Patrizier zu den Plebejern nur von dieser einen Seite kennen lernten,
nur so, wie der Repräsentant des Patriziats, der Patrizier, wie sie
sein sollten, es auffaßt. Wohl steht der Held auch für die innere
Handlung in der Mitte; von ihm aus sind die Vorgänge gesehen, die
Geschehnisse und die Gestalten gruppiert, von ihm aus die Stimmung und
Sympathie gewoben; dann aber zuckt unten aus dem Dunkel der namenlosen
Menge einmal ein Licht auf, und wir sehen in andrer Beleuchtung die
Dinge, die Coriolan nicht sieht, und hören die uralte Klage der Armen.
Unter den Aufrührern will einer eine Rede halten und hebt zu den
Plebejern an: „Ein Wort, gute Bürger“, da ruft einer aus der Menge
grell dazwischen: „Wir gelten für arme Bürger, die Patrizier für gute!“
Reichtum macht gut! Und die da droben wissen es auch gar wohl: unsere
Armut brauchen sie nicht bloß, weil sie Überfluß brauchen; sie brauchen
sie als Gegenstück, um ihres Selbstbewußtseins willen; sie haben die
Distanz nötig. Wären sie grade so reich, wie sie jetzt sind, gäbe es
aber dabei uns Arme nicht, was hätten sie dann von ihrem Reichtum?
„Die Magerkeit, die uns drückt, das Bild unsres Elends ist für sie
ein Inventarium aller einzelnen Stücke ihres Überflusses; unser
Leiden ist ein Gewinn für sie.“
Was das Opfer leidet, das ist der Gewinn und die Wonne der andern --
haben wir so etwas nicht schon einmal, in ganz anderm Zusammenhang
gehört? Ist das nicht der gerade in der Barockdichtung, wo das feste
Dogma seelenhaft spielerisch von der Empfindung umrankt und umjauchzt
wird, immer wiederkehrende Ausdruck für die Heilswahrheit des
Christentums? Sind nicht die Armen dieses Opferlamm und ihr Blut und
Wunden ein Hochgewinn für die Reichen?
Aber auch abgesehen von so abgründlich feiner Psychologie, die mit
einem raschen Griff das letzte Geheimnis des Privilegs entblößt, kommen
die rein sozialen Klagen der Unterdrückten so stark heraus, daß wir
wieder einmal merken: so ein Dramatiker sieht und empfindet zweiseitig;
würde er von allem Anfang an und immer Licht und Schatten gerecht
verteilen, so wäre es nicht im entferntesten so berückend als wie
er’s macht: mit ganzer Inbrunst, wie ein tief Befangener, der einen
Seite verschrieben, und dann, mit einem Mal, und nur immer für einen
Augenblick, drüben, drunten, bei den andern.
Als Menenius Agrippa die Plebejer besänftigt und ihnen sagt, wie
wohlwollend die Patrizier Sorge für sie tragen, da erwidert einer
aus dem Volk in Worten, -- nun, der Zensor behütet uns heute davor,
entsprechende zu lesen oder zu vernehmen:
„Für uns Sorge tragen! -- Ja, fürwahr! -- Sie haben noch niemals
für uns gesorgt: sie leiden es, daß wir verhungern, wenn ihre
Speicher vollgepfropft sind von Getreide; geben Gesetze wegen des
Wuchers, mit denen sie den Wucherern auf die Sprünge helfen; heben
täglich eine heilsame Einrichtung gegen die Reichen auf und setzen
täglich mehr lästige Verordnungen fest, um die Armen zu fesseln und
zu hemmen. Wenn uns der Krieg nicht aufzehrt, so werden sie’s tun.
-- Und das ist die ganze Liebe, die sie für uns haben.“
Ich weiß, was ich tue, wenn ich immer wieder den Blick von der Sache
selbst auf ihren Urheber, wenn ich ihn hier von der Tragödie Coriolans
auf ihren Dichter ablenke; denn ich möchte dieses mein Staunen auf
alle, die mich hören, übertragen: woher hat der Unergründliche das
alles gewußt? Über Rom wie über unsre Zustände verrät er uns Dinge,
enthüllt er uns verborgene Zusammenhänge, die wir erst seit, erst im
Gefolge der französischen Revolution zu wissen anfangen. Und wenn
zum Beispiel Mommsen imstande war, uns ein Bild der Kämpfe zwischen
Patriziern und Plebejern zu geben, das eine gewisse Farbigkeit,
Lebendigkeit und Glaubhaftigkeit hat, so haben ihn eben die Kämpfe
der modernen Demokratie dazu in Stand gesetzt; für diesen Anblick hat
er aber ein gehöriges Lösegeld zahlen müssen: für das Wesentliche,
eben für das, was Shakespeare als Tragödie dargestellt hat, hat er
keinen Blick gehabt: er hat nicht gewußt, daß der Kriegs- und Adels-
und Herrschergeist einmal ein Amt, eine Aufgabe, eine Würde und eine
Hoheit gehabt hat; er hat die hohe Sendung, den seelischen Rang und das
gute Gewissen dieser ritterlichen Zeiten nicht gekannt; und so hat er
gräßlich banal von dem Kampf Coriolans in seiner Vaterstadt und gegen
sie liberalisierend gemeint, diese Geschichte öffne den Einblick „in
die tiefe sittliche und politische Schändlichkeit dieser ständischen
Kämpfe“. Das ist, wie wenn man das Rittertum nach den Raubrittern,
den Raubritter Götz nach dem Schinderhannes und den Schinderhannes
nach irgend einem Dutzendmenschen aus unsrer großstädtischen
Verbrecherklasse beurteilen wollte. Jakob Burckhardt und Nietzsche
haben kommen müssen, um den Zusammenhang zwischen der politischen und
sozialen und der Geistesgeschichte erst wieder herzustellen. Was sie
aber aus der Betrachtung der Renaissance, indem sie Kunst, Geist,
privates und öffentliches Leben zusammen nahmen, gelernt haben, das hat
Shakespeare der Renaissancemensch lebendig gewußt: daß, was heutigen
Tags -- auch für ihn schon genugsam heutigen Tags -- in Verfall und
Entwürdigung Rest, Gespenst und Schmach ist, einst groß, würdig,
geweiht und notwendig war.
In der ganzen modernen Geschichte weiß ich keinen, der Shakespeares
Coriolan in dem tiefen Grunde, wo das Wesen sich aus dem Elementaren
aufbaut, so nah käme wie ein Mann, der einer der größten Revolutionäre
aller Zeiten war, der Vertreter der Plebejer, obwohl ein Mann des Adels
in jeder Hinsicht, der Graf Mirabeau, der tolle leidenschaftliche
Feuerkopf, der doch zugleich -- wie Coriolan der größte Soldat -- so
er der größte Politiker seines Volkes ist. Von äußerlichen Analogien
stimmt nichts; die Zeiten und die Lagerung der sozialen und der
psychischen Schichten zu einander haben sich geändert; die Ähnlichkeit
liegt im elementar Wesentlichen: eine Leidenschaft so starker Art, wie
sie sonst den Menschen verzerrt und verzettelt; hier aber der Ausdruck
nur der unabänderlichen Festigkeit eines Kernes; ein Temperament, wie
es sonst die persönlich Gierigen haben, hier aber Sprache und Gewand
der Gesinnung und Sachlichkeit. Die entgegengesetzte Stellung, die die
beiden zu haben scheinen, darf uns gar nicht täuschen: schon dieses
Coriolan nächster Bruder, Shakespeares Cassius, hat sich in einen
Revolutionär und zugleich Politiker gewandelt. Alle drei, Coriolan,
Cassius und Mirabeau sind innerlich und in der explosiven Art ihrer
Äußerung geeint: sie gehören, wie Mirabeau es einmal ausdrückt,
zu den „starken Seelen, welche die Freiheit im Naturzustand wild
und im zivilisierten stolz macht“, und immer wieder kommt es zu
solchen Gegensätzen ihrer stolzen Natur zur Umgebung, daß sie in den
Naturzustand zurückfallen und wild werden. Und die beiden, die hier
zusammengestellt werden, Coriolan und Mirabeau, gehen doch auch in
ihren äußeren Schicksalen einen guten Schritt zusammen; nicht bloß
die großen Menschen, auch die Zeiten und die politischen und sozialen
Zustände ändern zwar die Gewänder und Masken, bleiben sich im Kern aber
gleich. Auch Mirabeau, abgesehen davon, daß er als tief Unsittlicher
gilt -- die Heuchelei und Verbannung auf _diesem_ Gebiet ist
eine moderne Neuerung --, und daß von seiner Nötigung, die unbändige
Kraft der Seele und des Leibes in Geschlecht und Erotik zu üben und
zu verschwenden, Coriolan, der Sohn einer keuschen und harten Welt,
keinen Zug hat, auch Mirabeau ist bis auf den heutigen Tag, gerade bei
denen, deren politischer Führer er heute noch sein müßte, als Landes-
und Volksverräter, als Verräter seiner Sache in Acht und Bann getan wie
Coriolan.
Nun aber geht die Parallele nicht weiter, denn Coriolan erlebte seine
Verbannung und sollte weiter leben. Er war ein politischer Feind der
Zustände, die die Plebejer durch Aufruhr ertrotzt und die Patrizier
in Nachgiebigkeit zugestanden hatten; er stand allein zwischen den
Parteien, niemand wagte es, in diesem Augenblick ihm zur Seite zu
treten und den Kampf aufzunehmen; und so benutzten seine Todfeinde, die
Volkstribunen, ihre Macht und verwiesen ihn als Verräter des Landes.
Nun aber, nach seiner Verbannung, macht er sich äußerlich ohne Zweifel
wirklich zum Verräter, zum Feind seines Landes. Wie zeigt ihn uns
Shakespeare in dieser Situation? Warum geht er zu den Volskern und
zieht mit ihnen kriegerisch vor die Tore Roms?
Wenn dieser Mann Coriolan sein Leben überblickt, dann war es seit
langen Jahren immer so, daß er zwei Feinde hatte, mit deren einem er in
einer Gemeinschaft des Zorns und Ekels zusammen wohnen mußte, während
er den andern ritterlich auf Tod und Leben bekämpfte. Für die Idee
Roms hat er dies beides getan: mit den zufälligen, in mannigfacher
Abstufung erbärmlichen Menschenexemplaren, die sich Römer nannten,
nicht bloß zusammengehaust, sondern sie immer wieder geführt und fast
gewalttätig mit seinem kriegerischen Feuer erfüllt und in den Kampf
getrieben, in den Kampf eben gegen Tullus Aufidius und seine Mannen.
Den aber, Tullus Aufidius, den Feldherrn der Volsker, darf er achten,
indem er mit ihm ficht, er sieht ihn als einen Ebenbürtigen, als
den Ebenbürtigen an, als seinen Zweiten in der Welt; sie gehören zu
feindlichen Völkern und stehn im Wettstreit um den Heldenruhm: ihrer
Natur nach Zusammengehörige, die von den Verhältnissen zur Feindschaft
bestimmt sind; Coriolan und die Bewohner Roms sind ihrer Natur nach
tief Getrennte, die von den Verhältnissen zum Zusammenhalten bestimmt
sind. Nun sind diese Bande zerrissen worden, von den Römern selbst; und
ihre Verbindung mit der Idee Roms, die nur durch Coriolan geschlossen
wurde, in dem sie verkörpert ist, haben sie auch gesprengt.
Tief drunten, in Coriolans innerster Notwendigkeit also ruht der
Seelenzwang, um der Idee Roms willen Krieg zu führen gegen die Römer.
Aber Menschen von Coriolans Art, die sich so stolz auf sich selber
verlassen und so aus dem Grunde leben, in denen alles Geistige zur
Natur und wie zum Trieb geworden ist, leben ihr Leben, sie leben
nicht ihre Motive. Sie handeln nicht nach Prinzipien, mit Plänen, zu
Zielen; sie stehen im Augenblick. Daß er für Rom kämpft, wo er auch
kämpft, ob er auch gegen die Römer kämpft, das weiß der Zornige jetzt
nicht. Er weiß nur, daß Rom ihn ausgestoßen hat, daß Rom sein Feind
ist, gegen den er äußersten Krieg zu führen hat, und daß einer, den
er achtet, einer seinesgleichen gerade schon wieder angefangen hat,
den kaum erloschenen Krieg gegen Rom aufzunehmen. Die Römer haben
ihren Feldherrn vertrieben, obwohl der große Feldherr Tullus Aufidius
ihnen droht; nun sollen sie sehen, diese führerlose Herde, wie sie
allein fertig werden, wenn zwei Helden gegen sie anrücken. Coriolan
ist mit den Wurzeln aus seinem Boden gerissen worden; da er voller
Kraft und Zorn und Leben ist, bleibt nur übrig, zu sterben oder diesem
Leben einen neuen Sinn zu schaffen. Seine Stadt hat mit ihm Ehre und
Ruhm verstoßen und hat das Regiment den Krämern, den Pfuschern und
Neidlingen ausgeliefert; er geht zu Roms Feind, zu Tullus Aufidius.
Rache muß geübt werden; die, die ihn strafen und vernichten wollten,
müssen gestraft und unschädlich gemacht werden; daran hängt jetzt sein
Leben, daß er über die triumphiert, die ihn wie einen räudigen Hund
fortgejagt haben -- die Hunde! hängt sie! --, daß er als Sieger Rom zu
seinen Füßen sieht.
Es gibt eine schöne Erzählung von Aaron Bernstein, die von dem
Schicksal eines starken, heldischen Jünglings in der jüdischen Enge
eines Landstädtchens berichtet. Da kommt ein wohlweiser Schwätzer vor,
der gern zu allem seine talmudisch zugespitzten Sprüchlein macht; und
in einer bestimmten Situation gibt er seinem Publikum das Rätsel
auf: Warum ist Mendel Gibbor, der starke Mendel, so traurig? Aber
siehe da, wie der Starke sich wieder sehen läßt, ist er wider Erwarten
gar nicht traurig: es ist fast so etwas wie Lustigkeit in ihm; diese
starken Naturen sind unberechenbar. So ähnlich könnte es uns gehn,
wenn wir jetzt Coriolan nach allem, was wir gesehen und über seine
Verfassung und Lage gesagt haben, nach der Ausstoßung beim Abschied
von der Mutter, der Frau, den Freunden sehen. Er ist gar nicht zornig,
der Zornige! Irgendwo in ihm ruht der Zorn und nährt sich; was in die
Erscheinung tritt, ist gefaßte Gemächlichkeit und liebevoller Trost
an die Teilnehmenden! Er hat sich ausgetobt und ist ruhig, mit einem
liebenswürdigen Anflug von Humor; und vor allem: wie kann er zornig
sein, da es nun seine Mutter an seiner Statt ist und da er überdies
den Schmerz seines zarten, zagen Weibes sieht! Mutter Volumnia weiß
gar nichts mehr davon, daß sie je mit ihrem Sohn unzufrieden war; es
ist alles so gekommen, wie es ihre Klugheit widerraten, wie es eine
tiefere Stimme in ihr aber unabweisbar vorhergesagt hat. Ihr ganzer
Zorn gilt denen, die ihren edeln Sohn, auf den sie nie so stolz war,
wie in diesem Augenblick, vertreiben. Coriolan hat nichts zu tun, als
sie zu beruhigen. Für sich braucht er nichts mehr, keinen Zuspruch,
keine Hilfe, kein Wüten und vor allem keine Begleitung. Er ist ganz
gefaßt; etwas in ihm hat schon den Entschluß gefaßt. Daß er frische,
ungebrochene Kraft in sich spürt, spricht er aus; und im übrigen:
Solang ich atm’ in dieser Welt, sollt ihr
Stets von mir hören, und nie andrer Art,
Als je mir eigen war.
Wie er aber nun weg ist, wie die beiden Frauen durch die Straßen
Roms zurückgehen, und die beiden Tribunen ihnen, sehr gegen ihren
Willen, in die Arme laufen, da wird auch Virginia, Coriolans stilles,
ängstlich-schüchternes Weib, tapfer; den armen zurückgelassenen Frauen
bleibt nichts als die Zunge; aber mit ihren leidenschaftlichen Worten
und Wünschen sagen sie triumphierend voraus, was dann geschieht: daß
Coriolan mit dem Schwert in der Hand seine römischen Feinde zu strafen
kommt. Wie anders wird diesen Frauen die Wirklichkeit aussehen als ihr
Wunsch! Sie können nur ohnmächtig und ohne Vorstellungskraft wünschen,
Coriolans Feinde möchten gestraft werden; er aber wird’s tun, auf dem
Wege, den die Wirklichkeit bietet, auf keinem andern; und mehr und
mehr wird auch der Zorn, der jetzt noch schlummert, in ihm gegen die
erwachen und wachsen, die hätten mannhaft zu ihm stehen sollen und ihn
allein gelassen haben.
Als armer Mann verkleidet tritt er in Antium in das Haus seines
Todfeindes Aufidius. Jeder Einwohner dieser Stadt hat Grund, ihn
niederzuschlagen. Aber er fürchtet nichts; alle Gefühle hat er tief
drunten geborgen, oben in ihm lebt nur die Verwunderung über diese
seltsame Welt und ihre Wandlungen:
Ich hasse meine Wiege, liebe nun
Die Feindesstadt!
Für ihn gibt’s nun nichts zu tun; es ist fast, als ob bloß sein Körper
da wäre; nachdem er seinen Entschluß, es zu wagen, gefaßt hat, ist
alles Tullus Aufidius anheimgegeben; er selber ist in der Sache nichts
weiter wert. Schlägt der ihn gleich nieder, so hat er recht; kann er im
Vaterlandsfeind aber den Ebenbürtigen erkennen, ist da in Antium eine
solche Stätte des Adels und des verstehenden Edelmuts, daß Platz für
zwei solche Gleiche ist, dann ist er, wo er jetzt hingehört: dann dient
er entschlossen den Volskern gegen Rom.
Einen Gentleman, einen Adelsmann nennt er sich, wie der Diener den
Zerlumpten fragt, wer er sei; und es ist so, wie der Diener höhnisch
hinzufügt: „aber ein armer“! Auch in Lumpen ein Adliger, auch als
Landesverräter ein Ritter, das ist Coriolan.
Und dann steht er dem Feind gegenüber und offenbart sich ihm kühn.
In diesem Augenblick kommt, für uns wie für ihn, zum ersten Mal klar
heraus, was ihn über diese Schwelle gebracht hat: er spielt ~Va
banque~. Irgendwie weiterleben und warten, bis die etwa da drinnen
in Rom sich anders besinnen und ihn gnädig zurückberufen, das kann er
nicht. Entweder -- oder. Entweder ist Tullus Aufidius zu dem Großen,
Herrlichen imstande, dessen er sich von ihm versieht; dann auf zur
Rache! Oder er, der Heimatlose, ist allein und waffenlos in die Stadt,
in das Lager, in das Haus des Todfeinds gegangen: dann hat er den Tod
gefunden, den er sucht.
Der Römer bietet sich dem Feinde seines Vaterlands als Bundesgenossen
an: Coriolan übt Verrat! Die Worte klingen, als bezeichneten sie
eine ärgste, eine viel schlimmere Vergewaltigung des Edlen gegen
sich selbst, als er sie früher zweimal versucht hat; zuerst, als er
Consul werden wollte, das war fast harmlos gegen das Zweite, das sich
daraus ergab, den furchtbar gescheiterten Versuch, den reuigen Sünder
vorzustellen und Verachteten Achtung vorzumachen. Das hat ihn in die
Verbannung getrieben; ist er jetzt bei der dritten, der äußersten
Gewalttat gegen sich selbst? Sicher ist, damals litt er gräßlich
darunter, daß er sich anders geben sollte, als er ist; jetzt ist er
seinem eignen Gefühl von sich selbst nach in höchster Lust mit sich
eins. Das offenbart sich uns in der Ruhe, der Größe, der Freiheit
seiner Rede. Wer so dasteht, wie der Mann in diesem Moment, und sich
Aug in Auge dem Tode stellt, wer Tage und Nächte einsam gewandert
ist, mit keinem andern Gedanken als diesem Ziele zu, vor dem er jetzt
steht, dem ist Rom, Vaterland und alles, was Namen führt, wie Kleid und
Schuppen abgefallen, er steht nackt da in der Natur seines Heldentums
und seiner ungebrochenen Kampflust, als einer, der voller Leben ist und
zu sterben bereit ist. Ja, in diesem Augenblick lebt kein Rom in ihm,
hat keine Mutter ihn geboren; er hat kein Vaterland, ist losgelöst von
allem, wovon der Mensch sich nur freimachen kann, ohne aufzuhören, er
selbst zu sein; und wüßten wir das nur, daß alles andre als eines, dem
wir uns ergeben, in jedem Augenblick frei von uns gewählt und ergriffen
wird, wie viel inniger, wie viel mehr wir selbst würden wir unsrer
Sache uns hingeben! Er hat nur noch dies eine: seine heldische Natur;
ein Schwert hat er und weiß einen Feind. So steht er vor dem Mann, der
ihm zum Tod oder zu seiner allein noch gebliebenen Bestimmung helfen
soll, und spricht:
Nicht in der Hoffnung,
-- Verkenn mich nicht -- mein Leben zu erhalten;
Scheut’ ich den Tod, wohl keinen in der Welt
Hätt’ ich geflohn wie dich; nein, bloß aus Trotz,
Um völlig quitt zu sein mit den Verbannern,
Steh’ ich vor dir nun da...
Denn -- ich kämpfe gegen
Mein krankes Vaterland mit der Erbittrung
Von allen Höllengeistern. Doch wofern
Du es nicht wagst und, mehr das Glück zu proben,
Satt bist, so hör’s mit einem Wort: auch ich
Bin fortzuleben herzlich müd und biete
Die Kehle dir und deinem alten Grimm...
Man braucht gar noch nicht in Betracht zu ziehen, daß Aufidius und sein
Volk ein hohes Interesse daran haben, ihren furchtbaren Feind in ihren
Dienst zu ziehen, Roms Helden und den Führer der gekränkten und auf
ihre Stunde harrenden Adelspartei als Feldherrn im Kampf gegen Rom zu
gewinnen; all solche Erwägungen kommen später entscheidend zur Geltung;
für jetzt ist Aufidius von diesem tragischen Geschick und dieser
tragischen Größe menschlich erschüttert:
Mein Marcius --
bricht er aus --
Und hätten wir nichts gegen Rom, als daß
Es dich verbannt, wir wollten alle mustern
Vom zwölften Jahr zum siebzigsten und wütend
Ins tiefste Mark des undankbaren Roms
Wie kühne Flut einbrechen.
Wie wäre es gegangen, wenn nicht die hohe Erschütterung, wenn die
niedrigen Elemente die Entscheidung hätten treffen sollen und wider
einander gestritten hätten: kluge Politik und eingefressener Haß?
Keine leichte Wahl; und so sind denn auch diesmal die Interesse- und
Haßpolitiker in Rom, die beiden Volkstribunen beim ersten Eintreffen
der Nachricht nicht gleich einig. Der eine meint: sehr wahrscheinlich;
das leuchtet ihm erschrecklich ein; der andre aber glaubt’s nicht; er
glaubt nicht daran, daß die Klugheit über den Haß gesiegt habe:
Er und Aufidius sind nicht mehr versöhnbar,
Als wie der ungeheu’rste Widerspruch.
Was da in Antium zwischen den beiden Helden vorging, war nicht das
Wahrscheinliche, wie die Niedrigkeit nachrechnete, und war nicht das
Unmögliche, das die andere Niedrigkeit aus dem eigenen Hasse erschloß;
es war das Überwältigende.
Und schon kommt Coriolan wie ein Wetterstrahl schnell und zündend
bis vor die Tore Roms, ganz in Rache eingehüllt, er weiß von nichts
anderm mehr, hat keinen Gedanken, kein Ziel, keine Vorstellung des
Nachher; „eine Art von Nichts“ nennt er sich, und damit wissen wir
schon, wie er sich bei den Volskern vereinsamt, unter Feinden und ganz
fehl am Ort vorkommen würde, wenn er zur Besinnung käme. Nicht einmal
einen Namen hat er mehr; Cajus Marcius? er darf nicht daran denken,
zu welchem Geschlecht er gehört, wo er gegen die Stadt seiner Väter,
seiner Mutter, seiner Frau und seines Sohnes zieht; Coriolan? das ist
der Name, der Schimpf und Hohn für seine, ach ja, für seine Freunde in
sich birgt. So fühlt er sich als einen aus der Menschheit Gestoßenen,
Namenlosen,
Bis er sich selbst geschmiedet einen Namen
Im Brande Roms.
Rom, die Stadt der Plebejer und der feigen Patrizier, die zugesehen
haben, wie sein Held und Retter ausgetrieben wurde, soll brennen.
Wie haben da inzwischen die Stimmungen gewechselt; wie sieht’s da jetzt
aus! Wie die Boten die furchtbaren Nachrichten immer bedrohlicher
bringen, ist die erste Wirkung eine innerpolitische: wie erheben die
Patrizier, die sich ehrlich für Coriolans Freunde halten, deren Sache
er geführt hat, die ihn aus Politik allein gelassen hatten, wie erheben
sie das Haupt; was für eine kühne Sprache findet nun der bedächtige
Menenius Agrippa! Ihr habt’s schön gemacht! Ihr seid schuld! Derlei
bekommen nun die Tribunen mit derbem Schimpf und Spott zu hören. Und
die Volkstribunen lassen die Ohren hängen und werden immer kleinlauter;
und das Volk kommt in Angst; dem ist jetzt, als ob es gleich sehr
ungern in Coriolans Verbannung gewilligt hätte. Coriolans Fluch, der
den innern Zustand des Volks und seiner politischen Führer beschrieben
hatte, will äußerlich in Erfüllung gehen. Aber dann, wie die Gefahr
immer entsetzlicher wird, klingt aus den bösen, aufgebrachten Reden
der Patrizier doch auch schon die Angst durch, und es kommt dahin,
daß angesichts der Gefahr der Parteistreit zurücktritt: die Stadt
muß gerettet werden. Aber wie? Zu verteidigen ist da nichts, wenn
Coriolan vor den Toren steht, statt als Schützer auf den Wällen. Er
muß zurückgerufen werden; er muß gebeten werden, abzuziehen; er muß um
Schonung angefleht werden.
Der Konsul Cominius versucht’s; umsonst. Coriolan weiß nichts andres
als: Rom muß brennen. Hängt sie! hatte er, wie gewohnt, einmal unwillig
vor sich hingebrummt; und die Mutter, um ihn freundschaftlich mahnend
zur Besinnung zu bringen, hatte ironisch fortgesetzt: Und brennt sie!
Nun soll Ernst daraus werden; Coriolan hat den roten Blick und sieht
nichts mehr vor sich als Flammen. Cominius erinnert ihn wohl an seine
nächsten Freunde und Angehörigen; er aber ist in der Verfassung des
Würgengels, der keine Schonung, keine Unterscheidung mehr kennt:
Torheit
Wär’s, kränkenden Gestank nicht zu verbrennen
Um ein, zwei Körner willen.
Und der alte Menenius ächzt, wie er das hört: Eins von den Körnern bin
ich; und seine Mutter, sein Weib, sein Kind! Für diese Volkstribunen
sollen wir mitverbrannt werden!
Er will’s aber, auch weil diese alten Männer, die Volksvertreter,
jetzt so verschüchtert und manierlich bitten können, versuchen, ob ihm
nicht glückt, was der Feldherr Cominius nicht über Coriolan vermocht
hat. Er ist ein Pfiffiger, der alte Mann, und eitel dazu, und mit so
einer Art physiologischer Psychologie redet er sich ein, man müsse nur
den rechten Augenblick wählen, vielleicht habe Coriolan nüchtern vor
dem Frühstück abgelehnt, was er ihm nach dem Mittagessen gutgelaunt
bewilligen würde.
Aber da urteilt die kleine feine Klugheit -- oder die Angst, die sich
etwas einreden möchte, woran sie selbst nicht glaubt; die vehemente
Glut des ungestümen Mannes Coriolan zwingt noch mehr unter sich als die
Funktionen des Leibs. Er hat ein für allemal den Befehl gegeben, keinen
aus Rom mehr vorzulassen; die da drin -- alle! -- sind schuld, daß er
nun nicht mehr kann, wie er will, selbst wenn er umkehren wollte. Jetzt
geht’s nicht mehr bloß um die Rache; die Ehre verlangt’s, daß er denen
Treue hält, in deren Dienst er getreten ist. So schickt er auch den
Menenius heim, der trotz aller Abweisung nicht weichen wollte und dem
er in den Weg gelaufen ist:
Weib, Mutter, Kind, sind fremd mir. Meine Pflicht
Ist andern dienstbar. Hab’ ich schon zur Rache
Besondres Recht, liegt die Vergebung doch
Im Volskerherzen.
Da ist der Zwiespalt; darum kann er nicht denken, sich nicht zureden
lassen; das ist jetzt seine Härte. Er ist nie ein Mann des Triebs und
der Laune gewesen; so sehr ihn die Leidenschaft verdüstern, umdunkeln
kann, sie ist nie ohne Gesinnung in ihm; aber haben sie ihn nicht
vaterlandslos und zum Landsknecht, zu fremden Landes Knecht gemacht? Er
kann nicht mehr wie er -- gar nicht will -- -- sie sollen’s büßen.