Hier also sind die Elementardämonen, der luftig neckische, feenhafte

Geist wie das Wüsteste und Böseste in den untern Bezirken der Natur,

in den Dienst des überlegenen, freien Menschengeistes gezwungen.

Die Menschenkraft, die Kraft des Geistes, Kraft der Vernunft wie

des Gemüts, ist sieghaft oben; keinerlei Sünde oder Frevel, keine

Verschuldung, kein Zugeständnis an feindliche Mächte ist für den

Magier mit seinem Tun verbunden; es ist alles hell, heiter; der

Sproß eines Teufels und einer Hexe wird ohne Gnade in den Dienst

gezwungen und, soweit es nur irgend geht, unschädlich gemacht und

vom Menschlichen überwunden; Sprengstoff wird immer zerstörerisch

bleiben, und vergeblich wäre ein erzieherisches Bemühen, ihn etwa in

Pflanzensamen zu verwandeln; aber der Mensch kann die zerstörende Kraft

zu den Zwecken seines Bauens verwenden. So übt Prospero die Macht des

Menschlichen über die von Geist und Kraft durchflutete Natur; nicht

zu Werken der Technik oder irgend eines Genusses; die Gleichnisse aus

diesen Bereichen waren Gleichnisse, nichts weiter; er lebt auf seiner

verlorenen Insel mit seinem Kinde das Dasein einfacher Menschen; er

läßt sich keinen Palast bauen und keine Schätze herbeischleppen,

sondern Brennholz in seine Hütte, damit sie nicht frieren; all sein

Sinnen und herrschendes Walten gilt nur der Seelentat, sich und

seinem Kinde durch Geisteskraft das Leben zu wahren, das er nach

menschlichem Alltagsermessen verwirkt hatte, und die rohe Gewalt der

Menschenniedertracht, die ihn überwältigt und wie ermordet hatte,

durch den Geist und, wenn’s zum Letzten kommt, durch die Liebe zu

besiegen; durchaus verdient Prospero den Namen, den Goethe in seinen

„Geheimnissen“ einem so höchst wunderbaren Mann des Geistes geben

wollte, den Namen Humanus. In seinem Faust hat Goethe das herrliche

Wunderwerk vollbracht, in dem himmlischen Zusammenhang, der vom

Prolog bis zum Epilog im Himmel geht, die Gottesmacht zu entteufeln,

zu entmenschen, zu entchristen; Shakespeare in seinem Prospero hat

den Menschen entchristet und hat einen Mann geformt, der ein Freier,

in Reinheit, in Adel, in Schönheit, mit gutem Gewissen, weil in Güte

herrlich den Elementen gebietet. Was für eine unsägliche, was für eine

das Menschenleben von Generationen und Generationen für Jahrtausende

vorwegnehmende Tragik liegt aber darin, daß dieser Reinste und Größte

und Höchste und Mächtigste der Sterblichen, nachdem er seiner Seele

Genugtuung geschaffen und an die Stelle des Hasses die Liebe gesetzt

hat, am Leben, an der Natur, am Geiste für seine Person genug hat, zur

Seite geht und sich zum Verstummen und Verscheiden rüstet. Das ist für

mich der Gipfel der Renaissance und damit der bisher erreichte Gipfel

unsrer neueren Menschheit: der vollendet zur Herrlichkeit gediehene

Personalismus, der in seiner Glorie resigniert; ganz und gar das

Gegenbild zu dem Christus, der vom Marterholz zum Himmel emporsteigt.

Prosperos gebietende Gestalt und Apotheose im Abscheiden steht mir da

wie ein Werk von einem bildenden Künstler, der bisher nicht gekommen

ist, wie von einem, der Michelangelo und Rembrandt ins Raffaelische

vereinigte; oder -- das nämliche in anderm Bilde gesagt: wie eines der

ganz hohen Werke Beethovens, wie das Quartett mit dem Dankgebet eines

Genesenden. Weiß man, wer dieser Genesende ist? Es ist Sokrates, der

dem Asklepios für die Genesung dankt, indem er der Welt den Rücken

kehrt; es ist Prospero, der die Natur und den Haß bezwingt und die

Liebe gründet und aus all seiner Herrlichkeit tritt und zur Seite geht

und sich zum Tode bereitet; es ist Shakespeare, der uns noch den Sturm

gibt und dann das Schweigen wählt und dahinstirbt.

Wir bemerken oft, zumal bei leidenschaftlichen Dichtern, wie das, was

auf ihrer Höhe herausbricht, schon früh da ist oder sich wenigstens

vorbereitet und in starken Spuren zeigt, wie sie selbst aber von einem

gewissen Zeitpunkt der Krise an von dieser ganzen Vergangenheit nichts

mehr wissen wollen und sich als völlig Erneuerte fühlen. So ist es in

unserer Zeit Tolstoi und Strindberg gegangen. Auch Shakespeare scheint

mir zu bestimmter Zeit bei einer Wende angelangt zu sein, wo er die

Form, in der er früher die Triebe und Leidenschaften der Menschen mit

einer Wahrheit ohnegleichen darstellte, wie ein eigenes Versinken

in diesem Pfuhl der Affekte nicht mehr ertrug. So hat er nach neuen

Formen gesucht, und fast jedes einzelne der Stücke aus dieser letzten

Zeit ist ein neuer Weg, in dramatischer Aktion zur Überlegenheit,

zum Spielerischen, zur Polemik und Weisheit, zur Ironie zu kommen.

Im Zymbelin und im Wintermärchen und im Timon und im Perikles hatte

Shakespeare es jedesmal mit einer neuen dramatischen Form versucht,

die er jedesmal wieder aufgab. Der Sturm nun ist wiederum in einer

für Shakespeare ganz neuen Art gebaut und ist für dieses Suchen nach

dem neuen Stil der Gipfel und die Krönung. Die Form aber, der sich

Shakespeare diesmal und, wenn wir recht vermuten, zu guter Letzt

zuwendet, ist nicht etwa eine neu ausgeheckte, sondern die für seine

Zeitgenossen zugleich ehrwürdigste und modernste, und seine gelehrten

Kritiker hatten sie ihm schon immer tadelnd als Muster vorgehalten. Die

gelehrten klassizistischen Dramatiker, die neben Shakespeare standen

und die nicht von der Überlieferung des Volksdramas herkamen, sondern

in der Tragödie Seneca, in der Komödie Plautus nachstrebten, legten

viel Wert auf die Einheit des Orts und vor allem der Zeit. Schon früher

manchmal hat Shakespeare gezeigt, daß er das auch konnte, wenn es dem,

was er an Inhalt und Stimmung geben wollte, entsprach; nie hat er sich

pedantisch nach einer Schulregel gerichtet, aber der Sommernachtstraum

verläuft in aller Tollheit in einer Nacht und einem Walde; im Othello,

der auch sonst dem bürgerlichen Trauerspiel am nächsten kommt, geht,

abgesehen von dem Prolog des ersten Aktes, alles auf der Insel Zypern

in einer fast ununterbrochenen zeitlichen Folge weniger Tage vor sich.

Hier aber im Sturm ist er dem klassischen Muster am nächsten: nicht nur

dem geistigen Gehalt nach, sondern auch formal ist die Dichtung ein

Epilog. Eine lange, bewegte, leidenschaftliche Handlung wird in einem

bei Shakespeare ganz ungewohnten erzählten Bericht in die Vorgeschichte

verlegt; das Stück selbst bringt, in der Art wie bei Sophokles zum

Beispiel im Ödipus, nur die Auflösung des Konflikts; hatte das

Wintermärchen uns eine Handlung von sechzehn Jahren und in ihr zwei

Generationen auf die Bühne gebracht, so geht es auch im Sturm um zwölf

Jahre und wieder um die scharfe Gegenüberstellung von zwei Generationen

und um ein Paar, das durch die Liebe dem Haß der Väter Versöhnung

schafft: aber die Handlung, in der wir all das erfahren und erleben,

läuft hintereinander in drei Stunden ab, von etwa zwei Uhr bis fünf

Uhr an einem Nachmittag, so daß das klassizistische Ideal erfüllt ist:

die Handlung, die in dem Stück verläuft, erfordert ungefähr dieselbe

Zeitdauer wie das Stück selbst, und innerhalb dieser Handlung erfahren

wir von den Vorbedingungen und Geschehnissen früherer Zeiten durch

Berichte und Gespräche.

Keineswegs dürfen wir annehmen, Shakespeare habe sich diesmal der

Modeform anbequemt, um Gegnern oder Freunden wie Ben Jonson zu zeigen,

daß er das auch konnte. Der Grund ist vielmehr offenbar der, daß

Shakespeare gemerkt hat: das Wesentliche, worauf er in dieser letzten

Schaffensperiode ausging, konnte er mit dieser Technik erreichen.

Dieses Wesentliche ist, das, was in seinen großen Tragödien Mitte

und Hebel war, die elementare Kraft der Triebe und Leidenschaften,

das menschlich Wilde, Gewalttätige, den Schrei des Zorns und der

Rache, die Gewaltgier und Brunft, was alles ihm seit langem steigend

widerwärtig und schließlich unerträglich geworden war, zurücktreten

zu lassen und dafür das Element des Spiels, der Abgeklärtheit, des

romantischen Zaubers und der tieferen Bedeutung, der Versöhnung

oder Polemik, in jedem Fall der Weisheit und Rede sich ausbreiten

zu lassen. Der Dichter, zumal der dramatische, empfindet bei seiner

Arbeit viel stärker als wir Leser oder Hörer sein völliges Darinsein

in den Gestalten, die er mit so seelischer, plastischer, dynamischer

Kraft ins Leben setzt; wir empfinden, wenn Othello rast und die

Unschuld ermordet, die in des Dichters Gestaltung so volles Leben

gewonnen hat, den Dichter selbst viel mehr in Desdemona als in dem

Mohren und entsprechend mehr in Macduff als in Macbeth; der Dichter

aber weiß, wie viel nicht bloß von zehrender Kraft, sondern auch

von eigenen Wesenszügen in all diesen Ausbrüchen der Wut und der

Bestialität enthalten ist. Hätte er, als er den Hamlet dichtete,

schon die Möglichkeit zu Prosperos Überwindung und Überlegenheit in

sich getragen, so hätte er dem Dänenprinzen nicht in der Art seine

Unbewußtheit, sein Nichtauskennen in den eigenen Motiven auf den Weg

geben können. Indem Shakespeare dem Timon zwar noch die gewaltigsten

Reden der Wut und Verachtung aus dem Mund strömen lassen kann,

aber nicht mehr imstande ist, weil es ihn sonst umgebracht hätte,

diesen Mann dazu noch lebendig als Individuum zu gestalten; indem

er das innere Seelenleben des durch Selbstbetrug betrogenen Gatten

im Zymbelin durch eine gewaltige Maschinerie einer ungeheuerlichen

Handlungsfülle von sich schiebt, im Wintermärchen nur genial skizziert

und dann von frei heiterem Spiel, das zur Tragik der früheren

Generation in Gegensatz steht, ablösen läßt, mit alledem verrät er

etwas, was man auf zweierlei Art ausdrücken kann, weil beides nur

verschiedene Ausdrucksform für ein und dieselbe Wandlung ist. Man

kann sagen, daß er nicht mehr robust genug für die unerbittlich

realistische Darstellung der von der Leidenschaft geschüttelten und

gepeitschten Menschen war; man kann sagen, daß er eine Stufe höher

gestiegen war und diese Darstellung nicht mehr brauchte. In jedem Fall

hatte er in dem Augenblick, wo er für das Neue, das er suchte, die

vollendete Form gefunden hatte, seine Bahn ausgelaufen. Der junge, der

leidenschaftliche, der wilde Shakespeare mußte den Schrei der Wut und

Verzweiflung immer wieder, in den mannigfachsten Verkleidungen, wie

sie Geschichte, Sage und Novelle als Abbild der eigenen Innerlichkeit

boten, ausstoßen; der mild und reif gewordene Shakespeare suchte nach

dem Ausdruck der Resignation und des Verzichtes in Überlegenheit und

Heiterkeit und verstummte, als er ihn gefunden hatte. Er fand ihn aber

in dem Inhalt und der Stimmung und der Form seines Sturm. Diese Form

erlaubte ihm, aus dem, was nun Vorgeschichte war, nicht nur, sondern

auch aus dem, was in den drei Stunden der Handlung geschieht, alles

von den sichtbaren Vorgängen auf der Bühne zu verbannen, was in die

Abgründe der inneren Dämonie der Menschen geführt hätte: nicht nur

bleibt die Gewalttat des Bruders gegen den Bruder aus schnödester

Machtgier in der Vorgeschichte; dieser Bruder selbst tritt mit seinem

fessellosen inneren Wesen nie mit voller Entladung heraus; meist steht

er wie ein Angeketteter, dem die Zunge in Bann getan ist, im Schatten.

Über ihn, über Alonso von Neapel, über dessen Bruder Sebastian wird

der Wahnsinn verhängt, der Wahnsinn der Reue und Gewissensqual, der

rasenden Tollheit: nichts davon wird gezeigt; Ariel berichtet kühl

überlegen darüber, ohne auch nur den Versuch zu einer Schilderung.

Recht gut hat sich Tieck, der in all diesem neuen, letzten Stil das

Urbild seiner romantischen Ironie gefunden hat, darüber, schon 1793,

geäußert: „Im ganzen Stücke hat der Dichter sorgfältig alle hohen

Grade, alle Extreme der Leidenschaften vermieden... Er läßt die

Affekte nie einen sehr hohen Grad erreichen, er will uns in keiner

Situation tief rühren oder erschüttern, keine Person soll unser Mitleid

erregen...“ Was Tieck da sagt, ist ganz richtig, wenn man diese

Rührung und Erschütterung, dieses Mitleid als Affekt, als Qual, als

das betrachtet, was Goethe manchmal das Pathologische genannt hat. An

all diese tiermenschlichen Grundtriebe wendet sich hier Shakespeare

nicht mehr. Unser Mitleiden beim Anblick der von Leidenschaften

fortgerissenen und zerfetzten Menschen ist selbst leidenschaftlicher

Art, wie sich hinwiederum, wir haben es früher gesehen, die wilde,

kochende Hitze der Brunstmenschen mit schneidender Kälte berechnenden

und verderbenden Verstandes gatten kann. Von dieser Sklaverei der

Sinne, in der der Verstand, so hell er auch war, dem modrigen Dunkel

diente, ist Shakespeare, mit Spinoza wieder zu reden, über die Stufen

der Vernunft weg aufgestiegen zur intuitiven, überlegenen Gelassenheit

des Geistes, der in der Freiheit wohnt. Und so bringt auf der Höhe

der Sturmdichtung das warme Gefühl, das innige Erbarmen, die schöne

Ergriffenheit, die der Dichter wohl erregt, unser Seelenleben nicht

mehr mit den tierisch elementaren, dämonischen Qualtrieben, sondern mit

Geist, Vernunft und Klarheit in Verbindung. Unser Mitgefühl entstammt

nicht mehr dem Bezirk der Venus, sondern des platonischen Eros, nicht

mehr dem Reich der Furien, sondern des Friedens. Wiewohl ich selbst

zu gewahren glaube, daß diese Steigerung Shakespeares zum Himmlischen

mit einem Zustand seiner Leiblichkeit und Geistigkeit zusammenhing, wo

Nichtmehrkönnen und Nichtmehrwollen fast ununterscheidbar an einander

grenzten, -- wie viel kräftiger und seelenvoller ist Shakespeare doch

noch nahe der Entrücktheit und Auflösung als Tieck und Romantiker

seines Schlages in ihrem Beginn, in dem schon das Ende war; wie schnell

verirrten sich diese Nachfahren, die die Lust zur allergrößten Wandlung

und zur neuen Religion nach rasch versprühender Jugend höchstens

noch als eine Art intellektuellen Kitzels in sich spürten, aus dem

Ätherreich beseelten Geistes zu bloßer Spielerei des Witzes und krauser

Arabeske! Seine Verwandtschaft aber zu dem Shakespeare, wie er vom

Sommernachtstraum über Wie es euch gefällt zum Sturm kam, hat Tieck

recht empfunden, und so zeigt er in dieser jugendlichen Äußerung gut,

wie der Dichter des Sturm Gelegenheit zu Verzweiflungsausbrüchen,

Martern aller Art, Hunger- und Entsetzenswahnsinn gehabt hätte, wie

er aber all die Darstellung des wild und triebhaft Ausbrechenden --

vor kurzem, man denke an Lear, noch seine größte Stärke -- vermieden

hat. So also erklärt sich mir die dramatische Technik, die Shakespeare

dieses Mal erwählt hat: er zeigt nicht ein von Gewalt und Untaten

erfülltes Leben, sondern als zauber- und musikerfülltes Spiel in

raschem Ablauf nur die Auflösung, die Vollendung, den Gipfel: nicht wie

die Leidenschaft zu ihrem Gipfel ansteigt, sondern wie sie von einem,

der in sich nach oben gekommen ist und Selbstbeherrschung gelernt hat,

überwunden und gedemütigt wird. Nach einer gewaltigen, stürmischen

Introduktion, durch die aber auch schon das Mildernde, Kauzige,

beruhigend Spielerische hindurchgeht, kommen wir immer mehr in die ganz

eigene Mischung von Abgeklärtheit, Humor, Neckerei, Sanftmut, innig

Friedlichem, koboldig Polterndem, ungefährlich Bellendem und Heulendem

bis zur Verklärung. Versucht man, diese Stimmung, dieses Tempo, diese

Variationen und Auflösungen des Dramas sich als musikalisches Gebilde

vorzustellen -- und man ist dazu eingeladen, da das ganze Werk wie

in Musik getaucht ist und die Musik Ariels und seiner Geister in den

Lüften keine Begleitung und Zutat, sondern ein Stück der Handlung ist

--, so versteht man, meine ich, ausnehmend gut die Antwort Beethovens

auf die Frage nach der Bedeutung seiner Gespenstersonate: „Lesen Sie

nur Shakespeares Sturm.“

Die dümmste Versündigung, die aber vom Ende des 17. Jahrhunderts bis

auf den heutigen Tag nicht auszurotten scheint, an diesem leichten,

luftigen, zarten Traumspiel, in dem die Hoffnung und das Gelöbnis

eines Dichters unserer Zeit, Georg Kaisers, erfüllt ist, daß das

Schauspiel zum Denkspiel aufsteige, und das die Erdenschwere nur als

derb burleskes Scherzo und schon himmlische Schwermut kennt, begeht die

Bühne, wenn man es als Ausstattungs- und Spektakelstück gibt.

Ich habe schon angedeutet: auch die schreckliche Erhabenheit zu

Beginn, der Sturm, der zum Schiffbruch und zum Schein rettungslosen

Untergangs führt, wird noch in dieser ersten Szene selbst durch

komischen Gegensatz und durch die Verschiebung der Perspektive

gemildert: nicht die Personen erster Geltung, von deren Wesen,

Vergangenheit und Reisezweck wir vorerst nicht das Mindeste erfahren,

sondern eine Nebengestalt, der Bootsmann, ein prachtvoll geschauter

Zyniker, steht im Vordergrund des Interesses. Das ist ein Galgenvogel

nach Art des frevelhaft und lustig überlegenen Mörders Bernardin in

Maß für Maß; im Angesicht des Todes flucht und wettert er ohne jede

Angst und verrichtet mit einem derben und hohnvollen Vergnügen seine

Schuldigkeit inmitten der äußersten Not und Bangnis als ein sachliches,

roh vertrautes Geschäft. Für die Todesangst der andern ist er ganz

gefühllos; er wird schon alles besorgen, was not tut; er will sich ja

selber auch retten. Brauchst du mir erst zu sagen, daß der König an

Bord ist? Hab ich ihn denn lieber als mich? Und

Fragt der Sturm nach dem Namen König?

Oder er wendet sich etwa zu dem edeln, alten, aber in Wohlredenheit und

Klugheit leicht komischen Rat Gonzalo: Na, du bist ja Rat, übe du doch

dein Amt wie ich meins, vielleicht hilft’s: gib doch den Elementen den

Rat, sich zu besänftigen! Er hat nur ein paar Worte durch den Orkan

zu brüllen, der Mann, aber die ganze Wut und Verachtung gegen die

brutale Natur, mit der er zeitlebens brutal sein mußte, und gegen die

brutale Gesellschaftsordnung wettert aus seiner heisern Kehle; und daß

er größte Nichtachtung und unbewegte Gleichgültigkeit auch den Großen

gegenüber hat, die seinem Schiff anvertraut sind, bleibt uns nicht

verborgen.

Dann stehen sie alle -- in der ersten Szene dieser Komödie -- vor dem

sichern Tod; die Matrosen, der König und sein Sohn beten; der Usurpator

von Mailand und der Bruder des Königs, in dem auch Usurpatorträume

schlummern, fluchen; Gonzalo behält sanften Humor und überlegene,

stille Ruhe; der Bootsmann lacht:

Was? müssen wir ins kalte Bad?

So haben wir, ohne noch das geringste vom Zusammenhang zu ahnen, nicht

die Stimmung des gewalttätigen Untergangs, den wir vor Augen sehen,

nicht Furcht und Mitleid für die, die sich fürchten und leiden,

sondern eine Art Staunen im Denken, wie im tobenden Aufruhr der Natur

und im Angesicht des Todes die Menschen so verschieden, im Adel und

Vorrecht klein oder mäßig, in Gemeinheit groß sein können.

Und ganz schnell verwandelt sich die Szene: das Schiff scheint unter

die Wellen zu tauchen, das Meer tobt, der Sturm heult, dickes,

ziehendes, tief herab hängendes Gewölk droht und wird hin und her

gefetzt; da steigt vor unsern Blicken eine kleine Insel auf, die

aus den brandenden Wassern emportaucht, auf ihr, wie in der Mitte

des kleinen Rundes, in gebietender Haltung der Ruhe der Zauberer in

dem langen Mantel des Magiers und mit dem Zauberstab; bei ihm ein

liebliches, fünfzehnjähriges Mädchen, das nun mit einem Mal, so daß

wir aus all dem Graus zu seligem Lächeln verklärt werden, die wild

natürliche Situation in eine Geistersphäre rückt mit den Worten, mit

denen diese zweite Szene anhob:

Wenn _Eure_ Kunst, mein liebster Vater, so

Die wilden Wasser toben hieß, so stillt sie.

Es ist eine sehr ernste Beschämung, nicht nur für unsre Bühnen, für

den Zusammenhang vielmehr zwischen unsrer Geistesverfassung und unsern

Zuständen, daß die liebliche Größe, die hebende, erlösende Wonne dieses

Übergangs und dieser Szenengemeinschaft unserm Erleben noch immer nicht

vertraute Wirklichkeit geworden ist. Wie das Kind beim starken Gewitter

meint, der liebe Gott sei zornig, so erleben wir hier sinnenkräftig,

als lebendiges Bild, daß es so ist, wie das Mädchenkind Miranda mit

ihren ersten Worten uns bedeutet: Er, Prospero, hat den tollen Aufruhr

der Lüfte und Gewässer mit Hilfe seines Ariel erregt: der Tag der

Vergeltung, der Entscheidung, wir merken bald, der Versöhnung und

Heimkehr ist da.

Ein zartes, reines, liebliches Kind, eben zum Fraulichen erknospend

ist diese Miranda, die Wunderbare; ganz des Vaters Geschöpf; seit

ihrem dritten Lebensjahr ist sie auf dieser Insel und hat außer ihrem

Vater nie einen Menschen gesehen; nur das Ungetüm Caliban und Prosperos

Geister. Er muß sie nur beruhigen, sie ist außer sich, daß ihr Vater

so Böses zu tun imstande scheint; so hat sie ihn in all der Zeit nicht

kennen lernen; sie weiß aus seinem Unterricht, daß ein Schiff Menschen

über den Ozean trägt, und Menschen sind, glaubt sie, gute und herrliche

Wesen wie ihr Vater.

Die Stunde ist gekommen, wo er ihr die Menschenwelt anders zeigen muß;

aber ehe er noch daran geht, sie über ihre Herkunft, über seine düstere

Geschichte, über die Art, wie es draußen bei den Menschen zugeht,

aufzuklären, beruhigt er sie und uns: keinem soll ein Leid geschehen;

kein Haar soll gekrümmt werden; durch die Macht des Geistes, nicht

durch Gewalt soll Wiedergutmachung erfolgen.

Und nun erzählt er, erstmals, wer er ist, was ihm und ihr angetan

worden ist, und deutet im voraus an, was jetzt kommen soll, welche

Männer er auf ihrer Fahrt gebieterisch angehalten hat. Der Mann, der

da sein Leiden berichtet, ist uns erst als der zaubermächtige Meister

gezeigt worden; so haben wir bei diesem langen Bericht, der die

Vorgeschichte bringt, nicht das Gefühl des Stillstands, sondern des

bewegten Geschehens. Er erzählt, wie ihn sein eigener Bruder Antonio --

wie Claudius den König Hamlet -- vom Thron gestürzt und im Bunde mit

Alonso dem König von Neapel ihn und das noch nicht dreijährige Kind

nach menschlichem Ermessen ermordet hat: kein Mensch zu Hause kann

etwas anderes meinen, als daß sie gewaltsam getötet sind und längst

auf dem Meeresgrund verfault. Aber dieser Ermordete kehrt nicht ins

Reich des Lebens als Geist zurück, um einen Sohn zur Rache zu rufen;

er herrscht über die Geistermächte, wohl auch, um über die Feinde zu

triumphieren, aber durch Beschämung soll es geschehn, dadurch, daß

sie in all ihrer Unwürde machtlos und geschlagen dastehn: der Sohn

aber seines mächtigsten Feindes und die eigene Tochter sollen in Liebe

vereint werden.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 22 / 30 段