Eine so hohe Stimmung, die aus der erhabenen Öde gänzlicher

Beziehungslosigkeit kam, wie Coriolan, als er zuerst vor Aufidius

stand, sie hatte, kann nicht dauern, wenn der Mann erst, sei’s auch

um dieser Stimmung willen, in die mannigfachen Bindungen des Lebens

wieder eingegangen ist. Jetzt zerfällt Coriolan schon lange wieder in

die obern und untern Bezirke, in das, was er denkt und sagt, um bei dem

zu verharren, was er als den neuen Coriolan in die Welt getrotzt hat,

und in jenes andre, was von innen erwacht, von außen alt und neu ihn

mit vertrauten Stimmen ruft und was er, solange es irgend geht, nicht

hochkommen läßt.

Daß das kein Zustand ist, in dem der Edle bleiben kann, daß seine

Verhärtung wegschmelzen muß, sowie gegen die künstliche Macht der

Soldatentreue eine natürliche und ideale Macht ausrückt und unsäglich

seelenvoll zu ihm spricht, das fühlen wir voraus.

Und so sind wir bereitet zu einer der strahlendsten, innigsten,

höchsten Szenen der gesamten dramatischen Literatur. Die Frauen

kommen: seine Mutter; sein zartes, unkriegerisches Weib, sein „holdes

Schweigen“, Virgilia die Sanfte, die neben ihm, dem Rauhen steht, wie

Desdemona neben Othello; und den Knaben bringen sie mit, der sein

Ebenbild ist. Und dazu bringen sie ihm, was mit Cominius dem Feldherrn

und dem klugen Staatsmann Menenius Agrippa nicht mitgekommen war: das

Vaterland.

Sie kommen in Trauergewändern. Sie beugen sich, sie blicken zum

Erbarmen auf ihn; sie knien hin; sie kommen näher. Sonst wohl, wenn

einer aufs tiefste erschüttert ist, braucht bloß das Wort, das das

Erlebnis ausdrückt, noch dazuzukommen, und schon fließen unhemmbar die

Tränen. Der starke Coriolan macht’s umgekehrt; er klammert sich an

Aufidius, der bei ihm im Zelt ist, und wiederholt dem und sich selbst

alles in Worten, was seine Sinne gewahren, was auf sein Herz eindringen

will; die Worte der Beschreibung sollen sich verbinden mit Worten des

Gelöbnisses -- vor sich selbst und dem Oberfeldherrn der Volsker --,

sollen ihn binden: nein, er wird nicht nachgeben. Und schnell, die

Sprache ist dazu da, verwandelt er alles, was wie Trotz, Eigensinn,

Gebundenheit aussehen könnte, in Gesinnung, in Freiheit, in das Prinzip

der völlig ungebundenen, individualistischen Selbstherrlichkeit;

gewaltsam, mit Worten, will er sich an den Ursprung des neuen Coriolan,

des Namenlosen, an die Stimmung der weltverneinenden Öde anbinden; was

geht ihn noch das Vaterland an? muß er, ein Mann, ein Ausgetriebener,

ein vom Schicksal Adoptierter, noch Weib und Mutter kennen?

Laß die Volsker

Rom pflügen und Italien eggen, nie

Folg’ ich wie’n Gänslein dem Instinkt; ich stehe,

Als wär’ der Mensch Urheber seiner selbst

Und keinem sonst verwandt.

Aber dann klingt die Stimme seines Weibs: Mein Herr und Gatte! und

die Mutter blickt ihn stumm an; da will er zwar im Öffentlichen ganz

unnachgiebig bleiben; aber dies holde, lang entbehrte Weib wird er

doch küssen dürfen; der Mutter den Gruß der Ehrerbietung zollen? Das

erlaubt die Sache; und Aufidius geht’s ja wohl nichts an. Er preßt

Virgilia ans Herz; er beugt das Knie vor der Mutter.

Da heißt sie ihn aufstehn. Und dann beugt sie die stolzen, steifen

Knie, und kniet vor ihm hin auf dem harten Stein, und spricht dabei

bitter, scharf, mit einer Stimme, die noch härter als Stein ist, von

der „Huldigung neuer Art“,

die bisher ganz falsch verteilt

War zwischen Kind und Eltern.

Die Welt ist ja verkehrt worden; man muß sich danach richten und

muß auf seine alten Tage umlernen: der Römer kämpft jetzt gegen die

eigne Stadt, die Weib, Kind und Mutter birgt; so ist ja wohl auch das

Grundprinzip der Republik, die Familie und die Oberherrschaft der

Eltern aufgehoben: die Mutter, die den frühverstorbenen Vater vertritt,

bittet das Kind!

Wie ist diese große Frau immer dieselbe, und wie wechseln die

Situationen und damit ihre äußere Stellung zum Sohn! Das erste Mal die

herbe Unzufriedenheit, mit Angst gepaart, und die klug unbedenklichen

Ratschläge, an deren Befolgung sie im geheimsten nicht zu glauben

vermag; dann, wie er in der Tat gegen all ihren Rat und Unterricht

und gegen seinen Vorsatz dem Willen seiner Seele gefolgt ist und

schrankenlos seine Wahrheit herausgerufen hat, der Stolz, die Liebe,

der Haß gegen seine Feinde in Rom, der Wunsch, er möchte sie ausrotten;

und jetzt der letzte Versuch, die Stadt vor seinem tauben Grimm zu

retten. Und immer um Roms, immer zugleich um seinetwillen, in dem Rom

sich verkörpern soll!

Und sie hebt zu bitten an; dem Inhalt nicht nur, auch der Disposition

nach getreu nach dem Bericht Plutarchs; wer aber Shakespeares Seelen-

und Sprachgewalt an einem ganz großen, wunderbaren Beispiel kennen

lernen will, der soll diese Rede Volumnias in Plutarchs und in

Shakespeares Fassung neben einander halten.

Sie hält ihm, auf ihre Trauerkleider weisend, die Situation vor, die

er kennt; das ist ihre stärkste Waffe, daß sie ihm nichts sagt, was er

sich nicht selbst sagt. Vorhin hat er sich noch stark machen können,

indem er, was seine gerührten Blicke sahen, in Worte versteckte;

jetzt wickeln ihm die Worte einer Stärkeren, Redegewaltigeren nicht

bloß seine Eindrücke wieder aus der Umhüllung aus, sie drehen ihm das

Herz in der Brust herum. Was wird das Los dieser Frauen sein, wie die

mörderische Schlacht auch ausgehe? Wenn er besiegt als Gefangener nach

Rom kommt? Wenn er Rom in Trümmer gelegt hat? Und Frau, Kind und Mutter

in den Tod getrieben? Ja, in den Tod!

Denn ich, ich, Sohn, denk’ nicht zu warten, bis

Der Krieg entschieden -- --

über den Leib seiner Mutter hinweg wird er zum Angriff auf Rom

schreiten müssen.

Und Virgilia, die schon früher gezeigt hat, wie ihr im Augenblick der

Entscheidung Sprache und Tapferkeit kommt, fällt ein und erklärt für

sich, schnell, kurz, eh’ die Tränen quellen, dasselbe; und der kleine

Bursch, sein Sohn, redet drein:

Mich soll er nicht treten;

Ich lauf’ fort, bis ich größer bin, dann fecht’ ich!

Das soll ein Mensch mit anhören, von Mutter, Frau und Kind? Er

steht auf und will gehn. Die alte Römerin aber hält ihn fest. Die

Mutter hat gesprochen und hat nichts mehr zu sagen. Sie hat ihm die

Naturnotwendigkeit der Umkehr gemeldet; jetzt spricht die Politikerin

und zeigt ihm die Möglichkeit, den Ausweg. Römer und Volsker sollen

einen dauernden Frieden schließen; das soll sein großer Ruhm sein: die

beiden Völker zu versöhnen. -- Und das Höchste und Letzte, was auf

einen edeln Mann wirkt, fügt sie hinzu:

Hältst du es ehrenhaft für einen Edlen,

Der Kränkung stets zu denken?

Er schweigt, schweigt immer noch, er kehrt sich ab, er kämpft furchtbar.

Und wiederum knien die Frauen. Und nun umtönt ihn nur noch ein Wort, in

immer neuen Wendungen: Rom!

Und endlich hat die Mutter, hat die Sprecherin des Vaterlands, das mehr

und andres ist als die zufällig gerade lebenden und sich vergehenden

Einwohner, als alle Gemeinheit einer beliebigen Summe, sie hat gesiegt.

O Mutter, Mutter!

Mit diesem Wehruf gibt er nach. Was dann fieberhaft aus ihm redet, zu

Aufidius, daß der’s doch einsehen müsse, daß es nun zu einem günstigen

Frieden kommen werde, und alle Ausrufe der Erregung und Entzückung, das

ist nicht er selbst. Einer in ihm kennt sein Geschick, ahnt gar den Weg

schon, auf dem es kommen kann.

Es kommt durch Aufidius. Einmal, als der Mann sich dem Manne gestellt,

zu Tod oder Blutbrüderschaft, war über den die große Überwältigung

gekommen. Zu mehr, zu einer Wiederholung und Umkehrung ist er nicht

imstande. Zudem war das Verhältnis nicht so geworden, wie er sich’s

gedacht: neben dieser überragenden Natur, neben Cajus Marcius

Coriolanus ist er für seine eignen Landsleute immer nur der Zweite

gewesen, und die Eifersucht hat schon an ihm genagt. Was da gekommen

ist, was diesen „Coriolan“, der nun alles wieder vergessen und Römer

werden will, so ergreift, was geht’s ihn an? Zu ihm hat Rom nicht

gesprochen; seine Mutter ist Volumnia nicht. Verschärft ist da, was in

Jahren des Krieges zwischen ihnen war: Feindschaft auf Leben und Tod.

Es ist kein Krieg; aber der Feind ist in seiner Gewalt.

Es fällt ihm leicht, gegen den „zwiefachen Verräter“ eine Verschwörung

zustandezubringen. In dem aber, den sie so nennen, ist kein Funke böses

Gewissen und kein Hader mit sich selbst. Seltsame Stille ist in ihm

eingezogen. Nicht die unheimlich auf einen Punkt gespannte Gefaßtheit

von ehedem; eine fast wohlige Entspannung scheint es zu sein. Wie

süß ist es, zumal für diesen adligen Mann, in dem Unbändigkeit und

Sachlichkeit so persönlich beisammen sind, sich überwinden zu lassen,

sich gefangen zu geben; wie verwunderlich wieder, daß sich noch einmal

alles umgekehrt hat und daß er, der Kriegsmann, jetzt die beiden

Völker, denen er nun beiden angehört, zu einer dauernden, zu einer

neuen Art Frieden bringen soll. Wie traumbefangen, wie einer, der

leise auftritt, um das Schicksal und sich selbst nicht zu wecken,

tut er alles, was die neue Pflicht ihm auferlegt. Die Zeit des Zorns

scheint ganz für ihn vorbei; er geht vor, als könne noch alles sehr

gut werden. Er verläßt die Volsker nicht; er denkt nicht daran,

sich in Rom vor ihnen zu bergen; keineswegs verrät er sie im groben

Sinne; er verhandelt mit den Römern als der Mann, der zur Vermittlung

berufen ist, aber er geht davon aus, daß Rom wehrlos und daß er der

Volskergeneral ist: was er den Volskern bringt, ist eine Demütigung

Roms, freilich nicht die Vernichtung; es ist ein Vergleich, der Frieden

für immer stiften soll. Er ist nicht mehr ein Kind seiner Zeit; er

geht vor, als sehe er Möglichkeiten, an die sonst keiner glaubt; aber

es sind nicht seine Gesichte, es ist ihm von sanftem, festem Zwang

auferlegt worden wie in tiefe Schlafbetäubung hinein; er bewegt sich

wie in seliger Zeitlosigkeit oder wie in ferner Zukunft wiedergeboren

oder wie einer, der schon im Schatten des Todes steht. Es geht zu Ende

mit ihm: sein Schicksal war entschieden, als er sich Roms Feinden

verbündet und, ohne daß er’s wußte, sein Herz in Rom gelassen hatte.

Damals hatte er sich Tullus Aufidius zum Tode gestellt; Aufidius und

der Tod sind jetzt da.

Volumnia konnte als Retterin und Erlöserin Roms, als Mutter Coriolans,

von Jubelrufen umbraust, in Rom einziehen; bald darauf wird Coriolan

bei den Volskern, denen er den Friedensvertrag gebracht hat, von der

Schar der Verschworenen, die Tullus Aufidius führt, ermordet. Er

war ihnen zu gefährlich, war auch ihnen zu groß, stand unter ihnen

erst recht als ein Fremder da. Er war aus Rom und damit aus der Welt

gebannt; als einer, den die Welt gebraucht hätte, den die Welt nicht

dulden konnte, liegt er nun tot zu Boden. Sowie er nicht mehr auf den

Füßen steht, sowie sein Schritt ihnen nicht mehr in den Ohren weh tut

und seine stolze Sprache, sowie sie in dem Leichnam, der da liegt,

nur das Bildnis des Helden vor sich haben, dieses adligen, stolzen,

wunderschönen Mannes, da erkennen sie, daß ein Großer gefallen, der

Kleinheit dieser Welt zum Opfer gefallen ist. Unter den Klängen

eines strahlenden Totenmarsches wird sein Leichnam aufgehoben und

fortgetragen.

Diese Totenmusik, das Heldenleben, wie es Shakespeare gestaltet

hat, ist wirklich zu Rhythmen und Melodien geworden in der

Coriolan-Ouvertüre Beethovens, die freilich durch äußern Zufall zu

irgend einem andern Drama Coriolan komponiert wurde, in Wahrheit aber

ganz Geist vom Geiste Shakespeares ist, der in diesem Römerdrama -- ich

wiederhole die Worte -- in die Seele der Geschichte hineingeleuchtet

hat, indem er die Geschichte einer Seele gab.

König Zymbelin und Das Wintermärchen

Gewiß würde jedes der beiden Stücke, die ich hier zusammenstelle, eine

besondere und eingehende Behandlung verdienen, das reichverzweigte und

an seltsamen Schönheiten reiche Drama, dem König Zymbelin den Namen

gegeben hat, und erst recht das tiefe und entzückende Wintermärchen;

aber sie sollen gemeinsam behandelt werden, weil mir daran liegt, die

Betrachtung fortzusetzen, die ich im Anschluß an Perikles und Timon

begonnen habe. Zu einer solchen Zusammen- und Gegenüberstellung der

beiden Stücke laden schon die Herausgeber der ersten Folioausgabe ein:

sie haben Zymbelin an den Schluß der Tragödien und das Wintermärchen

an den Schluß der Komödien gestellt; zu was für Betrachtungen kann

dieses Verfahren schon an der Schwelle Veranlassung bieten! Denn die

Stücke sind alle beide nicht einzuordnen; die Herausgeber betätigten

aber in ihrer Reihenfolge auch diesmal einen feinen Sinn; Zymbelin ist

eher eine Tragödie, das Wintermärchen eher eine Komödie zu nennen.

Zymbelin aber ist aus zwei Stoffen zusammengesetzt, die der weniger

seltsame frühere Shakespeare alle beide in der Komödie behandelt hätte:

die Gegenüberstellung des verderbten Hoftreibens und des romantisch

natürlichen Hausens in Wald und Höhle, wie sie so ähnlich in Wie es

euch gefällt behandelt wurde; und andrerseits die Charakterkomödie

von dem Ehemann, der mit der Wette über die Treue seiner Frau in

mannigfachem Sinn sich selbst betrügt. Dagegen mutet die Haupthandlung

des Wintermärchens ganz wie die Vorlage zu der großen Tragödie der

Eifersucht an; und doch ist es wahr, daß der Dichter aus diesem

düsteren, schneidenden Stoff das gemacht hat, was schon der Titel

uns an Stimmung vermittelt: ein Wintermärchen, ein Spiel, das schwer

lastende Umstände mit Heiterkeit überwindet.

Zymbelin steht nach Sprache, Ernst der Durcharbeitung und Anlage der

Charaktere, nach der Menge auch der rund gesehenen Gestalten weit

über Timon (von Perikles gar nicht zu reden); aber dennoch ist es mir

das bedeutendste und dazu seltsamste der Stücke, in denen Shakespeare

eine Ergründung des inneren Lebens, der geheimen Menschlichkeit, des

Seelenwesens der Gestalten höchstens begonnen, angelegt, skizziert,

aber nicht vollendet hat.

Ferner gehört dieses Drama wie Perikles und Timon in die Reihe der

späten Stücke, in denen die Handlung besonders stark als Gelegenheit

zur Weisheit benutzt wird: hier dient sie fortwährend zu herrlich

tiefen und scharfen Reden und Aussprüchen über das Verhältnis von Natur

und Hof als dem Gipfel von Unwahrheit, Künstlichkeit und Entartung,

zu Satire und Polemik, wie zum Lob der Einfachheit, des Land- und

Hirtenlebens.

Wie Perikles (nicht wie Timon) hat überdies Zymbelin eine reiche,

romantische und romanhafte, dramatisch kaum zu bewältigende, epische,

märchenhafte, bunte Handlung; an die Stelle der Intensität der

Seelenergründung ist die Extensität des geradezu fabelhaften Reichtums

der Motive, die angeschlagen werden, getreten.

Diese Art Stücke, und keines so wie Zymbelin, geben überdies

dem Schauspieler gerade dadurch, daß das innere Wesen angelegt,

aber nicht ausgeführt ist, Gelegenheit, durch eigene Erfüllung

die Skizze des Dichters zum vollen Menschenbild zu ergänzen. Die

Gedächtnisschwierigkeiten, die dieses Stück dem Leser und seiner

unsinnlich arbeitenden Phantasie bietet, sind auf der Bühne, wenn der

Regisseur mit scharf herausgearbeiteten Masken, Redeweisen, Kostümen,

Schauplätzen seine Schuldigkeit tut, gar nicht vorhanden; und so

könnte und müßte das Stück, wenn nur unsre Bühnen nicht mit Feigheit,

Trägheit, Schlendrian und neuerdings sogar Glauben an den Philologen

behaftet wären, eine ganz ungeheure Theaterwirkung tun und überdies

Seeleninnigkeit wie Leidenschaftsgewalt wie stark eindringlichen

Gegensatz der Sphären und Naturen in einer tollen Folge von Szenen, für

die der Stil zu finden wäre, wundervoll zur Geltung bringen.

Das Wintermärchen dagegen ist -- wenn wir vom Sturm als etwas einzigem

absehen -- das Stück, das mit dem späten Stil Shakespeares, mit

der seltsamen Verbindung von Sinnenschmaus und Sinnspiel, mit der

Verwandlung der Tragödie in Spiel und romantische Ironie und mit

der Weisheit und Polemik des Elements, das ich Sprache nenne, eine

in Knappheit und Sicherheit unerhörte, ganz genialische Kunst der

tiefen Charakteristik verbindet. In einem Teil der Handlung werden

dabei aber die letzten Konsequenzen dieser Seelenenthüllung nicht so

gezogen, wie es sonst Shakespeares Art ist: für einen früheren Stil

Shakespeares hätte die Art, wie der Charakter des Königs Leontes

angelegt ist, unweigerlich den äußern Untergang als Ausdruck der

innern Unmöglichkeit, das Leben weiterzuführen, bedungen. In diesem

tiefsinnigen Märchenspiel aber sehen wir den neuen Ausdruck der

Tragik, von dem wir schon gesprochen haben und zu dem Shakespeare

überleitet, in einer vollendeten Gestalt ausgebildet. König Leontes

stirbt in der Tat, stirbt, wie seine Frau Hermione von ihm unschuldig

in den Tod geschickt wurde, und ist tot, solange sie ihm und der Welt

tot ist; er ist der Welt abgestorben; aber dieser Tod ist ein Tod

im Leben, ist Erneuerung, ist Buße, ist Wachstum und Umkehr. Hier

ist für Shakespeare der Weg vollendet, auf dem er die Gattung seiner

eigenen großen Tragödie überwand und durch die starre, schon aus der

Antike überlieferte Schablone eine Bresche schlug und Freiheit für

die Dichter unsrer und der künftigen Zeiten schuf. Mit Ende gut,

alles gut, mit Maß für Maß, mit Perikles, ja schon mit dem Kaufmann

von Venedig und auch mit Troilus und Cressida hatte er diesen Weg

beschritten: die Tragik ihren Gipfel und ihre Überwindung nicht in

dem von der Antike überlieferten gewaltsamen Tod, sondern in der

Erneuerung und Steigerung des Lebens finden zu lassen. Der Sturm ist

diesem neuen Shakespearedrama, ist dem ganzen Werk Shakespeares die

Krönung und Verklärung. Aber nicht nur einen Wesenszug der alten

Tragödie, eine Gattung der Dichtung und Kunst erschüttert und wandelt

Shakespeare mit diesen Werken; mit ihnen hebt er eine Reformation an,

die größer ist als sein Werk und größer auch als das Werk Luthers, das

wir die Reformation nennen. Er beginnt das Werk, das unsre deutschen

Frühromantiker mit allzu schwachen Kräften als Shakespeareepigonen

aufnehmen wollten: auf den Wegen der Kunst und des Spiels, mit dem, was

romantische Ironie heißt, die Stellung des Menschen zum individuellen

Leben umzugestalten. Das war es, was einen der Kunst und dem Spiel so

fernen, so abgründlich ernsten Mann wie Fichte in engste Beziehung und

Bundesgenossenschaft zur Romantik brachte: die Leugnung des Ich als

einer ans Leben gebundenen, vom Tod zerstörbaren Substanz. Auf dem Weg

zu einer neuen Religion, einer neuen Praktik, einer neuen Gestaltung

des Lebens, der einzelnen wie der Gesellschaften, eines neuen Lebens

der Menschheit, für deren Empfinden der Tod von Individuen eine

nebensächliche Angelegenheit geworden ist, bedeutet dieser Romantiker

Shakespeare eine wichtige Etappe.

Eine vollendete Gestalt für den neuen Ausdruck oder die Überwindung

der Tragik habe ich das Wintermärchen genannt, werde ich den Sturm

nennen können. Das war Shakespeares Vollendung auf diesem Weg; die

Kunst aber kennt allewege mehr als einen Gipfel der Vollkommenheit. Die

Reihe Stücke, die ich genannt habe und die Shakespeare über mancherlei

schwache Stellen und Irrpfade so hoch und rein hinauf geführt haben,

sind, so viel Herrlichkeiten sie bergen, doch nur Anfänge und

Verheißungen. Sie geben uns die Gewähr, daß -- gleichviel wann, in ein

paar hundert oder ein paar tausend Jahren -- noch einmal ein Dramatiker

kommen kann, der so Shakespeare hinter sich läßt, wie der bis jetzt

der größte aller Dramatiker ist, die der griechischen Antike nicht

ausgenommen. Fragen wir im lebendigen Gefühl, was Shakespeare ist,

welche Kraft der Seele ihn zu dem gemacht hat, was er wurde, dann muß

uns schwindlig werden, wenn wir an die Freiheit und Ausdrucksgewalt,

an die Kühnheit des Mannes denken, der einst Shakespeare zum Zweiten

machen soll.

Shakespeare ist der Genius der Freiheit. Messen wir nicht an den

verklärten Freien, die überwunden haben und die uns mehr Gestalten

als Menschen sind, an Jesus oder Buddha, gedenken wir der Freiheit,

die ringend und körperhaft dem Leben angehört und ihm entsteigt,

so weiß ich keinen auf keinem Gebiet, nicht einmal Michelangelo,

der so repräsentativ der Gestalter der Freiheit zu nennen wäre wie

Shakespeare. Und mit seinem letzten Werk, auf dem Weg, dem Zymbelin und

Wintermärchen Stufen sind, hat er, indem er noch einmal ein Beginnender

wurde und das Werk der Tragik verließ, das er so glänzend abschloß,

schon seinen Nachfolger und Überwinder vorbereitet, der höher steigen,

tiefer wühlen, kühner befreien wird als er.

Von Zymbelin kennen wir zwar keinen früheren Druck als den der Folio

von 1623, aber aus einer Notiz im Tagebuch eines Zeitgenossen erfahren

wir, daß das Stück 1610 oder 1611 aufgeführt wurde; um diese Zeit herum

ist es gewiß auch entstanden.

Das Datum des Wintermärchens können wir auf Grund äußerer Tatsachen

mit Sicherheit zwischen zwei Grenzen festsetzen: das Stück kann nicht

vor Herbst 1610 und nicht nach Mai 1611 entstanden sein. Beide Stücke

gehören also, wie es auch aus inneren Gründen wahrscheinlich ist, der

nämlichen Zeit an.

Der Britenkönig Zymbelin und seine Söhne sind historische Gestalten,

die in der Tat zur Zeit der Kaiser Augustus und Claudius gelebt und

wegen der Tributzahlung Konflikte mit Rom gehabt haben. Wir wissen das

aus Erwähnungen bei römischen Historikern und Dichtern, die Shakespeare

kaum gekannt haben kann; seine Quelle für diese Teile kann Holinsheds

Chronik gewesen sein.

Der Teil der Handlung, der bei Shakespeare zwischen Posthumus Leonatus,

Imogen und Jachimo spielt, stammt aus einem altfranzösischen Roman,

von dem es eine Reihe Bearbeitungen gibt, die auch zu einer Novelle

Boccaccios Veranlassung gegeben haben. Die Namen aber, die Shakespeare

diesen Gestalten gibt, finden sich in keiner dieser Bearbeitungen,

und ebensowenig die geringste Verbindung dieser Abenteuer mit der

Geschichte des Königs Zymbelin.

Ein Seitensproß dieses Handlungsteils, das Verhältnis Imogens zu

ihrer Stiefmutter und deren Gift, ihr Scheintod bei seltsam von

der Menschheit abgeschiedenen Höhlenbewohnern im Wald, kann an

Schneewittchen und ähnliche Märchen gemahnen.

Der alte Edelmann Belarius und sein Prinzenraub stellen einen ferneren

Teil der Handlung dar, der an eine andere Novelle des Boccaccio

erinnert.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 18 / 30 段