Was unser Wissen auf Grund von äußeren Tatsachen angeht, so steht

eigentlich nur fest, daß der Sturm im Jahre 1613 schon vorgelegen

ist: da wird er von Ben Jonson polemisch erwähnt. Daß Shakespeare

wahrscheinlich eine Stelle in Montaignes Essays benutzt hat,

deren englische Übersetzung 1603 erschienen ist, sagt uns für die

Abfassungszeit so gut wie nichts; und daß er den Bericht Silvester

Jourdans über eine Entdeckung der Bermudas, sonst die Teufelsinseln

genannt, vorher gekannt habe und nicht vor 1610, wo er im Druck

erschien, gekannt haben könne, ist eben auch nur wahrscheinlich. Und

gewisse Dokumente, die Nachrichten über Aufführungen bei Hof 1611 und

-- zur Hochzeit des Winterkönigs -- 1613 bringen, stehn im Verdacht der

Fälschung.

Wir wissen gar nichts davon, wo Shakespeare den Stoff her hat. Aber

es besteht eine Ähnlichkeit, die nicht zufällig sein kann, zwischen

Handlungsteilen des Sturm und der „Komödia von der schönen Sidea“ des

im Jahre 1605 schon gestorbenen deutschen Dramatikers Jakob Ayrer. Was

uns von der Handlung dieser Komödie angeht, ist folgendes: Der Fürst

in Littau, Sideas Vater, ist vom Fürsten in der Wiltau seines Reichs

beraubt und in die Wildnis getrieben worden. Mit einem Zauberstab bannt

er den Teufel Runcifall, der ihm prophezeit, er werde dadurch wieder

zur Macht gelangen, daß er den Sohn seines Feindes gefangennehme.

Dies geschieht denn auch mit Hilfe des Zauberstabs; der gefangene

Sohn des Feindes wird streng gehalten, muß Klötze schleppen und Holz

hacken; Sidea ist seine Wärterin, die bald Mitleid mit ihm empfindet

und sich von ihm entführen läßt. Nach allerlei Abenteuern, die mit

Shakespeares Stück keine Berührung haben, werden sie vermählt; es

kommt zur Versöhnung und zur Wiedereinsetzung von Sideas Vater in sein

Reich. Das Stück enthält sonst noch eine Menge meist komische Dinge,

die nichts mit dem Sturm zu tun haben. Daß Shakespeare nun dieses

Stück gekannt und daraus den Stoff zu seinem Gedicht bezogen habe,

ist sehr unwahrscheinlich; der Weg eines Dramas, und gar eines noch

ungedruckten -- erst 1618 erschienen Ayrers Theaterstücke im Druck

-- von Deutschland nach England war bedeutend weiter als von England

nach Deutschland. Überdies gibt es eine Novelle in einer Sammlung des

Spaniers Antonio de Eslava, die ähnliche wunderbare und zauberhafte

Vorfälle an den Streit eines Königs von Bulgarien und eines Kaisers von

Konstantinopel anknüpft; diese Erzählung wurde 1609 oder 1610 gedruckt,

und insofern spräche nichts dagegen, daß Shakespeare, Ayrer und dieser

Spanier aus einer gemeinsamen Quelle, einer uns unbekannten Novelle

geschöpft haben. Den Schauplatz und den Namen der Fürstenhäuser bei

einer solchen Benutzung einer Vorlage jedesmal zu verändern, war in der

Zeit bei Dichtern und Handwerkern allgemein üblich.

Nun spricht mir aber einiges dafür, daß der Zusammenhang noch

komplizierter ist. Ich möchte mich einer Vermutung anschließen, die

Tieck geäußert hat: daß der Nürnberger Ratsschreiber Jakob Ayrer

von einem aus England stammenden Stück angeregt wurde, das er von

den sogenannten englischen Komödianten in deutscher Sprache gehört

haben kann. Der Teufel, der bei Ayrer in den Dienst des Zauberfürsten

gezwungen wird, heißt Runcifall, und dieser Name weist auf englische

Herkunft hin: Runcival, von Ronceval aus der Rolandsage stammend,

heißt im Englischen Riese; und Ayrers Teufel hat nichts Geistiges oder

Ätherisches an sich wie Ariel, sondern ist ein ungeschlachter Kerl mit

Riesenkräften.

Sind wir aber von Ayrers Stück her erst auf die Vermutung geführt

worden, daß es vor unserm Sturm ein englisches Stück gab, das die

nämliche Hauptfabel behandelte, so können wir der Annahme nicht wohl

ausweichen, daß nicht bloß der Deutsche Ayrer, sondern vor allem der

englische Schauspieler und Theaterdichter Shakespeare mit diesem

früheren Zauberstück etwas zu tun hatte. Wir reden da freilich nur

von Möglichkeiten, und mit jeder weiteren Vermutung, die wir auf

eine Vermutung bauen, wird unser Weg luftiger. Nachdem ich das

aber gesagt habe, darf ich den Mut haben, noch weiter zu muten:

für ganz ausgeschlossen kann ich’s nicht halten, daß das Stück,

dessen Bearbeitung Ayrer vielleicht kennen gelernt hat, ein verloren

gegangenes Stück des jungen Shakespeare war, daß also unser Sturm die

reife Bearbeitung eines Jugendwerks wäre. Was mich dazu bringt, mit

dieser Möglichkeit zu spielen, ist einmal das Stück, das Meres 1598 in

seiner „Palladis Tamia“ neben zwölf andern, darunter der Verlorenen

Liebesmüh’ als eine von Shakespeares Komödien rühmt: ~Love’s labour’s

won~, Gewonnene Liebesmüh’. Dieser Titel würde für eine jugendliche

Behandlung des Zaubermärchens ausgezeichnet passen; und die Versuche

der meisten Ausleger, ihn einem der vorhandenen Lustspiele Shakespeares

zuzuschreiben, das der Dichter später anders benannt hätte, wollen mir

nicht recht einleuchten; Titel wie Wie es euch gefällt oder Ende gut,

alles gut oder Viel Lärm um nichts deuten darauf hin, daß Shakespeare

sich für Stücke dieser Art gern mit einem Namen begnügte, auch wenn

er nicht viel besagte; wenn zum Beispiel, wie meist angenommen wird,

Ende gut, alles gut früher Gewonnene Liebesmüh’ geheißen hätte,

würde ich nicht recht einsehen, was Shakespeare dazu gebracht haben

könnte, diesen ausgezeichneten Titel, unter dem sein Stück schon so

früh Berühmtheit gefunden hätte, wieder aufzugeben. Dagegen wäre mit

meiner Annahme durchaus erklärt, warum das schon 1598 berühmte Stück

Gewonnene Liebesmüh’ von dem Herausgeber der Gesamtausgabe nicht

aufgenommen wurde: weil es nur eine unvollkommene erste Fassung eines

so vollendeten Stückes wie Der Sturm wäre. Überdies aber finde ich

in unserm Sturm eine Stelle, über die ich nur mit Hilfe der Annahme

hinwegkomme, daß sie ein Rest aus einer früheren Fassung ist.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß in der Vorlage, nach der Ayrer

arbeitete, die beiden Fürsten, deren einer den andern entthronte, keine

Brüder waren; der biedere Mann hätte gewiß eine solche Steigerung

des Konfliktes, wenn er sie vorgefunden hätte, nicht getilgt; sowohl

bei ihm wie bei dem spanischen Erzähler handelt es sich um einfache,

nicht durch Verwandtschaft und besondere Ruchlosigkeit komplizierte

Feindschaft. Die Stelle, die ich meine, deutet mir nun darauf hin,

daß erst der reife Shakespeare diese Änderung der äußern Handlung

vorgenommen hat und sich so die Gelegenheit verschafft hat, nochmals

auf das Rachethema seines Hamlet zurückzukommen, und daß in seinem

eigenen Stück die Feinde anfangs keine Brüder waren. Jetzt ist es so,

daß an der ruchlosen Entthronung und Aussetzung Prosperos, des Herzogs

von Mailand, zwei Fürsten beteiligt sind: sein Bruder Antonio und

Alonso, der König von Neapel. Dieser Alonso hat einen Sohn Ferdinand,

und dieser bringt mit seiner von Prospero geförderten Liebe zu

Miranda die Feindschaft zur Aufhebung und Versöhnung und brüderliche

Menschenliebe zum Sieg. Sowie Shakespeare die Feinde zu Brüdern machte,

konnte der Jüngling, der beim ersten Blick in Liebe zu Miranda fiel,

nicht mehr der Sohn des Usurpators von Mailand sein, weil er sonst der

blutsverwandte Vetter seiner Geliebten gewesen wäre, und das ging nicht

an; der Sohn des Feindes wiederum mußte er aber sein, und so mußte ein

zweiter Feind in Gestalt des Königs von Neapel erfunden werden, unter

dessen Lehnsoberhoheit der Usurpator Mailand verräterisch gebracht

hatte. Diese Entwicklung der Fabel folgere ich aus der Tatsache,

daß nur bei Shakespeare von Bruderfeinden die Rede ist, und aus der

einzigen Stelle, die ich jetzt zu nennen habe. Wie Ferdinand zum

ersten Mal vor Prospero erscheint, erwähnt er in dem Bericht von dem

Schiffbruch, den er erstattet, einen Sohn des Herzogs von Mailand, der

auch mit untergegangen wäre:

Der Herzog Mailands und sein guter Sohn

Auch unter dieser Zahl, --

worauf Prospero, der nur sich als echten Herzog von Mailand anerkennt,

beiseite bemerkt:

Der Herzog Mailands

Und seine beßre Tochter könnten leicht

Dich widerlegen -- --

Wir wissen aber, daß in Wahrheit niemand untergegangen ist; feierlich

versichert Prospero seinem Kind von vornherein,

Daß keine Seele, nein, kein Haar gekrümmt

Ist irgend einer Kreatur im Schiff --.

Wo ist aber dann dieser Sohn des Usurpators von Mailand, dieser Neffe

Prosperos hingekommen? Nur dies einzige Mal wird er erwähnt; wir

finden ihn nicht bei den Gestrandeten, er existiert gar nicht, die

Stelle ist nur aus Versehen stehen geblieben. Sie zeigt mir aber, daß

Shakespeares Fabel zuerst so aussah wie die Ayrers: zwei Feinde, nicht

verwandt, der eine hat einen Sohn, der andre eine Tochter, die zwei

werden mit Hilfe mächtigen Zaubers ein Liebespaar. Als dann die Feinde

Brüder wurden, mußte ein neuer Sohn und zu ihm, da er durchaus der Sohn

eines Feindes sein mußte, ein neuer Feind als Vater erfunden werden;

der ursprüngliche Sohn blieb zuerst auch noch im Stück; späterhin

aber -- vielleicht, als aus wichtigem inneren Grund noch ein neuer

Bruder, der Bruder des Königs von Neapel, Sebastian eingeführt wurde

-- konnte Shakespeare mit dem ersten Sohn nichts mehr anfangen, und so

existiert er nur noch in dieser einen Erwähnung, die merkwürdigerweise

aus dem Munde des andern Sohnes kommt, der ihn verdrängt hat. Ist

aber diese meine Erklärung der rätselhaften Stelle richtig, wie mich

wahrscheinlich dünkt, weil sie die Veränderung, die Shakespeare mit der

überlieferten Fabel vornahm, auf Gründe innerer Handlung zurückführt,

so muß man annehmen, daß Shakespeares Stück auf einer früheren Stufe

eine Handlung hatte, die der von Ayrer behandelten einfacheren Fabel

entsprach, und so findet die Annahme, Ayrers Vorlage könnte ein Stück

des jüngeren Shakespeare gewesen sein, eine Stütze.

Ich wiederhole: von alledem wissen wir nichts. Es kann so sein, und

es ist sogar einer der ausphantasierten Zusammenhänge, in die ich ein

wenig verliebt bin; aber würden irgendwelche bestimmte Daten entdeckt,

so wäre die plausible Phantasie vielleicht widerlegt. Denkt man aber

daran, wie allgemein üblich es in der Shakespearephilologie ist, auf

eine nicht ganz sichere Vermutung oder nicht ganz eindeutige Tatsache

ganze Häuser zu bauen, so möge man meine mit geziemender Vorsicht

vorgebrachte Hypothese, wenn man nicht an sie glaubt, wenigstens zur

Erschütterung anderer Hypothesen benutzen, die nicht besser begründet

sind.

Daß der Geist dieses Stückes nur von Shakespeare, und nur vom

reifen Shakespeare stammt, ist sicher, und so gut wie sicher, daß

viele Einzelzüge der äußern Handlung, die zur Motivierung und zur

Gegenüberstellung der drei Reiche dienen, wie die Gestalten Calibans

und Ariels, die Repräsentanten der niedern Sphäre Trinkulo und

Stefano, der Rat Gonzalo, der neue Brudermordversuch, von ihm gedichtet

sind.

Immer hat man in dieser Komödie etwas besonders Weihevolles und

eine tiefere Bedeutung gefunden; hat man schon Hamlet mit Goethes

Faust verglichen, so hat man, wozu sehr viel Grund besteht, den

Sturm wiederum mit Hamlet und auch mit Faust in Parallele gesetzt;

Strindberg, dem der Sturm mit seinem Geist der Vergebung und Versöhnung

in seiner letzten Zeit besonders nah gehen mußte, hat sogar daran

erinnert, daß der Name Prospero eine ähnliche Bedeutung hat wie

Faustus: der Begünstigte, der Götterliebling, der Gedeihliche.

Immer hat man bei diesem Geistesfürsten auch an eine besondere

Beziehung zu Shakespeare dem Dichter und zu seinem Abschied von der

Produktion gedacht; und auch dazu besteht Grund genug. In der Tat darf

man sich bei dem Drama von Prospero, dem Fürsten der Geister, der sein

letztes und höchstes Werk, das Werk der Versöhnung anstatt der Rache

tut, an Shakespeare und die Werke seiner letzten Periode gemahnen

lassen, an die alles verzeihende Milde am Schluß des Zymbelin, an das

Wintermärchen, an die Gestalt Katharinas in Heinrich VIII.; an

Shakespeare bei dem Geisterkönig, der nun den Zauberstab in die Erde

versenken und sich zur letzten Ruhe bereiten will. Und man darf noch

weitergehn, man darf im allgemeinen bei dem Stück im Sinne haben, daß

dieser Dichter in seinem Denken, Wollen, Phantasieren, im Gefühl seines

Könnens und seiner Berufung immer mit den Dingen des Regiments, der

Ordnung, der Gesellschaft, des Staats zu tun hatte und daß ihm doch

so gut wie jede tatsächliche Einwirkung, jede Stellung gebieterischer

Art genommen war. Dichten ist immer Resignation, das Phantasieland

immer ein Exil, Form immer Beschränkung, Metrum der Verse und Maß

der Gesinnung beim genialen Menschen immer nur der Maßlosigkeit

abgerungen, und Shakespeare, wie jeder überragend große Mann des

Geistes, fühlte sich von seinen Zeitgenossen, von den Gewalthabern

der Öffentlichkeit in die Einsamkeit verbannt und wie auf eine Insel

gestoßen. Von dieser seiner von Wildheit umbrandeten Insel des Geistes

aus hat er dann, wie mit Zaubermitteln, die aus der Entfernung wirken,

alle Elemente der Natur und alle Geistermacht in Bewegung gesetzt und

dann doch noch, tief in die Seelen hinein gewirkt; ohne irgend welche

physische, tödliche Macht, nur durch die Gewalt des Worts, durch

eine geistige Magie ohnegleichen hat er gezwickt, geplagt, geneckt,

bloßgestellt, entlarvt, vergolten und gestraft: und nun, ganz reif,

ruhig, friedfertig, müde geworden hat er nur noch Werke der Liebe,

der Versöhnung, des zauberischen Spiels getan, um schließlich den

Zauberstab niederzulegen, sich von allem zurückzuziehen und zum Sterben

zu gehen.

All das darf und soll uns das Stück in seinen Höhepunkten immer wieder

umschweben, darf die seltsamen Vorgänge mit Weiterem, Tieferem, dessen

Zeichen und Ausdruck sie sind, in Verbindung bringen; doch mehr auch

nicht. Abgesehen von einer kleinen festlich-lyrisch-mythologischen

Einlage, in der sich Shakespeare dem Zeitgeschmack anbequemt, ist

er auch in diesem mit Bedeutung geladenen Drama keineswegs ein

Allegoriker; die Vorgänge enthalten die Bedeutung in sich; sie weisen

nicht auf Bedeutungen hin, die irgendwo draußen wären. Keineswegs

dürfen wir meinen, es seien Rätsel oder Chiffern zu raten, und Ariel,

Miranda, der Liebesbund, Caliban usw. bedeuteten das und das. Diese

Gestalten und Vorgänge bedeuten sich selbst; die gesamte Handlung,

die äußere wie die innere, erleben wir in aller Märchenhaftigkeit als

Wirklichkeit und gewahren so mit allen Sinnen, im Gemüt und im Denken

ein sinnvolles Spiel von der Überwindung und Rache für Gewalttat nicht

durch Blut und Mord, sondern durch Geistesmacht, der die Natur mit all

ihrem Bösen und Guten dienstbar ist.

Und so viel wir uns durch eine allegorische Deutung nehmen,

beeinträchtigen, fälschen würden, so verkehrt wäre auch der Versuch

einer rationalistischen Erklärung. Zu solcher natürlichen Erklärung der

Wunder dieses Schauspiels gäbe sich mancherlei her: verhärtete Leute,

die schlimme Dinge auf dem Gewissen haben, sind, könnte man sagen,

an einer Fieberinsel gestrandet; in der Krankheit kommen allerlei

Wahnvorstellungen und Besessenheiten über sie, die alten Sünden

erwachen und nehmen die Form von Halluzinationen an. Auch hier ist es

so, daß wir all dessen gedenken, daß uns solche Begleitvorstellungen

auftauchen dürfen; die Welt der Seele ist in allen Formen und

Verkleidungen, seien sie Musik oder Begriffssprache oder Märchen oder

Krankengeschichten, dieselbe; aber Shakespeares Ganzes und Echtes haben

wir nur, wenn wir ins Land seiner Dichtung gehen und diese Zauberwelt

drei Stunden lang als Wirklichkeit nehmen.

Auch darnach brauchen wir, hier so wenig wie anderswo bei Shakespeare,

viel zu fragen, wie weit er an solche Geister und Dämonen geglaubt

hat. Daß er in Glaubensvorstellungen irgendwelcher bestimmten

Einkleidung nicht befangen, daß er nicht ihr Sklave war, daß sein die

Religion als Kunst war, die unsre Romantiker als Ironie begründen

wollten, geht daraus hervor, daß Vorstellungen abergläubischer Art

sich ihm niemals da einschlichen, wo sie nicht hingehörten. So war es

für seine Ausdrucksgewalt, für den Reichtum seiner Motive, für die

Selbstverständlichkeit, mit der er sich in den Mythologien der Antike,

der Christenheit, der Naturvölker und niederen Stände bewegte, ein

bedeutender Vorteil, daß solche Vorstellungen zu seiner Zeit im Volk

wie in der gelehrten Literatur völlig lebendig waren; der Zeitgeist

im allgemeinen glaubte an Hexen, Teufel, Geister, Elfen, magische

Bücher und Beschwörungsformeln und an die ausnahmsweise Möglichkeit

des Verkehrs zwischen Menschen und dämonischen Mächten. Ich habe

schon früher gezeigt, wie dieser Glaube mit der Naturwissenschaft,

mit dem Versuch, das neue Wissen zu einem ungeheuern Können zu

steigern, die Religion durch die Wissenschaft zu erneuern und zur

übergewaltigen Macht des Geistes zu erheben, in engster Beziehung

stand; es darf hinzugefügt werden, daß unsre strenge, kahle, logische

Scheidung zwischen einer berichteten Tatsache, an die man glaubt, und

der tieferen Bedeutung, dem Sinn, den ein solcher Bericht, etwa ein

heiliges Dogma ausdrückt und der diese geglaubten Tatsachen von den

Gefühlen unendlichen Hinüberlangens, Ausgreifens und Aufschwebens

begleiten läßt, so daß ein Jauchzen und eine Gewißheit, die selige

Schau der Wahrheit in uns ist, -- daß diese Scheidung und dieses

Unvermögen zum Mythos dem Zeitalter des Glaubens, dem die Renaissance

gerade noch angehört, so fremd waren, wie uns in Wahrheit dieser echte

Glaube fremd geworden ist: wir kennen nicht mehr die Erschütterung

und Durchdrungenheit durch das Epische, durch die Erzählung von

Geschehnissen, in der sich der Sinn und die Hinweisung auf ewige, über

die Sinnenwelt hinausführende Bedeutung birgt. Shakespeare steht dieser

Welt des Mythus, des Dogmas, des Kultus als ein Bewältiger gegenüber,

der gerade noch fähig ist, sich überwältigen zu lassen; als ein Heller,

der, wie im Licht, so noch in der Flamme steht; als ein Freier, der

die Ehrfurcht noch nicht verlernt hat; als ein Weiser schließlich,

der noch ein Kind sein kann. Er steht der Zeit noch nahe, in der in

Deutschland jener Georgius Sabellicus durchs Land zog, der sich den

jüngeren Faustus nannte; und sein Zeitgenosse war Giordano Bruno, --

mit dem er in jungen Jahren sogar persönlich verkehrt haben könnte.

Wie in der Luther- und Faust- und Hamletstadt Wittenberg, so auch in

London hat der italienische Genius des Lichts und der Flamme längere

Zeit gelebt; der junge Shakespeare war damals schon in London, und es

spricht gar nichts dagegen, daß Bruno, der dem Philipp Sidney ein Buch

gewidmet hat, den jungen Dichtersmann persönlich kennen gelernt haben

könnte. In ihm wäre Shakespeare dem genialsten Vertreter des Typus, der

zugleich Ketzer und Magier, Gläubiger und Naturforscher, Philosoph und

Mystiker war und dem das Element des Geistes mit Spiel und Neckerei

und satirischer Plage der Bösen und Dummen in engster Beziehung stand,

nahe getreten; dem Vertreter des Typus, der mit Faust und Prospero zur

dichterischen Mythusgestalt erhoben worden ist.

Eines aber bringt Shakespeares Sturm und die Stellung seines Prospero

in Gegensatz wie zu der Rolle der Geister und Elementardämonen in

Macbeth und Sommernachtstraum so zur Faustsage noch in ihrer letzten,

höchsten Gestalt bei Goethe.

Im Macbeth und im Sommernachtstraum kommt es zu keinem Bunde der

Geisterwelt mit den Menschen, zu keiner Dienstbarkeit: was innen in

den Menschen schon dämonisch, lockend, verführerisch, irreführend da

ist, scheint draußen in der Natur noch einmal, parallel, wie eine

Spiegelung, zu leben; das Reich der Geister ist dem Seelenleben des

Menschen wie eine Verstärkung oder wie das Quellgebiet, aus dem all

seine wilden Triebe zu fließen scheinen. Im Sommernachtstraum halten

sich die Geister in kühler Ferne; sie greifen wohl ein, necken, hetzen,

plagen oder begünstigen; aber der Mensch hat keinen Einfluß auf sie

und keine unmittelbare Kenntnis von ihnen; sie sind, was bei ihrem

schwebenden, flitzenden Wesen ganz gut zusammengeht, so scheu, wie

sie zudringlich sind. Daß Macbeth hinwiederum sich mit ihnen einläßt,

ist ein Sinken, hinab in das höllische Reich, das auch drunten in ihm

wohnt. Die Hexen und ihre Meisterin führen ihr Werk durch; der Mensch,

der ihnen verfallen ist, erfährt nicht mehr von ihnen, als sie wollen;

er hat keine Macht über sie.

Faust und Prospero haben Macht über die Geister; die sind ihre

Diener. Faust aber ist nur dadurch Herr über dämonische Gewalten

und ihre einzelnen Leistungen, die sie ihm für bestimmte Frist

gewähren, daß er der Teufelsmacht von einem bestimmten Punkt ab ein

für allemal verfallen ist; er darf ihr eine Weile gebieten, weil er

ihr ewig untertan sein soll. So wäre es für Fausts Bewußtsein selbst

noch bei Goethe, wenn man es so genau nähme, wie man es für diese

Gesamtdichtung freilich nicht darf; man muß sie läßlich nehmen, wenn

man nicht Unbestimmtheiten und Schwankungen finden will statt der

Einheit, die Goethe meinte, als er sich entschloß, ein Werk doch noch

zu vollenden, dessen erster Teil ihm fremd geworden war; daß der

Böse, der dem Menschen dient, damit wieder Gottes Plänen mit dieser

Menschen-Entelechie hilft und sie zur Gnade und in ihre Steigerung

hinein reizt, geht in Fausts eigenes Gefühl von seinem Verhältnis zu

Mephisto nicht eigentlich ein.

Prospero allein hat seine volle Menschenfreiheit bewahrt und durch

seinen Zwang über die Geister gesteigert; er hat sich zu nichts

verpflichtet, ist in nichts untertan oder angetastet; es ist keine

Rede von Höllendienst oder schwarzer Magie; was uns alle in Lüften

umspielt und doch in seiner ungebundenen Freiheit, von uns unbehelligt

und ungewahrt bleibt, hat er erkannt und eingefangen, so wie der Müller

den Wassergeist fängt und seine Mühle treiben läßt oder wie wir sonst

Naturkräfte zähmen; ihm, dem Mann des überlegenen Denkens, dient die

Natur mit ihren schöpferischen, ihren bösen und guten Kräften nach

seiner Bestimmung, so wie wir den Blitz eingefangen haben und zu

stillem Leuchten und rastloser Arbeit bringen; er lenkt die Geister,

wohin er will; er zwingt sie, beherrscht sie, ist Fürst über sie. Er

hat gelernt, sich der Mittel zu bedienen, diese Kräfte zu rufen; er

tut es, solange und wie er will, als einer, der es darf, weil er dazu

berufen ist; und er läßt es dann wieder, ganz freiwillig; niemandem

verantwortlich als sich allein. Freilich ist er in dieser gesteigerten

Sphäre genau so irgendwie beschränkt, wie der Mensch immer; bis zu

einer bestimmten Grenze reicht seine Macht, nicht weiter; bestimmte

Geister dienen ihm, andre existieren nicht für ihn, er kann sie nicht

rufen. Und er muß die Dämonen in ihrer eigenen Sphäre und Begrenzung

lassen und sich ihrer Natur anpassen, wenn er sie nutzen will; muß

leicht und wie fliegend und lieblich schmeichlerisch kosend mit Ariel

umgehen und hat ein tragisches Erlebnis mit Caliban, weil er sich

unterfängt, ihn erziehen und heben zu wollen; aber die Strafe, die

ihn darnach trifft, ist eben die natürliche Folge dessen, was er tut:

Enttäuschung und Rückschlag; in dieser Übernatur geht alles natürlich

zu, und dieser Übermensch steigt oder fällt nie aus dem Menschlichen.

Er muß geduldig sich in die Bedingungen seiner Existenz fügen, muß

auch die Gelegenheit zu seiner Vergeltung in Ruhe abwarten: er ist ein

erhöhter Mensch, aber in keinem Punkte ein Unbedingter.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 21 / 30 段