Man hat viel herumgeraten, ist sogar auf William Himself, William

(Shakespeare) in Person und auf die Königin Elisabeth geraten, und

hat sich, wie in fast allen Shakespearefragen, nur ganz selten

zu dem Geständnis bequemt, man wisse es nicht und es gebe keine

Möglichkeit, es aus dem Material, das uns vorliegt, herauszubekommen.

In England stehen in der Gegenwart zwei Parteien einander gegenüber,

von denen die zweite im Vordringen ist: die erste entscheidet sich

für Henry Wriothesley Graf von Southampton, die zweite für William

Herbert Earl von Pembroke. In Deutschland nehmen es die meisten für

selbstverständlich, daß die Sonette dem Gönner und Patron Shakespeares

galten, womit Graf Southampton gemeint ist.

Beide Parteien arbeiten viel mit gewissen Anspielungen auf

Zeitereignisse, die sich in den Sonetten finden und die nach ihrer

Behauptung nur auf den Mann deuten können, auf den sie gewettet haben.

In Wahrheit sind die Stellen, die man anführt, viel zu unbestimmt,

vieldeutig, allgemein, als daß man sie auf etwas Bestimmtes beziehen

könnte.

Ich habe nun zu sagen, was ich weiß und was ich nicht weiß.

Die Abkürzung Mr., Master, woraus dann Mister geworden ist, ist

lediglich die Anrede für Bürgersleute. Wenn aber -- wie wir noch sehen

werden -- etwas mit Sicherheit aus dem Inhalt der Sonette hervorgeht,

so ist es zuvörderst das, daß der Angeredete der höchsten Aristokratie

angehörte. Es liegt also, wie zu erwarten war, in der Widmung eine

Mystifikation, die sich, meine ich, der Herausgeber nicht ohne

Zustimmung des Betroffenen erlauben durfte. Ist das aber so, dann wäre

es nicht unbedingt nötig, daß die Buchstaben Mr. W. H. etwas mit den

Anfangsbuchstaben seines Namens zu tun haben. Die Southamptonisten

sagen: es ist eine Umstellung von Henry Wriothesley, oder auch: es ist

Wriothesley Hampton, oder auch: es ist bloß irgendein unbekannter,

gleichgültiger Beschaffer des Manuskripts; die Herbertisten haben es

leichter: William Herbert.

Ich kann aber noch einen Schritt weiter gehn und sage: trotz aller

Einschränkung der Verläßlichkeit der beiden Buchstaben W. H. durch

das unzutreffende Mr. haben wir doch wieder Grund, sie beide für eine

Namensbezeichnung zu halten, weil das W sicher zutrifft. Gar kein

Zweifel darf für jeden, der die Sprache der Sonette kennt, bestehen,

daß der Vorname des Freundes uns mitgeteilt ist: er heißt William. In

drei Sonetten findet sich das anmutige Spiel mit „Will“ als dem Willen

der launisch tyrannischen Geliebten und dem Namen William für die

Liebenden alle beide: durch dieses dreifache Will wird das seltsame

Verhältnis der drei Menschen zu einander ausgedrückt.

Das also wissen wir: der Freund war ein Jüngling aus hohem Adel und hat

wie Shakespeare William geheißen.

Auf Hypothesen baue ich nichts; um Tatsachen komme ich nicht herum.

Solange man nicht auf Grund irgendeiner Tatsache wahrscheinlich macht,

daß der Graf Southampton außer seinem Taufnamen den Rufnamen William

gehabt hätte, kommt er mir für die Sonette nicht mehr in Betracht. Was

sonst für ihn angeführt wird, ist nicht durchgreifend: Shakespeare hat

ihm 1593 devot und im üblichen unausstehlichen Dedikationston Venus

und Adonis gewidmet; er hat ihm im Jahr darauf schon in herzlicher

Vertraulichkeit, wiewohl immer noch in gezierter Modesprache die

Lucretia gewidmet. Das könnte aber nur etwas beweisen, wenn man zeigte,

daß Shakespeare mit keinem andern jungen Adligen vertraut sein konnte,

wozu keinerlei Möglichkeit ist. Statt dessen aber weiß man, daß es

geradezu Mode war, dem Grafen Southampton in Herzlichkeit und Verehrung

Werke zu widmen; wir kennen eine große Zahl solcher Widmungen;

Chapman, der Homerübersetzer, nennt ihn nicht etwa den Gönner des

Einzigen, sondern den „Auserwählten _aller_ edlen Geister unsres

Vaterlands“, und Nash begrüßt ihn in einer Widmung als einen „teuren

Freund und Begünstiger sowohl der Dichter-Freunde als der Dichter

selbst“. Da kann man sich von seinem vielseitigen Mäcenatentum ein Bild

machen; und ich habe nichts dagegen, daß man ihn sich als Begünstiger

des Freundschaftsbundes zwischen William Shakespeare und dem andern

William vorstellt.

Für William Herbert Earl von Pembroke steht die Sache viel besser; er

hat den großen Vorzug, daß er William, daß er W. H. heißt. Die Widmung

der beiden Gedichtbände an Southampton wird dadurch wettgemacht, daß

Shakespeares Freunde Heminge und Condell die Gesamtausgabe eben diesem

William Herbert und seinem Bruder Philipp gewidmet haben und diesem

„adligsten und unvergleichlichsten Bruderpaar“ nachrühmten, sie hätten

den Stücken Shakespeares und ihm selbst bei seinen Lebzeiten viel Gunst

erwiesen.

Wäre William Herbert der Freund der Sonette, so könnten die frühesten

dieser Sonette, die zu dem Zyklus vereinigt sind, nicht wohl vor 1598

geschrieben sein; da kam der junge Adelsmann als Achtzehnjähriger

nach London. Das nehme ich nicht gern an; aber es könnte sein. Meres

könnte, als er 1598 von Sonetten Shakespeares sprach, die unter seinen

privaten Freunden kursierten, gerade einige der ersten kennen gelernt

haben, ganz abgesehen davon, daß, was er kannte und rühmte, auch solche

Sonette gewesen sein können, die gar nicht auf uns gekommen sind.

Und es spricht nicht gegen die Herberttheorie, daß 1599 der Verleger

Jaggard zwei von den Sonetten, die unserem Dichtwerk angehören, in den

Verliebten Pilger aufnehmen konnte.

Aber was in aller Welt zwingt oder berechtigt uns denn, aus der

Möglichkeit eine Notwendigkeit zu machen? Wäre das Geheimnis so

durchsichtig gewesen, daß wir, die wir eigentlich gar nichts wissen,

die sichere Lösung finden, warum haben dann weder Shakespeares

Zeitgenossen noch die ersten Forscher, die Nachrichten aus seinem Leben

zusammentrugen, etwas davon berichtet? Ja, wenn die Sache so auf der

Hand liegt, so aus den Sonetten selbst herauszulesen ist, wie jede

der beiden Parteien behauptet, warum zierte dann der wackere Thorpe

sein Buch nicht einfach mit dem Namen des Freundes? Denn lesen konnten

Shakespeares Zeitgenossen auch; und Anspielungen auf Zeitumstände, die

wir mit ausschließlicher Sicherheit deuten können, mußten für sie gar

ganz handgreiflich sein.

Mit alledem ist es aber nichts; nichts ist bewiesen, als daß die

Sonette sich an einen Adligen richten, der William hieß. Und es schadet

gar nichts, daß wir weiter nichts wissen. Weder die Southamptonisten

noch die Herbertisten haben zu dem Verhältnis, wie es in den Gedichten

steht, aus anderweitiger Kenntnis das allergeringste dazugebracht. Wir

wissen davon auf jeden Fall, was in den Gedichten steht, und überdies

nichts.

Das Gedichtwerk besteht im ganzen aus 154 Sonetten. Davon stehen die

letzten beiden, die eigentlich nur eines in zwei Fassungen sind, für

sich; ein Epigramm aus der griechischen Anthologie -- von dem es

lateinische Übersetzungen gab -- wird nachgebildet und fortgeführt;

und es steht da als sinnvoller, vom Persönlichen ins Allgemeine

verflößender, besänftigender Abschluß des ganzen Zyklus: das Feuer der

Liebe durchdringt alles; nicht einmal Wasser löscht es aus, das Wasser

selbst wird feurig und kocht; und dieses von Liebe durchglühte Wasser

-- der heiße Sprudel -- kann wohl Krankheiten des Leibes heilen, aber

kein Wasser kann die Liebe kühlen, die Liebeskrankheit heilen. Dieses

letzte Motiv, mit dem die ganze Sonettenfolge schließt, daß der von der

Liebe Geschlagene vergebens im Heilbad Heilung von der Liebeskrankheit

sucht, findet sich in der antiken Vorlage nicht.

Die übrig bleibenden 152 Sonette bilden einen Zusammenhang, der sich

zunächst wieder in eine große und eine kleine Abteilung spaltet:

1-126 und 127-152. Da ich annehme, daß Shakespeare das Buch, wie es

uns vorliegt, komponiert hat, brauche ich die Teilung in 126 und

dann 26 für keinen Zufall zu halten; ein bißchen mit Zahlen spielen

die Dichter alle gern; das ist wie ein spielerisches Ausruhen vom

bannenden Spiel des Rhythmus; und der Dichter hat gewiß das Werk aus

einem größeren Vorrat zusammengestellt und manches weggelassen. Die

kleine, als Anhang folgende Abteilung der 26 Sonette richtet sich an

die schwarzäugige, auch sonst schwarze Geliebte -- möge diese Wendung,

die ihr Recht hat, nur keiner nach Art von Wilhelm Jordan verstehen,

der diese Frau in allem Ernst mit abgeschmacktesten Deutungen und

Deutlichkeiten für eine Negerin erklärt hat! Dieser kleine Zyklus

steht in engster Verbindung mit dem vorhergehenden großen, in dem die

nämliche Frau schon ihre Rolle spielt.

Die Sonette 1-126 richten sich unmittelbar an den Freund. Daß diese

Gedichte der Liebe im ganzen einem Freund und nicht einer Geliebten

gelten, ist längst solchen, die es nicht haben wollten, aus einzelnen

Stellen zwingend bewiesen worden. Das tut heute nicht mehr not;

die Wahrheit ist durchgedrungen. Aber da auch neueste Erklärer den

unwürdigen Versuch machen, wo nur die allgemeingültige Sprache der

Liebe es zuläßt, wieder einzelne Steine aus dem Bau herauszubrechen

und Shakespeare vor dem Verdacht, er habe dem Freund leidenschaftliche

Worte der Anbetung gewidmet, zu retten, ist die seltsam beschämende

Geschichte, die diese Gedichte im Urteil der Kunstrichter erlebt haben,

immer noch nicht veraltet.

In die Gesamtausgabe haben Shakespeares Freunde 1623 nur die

Bühnenwerke aufgenommen, keins von den Gedichten. Die Sonette wurden

nach der ersten Ausgabe von 1609 erst im Jahre 1640, zusammen mit den

andern Gedichten, wiedergedruckt; der Herausgeber zerstörte -- wie

später bei uns Bodenstedt -- die wundervolle und notwendige Anordnung

und ließ eine Reihe Sonette fort. Als einheitliches Gedichtwerk

kamen sie erst wieder 1710 heraus, ein Jahrhundert nach ihrem ersten

Erscheinen; und der Herausgeber erklärte, sie seien alle miteinander

dem Lobe der Geliebten gewidmet. Damit war eine Losung ausgegeben, bei

der es bis 1780 blieb; da sprachen erst Malone und die andern Forscher,

die ihm beim Kommentieren halfen, die klare Wahrheit aus. Chalmers

versuchte es mit der Theorie des Mannweibs, der Königin Elisabeth

nämlich, konnte aber kein Glück mehr damit haben. Die Gelehrsamkeit

half sich jetzt anders; Drake 1817 und noch später berühmte Forscher

wie Dyce, Charles Knight und Nicolaus Delius erklärten, hinter diesen

Gedichten stünden im allgemeinen gar keine Erlebnisse; es handle sich

um eine warnende Darstellung unerlaubter Liebe, meinte der eine; um ein

bloßes Spiel der Phantasie, sagten so ungefähr die andern.

Daran nun läßt sich immerhin eine ernsthafte Frage knüpfen. Ist es

denn sicher, darf gefragt werden, ob diese Gedichte alle an einen und

den nämlichen Mann gerichtet sind, und ob die Folge dieser Gedichte

etwa die zeitliche Folge eines einheitlich in sich zusammenhängenden

Erlebnisses darstellt?

Wir müssen immer unterscheiden zwischen biographischen Tatsachen, auf

die wir aus dem Buche schließen wollen, und dem Dichtwerk, wie es uns

der Dichter gegeben hat, auf daß wir es ganz für sich nehmen sollen.

Was die Tatsachen aus Shakespeares Leben angeht, so wissen wir davon

außerhalb des Buches gar nichts. Es ist aber kein Zweifel, daß die

Ordnung der Gedichte künstlich und künstlerisch ist. Viele, je zwei

und mehrere, haken in einander ein, so daß ein Gedicht aus Gedichten

entsteht; die einzelnen Sonette sind nur wie Strophen; niemand kann

entscheiden, ob jedesmal die Gedichte von vornherein so im Zusammenhang

entstanden, ob manchmal dieses Ineinandergreifen erst vom Ordner

hergestellt wurde. Auch wie sich das Herausströmen des Gefühls aus den

Notwendigkeiten der Unwillkürlichkeit und das gebietende, komponierende

Schaffen zu einander verhalten, kann man nicht sagen. Keinem aber,

der aus eigenem Erleben heraus für die Dichtung empfänglich ist,

kann in Zweifel stehen, daß diese Sonette Gelegenheitsgedichte im

Sinne Goethes, daß sie erlebt sind und daß auch ihr Zusammenhang dem

Zusammenhang eines Erlebnisses entspricht. Der so dieses Dichtwerk

empfängt, wird nicht zweifeln, daß die meisten, die zyklischen

dieser Gedichte im Leben des Dichters an eine und die nämliche

Person gerichtet wurden, so wie es gewiß ist, daß nach dem Plan des

zusammenhängenden Dichtwerks der Dichter William von Anfang bis zu

Ende zu einem einzigen jüngeren Freund, dem Adelsjüngling William

spricht. Alles Wesentliche, das gewiß ist, aus dem Wirklichkeitsleben

eines so auserwählten Mannes wie Shakespeare muß uns bedeutend sein;

und der Empfindungen, die hier Gestalt geworden sind, können wir gewiß

sein. Diese Empfindungen aber leben uns in dem Kunstgebilde, und an

diesem haben wir für unser Mitfühlen den einzig sicheren Halt. Die

Wege der Dichterseele sind dunkel; selbst bei Goethe, von dem wir

so viel wissen, können wir nicht sagen, ob das oder jenes Gedicht

Christiane oder Marianne oder sonst einem Weibe galt, oder ein andres

Bettine oder Minna Herzlieb oder beiden zugleich; daß diese Gedichte

aber der Liebe gelten und welche Stelle sie in den gedichteten

Zusammenhängen einnehmen, in die sie der Dichter gestellt hat, wissen

wir. Und so ist in allem Wesentlichen klar, wie der Roman in Sonetten,

den Shakespeare uns gab, für sich zu deuten ist; und dahin, zur

geschaffenen Kunstgestalt, zum Bild der Empfindungen sollen wir immer

wieder von unsern Abweichungen ins Originäre, ins Nebelland der wirren

Entstehung der Empfindungen zurückkehren. Wahres Leben ist gestaltetes,

gemeistertes Leben; wahres Leben Shakespeares finden wir in seinen

Werken.

Ich will nun, ehe ich von dem Dichtwerk und seinem Gehalt rede, etwas

von der Sprache und Form und dann von den Übersetzungen sagen.

Sonette wurden um diese Zeit in England vielfach gedichtet; auch die

besondere Form des Shakespearesonetts haben vor ihm und neben ihm

andere angewandt. Dieses Shakespearesonett besteht aus 14 Zeilen wie

das echte; das echte aber besteht aus zwei Abteilungen, deren erste 2 ×

4, deren zweite 2 × 3 Verse hat, und das Band der Reime in ihm ist so,

daß in der ersten Abteilung zwei Reime, in der zweiten drei durchgehen.

Das Shakespearesonett hat dagegen 3 Strophen zu 4 Versen, denen dann

rasch 2 Verse als Abschluß folgen: 3 Quatrains und 1 Couplet. Jedes

Quatrain hat seine zwei besondern, in einander verschränkten Reime,

so daß die Strophen nicht formal in einander geschlungen sind; das

Couplet hat seinen Schlagreim für sich. Im Rhythmischen aber und in

der formalen Behandlung des Inhalts ist der Charakter des Sonetts,

die Geschlossenheit eines Gefüges, dessen Teile gleichermaßen

selbständig und an einander gebunden sind, streng gewahrt; nur daß

das abschließende Couplet zu dieser Strenge und Unnahbarkeit, zu

dieser geschmiedeten Klammer um die Gefühle, daß sie nicht zuchtlos

zerfließen, noch ein anderes Mittel gegen Gärung und unreine

Verworrenheit fügt: Witz, Geist, Leichtigkeit, Spiel, immerwährende

Rückkehr zum Grundthema: Huldigung für den Freund.

Formvollendet sind auch viele andre Sonette, die wir von Shakespeares

Zeitgenossen haben; aber sie besagen meist wenig, weil sie selten

aus einer Persönlichkeit gekommen sind, weil keine Not vorlag,

Überfließendes zu bändigen; so sind sie inhaltlich meist allegorisch,

mythologisch, schwülstig oder sonstwie rhetorisch oder gekünstelt.

Bei Shakespeares Sonetten steht die Sprache in den vollendetsten,

deren es viele sind, in geradem Gegensatz zu der Geschwollenheit

und pathetisch barocken Gleichnisverstiegenheit, die in seiner Zeit

Mode war und auf die er sich selbst in einigen Dramen und in den

episch-lyrischen Gedichten so bis zum Grotesken grandios verstanden

hatte. In den Sonetten aber haben wir, wie es diesen Gebilden

entspricht, eine Annäherung der Sprache in Ausdruck und Syntax an

die Prosa, welche dann durch die Geschlossenheit der Form, das hohe

rhythmische Gleichmaß, die Parallele der Reimpaare zu einer Poesie

erhoben wird, in der das Sprachgebilde nie Rhetorik oder Tirade, immer

aber, zugleich in einem, Plastik und Musik wird. Und Shakespeare,

der von jenem schäumenden Schwulst herkam, der von seiner Natur, der

Art jeder Jugend und einer Mode bedingt war, in der sich Pathos,

Bilderfülle, Wahl des seltenen Ausdrucks und also Gesuchtheit und

Geziertheit, Antithese und Witz seltsam mengten und selten einander

wahrhaft die Wage hielten, konnte keinen bessern Zuchtmeister brauchen

als das Sonett, und das entzückende Spiel Verlorne Liebesmüh ist das

Denkmal, das er dieser Reinigung seines Stils und seines Gefühlslebens

gesetzt hat. Wie er dann zu seiner Reife kam und leidenschaftlichen

Schmerz, unauslöschlichen Gram und wilde Weltwut mit der Strenge des

Sonetts meisterte, nicht, indem er zum Zierlichen und zum Spiel ausbog,

sondern, indem er sein Stärkstes und seine ganze Vehemenz in diese

Form goß, da ist dieser Anblick: Shakespeare im Sonett! mir unsäglich

wunderbar und ergreifend, ein Sinnbild für das, was in seinen eigenen

Worten „Reif sein ist alles“, in Goethes Worten „In der Beschränkung

zeigt sich erst der Meister“ heißt; ein Bild noch höherer, weil

unheimlicherer Art als Goethe, wie er das Erlebnis seines Werther in

die marmorglühende Form des Tasso bannt, nur vergleichbar mit Spinoza,

wie er das, was seine Ethik in Ursprung und Springkraft ist, in die

geometrische Form preßt.

Die Vollkommenheit und Unnachahmlichkeit dieser leuchtenden klingenden

Gebilde ist zurückzuführen einmal auf die englische Sprache und dann

auf Shakespeare. Es verhält sich mit diesen Sonetten entsprechend wie

mit Dantes Göttlicher Komödie: da die englische Sprache mit weniger

Silben dasselbe sagen kann wie die deutsche, da überdies ihr Reichtum

an Reimen, vor allem einsilbigen, männlichen Reimen viel größer ist

als im Deutschen, wäre eine vollkommene Nachbildung im selben Versmaß

nur dann erreichbar, wenn Shakespeare die Möglichkeiten seiner Sprache

nicht vollkommen ausgenutzt hätte. Das hat er aber ganz wunderbar

getan: mit einer zauberischen, oft wie fliegenden, spielerischen

Leichtigkeit, oder mit einem sicher, fest, selbstverständlich

fortschreitenden Ton, wo die Schlagkraft und der Verbindungsring der

Reime wie eine logische, sachliche Notwendigkeit eintritt, hat er diese

Gedichte gebaut. Es ergibt sich daraus, daß bei den allermeisten dieser

Gestaltungen der deutsche Dichter, wenn er sie übersetzt, irgend etwas

fallen lassen oder schwer, dunkel, gedrängt sein muß, wo Shakespeare

sich mit Leichtigkeit und Klarheit und Freiheit bewegt. Bei der

Verssprache der Dramen, in denen Shakespeare die Möglichkeiten seiner

Sprache so bis zum letzten ausmünzt, ist eine Aushilfe möglich, deren

sich die besten Übersetzer in rühmlichem, rührendem, aber der Sache

schädlichem Eigensinn noch zu wenig bedient haben: für den Bau einer

Szene ist es in Wahrheit nebensächlich, ob sie 200 oder 210 Blankverse

hat, und ebenso ändert es am Gehalt und der Komposition einer Replik

oft nichts irgend Wesentliches, wenn sie statt 5 Versen 5½ hat. Bei

diesen Gedichten aber steht die Zahl der Verse, das Metrum und damit

die Zahl der Silben fest; auch ist es keineswegs gleichgültig, wenn

an die Stelle eines männlichen ein weiblicher Reim tritt und damit

Charakter, Stimmung und Zeitdauer des Ausdrucks geändert wird. Der

Übersetzer wird es bald da, bald dort, im Inhaltlichen, im Formalen

-- was beides doch wie in der Musik hier gar nicht zu trennen ist --

anders und schlechter machen müssen als Shakespeare; und seine Kunst

wird sich darin zeigen, zu welcher der verschiedenen Möglichkeiten

er sich jedesmal entschließt, wie er jeweils aus der Not eine Tugend

macht.

Die meisten Deutschen aber werden trotzdem auf Übertragungen angewiesen

sein; auch wer sonst sehr gut englisch kann, braucht sie. Ein großer

Teil der Ausdrücke und Wendungen gehören in dem Sinn oder den Nuancen,

in denen die Sonette sie gebrauchen, der heute lebendigen englischen

Sprache nicht mehr an, so daß die Verschmelzung zwischen Gedicht und

Empfangendem, die wir mit den gleichermaßen elenden Worten Genuß oder

Verständnis der Dichtung bezeichnen, nicht unmittelbar möglich ist,

sondern erst einer ernsten Vorarbeit bedarf, welche nicht immer gelingt.

Deutsche Übersetzungen gibt es in großer Zahl; ich kenne die von Regis,

Wilhelm Jordan, Bodenstedt, Gildemeister, Eduard Sänger, Stefan George

und Ludwig Fulda.

Wilhelm Jordan beherrschte die Sprache mit ungewöhnlicher Leichtigkeit

und war darum zum Übersetzen berufen; wo es auf Respekt vor

dem Original nicht gar zu sehr ankam, wie zum Beispiel bei den

lyrisch-epischen Gedichten Shakespeares, hat er die englischen Strophen

durch treffliche deutsche ersetzt, wenn er auch fast durchweg an die

Stelle der pathetisch starken oder lyrisch weichen Bildersprache und

metaphorischen Ausschweifung, die im Begriff und an der Grenze ist,

in den Witz umzuschlagen, den schon fertigen und platt geschlagenen

Witz gesetzt hat. Für die Sonette aber hat es ihm an Ehrerbietung

gefehlt und an der Fähigkeit, sich in einen Mann, der zugleich

leidenschaftliche Natur und gehaltene Fassung war, zu versetzen. Er

ist zu leichtsinnig und keck ans Werk gegangen, was schon aus seiner

kuriosen Entschuldigung, er habe doch schließlich durchschnittlich

nur vier Sonette auf den Tag zustande gebracht, und aus seinem Rezept

hervorgeht, wie diese Sonette deutsch ebenso gut oder gar besser zu

verfertigen seien wie die Originale: Shakespeare habe für die zehn

oder elf Silben seines Verses bei der Knappheit der englischen Sprache

nicht genug zu sagen gehabt, und so müsse man nur die Watte aus den

Gebilden herausnehmen und habe dann auch deutsch Sprachstoff genug für

die Nachbildung! So ist er auch hier zu witzig, zu unlyrisch geworden;

und schließlich ist nur eine oft sehr geschickte Mimikry von Poesie

entstanden, hinter der sich Abgeschmacktheit und Fadheit verbirgt.

Shakespeares Hoheit, Haltung, Tragik und süße Lieblichkeit ist nicht

mehr da.

Bodenstedt und Gildemeister haben ebenfalls ansprechende deutsche

Gedichte gemacht; aber an die Stelle des Wesentlichen, des Ernstes, des

formalen Schauers Shakespeares, des heroischen und graziösen Tons des

Renaissancedichters haben sie modern oberflächliche Gesprächigkeit oder

Empfindsamkeit gesetzt.

Fulda gar verbindet eine ganz ungewöhnliche Gelenkigkeit der Sprache

mit einer betrüblich gewöhnlichen Unvornehmheit des Tons und der

Gesinnung. Er spricht Berlin ~W~; auch an Schlegel und Tieck wird

man manchmal erinnert; nur leider nicht an die edeln Übertragungswerke,

die von ihnen herrühren, sondern an die ordinären Quartiere, die

schändlicherweise in Berlin ~N~ nach ihnen benannt sind.

Gottlob Regis hat seine Übersetzung des Sonettenwerks 1836 in seinem

Shakespeare-Almanach veröffentlicht. Er hat Sinn für den echten

Ton Shakespeares und für seine feste, tragisch-heldenhafte Haltung

und steht in dieser wie jeder Hinsicht weit über den Nachfolgern,

die ich bisher behandelt habe. Es gelingt ihm, einem der größten

Übersetzungsmeister, die wir Deutsche haben, im Inhalt sehr getreu zu

sein, und oft ist er wundervoll sprachschöpferisch. Nur kann leider

die genialste Kraft, in bewußter Suche schöpferisch die Sprache zu

meistern, noch keinen Dichter machen; und so vollendet er Rabelais’

und Swifts Prosa nachbildete, so fehlt ihm doch für diese Sonette

das Lyrische, der Rhythmus, die Musik. Die Härte des Mannes, der sie

weicher Zerflossenheit abgerungen hat, ist etwas ganz anderes, als

die Sprödigkeit des Gelehrten, der sich angelegentlich bemüht, seine

Sprache weicher und geschmeidiger zu machen. Aber es sollte ein Dichter

über diese sehr respektable Übersetzung kommen und sie neu bearbeitet

herausgeben. Wir können der Übersetzungen dieser Geschmeide nicht genug

haben.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 25 / 30 段