genau so gegen das Volk von Mailand, dem er die Freiheit raubte, das er
unter fremdes Joch brachte, um selbst den Herrscher zu spielen und die
Staatseinkünfte zu genießen. Wir erhalten ein großes Gegensatzbild: wie
Antonio der Usurpator sich eifrig und nach außen tätig im politischen
Betrieb übt, die Bureaukratie und andre Interessenten an sich fesselt
und vor lauter Egoismus so betriebsam ist, daß er kein eigenes Leben
lebt, während Prospero, der sich zu völliger Einsamkeit zurückgezogen
hat, fern von allen Staatsgeschäften nur seiner Seele lebt und eben
damit dem Volke dient und sich als echter Herzog fühlt. Er, den das
Volk über alles liebte, der ein Fürst unter den Menschen war, weil er
ein Fürst im Reich des Geistes war, hat dann, während, vom Verräter
hineingelassen, der Feind in Mailands Tore einzog, ausgesetzt in
morschem Boot hilflos im Meer treiben müssen, und nur das Lächeln
seines Kindes, in dem etwas Ewiges zu ihm sprach und ihm die Zuversicht
gab, man brauche an den Menschen trotz allem nicht zu verzweifeln,
gab ihm die Kraft, noch leben zu wollen. Damals, wie er, den Wellen
und Winden preisgegeben, ein aus der Menschheit Verstoßener, vom
nächsten Menschen Verratener, ziellos mit dem lächelnden Kind übers
Meer hintrieb, mag dem innigen Mann zuerst die Vision erschienen sein,
wie dieses Kind einst über Gier und Haß hinweg im Land seiner Feinde
den Bund der Liebe gründen würde. Und nun ist es durch eine wunderbare
Fügung des Schicksals so weit: jetzt kommen, von Tunis heimgekehrt, wo
die Tochter des Königs von Neapel eine verhaßte Heirat schloß, zu der
sie die Staatsraison ihres Vaters zwang, die Feinde in stolzer Fahrt
über dasselbe Meer, das einst Prosperos elenden Kahn wiegte; sie sind
in seiner Hand. Ferdinand, der Jüngling, fast ein Knabe noch, dessen
Reinheit der Geisterfürst ahnt, wird von den andern getrennt; er allein
von allen, die sich ins Wasser stürzten, kämpft kühn mit dem Element;
so kommt er an Prosperos Strand, zu seiner Prüfung und seiner Liebe.
Wir sehen, wie beglückt Prospero, wie dankbar er der Naturmacht Ariel
ist, daß dieser erwünschte Bund nun wunderbar zustande kommen soll.
Die andern aber, die Mörder, die sollen erst durch Wahnwitz hindurch,
sollen wie im Alptraum ihre längst vergessene Schuld an Prospero
empfinden, um in Herzensleid zu büßen und, wenn sie’s vermögen, zu
reinem Leben zu kommen.
Bei einem, dem mindest Schuldigen, dem König von Neapel gelingt es;
noch ehe Ariel in Gestalt der Harpyie ihnen gemeldet hat, daß sie um
ihres Verbrechens gegen Prospero willen leiden und nur durch Umkehr
von innen heraus sich aus dem Bann befreien können, noch ehe ihnen der
Geist so verkündet, was sie in all der langen Zeit nicht gewußt hatten,
daß der Frevel nämlich eine Wirklichkeit ist nicht nur für den, gegen
den er sich richtet, sondern auch für die Täter, eine Wirklichkeit,
die lebt und zehrt, solange die Buße nicht ihr noch stärkeres Leben
und Reinigen anhebt, schon vorher, gleich nach der Landung auf der
Insel und beim Verlust des Sohns ist tiefe Schwermut und dumpfes Brüten
über ihn gekommen; all die Einfälle, Witzreden und geistreichen oder
gewagten Gespräche seiner Umgebung vermögen ihn nicht aufzuheitern und
dienen von der Technik des Dichters aus nur dazu, uns immerfort das
Schweigen dieses Mannes, der sich immer tiefer verliert und findet,
vernehmlich zu machen. Die andern Schuldigen, Prosperos eigener Bruder
und der Bruder des Königs, die jetzt eben wieder Brudermordpläne
schmieden, welche nur von Ariel vereitelt werden, bleiben verstockt
bis zuletzt, und keine Erinnerung, keine Musik, kein Wahnwitz, keine
Mahnung kann ihnen Erneuerung bringen.
Aber Prospero will die Prüfung und Plage nicht länger hinziehn; er hat
sich genug getan, daß er die Macht des Geistes und der Natur gegen die
aus der Gesellschaft geborene Schlechtigkeit verderbten Menschentriebs
zum Sieg geführt hat; die Natur solcher ererbten, verderbten
Gemütsart kann er doch nicht ändern; die Kruste, die in ihnen das
Gute überwachsen hat, ist so hart geworden, daß der, der es noch bei
ihren Lebzeiten wachrufen will, einem Nichts, einem unerreichbar
Verschütteten gegenübersteht; und gegen das Nichts gibt es nicht Rat
noch Tat; der resignierte Lehrer Calibans weiß es nur zu gut.
Zur Milde und letztgiltigen Verzeihung stimmt ihn vor allem, in einer
himmlisch schönen, verklärten Szene Ariel. Der spricht -- ohne weitere
Schilderung -- von dem plötzlichen Wahnsinn, den er über die drei armen
Sünder vom Thron verhängt hat, und von dem Eindruck, den diese grausige
Verwandlung ihrer Fürsten auf die Herren vom Hof, vor allem auf den
guten alten Gonzalo gemacht hat,
Daß, wenn Ihr jetzt sie sähet, Eu’r Gemüt
Erweichte sich.
Prospero fragt sinnend oder prüfend:
Glaubst du das wirklich, Geist?
und Ariel erwidert in tiefem Ernst:
Meins würd’ es, wär’ ich Mensch.
Da ist Prospero entschieden und bricht in inniger Ergriffenheit aus:
Auch meines soll’s.
Hast du, der Luft nur ist, Gefühl und Regung
Von ihrer Not? und sollte nicht ich selbst,
Ein Wesen ihrer Art, gleich scharf empfindend,
Leidend wie sie, mich milder rühren lassen?...
Der Tugend Übung
Ist höher als der Rache... Geh, befrei’ sie.
Ich brech’ den Zauber, löse ihre Sinne:
Sie soll’n sie selbst nun sein.
Ich weiß nichts, was rückwirkend eine bessere Erklärung für Hamlet
wäre, als diese Wendung, wie sie der Sturm bringt. Wir werden nie wagen
dürfen, zu entscheiden, wie weit die Unklarheit Hamlets über seine
Motive und seinen heimlichen Willen eine Unklarheit des Dichters noch
war, die jetzt der Klarheit gewichen ist; zu solchem Rätselraten hat
sich Shakespeare zu tief in seinen Gestalten geborgen. Aber sicher
ist, daß Hamlet, als er, die Hand am Schwert, um es zu ziehen, und
zugleich an seinem Rachetrieb, um ihn nicht loszulassen, unentschieden
dastand und darüber sann, wie er das Schwert schrecklicher zücken
könne, auf der Suche nach dem war, was Prospero gefunden hat. Sehr
seltsam dünkt mich das Verhältnis unsrer Empfindung zu den raschen
Instinktuntaten, wie sie etwa Othello oder auch Hamlet begehen,
und zu den wohlerwogenen, milden, kurzen Plagen, die Prospero über
seine frevlerischen Feinde verhängt. Wir scheinen geneigt, mit jenen
Ausbrüchen der Wut wie mit etwas Natürlichem mitzugehn, uns an den
Strafen Prosperos, ja sogar an seinem rationellen Plageverfahren
gegen den unbezähmbaren Wilden Caliban als etwas sehr Hartem zu
stoßen. Das kommt, meine ich, daher, daß wir selbst die Bereitschaft
zu jeder blutigen Gewalttat in uns locker genug finden, wenn wir in
unsrer Triebnatur stehen, daß wir es aber, sowie wir zur Vernunft, zur
Beherrschtheit, zur Abgeklärtheit übergetreten sind, nicht ertragen,
irgendein lebendes und nun gar menschliches oder menschenähnliches
Wesen als Mittel, ja sogar, ein Stadium seines Daseins als Mittel zu
einem künftigen benutzt zu sehen. Wir haben beides als Möglichkeit
in uns, den Affekt und die Vernunft; wir gehen aber in unbeirrtem
Mitgefühl mit dem Triebmenschen, während wir beim Überlegenen jeden,
auch den kleinsten Rest aus der tierisch-sinnlichen Sphäre als
unangenehm empfinden.
Im Hamlet hat eine Geisterstimme den Sohn, der seiner ganzen Anlage
nach so ein Geistiger, so ein Dichter zu sein berufen ist wie
Prospero, zur Rache aufgerufen; zu blutig mörderischer Tat drängt’s
ihn unterirdisch von außen, unterirdisch in ihm selbst; von seiner
inneren Höhe aber, von seinem besten Wesen ruft es ihn zur Gewalt
der gestaltenden Rede, des strafenden, bannenden Worts, zu dem jetzt
Prospero mit tiefem Atemzug ausholt. Und zu diesem Verzicht auf
jegliche Strafe und Plage ermuntert hat ihn Ariel der Geist, dem Grazie
und spielerische Leichtigkeit und holde Anmut etwas verleihen, was
wie eine natürlich gewachsene Nachbildung des sanftesten Teils unsres
menschlichen Gemüts ist, wo es von der Stille der Vernunft, wo Seele
von Geist, Gefühl von Denken nicht mehr zu trennen ist.
Wozu auch, sagt sich Prospero, wozu strafen, verletzen, töten, Leben
zerstören? Ist ja doch alles Leben nur ein seltsames Spiel, das mit uns
getrieben wird, und so unwirklich und vergänglich, wie der Geisterspuk
und Hokuspokus, den er selbst schmerzlos entstehen und vergehen läßt.
Schmerzlos! Das ist der Unterschied zwischen dem Leben der Gestalten,
die der Phantast in die Lüfte zaubert, und derer, die das dunkle
Schicksal aus den Elementen ins Dasein bannt. Darum tut Milde und
inniges Mitleid not, auch gegen die Schlechten: das Leben, an dem die
dämonischen, erdenschweren Naturkräfte hämmern und zerren, ist mit
Gefühlen, mit Schmerzen verbunden, gleichviel ob einer gut oder schlimm
geraten ist, während Prosperos luftiger Trug nur Spiel und bunter,
flimmernder schmerzloser Geistertraum ist. Sonst aber freilich, was ist
Leben, was ist Erde, was ist Welt andres als Traum und Spiel?
Unsre Spieler,
Wie ich Euch sagte, waren Geister und
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werden
Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die hehren Tempel, selbst der große Ball,
Ja, was daran nur teilhat, untergehn
Und, wie dies leere Schaugepräng erblaßt,
Spurlos verschwinden. So ein Stoff sind wir,
Wie der, aus dem man Träume macht; ein Schlaf
Hält unser Stückchen Leben rings umgürtet.
Man hat gezeigt, daß diese Worte Ähnlichkeit mit einigen Verszeilen
haben, die sich in einer 1603 erschienenen Tragödie des Lord Stirling
finden. Das ist nicht wichtig. Wichtiger ist mir, daß das ganze
modische Maskenspiel, das Prospero vor Ferdinand und Miranda von
seiner kleinen Geistertruppe in den Lüften aufführen läßt, eben um
dieser Worte willen, die daran anknüpfen, hauptsächlich veranstaltet
scheint. Derart ist Shakespeares Technik in dieser Zeit; wir haben
Ähnliches vorhin bei Gelegenheit der Dialoge gesehen, die Alonsos
Schweigsamkeit umklingen. Ein wenig kann bei der Maske, die aufgeführt
wird, mitbeabsichtigt sein, noch einmal die bräutliche Beherrschung des
Geschlechtstriebs hervorzuheben, die Prospero dem jungen Menschenpaar,
fast noch zwei Kindern, auferlegt hat. Das steht mit dem Sinn des
Dramas, der Überwindung des Triebs durch den Geist, wohl aber auch
in seiner fast etwas schrullenhaften Gestalt mit unauslöschlichen
persönlichen Erfahrungen Shakespeares aus der Jugendzeit in Verbindung.
Wir hören es aus den Worten von der Vergänglichkeit, die Prospero zu
Ferdinand spricht: die Heiterkeit, zu der der Herrscher im Geistland
schließlich gelangt ist, ruht auf schwerster Melancholie; und seine
Güte zu den Menschen ist mit Lebensmüdigkeit und Menschenverachtung
verbunden; und dieser Stimmung widerspricht nichts in dem Stück; die
Utopie eines goldnen Zeitalters in Kommunismus und südlichem ~dolce
far niente~, die Gonzalo nach Montaigne vorträgt, kommt nur als
Erheiterung für den Trübsinn des Königs, als schönes Bild, als Scherz,
keineswegs gläubig heraus; und wenn Prospero nicht Geisterfüllte,
Seelenvolle, wenn er nicht Ausnahmen und seines Gleichen kennte, wenn
er nicht seine Hoffnung auf das junge liebende Paar und damit auf die
kommenden Geschlechter setzte, wäre ihm Welt und Leben nicht mehr zu
ertragen.
Schön ist es, daß diese Worte von der Vergänglichkeit aller Dinge der
Welt, von der Traumhaftigkeit und Schlafumgürtung des Menschenlebens
ihren Platz am Sockel von Shakespeares Denkmal in der Westminsterabtei
gefunden haben.
Wie das Leben von Schlaf und Traum, so ist dieses Vermächtnisdrama
Shakespeares von Musik umringt. Wir hören es gleich noch, wie jetzt für
Prospero-Shakespeare an Stelle der dämonisch leidenschaftlichen Magie
die heilende, lösende Musik der neue, der luftgleiche, verschwebende,
leicht sich wiegende, spielerische, immaterielle Zauber sein soll.
Was es mit dieser Musik, der nämlichen, von der schon Lorenzo im
Kaufmann von Venedig so feierlich sprach, auf sich hat, sagt uns der
Dichter auch mit dem entzückenden Orpheuslied, das er um dieselbe Zeit,
in der er den Sturm dichtete, in seinem Heinrich VIII. der
unglücklichen Königin Katharina vorsingen läßt:
Orpheus beugt der Bäume Wipfel,
Und der Berge eisige Gipfel
Seiner Leier süß Getön.
Blum’ und Pflanze blüht entgegen,
Gleich als blüht’ in Sonn’ und Regen
Junger Frühling, ewig schön.
Sanft zum Wellenspiel sich lösen
Sturmesfluten, alle Wesen
Lauschen seines Sangs Gebot.
Solche Macht ward süßen Klängen;
Sorg und Weh, die uns bedrängen,
Wiegen sie in sanften Tod.
Durch Geistermusik läßt Prospero die Besessenen von dem auferlegten
Wahnsinn einer kurzen Stunde wieder heilen, läßt sie vor sich treten,
gibt sich ihnen noch in den Taumelschlaf hinein zu erkennen und
spricht, da er die Hauptschuldigen von der Schlechtigkeit, von der sie
besessen sind, nicht erlösen kann, mit der verachtungsvollen Milde, die
jetzt für ihn die äußerste Strenge ist, die der Geist zu üben hat, zu
dem Brudermörder:
Fleisch und Blut,
Mein Bruder du, der Ehrgeiz hegte, austrieb
Gewissen und Natur, der mit Sebastian
-- Des inn’re Pein deshalb die stärkste -- hier
Den König wollte morden, -- ich verzeih’ dir,
Bist du schon unnatürlich!
Der Bruder Antonio findet in der ganzen langen Szene erst gegen den
Schluß hin ein einziges Mal, wie ihn sein Kumpan Sebastian direkt
anredet, ein paar Wörtchen; die beiden rohen Bemerkungen, die die
zwei Gesellen austauschen, zeigen genugsam, daß ihre Gemeinheit auch
von diesem Erlebnis, das für König Alonso die zermalmende und neu
aufbauende Erschütterung war, nicht umzubringen ist. Aber im Verhältnis
zu allen andern, die bei dem Vorgang sind, stehen die beiden wie
fortgeschoben und entehrt zur Seite. Der Usurpator ist von nichts, für
ihn nichts, von bloßen Worten überwunden; er ist zu nichts geworden und
hat sein Herzogtum eingebüßt und wird im Leben nicht fassen, daß eine
andere Macht ihn besiegt hat als die, die er versteht und übt: rohe
Gewalt.
Der Geisterfürst ist wieder Herzog von Mailand; bald aber wird das
junge Paar an seiner Stelle herrschen; denn Prospero will nur mit nach
Italien segeln, um seine „Herzgeliebten“ zu vermählen und dann nach
Mailand zu ziehen; dort soll „jeder dritte Gedanke dem Grab gelten“.
Seine Geister aber hat er schon hier, auf der Zauberinsel, auf der
er ihre Kraft an sich gefesselt hat, entlassen; er ist nun am Ziel
und will als ein gewöhnlicher, sterblicher, sterbender Mensch in die
Heimat zurückkehren; die Kraft der Magie, mit der er Feuer aufrührte
und Stürme entfesselte, ist zu Ende, und auch am luftig leichten
Arielspiele will er fürder keine Lust mehr haben. Wir, die wir uns
Shakespeares Werk in feiner Gesamtheit, Einheit und Entwicklung
vergegenwärtigt haben, müßten verhärteten Herzens sein, wenn wir bei
diesen Worten Prosperos nicht im ganzen und im einzelnen in wundersamer
Gemeinschaft den gewaltig erhabenen, fast unbegreiflichen, wonnevollen
Stolz und die leidvollste, die wahrhaft abscheidende Resignation
William Shakespeares vernähmen:
Ihr Geister alle,
Mit deren Hilfe ich am Mittage
Die Sonn’ umhüllt, aufrühr’sche Wind’ entboten,
Die grüne See mit der azurnen Wölbung
In lauten Kampf gefetzt, den furchtbarn Donner
Mit Feuer bewehrt und Jovis Baum gespalten
Mit seinem eignen Keil, des Vorgebirgs
Grundfest’ erschüttert, ausgerauft am Knorren
Die Ficht’ und Zeder; Grüft’, auf mein Geheiß,
Erweckten ihre Toten, sprangen auf
Und ließen sie heraus, durch meiner Kunst
Gewalt’gen Zwang: all dieses grause Zaubern
Schwör’ ich hier ab; und hab’ ich erst -- wie jetzt
Ich’s tue -- himmlische Musik gefordert,
Zu wandeln ihre Sinne, wie die luft’ge
Magie es soll: so brech’ ich meinen Stab,
Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde,
Und tiefer, als ein Senkblei je geforscht,
Will ich mein Buch ertränken.
Dies ist das letzte Drama Shakespeares, das hier zu besprechen war. Es
bleibt noch seine persönliche Lyrik, in der wir schon seinem inständig
schweren Leben, seiner Innerlichkeit und Persönlichkeit ganz nahe
treten. Nach 1612 wissen wir von keinerlei dichterischer Tätigkeit
Shakespeares mehr, von 1613 an ist er in seiner Vaterstadt Stratford,
und 1616 ist er dort gestorben: ein König ohne Land, ein Verbannter
und vom Geist Gezeichneter und wahrhaft Ausgesetzter, ein Zauberer und
Geistesfürst ohnegleichen, ein Herrscher über Natur und Geist, dem
nichts Menschliches fremd war und der darum sein Leben lang ein Fremder
war unter den Menschen.
Die Sonette
Ich sage etwas voraus, was nicht gesagt zu werden brauchte, aber ich
sage es: Daß Shakespeares Sonette da sind und zu uns sprechen, daß wir
über sie reden dürfen, ist eine Ehre, die wir durch ganz unbedenkliche
Freiheit und Würde zu verdienen haben. Ich werde also frei sagen, was
die Sache verlangt; der Genius der Freiheit hat diese Gedichte gezeugt.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß viele Leute diesen Sonetten
gegenüber verlegen und verschämt werden; und solange das Publikum es
nicht verwehrt, dürfen auch solche sich als Kritiker auftun; aber sowie
sie dann etwas anderes sagen, als daß diese Sonette sie in Verlegenheit
setzen, sowie sie ihren offenbaren Sinn fälschen wollen oder etwa
sagen, diese Gedichte hätten keinen großen Wert, wären langweilig
und dergleichen, so muß man ihnen bedeuten, daß es zu weit geht,
aus der Verlegenheit die Verlogenheit und aus der Verschämtheit die
Unverschämtheit zu machen.
„Shakespeares Sonette, bisher noch nie gedruckt“, erschienen 1609, um
die Zeit also etwa von Troilus und Cressida, Antonius und Cleopatra
und Coriolan. Als Verleger war T. T. genannt, das ist Thomas Thorpe.
Als Anhang folgt in dieser Ausgabe die Romanze Der Liebenden Klage.
Manche haben dieses Gedicht aus einem triftigen Grund, der oft
vorhalten muß, weil es nämlich manchen nicht gefiel oder nicht paßte,
Shakespeare absprechen wollen; sonst gibt es für diesen Versuch keinen
Grund. Übrigens ist es in der Einkleidung schwach und modisch, in der
Form vollendet, so wie die beiden großen episch-lyrischen Gedichte
Shakespeares, an die es auch sonst erinnert. Ich schließe mich der
Meinung, die öfter geäußert wurde, durchaus an, daß dies Gedicht, das
nach Art und Form nichts mit den Sonetten zu tun hat, beigefügt wurde,
weil es ein Porträt des in den Sonetten besungenen Freundes bringt und
also inhaltlich sehr viel mit ihnen zu tun hat.
Daß die Veröffentlichung dieses Buches mit Shakespeares Wissen und
Zustimmung geschah, ist sehr wahrscheinlich. Daß die überaus kunstvolle
Anordnung vom Dichter selbst stammt, ist so wenig zu bezweifeln, wie
daß Goethe seine Gedichte selbst geordnet hat.
Daß diese 1609 veröffentlichten Sonette mindestens zu beträchtlichem
Teil einer weitaus früheren Zeit entstammen, ist sicher. Erwähnt hat
sie -- für uns -- zuerst 1598 in Shakespeares 34. Lebensjahr Francis
Meres in dem Lob Shakespeares, das hier öfter erwähnt wurde; da spricht
er von Shakespeares „zuckersüßen Sonetten unter seinen privaten
Freunden“ und vergleicht diese Gedichte mit Ovid; in dem Ausdruck
zuckersüß darf man nur Lob hören, keinerlei ironische Nebenbedeutung.
Im Jahr darauf, 1599 erschien dann eine Sammlung von Gedichten, die
Shakespeares Namen trug: Der verliebte Pilger; es ist kaum möglich
zu entscheiden, ob diese Gedichte -- zwanzig an der Zahl -- alle
Shakespeare zugehören, da einige sich auch in Sammlungen anderer
Dichter finden; aber zwei Sonette, die auch in der endgültigen Sammlung
von 1609 stehen, zwei sehr wichtige, um die sich dem Sinne nach andre
gruppieren, sind schon da 1599 veröffentlicht.
Es gibt Übereinstimmungen gedanklicher und formaler Art, die von dieser
Sonettendichtung zu Shakespeares beiden großen Gedichten aus den Jahren
1593 und 1594 leiten, und ebenso zu den frühen Liebesspielen, besonders
den beiden Veronesern und der Verlornen Liebesmüh.
Wir haben also anzunehmen, daß die Sonettenproduktion und das zu Grunde
liegende Erlebnis oder, vorsichtig gesagt, ein zu Grunde liegendes
Erlebnis schon in den neunziger Jahren einsetzen.
Andere von diesen Gedichten aber wieder sind nach Inhalt, Stimmung und
Form so anders, so reif, düster, streng, daß eine spätere Zeit der
Abfassung, bis gegen 1605 hin mindestens anzunehmen ist. Ich lasse
mich dabei nicht von der Strenge, Festigkeit und Geschlossenheit,
der Neigung zur Antithese, zum Witz, zum Geist täuschen, die schon
die Form des Shakespearesonetts mit sich bringt; über das, was all
diesen Sonetten gemeinsam ist, hinaus, wachsen einige ins besonders
Herbe, Abgewandte und Furchtbare; sprechen überdies von Erfahrungen,
die der jüngere Shakespeare nicht haben konnte. Über etwa ein Dutzend
Jahre also kann sich sehr wohl die Entstehung dieser Sonettendichtung
erstreckt haben.
T. T. der Verleger hat dem Buch eine Widmung mitgegeben, der ich so
wörtlich wie möglich hier eine deutsche Fassung zu geben suche:
Dem einzigen Erbringer dieser nachfolgenden Sonette Herrn W. H.
alles Glück und jene von unserm immerlebenden Dichter verheißene
Ewigkeit wünscht der wohlwünschende Abenteurer beim Auslaufen. T. T.
Bei der Übertragung der Schlußwendung (~the wellwishing adventurer
in setting forth~) habe ich mir von dem trefflichen Sprachenmeister
Regis helfen lassen; ich glaube in der Tat, daß der Mann T. T. in
seiner geschraubten Sprache, in der sich Modeton und kleinbürgerliche
Unbeholfenheit treffen, seine Empfindung, daß er als Verleger ein
Wagnis begehe, mit diesem aus der Schiffersprache genommenen Bild hat
ausdrücken wollen. Mit dem gedrechselten Wort Erbringer versuche ich
~begetter~ wiederzugeben. Damit steht es so. Die einen sagen,
es heiße hier, was der gewöhnlichen Bedeutung von ~to beget~
entspricht: Erzeuger. Die andern beziehen sich auf eine seltenere
Bedeutung des Zeitworts und sagen: Nein, es ist Beschaffer gemeint; der
nämlich, der dem Verleger das Manuskript verschafft hat. Nach Prüfung
der beiderseitigen Argumente finde ich, daß alle beide recht haben,
und glaube, daß der Verleger dieses beides mit der einen Bezeichnung
in verschwommener Wortgemeinschaft hat ausdrücken wollen: Du bist
der Mann, an den diese Sonette sich richten, dem der Dichter die
Unsterblichkeit verheißen hat, welche ihm selbst nicht fehlen wird,
und dir verdanke ich die Möglichkeit, daß ich sie herausgeben darf;
ich bescheidener Mann will dir dasselbe wünschen, was dir der Dichter
gelobt hat. Sicher ist, daß der Dichter in diesen Sonetten die Ewigkeit
nur dem Freund verheißen hat, an den sie sich richten; und dem und
keinem andern widmet der Verleger das Buch. Daß er den aber auch in
dem anderen Sinn den ~begetter~ der hier folgenden Sonette nennt,
ist sehr wohl möglich. Wir wissen nichts weiter, und es bleibe jedem
überlassen, wie er sich dieses Beschaffen vorstellen will: ob dadurch,
daß er ihm eine Abschrift der Sammlung verschaffte, oder so, daß er
die Erlaubnis oder die Anregung zum Druck gab. Ich denke, bei näherer
Bekanntschaft mit den Tatsachen wird jeder zugeben müssen, daß auch
der waghalsigste Abenteurer nicht ohne Zustimmung des Objekts dieser
Gedichte das Buch veröffentlicht hätte, es sei denn, man nehme an, der
Besungene sei schon tot gewesen, wofür nichts spricht. Ich halte für
wohl möglich, daß der Mann, den T. T. Herrn W. H. nennt, veranlaßt
hat, daß das Dichtwerk erschien; daß für ihn darin höchstes Lob,
Anzweifelung und bitterer Tadel vereint zu finden war, beirrt mich
durchaus nicht; es gibt solche Männer, die für ein solches Verhältnis
zu einem großen Künstler eine Mischung von Geheimnis und Öffentlichkeit
brauchen, und W. H. könnte ein solcher gewesen sein.
Wer ist dieser Mr. W. H.? An wen richten sich diese Sonette?