freut ihn; das aber erquickt ihn, daß seine Tat ihm einen Namen gemacht
hat und daß er jetzt zugleich nach sich und der Sache heißt, Cajus
Marcius nicht mehr allein, sondern Cajus Marcius Coriolanus.
Seine Verachtung gegen die Plebejer hängt auch zusammen mit der
Abneigung seiner Natur gegen jeden Schachersinn, jede Kleinlichkeit
und Erwerbsgier. Zumal, wenn dieser niedrige Erwerbssinn sich auf
dem Gebiet der Ritterlichkeit, im Kriege zeigt, wenn die römischen
Plebejer, als Soldaten nur wie maskiert, den Kampf unterbrechen, um
gierig Beute zu machen, bricht sein Zorn los.
Die Beute stieß er weg
Und sah auf Kleinodien, als wären sie
Verworfner Unrat. Weniger begehrt er,
Als Geiz selbst gäbe; Lohn genug der Tat
Hat er am Tun...
Die Senatoren, der Konsul Cominius, der kluge Menenius Agrippa, sie
alle da oben sind ganz seiner Gesinnung; aber sie haben nicht seine
unnachgiebige Natur; sie sehen, wie die Zeiten sich gewandelt haben,
sehen wohl gar ein gewisses Recht auch auf der andern Seite, so sind
sie politisch, bedächtig, manchmal fast -- so dünkt es ihn -- feige.
Er aber -- seine Mutter sagt es, die ihn am besten kennt, weil sie ihm
am meisten gleicht --, er will und muß die soldatisch kriegerischen
Tugenden auch auf die Dinge des Friedens, der Politik übertragen; er
ist immer geradeheraus, offen, rücksichtslos:
Sein Wesen ist zu edel für die Welt,
meint der alte Menenius,
Sein Herz ist auch sein Mund,
Was seine Brust denkt, sagt die Zung’ heraus,
Und aufgebracht vergißt er, daß er je
Den Namen Tod gehört.
Im Kampf ist er sofort der Führer, weil er eben der Vorderste ist; er
ist von Natur der Fürst, wie eins die erste Zahl ist, aus der sich
alle andern kumulieren; und wie der First das Oberste vom Haus ist,
weil er nicht drunten sein kann, so ist er der Oberst, wenn’s auf
tapfre Tat ankommt; er denkt gar nicht daran, ob man ihn auch formell
zum Feldherrn ernannt hat. So hat er im Krieg gegen die Volsker seine
Vorgesetzten und ehrt sie; wo’s aber das Einsetzen der Person gilt,
da ist er der erste, gleichviel, welchen Titel er führt und wo er zu
Anfang stand.
Daß das aber so ist, daß die andern, die zu ihm gehören und
seinesgleichen sein sollten, es nicht sind, das weiß er wohl; er kann
es nicht übersehen; sachlich ist er bescheiden, unsachlich wüßte er
nicht, warum, und zeigt den ungescheutesten Stolz und Anspruch. Er
weiß, daß er der Edelste in Rom ist; er ist der echte Vertreter des
jetzt bedrohten Adels, er ist der berufene Führer der Gemeinschaft.
Gar keinen unedeln, persönlichen Trieb hat er, wenn er in großartiger
Haltung und Selbstverständlichkeit sich seiner Aufgabe nicht entziehen
und also Consul der Republik werden will.
Und da fängt er an, sich selbst untreu zu werden, sich gegen seine
Natur zu vergehen. Die Situation ist so, daß seine Natur die Stellung,
die sie zu ihrem Wirken in der Welt braucht, nur erlangen kann,
wenn sie nicht ist, was sie ist. Für ihn, der keine Anpassung, keine
Klugheit und Berechnung kennt, gibt es den Grundsatz nicht: Der Zweck
heiligt die Mittel. Womit gesagt ist: er ist kein Politiker, wie es
sein alter Freund Menenius Agrippa, wie es auch seine starkgeistige
Mutter Volumnia ist, die es in einer andern Mischung der Gaben vermag,
hoheitsvoll und doch klug zu sein.
Der Consul muß gewählt werden, und der Kandidat hat ein gewisses
Zeremoniell zu erfüllen. Unter äußerster Selbstüberwindung fügt er
sich dem Brauch, die Bürger um ihre Stimmen zu bitten, ihnen gar
seine Narben zu zeigen; denn nur der kann Consul werden in diesem
Kriegerstaat, der dem Vaterland im Krieg mit persönlicher Tapferkeit
gedient hat; und wer’s werden will, muß sich persönlich zu dem Volk
bemühen, das auch einmal etwas vom Herrentum schmecken will. Sein
Werben aber, seine Wahlreden klingen mehr wie knirschender Hohn als wie
ein demütiges Bitten.
Zwei stehen ihm immerzu gegenüber, deren persönliche Berufung so
wenig wie ihre Amtsbefugnis er anzuerkennen vermag; die beiden
Volkstribunen, die der Individualisierungskünstler Shakespeare genau
so ununterscheidbar paarweise auftreten läßt, wie Rosenkranz und
Güldenstern, die Höflinge mit den deutschen Namen, im Hamlet; und beide
Male zeigt dieses Verhältnis des Einzigen zum Paarigen die Stellung
des Genies gegenüber der Herde: denn Coriolan ist ein Genie der Tat,
wie Hamlet eines der grübelnd bohrenden Phantasie; alle beide sind
Repräsentanten der Vornehmheit, der adligen Seele, die in dieser Welt
vereinsamt ist.
Wie aber Hamlet bei all der Vornehmheit seiner Natur mit Polemik,
Bosheit, derbem oder stechendem Witz, hie und da sogar mit Zoten gegen
die Welt reagieren muß, so kocht es in Coriolans adliger Seele immer
über, und wenn er nach Rom auf die Straßen muß, läuft er mit rotem
Kopf und Zorn herum. Er ist grob und er schimpft über die Maßen. Wie
die andern Patrizier sich nur so anpassen können, begreift er nicht. Da
fehlt es in Rom an Korn, die Plebejer treten in Aufruhr und geben den
Patriziern die Schuld. Menenius Agrippa ist erfolgreich daran, sie mit
einer sinnreichen Parabel zu beruhigen; er redet dabei recht vorsichtig
und in liebevollem Ton mit ihnen, nennt sie Landsleute, Bürger,
Nachbarn, liebe Freunde; daß er freilich innerlich nicht anders über
sie denkt wie Marcius, merkt man in dem Augenblick, wo er den Schritt
des Kühnen auf dem Pflaster hört; da fängt er auf einmal an, mit Wicht
und Lumpenhund um sich zu werfen. Nicht zu leugnen, daß das der Ton
ist, auf den Cajus Marcius seit langem seinen Umgang mit den Leuten
gestimmt hat. Er fühlt sich gehaßt, und er macht es nicht wie jener
General, der nach der Besichtigung und Kritik sich von den stumm sich
verbeugenden Offizieren mit den Worten verabschiedet: „Mich auch“ -- er
redet deutlicher. „Hängt sie!“ hat er sich so als Redensart angewöhnt,
wie andre „Na ja“ sagen; und im übrigen nennt er sie Hunde. Fast das
Herz will es ihm brechen, wie man, um ihren Aufruhr zu unterdrücken,
ihnen eine ihrer Hauptforderungen zugesteht und ihnen die Volkstribunen
bewilligt, die sie als Vertreter ihrer Interessen selbst wählen dürfen.
Fünf sind sie an Zahl; der kluge Dichter läßt immer nur das Paar
auftreten.
Mit dieser neuen Einrichtung ist ihm das Vaterland und die alte
Verfassung entscheidend von innen bedroht. Aber wie er so herumläuft
und wütet, bekommen wir den Eindruck: gäb’s keine triftigen Gründe
für seinen Zorn, er müßte sie sich schaffen, solange sich seiner
Angriffslust kein Ziel bietet; er braucht die große Tat; der Krieg um
Corioli war darum wie eine Erlösung für ihn. Wie er nun das Vaterland
gerettet hat und als Coriolanus, mit dem Eichenkranz gekrönt,
zurückkehrt, da merkt auch das römische Volk, da merken selbst seine
ärgsten Feinde, daß das nicht der eigentliche Marcius war, der Mann,
der wie ein ärgerlicher Wüterich, wie ein nach Taten hungriger Wolf mit
starken Schritten zornig über ihre Straßen gegangen war. Jetzt tritt er
auf, wie einer der Volkstribunen zugestehn muß,
Als hätt’ der Gott, sein Lenker, wer’s auch sei,
Sich leis’ in seine Menschheit eingeschlichen
Und gäb’ ihm edle Hoheit.
Und wie nun das römische Volk, das von furchtbaren Ängsten befreit
ist, in ihm nicht mehr den Feind, sondern den Retter und berufenen
Führer erblickt, wie sie ihn als ihren populärsten Mann beim Einzug
umjubeln, davon, da solche Szene in ihrem innern Wert auf der Bühne
nicht sichtbar zu machen ist und da Shakespeare aus äußerlichem Theater
sich nichts macht, erhalten wir eine Beschreibung aus dem Munde des
neidischen Ärgers. Der Volkstribun berichtet:
... Die geschwätz’ge Amme
In Seelentzückung läßt den Säugling schrein
Und schnakt von ihm; die Küchenschlampe steckt
Den besten Fetzen um den rußigen Hals
Und klettert auf den Wall, ihn zu begucken;
Gestopft sind Buden, Erker, Fenster; Giebel
Und Dach von allerlei Gestalt beritten...
Und in diesem über alles günstigen Augenblick soll Coriolan Consul
werden; der Feind draußen ist besiegt, Rom ist gesichert; nun soll,
wenn’s nach seinem Willen geht, der alte Zustand wiederhergestellt
werden, sollen die Patrizier ungeschmälert das Amt ausüben, zu dem
sie berufen sind. Der Senat versammelt sich in feierlicher Sitzung;
den Bericht über seine Taten, den der alte Consul zu erstatten hat
und der -- Coriolan weiß es -- eine Lobrede werden muß, kann er nicht
anhören und läuft weg; wie er dann aber wiederkommt und der Senat ihm
die einzige Ehre erweist, die für ihn eine ist, und ihn zum Consul
ernennt, nimmt er hochgemut an. Hier steht er vor seinesgleichen, ein
stolzer Mann, der so fröhlich sein könnte, wenn die Zeiten danach
wären; und warum soll der Senat in diesem Augenblick nicht das Rechte
tun, damit alles gut wird? Da bittet er herzhaft: ihr habt mich nun zum
Consul gemacht; die Bettelei beim Volk ist ein schnöder Brauch ohne
Bedeutung; erspart mir’s! Das, einen Brauch aufzugeben, hätte auch
in andern Zeiten schwer gehalten; jetzt aber sind die Volksvertreter
da, die ihre neue Macht zeigen wollen; der Brauch soll mit einem
Mal verhaßte Bedeutung gewinnen; der Consul soll nunmehr vom Senat
vorgeschlagen, vom Volk aber in vollem Ernst gewählt werden. So muß er
sich nicht nur dem Brauch fügen, der Brauch soll parteimäßig ausgenutzt
werden; schon organisieren und bearbeiten die Tribunen ihre Truppen und
lauern auf die Gelegenheit, ihn zu Fall zu bringen.
So muß er sich, da er sein Ziel erreichen will, zu einer Komödie
bequemen, die ganz gegen seine Natur geht und für ihn Erniedrigung
ist. Er könnte es nie auch nur versuchen, wenn’s die neue Einrichtung
wäre; aber zunächst sind’s die Formen des alten Brauchs. Trüppchenweise
stehn die Bürger beisammen; jedem soll er sein Verdienst nennen
und seine Wunden weisen. Er versucht’s; es wird die sonderbarste
Bewerbung, die Rom je gesehen hat; in ihm kämpfen Wut, Lachen und
stolzes Aufbäumen. Was ihn hergebracht habe? fragt da so einer. Mein
eignes Verdienst! gibt er zur Antwort und fügt hinzu: Soll ich denn
etwa arme Leute anbetteln? Seine Wunden verspricht er zu zeigen,
wenn er mit dem einen oder andern einmal allein ist. Und dann geht
er weiter und knirscht etwas von Almosen zwischen den Zähnen. Die
Bürgersleute sind so bestürzt und stehn zugleich noch so unter dem
Eindruck seiner Rettertat, daß sie ihm -- es ist ja keine Wahl
zwischen mehreren, ist ja ein Zeremoniell -- die Stimmen eben geben;
schon darf er sich für den Consul halten; da kommen die Tribunen
dazwischen. Nichtwählen, einen andern wählen, das war nicht möglich;
diese Einrichtung, solches Volksrecht besteht nicht; aber jetzt, wo
die Bürger mit ihren Klagen kommen, wie sie behandelt wurden, läßt
sich alles noch wenden: das Staunen und die beleidigten Gefühle werden
demagogisch zur Wut zusammengeballt, werden von den alten Glatzköpfen,
den politischen Volkstribunen gegängelt; tumultuarisch protestiert
das Volk gegen die Wahl, nimmt sie zurück; und es kommt zunächst zu
dem großen Zusammenstoß zwischen Coriolan und den Tribunen. Die ganze
Aufruhrstimmung, die durch die Einsetzung der Volksvertreter und dann
durch den Krieg gedämpft worden war, lebt wieder auf, Coriolan spricht
rückhaltlos, leidenschaftlich seine Meinung, seine Absichten aus, und
keiner der klug bedenkenden Adligen tritt ihm zur Seite. Für ihn aber
geht’s nun gar nicht mehr um den neuen Konflikt; er will gründlich
Wandel schaffen, er wühlt das Alte wieder auf, die neue Einrichtung
besteht ihm nicht zu Recht, das echte Rom ist ihm in seinem edeln
Kern bedroht. Im Aufruhr sind die Tribunen eingesetzt worden; jetzt
ist bessre Zeit, ruft er auf dem Marktplatz aus, jetzt muß ihre
Macht wieder zertrümmert werden. Die Situation ist die, daß in dem
Augenblick, wo es gälte, eine sehr demagogische und in ihrem Recht
zweifelhafte, wiewohl von Coriolan herausfordernd ermöglichte Anwendung
der neuen Macht der Tribunen abzuwenden, Coriolan Öl ins Feuer gießt
und, was die Revolution errungen und der Senat bestätigt hatte, nach
siegreichem Krieg durch eine Gegenrevolution wieder abzuschaffen
vorschlägt. So sieht es aus; er aber platzt damit ganz als einzelner,
in der schwierigsten Lage, in der er schon sowieso ist, ohne Verbindung
mit seinen Standes- und Parteigenossen heraus. Er steht ganz allein;
und nun soll er auf Befehl der Volkstribunen, da er sie in ihrem Amt
angetastet und zum Staatsstreich aufgerufen hat, verhaftet werden,
er soll, nach dem alten Recht, als Hochverräter behandelt werden.
Freilich ist die Situation gänzlich neu, anständigerweise könnte das
alte Recht hier nicht angewandt werden; aber die Volkstribunen haben
ja die Szene mit demagogischen Künsten vorbereitet; sie haben ja
Coriolans Zorn und Heftigkeit im voraus in ihre Rechnung gestellt,
sie haben gehetzt und geschürt, und es ist noch viel besser für sie
gekommen, als sie erwarten konnten; nun wollen sie den Moment eiligst
ausnutzen: Coriolan, eben noch der Held und Retter, soll als Feind des
Vaterlands, als Volksfeind vom Tarpejischen Felsen gestürzt werden. Es
sind welche unter den Patriziern, die ganz wie er denken, die ihn im
stillen bewundern; aber keiner will jetzt den Kampf, zu dem Coriolan
mit gezogenem Schwert herausfordert; das Höchste, was sie für ihn tun
können, ist, daß sie ihm zur Flucht in sein Haus verhelfen und nun
allseitig zu begütigen, zu vermitteln versuchen.
Und nun kommt es, auf einer viel höheren Stufe, in einer weit
gefährlicheren Lage, zu demselben Versuch Coriolans noch einmal, seine
Natur zu vergewaltigen. Die Mutter, die im Innern ganz zu ihm steht,
ihn bewundert und seine Gesinnung völlig teilt, eine Frau, tapfer wie
ein Mann und klug wie eine Römerin, die den Taten der Männer und ihrem
Treiben lange zugesehen hat, überredet ihn, sich zu verstellen und
gute Worte zu geben. Um der Sache willen soll er es tun. Die Szene,
in der ihr dem Festen, Geraden, Tapfern, Zornerfüllten gegenüber
diese unglaubliche und äußerste Umstimmung für den Augenblick des
Entschlusses gelingt, ist so groß, daß auch wir überzeugt werden: ja,
er darf es tun, er vergibt sich nichts.
Wie baut sie sich auf, diese Szene! Coriolan hat schon mit der
Mutter geredet und ist zu seinem Staunen bei ihr auf Kummer und
Unzufriedenheit gestoßen. Jetzt kommt sie wiederum zu ihm; kaum im
Glauben, daß noch zu helfen sei, aber mit Entschluß gewappnet, ihr
Ganzes aufzubieten. Das ist ihr Kummer: was er toll in die Welt gerufen
hat, hätte er tun sollen, und dazu hätte er die Macht gebraucht, und
darum hätte er jetzt schweigen sollen!
Und eminent reif ist, was sie dem Wilden sagt:
Ihr konntet ganz der Mann sein, der Ihr seid,
Bei mindrem Eifer, es zu sein.
Wie es überaus klug und doch schon leicht greisenhaft drollig ist, wenn
der gute Menenius, der dazukommt, meint:
Nun, nun, Ihr wart zu rauh, etwas zu rauh;
Kehrt um und macht es gut.
Daß die Sache besser nicht geschehen wäre, sieht Coriolan allenfalls
ein, aber es ist eben so gekommen, und er weiß nichts andres, als
sich dreinzufinden; hängt sie! Nun, wenn der Mann nur erst einsieht,
daß etwas besser hätte gemacht werden können; den Weg, es wieder
gutzumachen, wird die Frau schon finden. So geht sie einen kühnen
Schritt weiter in der Klugheit und erinnert ihn daran, wie er selbst
auf dem Gebiet seiner Meisterschaft immer gesagt habe, die Kriegslist
sei erlaubt. Warum nicht auch die List im Frieden? Und nun nimmt sie
ihn ganz als ihr Kind, das sie zu unterrichten hat, und gibt ihm genaue
Unterweisung, bis auf Gebärden und Mienen, wie er um Verzeihung zu
bitten habe. Menenius ist ganz entzückt; er kostet gern voraus, der
Psycholog und Feinschmecker; er kennt doch seine Römer; nichts macht
sie glücklicher, als wenn man bittender Weise zu ihnen spricht; und nun
gar, wenn Coriolan, der ihr Kriegsheld und ihr Schimpfheld ist, sich
vor ihnen demütigt! Coriolan steht schweigend da und kämpft den letzten
Kampf mit sich; sein Verstand ist überzeugt. Und wie dann Cominius dazu
kommt und die Gefahr schildert, und wie die andern zu dem reden, als
sei Coriolan schon gefügig, und wie Cominius zeigt, daß er an diese
Möglichkeit nie geglaubt, nie gedacht hätte, da gibt Coriolan gerade
nach; er sieht ein, er ist hier der Vertreter der guten Sache; damit
er tun kann, was er geredet hat, muß er seine Rede zurücknehmen.
Wohl, ich tu’s.
Wär’ nur dies Stück Mensch hier bedroht, der Kloß,
Der Marcius heißt, sie möchten mich zerreiben
Und in die Winde streu’n.
Aber die Sache will’s, und so preßt er sich zusammen und will das
Unmögliche vollbringen.
Aber es graut uns, wenn wir mit ansehen, was es ihn kostet, wie er sich
quält und sich krümmt und sich beschimpft und im ehrlichen Versuch, das
Allerschwerste einzustudieren, fast groteske Gesichter schneidet; wie
er schließlich nur noch als folgsames Kind zur Mutter redet:
Sei ruhig, Mutter.
Ich geh’ schon auf den Markt; schilt nicht mehr, Mutter.
Und nun, in schneidendster Kürze die furchtbare Wendung. Wie hat sie
bitten, beschwören, begründen können, wie hat sie die ganze Autorität
einer römischen Mutter geltend gemacht, solange er ungebärdig vor ihr
stand, als einer, der die große Sache seines Lebens verdorben hatte,
so daß sie nichts mehr vor sich sah als dies eine Mittel. Schimpfliche
Verstellung und Demütigung für einen Augenblick; nun sei’s drum! Der
Verstand ist so gern bereit, zum Letzten hinzustreben und aus einem
Berg, der dazwischen trotzt, eine Stufe zu machen. Aber jetzt, wo er
ganz nachgibt und gar nicht mehr widerstrebt, empfindet sie ein solches
Leid in ihm, daß sie innerlich zusammenbricht und an alles nicht mehr
glaubt, was sie gesagt hat. Sie kennt doch ihren Sohn! Weiß, wie es
ist, wie es wird, wenn er sich Gewalt antut. Sie kann nichts mehr
sagen: „Tu, was du willst“, bringt sie noch heraus und geht.
Sie sieht in der Einsamkeit, in die sie sich zurückzieht, gewiß voraus,
was nun auf dem Marktplatz der Männer vor sich geht. Inzwischen haben
die Volkstribunen nicht geruht, haben die Zünfte organisiert, um
ihren nun bevorstehenden endgültigen Richterspruch zu einmütiger
Annahme und sofortiger Vollstreckung zu bringen. Es soll Coriolan,
dem Volksverächter, den Hals kosten, und das Mittel, jede freundliche
Wendung zu verhindern, kennen die Gewitzten: ihr Feind hat dafür
gesorgt, daß seine schwache Stelle nicht unbekannt blieb:
Reizt ihn sogleich zum Zorn...
... Braust er erst auf,
So bringt ihn nichts zur Mäßigung.
Coriolan kommt, von den Getreuen geleitet; sehr unruhig redet Menenius
immer auf ihn ein, vor allem ruhig zu sein. Er kommt denn auch ganz
in der beschlossenen Haltung sanfter Nachgiebigkeit. Wenn nur der
wohlmeinende alte Menenius, um’s vollends gutzumachen, nicht anfinge,
von seinen Heldentaten und Wunden zu den Bürgern zu reden! Da kommt
doch sofort der Zorn wieder über ihn; vor denen da, jetzt, davon
Rühmens machen! Wenn nur überhaupt Augen und Ohren nicht wären! Aber
was nützt aller Vorsatz des Verstandes, wenn diese Volkstribunen auf
seine Sinne wirken, wenn er sie nicht riechen kann? Und schon richtet
er sich auf und stellt sie zur Rede: Was? ihn erst zum Consul wählen
und ihm dann das Amt nehmen? Das ist aber nur ein Augenblick des
Vergessens; sowie ihm bedeutet wird, er habe jetzt Rede zu stehen, fügt
er sich wieder in die vorgesetzte Rolle. Und so beginnt die Anklage
gegen ihn; und er hört das Wort Verräter. Da geht es ihm genau wie
Sir Launcelot in Malorys englischem Artusroman; wie hat der seinen
König schonen und sogar feig scheinen können, der Held; aber sowie
er das Wort Verräter hört, muß er sich wappnen und kämpfen. Coriolan
wollte mild, versöhnlich, bittender Weise reden; aber nun ist’s aus.
Er hat sich ja nicht vorgestellt, wie es sein wird. Sagen hätte er
schließlich alles gekonnt, sich selber zwingen; aber mit anhören, sich
gefallen lassen? Ein Edler geht, ohne Fesseln, freiwillig, in Ruhe und
Fügsamkeit zum Schaffot; aber wenn ihm der Henker die Hand auf die
Schulter legt, zuckt er. Jetzt schreit Coriolan alles, alles hinaus;
und die Erinnerung an das Versprechen, das er der Mutter gegeben hat,
hilft nun nichts mehr. Das Wort Verräter in den Ohren zu haben, diese
Gesellen als Richter vor sich zu haben, reißt alle Dämme ein; er bricht
aufs furchtbarste los:
Ich will nichts weiter wissen.
Ihr Urteil sei Tod vom Tarpejischen Felsen,
Landflüchtig Elend, Schinden, Qual im Kerker,
Bei einem Korn des Tags, -- nicht wollt’ ich mir
Erkaufen ihre Gnade um ein gut Wort
Noch hemmen meinen Trotz um all ihr Gut,
Kriegt ich’s um einen Gruß zum guten Morgen.
Nein, er ist nicht der Mann dazu, jetzt ist nicht die Zeit dazu,
planvoll zu leben; es gilt nur der Augenblick. Wer ein Ganzer ist, kann
nicht an der einen Stelle einen Lenker, einen Vergewaltiger haben,
der den andern in ihm mit Prinzipien und Vorsätzen beim Kragen nimmt
und vorwärts schiebt. Das Vaterland ist zerrissen; nicht mehr ein
einiger Stand herrscht, sondern Parteien mit ihrem Geschwätz ringen
mit einander. Er allein ist noch ein Ganzer; er ist allein: ihn, den
man Verräter zu nennen wagt, hat man verraten, als man dem Aufruhr
nachgegeben hat.
So wird ihm denn das Urteil gesprochen, diesmal nicht tobend gebrüllt,
sondern in politischer Erwägung vorbereitet: Verbannung. Er aber
steht, fortgerissen vom Zorn, von einem Zorn aber, der in nichts aus
den Gierwünschen einer Person, der nur aus einer Gesinnung hervorgeht,
fortgerissen und unerschüttert da. Bei diesem Anblick, empfinde ich,
geht es uns gar nicht mehr um den großen geschichtlichen Moment, um
den entscheidenden politischen Gegensatz, noch weniger um politische
Analogien zwischen damals und heute, die falsch wären; es geht um den
ewigen Streit der vereinzelten tapfern Hoheit gegen die massenhafte
Niedrigkeit, der so alt ist wie die Welt steht. Unser Herz jauchzt
bei seiner herrlich kühnen Antwort, wir begreifen wie zum ersten Mal,
daß für gewisse Augenblicke der liebe Gott unsrer Zunge die Fülle
der Schimpfworte, die zugleich zorniger Angriff und humoristisches
Spiel, Ausgleichung der Tat und Gleichnis des Geistes sind, zur
Entladung gegeben hat, wir sind dankbar, daß Shakespeares Sprache diese
Barocküppigkeit der alles überschwemmenden Flut zur Verfügung hat; denn
dieser Katarakt Coriolans kommt doch aus einer tieferen Seelenfülle als
das Wasserleitungsplatzen des Badearztes Stockmann, des Volksfeindes
Ibsens; sie haben den Bann über ihn ausgesprochen und nun biegt er sich
langgereckt zu ihnen vor und spricht:
Ihr bellend Hundepack! des Hauch ich hasse
Wie fauler Moore Stank,...
ich verbann’ euch!
_Hier bleibt_ mit eurem zagen Hin und Her!
Beim leisesten Gerücht beb’ euer Herz!...
Bleib euch nur stets die Macht,
Den, der euch schirmt, zu bannen, bis zuletzt
Euer stumpfer Sinn, der nicht glaubt, bis er fühlt,
Nicht einen übrig läßt als nur euch selbst,
Die eure eignen Feinde!...
Rom, dieses Rom, ist in sich selbst gebannt; Coriolan hat das Gefühl,
nur das, was ist, ausgesprochen zu haben; und er, der einzige, der
zum echten Rom steht, um das zu leben es sich lohnt, wandert nun in
die Fremde. Er geht, und sie jauchzen hinter ihm her: Der Volksfeind
ist fort, ist fort! Verbannt haben wir unsern Feind, er ist fort! Die
Mützen fliegen in die Höhe; daß sie vor kurzem ihm als dem Befreier aus
höchster Not zugejubelt haben, wissen sie nicht mehr.