Daran befestigt sich sein Stolz immer wieder: er kann dem Freund, der

ihm so viel durch sein Dasein gibt, dieses eine durch seine Kunst

leisten, daß er ihn in die Reihe der Unsterblichen hebt. In späten

Sonetten überwiegt dieses Gefühl manchmal so stark, daß er gegenüber

dieser seiner Dichtertat die Hinfälligkeit alles Äußern betonen kann:

Nicht Marmor, nicht das Gold von Fürstenmalen

Wird überleben mein gewaltig Lied,

Du wirst in diesen Zeilen heller strahlen

Als stumpfer Stein, den Moder überzieht.

Der wüste Krieg wirft Säulen wohl zusammen,

Der Aufruhr macht des Maurers Kunst zunichte;

Doch nicht das Schwert des Mars, nicht Krieges Flammen

Vertilgen deine lebende Geschichte.

Nach dem Gedicht Der Liebenden Klage, das in der Originalausgabe den

Sonetten folgt und ihnen in allen folgen sollte -- es geschieht aber

fast nie --, wollen wir uns ein Bild dieses Jünglings machen; es ist

nicht unwichtig, von Shakespeare zu erfahren, wie sein geliebter

Freund, als er ihm zuerst nahe trat, ausgesehen hat und mit welchen

Augen er ihn damals und später betrachtet hat; damit steht uns William

Shakespeare nicht nur dem Freund gegenüber, sondern auch in der

Bedingtheit seiner Zeit und seiner Natur in klaren Linien da.

In braunen Locken hingen dem Freund demnach die Haare bis auf die

Schultern. „Wie ungeschorner Samt“ sproßten um sein Kinn die ersten

Spuren des Bartes:

Er läßt gerade noch dem Zweifel Raum,

Ob voller Bartwuchs oder weiße Glätte

Die Schönheit dieses Kinns gesteigert hätte.

Schön wie seine Gestalt war das Wesen, das in seinen Äußerungen zur

Geltung kam: sanft wie von einem Mädchen war seine Art zu sprechen

und also frei vom Herzen; aber im Männerstreit konnte dieses weiche,

warme Organ so seltsam anwachsen wie der Föhnwind zum lauen Sturm.

Saß er zu Pferd, so war es ein schöner, lieblicher Anblick: wenn das

Roß sich stolz tummelte und herumschwenkte und in langen Sätzen unter

ihm sprang, wußte man erst nicht, ob dieser Stolz und diese Anmut dem

Reiter von dem Tier oder dem Tier von seinem Reiter kam. Dann aber fand

man schon heraus:

Der Quell der Anmut ist sein innres Leben.

Wie beherrschte er die Menschen mit seiner Dialektik, wie stand ihm die

rasche, sichere Rede zu Gebote; er brachte Weinende zum Lachen, Lacher

zum Weinen, „er hatte die Mundart und feinste Unterscheidungskunst, um

alle Regungen nach seinem Willen hervorzulocken“. So war er Herrscher

über Junge und Alte, Männer und Frauen; alle Herzen flogen ihm zu, wie

von einem Zauberer gebannt, und taten ihm seinen Willen.

Gar viele schafften sich sein Bildnis an,

Das Auge sah’s, das Herz vergaß es nie --

und manches Weib bildete sich ein, er neige sich zu ihr, auch wenn er

nie ihre Hand berührte.

Obwohl, was nun folgt, zur Handlung des Gedichts gehört, glaube ich

doch, glaube es nach dem, was uns spätere Sonette selbst sagen, daß es

zu William Unbekannts Bildnis dazu gehört, wie es William Shakespeare

wenigstens in Stunden des Schmerzes und Unmuts sah: falsch konnte er

sein und all seine organische Sanftheit und Weichheit, seine milde,

tugendreiche Rede zum Fang der Herzen, zum Berücken der Frauen benutzen:

Er ist ein Inbegriff von feinen Stoffen,

Die sich in jede Form beliebig fügen;

Bald wild und kühn, bald blaß und wie betroffen,

Bald schlau versteckt, bald ungestüm und offen,

Versteht er stets, aufs beste zu betrügen.

Ihm stehen Schamrot, Ohnmacht, bleicher Schreck

Sogleich zu Diensten, je nach seinem Zweck.

Und wenn sein Herz der Wollust Glut verzehrt,

So spricht er von der Keuschheit hohem Wert.

Stimmungen, die dieser bösen genau entsprechen, werden wir aus den

Sonetten noch ertönen hören; zu Beginn der Handlung, der Treulosigkeit,

des Verrats, den der Freund, der Geliebte an der Liebe beging, kommt

noch eine verwandte und doch ganz andere, eine rührend ergebene zu Wort.

Der Freund -- der Geliebte -- die Liebe: ~the love~; da haben wir

noch eine Schwierigkeit für die Übersetzung und das Verständnis: ~the

love~, die Liebe, bedeutet in diesen Gedichten fast nie das Gefühl

der Liebe von einem Menschen zu einem andern Menschen hin, sondern

den Gegenstand der Liebe: nicht die Liebe zwischen zwei Menschen,

sondern den Geliebten und manchmal, selten, auch die Geliebte. In einer

gewissen Zahl Gedichte, auf die ich schon deutete und von der jetzt zu

sprechen ist, haben wir nun gar das Wort im Wortspiel einer zugleich

dreifachen Bedeutung: Liebe -- Geliebter -- Geliebte.

Es kann nie wahrhaft gelingen, aus dem folgenden 40. Sonett, das für

dieses Thema entscheidend wichtig ist, ein anderes als ein plumpes und

halb unverständliches deutsches Gedicht zu machen; es ist aber gerade

sein Wesen, daß es in seiner ungemeinen Gewagtheit so in der Form glatt

und ohne Anstoß dahinfließt wie die allerüblichste Sache:

~Take all my loves, my love,~ Nimm all meine Liebsten

~yea, take them all;~ (Lieben), Liebster, ja,

nimm sie alle,

~What hast thou then more~ Was hast du da mehr, als

~than thou hadst before?~ du vorher hattest?

~No love, my love, that thou~ Keine Liebe, mein Lieb, die

~mayst true love call;~ du wahre Liebe nennen

kannst;

~All mine was thine before~ Alles Meine war dein, ehe

~thou hadst this more.~ du das noch dazu hattest.

~Then, if for my love thou~ Wenn du dann statt meiner

~my love receivest,~ Liebe (zu dir) meine Liebe

(die Liebste) nimmst,

~I cannot blame thee, for my~ Kann ich dich nicht tadeln,

~love thou usest;~ denn du gebrauchst meine

Liebe (meine Liebste);

~But yet be blam’d, if thou~ Und doch sei getadelt, insofern

~thyself deceivest~ du dich selbst betrügst

~By wilful taste of what~ Und launisch kostest, was dir

~thyself refusest.~ selbst widersteht.

~I do forgive thy robbery,~ Ich verzeihe dir deinen Raub,

~gentle thief,~ adliger Dieb,

~Although thou steal thee~ Obschon du dir meine ganze

~all my poverty;~ Armut stiehlst;

~And yet, love knows, it is~ Und doch, weiß die Liebe!

~a greater grief~ ist’s ein größerer Gram,

~To bear love’s wrong than~ Das Unrecht der Liebe (des

~hate’s known injury.~ Liebsten) zu tragen als des

Hasses vertraute Kränkung.

~Lascivious grace, in whom~ Lüsterner feiner Gesell, dem

~all ill well shows,~ alles Schlechte gut steht,

~Kill me with spites; yet we~ Töte mich mit Unbill; aber

~must not be foes.~ wir dürfen nicht Feinde

werden.

Wie ist das nicht bloß im Sprachlichen, auch im Ton fast unnachahmlich;

was für eine Einheit von Wehmut und Schelmerei! Da wird das Kleine

klein und leicht und doch ganz zugleich und im gleichen das

Schmerzliche so schmerzlich genommen. Da ist wirklich in ~the love~

alles Hohe und Niedrige beisammen; und so ist auch dieses Gedicht in

allem Bedenklichen adlig; es wird mehr der Makel im Freund beklagt als

der Verlust der Geliebten, nur daß die Sprache es hergibt, das, was im

Geschehnis geeint ist, auch mit demselben Sprachausdruck zu bezeichnen:

der Makel des Freunds ist die Verführung der Geliebten. Über das, was

den Menschen gemeiniglich das Wirkliche und Wichtige ist, ist dieser

vom Freund und der Geliebten betrogene Dichter erhaben; so sehr wir von

hier aus neu verstehen, welche Rolle Umdunkelung und Vernichtungswut

des Hahnreis in Shakespeares Rachedramen spielen, so sehr dürfen wir

ganz selig und leicht und frei hier erleben, daß es für den Dichter

dieser Gedichte kein Hahnreitum gibt. Die Phantasieliebe wird zum

wahren Leben; des Lebens Notdurft wird zum Spiel. Das empfinden wir

noch mehr, wenn wir die innere Handlung dieses Vorgangs in den beiden

unmittelbar anschließenden Sonetten 41 und 42 noch weiter verfolgen.

Die art’gen Sünden, die der Leichtsinn tut,

Wenn manchmal ich von deinem Herzen fern,

Stehn deiner Schönheit, deinen Jahren gut,

Denn wo du bist, folgt die Versuchung gern.

Adlig bist du, und deshalb zu gewinnen,

Schön bist du, deshalb geht um dich der Krieg,

Und welches Weibes Sohn, wenn Weiber minnen,

Verließe mürrisch sie vor ihrem Sieg?

Ach! solltest doch wohl mein Gehege fliehn

Und deiner Schönheit fluchen und der Lust,

Die dich im Jugendtaumel dahin ziehn,

Wo du zwiefach die Treue brechen mußt:

Ihre, die deine Schönheit lockt zu dir,

Deine, weil deine Schönheit falsch an mir.

Und nun im nächsten das Höchste in Einem an Scherz, an Schmerz, an

herzlicher Wonne im Weh:

Daß du sie hast, das schmerzt mich nicht so stark,

Und doch ist’s wahr, ich liebte sie gar herzlich.

Daß sie dich hat, das frißt mir recht ins Mark,

Der Liebeskummer trifft mich wahrhaft schmerzlich.

Doch weiß ich Mildrung euch, ihr Liebessünder:

Du liebst sie, weil du weißt: ich bin ihr gut,

Und meinethalb betrügt sie mich nicht minder

Und duldet, was mein Freund ihr meinthalb tut.

Verlier’ ich dich, so hat mein Lieb Gewinn,

Geht sie verloren, macht mein Freund den Fund;

Zwei finden sich, zwei fahren mir dahin,

Und beide richten meinthalb mich zu Grund.

Ach, freu dich! wir sind Eins, mein Freund und ich;

O holder Wahn! so liebt sie doch nur mich!

Denken wir von hier aus an solche Stücke wie Die beiden Veroneser,

Wie es euch gefällt, Was ihr wollt, wo immer auf Shakespeares Bühne

der junge Schauspieler, der die jugendliche Liebhaberin zu spielen

hat, sich noch einmal als Mann zurückverkleidet und so, während ein

Weib sich in ihn verliebt, der Freund eines Mannes wird, der sich in

erotischer Sympathie zu ihm hingezogen fühlt: aus dem, was Shakespeares

Lyrik uns über seine Erlebnisse und die Art, wie er sie nahm, enthüllt,

verstehen wir die leichte, neckische und doch innige Grazie jener

Szenen besser. Bei aller Innigkeit und Gewalt der Schmerzen hat er so

viel überlegene Heiterkeit, daß er mit einer gewissen mathematischen

Kombinationsfreude, wie sie sich gerade der Form des Sonetts so

wundervoll anschmiegt, die innern und äußern Möglichkeiten des Dreiecks

abwandelt.

Mit der sehr ernsten Aufgabe, vor die die Art, wie Shakespeare dieses

Erlebnis hier in die freie Luft des Spiels und damit der Reinheit

gehoben hat, uns stellt, sind wir noch lange nicht fertig; und so

ist zu sagen, daß es nichts Moderneres, nichts, was uns mehr angeht,

gibt als diese Sonettenfolge. Die Liebe abwechselnd, wie es die Natur

verlangt, gewaltig ernst, und dann wieder, wie es der Geist rät, ganz

leicht und heiter, immer aber frei nehmen scheint mir in der Tat

eine Aufgabe, die Shakespeare besser verstanden hat als wir. Auch in

diesem zarten Punkt stehen unsre frühen Romantiker, Novalis, Friedrich

Schlegel, Schleiermacher in naher Beziehung zu ihm. Shakespeare aber

hatte es leichter als sie und wir, weil er in andern Sitten oder Moden

stand als wir.

Lebendig genug im England seiner Zeit war noch die höfische Sitte der

Ritterliebe, wie wir sie aus den Artusromanen und ähnlichen Dichtungen,

aus der Minnepoesie, aus dem Leben Ulrichs von Liechtenstein kennen:

in all den Büchern dieser Art, wie sie in dem Jahrhundert nach

Einführung des Buchdrucks in den Kreisen des Adels, des Bürgertums

und des Volks begehrt waren und verschlungen wurden, gehörte es sich

und war Mode, daß der -- übrigens verheiratete -- Ritter eine Dame

hatte, der er seine Phantasieliebe widmete. Es gehörte sich, daß in

der Liebesdichtung von allem eher die Rede war als von der Hausfrau,

der Mutter der Kinder. Es gehörte sich, mit einem gesagt, daß der

seelenvolle Sänger und ritterliche Kämpfer, unabhängig von seiner

Häuslichkeit, seine Sehnsucht, seine Romantik hatte, die ihn, wie

die gotischen Münstertürme aus muffigen Bürgergäßchen in die freie,

frische, blaue Luft nach oben wuchsen, aus der Enge in die weite Welt

führte.

Zu dieser Verzauberung und Verklärung des Lebens aus dem Mittelalter

kamen nun noch die hohe, heroische Seelenstimmung des erotischen

Freundschaftsbundes in der Renaissance und die Einflüsse aus der

Antike; Plato war der Abgott der Kreise, aus denen Giordano Bruno

herkam, und die Schriften der griechischen und der neuen italienischen

Platoniker, in denen die Liebe des Sokrates ins Erhabene gerückt und

als heitere, die Menschen frei und unverzerrt an einander bindende

Religiosität erfaßt war, wurden durch den Druck verbreitet. Die „Minne“

fing in diesem Zeitalter des Don Quijote und der Cressida gerade an,

auf die Stufe des holden, flatterhaften, irdischen Liebchens zu sinken;

die Geschlechtsliebe wurde analysiert und also angetastet und von der

verklärenden und steigernden Phantasie abgeschnitten. Shakespeare,

dessen Volumen daher rührt, daß er an der Wende der Zeiten in beiden

Lagern stand, war auch auf diesem Gebiet nach beiden Seiten zum

Höchsten imstande: keiner hat wie er die Liebe zwischen Mann und Weib

von der Phantasie ins Himmlische heben lassen, keiner hat wie er solche

Liebe mit inniger Qual und zäher Energie untersucht und zergliedert.

Die Art Geschlechtlichkeit und Wollust, die den Mann nicht zur Freiheit

steigert, sondern ins Gemeine bannt und unter seine Würde hinabzerrt,

hat er mit dem großen Fluch der Menschheit belegt, und gegen sie hat er

das Ideal der männlichen Gesellschaft, der Männerfreundschaft erhoben

und hat diesem Gegensatz Troilus und Cressida gewidmet.

Das Heroische und Erhabene, nicht mehr lechzen und verlangen, ins Tier

hineinschlüpfen, der Natur sich unterwerfen, sondern die Kühnheit,

die freie Bahn des sich selbst bestimmenden Geistes kommt in dieser

Liebesfreundschaft zum Ausdruck. Die Augen haben einen andern Blick;

Sehnsucht, Habenwollen, Entbehrung, Leid und Qual und Wonne: all

das ist da, aber alles nicht der Venus, dem finstern Leibestrieb

unterworfen, sondern frei als ernstes, strenges Geschick erwählt.

Noch einmal sei in dieser Vortragsfolge Rembrandt genannt. Den

Gegensatz der Welt des Rubens und des Rembrandt, der Sinnenlust

und der magischen Geistesfreude erkenne ich in Geschlechtstrieb

und Liebesfreundschaft, wie sie Shakespeare in den Sonetten und in

den eng zu ihrem Höhepunkt gehörigen Bühnenwerken, Antonius und

Cleopatra und Troilus und Cressida darstellt. Wie ich das meine,

möge das Sonett zeigen, das gleich auf die Reihe der Sonette von

den drei Menschen folgt, deren jeder jedem Liebesgefühle zuträgt

und deren einer verlassen erleben muß, wie zwei ihm doppelt treulos

sind. Erstaunlicherweise zwar will Brandl in der Abhandlung, die er

Fuldas Übersetzung beigibt, dieses wie so manches andre Gedicht, in

dem die Freundschaftsliebe einen besonders gewaltigen, passionellen

Ausdruck findet, auf die Liebe zu dem Weibe beziehen, -- aber überall,

wo es aus inhaltlichen und sprachlichen Gründen sicher ist, daß

der Dichter von ihr spricht, sind ganz andre Töne zu hören, und zu

solcher Umbiegung hat keiner ein Recht. Shakespeare bedarf keiner

Entschuldigung; sein ganzes Herz hängt an seinem Freunde; und warum

etwa nicht? Weil die Freundschaft aus der Mode gekommen ist? Weil die

meisten, wenn sie von ihr hören, den Eros mit dem Sexus verwechseln

und von einer Hingerissenheit nichts wissen, die nur der Seele und dem

Geist entstammt? Weil man nur immer an solche ins Drollige mißratene

Verhältnisse verzweifelt Täppischer und Phantasieloser denkt, die in

ihrem Unterbewußtsein Verwechselungen begehen und irgendein Glied

ihrer Notdurft in einen Bund hineintragen, der schmutzig, lasterhaft

oder komisch ist, wenn er nicht ein Bund der Freiheit ist? Weil man

nur immer faulige oder pervers triebhafte Nebenregungen mit dieser

Freundschaft in Verbindung bringt oder sich gar von einer im Dumpfen

ausgebrüteten Pseudowissenschaft sagen läßt, solche Freundschaft müsse

mit einem fruchtlosen Mißbrauch der zur Kindererzeugung bestimmten

Organe des Leibes verbunden sein? Weil die Phantasielosigkeit nirgends

komischere Triumphe feiert als auf dem Gebiet der Liebe jeglicher

Art? und weil die meisten gott- und liebeverlassenen Leute mehr von

einem Wind, der in ihrem Leibe spaziert, zu begehrender Begeisterung

gebracht werden als vom Anblick der Seelenschönheit? Äußerung braucht

die Freundschaft, wenn sie innen in jedem von zwei Menschen da ist

und zwischen zwei Menschen weben will; der Vermittelung bedarf die

Seele der zwei, die eins werden will, der Vermittelung durch den

Leib, weil es andre Wege des Verkehrs für uns unter dem Himmel nicht

gibt; aber auch die Sprache, auch die Musik, auch die Kunst gehört

zu dieser leiblichen Vermittelung, und die Nuance ist auf diesem

Gebiet der unphysiologischen, der Phantasieliebe alles; von dem Talent

und der Übung zum Verkehr der Geister wird es bei den Menschen, die

zusammenstreben, abhängen, ob ihr Umgang grotesk oder schön sein wird.

Sie wird wieder Mode werden, die Freundschaft; ohne gefühlvollste

Untrennbarkeit zueinander gezogener und gebannter Menschen auch

über die Familiengruppe hinaus kommt es zu keiner Erneuerung der

Menschengesellschaft; die Kameradschaft, wie sie Whitman verkündet

hat, wird die Bünde schaffen, die nicht wie die Familien und Nationen

gemeinsamer Notdurft der Natur, sondern der freien Wahl des Geistes

entstammen, und die nicht aus der Wut des Geblüts zu blutigen Kriegen,

sondern zu hell freudigem Wettkampf schöpferischer Kräfte führen. Dann

wird ein Gedicht wie das 43. Sonett Shakespeares, das Rembrandt-Sonett

den Menschen ein Labsal und wie eine weihevolle Inschrift sein, die

ihr öffentliches Leben mit der glühenden Innigkeit ihres intimsten und

geheimen Lebens befeuert:

Geschloßnes Auge dient am besten mir,

Da es sich tags an nichtige Dinge wendet,

Doch wenn im Schlaf ich träume, ist’s nach dir

Und nächtig hell, hell in die Nacht gesendet.

Denn du, deß Schatten Schatten leuchten macht,

Was gäb’ dein leibhaft Bild für holde Schau

Dem lichten Tag mit deiner lichtren Pracht,

Deß Schattenbild erstrahlt in Schlummers Grau!

Wie, sag’ ich, wär’ des Auges Glück erst groß,

Wenn es dich sähe im lebendigen Tag,

Da hell in toter Nacht dein Schatten bloß

Durch schweren Schlaf vor blinde Augen trat.

Nachtgleich die Tage all’, wo du nicht hier,

Und taghell nachts, führt dich der Traum zu mir.

Ich denke an Rembrandt nicht bloß wegen des ~darkly bright, bright

in dark~, wegen des Helldunkels, sondern weil dieses Licht, das auf

die Nacht flammt, bei beiden dieselbe Magie der düster klaren, des

Geschicks bewußten Freiheit, Haltung und Entschlossenheit des Geistes,

der sich von den Banden des Triebs losmacht und selig gefaßt in der

Phantasie lebt, zum Ausdruck bringt. Dieser entschlossene, zu Tod wie

Leben bereite, rationelle und doch tragische, helle und doch nächtige

Geist, wie ihn dieses Sonett, wie ihn in den Dramen am schönsten

Brutus und Hektor und Macduff und Prospero zum Ausdruck bringen, und

hinwiederum die andre Gestalt des Geistes, die die Tierwildheit durch

Witz, Ironie, Spiel, Heiterkeit überwindet, das sind die beiden Pole,

denen die schönsten Dramen Shakespeares ebenso wie diese Sonette

wechselseitig zustreben. Und wie braucht der Geist die Abwechselung

zwischen diesen Standpunkten und Arten des Verfahrens, wie muß er in

dieser Welt sich so schwer durchs Leben winden, um sich zu behaupten,

da wir, so klagt das nun folgende Sonett in derselben Stimmung und mit

ähnlichen Worten wie der junge Prinz Hamlet, nicht ganz und gar Geist,

sondern in die „dumpfe Substanz des Fleisches“ gestopft sind! Wie wäre

der Raum, der die Trennung und den Schmerz schafft, überwunden, wenn

wir ganz Geist wären! Aber „dieser Gedanke ist tödlich, daß ich nicht

Gedanke bin“. Wir sind elementar -- und in der Trennung leiht uns der

schwere Stoff unsres Fleisches keinen leichten Flug der Überwindung

aller Schranken des Raums, der Zeit, sondern nur die Mischung aus

luftgleicher Seele und „allzu festem Fleisch“: das Naß der Tränen.

Da haben wir die elementare Chemie dieses Tragikers, der wir in

Antonius und Cleopatra schon begegnet waren: Zwei Elemente, Erde und

Wasser, unser Leib und unsre Tränen binden uns an die Natur. Mit den

Tränen unsrer Schmerzen aber, mit der Empfindung aber geht die Fahrt

schon aufwärts, da steigt der Leib hinauf in die Seele. Wie gut erst,

daß wir auch der beiden andern Elemente teilhaftig sind, von denen das

unmittelbar anschließende 45. Sonett spricht: die Luft, unser Denken;

das Feuer, unser Wollen und Sehnen: ~desire~. Mit dieser Ausdeutung

der Elemente als Symbole für die Urprinzipien der Welt berührt sich

Shakespeare mit der ältesten griechischen Philosophie, ohne daß wir

sagen können, ob diese Einkleidung seiner Gedanken und Stimmungen aus

philosophischen Gesprächen im Freundeskreis, etwa mit Jüngern der

italienischen Neuplatoniker, oder aus Büchern zu ihm kam. Das Erlebnis

aber mit dem Leib und den Schmerzen, die ihn flutend durchgeistigten,

hatte Shakespeare sehr leibhaft in der Wirklichkeit; er vielleicht

mehr als irgendein anderer Sterblicher. Denn er hatte ein unheimliches

Erlebnis mit seiner Körperlichkeit, das, ich muß es nach langer Prüfung

glauben, irgendwie mit den immer wiederholten Klagen über Makel und

Flecken in seinem Leben, über Schmach und Scham zusammenhängen muß,

welche Klagen keineswegs durchgängig mit seinem Schauspielerdasein

erklärt werden können. In den dreißiger Jahren seines Lebens beginnen

die erschütternden Klagen, daß er alt, müde, verbraucht werde, und

werden immer grimmiger und schärfer; im Jahre 1599, aus dem wir die

ersten noch gemäßigten Klagen dieser Art (im Verliebten Pilger) im

Druck haben, war er 35 Jahre alt, und diese Sonette könnten sogar noch

ein paar Jahre älter sein. Wer sich damit helfen kann, zu erklären,

diese Klänge wären Versspielereien ohne Wirklichkeit, dem sei’s

überlassen; ich glaube ein Ohr für Lebensechtheit der Empfindungen zu

haben und vermag es nicht.

Obwohl Shakespeare alt nicht geworden ist und ganz gewiß kaum vierzig

vorbei war, als die ganz bittern dieser Sonette entstanden, redet er

scharf und bitter von dem Bild, das ihm sein Spiegel zeigt: die Jahre

haben ihn wie mit Lohe gegerbt, rissig gemacht, zerquetscht. Gewiß

haben wir da die Übertreibung in Betracht zu ziehen, eine doppelte

sogar, die eine, die zur melancholischen Gemütsart gehört und die

das, was sie anfangs übertreibt, bald genug selber herstellen hilft

und immer ärger macht; dann auch die andre, künstlerische, die einen

dunklen Hintergrund braucht, von dem sich das strahlende Bild des

Freundes abheben soll. Aber alles zusammengenommen, und erwogen, daß

so übergroße geistige Macht nicht geschenkt wird, daß die Natur, die

in Eines Menschen Leib solch zehrendes Feuer goß, ohne Ausgleich

nicht auskommt, daß jede Genialität sich irgendwie, am Körper, an der

Lebensführung, am schwierigen Umgang mit Menschen rächt und daß nur

noch etwa einer der Zufälle, die draußen als Dämonen immer lauern, dazu

treten muß, um eine Katastrophe herbeizuführen, so müssen wir sagen:

die Äußerungen und fast schon Schreie, zu denen Shakespeare zuletzt in

den Sonetten kommt, entsprechen dem Bild, das wir uns auch sonst von

diesem gewaltig Lebenden machen müssen: seine Leibeskräfte, gleichviel,

was von außen antastend und zehrend dazu gekommen war, waren früh

verbraucht; er war alt lange vor der Zeit; die Leiblichkeit hielt dem

innern Sturm auf die Dauer nicht stand. Und in dieser Stimmung nun, die

da über ihn gekommen ist, malt er sich bis in alle Einzelheiten aus,

wie einst die Zeit auch mit dem Freund umgehen wird: auch der wird alt

werden; auch der dahingehn; Türme zerfallen, Erz und Stein sind nicht

für die Ewigkeit; Meer und Land vernichten sich gegenseitig; die Vision

und Bildersprache für dieses Untergangsgefühl ist dieselbe, wie sie,

ein paar Jahre später wohl, aus Prosperos Mund kommen wird; auch die

Schönheit muß welken und in den Kot sinken wie eine Blume. Da gibt es

nur immer den einen Trost -- denn der Gedanke an die Unsterblichkeit

durch die Nachkommenschaft, wie er in manchmal noch naiver Form sich im

Beginn der Sonettendichtung ausgesprochen hat und wie ihn der Dichter

schließlich in Gestalt einer Erbfolge des Geistes in dem Verhältnis

Prosperos zu Miranda und Ferdinand fassen wird, taucht an dieser Stelle

der Sonette nicht auf -- den einen Trost kennt der Dichter hier nur,

daß die Liebe in den schwarzen Lettern dieser Gedichte erhalten bleibt.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 27 / 30 段