Was für ein Bericht ist das! Er steht als Meister und Lehrer vor ihr

und erzählt ihr in stark eindrucksvoller Haltung und Rede, fesselt ihre

ganze Aufmerksamkeit, so daß sie mit großen Augen zu ihm aufblickt

und wie vom Traum umfangen wird, da nun zum ersten Mal das wogende,

gefahrvolle Leben, wie es draußen unter Menschen ist, sich vor ihr

auftut, daß sie in den seltsamen Zustand gerät, sich vor Benommenheit,

Staunen und Entsetzen in plötzlichen Schlaf flüchten zu müssen; wir

leben ganz in dieser Situation zwischen dem Vater und dem Kind auf

der Insel, und zugleich öffnet sich die Vergangenheit vor uns und wir

erleben Prosperos Schicksal und Wesen. Was für ein Mann! Er war der

Herzog von Mailand, hatte aber seinem Bruder das weltlich-politische

Geschäft überlassen, weil er selbst „in geheimes Forschen verzückt und

hingerissen“ war: in Stille versunken lebte er der Erhöhung seiner

Seele und, von Büchern umgeben, in tief geheimem Forschen. Von seiner

Verborgenheit aus wirkte er aber mit seinem Geist und Gemüt tief ins

Volk hinein, das ihn verehrte und liebte. Und nun der Bruder! Nichts

ergreifender, als wie Prospero, der seit so vielen Jahren den Fall

bedacht hat und jetzt die Gelegenheit zu seiner Vergeltung magisch

ergriffen hat, ihm gerecht werden will und ihn, soweit es irgend geht,

entschuldigt. Der Bruder, sagt er, gewöhnte sich in seine Rolle des

Befehlens, das ihm in Stellvertretung anvertraut war, so hinein, daß

er sich als Herzog fühlen lernte und fast nichts anderes wußte, als

daß er es war, zumal er den gelehrten Bruder in der Verachtung des

Ungebildeten und Rohen für ganz ungeeignet zur Regierung hielt. So

riß er ihn, verbündet mit dem König von Neapel, dem er Mailand als

Vasallenstaat überantwortete, vom Thron und setzte den Bruder, da er

ihn, den Allbeliebten, wegräumen mußte, öffentlich umzubringen aber

nicht wagte, mit dem dreijährigen Kind zusammen in einem morschen

Boot, das nicht Segel noch Masten hatte, aufs hohe Meer aus: er

sollte unweigerlich zugrund gehen, ohne daß jemand von der Mordtat

erfuhr, so wie der Usurpator Claudius seinen Bruder eines natürlichen

Todes sterben ließ. Der Rat Gonzalo gab Prospero aber aus Mitgefühl

heimlich Kleider, ein bißchen Hausrat und vor allem Bücher mit auf die

Schreckensfahrt, und so rettete der Ausgestoßene sich und das Kind

auf diese kleine Insel, die wir uns -- nach späteren Erwähnungen --

irgendwo zwischen Neapel und Tunis zu denken haben. Ohne sein Wissen

hätte er das nicht vermocht; denn dieses Wissen ist, das ungebildete

Volk ahnt es, sein obenhin polierter, bevorrechteter Bruder freilich

weiß nichts davon -- dieses Wissen ist, was jedes Wissen sein sollte,

Macht, nicht zur Unterdrückung von Menschen, sondern ein Schlüssel zu

Kräften der Natur. Oder anders gesagt, in der Sprache der Welt, in der

wir gläubig für drei Stunden sind: er hat Zaubermacht über Geister.

Mit zwei Geistern oder wenigstens Außermenschen sehr entgegengesetzter

Art bekam er es auf der sonst unbewohnten Insel zu tun: mit Caliban,

einem elementaren Scheusal, dem Kind der Hexe Sykorax und eines

Teufels; und mit Ariel, einem mächtigen und doch zarten Luftgeist, den

die Hexe durch bösen Zauber seines Elements der Freiheit beraubt und in

den Spalt einer Fichte geklemmt hatte und den er befreite.

Caliban, der Erdkloß, die am Boden kriechende Schildkröte, der

dienende, schnöde Sklave für die grobe Arbeit, repräsentiert die

brutale, hundsgemeine Materie; den durch nichts gemilderten Lebens- das

heißt Freßtrieb des Tiers, eines Tiers, das ein Höllenhund ist und dazu

noch -- durch Prosperos Schuld -- sprechen und denken gelernt hat. Der

Meister hat sich mit dem wilden Höllenkind gläubig pädagogische Mühe

gegeben; durch Bildung wollte er es zu einer Seele bringen und vergaß,

daß man nur ausbilden kann, was da ist, daß aber ins leere Nichts

Hineinbildenwollen eben das ist und das bewirkt, was unsre Sprache

Einbildung nennt: wozu keine Anlage da war, das konnte von außen

nicht eingegossen werden, und etwas wie Mitgefühl selbst mit dieser

Personifikation des Unrats ruft der Dichter hervor, wenn er diesen

Unerlösten und Unerlösbaren ausrufen läßt:

Ihr lehrtet Sprache mir, und mein Gewinn

Ist, daß ich fluchen kann. Die Pest hol’ Euch,

Daß Ihr mich reden lehrtet!

Eine Satire ingrimmigster Art aber ist es, wie Shakespeare uns

zeigt, welchen Gebrauch dieser Wechselbalg der Hölle von dem Geist

macht, der ihm nicht zukam, und wie er Calibans Sprache mit der

Redeweise niedriger Menschen aus der Sphäre der oberen Scheinbildung

kontrastiert. Es geht um ein fürchterliches Thema: um die Ermordung

eines schlafenden Menschen. Shakespeare hat es mehrfach behandelt,

und nicht ein Mal wie das andre. Der edle Mohr von Venedig weckt

Desdemona, und in aller Wut heißt er sie doch in würdigen Worten sich

auf den Tod vorbereiten. König Claudius tötet seinen schlafenden Bruder

in Einsamkeit, sprachlos; wir haben nicht anzunehmen, daß er sich

vorher mit seiner Buhlin darüber beraten habe. Macbeth braucht solche

Beratung; wir kennen alle das heiße Gespräch des liebenden Mörderpaars

vor der Tat. Die beiden Berufsmörder in Richard III., die

Clarence aus der Welt zu schaffen haben, bringen es nicht zustande, den

Schlafenden zu erstechen; sie disputieren so lange über den Fall, bis

ihr Opfer erwacht, und auch dann müssen sie erst in langem Gespräch ein

Verhältnis zu ihm herstellen, bis ihnen aus bewegter Sprache heraus die

altbewährte Gebärde des Zustechens geschenkt wird. Sie sind nicht das

übliche Paar von Gleichen, sondern gegen einander fein differenziert;

ihre Szene indessen, so liebevoll sie gebaut ist, ist in dem Drama,

dem sie angehört, nur eine Episode. Hier im Sturm aber bildet ein

solcher Kontrast ein wichtiges Element der Handlung. Der Dichter stellt

einander die Art gegenüber, wie der Mensch Antonio, der Brudermörder

und Fürst, einen andern zum Meuchelmord an einem Schlafenden überredet,

und wie das sprechende Ungeheuer Caliban das nämliche tut.

Was ist das bei Antonio, wie er Sebastian dazu verführt, seinen

Bruder Alonso, den König von Neapel, der in tiefer Schlafbetäubung

daliegt, zu ermorden, für ein langes vorsichtiges Ausholen, ein Tasten,

ein Andeuten, wie wird die Sprache, indem sie den Plan der Untat

ausspricht, zugleich dazu benutzt, das Schwarze schön zu färben, das

Widrige zu bemänteln und die Gedanken zu verhüllen. Der Mensch, zumal

in der politischen Sphäre, deren Vertreter der Usurpator von Mailand

ist, hat es gelernt, Rauben Selbstbestimmung und Morden Wohltat zu

nennen; die Sprache zugleich als Mittel und Vorbereitung zur Tat und

zum Weglügen der Tat zu benutzen. Indem Shakespeare uns den Menschen

von dieser Seite vorführt, wählt er, und erhöht damit die Gewalt seiner

entlarvenden Offenbarung, ein Exemplar, das der brutalste, verhärtetste

aller Menschen und einer Regung wie Reue oder Skrupel ganz unzugänglich

ist. Gewissen? Davon weiß er nichts; er liebt Tatsachen, so was wie

Gewissen aber ist für ihn ein Wort ohne Sinn:

Ei, Herr, wo sitzt das? Wär’s der Frost im Fuß,

Müßt’ ich in Schlappen gehn; allein ich fühle

In meinem Busen so ’ne Gottheit nicht.

Gewissen hat er nicht, aber da er ein sprechender Mensch ist, hat er

Lüge und Heuchelei. Den Sebastian will er dazu bringen, seinen Bruder

zu ermorden, um dann den Brudermörder, dessen Untat er kannte, zu

beherrschen; aber nur in langsamem Ausholen, in wiederholtem Ansetzen,

in Tasten, Drumherumreden, Umschreiben und Andeuten nähert er sich

seinem Ziel.

’s gibt Leute, die Neapel

So gut, wie der hier schläft, regierten...

Hättet Ihr

Doch meinen Sinn! Was für ein Schlaf wär’ dies

Für Eure Standserhöhung. Ihr versteht mich?

Ja, er versteht ihn, sie verstehen sich. Das war sein deutlichstes

Wort; und doch, wie euphemistisch, wie keineswegs roh im Wortlaut,

wie harmlos und gesittet ist ein solcher Satz, mit dem sich die zwei

Sprecher adliger Sprache darüber verständigen, den Schlaf zu ermorden.

Wie aber ein paar Szenen darauf das bestialische Ungeheuer, das von

Prosperos und des Dichters Gnaden die Gabe empfangen hat, sein Wesen

und Wollen auszusprechen, dasselbe Unnennbare an Prospero tun will, wie

prachtvoll geradlinig, wie wahr, wie unbemäntelt sagt Caliban da, was

er will, ganz ohne Moral, ganz ohne Wohlklang, ganz ohne Heuchelei,

ganz sachlich, kein Wort zu viel:

Ich liefr’ ihn dir im Schlaf,

Wo du ihm seinen Kopf durchnageln kannst.

Oder wenn seinem Partner, der ja immerhin ein Mensch und also

bedenklich und wählerisch ist, dieses gerade Verfahren nicht paßt, weiß

er noch andre Methoden, die ebenso gut sind, zum Beispiel:

Du kannst ihn würgen,...

mit ’nem Klotz

Den Schädel ihm zerschlagen, oder ihn

Mit einem Pfahl ausweiden, oder auch

Mit deinem Messer ihm die Kehl’ abschneiden.

Man sieht, Gemüt hat ihm die Sprache nicht gegeben, aber -- auch

diesem Höllenungetüm! -- eine Steigerung des der Freßsucht dienenden

Tierverstandes durch Mitteilung, Werkzeuganwendung, Berechnung.

Wie zum Mord, genau so steht er zu allem: er arbeitet unweigerlich,

wenn er so lange gezwickt und geplagt wird, daß er’s nicht mehr

aushält, sonst zieht dieser Sohn einer Hexe und eines Teufels, nicht

anders als die Masse verderbter Menschenkinder, das Fressen und

Schlafen vor.

Nur in einem Fall kann das froschkalte Tier hitzig werden: wenn der

Geschlechtstrieb sich regt. Als der zuerst in Caliban erwachte,

stürzte er sich eben auf Miranda das Kind, das der Vater gerade noch

retten konnte, wofür alle Sklaven des Triebs dem jungen Kerl dringende

Entschuldigung gewähren müssen: dies Kind war das einzige weibliche

Wesen auf der Insel. Von Liebe weiß er weiter nichts, als daß so ein

Trieb unweigerlicher Art in uns ist und befriedigt sein will, und daß

ein gesundes schönes Weib „wackere Brut bringt“, -- und da weiß er in

Wahrheit ein gut Teil mehr als eine Masse Menschenpöbel im Lande der

Bildung; denn wenn wir calibanisch die Wahrheit sagen wollen: denken

denn die, denen kannibalisch wohl ist „als wie fünfhundert Säuen“,

in ihrer Wollust an die Brut, an die Kinder? Höchstens mit Unbehagen

und mit Angst vor der Plage und den Alimenten! Möge sich doch -- ich

glaube hier nicht abzuschweifen, ich glaube, daß Shakespeare uns diesen

Zusammenhang zwischen Caliban und uns vor Augen stellt, den ich hier

mit seinen und meinen Worten ausdrücke -- möge sich der alimentäre

Mensch nicht gar zu stolz über das elementare Ungeheuer erheben!

Im Zusammenhang Calibans mit den zwei köstlich gemeinen Kerlen, die

auf dem Schiff waren, den Trunkenbolden Trinkulo und Stefano, führt

Shakespeare sein Thema noch eine Stufe höher hinauf.

Vorhin, als ich von den beiden Bewohnern der Insel, die Prospero

zuerst da vorfand, sprechen wollte, war ich in Verlegenheit um

eine Gesamtbezeichnung. Ariel ist ein Geist und steht jenseits der

menschlichen Gesellschaft; aber Caliban? Dieses sprechende Tierwesen

hat alle Bedürfnisse des Menschen, und da er gewillt ist, sich mit

einer Menschin zu paaren, und überdies aus Gründen, die uns näher

angehen, dürfen wir diesen Sproß der Hexe und des Teufels, dies unser

Zerrspiegelbild nicht verleugnen: er wird schon so was wie ein Mensch

sein. So dürfen wir sagen, daß Shakespeare uns in diesem Stück die

menschliche Gesellschaft in drei Stufen vorführt und ihrer jede in

drei Vertretern: unten in der unverfälschten Roheit Caliban, Stefano

und Trinkulo; dann in der durch Bildung verfälschten Niedrigkeit der

herrschenden Kaste: Alonso, Antonio und Sebastian; oben im Reich

beseelten Geistes Prospero und das junge Paar, das in der Liebe die

Tierleiblichkeit und den Geist vereinigt und versöhnt: Miranda und

Ferdinand.

Man sollte meinen, ein widerlicheres, scheußlicheres Ungetüm als

Caliban wäre nicht möglich. Er ist die verkörperte, die wahrhaft

von der innern Niedertracht her Körper und bewegter Organismus

gewordene Häßlichkeit. Und doch hat Caliban etwas an sich, was uns zu

Versöhnung und fast zu Rührung stimmen könnte. Er ist das Zerrbild

des Menschen, ist aber insofern kein Mensch, als er wie ein Tier ist,

dem der göttliche Funke nicht erloschen ist, sondern von Geburts

wegen fehlt. Man kann ihn nicht mehr schuldig nennen als eine Hyäne

oder eine Schlange; er trägt die Urschuld oder Erbsünde der gesamten

Schöpfung, nicht mehr, nicht weniger; er ist ein Unerlöster, wie die

tierischen Kreaturen alle, deren trauernde Augen wie Fenster vor

dunkeln Kerkern sind. Könnte man sich vorstellen, daß mit all dieser

ursprünglichen, völlig unwillkürlichen Niedertracht einer Bestie,

die die Verstandessprache erlernt hat, auch noch die Lumperei eines

von Haus aus mit Gemüt begnadeten und für sich verantwortlichen

Menschen, der von sich in tiefsten Schmutz gefallen ist, leibhaft und

unabtrennbar verbunden wäre, so wäre Calibans Ekelhaftigkeit noch weit

übertroffen. Und gerade so ein zusammengewachsenes Doppelscheusal zeigt

uns Shakespeare auch noch in einer der lustigsten Grotesken, die er

geschrieben hat, wo wir in allem zwerchfellerschütternden Lachen, das

uns überfällt, empfinden, Allerbösestes swiftisch vor Augen geführt

zu bekommen. Ich spreche von der zweiten Szene des zweiten Aktes, wo

es der genialste aller Szeniker auf die ungezwungenste Art zuwege

bringt, diese lebendige Maschinerie, den Knäuel nämlich von Caliban

und Trinkulo, vor unsern Augen aufzubauen. Caliban fürchtet sich vor

Trinkulo, den er für einen der Plagegeister Prosperos hält, und wirft

sich platt auf den Boden; Trinkulo, in aller gemeinen Liederlichkeit

ein feiger, schwächlicher Wicht, flüchtet sich vor dem Gewitter unter

den Mantel des Scheusals, ganz dicht an ihn heran gedrückt, denn er

ist gesunken genug, um die Berührung mit dem Widerwärtigsten nicht

so zu fürchten, wie die Drohung des Wetters; Stefano, ein verwegener

Kerl mit einer Art von rohem, beherztem Rationalismus, findet das

Doppelungeheuer mit vier Beinen und zwei Köpfen und denkt vor allem

daran, was für ein Geschäft er machen kann, wenn er diese unerhört

wunderbare Mißgeburt vor den Potentaten Europas produzieren wird.

Und so gießt er, um das redende Monstrum von dem Fieber zu heilen,

von dem es befallen scheint, in die beiden Mäuler Schnaps aus seiner

Flasche, die er aus dem Schiffbruch gerettet hat. Trinkulo läßt sich

herauswickeln und begrüßt seinen Zechbruder; Caliban aber ist zum

ersten Mal in seinem armen Leben in Seligkeit und Verzückung. Denn

die Bestie hat nun eine wundersame Menschenerfindung kennen gelernt,

mit der wir auch sonst die Naturkinder in wilden Ländern, die keine

Calibans waren, beglückt haben: den Alkohol. Prospero hatte den ganz

vergeblichen, verderblichen Versuch gemacht, ihm in seine Leere Geist

einzutrichtern; nun aber ist ihm der wahre Geist aus Stefanos Flasche

eingegossen worden! Wer den Göttertrank spendet, der ihm wie Wonne und

Verwandlung durch alle Glieder rieselt, der muß ein noch mächtigerer

Geisterfürst sein als Prospero, der gegen ihn in Wahrheit, wie wir

das Elementare in der Natur nur mit Gewalt in unsern Dienst zwingen,

nichts üben kann als harten Zwang. Sofort betet drum Caliban den Lumpen

Stefano als König an. Gegen Prosperos Herrschaft, der ihm vornehm,

unfaßbar als Wesen andrer Art gegenüberstand, hat er sich, wie es

Naturnotwendigkeit war, gewehrt, hat sie als Unterdrückung empfunden;

jetzt, wo er dem dienen darf, den er als einen zu ihm Gehörigen, der

ihm hilft, der ihn niederträchtig glücklich macht, als Herrn anerkennt,

fühlt er sich frei. Und wiederum, und für diese Stelle der Dichtung

noch nachdrücklicher sage ich: es ist innig ergreifend und zugleich

tiefsinnig und grandios grotesk, wie dieses arme Untier, das von

dem edlen Prospero nur mit Zwicken und Prügeln zur Arbeit gebracht

worden war, jetzt zu den niedrigsten Diensten willfährig ist, wie es

aus Religion, wenn’s auch nur die Religion des Schnapses ist, ein

freiwilliger Sklave wird, wie es „Freiheit! Freiheit!“ und Jubelrufe

brüllt und ihm aus dieser Freiheitsstimmung und Begeisterung die Gabe

des Liedes zuwächst. Aus dieser Situation heraus, in dieser Bedeutung,

die sich aus dem anschaulich gestalteten Sinn des Dramas für unser

erlebendes Gefühl ergibt, kann es kein lyrisches Stück geben, das

zugleich so lustig, so abstoßend, so lehrreich, so gewaltig und so

rührend wäre wie Calibans Lied, das dieses „heulende Monstrum, trunkene

Monstrum“ wild energisch in besoffener Courage und in schrecklichen

Tönen, die so Musik sind, wie Häßlichkeit Schönheit ist, dem Prospero

zusingt, dessen verhaßte Herrengestalt vor seiner Phantasie ersteht:

Will nicht mehr Fischfänger sein,

Noch Feurung holen,

Wie’s befohlen;

Noch die Teller scheuern rein!

Ban, ban, Cacaliban

Hat zum Herrn einen andern Mann!

Schaff einen andern Diener dir an!

Auch hier, im Letzten, der ganz große, der Dramatiker, das heißt der

Gerechte Shakespeare: der höchste und der niederste Mensch stehen sich

gegenüber, von einander ewig getrennt wie der römische Plebejer von

Coriolan, wie Thersites von Hektor, und doch jeder in seinem Recht.

Bei uns ist aus Gerechtigkeit Toleranz und Unsicherheit geworden,

und so ist der moderne Dramatiker wacklig und schwankt auch mit

seinen Sympathien hin und her; das Erstaunliche, das Umfängliche

an Shakespeare ist, daß er nicht ins Periphere bebt, sondern einen

ursicheren Mittelpunkt hat, in dem er bei seinem Helden steht. Und

von da aus dann mit einem Mal das Licht auf die tief Beschatteten

im dunkeln Winkel fallen zu lassen, vom entschlossen erwählten und

festgehaltenen Adel aus der Niedertracht ihre eigne Stimme aus

dem Tiefsten hervorzuholen, das ist Shakespeares Gerechtigkeit,

Stufenordnung und dramatische Kunst.

Nach Freiheit begehrt auch das Naturwesen, das zwischen Erde und Himmel

flattert, Ariel der Luftgeist. Er gehört im beseelten Reich der Natur

zu Blüten, die sich im Winde wiegen, zu Schmetterlingen und Schwalben,

aber nicht zu Menschen. Und nur durch zartesten, schmeichlerischen,

liebevollen Umgang, dadurch, daß er selbst sich frei, neckisch, heiter,

schwingend seinem dienenden Freund anpaßt, kann Prospero in Güte und

Herzensnähe mit dem ätherischen, zarten und doch -- im menschlichen

Sinne -- seelenlosen Geistwesen leben. Nichts entzückender als dieses

herrenmäßig ergebene immerwährende Kosen von Prospero zu diesem

lebendig bewegten Stück Natur hin, das immer wieder fliehen will wie

der Wind und sich doch immer wieder für eine Weile festhalten läßt; wir

haben immer den Eindruck, daß kein Mensch außer Prospero diesen Freien,

Beweglichen, der sich nie ganz gefangen gibt, an sich bannen könnte.

Und wir haben den Eindruck: hat schon Prospero Caliban nicht erziehen

können, Ariels in aller Naturschrecklichkeit natursanftes Wesen hat

den Menschen Prospero, der als Anlage alles in sich trägt, in seinem

Besten bestärkt und gehoben.

Ariel gibt allem, was in der Dichtung geschieht, den luftigen,

heiteren, dem Geist der Schwere entronnenen Charakter; er ist

die Kraft, die vor unsern Augen und im Hintergrund die Handlung

mit wunderbarsten Mitteln, mit Sturm und Flammen und Liedern und

Trommelschlag vorwärts bringt. Er ganz allein hat Sturm und Meereswut

und Blitz und Brand auf dem Schiff hervorgebracht, und diese seine

bloße Erzählung von dem Sturm und Feuer, wie es als Sinnenschein

aus ihm, der geeinten Naturkraft hervorging, muß in der rechten

Aufführung, die in diesem Stück noch weniger als sonst bei Shakespeare

aufs Dekorative, noch mehr auf die Greifbarkeit des Geistes ausgehen

muß, gewaltiger wirken als das Gewitter der ersten Szene; durch die

Geteiltheit unsrer Sinne hindurch vernehmen und gewahren wir in

Ariels Darstellung eine höhere Region der Naturwelt, Fechners drittes

Reich, wo das, was Platon die Idee genannt hat, der Zusammenhang, das

Schöpferische waltet:

Ich enterte das Schiff

Des Königs; jetzt am Schnabel, jetzt im Bauch,

Auf dem Verdeck, in jeglicher Kajüte

Flammt’ ich Entsetzen; bald zerteilt ich mich

Und brannt’ an vielen Stellen; auf dem Mast,

An Stang’ und Bugspriet flammt’ ich abgesondert,

Floß dann in eins...

Und so hat er den Schein und die volle Wirkung eines fürchterlichen

Schiffsbrands und Untergangs im schrecklichsten Sturm erregt, und

alle Reisenden sprangen im Entsetzen ins Meer, wo sie dann zu ihrem

Staunen unbeschädigt an den ganz nahen Strand gespült wurden. Zu dem

rüden Bootsmann aber und seinem Schiffsvolk können wir, wenn wir gut

aufmerken, nachträglich verstärkte Sympathie fassen: sie alle sind

in Ausübung ihrer Pflicht bis zuletzt auf dem Schiff geblieben und

liegen jetzt durch Ariels Zauber im untersten Schiffsraum in tiefem

Schlaf. Die schuldigen Fürsten und ihr Gefolge sind vorerst heil auf

einem entfernteren Teil der Insel; nur der Sohn und Erbe des Königs

von Neapel ist verloren gegangen und wird von dem trauernden Vater und

frohlockenden Schelmen für tot gehalten. Der junge Prinz Ferdinand

aber lebt; es geschieht alles, wie der Meister es bestimmt hat; Ariel

führt ihn Prospero zu, der ihn -- zur Prüfung -- gefangen nimmt, zu

Knechtschaftsdiensten verdammt und so in Mirandas Gesellschaft bringt.

Wir sind auf Wundersames vorbereitet, denn wir wissen: es ist außer

ihrem Vater der erste Mann, den das Mädchen erblickt. Entzückend,

wie die Ausschließlichkeit der Liebe auf den ersten Blick, die sonst

den Erwählten aus der Schar aller andern herausgreift, hier die Form

annimmt: er ist der erste und einzige, den ich je gesehen; nun denn,

ich brauche keinen andern! Was die Bestie Caliban nicht kennt, die

wählende, unentrinnbare Liebe, die Paargemeinschaft zwischen dem einen

Mann und dem einen Mädchen, die Verklärung des Geschlechtstriebs durch

seelische Innigkeit, erblüht ihr in dieser Ausnahmelage, daß sie nicht

vergleichen kann:

So hat in Demut denn

Mein Herz gewählt; ich hege keinen Ehrgeiz,

Einen schönern Mann zu sehn.

Und dies Kind der Natur und des Geistes kennt die Heuchelei der

Gesellschaft gar nicht, wiewohl die natürliche Keuschheit gar sehr:

sofort bekennt sie sich, dem Vater, dem Geliebten selbst ihre Liebe:

Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt,

Sonst sterb ich Eure Magd; Ihr könnt mir’s weigern,

Gefährtin Euch zu sein, doch Dienerin

Will ich Euch sein, Ihr wollet oder nicht.

Das ist eine Stelle, die Strindberg ganz besonders wohl im Herzen

tut, und er spricht sie gegen den Noramann, wie er Ibsen nennt, und

alle Vorkämpfer der Frauenemanzipation aus; aber für einseitige und

willkürliche Tendenzen wird man bei Shakespeare nur Unterstützung

finden, wenn man unachtsam oder gewalttätig ist; dieses Gefühl, dem

die Freiheit der Liebe Hingabe bis zur Dienstbarkeit ist, wird von

Ferdinand dem Jüngling sofort für sich gerade so ausgesprochen, wie

von dem Mädchen. Beide geloben einander die Ehe als gegenseitige

Dienstbarkeit, welche der Liebe, das heißt der Freiheit entstammt.

Es ist nicht zu übersehen, daß dieses Verhältnis zwischen Freiheit

und treuem Dienst eines der Themen ist, die durch die ganze Dichtung

hindurchgehn. Wir haben gesehen, wie Caliban ein geplagter Sklave

ist, weil er in den Dienst des Guten gewaltsam eingespannt wird, und

daß ausgelassener Jubel über ihn kommt, sowie ihm der Schnaps einen

Herrn gebracht hat, den er in Freiheit verehrt. Und das haarfeine, in

jedem Augenblick gewagte, gefährdete und wieder geknüpfte Verhältnis

zwischen Prospero und Ariel haben wir kennen gelernt: Prospero, der

Ariel aus schmählichster und ärgster Gefangenschaft befreit und ihn bei

der Gelegenheit in seinen Dienst gezwungen hat, ist keinen Augenblick

seiner sicher, da mächtiger noch als der Zauberbann und das gegebene

Wort der Freiheitsdrang dem flüchtigen Geiste in der Natur sitzt; aber

etwas, was zwischen dem Menschen und dem Elf gar nicht möglich scheint

und keinem als dem Herrscher im Reich der Phantasie Prospero erreichbar

ist, die Liebe ruft Ariel immer wieder aus der Flucht in den Dienst

zurück, bis Prospero dem Liebling, dem Herzensariel freiwillig die

Freiheit schenkt. All das, was Shakespeare uns da zur Letze gegeben

hat, ist ein heiliges Vermächtnis für das Miteinanderleben der Menschen

in Familie, Bünden und Gesellschaften und liegt als totes Gut unberührt

da; all das ist uns Frevlern der Trägheit nur Literatur, Lektüre und

Schauspiel; wir bleiben unsern Meistern, ob sie Shakespeare oder

Goethe oder Beethoven heißen, die Religion schuldig, die sie uns

geliehen haben, damit wir mit ihr wuchern.

Wir haben Shakespeare gegenüber eine Entschuldigung: er spricht

nicht zu uns, nicht bloß, weil wir nicht hören, sondern, weil er ein

Stummer ist. Nie hat die Erde einen getragen, dem das Schweigen,

das Nichtredenkönnen mehr Gebot war als diesem Menschen. Das klingt

erstaunlichst, denn nie auch hat einer größere Gewalt über die Sprache

besessen und geübt, als er. All diese strömende Fülle aber hat er

immer nur den Leidenschaften und krausen Einfällen, den Ergüssen und

Repliken seiner Gestalten geliehen; den Sinn dessen, was zwischen

diesen Gestalten waltet, den Geist seiner Dichtungen hat er szenisch

gebaut, hat ihn gezeigt, hat ihn sichtbar gemacht und zwischen den

Worten aufleuchten lassen; er hat nie vermocht, einer seiner Gestalten

in den Mund zu legen oder sonst irgend voll und gerade heraus zu sagen,

was das Drama, was auch nur eine Gestalt bedeutet. Darum aber auch,

weil diese Sprachwerke in ihrem Eigentlichen weit über die Sprache

hinausgehn, weil sie nie abstrakte Lösungen, sondern immer Aufgaben

für uns sind, weil sie nie fertig sind, sondern immer auf Empfängliche

und Berufene stoßen müssen, die sie in Empfindung und Verständnis

vollenden, darum sind sie heute noch jung und neu wie am ersten Tag und

sind jedem neuen Geschlecht der Erdenbürger von neuem eine unbekannte

Küste, zu der wir Entdeckungsfahrten machen.

Auch das Verhältnis Prosperos zu seinem Bruder empfängt von dem

Standpunkt aus, zu dem wir hier gekommen sind, neues Licht. Seine Frau,

Mirandas Mutter, ist früh, bald nach der Geburt gestorben (dies Unglück

trifft auffallend viele von Shakespeares Vätern; so nebenher, wenn er

nicht gerade das Eheverhältnis selbst darzustellen hat, weiß er mit

Ehefrauen selten etwas anzufangen); Prosperos ganze Liebe galt nun dem

Kind und -- er sagt es ausdrücklich -- dem Bruder. Damals und noch

lange hin, er bewährte es später bei dem Versuch, Caliban zu erziehen,

war er noch ein Gläubiger, der die Menschen nach seinem Bilde sah und

ihnen unbegrenztes Vertrauen entgegenbrachte. Nichts schmerzt und

erzürnt ihn bei der Rückerinnerung mehr, als „daß ein Bruder so treulos

sein kann“.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 23 / 30 段