Daran schließen sich dann Gedichte von einer ungeheuren Bitterkeit

und Weltverachtung und einem Lebensüberdruß ohnegleichen, die auch

in Ton und Form von einer geschmiedeten Wucht sind, allen voran das

66. Sonett, das der nämlichen Stimmung Ausdruck gibt wie der Hamlet,

der Lear, der Timon, der Coriolan: O pfui, o nein, was für eine Welt,

lieber nicht leben! Zehnmal hintereinander fängt von den vierzehn

Zeilen jede mit „Und“ an; der Dichter kann sich nicht genug tun in der

Aufzählung der Häßlichkeiten und Erbärmlichkeiten der Welt:

_Dies_ alles müd schrei’ ich nach Todesrast:

Verdienst zu sehn als Bettelmann geboren,

Und dürftiges Nichts in Herrlichkeit gefaßt,

Und reinste Treu’ zum Jammer auserkoren,

Und goldne Ehre, die den Falschen krönt,

Und jungfräuliche Tugend roh geschändet,

Und echte Hoheit ungerecht verpönt,

Und Kraft von lahmer Tyrannei entwendet,

Und Kunst geknebelt von der Obrigkeit,

Und Geist vorm Doktor Narrheit ohne Recht,

Und dumm befunden schlichte Redlichkeit,

Und Sklave Gut im Dienst beim Herren Schlecht:

Dies alles müd möcht’ ich begraben sein,

Ließ ich nicht sterbend, Liebster, dich allein.

Seltsam allmählich wendet sich dieser Überdruß an der Welt, wie sie

jetzt ist, gegen den Freund, der bei allem doch, wir hören’s in

dieser furchtbaren Klage, wenn nicht sein Trost, so doch sein Grund

ist, in der Welt bleiben zu wollen. Die Natur scheint wie bankerott

zu erliegen; sie hat kein Blut mehr, das durch lebendige Adern zu

rinnen vermag. Und steht nicht in diesem Untergang der Freund als

einziger Besitz der echten Natur inmitten der Falschheit? Aber schon

klingt es uns, als färbe die unnennbare Bitterkeit dieser Schilderung

auch auf den Freund selbst ab; er wird geschildert als einer, der

inmitten der Verpestung lebt; die Ruchlosigkeit begnadet er mit

seiner Gegenwart, die Sünde darf sich mit seiner Gesellschaft zieren.

Und von geschminkten Wangen und falschen Locken ist viel die Rede,

die man in diesen lügnerischen Zeiten den Gräbern stiehlt, damit

sie auf einem zweiten Kopf ein zweites Leben führen; wir wissen,

wie Shakespeare seinem Ekel vor solcher Fälschung der Attribute der

Schönheit auch sonst, zum Beispiel in Bassanios Rede, Ausdruck gegeben

hat; Schönheit war ihm nicht Äußerlichkeit, sondern Ausdruck, und sie

außen aufzukleben und vorzutäuschen keine geringere Heuchelei als die

moralische. Der Freund, an den er sich klammert, ist dem Dichter der

Sonette das letzte Bild der Echtheit in dieser Zeit; er macht nicht

aus andrer Grün einen künstlichen Sommer, er möge der falschen Kunst

zeigen, was einstens allerwege die Schönheit war.

Und nun spricht er sich im weitern noch deutlicher aus, wenn auch

keineswegs so deutlich, wie es manche Übersetzer gemacht haben. Was

die Welt an dir sehen kann, Freund, dein Äußeres ist ohne Fehl; und

künstliche Mittel wendest du nicht an; Freund und Feind müssen gestehn:

schön bist du. Aber ist diese Schönheit deines Leibes wahrhaft Ausdruck

deines Wesens? Bist du nicht ein Beispiel für das Furchtbare, daß

Schönheit, Liebreiz, adlig gewinnendes Wesen selbst täuschender Schein

sein können? Wenn man tiefer in dich eindringen will, hinter den

entzückenden Schein und Schimmer deiner Erscheinung, woran anders soll

man die Schönheit deiner Seele prüfen als an deinen Taten? Schon öfter

hat der Dichter in diesen Sonetten an den Blumen die schönen Farben

als den holden Schein und aber den Duft als den Ausdruck des Innern

unterschieden; jetzt sagt er von dem Freund, seine Blüte sei schön zu

schauen, aber sie dufte ~rank~, das heißt geil, scharf stinkend.

Und warum, du Blume kommt dein Duft nicht deinem Anblick gleich?

~The soil is this, that thou dost common grow.~

Das ist ein wundersames, rein formal genommen, wundervolles Wortspiel,

eine Doppelbedeutung, mit der sehr viel gesagt ist. Es kann heißen:

Der Grund ist der, daß du gemein wirst.

Aber im Zusammenhang mit dem Bild der Pflanze soll eher der Sinn

herauskommen:

Der Grund ist der, daß du in Gesellschaft wächst, wie das Unkraut,

der Grund ist der Umgang, in dem du dir gefällst und dich gemein machst.

Aber jedenfalls sehen wir: das Verhältnis hat sich geändert, hat sich

beinahe umgekehrt. Früher war es der Dichter, der sich vor der reinen

Erhabenheit des Jünglings, des Adligen fast verkrochen hat. Adel ist

ihm Naturerbe, ist ihm ein Vorzug des Geblüts, echt und berechtigt

wie der Anspruch der Schönheit. Und immerhin möglich ist es und

manche Wendung deutet in der Tat darauf hin, daß er, wie er in dem

Adel und der Schönheit des Freundes, wenn diesen Zeichen das Innere

entspricht, eine Gabe der Natur erblickt, seinen Schauspielerberuf als

etwas ansieht, das sein Wesen tief nach innen und unaustilgbar gefärbt

habe, wie das Färben die Hand des Färbers; daß er diesen Beruf wie ein

schimpfliches öffentliches Gewerbe betrachtet, und von ihm in Wendungen

spricht, wie Schmach und Schuld und Flecken und Makel, die sonst nur

innere Eigenschaften bezeichnen. Fortuna nennt er die „schuldige

Göttin seiner qualvollen Taten“. Ist diese Deutung so richtig,

wie sie allgemein akzeptiert ist, so dürfen wir, auf dieses Leben

zurückblickend, wohl ausrufen: was muß der junge Shakespeare schon für

eine Persönlichkeit gehabt haben, um aus solcher Stellung heraus zu

diesem Verhältnis zu so einem verwöhnten Jüngling aus höchstem Adel zu

kommen! Wie dem auch sei, jetzt redet der Dichter überlegen von oben,

scheu und behutsam immer noch, aber nur aus schonender Liebe, die

glauben will; denn um Verdacht schlimmster Art geht es. Verdacht: das

ist das Thema eines dieser Sonette. Der beweist freilich noch nichts;

Verleumdung tastet grade das Edelste an, und die Krähe fliegt in der

holdesten Himmelsluft; Verdacht ist geradezu die Auszeichnung der

Schönheit:

~The ornament of beauty is suspect.~

Sollte der Freund, der die Jugend und ihre schlimmen Gefahren hinter

sich hat und entweder gar nicht angegriffen wurde oder als Sieger

hervorging, nicht seine Unschuld bewahrt haben, sollte er nicht gut

geblieben sein? Die Frage bleibt zunächst offen:

Verhüllte nicht der Argwohn deinen Ruhm,

Du hättest aller Herzen Königtum.

In den Zusammenhang dieser Sonette 67-70 und der später folgenden

Reihe 92-95, die das Motiv verstärkt aufnimmt, stellt sich mir aber

die böse Stelle aus der Klage der Liebenden, von der ich früher gesagt

habe, daß sie mir nicht bloß zur Handlung der Romanze, sondern auch

des Sonettenwerks gehört. Und in diesem Zusammenhang gedenke ich eines

Dichters unsrer Zeit, den man den natürlichen Sohn dieser Sonette

nennen könnte. Ich meine Oskar Wilde, der in diesen Gedichten und

ihrer Vorstellungs- und Empfindungswelt gelebt und geatmet hat. Von

dem amüsanten und doch schließlich betrüblichen Büchlein „Das Porträt

des Herrn W. H.“ will ich weniger reden als von einem andern Bildnis.

In dem Büchlein hat er eine verführerische Theorie über den Mann, an

den die Sonette sich richten, mit welcher er lange kokettiert haben

mag, schließlich in einer Novelle beigesetzt. W. H. sollte nach dieser

Erklärung der junge Schauspieler sein, der in Shakespeares Truppe die

jugendlichen Mädchengestalten spielte. Das läßt sich nicht halten;

daß der Mann, dem die Sonette gelten, ein Aristokrat in vornehmster

Stellung war, geht aus vielem hervor. Aber wichtiger ist es, von

einer der bestkomponierten Romandichtungen unsrer Zeit, vom Bildnis

Dorian Grays in diesem Zusammenhang zu reden. Mir ist, als wäre diese

Dichtung aus Shakespeares Sonetten und besonders aus dem Teil, der uns

jetzt beschäftigt, entstanden; und Die Klage der Liebenden könnte das

Vorbild zur kläglichen letzten Liebe Dorian Grays abgegeben haben. Die

Motive der Sonette 67-70 sind in der Tat die Grundmotive des Romans:

alle, so klingt es uns hier wie dort entgegen, alle werden vom Alter

angefressen; du allein strahlst in unvergänglicher Schönheit. Aber --

wie steht’s um deine Seele! Wenn man die sehen könnte --! Gut ist’s

nicht damit bestellt, wenn man nach deinem Rufe, gut auch nicht, wenn

man nach deiner Gesellschaft urteilt. Und dieser Eindruck verstärkt

sich noch in den Sonetten 92-95. Ist es nicht wie ein Motto zu Dorian

Gray, wenn wir da hören:

Doch Gott beschloß an deinem Schöpfungstag:

Nie soll die Liebe dir vom Antlitz schwinden,

Was auch dein Geist, dein Herz ersinnen mag,

Dein Blick soll immer Holdes nur verkünden.

Bei diesem Bilde der zum Staunen unvergänglichen Anmut und

Liebenswürdigkeit wie nun bei der Schilderung, die den Prinzen

Wunderhold mit einem Mal unverhüllt in seiner innern Beschaffenheit

zeigt, haben wir ganz das Porträt, das die verratene Liebste in

der Romanze am Schluß des Sonettenwerks von dem bezaubernden Manne

entwirft; wenn es etwa im 95. Sonett heißt:

O welch ein Schloß das Laster sich erkor,

Als es in dir zu wohnen sich entschied!

Jedweden Makel deckt der Schönheit Flor,

Und schön wird alles, was das Auge sieht.

In tiefster Schwermut wendet sich dann der Dichter von den Zweifeln

an dem immer geliebten Freund, dem er ein Mal für alle verfallen ist,

weg zur Betrachtung des Todes, dem er sich immer näher fühlt. Eine

entsetzliche Vorstellung aber ist ihm jeder Gedanke an die Auflösung,

-- so grauenhaft wie uns allen, nur daß wir nicht hinblicken, nicht den

Schädel unsres guten Freundes aus der Knabenzeit in der Hand wiegen

und dabei empfinden, es sei unser eignes kahl gefressenes Gebein. Den

Dichter aber lockt es unbezwinglich hinzublicken auf dieses Unfaßbare;

und sich, wie er jetzt ist, empfindet er in tiefstem Schauder als

denselben, der er bald sein wird, ein maßlos Erniedrigter. Dem

Freund ruft er, wie schon mit Grabesstimme zu: Nicht länger klage

um mich, als die Totenglocke schallt! Lies meine Verse, aber denke

nicht mehr an den Menschen, der sie geschrieben hat! Nenne meinen

Namen nicht mehr, liebe mich nicht mehr, wenn ich weg bin! In der

Niedrigkeit war ich in dieser Welt, zu allerniedrigsten Würmern geh’

ich, wenn ich ihr entronnen bin. Und noch stärker wird diese ganz

und gar düstere Stimmung, in die gar kein Licht fällt, ausgedrückt.

Ich werde dieses dunkle Rätsel nicht lösen, aber ich werde es nicht

verhehlen: dieser Dichter, ganz weltlich, ganz ohne jede Beimischung

etwa religiös-asketischer Umkehr, im Gegenteil, indem er die ganze

Welt lichtlos, freudlos, hoffnungslos, sinnlos sieht, nimmt aus dieser

Stimmung auch sich den Lebenden und sein Werk nicht aus. Was er getan,

geleistet hat, mißt er in dieser Verfassung der Krise offenbar an

einem Wollen ganz andrer Art, ganz andren Zieles, das vielleicht auch

ganz andern Gebieten angehört; was da ist, ist nichts und schlimmer

als nichts. Da, in der direkteren Aussprache dieser Lyrik, ist nicht

die in Bitterkeit noch milde Resignation, mit der Prospero seinem Werk

und Leben entsagt; da ist Verzweiflung. Wie er in jüngern Jahren von

Verschuldung und von Flecken gesprochen hat, so nennt er jetzt seine

Leistung Schmach und Schande. Ich habe zugegeben, man kann jene starken

Ausdrücke auf sein Schauspielerdasein beziehen, aber will man für

jetzt, wo er auf der Höhe seiner dramatischen Produktion steht, auch

noch sagen, mit dieser entschlossenen, finstern Verachtung rede er nur

von seiner äußern Stellung als Schauspieler und Dramatiker? Nichts

unglaublicher als das! Nirgends sind wir im ganzen und einzelnen der

Stimmung und dem innersten Wesen von Shakespeares reifsten Dramen so

nah wie in diesem Teil der Sonette; nirgends aber in den Bühnenwerken

spricht sich uns die Abkehr und Verzweiflung an sich selbst so namenlos

schrecklich aus wie hier. Ich habe für diese Äußerungen, für diese in

Entschlossenheit gefaßten Ausbrüche keine andre Erklärung als die

einer oft fast völligen Umdüsterung, fast müßte man sagen: Umnachtung.

Er verfügt in einem Tone wie letztwillig: sein Name solle vom Freunde

da begraben werden, wo sein Leichnam liegen werde, und solle nicht

länger am Leben bleiben und ihn und den Freund in Schmach bringen.

Denn ich schäme mich dessen, was ich hervorbringe, und du solltest

dich schämen, Dinge zu lieben, die nichts wert sind.

Doch solange er lebt, soll der Freund ihn lieben! Das bringt

uns vielleicht doch der Lösung des Rätsels noch etwas näher.

Diese Düsterkeit steht in untrennbarer Verbindung mit den

Verfallserscheinungen seiner Körperlichkeit -- er ist höchstens ein

früher Vierziger --, mit der Todesnähe, auf die er immer wieder zu

sprechen kommt und die -- vergessen wir das doch nicht! -- Wirklichkeit

ist. Wir wissen nicht, an welcher Krankheit Shakespeare jung starb, --

aber wir wissen, daß er sich mindestens acht bis zehn Jahre vorher vom

Tode gezeichnet fühlte.

Da redet er -- und es ist sicher dieselbe Zeit, in der über den

Dramatiker vom tiefst Menschlichen her zuerst die Krise gekommen war,

die wir kennen gelernt haben -- den Freund an:

In mir siehst du den Herbst! Gelbe Blätter, oder keine, oder ein

paar hängen in frierenden Zweigen, und man kann bei diesem Anblick

an einen eingestürzten Chor denken, in dem einst die süßen Vögel

sangen.

Daß sich dieses Bild auf seine Produktion bezieht, daß er diesmal ein

Jetzt, wo ihm alles mißraten scheint, mit einem früheren Reichtum

vergleicht, wie mit einem Strom, während seinem Gefühl nach jetzt

Stocken und Versiegen gekommen ist, hören wir aus dieser Stelle

deutlich:

In mir siehst du in Zwielicht düstern Tag,

Der nach Sonnuntergang gen Abend bleicht,

Den schwarze Nacht gar bald entführen mag,

Des Todes Schatten, der von hinnen scheucht.

In mir siehst du das Glimmen einer Glut,

Die auf der Asche ihrer Jugend endet,

Als ihrem Todbett, und bald völlig ruht,

Verzehrt von dem, was Nahrung ihr gespendet.

Wir haben gehört, was das für ein Feuer ist; ~desire~ -- die

Sehnsucht, das unbändige Wollen, die Leidenschaft; von innerem Feuer

ist dieses Dichterlebens Feuer allzu rasch, allzu glühend verzehrt

worden. Man sagt, die gewaltigsten, verzehrendsten Waldbrände könnten

nur durch Feuer gelöscht werden, das man gegen sie treibt. So will

das Feuer dieses Dichters erlöschen: von Flammen verschlungen; und

er unterscheidet gut genug den guten und den bösen Engel, das reine

Feuer der Seele und der Dichtung und der Schönheitsliebe und aber das

brennende, sündhafte Feuer der Triebe. Und -- ich wollte die Feder

verstauchen und nicht mehr zur Hand nehmen, wenn sie nicht alles heraus

ließe, was gesagt werden kann und gesagt sein muß; und ich möchte sie

nicht mehr führen, wenn sie nicht zart vom Unnennbaren reden könnte

-- und ich empfinde, wie der Dichter mit diesem bösen Feuer, das sein

reines verzehrt, mit dieser sinnlichen Leidenschaft und Wollust seine

Krankheit, seine steigende Kraftlosigkeit und frühes Alter und die

Todesnähe in Verbindung bringt; und ich empfinde die Verzweiflung und

der Umnachtung nahe Verdüsterung als die nicht bloß seelische, sondern

leibliche Folge und Begleiterscheinung des Leidens, das ihn aufrieb.

Wie Ekel ist ihm sein Leib, als ob schon jetzt der Tod daran fräße;

kein Gedanke soll ihm, diesem Naturding mehr gelten, wenn der Tod

sein Werk getan hat. Die Stimmung des Gequälten schwankt; jetzt ist

dem Dichter dieser Sonette sein Werk wieder der Grund, auf den er die

Unsterblichkeit baut:

Doch sei getrost: wenn jener grimme Spruch

Ohn’ allen Aufschub mich von hinnen treibt,

So trägt mein Leben Frucht in diesem Buch,

Das zum Gedächtnis dann noch bei dir bleibt.

Die Erde soll Erde bekommen, der Geist bleibt dein; nur die Hefe, der

Bodensatz des Lebens wird Würmerspeise; der Tod ist ein kläglicher

Wicht, der mit seiner Hippe Wertloses an sich reißt und das Beste nicht

treffen kann.

Es ist mir, ich möchte beinahe sagen, ein Dogma oder Axiom, daß jeder

Dichter im privaten Leben, wie er es von Natur, Körperlichkeit und

Menschenumwelt wegen führen muß, die eine Seite seines Wesens zeigt

und in seiner Dichtung die andre, und daß man von der einen so wenig

wie von der andern ausschließend sagen kann, sie sei die wahre. Es

ist wahr, wir haben in der Gesamtheit seiner Dichtungen Shakespeares

innerstes Wesen, haben es aber im Höchsten dieser Werke und in den

Gestalten, bei denen die Sympathie des Dichters steht, nicht, wie

er als Mensch unter Menschen sein kann, sondern wie er, ein anderer

Mensch in andrer Umgebung, sein zu können sich sehnt. Ich glaube, die

Gelähmtheit Hamlets, die grausig zum Ausdruck kommende Todesfurcht

des Sklaven der Sinnenliebe Claudio in Maß für Maß und die zwischen

Selbstbewußtsein und schüchterner Demut schwankende, zur Selbstanklage

immer bereite Gemütsverfassung des Sonettendichters deuten auf Züge,

wie sie der lebendige Shakespeare in jäher Unvermitteltheit neben

kühnen und strahlenden von früh auf gehabt haben mag.

Von alledem, was ich hier und früher über Shakespeares Persönlichkeit

gesagt habe, habe ich nichts gesucht; ob ich mich sträubte oder willig

war, ich habe es alles bei der Begegnung zwischen mir, wie ich bin und

auffasse, und diesen Dichtungen, wie sie unverrückbar sind, gefunden.

Ich war bereit, den Sonettendichter als Helden dieses Gedichtwerks so

von William Shakespeare zu trennen, wie Romeo oder Brutus oder Herr

Angelo von ihm zu trennen ist; aber die Lohe des Persönlichen und

zutiefst Erlebten schlug immer wieder in das gebändigte Maß der Form

und die entrückte Gestaltung hinein. Diese Gedichte sind reinste Lyrik,

in demselben Sinne, in dem wir Deutsche diese Gattung von den Großen

und Echten unsrer Minnedichter her, von den Dichtern des Volkslieds,

von Andreas Gryphius und Paul Fleming, von Günther und Goethe, von

Claudius und Hölderlin her kennen: Leben der eigenen Empfindung in

Verbindung mit dem eigenen Schicksal, zur Gestalt erhoben und zur Form

geprägt.

So haben uns die Sonette schon in das Thema hineingeführt, das

uns jetzt zum allerletzten Schluß obliegt: William Shakespeares

Persönlichkeit, seine Stellung im Leben. Und ich will von dem letzten

Teil der Sonettendichtung, der dem Weibe gilt, das in Shakespeares

Leben eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hat, von dem Teil, der

auch das Endgültige dieses Mannes zur Frage des Lebens, des Leibes,

der Seele sagt, nur im Zusammenhang mit seiner persönlichen Existenz

sprechen.

Nie mit der geringsten Hinweisung ist in diesen Sonetten von

Shakespeares Familie, von seiner Frau, von seinen Kindern die Rede. Sie

haben nirgends in seiner Dichtung auch nur das kleinste Plätzchen. Sei

auch von ihnen gesagt, was allenfalls zu sagen ist, wenn wir nun vom

Schlußteil der Sonette aus den unheimlichen Weg vom Dichter Shakespeare

zu William Shakespeare dem Menschen weiterzugehen wagen.

Shakespeares Persönlichkeit

(Aufzeichnungen zum Schlußvortrag)

Was hier noch gesagt wird, ist ein Nachtrag und eine Zusammenfassung.

Vom Leben und der Persönlichkeit des Dichters habe ich schon immer und

immer mehr gesprochen, je näher wir dem Ende kamen.

Shakespeares Persönlichkeit: wir wollen also aus seinen Werken uns ein

Bild seines Wesens machen, im Zusammenhang mit den Umständen seiner

Zeit und seiner Lebensführung.

Vor allem also müssen wir die Identität des Verfassers der Gedichte,

der Sonette, der Dramen mit William Shakespeare aus Stratford,

Schauspieler am Globe- oder Blackfriars-Theater in London feststellen.

Denn gleich stellt sich uns die Behauptung in den Weg: Shakespeare sei

nicht Shakespeare; ein anderer hätte die Werke verfaßt.

Über diesen andern sind die Vertreter dieser Theorie nicht mehr einig.

Außer Lord Bacon werden noch andre genannt.

Mit den Beweisen für diese Theorie sieht es nun so aus: sie sind

jedesmal durchschlagend; aber sie haben kein langes Leben; sie lösen

einander ab.

Zum Beispiel: Wenn wirklich in der Folio-Ausgabe in Chiffredruck

mitgeteilt ist, daß Francis Bacon der Verfasser ist, so ist der Beweis

geliefert.

Aber -- nach einiger Zeit läßt man diese unerhört freche und dumme

Behauptung fallen und -- behauptet etwas andres.

Oder: wenn wirklich ein Notizenheft in Bacons eigener Handschrift da

ist, wo er zu einer Zeit, wo die entsprechenden Dramen Shakespeares

noch nicht verfaßt sein konnten, sich Wendungen, Bilder, Gleichnisse,

Redensarten notierte, die dann etwa in Romeo und Julia und andern

Dramen genau so verwandt sind, so ist der Beweis geliefert.

Aber -- die Voraussetzungen treffen alle nicht zu; beim ganz

Verblüffenden handelt es sich um Fälschungen einer armen Irrsinnigen

-- -- und nach einiger Zeit wird es von diesem Beweisstück wieder ganz

still.

Und so geht es durchweg: es ist wie bei einem Indizienbeweis gegen

einen Unschuldigen, wo lauter Einzelheiten, die entweder nichts

beweisen oder falsch sind, als Gesamtheit eine gewisse Stimmung

erzeugen.

Fragen wir jetzt im ganzen: ist die Theorie nötig? -- ist sie möglich?

Nötig ist sie denen, denen Shakespeare der Stratforder zu ungebildet

ist. Sie meinen, diese Dichtungen müßten einen Aristokraten, einen

Gelehrten, einen Akademiker zum Verfasser haben. Ein greuliches

Überschätzen der Bildung schulmäßiger Art tritt zu Tage.

Die meisten aber gehen noch weiter und sagen: gewisse gemeine,

pöbelhafte, volkstümliche, komische Elemente in den Stücken stammten

von Shakespeare dem Schauspieler; die edlen Teile hätte der Lord und

Gelehrte verfaßt.

Damit ist aber dem Dichter Shakespeare Wesentliches genommen,

nicht bloß seine zeitliche Bedingtheit, seine Konzessionen an den

Zeitgeschmack, seine Müdigkeit und Lässigkeit, die Derbheit, die ihn

mit der Zeit verbindet -- worauf ich aber auch keineswegs verzichten

möchte -- sondern seine Allseitigkeit, sein Aufsteigen, seine

gegensätzliche Art zu charakterisieren und den innern Sinn der Handlung

herauszuarbeiten.

Und wo soll man da, wenn man ihm die Clown-, die Wirtshaus-, die

Bordellszenen nehmen will, anfangen und aufhören?

Und wozu? Das ist eine ganz blaustrumpfmäßige Art, den „Tichtēr“

aufzufassen.

Jetzt aber das Entscheidende: die Frage nach der Möglichkeit der

Theorie.

Sie ist nicht möglich. Die Zeugnisse für die Identität des Dichters mit

dem in London lebenden, aus Stratford stammenden William Shakespeare

sind zahlreich und unumstößlich.

Der Dichter William Shakespeare hat seine Gedichtbücher Venus und

Adonis und Der Raub der Lucretia selbst herausgegeben und -- was ohne

des Grafen Erlaubnis nicht möglich war -- dem Grafen Southampton

gewidmet. Und grade die sind mit glänzendem Verstalent, mit

Anschauungen und Wendungen, wie sie in den Dramen wiederkehren, in der

modischen, gelehrtenhaften, klassisch eingekleideten Art verfaßt.

Nach William Shakespeares Tod in Stratford haben seine

Schauspielerkollegen Heminge und Condell 1623 die Gesamtausgabe

besorgt; sein Porträt beigegeben; von seinen Handschriften in der

Vorrede gesprochen, in denen sich fast keine Korrekturen fänden.

Die und die andern Schauspieler, darunter der große Künstler Richard

Burbage, haben mit Shakespeare zusammen die Stücke einstudiert, gegeben.

Ben Jonson, eine bedeutende Persönlichkeit, ein Dichter und Gelehrter,

mit Shakespeare nachweislich und selbstverständlich persönlich bekannt,

der sich immer wieder an ihm rieb und gerade sein volkstümlich

Unregelmäßiges tadelte, gab der Gesamtausgabe seine Ode bei, mit der

Überschrift

„Zur Erinnerung an meinen geliebten William Shakespeare.“

Nicht daß dein Name uns erwecke Neid,

Mein Shakespeare, preis’ ich deine Herrlichkeit,

Denn wie man dich auch rühmen mag und preisen,

Zu hohen Ruhm kann keiner dir erweisen.

* * * * *

Du Seele unsrer Zeit, kamst sie zu schmücken

Als unsrer Bühne Wunder und Entzücken!

* * * * *

Und wußtest du auch wenig nur Latein,

Noch weniger Griechisch, war doch Größe dein,

Davor sich selbst der donnernde Äschylus,

Euripides, Sophokles beugen muß -- -- --

Voll Stolz war Rom, voll Übermut Athen,

Sie haben deinesgleichen nicht gesehn!

* * * * *

Doch darf ich der Natur nicht alles geben,

Auch deine Kunst, Shakespeare, muß ich erheben;

Denn ist auch Stoff des Kunstwerks die Natur,

Wird Stoff zum Kunstwerk durch die Form doch nur.

* * * * *

O säh’n wir dich aufs neue, süßer Schwan

Vom Avon, ziehn auf deiner stolzen Bahn!

Säh’n wir, der so Elisabeth erfreute

Und Jakob, deinen hohen Flug noch heute

Am Themsestrand! -- -- --

Wie will man denn um dieses Zeugnis eines Zeitgenossen, eines

vertrauten Bekannten, einer großen Persönlichkeit, die Urteil und

Schärfe und Bosheit hatte, herumkommen!

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 28 / 30 段