der Stücke, gleichviel ob sie weit oder eng ist, in jedem Fall ihre
begrenzte Bestimmtheit hat und in Abhängigkeit von dem Trieb oder der
Weltanschauung der Person oder des Kreises von Personen steht, um die
als Mitte das Stück sich bewegt. So finden wir in solchen Stücken,
in deren Mitte die Macht steht, die als Gier zu herrschen und auch
sonst als Lebensgier erscheint, als Sphäre eine wilde, ungezügelte
Natur, Aufruhr und Gärung der Elemente, dämonisches Eingreifen der
Schicksalsmächte, Zeichen und Wunder. So geht es im Macbeth zu, so
auch im Lear und ebenso auch in den beiden Römerdramen, in denen der
Republikanismus abgelöst wird von der Herrschgier, im Julius Cäsar
und in Antonius und Cleopatra. Überaus bezeichnend aber, daß es in
der besonderen Welt des Brutus nicht nur die Zeichen und Wunder des
Cäsarismus nicht gibt, sondern daß auch der fürchterliche Wettersturm
da nicht zu toben scheint; wir sind bei ihm in der furchtbaren Nacht
in seinem Garten; aber wovon er auf Grund seiner Natur und seiner
Situation nichts merkt, das umgibt auch uns nicht; und ein pedantisch
aufmerksamer Regisseur könnte nichts Verkehrteres tun, als uns in
dieser Fortsetzung der Nacht von dem Aufruhr aller Elemente, in dem wir
eben bei Cassius auf der Straße waren und von dem nachher gleich Cäsar
wieder ins Wanken gebracht wird, im Garten des Brutus das kleinste
Donnerchen rollen zu lassen. Wovon ich hier spreche, geht aber positiv
und negativ durch Shakespeares ganzes Werk: es ist völlig unmöglich,
sich in solchen Stücken, in deren Mitte ein gemäßigter, gezügelter
oder gar harmonischer Mann steht, wie zum Beispiel Heinrich IV.
oder Heinrich V., um diesen Helden eine wilde Natur oder ein
Eingreifen von Geistermächten zu denken. Welch ein Unterschied herrscht
vielmehr im gesamten Ton, in der Stimmung, der Atmosphäre, wenn man
die beiden Heinrichsdramen und ihre behaglichen, niederländischen
Einlagen besonders der Falstaffszenen mit Richard III. und
seinen schweren Träumen und Geistererscheinungen vergleicht. Ich
übersehe nicht, daß Richard III. noch der Jugendperiode und der
Abhängigkeit von Marlowe und ähnlichen Gewalttätigen angehört; aber ich
will ja nur zeigen, warum solche begleitende Elementarstimmung in den
Heinrichsdramen nicht sein kann. Warum aber im Lear das Wetter tobt,
im Hamlet das Gespenst erscheint, im Julius Cäsar Zeichen und Wunder
geschehen und in Antonius und Cleopatra Herkules der Gott unterirdische
Musik machen darf, all dieses Elementare und Dämonische steht in
Zusammenhang mit den Elementartrieben und dämonischen Leidenschaften,
um die das Stück sich dreht; Hamlet, in dessen Weltanschauung und
Neigung, das Leben zu führen, die Wiederkunft und das handelnde
Eingreifen eines Gestorbenen ursprünglich so wenig paßt wie in die
Horatios, hätte das Gespenst nie mit Augen gesehen, wenn er nicht der
Erbe eines Geschlechts der Wut wäre, wenn er nicht im Dunstkreis seines
Oheims stünde.
Wenn dem aber so ist, können wir, was im Verlauf dieser Vorträge zu
Shakespeares Weltanschauung gesagt worden ist, noch um eine Stufe
fortzuführen versuchen. Es ist gesagt worden, es gehe nicht leicht an,
aus den Dramen Schlüsse auf Shakespeares Religion, Philosophie und
Naturbetrachtung zu ziehen, weil nicht nur die Äußerungen der Personen,
so sentenziös und überzeugt sie auch herauskommen mögen, von ihrem
Charakter und ihrer Aufgabe im Stück, sondern sogar die Naturelemente,
die Kräfte, die Geister, die der Dichter selbst leibhaft vorführt,
von der innern Beschaffenheit der jeweils in dem Stück zentralen
Personen, also wiederum nicht von den Gedanken des Dichters abhängen.
Es ist dann weiter versucht worden zu sagen, der Dichter mit seiner
Künstlernatur sei Weltanschauungen gegenüber sehr labil, er könne
darum seine Menschen so fest, so innig an einem Glauben oder einer
Auffassung hängen lassen, weil für ihn, dem alles zum Gleichnis und
Bilde wird, an jeder lebendig ergriffenen Deutung der Welt etwas Wahres
sei. Wenn es indessen so ist, daß Hexen, Naturdämonen, Gespenster,
Zeichen und Wunder von Shakespeare immer nur als gemäßer Ausdruck in
solche Stücke aufgenommen werden, in deren Mitte Menschen der Gier,
des wilden Triebs, der Genuß- und Machtaffekte stehen, daß er dagegen
Menschen, die er mit besonderer Liebe behandelte und denen er als die
Triebe beherrschende hohe Kraft Vernunft, Gemeinsinn, Gerechtigkeit,
Maß, Harmonie mitgab, in einer unsrer Naturanschauung entsprechenden
heitern, stillen und wunderlosen Welt leben ließ, so ist das am Ende,
besonders wenn wir dazu nehmen, daß in seinen subjektiven Äußerungen
in den Sonetten nur offenbares Spiel mit mythologischen Vorstellungen,
aber keinerlei Befangenheit in Dämonen- und Vorbedeutungsglauben
vorkommt, ein Kriterium dafür, daß die Vernunftüberlegung Shakespeares
so rationalistisch war wie die Anschauungen etwa Horatios und Bruder
Lorenzos.
Man wird einwenden wollen, ob so ein Motiv der Naturdämonie verwendet
werde oder nicht, sei in erster Linie von dem in den Quellen
überlieferten Stoff abhängig. Aber gerade darauf will ich ja hinaus.
Diesmal nämlich ist es nicht so. Der gesprächige und etwas wohlweise
Plutarch berichtet in der Biographie Coriolans genau so wie in der
Cäsars und Antonius’ von Zeichen und Wundern; aber dieser ganzen
Überlieferung von schreckhaften Vorbedeutungen, Wahrträumen und
Wahrsagern schenkt Shakespeare diesmal keine Beachtung. Nichts von
dieser Atmosphäre kann er für dieses Rom und für diesen Römer brauchen.
Wir sind nicht in der gärenden Zersetzung der Republik, sondern in
ihrer Frühzeit; und die Seele Coriolans ist von nichts weniger erfüllt
als von Machtgier.
Das klingt nun vielleicht erstaunlich; man wird sagen wollen: er sei
aber doch der Typus des Aristokraten, des Adligen, des Herrschenden;
er sei doch der Führer in dem Kampf des Adels gegen das Volk, der
Patrizier gegen die Plebejer; und bei all diesem Streit zwischen
Kleinen und Großen, Volkstribunen und Senatoren drehe sich alles um die
Macht. Man darf sich aber von Worten, die für sehr verschiedene Sachen
gleich lauten, nicht verführen lassen. Das Spezifische, das ich hier
Macht nenne, ist eine Selbstherrlichkeit, die alles von sich abzuleiten
und auf sich zu beziehen geneigt ist, ist ein Absolutismus, der mit
dem Gefühl der Majestät, der Gottähnlichkeit, des Übermenschentums
oder aber mit dem wild dämonischen, verzehrend teuflischen Drang der
Niedrigkeit, Herr zu sein, verbunden ist, und das gibt es nur in der
Form der Tyrannei, der unumschränkten Königsgewalt.
Hier bei Coriolan aber sind wir in einer ganz andern Welt, eben in
der, deren Idee Brutus noch rein in sich fand und für die Umwelt
wiederherstellen wollte: in der ständisch gegliederten, ritterlichen
Republik.
In dieser römischen Stadtrepublik, die nur erst einen kleinen Teil des
benachbarten Landes in ihr Bereich eingezogen hat, herrscht in noch
engerem Bezirk dieselbe Staatsverfassung, dasselbe Staatsideal, wie es
Shakespeares Ulysses für die frühe griechische Welt aufgestellt hatte,
und wie es ganz ähnlich in der Welt des ritterlichen Königs, zu dem
Prinz Heinz geworden ist, Heinrichs V. gilt:
Denn wie kann ein Verein,
Der Schulen Stufen, Brüderschaft in Städten,
Ein friedlicher Verkehr entfernter Küsten,
Das Erstgeburts_recht_, _Pflichten_ der Geburt,
Vorrecht des Alters, Thrones, Zepters, Lorbeers
An ihrer rechten Stelle anders stehen
Als durch die _Gliederung_?
So hatten wir’s von Ulysses für kleine Königreiche gehört, in denen
Rangordnung, Gliederung, ständische Verfassung herrscht und sie so der
Republik nicht minder annähert, wie andrerseits die aristokratische
Republik im frühen Rom die Ordnung und Sicherheit gewährte, die man
gern als Vorzug der Monarchie bezeichnet.
Und von Ulysses hören wir in derselben großen Rede zweierlei über die
Auflösung von ständischer Gliederung und Ordnung. Einmal gerade das
nämliche, was wir jetzt eben über den Zusammenhang von Naturdämonie und
Machtwillkür bei Shakespeare wahrgenommen haben:
Irren
In unheilvoller Kreuzung die Planeten,
Welch Schreckenszeichen dann, welch Seuchen, Gärung,
Welch Erderschütterungen, Meerestoben,
Aufruhr der Luft, Umsturz, Entsetzen, Graus
Zerteilt, zerreißt, erschüttert und entwurzelt
Jedweden Zustand eheruhigen Friedens
Bis auf den Grund! Wenn Stufenordnung wankte,
Zu jedem hohen Ziel die einzige Leiter,
Dann krankt die Unternehmung!
In warnender Rede also, die ihren prophetisch eindringlichen Ton gewiß
nicht bloß von der Lage der Griechen vor Troja nimmt, stellt Ulysses
die Auflösung des organisch Gegliederten ins wüst Elementare zusammen
mit unheilvollen Naturkatastrophen derselben Herkunft. Dann aber fährt
er unmittelbar fort und stellt den Zusammenhang her zwischen der
Auflösung der festgegliederten, sich gegenseitig auspendelnden Ordnung
und der Willkürgewalt der Despotennatur:
Nimm Gliedrung weg, mach’ diese Saite stumm,
Und ach, welch Mißton folgt! Die Dinge stoßen
In ew’gem Streite sich: es schwillt der Busen
Der eingedämmten Flut, des Strandes spottend,
Bis sie dies feste Rund auflöst in Schlamm;
Zum Herrn der Schwäche wirft sich auf die Kraft;
Der rohe Sohn schlägt seinen Vater tot;
Gewalt wird Recht, nein, vielmehr: Recht und Unrecht
-- Die ew’gen Feinde, von Gerechtigkeit
Beherrscht -- verlieren samt der Herrscherin
Dann ihren Namen. Alles wird Gewalt,
Gewalt wird Willkür, Willkür zur Begier,
Und die Begier, ein allgemeiner Wolf
Mit ihrem Dienerpaar Gewalt und Willkür,
Nährt sich vom allgemeinen Raub und frißt
Zuletzt sich selbst auf.
Es war nötig und gut, daß wir diese entscheidende Stelle, in der
Ulysses das politische Gewalthabertum auf die Seelenverfassung des
gierigen Einzelmenschen und diese wiederum auf die Auflösung einer
festgegliederten Ordnung der Gegenseitigkeit zurückführt und so die
Gemeinschaft oder Wechselwirkung feststellt, in der sich öffentliche
Zustände und inneres Leben der Individuen immerzu einander bedingend
und steigernd bewegen, hier noch einmal vernahmen. Denn die Warnung,
sofern sie nicht vor Troja, sondern vor den europäischen Völkern zu
Beginn des 17. Jahrhunderts ausgesprochen wurde, hat nichts verhütet,
hat nur vorausgekündet; der Prophet hat in den Wind gesprochen, dessen
Wehen er schon spürte, und der Wind ist zum Sturm geworden. Und wir
heutigen Tags sind an den so vorausgesagten Zustand der Auflösung,
in dem wir seit langem darin sind, derart gewöhnt, daß wir uns erst
historisch zurückversetzen müssen in eine Zeit, wo das, was heute
spukender, zerfetzter Rest und dabei Willkürgewalt ist, in seiner
Gesundheit, seinem Rechte und seinem Amte stand, in eine Zeit, wo Adel
und Rittertum ihre Aufgabe der Landesverteidigung und des Regiments
mit gutem Gewissen als Recht und als Pflicht betrachteten. Nichts ist
uns heute selbstverständlicher als die Forderung oder demokratische
Tatsache, daß der Bauer, der Handwerker, der Arbeitsmann seine Arbeit
und private Muße abbricht, um sich über Gesetzgebung, Verordnungen,
Verhandlungen aller Art erst zu unterrichten und dann zu beraten und
schlüssig zu machen; wir denken gar nicht daran, daß dieser Zustand,
in dem die Angelegenheiten des Gemeinwesens nicht besonders Berufenen,
Geschulten, Geübten anvertraut bleiben, sondern dem allgemeinen
Dilettantismus überlassen sind, daher kommen könnte, daß die Erben der
einst Berufenen des Vertrauens unwürdige Usurpatoren und dazu noch
Pfuscher geworden sind. Shakespeare aber lebt, äußerlich schon am
Rande, seiner Gesinnung nach noch inmitten dieser Welt der ständischen
Ordnung, so wie selbst Goethe zwar an und sogar hinter ihrem Ende, aber
für sein Wollen und Denken noch und schon wieder in ihr gelebt hat.
Und in dieser Welt der ständischen Ordnung, eines Vorrechts, das nicht
ein Privileg mit dem Stempel des Unrechts, sondern ein Rang mit der
Aufgabe der Lenkung und Führung war, lebt Coriolan, im Kampf gegen die
Tendenzen der Auflösung.
Sehen wir uns seine politische Ethik, seine Anschauung vom Verhältnis
der Individuen zur Gemeinschaft, von der Aufgabe des Adels zunächst an.
Und zugleich damit seine und seiner Freunde Stellung zum niedern Volk,
zu den Massen der einzelnen.
Denn dies vor allem: es geht um ein Ganzes, das ist die Polis, die
Politeia, die Stadt, der Staat; die Massen aber sind einzelne, die wild
durcheinander wimmeln und toben und einander auffressen würden, wenn
nicht das Regiment wäre, das sie zusammenhält und einem Ziele zulenkt.
In dieser Zeit, wo das patrizische Regiment von der Auflösung bedroht
ist und sich zur Wehr setzen muß, besteht ihm die Menge aus lauter
Vertretern des Typus,
der nicht herrschen _kann_
Und nicht gehorchen _will_.
Man kann es etwa auch so ausdrücken: die Machtgierigen, die Tyrannen
und Usurpatoren, zu denen Coriolanus keineswegs gehört, betrachten sich
als Gottähnliche, als Übermenschen; Coriolan sieht sich und die echten
Adligen als eigentliche, rechte Menschen an; die Massen, die weder
Klarheit der Einsicht noch Bestimmtheit des Willens haben, sind für ihn
Menschen wohl in ihrem Haus und Handwerk -- da achtet er sie durchaus
--, aber nicht im Staat; von dem verstehen sie nichts und sollen sich
also auch nicht drum kümmern, weil sonst die Auflösung, mit ihr die
Gier und die Tyrannei der Willkür kommt. In dieser Rolle der Führenden,
Regierenden, Befehlenden, der Vormünder für Unmündige -- unmündig
nur in Sachen des Gemeinwesens, das in hoher Sonderung für sich
verwaltet sein muß, nicht in die private Ökonomie und den Werkeltag
biederer Handwerker vermantscht werden darf -- hat dieser Adel ein
gutes Gewissen, soll es haben, so beschwört sie Coriolan. Ordnung und
Unterordnung muß sein:
Seid ihr gelehrt,
Tut nicht wie blöde Toren; seid ihr’s nicht,
Setzt _sie_ [die Plebejer] auf Polstern euch zur Seit’!
_Ihr_ seid Plebejer,
Wenn Senatoren sie...
Der Staat muß einheitlich sein; er muß die Macht haben, das Gute und
Rechte zu tun. Jetzt aber, wo die Patrizier den Plebejern Rechte
eingeräumt haben, sie am Staatsleben teilnehmen lassen, sieht er
Schlimmes voraus; es besteht eine
Doppelherrschaft,
Wo stolz ein Teil mit Grund, frech ohne Recht
Der andere; wo Klugheit, Rang, Geburt
Nichts machen kann, als nach dem Ja und Nein
Des unverständ’gen Schwarms...
Demgegenüber verfechten die Volkstribunen die modern demokratischen
Ideen; für sie ist das Ganze nichts andres als die Summe der einzelnen,
und das Staatswohl identisch mit dem Wohl der Massen.
Dagegen aber empört sich gerade die Staatsgesinnung; und in der Tat,
wäre Rom -- die Stadt -- wäre sie Rom geworden, das gewaltige römische
Reich, das heute noch lebt in all unsern Staaten, in allen, gleichviel
wie sie heißen, wenn es zu irgend einer Zeit nur oder hauptsächlich auf
das Wohl der gerade lebenden einzelnen in den Massen angekommen wäre?
Auf diese Demokratenfrage
Was ist die Stadt sonst als das Volk?
erwidert darum auch der Konsul Cominius, Coriolans Freund und
Parteigenosse:
Das ist der Weg, zu schleifen unsre Stadt,
Das Dach herabzubringen an den Grund
Und alles, was noch Rang hat, zu begraben
In aufgehäuften Trümmern.
Nein, so empfinden sie alle, diese Ritter, Adligen, Vornehmen, nein,
das ist nicht der Zweck des Lebens, nicht die Bestimmung ihrer heiligen
Stadt, lediglich die Masse, das „Tier mit vielen Häuptern“, zu ernähren
und zu befriedigen. Sie, die Adligen, sie haben ihre besondere
Bildung, Ausbildung, Lebensart, sie haben Muße; sie bleiben für Ehe
und Nachkommenschaft streng innerhalb ihres Standes; auf den Wegen der
Natur und der Gesellschaft sind sie Auslese geworden: darum sind sie
die von Geburt Vornehmen, Ausgenommenen, privilegiert nicht zum Genuß,
sondern, wohl auch vom Genuß des Lebens her, privilegiert zu ihrer
Aufgabe.
Was Nietzsche, von Jakob Burckhardt geleitet, in der Renaissance
-- Shakespeares Zeitalter noch -- gefunden hat und was er darum
und sowieso in der Form der Vermischung von Adelsordnung und
ausbrechender Willkürtyrannei brachte, das hätte er nirgends
in so reiner, vollendeter Gestalt finden können wie in diesem
aristokratisch-republikanischen Drama Shakespeares.
Wohl aber zu beachten: das ist Coriolan, ist der vollendete Typus des
Adelsideals, es ist nicht, nicht ganz und gar Shakespeare. Wir haben
in dem schimmernden Ritterkönig Heinrich V. eine nach Gesinnung
und Stellung ähnliche Gestalt gesehen, der Shakespeares Bewunderung und
Wunsch freilich wohl auch am nächsten stand; aber aus Sehnsucht -- für
sich und die Menschheit -- baut der Dichter die Gestalten, an denen
sein Herz hängt und die uns zu Mahnern aus großer Zeit, zu Führern oder
zum Ziele auf unserm Wege zu werden vermögen; er baut damit auch an
seinem Leben, seiner Wandlung, seinem Sichfinden; was alles jedoch in
der Unendlichkeit der Vorwelt und Umwelt hat schon früher entscheidend
an ihm, dem Menschen, der so dichtet, gebaut? So lebt in Shakespeare
auch schon das Neue, die Gärung, die Zersetzung; sonst hätte er nie
einen Hamlet schreiben können, die Tragödie dieses Prinzen, der die
gesunkene und in Stücke gebrochene Ordnungswelt weder einzurenken noch
zu lenken vermag, sie aber, gleich uns andern Plebejern, drunten oder
abseits scharf und erschütternd kritisieren muß und darf.
Shakespeares Kunst -- o nein, das ist nicht bloß Kunst, die
unvergleichliche Größe seiner Persönlichkeit ist, daß er jedesmal in
jedem Drama um seinen Helden herum eine solche Sphäre der Sicherheit,
eine so weltweite Atmosphäre, die von seinem, dieses Helden Wesen ganz
gesättigt ist, legt, daß wir lange keinen andern Atem schöpfen als die
Luft dieses Wesens. In der Welt Coriolans vergessen wir alles, was
heutigen Tags auch noch solche Namen führt wie Adel, Herrenkaste,
Kriegertum, Staat; wir vergessen, daß inzwischen die Auflösung, die
Coriolan bekämpft hat, so Herr geworden ist, daß sie Besitz von allen,
auch von unsern Hirnen ergriffen hat; wir vergessen, daß heutigen Tags
die Losungen, die einstmals bindende und im Keil vorwärts führende
Wahrheit gewesen sind, wir vergessen, daß dieser herrliche Wahn
inzwischen zu Gewaltdruck, Gierverkleidung und Lüge geworden ist;
wir vergessen die Durchgangszeit, welche die unsre ist; vergessen,
daß wir so auseinandergefallen, so in Rückfall geraten sind, daß
unsre Verneinungen das einzig Positive sind, das wir haben, und daß
darum kein Staat uns mehr einen Geist, dem wir uns fügen, vorstellt,
der irgend ein Ziel gegen das Wohl der einzelnen verfolgt; wir
vergessen die Zeit und den Tag; all das Trompetengeschmetter, all der
soldatisch-kriegerische Adel jener Welt ist uns nicht eine Erinnerung
an Äußerliches, das heute in der Welt just noch ein bißchen herrschen
will und bei seinem gewaltigen Todesgetöse sich mit den heiligen
Worten und Geschmeiden längst vergangener wahrer Geltung ziert: diese
aggressive Lust ist uns ein Sinnbild alles Großen, Gebietenden,
Tapfern, Edeln in unsern Seelen, das sich inzwischen in ganz andern
Gebieten angesiedelt hat, so daß es geschehen mag, daß unser Herz bei
Coriolans Kriegsrufen jauchzt, weil dabei die Saiten mitschwingen,
auf denen wir bereit sind, tapfer in starken Tönen das Lied von der
Friedensordnung der Menschheit und der endgültigen Vernichtung aller
feudalen Reste zu spielen.
So bannt uns Shakespeare in den Geist hinein, der sein Drama vom
Helden aus erfüllt, und wenn wir ganz drin sind, kann es kommen, kommt
es auch bei diesem Stück, daß irgendwo drunten eine ganz andre, eine
entgegengesetzte Gesinnung und Menschenart so erschütternd für einen
Augenblick ihre Lage und ihre Seele ausspricht, daß über all unsrer
ruhig-gesicherten Festigkeit wieder wogend die Allseitigkeit, die
Beidseitigkeit, der Übergang und die Auflösung zusammenschlägt. Und
sehen wir uns dann, wenn auf einen stolzen Gipfel, den der Dichter
gebaut hat, ein Gipfelchen fast mitleidig und verachtend herabblickt,
das auch dieser Dichter gebaut hat und das er auch gelten lassen
will, sehen wir uns nach diesem Dichter dann nochmals um und wollen
versuchen, den Dramatiker, der so erstaunlich gerecht zu sein vermag,
zu verstehen, so wissen wir nicht, ob wir diese Gabe harte Stärke oder
weiche Schmiegsamkeit nennen sollen; es wird eine weiche, wandelbare,
allem leicht hingegebene und von allem gefärbte Seele sein, der die
Ausdrucksgewalt eines starken Geistes dient.
Einer aus dem Herrengeschlecht und der Kriegerkaste also ist der Mann,
der Coriolan heißen wird; er hat die Eigenschaften, um derentwillen er
sich und seinesgleichen als Geschlecht der Regierenden berufen fühlt,
die typischen Eigenschaften, die ihn zum Führenden bestimmen; dazu aber
noch die besonderen, die ihn zum tragischen Sturze bringen.
Die Bürger und Volkstribunen, die von ihm reden, haben die
Allgemeinempfindung, daß er ihnen unerträglich zur Last sei; „er hat
der Fehler mehr als zuviel“, ruft einer, als man ihn auffordert, sie
zu nennen; er weiß ihrer keinen als immer den einen: Stolz. Das merkt
jeder gleich: stolz über die Maßen ist dieser Mann. Ja, das ist er;
aber er hat auch die nötige Ergänzung: einen Stolz, der kein Lob hören
kann, der bescheiden ist; denn den Stolz und seinen Grund hält Coriolan
für Eigenschaften jedes echten Menschen; eine Sprödigkeit hat er, die
mädchenhaft ist wie die Cordelias, der Adelstochter.
Und ein andrer Bürger, der ihm wohlgesinnt ist, erwidert ein
nachdenkliches Wort:
Was ihm nun einmal so im Blut liegt, daraus macht
ihr ihm ein Laster.
~What he cannot help in his nature~...: er ist nichts
Nachträgliches, nichts Aufgeklebtes, dieser Stolz, ist kein
Zierat: er kann’s nicht ändern, es ist so seine Natur: seine
Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit. Er ist, wie er öfter von
Freunden und Bewunderern angeredet wird, „ein edles Blut“.
Im Krieg, der in der Zeit des Rittertums, in der wir hier stehen,
ein anderes Ding war, als was sich heute in der Zeit der Technik so
nennt, zeigt sich sein Adel besonders. Er kann befehlen und Menschen in
Mengen in Kampf und Tod treiben, er kann die Plebejer als feige Memmen
verachten, weil er selbst jeden Augenblick, von nichts getrieben als
von seiner Tapferkeit, die ihm Natur ist, bereit ist, das Leben fürs
Vaterland zu wagen.
Allein, ohne daß die Truppen ihm folgen, und ohne daß er fragt, ob sie
ihm folgen, dringt er den Feinden nach in die Festung Corioli; das Tor
wird hinter ihm geschlossen, aber er, allein unter Feinden, schlägt
sich durch und hält sich, bis die andern nachkommen. Und er ist kein
homerischer Held, an dessen Seite unsichtbar oder sichtbar in der
größten Gefahr die Götter kämpfen; kein Siegfried, der von Drachenblut
eine unverwundbare Hornhaut hat; es geht alles ganz menschlich zu:
er ist ein Held von Natur, der die Kultur und die Gesinnung seiner
Natur hat. Wenn er nicht von Zorn und Heftigkeit, die seine Erbfehler
sind, übermannt ist, hat er etwas sehr angenehm Urbanes an sich; sein
Heldentum hat gar nichts ländlich Ungeschlachtes, Raufboldiges, sein
Kämpfen steht immer mit seiner Gesinnung in Verbindung; immer lebt die
Urbs, die Stadt Rom in ihm.
Wie er dann seine Soldaten in kurzer, feuriger Ansprache auffordert,
ihm in den Kampf zu folgen, da faßt er wohlgesetzt zusammen, was sein
ritterliches Wesen ausmacht. Der soll ihm folgen,
der glaubt,
Ein edler Tod wieg’ auf ein ruhmlos Leben
Und höher hält sein Vaterland als sich.
Man fürchtet wohl manchmal, solche Gesinnung der Todbereitschaft,
der völligen Unterordnung der Person unter ein überindividuelles
Gebilde, unter eine Zusammenraffung, einen schimmernden Namen wie die
Nation, raube dem Menschen die Individualität und mache ihn zu einem
bloßen Teilchen. Mag sein, daß die Zeiten sich geändert haben: noch
wahrscheinlicher, daß es Ausnahmemenschen und Dutzendmenschen allezeit
gegeben hat und daß man gar wohl zwischen dem inneren Zwang, der
Freiheit ist, Freiheit nicht nur der eigenen Entscheidung, sondern auch
des Denkens, und jener kläglichen Unterordnung unter eine von Jugend
auf eingetrichterte Losung unterscheiden muß, die mit Unfähigkeit
zu eigenem Denken und eigener Entscheidung und mit Unkenntnis der
Tatsachen, mit abergläubischer Geducktheit und dem Schlendrian des
unabänderlichen Heute wie immer in genauer Verbindung steht. Coriolan
jedenfalls zieht seine tapfere Todesverachtung im Gegenteil aus
seinem stolzen, eifersüchtigen Individualismus. Ganz wirft er, wenn’s
sein soll, das Leben hin, gerade weil er, solange er lebt, auf seine
Selbständigkeit und Eigenheit bedacht ist, so sehr, daß er einen Zug
seines Wesens bezeichnet, wenn er einmal ausruft:
Ich wäre lieber Knecht nach meiner Art
Als Herr mit ihnen nach der ihren.
Aufgerufen sein, frei über sein Leben zu verfügen, kann nur der Freie.
Aber das ist ein sehr kompliziertes Verhältnis, diese Beziehung des
Individuums zur Gemeinschaft, wo man dem Ganzen nur richtig dient,
wenn man ganz ein eigenes Selbst, wenn man ein Ganzer ist; und wo man
wiederum ein Eigener nur ist, wenn man ganz in der Sache aufgeht,
unverbrüchlich sachlich ist; und sachlich heißt: hingegeben bis zur
Vernichtung.
Coriolan weiß das, weiß, daß durch ihn hindurch die Sache wirkt; daß
sie aber den Weg durch ihn nur recht nimmt, wenn er zusammengerafft,
abgesondert, stolz er selbst ist; ist aber dann die Tat, die die Sache
gewollt und durch ihn getan hat, vorbei, will der Gedanke, das Wort,
die Lobrede sie an ihn, der das erkorene Werkzeug war, ankleben, dann
empfindet er das, als nehme man ihn nicht für voll, als halte man es
doch für eine Art Zufall, was er getan und was er am Ende auch hätte
lassen können; als rühre man seine tiefe Verbundenheit mit der Sache
auseinander; er wird rot, er läuft weg:
Eh’r lass’ ich mir den Kopf kraun an der Sonne,
Wenn man zum Angriff bläst, als müßig hören,
Wie man mein Nichts zum Wunder schwellt.