All solche Erinnerungen, zumal bei märchenhaften Novellenmotiven,

die durch alle Völker und Zeiten wandern, beweisen aber gar nichts

dafür, daß wir mit diesen Überlieferungen Shakespeares wirkliche

Vorlagen haben. Die Annahme vielmehr, Shakespeare selbst habe diese

ganz verschiedenen Geschichten zu einer fabelhaft bunten, gestopft

vollen Handlungsgemeinschaft aufs kunstvollste verbunden, ist mir

sehr zweifelhaft. Vielmehr erinnert das Ganze, wie es beisammen ist,

so auffallend an die Geschichten von Geschichten mit immer neu sich

hebenden Schleiern und immer neuen unerwarteten Wendungen, wie wir

sie aus den orientalischen Märchen etwa von Tausendundeine Nacht,

aus altfranzösischen, altitalienischen, spanischen Erzählungen und

den deutschen Volksbüchern kennen, daß es mich sehr wahrscheinlich

dünkt, daß diese Verknüpfung schon vorher in einer jetzt nicht mehr

vorhandenen Erzählung dagewesen ist. Wesentliche Änderungen in der

Motivierung, eine Menge Einzelzüge und vor allem das ganz fabelhafte

Unternehmen, diese buntgedrängte Fülle der Gesichte in der Form

des leibhaft für alle Sinne dargestellten Dramas, die fabulierte

Unwirklichkeit, die Märchenhaftigkeit in Gestalt lebendig bewegter

Wirklichkeit vorzuführen, dieses vorher wie nachher Unerhörte schreibe

ich Shakespeare zu. Diese Märchen, Volksbücher und Abenteuerromane,

die alle richtige Lese- und Schmökerbücher sind, haben es an sich, daß

in ihnen nicht Bestimmtheit, Festigkeit, unverwischbare Einprägsamkeit

ist, sondern in aller nüchtern sachlichen, nur Tatsachen referierenden

Erzählung eine Art traumhaft musikalisches, wiegendes Weitergleiten,

wo man ganz süchtig dem Erzähler hingegeben ist und es einem das

wichtigste ist, daß immer neue Bilder, Überraschungen, Erregungen,

Spannungen und Stimmungen auftauchen. Man will nicht eine Sache

erfahren und diese dann stehen lassen, wie sie ist; sondern will

sich der bunt wechselnden Dingwelt bedienen, um gerührt, betroffen,

gestreichelt, gekitzelt zu werden; eine sehr objektive, chronikalische

Darstellung ist das Mittel zu völliger Subjektivität schmachtender,

lechzender Gefühle. Diese Art Roman ist bei uns aus doppelter Auflösung

entstanden: aus der Auflösung der christlich ritterlichen Erotik ins

Bürgerliche und aus der Auflösung der festen, rhythmisch gebannten

epischen und episch-lyrischen Form in Prosa. Es ist beides dasselbe:

Sehnsucht, die mit Dogma, Sitte und Form beschränkt und bemeistert war,

ist in Schrankenlosigkeit zerflossen. Mit alledem hängt es zusammen,

daß man diese Geschichten nur vernehmen und schlürfen, nicht behalten

will; sie tragen Vergessenheit in sich: immer wieder Vergessen des

Stofflichen wie Selbstvergessen des Hörers oder Lesers; man hat das

Bedürfnis, diese Geschichten wie Musikstücke, die mehr als faßliche

Melodie, die außen strömende und wallende Harmonie sind, immer wieder

zu genießen.

Das ganz Eigentümliche an Shakespeares romantischem Bühnenspiel ist

nun, daß er solch ein völlig romanhaftes Gebilde zum Drama gemacht

hat, daß das Unfeste, Schwimmende, Schimmernde der buntbewegten

Abenteuerfolge zugleich mit der Bestimmtheit von Gestalten, die vor

unsern Sinnen stehen, auf uns eindringt.

Weder kann ich nun die lebendige Kenntnis der Handlung voraussetzen --

sie ist ebenso bunt und vielfältig und abenteuerlich und im Romanhaften

zerronnen, daß man sie immer wieder vergißt -- noch kann es meine

Aufgabe sein, sie hier ausführlich zu erzählen. Ich will nur an die

Hauptpunkte erinnern, vorher aber noch einmal darauf hinweisen, daß,

was fürs Gedächtnis des Lesers schwer zu behalten ist, dem Zuschauer

ohne weiteres sinnenmäßig eingeht: das ist Shakespeares eigene Größe,

daß seine Dramen zugleich im Bühnenmäßigen und im Sprachlichen gipfeln,

daß sie lebendigste Natur und höchster Geist, daß sie Sinn und

Sinnlichkeit sind.

Das Stück heißt König Zymbelin, wie es Shakespeare immer liebt,

getreu dem Prinzip der Gliederung oder Rangordnung -- ~ab Jove

principium~ -- seine Darstellung eines großen Zusammenhangs nach dem

Herrschenden zu benennen. Die Gestalt aber, die von innen her in dem

Stücke herrscht, die die Einheit herstellt, um die sich alles dreht

und die die verschiedenen Kreise mit einander in Berührung bringt, ist

dieses Königs Tochter Imogen.

Die Kompliziertheit der Handlung ergibt sich schon aus der ersten

Personalangabe: König Zymbelin ist in zweiter Ehe mit einer Witwe

verheiratet. Seine Söhne erster Ehe sind vor langer Zeit rätselhaft

verloren gegangen; seine Tochter erster Ehe hat zu seinem Zorn einen

Edelmann unter ihrem Stande geheiratet; die Ehe soll aufgelöst

werden, sie soll den Sohn, den die zweite Frau aus einer früheren Ehe

mitgebracht hat, Cloten, heiraten. Der Mann, Posthumus Leonatus, wird

verbannt; er fährt nach Italien. In einer internationalen Gesellschaft

wird er mit dem Italiener Jachimo bekannt und geht mit ihm eine

gefährliche Wette ein: seine Frau, die Königstochter Imogen, sei rein

und treu; jede Verführung müsse an ihr zuschanden werden. Hier sei

gleich darauf hingewiesen, wie Shakespeare in Märchenstücken dieser

Art mit voller Absicht und auch mit vollem Recht die Kulturelemente

mischt: der Kaiser Augustus des Volksbuchs ist ein ganz anderer als der

des Plutarch; und der Verfasser von Antonius und Cleopatra wußte, was

er tat, als er diesmal zur Zeit des sogenannten Cäsar Augustus moderne

Franzosen und Italiener einführte.

Jachimo reist nach England; sein kecker Versuch, Posthumus zu

verleumden, Imogen zu verführen, mißlingt. Nun verleitet ihn

Gewinngier, Eigensinn, Ehrgeiz dazu, die Wette durch Betrug zu

gewinnen: in einer Kiste, die er von innen öffnen kann, läßt er

sich in Imogens Schlafzimmer tragen; er prägt sich die Einrichtung

dieses Gemachs und intime Merkmale an Imogens Körper ein. Mit dieser

Wissenschaft reist er nach Italien zurück; so überzeugt er schließlich

Leonatus; die Wette war eigentlich darum gegangen, ob es Ehre und

Treue beim Weibe überhaupt gebe; Posthumus war in der galanten

Männergesellschaft mit seinem Glauben allein gestanden, der ihm jetzt

zusammenbricht; Imogen ist ein Weib. Sein Vertrauter Pisanio soll sie

ermorden; der rettet sie; als Knabe verkleidet kommt sie in Wales in

eine Waldhöhle zu einem alten Mann und seinen zwei Söhnen; sofort

entsteht seltsame Sympathie der drei jungen Menschenkinder zu einander;

es sind ihre Brüder, die der Alte in ihrer Kindheit aus Rache und zum

Pfand gestohlen hatte; Cloten in den Kleidern des Leonatus -- sie hatte

einmal gesagt, ein Rock ihres Mannes wäre ihr lieber als der ganze

Dümmling Cloten -- kommt sie zu suchen und gewaltsam an sich zu reißen;

der eine Bruder gerät in Streit mit ihm, tötet ihn und schlägt ihm den

Kopf ab. Derweile ist Imogen von all ihrem Leid krank geworden; sie

trinkt eine Arznei, die sie von ihrer Stiefmutter erhalten hat; die

Königin hält den Trank für Gift; der Arzt, der es gut meint, hat ihr

aber nur ein Betäubungsmittel gemischt. Die Brüder halten den geliebten

Jüngling Fidele -- ihre Schwester Imogen -- für tot, den Rumpf Clotens

wollen sie fromm neben Fidele bestatten; die Leichenfeier halten sie

ab; sie entfernen sich. Imogen erwacht; neben sich erblickt sie den

Toten ohne Kopf in den Kleidern ihres Manns; sie ist verzweifelt; der

Feldherr der Römer, der gerade im Kampf mit Zymbelin des Wegs zieht,

nimmt Imogen-Fidele als Pagen mit.

Derweile ist Leonatus in tiefer Reue über das, was er -- vermeintlich

-- getan hat. Als römischer Offizier kommt er nach Britannien,

hilft aber, als Bauer verkleidet, die Schlacht zugunsten seines

Vaterlands entscheiden. In diesen Entscheidungskampf zur Rettung der

Unabhängigkeit Britanniens greifen ebenso der Alte -- der verbannte

Edelmann Belarius -- und die Söhne Zymbelins unerkannt ein.

Mit dem Feldherrn der Römer kommt Imogen gefangen an des Vaters Hof,

und so löst sich alles: Leonatus und seine Frau finden sich wieder,

die beide einander als tot beweint hatten; Zymbelin erhält seine Söhne

zurück; der reuige Betrüger Jachimo wird begnadigt.

Hat man sich so den Gang der Handlung im groben vergegenwärtigt, wobei

noch viele Episoden unerwähnt geblieben sind, so muß man wahrlich noch

einmal ausrufen: Welch erstaunliches Drama! Wie begreift man jetzt,

daß Shakespeare auch der Verfasser des dramatisierten Reiseromans

Perikles ist, der nur eine leichte Vorarbeit zu diesem dramatisierten

Volksbuch zu sein scheint. Gar nicht zu leugnen, daß dieses Stück

nicht minder wie etwa Kleists Käthchen von Heilbronn in gewissen

Teilen zum Gebiet der Schauerromantik gehört und daß die schnelle

Aufeinanderfolge der immer auf Irrtümern und Verwechslungen beruhenden

Verzweiflungsausbrüche das Kino vorwegnimmt. Es sieht aus, als habe

es Shakespeare gereizt, eben das Fürchterlichste und Schaurigste

immer noch ins Spiel der Romantik und des bloßen Scheins abzubiegen,

die Tragik immer wieder auf die Schwelle treten zu lassen und ihr

jedesmal den Eintritt zu verweigern. Überdies aber bot der Stoff eine

Fülle von Gelegenheiten, in der Handlung und in dem aus ihr fließenden

gesprochenen Wort die Zusammenhänge und Gegensätzlichkeiten zu

behandeln, die dem Dichter besonders am Herzen lagen.

Eines dieser Themen ist das allgemeine Mißtrauen der Geschlechter

gegen einander, zumal des Manns, der sich als Herrn betrachtet,

gegen die Frau. Entsprechend der Mode der Zeit, wie sie in der

internationalen Novellenliteratur zum Ausdruck kommt, wird in den

Kreisen, in die Leonatus in Italien kommt, als Regel vorausgesetzt,

daß die Frau den abwesenden Ehemann betrügt. Und Hahnrei sein ist

nicht bloß und nicht einmal in erster Linie ein privater Schmerz,

sondern, wenn es bekannt und nicht gerächt wird, eine gesellschaftliche

Schande: die List der Frau erweist sich dann stärker als die

Herrengewalt des Mannes. Bei solchen Ehebrüchen trifft die Entehrung

nur den Ehemann; der überwiesene Einbrecher verliert nichts an

seiner gesellschaftlichen Geltung. Aus solcher Modegesellschaft und

Konvention der Leichtfertigkeit heben sich nun Leonatus und Imogen als

Ausnahmemenschen der Reinheit und des Adels; sie sind in Vertrauen

und hohem Geist geeint. In der Entfernung aber, wie der Betrug ihm

handgreifliche Beweise liefert, verzweifelt er und glaubt, Imogen sei,

wie die Weiber alle sind; da kommt es zu einem ungeheuren Ausbruch der

Verachtung gegen das weibliche Geschlecht. Die Situation, in der sich

Leonatus da findet, ist in der örtlichen Entfernung von seinem Weibe

genau dieselbe wie die Othellos, der mit Desdemona zusammen und doch

so vielfach von ihr geschieden ist: Leonatus lebt nicht mehr in der

Sicherheit des Wissens vom Innern dieses fremden Menschen, der dem

andern, dem ewig unbekannten Geschlecht angehört; und die Verstrickung

durch die Lüge ist so, daß Imogen überführt ist; denn wie kann

Leonatus annehmen, daß ein geachteter Mann, gegen den nichts vorliegt

und der keinen Grund hat, ihn zu hassen, um einer Wette willen ihn

so raffiniert umgarnt! Es ist wieder die Wahl, ob der Ehemann einem

ehrlichen Mann oder der Frau, die er nur durch seine Liebe kennt,

glauben soll; und wieder fällt die Entscheidung gegen die Frau aus.

Eine sonderbare Vorstellung von dem Dichter Shakespeare würde man sich

nun machen, wenn man nicht annähme, er habe bei diesen Teilen der

Handlung und bei den entsprechenden im Wintermärchen ebenso an seinen

Othello gedacht, wie wir es tun. Beide Male entscheidet der Mann wie

Othello: das Weib muß sterben; und beide Male glaubt der Mann, die Tat

der Rache auszuführen. Beide Male aber geschieht diese Ausführung im

Wahn; der Mann überlebt seine Tat, bereut sie, wünscht sie sehnlichst

ungeschehen; und zum Schluß zeigt sich: es war alles nur wie verzerrter

Traum und Fieber; die Tat ist in der Ausführung ins Reich des Spieles

gefallen; die Umkehr des Ehemanns und sogar des Betrügers steht nicht

im normalen Kausalzusammenhang mit der Rettung der verleumdeten

Unschuld: das Schicksal hat auf abenteuerlichen, wunderbaren Wegen

eingegriffen, und Natur und Gottheit haben wieder gutgemacht, was die

schnelle Rachetat schon vollendet glauben mußte und was die Reue nicht

mehr wenden konnte.

Das üppige Gedränge der Geschehnisse läßt dem Dichter gar nicht

den Raum, das Innere seiner Gestalten so zu eröffnen und sie so in

schaudernder Wirklichkeit aus Seelengrund heraus leben zu lassen, wie

in seinen Tragödien des früheren Stils; Leonatus lebt uns nicht wie

Othello, und Jachimo nicht wie Jago; und auch Imogen, obwohl ihr des

Dichters besondere Liebe gilt, ist uns keine Desdemona: die Charaktere

sind nicht ausgeführt, und wir brauchen die Erinnerung an jene andern

Stücke Shakespeares, wenn wir die Lücken in der Seelenenthüllung, die

skizzenhaft bleibt, ausfüllen wollen. Auch Cloten, der Dümmlingsprinz,

steht nicht fest in seinem Charakter; je nachdem die Handlung eine

Gelegenheit zu Weisheit und Polemik bietet, läßt der Dichter ihn

manchmal erstaunlich kluge Sätze der Erfahrung sprechen. Es ist aber

offenbar Shakespeare bewußt, daß er es diesmal anders macht; wenn

uns seine Offenbarungen aus dem Reich der Affekte unendlich wertvoll

sind, so ist doch deutlich zu erkennen, daß er in diesen Stücken

gerade dieses Gebietes überdrüssig war: er hatte genug von Haß, Rache,

Mordwut, Umdunkelung und Gier; in seinem Timon ließ er einen Menschen

in Haß und Grimm losbrüllen; was er aber haßte, war die Gemeinheit

der ichsüchtigen Menschen; für sich wollte er nichts; Rache übte er

im Namen der verratenen Menschheit an eben dieser verräterischen

Menschheit; und seine Rache kam so grotesk übertrieben heraus, daß sie

ganz unwirklich und nur Bildersprache eines Phantasiemenschen wurde;

und was der Dichter so überwunden hatte und wessen Überwindung durch

eine nicht den Dämonen unterworfene, sondern geisterfüllte, göttliche

Natur und Vorsehung er gerade zeigen wollte, das wollte oder konnte er

auch nicht mehr mit intensiver, erbarmungsloser Kraft darstellen. Nicht

zu leugnen, daß diese Teile im Zymbelin, zum Beispiel des Leonatus

Posthumus Monolog, in dem die Wut gegen das ganze weibliche Geschlecht

ihn übermannt, von dem virtuosen Dichter aus Erinnerungen an früher aus

dem Tiefsten geschöpfte Ausbrüche gespeist werden. Um so wunderbarer,

wie er im Wintermärchen in einigen Szenen noch einmal mit voller

Kraft zur Tragödie zurückkehrt, um dann die Szenen des Spiels, der

Heiterkeit, der Überwindung sich ganz rein und leicht dagegen abheben

zu lassen. Im Zymbelin ist eines ins andre gemischt, und Shakespeare

rettet sich da vor der Tragik, die ihm Unlust und Qual zu bereiten

scheint, vor allem in die äußerliche Romantik der sich überstürzenden

und aller Wirklichkeit spottenden Abenteuer- und Wunderhandlung, die

freilich das Element des Spiels und vor allem der in starken Gegensatz

zur Zivilisationsverderbnis gestellten reinen und unschuldigen Natur

schon in sich birgt.

Ganz entzückend sind die Szenen im Walde, wie Imogen, die sich schon

immer vom Hofe weg in ein Leben der Einfachheit und Natur gewünscht

hatte, auf der Flucht in Knabentracht zu ihren jungen Brüdern und dem

alten Mann kommt, der die Knaben dem Hof geraubt und in der rauhen,

gesunden Wildnis hat aufwachsen lassen. Dreierlei kommt da teils zur

Sprache, teils zur Gestaltung: der Gegensatz zwischen der Einfachheit

und Redlichkeit der Natur und der höfischen Lüge; der angeborene Adel

und heldenhafte Sinn, das Königsblut, das sich in den beiden Prinzen

meldet, obwohl sie nichts von ihrer Herkunft wissen; und schließlich

die Stimme des Bluts, das die Geschwister in sofortiger, zwingender

Liebe zu einander zieht, wiewohl sie sich nicht kennen.

In diese Szenen hat der Dichter eine Fülle der Kraft, der Polemik,

der Weisheit und der Zartheit gestreut. In all den Stücken dieser

Art bekommt man den Eindruck, Shakespeare habe seine Werke vor allem

für die jungen Herren vom Adel aufgeführt und es habe ihm Freude

gemacht, ihnen immer wieder anschauliche Lehren zu erteilen. Sofort

zu Beginn dieses Teils, mit dem eine ganz neue Handlung einsetzt,

wird das niedrige Tor der Höhle mit den hohen prächtigen Türen in

Königsschlössern verglichen:

Bückt euch, ihr Knaben:

Das Tor lehrt euch den Himmel ehren, gebeugt

Zu frommem Frühdienst. Königstore sind

So hoch gewölbt, daß Riesen durchstolzierten

Samt ihrem frechen Turban, ohne Gruß

Der Morgensonne. -- Heil dir, schöner Himmel!

Wir hausen hier im Fels, doch wir begegnen

Dir nicht so hart, als die in Schlössern wohnen.

Und wie dann der Alte die Knaben auf die Jagd den Berg hinauf schickt,

gibt er ihnen sofort wieder eine Lehre:

Ich bleib’ im Tal. Seht ihr von oben mich

Wie eine Krähe, denkt, der Platz nur macht

Uns klein und groß; bedenkt, was ich erzählt

Von Höfen, Fürsten und von Kriegeslist.

Die Jungen aber wollen in die Welt; sie wollen sich nicht mit

Erzählungen belehrend moralischer Art und Warnungen abspeisen lassen;

sie wollen selber ihre Erfahrungen machen, um auch einmal so ein weiser

Alter zu werden. Da bietet sich dann gleich wieder Gelegenheit zu

einer Beschreibung der argen Welt: Wucher in den Städten; künstliches,

geschmeidiges Treiben am Hof; Bevorzugung des Schlechten und Unechten

auch im Kriegswesen.

Wie nun Imogen als Knabe Fidele dazu kommt, verbindet sich mit dieser

Reinheit des Naturlebens, die auch sie sofort als Gegensatz zum Hof

empfindet, der Zug der Liebessympathie: die drei jungen Menschen nennen

sich, ohne zu ahnen, wie wahr es ist, unter einander Bruder, und Imogen

erweitert diese Liebe zum Wunsch allgemeiner Menschenverbrüderung:

„Sind wir nicht Brüder?“

Mensch und Mensch sollt’s sein!

Doch sieht der Lehm in Würden stolz auf Lehm

Herab und ist doch all ein Staub!

Wunderschön, groß und rein ist dann, wie nach dem vermeintlichen Tod

Fideles da tief im Waldesinnern das Natur-Requiem angestimmt wird;

und auch hier wieder wählt Shakespeare den seltsamen Weg, Tragik in

Spiel zu wandeln, daß er uns vorher wissen läßt, die Trauer sei echt

und rein, doch Grund zu ihr sei nicht da: was da als tot beklagt wird,

lebt noch! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verkündet dieses

Natur-Requiem als Lehre der idyllischen Natur und des nivellierenden

Todes, eines Todes, der nur Schein und Maske tötet, aber nicht das

Wesen: der Tod macht frei; der Tod macht alles gleich; vor dem Tod sind

wir Brüder:

Scheu nicht mehr das Machtgebot;

Fern von des Tyrannen Streich,

Sorg nicht mehr um Kleid und Brot,

Dir ist Schilf und Eiche gleich.

Zepter, Weisheit, Heilkunst werden

All auf einem Weg zu Erden.

Vieles im Wintermärchen erinnert an Zymbelin: auch da in der Mitte

eine adlige, seelenvolle Frauengestalt; unbegründete, jäh ausbrechende

Eifersucht des Mannes gegen sie; das allgemeine Milieu wieder die

Hahnrei-Mode und Frauenverachtung, Frauendienstbarkeit; der Gegensatz

von Hirtenleben und Hof; die märchenhafte, romantisch abenteuerliche

Sphäre der Handlung. Aber es darf nicht geleugnet oder verschwiegen

werden, daß das Wintermärchen das Werk eines Meisters, König Zymbelin

aber trotz wunderbar schönen und tiefen Einzelzügen das Werk eines

wirren oder müden Suchenden und in elenden und gänzlich mißratenen

Einzelzügen das Werk eines Pfuschers ist. Der Unterschied zwischen den

beiden zeitlich und stofflich so benachbarten Werken ist viel größer

als der zwischen Clavigo und Götz; er ist so groß wie zwischen dem

Großkophta und dem Egmont oder zwischen Claudine von Villabella und

Iphigenie. Damit aber, daß ich an diese ungeheuere Verschiedenheit

im Werk Goethes erinnere, verfolge ich noch einen Nebenzweck. Goethes

Leben ist historisch, ist von Tag zu Tag bekannt; Shakespeares Leben

ist mythisch; von ihm als Menschen wissen wir eigentlich, wenn unter

Wissen völlige Sicherheit zu verstehen ist, nichts. So wenig aber,

wie eine Möglichkeit vorliegt, Goethe ein Werk darum abzusprechen,

weil es seines Idealbildes nicht würdig ist, weil es tief unter seinem

Besten zurückbleibt, so wenig dürften wir Shakespeare für unfähig

halten, sich hie und da recht von Herzen oder herzlos gehen zu lassen

oder in die Irre zu gehen oder auch etwas zu schreiben, was durch

geheimnisvolle vergängliche Beziehungen, die wir nicht mehr nachfühlen

können, seiner Zeit viel bedeutete, uns aber zu großem Teil nichts

als abstrus ist. Daß Zymbelin von Shakespeare stammt, ist freilich

noch nie bezweifelt worden; aber auch bei diesem Werk hat man, obwohl

nichts dafür und alles dagegen spricht, von einer Bearbeitung einer

Jugenddichtung reden wollen und hat auch da wieder den Versuch gehabt,

solche Teile, die einem besonders mißfielen, flugs für Einfügungen

von andern zu erklären, obwohl in Wahrheit die Handlungsteile und

selbst die Intermezzi so alle mit einander verzahnt sind, daß sich gar

nichts herausnehmen läßt. Daß doch die Leute immer einen Normaltypus

brauchen! Da sie Shakespeare zum Durchschnittsmenschen nicht machen

können, muß er der unentwegt Große und Fehlerlose sein. Er war aber

weder der betrunkene Wilde, als den ihn die französischen Kunstrichter

sahen, noch wird je die Sorte Klassiker aus ihm werden, zu dem ihn die

Klassenlehrer machen wollen. Ich glaube das Große, Neue zu ahnen, zu

dem Shakespeare mit König Zymbelin unterwegs war, und habe versucht, es

auszusprechen; wie der Schluß, den wir heute von Goethes Faust haben,

auf dem Wege der Resignation entstand, weil der Dichter ungeheuer viel

Größeres, von dem wir Proben in den Paralipomenen haben, nicht hat

bewältigen können, so ist das Wintermärchen im Vergleich zum Zymbelin

darum wieder meisterlich, weil Shakespeare sich da in seinem Suchen

nach dem neuen Ausdruck einer neuen Lebensstimmung beschränkt hat: er

hat im einen Teil die alten bewährten Methoden seiner großen Tragödie,

und im andern Teil die gleichfalls bewährten Methoden des romantischen

Lust- und Schäferspiels angewandt und hat das Schwerste des Schweren,

die Verbindung dieses Zweierlei zu einem neuen Stil, wozu er im

Zymbelin und im Timon und im Perikles lauter verschiedene und im großen

Ganzen nicht gelungene Anläufe genommen hatte, aufgegeben. Auf dem Wege

über die Zweiteilung des Wintermärchens ist ihm dann zwar nicht das

Ungeheure, unaussprechlich Neue, nach dem er gerungen hat, aber doch

eine edle, reife Einheit gelungen in seinem Schwanengesang, dem Sturm.

~The Winter’s Tale~ heißt in der Tat das Wintermärchen; die

Übersetzung ist ganz richtig. Die Erklärung findet sich in der

entzückend lieblichen Szene, wo der junge Prinz, Leontes’ und Hermiones

Sohn, in der traulichen Frauenstube von den Hofdamen verhätschelt wird

und nun anfängt, seiner Mutter und den jungen Damen ein Märchen zu

erzählen. Traurig soll es sein, meint er:

Ein traurig Märchen

Paßt besser für den Winter.

Das Schöne ist nun, daß wir hier in diesem traurig ernsten Drama ganz

im Märchen und dabei ganz im Menschlichen sind; das Märchenhafte wird

nicht mit den üblichen Mitteln und Requisiten hergestellt. Der Prinz

wollte ein Märchen von Gespenstern und Kobolden erzählen; in dem Stück

aber greift, wenn man von dem nebensächlichen Orakel von Delphos (die

Insel Delos ist gemeint) absieht, gar keine Geistermacht ein. Das

Märchenhafte liegt ganz in der Stimmung des Ganzen, in dem, was die

Romantiker im feinsten, duftigsten Sinne Ironie genannt haben: in

aller menschlichen Ergriffenheit verlieren wir nie das Gefühl: es ist

ein Spiel. Und gelenkt wird das Spiel von einer Frau, die zugleich die

böse und die gute Fee ist, von Paulina, der Freundin Hermiones: sie

rächt die Frau am Zorneswahn des eifersüchtigen Mannes.

Das Wintermärchen ist nächst dem Porzia-Stück, das Der Kaufmann von

Venedig heißt, das frauenhafteste Drama Shakespeares: Hermione, Paulina

und Perdita sind in ihren verschiedenen Tönungen die Vertreterinnen

lieblich ernster, natürlicher, fein gebildeter, denkender Unschuld. Und

Paulina ist so herzhaft, tapfer, konsequent bis zur Unerbittlichkeit,

so stark und scharf in ihren Reden, man fühlt so lebhaft, wie sie --

so sagt man ja wohl -- „ihren Mann steht“, daß man -- es ist ja doch

ein Spiel, ein Spiel mit dem bösen Popanz von Mann, und ein anmutig

tiefsinniges Spiel mit uns Zuschauern -- daß man den Bericht von

Hermiones Leben in Verborgenheit und den sechzehn Jahren, die sie so

zur Strafe für den Wüterich fern war und für tot galt, gern hinnimmt:

daß diese Flucht aus der Ehe und aus dem Leben psychologisch so

trefflich aus der tiefgekränkten Seele der Frau heraus motiviert ist,

ist uns wichtiger als die Frage nach der äußern Wahrscheinlichkeit;

ja wir sind sogar lächelnd bereit zu helfen und sagen -- es ist ein

Märchen, sechzehn Jahre sind’s, damit Perdita inzwischen heranwächst;

im übrigen mag’s wohl kürzer dauern.

Was sonst die Anachronismen und geographischen Freiheiten angeht,

so ist das Nötige darüber schon vorhin bei Gelegenheit von Zymbelin

gesagt worden: der Dichter braucht diese Aufhebung der von Zeiten,

geographischen Wirklichkeiten und Kulturen gesteckten Grenzen für

die Märchenstimmung. Und überdies haben die rechtes Unglück, die

aus so einem Fabelland wie dem am Meer gelegenen Königreich Böhmen

Shakespeares Unbildung beziehen wollen: diese und ähnliche Angaben

übernahm Shakespeare aus seiner Quelle, einer Novelle von Greene, der

ein akademisch graduiertes gelehrtes Haus war.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 19 / 30 段