Dem Willen und auch der Dichterkraft nach bei weitem am höchsten steht

Stefan George; er hat den Geist und die Musik, hat das Formprinzip

dieser Kunstwerke nicht nur erfaßt, sondern in sich; überdies ringt

er ergreifend und fast tragisch um Treue, selbst wo es sich um das in

diesem Fall Schwerste, um das Vorwiegen des männlichen Reims handelt;

aber nur selten ist ihm ein ganzes Sonett geglückt; um der treuen

Nachbildung der Form willen vergewaltigt er die Möglichkeiten der

deutschen Sprache oft unerträglich; so wird aus der Not die spezifisch

Georgesche Tugend, mit der der adlig-volksmäßige Shakespeare nichts

gemein hat: das Hieratische, Esoterische, das an die Stelle des Volks

und der natürlichen Vornehmheit, die unsrer Zeit alle beide fehlen, den

Klüngel setzt; und zum Verständnis und Genuß seiner Übersetzung -- ich

übertreibe nicht -- braucht man immer wieder das Original.

Nach der Zahl der gelungenen oder wenigstens erträglichen Sonette

ist Sänger der beste: aber wie viele Spitzen bricht er ab; wie viel

ebnet er; wie viel Erklärungen, Auffassungen, Deutungen bringt er in

den Text hinein; aus Unbestimmtheiten macht er Bestimmtheiten und aus

Bestimmtheiten Unbestimmtheiten; er trivialisiert das Gehobene und,

was schlimmer ist, er bringt eine gewisse bürgerliche Feierlichkeit

und Selbstbewunderung in Äußerungen hinein, die der Dichter wie eine

unverrückbare Wirklichkeit sich allerschlichtest und natürlich hat

aussprechen lassen.

In den Zitaten, die ich im folgenden mitzuteilen habe, habe ich alle

Übersetzungen, die mir etwas boten, benutzt, kombiniert und nach

Bedarf und eigenem Vermögen verändert und zur Einheit gebracht. Ich

glaube, daß dadurch für diese einzelnen Stücke und Bruchstücke etwas

Rechtes herausgekommen ist, und ersuche berufene Leser um Prüfung;

dies um einer wichtigen Sache willen, denn es ist in all solchen

Fällen, wo kombinierte Kraft und gleichzeitige oder zeitlich getrennte

Gesellschaftsarbeit etwas Rechtes zustande bringen, ein scharfer und

unnachgiebiger Kampf gegen die verruchte Monopolform, die das geistige

Eigentum in unsrer Zeit angenommen hat, zu führen.

Zu wünschen wäre, unter Beiseitesetzung aller Vornehmtuerei, für

deutsche Leser, die des Englischen mächtig sind, eine Ausgabe

des Originals mit deutscher Prosa-Übersetzung und sachlichen und

sprachlichen Erklärungen. Denn man kann sich dieser Sonette nur in

derselben Art bemächtigen, wie der Göttlichen Komödie und des Don

Quijote, und für die, die keine Erklärungen mehr brauchen, gibt es

Ausgaben würdiger Ausstattung, in denen niemand dem Dichter dreinredet,

genug.

Was drücken nun diese Sonette insgesamt aus, wenn ich den Versuch

mache, ihren Gehalt, wie sie ihn von Inhalt, Stimmung und Form

bekommen, fast wie in einem einzigen Satz auszudrücken? Und was

bedeuten sie im Gesamtwerk des Dichters?

Von diesem letzten zuerst zu reden und mit dem Äußerlichsten zu

beginnen: diese Sonette beziehen sich nur fortlaufend auf einander,

auf nichts anderes; der Dichter, der da von sich spricht, ist nur der

Dichter dieser Sonette, man dürfte sagen: ihr gedichteter Dichter.

Wären sie uns erhalten, aber nicht unter Shakespeares Namen, so wäre

ihr Verfasser für uns, so wie der Dichter des herrlichen Dramas Eduard

III., der doch wohl nicht Shakespeare ist und von dem wir

dann gar nichts wissen, ein unsterblicher Dichter der Weltliteratur;

in einem Teil der Sonette würden wir wohl an Spiele wie Die beiden

Veroneser erinnert; in einem andern käme uns eine Gesinnung zum

Ausdruck, die uns überaus stark an die Stimmung von Troilus und

Cressida, Hamlet, Timon und Verwandtem erinnerte, aber wenn ich

diesen Dichter, wie ich für möglich halte und hoffe, mit Shakespeare

identifizierte, ist kein Zweifel, daß ich hinzufügen würde: bewiesen

ist es nicht. Er erwähnt seine Dramen nie; auch in keiner allgemeinen

und unbestimmten Wendung weist er irgend auf sie hin; Anspielungen sehr

dunkler Art sind wir geneigt, auf seinen Schauspielerberuf zu beziehen;

ob wir darin recht haben, steht dahin; sicher ist, daß wir keine

Möglichkeit dazu hätten, wenn wir ihn nicht als Verfasser kennten.

Der Ton dieser Sonette ist: es äußert sich eine überschwängliche,

innige, hingenommene, knieend verehrende Empfindung ganz unrhetorisch,

sachlich, so wie das Wirkliche sich äußert. Es wird nicht begeistert

über die Sache geredet; sondern die Sache selbst spricht sich aus, und

diese Sache ist Innerlichkeit, ist Seelenabgrund und Geisteshöhe.

Es gibt für den Dichter dieser Sonette nur die Welt, nur die Erde, nur

Menschliches. Mythologie tritt selbst als Schmuck der Rede nur ganz

selten hervor; viel seltener als in fast jedem der Bühnenwerke; und von

Befangenheit in Vorstellungen der Religion, des Dämonenglaubens oder

irgendeines Aberglaubens ist nichts zu finden.

Keinerlei Interesse an den Dingen der Macht, an Politik oder nationalen

Gegensätzen oder Kriegen oder Zeitfragen irgendeiner Art tritt in

dieser direkten Aussprache des großen Dramatikers zutage. Einige Male

im Gegenteil die Abneigung gegen Politik und Herrentum:

Stünd’ es mir an, den Baldachin zu tragen,

Dem äußern Schein die äußre Ehr’ zu geben?

An Türmen bau’n, die in die Zukunft ragen

Und Umsturz und Verfall nicht überleben?

... Nein, laß mich nur in deinem Herzen fronen,

Und nimm du meine Gabe, arm, doch frei,

Sie kennt kein Arg, du brauchst sie nicht zu lohnen,

Nur daß die Liebe unser Austausch sei.

Der Dichter tritt auf als Hingegebener, als Gefangener, als Anbeter der

Schönheit. Nicht der Schönheit in abstrakter Gestalt oder allegorischer

Einkleidung; er -- der Dichter dieser Gesamtdichtung, wie sie uns

komponiert vorliegt -- ist Einem Menschen, einem Manne, der jünger

ist als er, rettungslos verfallen: dieser Jüngling repräsentiert ihm

nach Gestalt, Ausdruck, Grazie, Würde den schönen, den adligen, den

seelenvollen, den herrlichen Menschen. Er repräsentiert ihm, was er

anbetet; das heißt, und er drückt es nicht anders aus: diesen Menschen,

diesen Mann liebt er. Wir dürfen nicht weniger, wir dürfen nicht mehr

sagen. Hinzuzufügen haben wir, daß der Sprachgebrauch, das heißt, das

Denken und Empfinden der Zeit, für innige Freundschaft, die die Seelen

erfüllt und nicht von einander läßt, die Worte lieben und Liebender

nicht vermeiden kann und will. Wir haben dafür Beispiele bei andern so

gut wie bei Shakespeare. Wir wissen, wie Hermione sich von ihrem Mann

das Recht nicht nehmen läßt und ihm frei und unschuldig heraussagt,

daß sie seinen Jugendfreund, der auch ihr Freund geworden ist, liebe;

der alte Menenius gebraucht von Coriolan den Ausdruck ~my lover~,

mein Liebster, um damit seine eigne Freundschaft zu ihm zu bezeichnen;

wenn Porzia von Antonio sagt, er sei der ~bosom lover~ ihres Herrn

und Gemahls, so findet sie das so recht und in Ordnung, wie wenn wir

vom Busenfreund sprechen. Und weiter haben wir zu sagen, daß in der

Handlung, in der Geschichte dieser Liebe ein Fortschritt ist: immer

mehr tritt die Anbetung der äußern Form, der Schönheit der Gestalt in

unlösliche Verbindung mit der Liebe zum Innern, zur Seele, zum Gut- und

Adligsein; immer mehr wird dann aus dieser Verbindung der Gegensatz:

Leib und Seele; und der Leib ist Tod und Vergehen; die Seele ist

Unvergänglichkeit; Leib und Tod finden den Ausdruck ihrer Lebensgier

und ihres Vernichtungsdranges im Geschlecht; die Seele macht sich frei

in der Freundschaftsliebe zur Verehrung des Ewigen.

Ein neues Moment ist also hinzugetreten, ein dramatisches: der Kampf,

den der Dichter in sich, gegen sich mit der Geschlechtsliebe einer

gewissen Art, mit der Wollust zu führen hat.

Diesen Kampf zwischen Venus und Eros hatte Shakespeare schon einmal

darzustellen unternommen: in seinem Gedicht Venus und Adonis, das

er 1593 herausgab und das ihn sofort zum berühmten Dichter machte.

Es ist fast unbestrittene Gewohnheit geworden, mit der größten

Verachtung über dieses Gedicht und die bald folgende Lucretia, die

zur nämlichen Gattung gehört, rasch wegzugehn, mit einer Verachtung,

die dem Stil wie der sogenannten Unsittlichkeit gilt. Der Stil

ist, daß nicht Menschen und Situationen aus der Wirklichkeit

geschildert werden, sondern allgemeine Kategorien von Trieb- oder

Geisteskomplexen, leidenschafterfüllte Allegorien, und Situationen

nicht real-individueller, sondern gattungsmäßig allgemeiner Art.

So wird die Klage der Lucretia über ihre Schändung benutzt zur

Darstellung der Nacht in sechs, der Gelegenheit in sieben, der Zeit

in elf Strophen, immer aber aus der Glut und Wut der menschlichen

Situation heraus, immer in Metaphern, die sich steigern, überhitzen,

überspitzen und dem Witz so bewußt und gewollt nah getrieben werden

wie bei Ariost. Ich finde, daß wir uns in diesen Stil hineinfinden

können, daß auch in diesem Barockstil sehr viel Starkes und Liebliches

zu finden ist, und daß Shakespeare die Form ganz vollendet gemeistert

hat. Es fällt mir nicht im entferntesten ein zu leugnen, daß gräßliche

Verstiegenheiten, Abgeschmacktheiten, Gesuchtheiten da sind; darüber

sind aber wundervolle Schönheiten und Bilder von prachtvoller Kraft und

Sicherheit wie zarter Feinheit nicht zu übersehen. Ganz und gar leugne

ich aber die Unsittlichkeit. Mit der Kühnheit und Freiheit, die alle

Kunst der Zeit zum Ausdruck des Äußersten trieb und die in Shakespeare

zu einem Gipfel emporstieg, werden die äußere Gestalt und die innere

Verfassung der als Menschen personifizierten ungeheuren Trieb- und

Seelengewalten und die leidenschaftlichen Situationen, in die sie mit

einander geraten, geschildert; wenn man aber diesen jugendlichen Werken

Shakespeares etwas auf diesem Gebiet vorwerfen könnte, dann wäre es die

zu direkt sich aussprechende Moral.

Die Art aber, wie -- in beiden Gedichten -- die Wollust sich ausspricht

und die Seele ihre Klage über sie anstimmt, ist der Sonettendichtung

schon nah verwandt.

Gen Himmel ist die Liebe längst entwichen,

Seit stinkend Lust in ihrem Namen steckt;

Die kommt zur Schönheit, so vermummt, geschlichen,

Und was sie nicht verzehrt, das ist befleckt.

Oder:

Die Lieb’ ist wahr und mäßig; Wollust praßt

Und wird erstickt von ihrer Lügen Last.

Und wie großer Art ist die Schlußrede der Venus, ihre Klage um Adonis,

der der Welt verloren ging, und ihr Fluch auf die Liebe:

Weil Eros nicht mehr da ist, soll sich nun, muß sich nun Leid und

Eifersucht, Qual und Gift und Treulosigkeit mit der Liebe verbinden;

Krieg und Feindschaft zwischen Nächstverwandten wird sie hervorrufen,

in allem Bösen sich einnisten, alles Gute untergraben.

Oder wie groß, wie stark, wie eindringlich ist die Darstellung von

Tarquins Ernüchterung, nachdem die Wollust ihn zur Notzucht getrieben

hat; wie findet das menschlich Wahre im Allegorischen leidenschaftlich

innigen Ausdruck, wenn das Gierverlangen nun wie ein bankrotter Bettler

matt und elend geworden ist, und seine Seele nun klagend zu ihm spricht:

Lebend’ger Tod und ew’ges Leid

Sind nun mein Los; empörte Knechte haben

Mein Heiligtum zertrümmert und entweiht;

Die Sünden meiner Sterblichkeit begraben

Im Schutt der Schande die Unsterblichkeit;

Das alles hab’ ich klar vorher gewußt

Und wurde doch das Opfer dieser Lust!

Der Shakespeare dieser Gedichte darf sich getrost in der Gesellschaft

sehen lassen, in die er mit ihnen gehört und in der er Genosse der

Schar ist, die von Ariost, Edmund Spenser, Victor Hugo und Swinburne

angeführt wird, nicht ihr Erster, aber auch keineswegs ihr Letzter.

Neben dem großen Spenser steht der beginnende Shakespeare nicht anders

da, als etwa Goethe mit seinen ausgezeichneten, wiewohl noch nicht

goethischen Mitschuldigen neben Molière.

Wie er aber mit seinen dramatischen Werken trotz den Großen, die

neben ihm standen und nach ihm kamen, der Einzige ist, als den ihn

Goethe gepriesen hat, so mit seinem Sonettenwerk, in dem er das Thema

der allegorischen Gedichte in einer so völlig andern, so einzig

vollendeten, so in schlichter Menschlichkeit ungeheuren Gestalt aufnahm.

Hier verbinden sich nun die beiden Teile innerer Handlung, die der

Dichter schon in jenen epischen Gedichten einander gegenübergestellt

hatte, die Wollust und die geistige Liebe, zu einer seltsam

geschlossenen einheitlichen äußern Handlung: er, der Dichter, der

den Freund liebt, hat, so heftig er widerstrebt, so sehr er ringt,

loszukommen von dieser unwürdigen, verzehrenden Begehrlichkeit, eine

Geliebte, offenbar, deutlich genug ist’s gesagt, eine verheiratete

Frau; und nun schließt sich der Ring: Geschlechtsliebe entsteht auch

zwischen dem Freund, dem andern William, und dieser dunklen Schönheit,

die dem Dichter gehört.

Da ist nun vor allen Dingen zu sagen, daß ähnliche Motive in der

Literatur der Zeit auch sonst behandelt wurden, besonders in den

berühmten Moderomanen John Lylys.

Ich gebe hier in den kurz zusammengedrängten Worten Conrad Henses

den Inhalt des 1579 erschienenen Romans „Euphues, die Anatomie des

Witzes“: „Euphues ist ein junger Athener, der nach Neapel kommt, hier

einen Freund, Philautus, gewinnt, durch seine witzige Beredsamkeit die

Geliebte desselben, Lucilla, zur Untreue verleitet, selbst die Untreue

der Lucilla erfährt, mit dem getäuschten Freunde sich wieder versöhnt,

und zuletzt sich wieder nach Athen zurückzieht.“

Außerdem ist zu beachten, daß Shakespeare selbst das Motiv in seiner

Komödie Die beiden Veroneser behandelt hat. Die Entstehungszeit

dieses Stückes kennen wir nicht; aber es wirkt sehr jugendlich, und

ich zweifle nicht, daß es vor dem Sommernachtstraum und vor Venus

und Adonis, in die Gegend der Verlornen Liebesmüh, vielleicht noch

etwas früher, etwa um 1590 also zu setzen ist. Daß Shakespeare die

Einkleidung der Handlung irgendwo gefunden hat, daß er also nicht

lediglich ein eigenes Erlebnis maskiert hat, ist gar nicht zu

bezweifeln. Es sind Anklänge an einen spanischen Roman da, und einiges

spricht sogar dafür, daß ein älteres Drama ihm Vorlage war, das wir

nicht haben.

Der große Reiz, den dieses Spiel hat, ist sein schwebendes Wesen. Die

Personen sind nicht so recht feste Gestalten, weil der Dichter es noch

nicht vermag, einmalige Menschen von innen her kraftvoll zu beleben,

und weil er über dieses Ziel hinüberspringt und sich gar nicht bei ihm

aufhalten will: es soll alles in eine Sphäre der Unwirklichkeit, des

zierlichen Scheins hinüber. Und doch ist es wieder so, als wäre bei

diesem Sprung aus dem Nochnichtmenschlichen ins Nichtmehrmenschliche

gar manches Menschliche, psychologisch Feine und Tiefe an den Gestalten

hängen geblieben. Auch in dem andern als dem psychologischen Sinn

ist das Menschliche dieser Dichtung, wie es, wenn auch nicht so

stark wie in der Verlornen Liebesmüh, überall, nicht nur in der

prächtigen Gestalt des Dieners Lanz -- der im ganzen und einzelnen

Lessings Vorbild für den Just gewesen sein könnte -- hervortritt, sehr

erquickend. Der verräterische Freund, Proteus mit Namen, ist treulos

nicht nur gegen seinen Herzensfreund, dem er seine Geliebte nehmen

will, sondern auch gegen die eigne Geliebte, die er zurückläßt und die,

als Page verkleidet, in die Welt reist, um ihn zu suchen. So sind zwei

liebende Frauen in dem Stück, die alle beide nichts Wetterwendisches

oder von der Wollust Verderbtes an sich haben, sondern im Gegenteil von

einem sehr liebevoll, schwärmerisch das Weibliche verehrenden Dichter

gezeichnet sind. Der Schluß ist, auch wenn man das Stück noch so sehr

fast wie ein Marionettenspiel auffassen möchte, ganz mißraten: kindisch

unvermittelt folgt auf Valentins tiefe Klage:

O Proteus,

Es schmerzt mich tief, ich darf dir nimmer trauen

Und bin der Welt entfremdet deinethalb.

Die Wund’ ist tief, die uns im Innern trifft. O Welt,

Wo sich als Freund der schlimmste Feind verstellt!

unvermittelt folgt darauf ein Sätzchen tiefster Reue des Proteus, der

kurz vorher frevlerisch gerufen hat:

Wen, der liebt,

Kümmert noch Freundschaft?

nun aber, eine Minute darauf seine Liebe zu Silvia vergessen hat; die

Freunde versöhnen sich; Proteus liebt wieder Julia, und so ist auch

für die zwei Liebespaare alles in Ordnung. Erst an diesem Schluß aber

wird dieser Proteus ein grotesker Proteus; vorher sollte gerade er

psychologisch vertieft betrachtet werden.

Was also dieses Spiel vom Freund, der dem Freund die Geliebte nehmen

will, angeht, so sehe ich ihm durchaus nicht an, daß damals, als es

entstand, der Dichter ähnliches erlebt habe; das Gegenteil scheint

mir eher aus der leichtherzigen Unbefangenheit, mit der das Motiv

behandelt ist, hervorzugehn. Dagegen könnte es leicht sein, daß

Shakespeare um diese Zeit herum das weibliche Wesen, das in dem

Sonettenwerk so unheilvoll hervortritt, schon gekannt und von ihr

ein Liebesglück empfangen hat, das vielleicht stürmisch und durch

ihre Koketterie beeinträchtigt, aber noch nicht vom Freunde gestört

oder von Shakespeare als tragisch empfunden war. Die Schilderung

Rosalinens in der Verlornen Liebesmüh, dieser geistvollen,

schlagfertigen, unberechenbaren Schönen mit den schwarzen Augen und

der dunkeln Haut, nicht nur diese ihre Leibesbeschaffenheit, sondern

die etwas empfindliche und leidenschaftlich verteidigende Art, wie

sie geschildert wird, klingt mir ganz so, als ob ein Urbild dieser

reizenden Gestalt die nämliche Frau gewesen wäre, aus der, als der

Dichter ein unsäglich höherer Mensch und unsäglich tiefer in ihre Seele

hinabgestiegen war und als er diese Geschlechtsliebe mit seinem ärgsten

Weltschmerz in Verbindung gebracht hatte, Cleopatra die Schlange vom

Nil wurde.

Ich habe also auf die Frage, um derentwillen ich von Lylys Roman und

von den beiden Veronesern sprach, schon Antwort gegeben. Ja, es ist

wahr, daß das Motiv der Handlung, das in der Mitte des Sonettenwerks

steht, ein beliebtes Thema der damaligen Literatur war und daß

Shakespeare selbst es jugendlich, spielerisch, unbefangen behandelt

hat; aber nein, es ist unmöglich, daß es sich in der Sonettendichtung

auch bloß um Literatur, nicht um tiefstes Erlebnis handle. Es steckt

eine Wahrheit in der These, die Oscar Wilde so ernst wie entzückend

spielerisch behandelt hat, daß die Dichtung dem Leben mit den Motiven

vorhergehe und auf das Leben abfärbe; gar vieles in den Sitten und

Moden ist von den Dichtern geschaffen worden; und mehr, als mancher

glaubt, hängt das außerordentlichste Erleben selbst solcher Menschen,

die nicht in Reih und Glied stehen, mit Sitten und sozialen Moden

zusammen. So sehr ich also immer wieder selbst betone, daß das

Sonettenwerk eine Dichtung und daß auch der Mann, der darin Ich sagt,

eine Dichtergestalt ist, so gewiß ist doch, daß die Empfindungen und

Erlebnisse dieser Dichtung echt und gelebt sind. Wo es nur geht, wenn

es sich um äußere Tatsachen handelt, weise ich die Beweisführung aus

innern Gründen ab und sage, auch wenn mir etwas sehr wahrscheinlich

ist: es steht nicht fest. Empfindende Menschen, die das Recht haben,

Poesie aufzunehmen, verstehen sich aber unmittelbar und zweifellos auf

die Sprache der Lyrik, auf Echtheit oder Unechtheit der Empfindungen,

und so sage ich: so gewiß es ist, daß Günthers Leonoren gelebt haben

und Goethes Liebesgedichte keine Erfindungen sind, so gewiß hat

Shakespeare empfunden, was ihm die dunkle Geliebte, was ihm der Freund

angetan hat. Das ändert nichts daran, daß alles, noch viel mehr als

im Westöstlichen Divan, Gestalt geworden ist; der Dramatiker hat sich

auch in diesem lyrischen Werk nicht verleugnet; und dem Umstand, daß

es diesem Menschen, der Unsägliches lebte, von seiner Natur verwehrt

war, sich unmittelbar auszusprechen, daß er auch für die Gestaltung

seiner Gefühle erst in eine Rolle hinein mußte, schreibe ich es zu,

daß wir in diesem Werk mit einer fast fanatischen Ausschließlichkeit

nur den Freund und den Liebenden kennen lernen. Will Shakespeare

sich über den Staat äußern, so muß er Ulyß oder Hektor oder Coriolan

werden; will er Gesellschaftskritik üben, so wird er Falstaff oder

Hamlet oder Thersites; hier ist er der Freund, ist er der Liebende,

und alles von seinem Wesen, was mit diesen wesenhaften Empfindungen

in Verbindung steht, kommt zum Ausdruck; nichts aber, was nur Rolle

in der Gesellschaft, nur Maske und Gewand ist, es sei denn, damit es

fortgewiesen werde.

An der Spitze des Dichtwerks stehen 17 zusammengehörige Sonette, die

gewiß in der Tat der frühen Zeit des Freundschaftsbundes angehören.

Sie gelten alle in mannigfacher Variation einem Thema, das manche,

die von pseudowissenschaftlicher Behandlung der Freundschaftsliebe

herkommen, überraschen könnte; das Thema ist: Freund, deine Schönheit

darf nicht mit dir untergehn; die Natur tötet alles Einmalige, das ihr

gelungen ist, alles Individuelle, Persönliche; sie hat nur einen Weg,

es in neuer Gestalt zu erhalten, zu vererben: Ehe und Kind.

Verschwender du! dein Vater war ein Mann:

Sorg’, daß dein Sohn das Gleiche sagen kann.

Nichts schirmt dich vor dem Sensenhieb der Zeit

Als Sprößlinge: durch sie bist du gefeit.

Es sind aber diesem siebzehnmal wiederholten Zuruf zwei Sonette

beigefügt, die etwas andres sagen, etwas, wovon der Dichter auch sonst

immer wieder in hohem Selbstbewußtsein spricht: Unsterblich bist du

Schöner, Guter, Edler in jedem Falle:

Solange Menschen atmen, Augen sehn,

Lebt mein Gedicht, in ihm wirst du bestehn.

Ganz nüchtern glaube ich, daß das buchstäblich wahr ist: solange

Menschen leben und lesen, werden diese Gedichte geliebt werden und

mit ihnen ~the love~, der geliebte Freund ihres Dichters. Um so schöner

dünkt es mich, daß nichts weiter von ihm lebt; der Unbekannte lebt nur

in dieser Dichtung; nichts wissen wir von seiner Nachkommenschaft;

vielleicht nicht auf dem Weg der Natur, ganz gewiß durch das Mittel des

Geistes ist er unsterblich geworden.

Diese Vorstellung, er der Dichter werde den bewunderten Freund zur

Unsterblichkeit erheben, tritt auch im weitern Verlauf kräftig

hervor. Vielleicht entspringt diese häufige Betonung aber vor allem

dem Bedürfnis der Selbstbehauptung und also einer Schüchternheit,

die dann in den Stolz umschlägt. Denn zu Beginn des Verhältnisses

äußert sich dem adligen Jüngling gegenüber eine Demut, die keineswegs

bloß den inneren Grund der Verehrung hat. Die Ungleichheit der

gesellschaftlichen Stellung tritt scharf heraus; und im Anfang scheint

der Dichter, von seiner Anbetung getrieben, eine selbstquälerische

Lust darin zu finden, diese Unterordnung eifrig zu betonen. Für seine

Hingebung, seine Rolle in dem Verhältnis, seine demütig bettelnde

Liebe wie für den äußern Rangunterschied, den er zu einem freiwillig

erwählten macht -- die Schweizer Mundart sagt im Sinne von demütig:

niederträchtig, das ist ursprünglich einer, der sich aus innerem

Bedürfnis niederbeugt -- ist es bezeichnend, wie er sich den Sklaven

des Freundes nennt, dem er geduldig aufwartet; der andre mag tun, was

er will, der Dichter wird nicht murren, bis der Souverän Zeit für ihn

hat. Er ist sein Vasall und wird ihm -- Gott verhüte es! -- seine

lustigen Stunden nicht nachrechnen:

Zum Warten bin ich da, der Höllenglut,

Und gönn’ dir deine Lust, ob bös ob gut.

So scheint es auch zunächst kaum möglich zu sein, daß sie unbefangen

einander besuchen und zusammen sind, wie es unter Freunden Brauch ist;

der Dichter freut sich auf besondere Gelegenheiten, auf Feste, wo er

den Freund sehen und im selben Raum mit ihm zusammen sein kann. Das

muß später anders geworden sein, und die Stellung des Dichters zum

Freund muß sich auch in äußerer Hinsicht gehoben haben. Aus andern

Sonettenkreisen geht hervor, daß sie Zeiten hintereinander sich Tag um

Tag trafen und daß ihr Beisammensein nur durch Reisen des einen oder

des andern unterbrochen wurde.

Vor dieser von äußern Verhältnissen und innerer Ergebenheit befohlenen

Demut flüchtet sich das Selbstgefühl des Dichters in Beobachtungen

über die Zeit, als die Vernichterin alles Materiellen und Natürlichen,

und die Unvergänglichkeit des Geistes. Ringt er nach Bildern und

Wendungen, um die Gestalt des Freundes zu formen, so kommt ihm

vielleicht ein altes Buch zu Hilfe, wo ein längst verblichener Dichter

aus der Zeit der Anfänge der Schrift diese nämliche Mannesgestalt

schon dargestellt hat. Jugend und Schönheit gehen dahin, das Wort des

Dichters bleibt:

Und dennoch hält mein Lied der Zukunft stand

Und singt dein Lob trotz ihrer grausen Hand.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 26 / 30 段