Die zwei Teile des Märchens werden von der Zeit, die dazwischen als

Chorus auftritt, getrennt; der erste Teil besteht aus drei Akten,

die aber zusammen kürzer sind als die beiden letzten, und die ersten

zwei sind besonders kurz; durch ein überhitztes Fiebertempo müssen

sie noch zu besonders raschem Verlauf gebracht werden, während

die beiden letzten mit den Schäfer-, Spitzbuben-, Liebes- und

Erwartungssehnsuchtsszenen breit, behaglich und dann wieder schmachtend

ausladen müssen. Dieser zweite Teil mutet an wie eine Verbindung von

niederländischer Malerei und Romantik; wie wenn auf einer Kirmeß von

Teniers eine sehnsuchtsvolle Musik, die nicht enden will, gespielt

würde.

So falsch es ist, in Othello den Vertreter der Eifersucht zu sehen,

so wahr ist, daß König Leontes an typischer Eifersucht, an Eifersucht

als Gewohnheit und Wesenszug erkrankt ist. Wie er im Grunde ist, wenn

diese Wahnsinnswut ihn nicht umklammert, sehen wir ihn erst spät;

beim ersten Auftreten, beim ersten Wort ist verzehrende Eifersucht

in ihm. Der Grund ist einmal, was wir vorhin bei Zymbelin sahen, die

allgemeine Mißachtung der Frau, die gesellschaftliche Bereitschaft,

ihr nicht zu trauen. Der Kampf der Geschlechter wird nicht aufhören,

solange die Welt steht; kennt kein Mensch mit ganzer Sicherheit den

andern Menschen, so noch weniger je ein Mann eine Frau und die Frau

den Mann; die Ehe also ist ein Bund besonderer Vertrautheit auf dem

Grunde besonderer Fremdheit. Kommt dazu das männisch-befehlshaberische

Regiment im Formalen des Hauses und Staates und die Lockerung der

Zügel im tatsächlichen Leben der Zivilisation, so daß Frauenanmut und

Frauenwitz öffentlich hervortreten, so bilden sich die Zustände in

der Gesellschaft aus, die diesen Stücken die Voraussetzung liefern.

Überdies aber kennt der König etwas nicht, was in solcher Zivilisation

der Renaissance sich frei an die Öffentlichkeit traut und was Hermione

in wundervoller Unbefangenheit kennt und übt: Freundschaft zwischen

Mann und Frau. Sie gesteht, unvorsichtig genug, frei und groß, daß

sie den Jugendfreund ihres Mannes, den König Polirenes von Böhmen,

liebe, wie es ihr Recht und ihre Pflicht sei. Ausdrücklich läßt

Shakespeare sie diese Freundschaft Liebe, ~love~ nennen, obwohl nicht

die leiseste Spur Begier oder Sexualität darin ist; Shakespeare weiß

aus ernstem und tiefem Freundschaftsleben, aus seiner ganzen starken

innigen Menschlichkeit, daß der Eros, aber darum noch lange nicht die

Geschlechtlichkeit, überall ist, wo Menschen sich in Sympathie zu

einander neigen und finden.

Ich liebt’ ihn, wie sein Wert es forderte,

Mit solcher Art von Lieb’, als einer Frau

Wie mir geziemte.

Auch Desdemona, wiewohl sie noch ganz ein Mädchen und von Natur und

Liebe aus viel mehr zur Unterwürfigkeit geneigt ist als die reife,

selbstbewußte Hermione, die ihren Gatten nicht mehr ehrt als sich

selbst, hatte ihren Trotz und ihre Unschuld darein gesetzt, Cassio

freundschaftlich zugetan zu sein und es ihrem Mann und aller Welt zu

zeigen; Hermione geht weiter und macht geradezu zur Bedingung ihrer

Ehe und ihres Lebens, daß sie in der Freiheit und freien Äußerung

ihres Gefühls nicht beschränkt werde. Er aber, der eifersüchtige

Narr, beobachtet unter Qualen jedes Lächeln und gar den Händedruck,

das Streicheln und dann den Erfolg ihrer liebreichen Bitten, zu denen

er selbst sie veranlaßt hat, der Freund möge noch bleiben. Es ist

wahr, daß Hermione sehr weit, bis an die äußerste Grenze geht und die

Mißdeutung nicht scheut; es ist wahr, daß ihr Verhalten eine Probe und

eine Prüfung für den Gemahl ist.

Daß ihre Reinheit ihr dazu aber das Recht gibt, das sehen wir daran,

daß der König -- wie ganz anders als in dem Stück von Othello und

Jago! -- keinen einzigen Menschen findet, der seinen Wahnsinn teilt

oder begünstigt: alle ehren sie die wundervolle Frau; Camillo,

sein treuer Minister, tritt dem Herrn scharf entgegen und verrät

ihn schließlich lieber, als daß er im Dienst seiner Narrheit dem

unschuldigen König von Böhmen ans Leben geht. Nur Leontes -- vielleicht

im Gefühl, daß er sie nicht verdient -- hat kein Vertrauen mehr; es

bohrt und wühlt in ihm, bis die volle Wut ausbricht; nun war sie von

allem Anbeginn an niedrig und treulos: sein Sohn ist nicht von ihm, und

das im Gefängnis neugeborene Mädchen gewiß nicht: die Zeichen treffen

ein, neun Monate gerade ist der König von Böhmen in Sizilien zu Gast.

Wie er dann anfängt zu toben -- wir haben es kommen sehen, es hat sich

lange genug vorbereitet, hat sich so lange in ihm eingedrückt und ihn

wie eine Feder zusammengepreßt, daß er mit einem Mal losbrechen muß

--, wieder der Frau, der Hochschwangeren den schlimmsten Schimpf ins

Gesicht sagt, da ist es himmlisch, wie sie, aufs tiefste verletzt, fest

und mild erwidert. Kaum versteht sie, was er Fürchterliches meint, so

denkt sie schon an ihn:

Wie wird Euch dieses schmerzen,

Wenn Ihr zu hell’rer Einsicht kommt, daß Ihr

Mich also habt beschimpft! -- Liebster Gemahl,

Ihr könnt mir kaum genug tun, sagt Ihr dann,

Daß Ihr Euch irrtet.

Sehr zu beachten ist aber, daß sie, die beschimpft und tödlich

beleidigt ist, die das Vertrauen ihres Gemahls verloren hat, die ins

Gefängnis abgeführt wird und gerichtet werden soll, nicht da getroffen

wird, wo Seele und Körper an einander grenzen: sie ist nicht gebrochen

oder außer sich; es kommen ihr, und sie weist selbst darauf hin, keine

Tränen; so himmlisch mild ist sie nicht von der Sphäre des Naturtriebs

und des Körpergefühls her; in ihr lebt der göttliche Funke des Geistes;

ihre Milde kommt daher, daß sie das Wesen des gepeinigten Mannes mit

einem weiten Blick übersieht; der Überblick über den Zusammenhang

macht es ihr möglich, den schweren Fehler dessen, über den dieser

Zusammenhang bis zur Verblendung und Betäubung zusammenschlägt,

übersehen, nachsehen zu können; nur für solche geistige Naturen ist im

Verstehen das Verzeihen inbegriffen.

Zum Verzeihen ist sie im voraus geneigt für den Zeitpunkt, wo er wieder

zu sich, wo er zur Erkenntnis kommt; mit dem, der er jetzt ist, zu

leben ist ihrer Würde unmöglich. Bis dahin übernimmt die Führung ihre

kluge, resolute Freundin Paulina, die Verstand, Mutterwitz in hohem

Maße, aber nicht diesen schon fast nicht mehr menschlichen Geist der

verzeihenden Milde besitzt. Sie läuft vor allen Dingen zum König; ihm

muß die Meinung gesagt, muß der Kopf zurechtgesetzt werden. Solch ein

Narr! Solch ein Wüterich! In all ihrer Herzhaftigkeit hat sie etwas

entschieden Humoristisches, den Durchschnittsmenschen gegenüber lustig

Überlegenes an sich. Diese Höflinge! Was für Mannesseelen! Wie sie

sich den Mund selber verbinden, wie sie brav schlucken können, diese

armen Schlucker! Muß erst eine Frau kommen und tapfer die Wahrheit

heraussagen? Wir finden Antigonus, ihren Mann, und die andern Herren

vom Hof verhältnismäßig tapfer, im Verhältnis nämlich zu dem wütenden

Tyrannen, zu dem die Eifersucht diesen König macht. Paulina aber, in

zärtlicher Bewunderung für die herrliche Frau und innigem Mitgefühl,

hat nur Sinn für das Verhältnis zur Reinheit und Hoheit Hermiones.

Wie es dann zu der abscheulichen Gerichtsfarce kommt, noch mehr, wie

das Kindlein ausgesetzt wird und ihr eigener schwacher Mann sich dazu

hergibt, dies Entsetzliche zu besorgen, wie die Königin in tiefer

Ohnmacht totengleich daliegt, da ist Paulina entschlossen: mit diesem

Mann, für diese Untat muß die Männerwelt bestraft werden, die eine

Hermione nicht verdient.

In ihr leben kann auch Hermione nicht mehr; für ihre Ehre ist sie

in großer Haltung, tapfer auf Freiheit und Menschenrecht bestehend

eingetreten, solange es not tat; nun die Ehre durch den Orakelspruch

des Gottes gerettet ist, muß sie tun, was ihre Seele schon immer

begehrte: sich zurückziehen aus dieser Welt. Ihr Sohn, der Erbe

ihres Geistes, dieses phantasievolle Kind, ist, weil er sich die

Kränkung seiner Mutter und den Riß, der seine Eltern trennte, zu

lebhaft vorstellte, gestorben; ihr neugeborenes Mädchen ist in der

Wildnis ausgesetzt worden; sie hat keine Wirklichkeit mehr, nur noch

die Hoffnung auf das Wunder, daß dieses Kind irgendwo lebt und ihr

wiederkehrt; das ist das einzige, was sie im Leben hält.

So der Abgeschiedenheit geweiht ist aber von nun an auch Leontes,

ihr Gemahl. Jetzt, wo er sich in einer nicht wütigen, in einer ganz

stillen Reue verzehrt, wo er die Frau für tot, an ihm gestorben halten

muß, erkennen wir ihn erst in seinem wahren Wesen. Aber wir ahnen das

beinahe nur; das tragische Schattenspiel verschwindet; die alte Welt

dämmert in ihrem Todleben dahin; wir leben mit der neuen Generation.

Der Übergang ist, wie es dem Sinnspiel taugt, märchenhaft: Antigonus,

der das Kind in einer Wüste aussetzen sollte, wird mit dem Schiff

an Böhmens Küste verschlagen, im Traum naht sich ihm die Gestalt

Hermiones, die er, da er wohl von Gespenstererscheinungen, aber nichts

davon weiß, daß der Geist einer Mutter aus ihrem Körper steigen und

in Angst und Sorge dem Kinde nachgehn kann, für tot halten muß; die

Frau, die, als ihr Gemahl sie bitter kränkte, ob diesem Einsturz des

gesellschaftlichen Gefüges, der Ehe nicht hat weinen können, vergießt

jetzt, wie sie um die Frucht ihres Leibes sich härmt, strömende Tränen;

sie fordert, daß Antigonus das Kind in Böhmen lasse, und gibt dieser

Tochter den Namen Perdita. Dann verschwindet die Erscheinung; bleibe

es ganz dahingestellt, ob Shakespeare hier ein Märchen gedichtet

oder mit vielen Denkenden unter unsern Zeitgenossen an eine solche

Fernkraft und Reisegabe der Seele geglaubt hat. Das Schiff, das das

Kind hergebracht hat, scheitert und geht unter; Antigonus wird von

einem Bären zerrissen; Perdita von einem Schäfer in Pflege genommen.

Nun räumt die Zeit die sechzehn Jahre weg: wenn der Vorhang sich wieder

öffnet, ist in der neuen Generation aus der edeln Freundschaftsliebe

zwischen Sizilien und Böhmen die echte innige Liebe zwischen Mann und

Weib geworden, wo Naturtrieb, Seeleninnigkeit und geistige Achtung in

einem beisammen sind: Perdita, die Schäferin, und Florizel, der Sohn

des Königs von Böhmen, haben sich in Liebe gefunden.

Nun entsteht aufs feinste und natürlichste, so daß es nicht eigentlich

in die Aufmerksamkeit unsres Verstandes, nur in unsre Ahnung und unsre

Lust eingeht, in allem, was in Böhmen geschieht, ein Gegenstück zu dem,

was vordem auf Sizilien vor sich ging.

Hier in Böhmen sind wir in der freien Natur, im ländlichen Leben, in

Spiel und Tanz; wieder, wie einst am Königshof, kommt die Wut und

stört die Liebe; die Wut des Königs von Böhmen ist es diesmal gegen

den Prinzen Florizel, seinen Sohn, der eine Schäferstochter liebt und

heimlich heiraten will; wie aber im ersten Teil Konvention, Pathos und

Tragik walten, so hier durchaus Freiheit, Heiterkeit und Komik. Wir

wissen von Anfang an, daß diesmal Natur und Adel vereint sind, daß

Perdita die vermeintliche Schäferstochter ihrem Geliebten ebenbürtig

ist; wir wissen, daß die Wut diesmal nicht zu tragischem Konflikt

führen kann.

Es ist diesen Stücken eigentümlich, daß Maske und Verkleidung gewählt

wird, um gewagten Ernst aussprechen zu lassen. Im Zymbelin wird das

gesunde Bauerntum den verderbten Höflingen gegenübergestellt, und

die Bauern sind es, die das Vaterland retten; schließlich aber waren

es doch nur verkleidete Bauern, waren es Ebenbürtige, war alles nur

warnendes Spiel. Hier im Wintermärchen wird jede Gelegenheit benutzt,

um von dem alten Schäfer und seinem Sohn in treuherzigem Ernst, von

dem lustigen Spitzbuben Autolykus in überlegenem Spott, von Perdita in

natürlichem Selbstgefühl am Hof und seiner Überhebung Kritik üben zu

lassen. Stolz und freimütig ist dieses Naturkind Perdita; kaum kann sie

sich enthalten, dem König ins Gesicht zu sagen,

Die selbe Sonn’, die seinen Hof bestrahlt,

Verberg’ ihr Antlitz unsrer Hütte nicht,

Nein, schau’ auf beide;

aber sie ist damit das echte Kind ihrer Mutter; es kommt nicht zum

wahren Gegensatz und zur wahren Ebenbürtigkeit der Bäuerin und des

Fürsten; darf in diesen Dramen nur in Maske und Spiel Rousseausche

Naturstimmung nicht zu Ereignis, bloß zu Wort kommen? Zu starkem,

innigem und leidenschaftlichem Wort freilich; auch die Handlung

läßt sich so an, als ob die Natur über die Standesunterschiede

hinwegschritte, bis dann die letzte Wendung kommt. Der Prinz ist

bereit, um seiner Liebe willen auf alle Vorrechte zu verzichten, es

genügt ihm, sein Liebesgefühl zu erben und weiter nichts; der Minister

Camillo ist gewillt, ihm zur Ehe mit dem Schäferkind zu verhelfen.

In der Tat ist für Shakespeare der Adel, der Geblüt heißt, und der

Vorrang, der diesem Geblüt zukommt, nicht bloß eine gesellschaftliche,

sondern eine Naturtatsache. Dieser Adel, diese natürliche Auszeichnung

vererbt und kumuliert sich, kann also nicht ohne weiteres für

nichts, für bloße Konvention erachtet werden. Die ganze Schärfe

von Shakespeares Kritik richtet sich gegen die Vertreter des Adels

und Fürstentums, die nicht erwerben wollen oder können, was sie

als Vätererbe besitzen; in den Waldszenen Zymbelins und verwandter

Stücke, in den Dorfszenen des Wintermärchens kritisiert er nicht den

Adel als Vererbung, sondern den Adel als Milieu, zeigt er, wie Leben

und Erziehung in Natur und ländlicher Einfachheit so unsäglich viel

gedeihlicher ist als in der Verderbtheit des Hofes. Manche seiner

Gestalten gehen weiter und sind zu der Anschauung bereit, daß diese

Verderbnis schon erblich, schon Verfall geworden ist, daß also der

angeborene Adel Ausgenommener, Vornehmer nicht mehr in der Natur

existiert; der Dichter selbst tut diesen Schritt noch nicht; vielleicht

mußte er auch nur von späteren Generationen getan werden, weil das

Leben des Adels, gegen das der Dichter seine Polemik richtete, in der

Folgezeit nicht besser, nur schlimmer wurde und den natürlichen Vorzug

der Privilegierten, der einmal Wirklichkeit war, allmählich in diesen

Jahrhunderten vernichtete.

Da der Geburtsadel in Shakespeares Zeit noch etwas anderes war als

in unserer, da die Rückwirkung des Lebens auf den Keim noch nicht

so verderbend gewirkt hatte, bot dieses Stück Natur ihm auch noch

Probleme, die wir nicht ganz mehr so lebendig erfassen wie seine

Zeit. Da ist vor allem das Problem der Auffrischung des Adels durch

Volksblut, das Problem der Bastards, das Shakespeare immer wieder

gereizt hat. Hier im Wintermärchen ist es wunderfeine Ironie, wie

der, der bald zum Wüterich gegen seinen Sohn werden soll, König

Polixenes, dem Landmädchen, das, ohne es zu wissen, eine Fürstin ist,

von dem er aber demnächst vermeinen muß, sie verführe seinen Sohn den

Prinzen zu einer unadligen Vermischung, Unterricht über den Wert der

Bastardierung erteilt. In Perdita wie in den Söhnen Zymbelins bricht

das fürstliche Blut immer durch; sie weiß nur nicht, was es ist, und

nimmt es für Natur schlechtweg. Ihr vermeintlicher Vater, der alte

Schäfer, schilt sie aus über ihre vornehmen Manieren; und wie sie sich

dann entschließt, bei dem Fest und der Bedienung der Gäste mitzuhelfen,

wählt sie die adlige Weise: sie begrüßt die Gäste mit Blumen. Da kommt

nun die Rede auf eine Blume, die sie in ihrem Garten nicht duldet: der

gestreifte Sommerveiel, den manche, sagt sie, auch den Bastard der

Natur nennen:

Ich hörte,

Nicht bloß die große schaffende Natur,

Auch Kunst hab’ Teil an ihrer Buntheit.

Da belehrt er sie:

Immer bleibt

Die Kunst, von der Ihr sagt, sie woll’ Natur

Verbessern, von Natur geschaffne Kunst.

Ihr seht, holdselig Mädchen, wir vermählen

Ein mild’res Pfropfreis mit dem wilden Stamm,

Befruchten eine Rinde schlechter Art

Durch edle Knospen. Dies ist eine Kunst,

Die die Natur verbessert, nein, verändert;

Doch diese Kunst ist selbst Natur.

Solche Blumen, solche Züchtungen, ermahnt er, solle sie nicht Bastarde

nennen. Vielleicht müssen wir uns selbst mit unserer Phantasie einer

vergangenen Zeit aufpfropfen, um den ganzen holden Liebreiz dieser

Szene zu empfinden, wo derselbe Mann die Bastardierung rühmt, der dann,

wo’s ihm und seinem Geschlecht ans Blut geht, wütend aufbegehrt, und wo

wir doch als Eingeweihte im voraus wissen, daß die, die er mit Auge und

Herz erst so hold und dann mit Konvention und Verstand so verächtlich

findet, in jedem Betracht eine adlige Natur ist: dem Geblüt nach adlig

und nicht vom verderbten Adelsleben, sondern von der Natur erzogen.

Vielleicht aber wird es uns auf unserm Weg zur Zukunft hin gut tun,

wenn wir uns lebendig auf diesen Standpunkt Shakespeares versetzen?

Vielleicht ist unsre Zeit, die nichts von Züchtung und Erlesenheit

weiß, nur ein Übergang und eine Zwischenstufe?

Will die Aufführung mit der Wiedergabe dieses zweiten Teils dem

Sinn der Dichtung gerecht werden, so ist es nicht genug, in diesem

vierten Akt, in den Szenen der weltunerfahrenen Bauern, des gerissenen

Spitzbuben, des holden Liebespaars Anmut, Derbheit und Lustigkeit

zu vereinigen und darüber dann die Wolke der Königswut streichen zu

lassen. Es muß vielmehr, wie es fortwährend in Worten geschieht,

so auch in der Stimmung dieser Szenen der Gegensatz zwischen der

natürlichen Freiheit, die hier waltet, zu der gepreßten Hofluft des

ersten Teils enthalten sein. Wir müssen nachträglich spüren, daß

zwischen der konventionellen Hahnrei- und Despotenwut des Königs

Leontes und den konventionellen Lastern des Hofes ein Zusammenhang

besteht. Wir müssen begreifen, warum es Prinz Florizel auch am

Hof seines Vaters nicht aushält und zu den Schäfern gegangen ist,

warum Autolykus, der einst eine gute Stellung am Hofe und seine

wohlgekleidete und -genährte Sicherheit hatte, lieber durchs Land

streicht und sich mit Gaunereien durchhilft, als seine Freiheit und

Heiterkeit wieder einzubüßen. Die Teile dürfen nicht von einander

getrennt sein; der Dichter hat zwischen allen einen Zusammenhang

hergestellt; es hat seinen guten Grund, warum Autolykus der freie

Vagabund den Prinzen, der dem Hof entflieht und den Menschenadel in der

reinen Natur sucht, lieb hat und seine Schelmenstreiche nur für ihn,

nicht gegen ihn anlegt.

Kommen wir von dem Gebiet der Freiheit, in dem Perditia und Florizel

sich fanden, zum Hof des Königs Leontes zurück, so mutet uns die

Wandlung, die dort, die vor allem in der Seele dieses Königs

vorgegangen ist, an, als ob sie dieser Natur und Heiterkeit, von der

wir herkommen, verwandt wäre. Indem wir, nach der argen Pressung in

der wütigen Gewalttätigkeit, jetzt bei Tanz und Lied und Spiel und

derber Schelmerei und Ironie waren, erlebten wir in der erleichterten

Behaglichkeit, die in uns einzog, etwas, was der Befreiung des

Konventions- und Affektsklaven entspricht, die in all der Zwischenzeit

in unsrer Abwesenheit geschah. Wir glauben an sie, weil wir selbst in

derselben Richtung entspannt wurden; weil die Freiheit der Natur das

äußere Bild und die Vertretung der moralischen Freiheit ist. So löst

sich nun alles: der Minister Camillo, einer der seltenen Ehrenmänner,

die am Hofe aufrecht und selbständig bleiben, und Autolykus, der das

Intrigieren, das er am Hofe gelernt hat, gern in Freiheit besorgt,

bringen die Handlung in Gang: das Liebespaar flieht nach Sizilien, der

König folgt ihm nach, und dort wird Perdita an den Gegenständen, die

ihr Pflegevater bewahrt hat, und vor allem an der Ähnlichkeit mit der

Mutter erkannt. So ist denn das Wunder geschehen, um dessentwillen

Hermione in Abgeschiedenheit, ohne an einem Leben teilzunehmen, am

Leben geblieben war: das Kind ist da, eine neue Zeit ist gekommen, eine

neue Generation, eine neue Art Fürst, der den Adel in der natürlichen

Freiheit aufgerichtet hat, und von innen, von Reue und Liebe und

Vernunft her, ist Erneuerung und Befreiung auch über den König,

ihren Gemahl gekommen. Der hat gelernt: der Jugendfreund, dem seine

Eifersuchtswut galt, ist ihm jetzt der Bruder; und wie nun Hermione,

von den liebenden Blicken dieses Freundes zuerst als lebendig erkannt,

sich aus der Starrheit der Statue löst, da ruft Leontes, selbst wie ein

aus langem, bösem Zauber Erlöster, den beiden, seiner Frau und seinem

Freunde, zu:

O vergebt,

Daß zwischen eure heil’gen Blicke je

Ich schnöden Argwohn warf.

Hermione aber scheint Blicke und Sprache nur noch für eines zu haben:

für ihr Kind, auf das sie geharrt hat, das ihr aus der Freiheit

geschenkt wird und in der Freiheit den Geliebten fand. Was immer auch

dieser Verlorenen, dieser Perdita das Leben bringen wird: sie wird

ein Weib sein, das, in sich den ererbten Keim des Adels tragend, in

Freiheit aufgewachsen, von der Natur erzogen, ebenbürtig neben ihrem

Gemahl stehen wird; in dieser Generation gibt es beim Mann nicht die

Knechtschaft unter rohe Triebgewalt und Konvention, beim Weibe nicht

die Versklavung unter den Mann; Mann und Weib, ein Paar in Natur,

Freiheit, Adel.

Das Märchen, das uns diese Dinge anschaulich und in Stimmung und in

manchem Wort der Weisheit und Polemik zeigt, ohne je der Abstraktion

oder Allegorie zu verfallen, das Wintermärchen ist zu Ende; mit kaltem

Grauen hat es begonnen, mit Frühlingshoffnungen, durch die noch ernste

Trauer webt, schließt es: das Märchen von Männerwut, Frauenheiligkeit,

Frauengeist, Frauenklugheit und Frauengericht; das Märchen von den

Sklaven der Affekte und Satzungen und von den Freien der Natur und des

Adels. Es ist uns nicht im entferntesten so ausgelassen zumut wie dem

frech gemeinen Klassenlosen und Enterbten Autolykus; aber das spüren

wir doch, wie er’s beim ersten Auftreten fast im Jubel gesungen hat: es

sprießt wieder unterm Schnee, die Liebe und die süße Zeit wollen wieder

ins Land kommen, und das rote Blut herrscht allmächtig in der Blässe

des Winters.

Der Sturm

Mehr als einmal in diesen Betrachtungen habe ich Grund gehabt,

Übersetzungen Schlegels als ungenügend oder falsch zu bezeichnen; oft

habe ich auch stillschweigend bei ihm wie bei andern den Text von

Stellen, die anzuführen waren, selbständig oder durch Aushilfe bei

andern Übersetzern verbessert. All die Ungenauigkeiten, Irrtümer,

Lässigkeiten und Abschwächungen, die man bei Schlegel gefunden hat

und noch findet, ändern aber nichts daran, daß er der größte, daß

er der wundervolle Übersetzer Shakespeares in die deutsche Sprache

ist. Es bleibt ein noch immer unersetzter Verlust, daß er nicht alle

Stücke Shakespeares übersetzt hat; lange schon haben wir ihn vermißt;

in der Folge von Stücken, die hier behandelt werden, war Hamlet das

letzte, dessen deutsche Fassung von ihm stammt. Der Sturm aber ist

wieder von Schlegel übersetzt, und in den entscheidenden Höhepunkten

wenigstens ist diese Nachdichtung ganz so trefflich wie seine andern

Übersetzungen; in den lyrischen Partien freilich fehlt dem deutschen

Ausdruck manchmal die Sicherheit und Notwendigkeit, der feste Sitz des

Bildes und der Stimmung im Rhythmus. Aber selbst wenn diese oder sonst

eine deutsche Fassung so gut wäre, wie sie irgend sein kann, sollte

jeder, der dazu imstande ist, mit oder ohne daneben gelegte Übersetzung

den Sturm im Original lesen: diese Mischung von Zartheit und Derbheit,

Roheit und Lieblichkeit, Feinheit und Gemeinheit, Naturgewalt und

Geistesschärfe, inniger Lyrik, plumper Prosa und schließlich noch

dämonisch elementarer Schlechtigkeit im hohen Ton der Verssprache ist

ganz unnachahmlich.

Die Tradition sagt, der Sturm sei Shakespeares letztes Stück; es

spricht nichts dagegen, unser Wunsch spricht dafür, beweisen läßt es

sich nicht; der Zymbelin, das Wintermärchen, auch Heinrich VIII.

stammen aus derselben Zeit, den Jahren zwischen 1610 und 1612. Die

Herausgeber der Gesamtausgabe von 1623 haben den Sturm als erste in

der Reihe der Komödien gebracht und damit an die Spitze der ganzen

Ausgabe gestellt; auch diesen Umstand können wir, da das Gedicht in der

Fassung, in der es uns einzig vorliegt, ein ganz spätes Stück sein muß,

so deuten, als hätten Shakespeares Freunde diese erste Gesamtausgabe

mit seinem letzten Drama als seinem Vermächtnis und einem weihevollen

und tief persönlichen Dokument beginnen wollen.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 20 / 30 段