte, der

Gestalten, des Lebens suchen mußten, die es sich erarbeiten mußten,

indem sie sich durch das Leben, durch alle Triebe durcharbeiten mußten.

Nicht wie eine Spinne im Netz konnte Shakespeare in Stille verweilen,

bis ein Gewalträcher seiner Natur wie Richard III., ein

adliger Wutmensch wie Othello, ein junger, stechender, unerbittlicher

Umklammerer wie Jago, ein finsterer, nur auf Eines starrender, von

Einem gebannter Machtmensch wie Macbeth, eine universell tändelnde,

amoralische, berückende, geniale Machtnatur wie Antonius, bis all diese

all-alle Männer- und Frauen-, Greisen- und Mädchengestalten in seinem

Netz hängen blieben.

Ich glaube nicht, daß er viel nach Modellen arbeiten konnte, die er

kühl, unbeteiligt beobachtete; denn er entdeckte so bis ins letzte und

tiefste ihre innerste, verräterische Wurzel, daß wir notwendig annehmen

müssen: mit den Menschen, die er so kannte, hat er gelebt, mit ihnen

hat er erlebt: die Phantasie, die ihm half, war glühendes Hineinbohren,

gleichviel, ob Liebe oder Haß oder gar wohl auch einmal Neid: er hat

sich so in ihre Seele, in ihre Lage versetzt, daß er lebte, als wenn er

sie wäre.

Wer das kann, wer das muß, -- nun, wundern wir uns nicht mehr, daß

William Shakespeare, der Schauspieler, der Dramatiker, der Künstler in

seinen Sonetten sich der Schmach und Sünde anklagt: wer so inständig

Glut der Seelen und Flammen der lodernden Leidenschaft miterlebte,

nacherlebte, vorerlebte, der war mehr als einmal, in Gedanken, in

Wünschen, im Spiel, in Wirklichkeit, gleichviel, ein Verbrecher. Wilde,

flammende, zehrende, vernichtende Leidenschaft, gebändigt durch Form,

die Beschränkung und Verklärung ist, das war sein Wesen, das war sein

Weg.

Die Sonette sind die Briefe Shakespeares, die uns erhalten geblieben

sind; Briefe nur an einen oder zwei bestimmte Adressaten, Briefe auch,

die keine bloß persönlichen Dokumente, die Kunstwerke sind, aber von

hier aus dringen wir in die Seele des Menschen, hier ist der Punkt, wo

die Werke, die Dramen sich mit dem Menschen, mit der Persönlichkeit zu

einem verbinden.

Könige aller Sorten; Mörder, Säufer, Beutelschneider, Tunichtgute,

Bordellwirte, -- sie alle haben uns keine Geständnisse gemacht, wie

tief sie Shakespeare durchschaut hat.

Wollen wir für dieses sein unbegreifliches, nie so erreichtes Talent,

sich in Lagen, Tätigkeiten, Berufe bis ins einzelne zu versetzen,

Zeugnisse haben, so müssen wir uns in ungefährlicheres Fahrwasser

begeben.

Niemals, in der weiten Welt, im Lauf aller uns bekannten Zeiten

ist ein Dichter so einhellig von den Fachmännern bewundert worden

wie Shakespeare: Die Juristen, besonders die Advokaten, die Jäger,

besonders die von der Falkenbeize, die Ärzte, besonders die Irrenärzte,

sagen, er müsse irgendwann in seinem Leben einmal einer der ihren

gewesen sein. Zoologen, besonders Entomologen, Botaniker, Gärtner,

Navigationskundige, Musiker, Maler, Buchdrucker, Physiologen, alle

haben sie spezielle Bücher geschrieben, in denen sie aufzeigen, wie

erstaunlich viel Shakespeare von ihrem Fach verstanden habe, und wie

weit er darin seiner Zeit voraus gewesen sei.

Er hat geologische Anschauungen geäußert, ehe es eine Wissenschaft der

Geologie gab; er hat die Lehre von der Blutzirkulation gekannt, die

Harvey erst bekanntgab, als Shakespeares Blut nicht mehr zirkulierte;

er, der sich nichts draus machte, in Märchenstücken alle Zeiten und

Kulturen durcheinanderzubringen und ein Nirgendwo am Meeresstrand

Böhmen zu nennen, hat Verhältnisse und einzelne Umstände in Oberitalien

so genau gekannt, daß manche Gelehrte drauf schwören, er müsse dort

gewesen sein.

Das, diese Kenntnisse, die Shakespeare an den Tag legt, bringt ja die

Baconianer hauptsächlich dazu, einen Mann der Wissenschaft hinter dem

Dichter zu suchen.

Wie wenig ahnen sie von der Differenzierung des Geistes!

Dieser Bacon, der noch nicht einmal das kleinste Gedicht

zurechtstümpern konnte, war ein echter Mann der Forschung, der Kritik,

der wissenschaftlichen und denkerischen Sprache.

Shakespeares Wissen war völlig andrer Art; war immer mit Anschauung,

immer mit Intuition, immer mit einer bestimmten Lebenssphäre verbunden,

die es zu gestalten galt.

Hätte ihm einer die Aufgabe gestellt, eine botanische Abhandlung

über die Flora von Warwickshire oder eine über das Leben der Bienen

zu schreiben, er hätte es keineswegs gekonnt oder, wenn’s hätte sein

müssen, wäre es ganz armselig geworden.

Im Zusammenhang aber von Erlebnissen, in Gemeinschaft mit Gefühlen und

Leidenschaften strömten ihm als Gleichnisse die Erinnerungen zu, und

verstand er es überdies, sich all das aus Büchern, aus Gesprächen, aus

der Umschau, in der freien Natur und im Handwerk zu holen, was er im

Zusammenhang seines Schaffens, seiner bestimmten Zwecke brauchte. Wenn

etwas gewiß ist, so gerade das, daß Shakespeare gar nichts Lehrhaftes

an sich hatte, daß es ihm nie auf die Verbreitung oder auch nur

Behauptung einer Ansicht ankam; jede Anschauung, die er äußerte, stand

immer im Zusammenhang mit einer bestimmten Seite des Menschenwesens,

mit bestimmtem Erleben eines Charakters. Und so bleiben uns diese

wissenschaftlichen, all diese Erkenntnis- und Beobachtungsäußerungen

auch nur im Gedächtnis im Zusammenhang mit Gefühlen, Repliken,

Ausbrüchen; wir empfinden es als völlig unshakespearisch, wenn die

Gelehrten solche Äußerungen jede für sich aus ihrem Gefüge lösen und

zusammenstellen.

Auch Homer, den man am ehesten mit Shakespeare in einem Atem nennen

darf, hat sich auf Wagenbau, auf Tischlerei, auf Waffenhandwerk, aufs

Schmiedehandwerk, auf Obstbau, auf Schiffahrt, auf Schweinezucht

trefflich verstanden, -- aber noch niemand ist auf die Idee gekommen,

der Dichter Homer müsse mit dem Mann der Wissenschaft Pythagoras

identisch sein.

Bei ihm ist’s auch nicht nötig; er hat das Glück, daß man von seinem

Leben gar nichts weiß; er lebt nur in seinen Gedichten.

William Shakespeare wollte ich im ersten dieser Vorträge weniger in

seine Zeit hineinstellen, als in seiner fast schreckhaft-starken

Vereinzelung von seiner Zeit abheben; siebzehnmal habe ich dann in

seine Werke geführt, und in Liebestragödien, in Liebesspielen, in

Machthabertragödien haben wir seine Persönlichkeit gefunden, nie

einseitig in einer Gestalt ausgeprägt, vielmehr immer allseitig,

immer beidseitig, immer das Tier und die Hoheit, den Trieb und die

Vernunft, den Mann der Gier und die adlige Frau, und das verderbliche

Weib und den seelenvollen Mann, alle in ihrem Recht, der Ritterkönig

und Falstaff, der herrliche Hektor und der gemein zausende, geifernd

kritische Thersites; nie einer ein Typus bloß, immer ein einmaliger,

ganz individueller Vertreter dieses Typischen.

Im 19. der Vorträge habe ich Sie dann von den Werken, von der

Sonettendichtung zur Person Shakespeare, heute aber schnell und fast

scheu von der Person zurück den Weg zur Persönlichkeit führen wollen,

wie sie sich in den Dichtungen offenbart.

Ich für meine Person habe es in diesen Vorträgen wohl nicht immer

vermieden, persönlich zu sein; und der furchtbare und für die

Menschheit vielleicht entscheidend wichtige Zeitabschnitt, in dem wir

stehen, hat, ich fühle es selbst, auf meine Art, Shakespeare zu sehen,

bestimmend eingewirkt. Der Weg vom Trieb zum Geist hinauf, Shakespeares

schwerer und gefahrvoller Weg ist auch der Weg vom Krieg zum Frieden,

vom Tod zum Leben, -- ich glaube es, gleichviel, wie lang und gewunden

dieser Weg noch sein mag.

_Ende_

End of Project Gutenberg's Shakespeare (Volume 2 of 2), by Gustav Landauer

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 30 / 30 段