Er ist ein Mann, der Vertrauen zu vielen, fast zu einer ganzen Stadt

hat; er glaubt an Gemeinschaft und Gegenseitigkeit. So kennt er nichts

Köstlicheres als Geselligkeit. Drum will er auch von dem Zyniker

Apemantus nichts wissen, der mit berufsmäßiger Galle in alle Häuser

geht und alles höhere Leben, alle Lebensfreude schmäht, ohne daß er je

böse Erfahrungen mit den Menschen gemacht hätte. Man ahnt hier einen

fein angelegten Gegensatz zwischen dem Gewohnheitspessimisten, der in

seinem Handwerk, besser gesagt, Mundwerk des Schlechtmachens eigentlich

immer guter Dinge ist, und unserm Timon, den das Leben, ein gehäuftes

Bündel furchtbarer Erfahrungen erst zur echten Verzweiflung und dann

zum Tode bringt. Im zweiten Teil kommt denn auch dieser Gegensatz

ausführlich zur Sprache; aber so recht lebendig, wie der große

Shakespeare gerade den Kontrast äußerlich ähnlicher Naturen sichtbar zu

machen imstande war, tritt er nicht hervor.

Dann also stellt sich heraus: Timon ist in jedem Betracht ein

Verschwender gewesen. Nun ist er am Bettelstab und verschuldet. Erst

verzweifelt er darüber gar nicht; er erwartet sich jetzt die Freude,

die er sich schon immer gewünscht hatte; der Augenblick ist gekommen,

wo die Freunde sich erproben werden. Zu seinem treu teilnehmenden

Haushofmeister meint er dann:

Du sollst sehen, wie du

Mein Glück verkennst; reich bin ich, reich in Freunden.

In ein paar typischen Komödienbeispielen sehen wir dann aber, wie diese

Freunde ihrerseits nur reich an Ausreden sind. Und über Timon kommt,

besinnungraubend, umwerfend und umwälzend, die Wut. Noch einmal ladet

er zu einer großen Gesellschaft ein. Schon glauben die Stammgäste

seines Hauses, er hätte sie bloß prüfen wollen, und sein Reichtum sei

gar nicht verschwunden; aber in den Schüsseln kommt bloß warmes Wasser

auf den Tisch,

Deckt auf, ihr Hunde, und leckt!

Nichts mehr als Grimm und Bosheit ist in ihm:

Dampf und lauwarm Wasser

Ist ganz euer Ebenbild.

Leidenschaftlich schmähend wirft er die Schüsseln nach ihnen und eilt

verzweifelt hinaus.

Es folgt nun der vierte Akt, um deswillen allein fast das

Stück geschrieben scheint: eine barocke Ausschweifung wilder,

leidenschaftlicher Sprache der Verachtung fast ohne gleichen. Der

Akt bringt vier große Monologe Timons des Einsamen und vier große

Gespräche: mit Alkibiades und seinen Hetären; mit dem Zyniker

Apemantus; mit den Dieben und mit dem treuen Hausverwalter Flavius.

Aber er bringt mit alledem keine Entwicklung, keine Steigerung; und

selbst das famose Motiv, daß Timon draußen, fern von den Menschen, in

der wilden Natur einen Goldschatz findet und wieder reich sein könnte,

wenn er nur wollte, wird nur äußerlich aufgesetzt und führt nicht zu

einer inneren Krönung, findet Anwendung nicht auf ein Menschenleben

und dient nicht wahrhafter Seelenerschütterung, sondern nur einer

allerdings grandiosen Rhetorik, die im üppig wallenden Mantel der

Leidenschaft auftritt.

Shakespeare kommt es hier nur auf das eine Thema an, das er virtuos

variiert: die Gemeinheit der Menschen in ihrer Beziehung zum Geld,

wie sie jetzt von Timon erkannt und mit seinem Fluch auf das

Menschengeschlecht und alle Stände bezahlt wird. Durch diese ihre eigne

Gemeinheit sollen die einzelnen Berufsklassen diesen Fluch an einander

zur Erfüllung bringen, soll jeder den andern verletzen, bestehlen,

betrügen, verwunden, umbringen. Die Leibeigenen sollen nur dreist

stehlen, ihre „strengen Herrn“ sind ja selbst „langarmige Räuber“;

Magd, in des Herren Bett!

Die Frau ist im Bordell!

Im Wald, mit dem Wild zusammen will er leben, das nicht so wild ist wie

die Menschenbrut. Dabei ist er aber doch nicht in der Rousseauschen

Stimmung, der Mensch sei böse geworden, die Natur sei gut. Für ihn, wie

er jetzt in die Welt blickt, gibt es gar keinen Trost; denn den Urgrund

für die Niedrigkeit der Menschen findet er in der Fehlerhaftigkeit

der Weltordnung. Es ist in der Natur so eingerichtet, daß es Leben

nur gibt durch Raub des Lebens; was da lebt, muß andre lebendige

Wesen vernichten, um leben zu können. Und gar eine Erhöhung, eine

Bereicherung kann es in der Welt nur geben durch Beraubung eines

andern. Aber er sieht tief und schnell; ja nicht soll man nun nach dem

Äußern urteilen und den Entbehrenden und Beraubten für den bessern

Menschen halten. Der Bettler darf sich nicht besser dünken als der

reiche Senator: mögen sie nur die Plätze tauschen, gleich benimmt sich

der Bettler wie der Reiche.

Schief ist alles;

Nichts grad’ in unserm fluchbeladnen Wesen, --

Als zielbewußte Schurkerei. Ein Abscheu

Sind alle Feste, Volksgewühl, Gesellschaft!

Timon haßt seinesgleichen; ja, sich selbst.

Vernichtung wetz’ die Hauer auf die Menschheit!

Die Menschen sind denn doch in der ganzen übeln Natur die schlimmsten.

Wie so mancher Menschenfeind wendet Shakespeares Timon die

Liebesmöglichkeit, die noch in ihm ist, dem Hunde zu, nicht in der Tat

freilich, nur wieder im Sprachbild, wenn er zu Alkibiades sagt:

Ich bin Misanthropos und hass’ die Menschheit.

Doch du, ich wollt’, du wärst ein Hund, daß ich

Ein wenig dich noch lieben könnt’.

Was ist er denn jetzt, als Mensch, dieser Feldherr? Ein Kriegsmann, ein

Menschenschlächter.

Fort, der Trommel nach!

Bemal’ mit Menschenblut den Grund rot, rot!

Aber auch der Krieg ist noch entschuldigt; ist denn nicht alles,

was Menschen tun, Zerstörung? Den Krieg nimmt er in seiner grimmig

anschaulichen Art personifiziert, als ein Vorhandenes, Lebendiges, das

sein Wesen erfüllen und sein Daseinsrecht ausüben muß; und da fragt er:

Grausam sind göttlich Recht und Menschensatzung;

Was soll denn Krieg sein? Deine Hure da

Hegt in sich mehr Zerstörung als dein Schwert,

Trotz ihrem Engelblick.

Sie nämlich, die feile Dirne, hat diese Kraft der Verderbnis in

Verbindung mit dem Zerstörungsmittel, das in der menschlichen

Gesellschaft aufgekommen ist und das von allen das schlimmste ist: das

ist das Geld!

Daß er, der sich von allem abgewandt hat und nichts mehr will, beim

Wurzelgraben einen Schatz findet, ist ihm nur ein Hohn. Immer neue

Ausdrücke wirft er dem Geld entgegen: gelben Sklaven nennt er es,

verdammte Erde,

Der Menschheit allgemeine Hure, die du

Unter der Rotte der Nationen Krieg

Und Zwietracht stiftest;

einen starken Dieb schilt er es, der davonläuft, wenn sein Herr schwach

auf den Beinen wird und nicht mehr aufrecht bleiben kann.

Und nun -- was alles mehr in der Art der allegorischen Gedichte

ist, deren Meister Spenser war und denen Leidenschaft und Wucht

des Ausdrucks und Bildes keineswegs fehlte, als in der Art der

Wirklichkeits- und Herzenstragödie Shakespeares -- nun wandelt sich

mittels des Schatzfundes Timons Klage und Schimpf in aktive Verfolgung.

Er behält in seinem Haß so viel von dem Schatz, der für die Fristung

seines Lebens, wie er sich’s jetzt eingerichtet hat, ganz wertlos

geworden ist, daß er damit die Menschen, zumal die Athener, verderben

kann. Dem Alkibiades gibt er Geld, damit er Krieg führe gegen diese

Athener, die ihm das Urbild lasterhaft zivilisierter Menschheit sind.

Das ist ein Anlaß nicht zu einem Fortgang der Handlung, sondern zu

einer neuen Variation der Rede. Ein fürchterlicher Ausbruch des

Menschenhasses knüpft sich daran; grauenhaft wird das Bild des

Vernichtungskriegs entworfen, und bei all diesen Schreckensbildern

findet Timon in wütigem Grimm, daß die Menschen alle, bis auf den

Säugling herunter, mit Recht auszutilgen sind:

Sei wie Planetenpest, wenn Zeus sein Gift

In kranker Luft auf städtischen Lasterpfuhl

Herab läßt tauen; keinen schon’ dein Schwert!...

Fluch allen Wesen!

Säe Vernichtung; hast du ausgetobt,

So treffe dich Vernichtung!

Den Dirnen gibt er Gold, um sie recht verführerisch geschmückt auf die

Männer loszulassen.

Auszehrung säet

Ins hohle Mannsgebein!

Und wie malt er sich’s nun aus! Und wie hätte ein andrer Shakespeare

dieses hämisch, schmatzend vorwegnehmende Genießen der Rache zu

Timons Charakteristik, zur Fortführung der Seelenentwicklung und

äußern Handlung benutzt; hier aber bleibt alles grandiose Strafrede,

ein dramatisch eingekleidetes Gedicht, das aus dem Abgrund einer

leidenschaftlichen Weltempfindung herausschlagende Wetter gegen Gott

und die Welt losplatzen läßt. Der Anwalt soll durch den Umgang mit

diesen Weibern die Stimme verlieren; dem Priester, der lügnerisch gegen

die Schwäche des Fleisches zetert und doch zu diesen Weibern geht, soll

der Aussatz die Nase aus dem Gesicht fressen; der Kriegsbramarbas, der

keine Wunden hat, soll durch sie kennen lernen, was Schmerzen sind.

Verpestet alles, daß

Die Quelle aller Zeugung durch euer Wirken

Ausdörre und ersticke.

Das Furchtbare an dieser Haß- und Fluchgewalt der Rede ist

denn doch ihre Wahrheit, die in der Beziehung zur Wirklichkeit

liegt: die ausschweifendste, gierigst suchende Phantasie des

Würgengelvernichtungswillens kann keine Plagen ausmalen und wünschen,

die mehr wären als Vervollständigung und eine Art systematische Ordnung

der Schrecknisse, die in Natur und Menschenwelt da sind.

Die Allegorie nimmt wieder eine neue Wendung. Nun, wo es sich

herumgesprochen hat, daß zu Timon wieder Geld gerollt ist, bekommt er

einen Besuch nach dem andern. Und so suchen ihn auch die Diebe auf. Die

aber behandelt er mit Auszeichnung und erklärt sie im Gegensatz zu den

andern, den sonst geachteten Klassen der Gesellschaft, für ehrliche

Diebe; sie treiben ja das Stehlen als ihr erklärtes Handwerk:

Ich weiß euch Dank,

Daß ihr als Diebe euch bekennt, euer Treiben

In frommen Schein nicht hüllt; Diebe sind alle,

Zu welchem Stand sich jeder auch bekennt.

Es ist ja, in der ganzen Natur, alles Dieberei: Sonne, Mond, Wasser und

Erde, -- eins bestiehlt das andre. Aber -- wir kennen das Schema schon

-- wie viel ärger ist’s gar unter den Menschen!

Dieb ist alles:

Selbst das Gesetz, das euch in Zaum und Fron legt,

Übt straflos und in roher Willkür Diebstahl.

Wir kennen das Schema schon: in der Tat, legt man den formalen Maßstab

an, fragt man, ob das ein Drama sei, ob da Menschen, ob seelische

Gewalten einander gegenübergestellt werden, so kommt man immer wieder

darauf, daß hier nicht die Sprache dem Ereignis und das Ereignis dem

Geheimnis des Innersten dient, sondern daß die Vorgänge ein Zubehör der

Sprache sind; die dramatische Begleitung der Rede ist wie die ~Biblia

pauperum~ Bildersprache. Sehen wir aber davon ab und wenden uns der

geistigen Bedeutung der Erkenntnisse zu, die Shakespeare mit solchen

Mitteln zum Ausdruck bringt, so ist zu sagen, daß Shakespeare hier

mit klaren Worten und Begriffen die radikale Kritik unsrer auf dem

Eigentum beruhenden Rechtsordnung, unsrer vom Rechtswesen gesicherten

Eigentumsordnung, die sozialistische Kritik Proudhons und seinen

zusammenfassenden Satz: Eigentum ist Diebstahl vorweggenommen hat.

Und was so in Worten erklärt wurde, wird dann auch mit der Handlung

illustriert, so daß wir als in einem Notwendigkeitszusammenhang die

beiden sehr verschiedenen und doch, solange Menschen Menschen sind,

zusammengehörigen Seiten der Anarchie beisammen haben: Timon beschenkt

die Diebe reichlich und schickt sie, die nunmehr besser für ihr

Handwerk ausgerüstet sind, nach Athen:

Brecht Läden auf; ihr könnt nichts stehlen, was

Ein Dieb nicht vorher stahl.

Köstlich ist nun aber, und das beste Stückchen der Handlung, obwohl

auch das nicht wahrhaft ins Menschliche verfolgt ist, sondern nur den

Entwurf eines Menschentums anlegt, wie es hinter aller Berufsteilung

des Lebens und Typenteilung der Komödie steckt, köstlich trotzdem und

ein herrlicher Gipfel in der sozialen Erkenntnis, die hier stufenweise

zu Wort kommt, wie Timons Reden und Geschenke auf die Diebe wirken:

sie, die Ausgestoßenen, verstehen die Herkunft seines Menschenhasses,

erkennen hinter all dem geifernden Grimm den reinen, edeln Idealismus,

sie schämen sich und wollen ehrlich werden!

Nun aber kommt der Mann zu Timon in die Einöde zu Gast, der von Anfang

an treu und redlich gegen ihn war: Flavius, sein Hausverwalter. Der ist

so traurig, daß er selber ganz nah am Menschenhaß ist:

Wie herrlich das auf unsre Zeiten paßt,

Wenn uns gelehrt wird: Liebt den, der euch haßt!

Fürwahr, eh lieb ich meinen offnen Feind

Als den, der feindlich ist und freundlich scheint.

Da bekommen wir eine ganz überraschende, kecke Umdeutung des

Christuswortes: Liebet eure Feinde; die neue, bissige Version lautet:

Liebet jedenfalls eher die Feinde als die sogenannten Freunde! Die

Keckheit beruht darin, daß formal das erhabene Gebot beibehalten ist:

Liebt den, der euch haßt! daß aber doch fast eine Umkehrung daraus

wird: Liebe ist Lüge; im Haß ist Wahrheit!

Diesem Getreuen gegenüber wird Timon weich; ihn beschenkt er, weil er

es verdient; nicht, um ihn mit dem Gold oder die Menschen mit seiner

Hilfe zu verderben; aber er knüpft eine arge Bedingung an das Geschenk,

das ohne sie auch widerspruchsvoll wäre:

Bau’ von Menschen fern;

Hass’ alle, fluche allen, tröste keinen!

Flavius, der untergeordnete Angestellte, wird hier -- trotz der

Erkenntnis, die Timon zu Wort gebracht hat, daß auch der Arme

nichts taugt -- den unabhängigen Reichen so als besserer Mensch

gegenübergestellt, wie die Diebe den Besitzern. Aber schon vorher

konnten wir in der Dienerszene sehen, wie diese armen Domestiken

alle treu und liebevoll zu Timon und zu einander hielten; wie sie

fortwährend die liebreiche Anrede ~fellow~, Kamerad, untereinander

austauschten; und Flavius, der sein Letztes unter ihnen geteilt hat,

gründet unter ihnen eine Art Timon-Orden:

Wo wir uns wiedersehn, laßt Timons halber

Uns Kameraden sein.

Auch das greift indessen nicht weiter in die Handlung ein: innerlich

ist diesem Stück keine Entwicklung vergönnt. Äußerlich freilich,

rhetorisch wieder, ist es ein famoser, glänzender Komödien-, noch

besser gesagt, Anekdotenschluß, wie nun in der Reihe der Gäste

die Senatoren kommen, um schamlos oder patriotisch in der Not des

Vaterlandes den, der voll Ekel vor ihnen geflohen ist, gegen Alkibiades

und sein Heer zu Hilfe zu rufen, wie er sie in langer Ironie täuscht

und hinhält und ihnen ein Mittel, ein unfehlbares, verspricht, durch

das sie aller Gefahr entrinnen können:

Es wächst ein Baum in meinem Waldbezirk,

Den nächstens ich zu eigenem Gebrauch

Umhauen muß. Sagt’s meinen Freunden an,

Sagt’s in Athen, in jeder Abstufung

Vom ersten bis zum letzten: Wer da wünscht,

Sein Leid zu enden, solcher komme spornstreichs

Hierher, eh noch mein Baum die Axt gespürt,

Und häng’ sich auf. -- Bestellt recht schönen Gruß.

Wir wissen, das ist mehr als böser, plagender Spaß. Weltschmerz,

ja, Weltwut äußert sich so, die keine andre Erlösung weiß, als dem

Leben ein Ende zu machen. So ist es einer der stärksten dichterischen

Züge dieses Stückes, daß Timon in diesen Worten, mit denen er

den verachteten Athenern, die seinen Rat begehren, den Rat gibt,

sich aufzuhängen -- so wie Shakespeares Coriolan sich den Römern

gegenüber die Redensart angewöhnt hat: Hängt sie! --, daß Timon

da ein paar Wörtchen einfließen läßt, in denen er seinen eignen

Freitod ankündigt. Nächstens, sagt er, werde er den Baum, an dem er

am liebsten die Athener gehängt sähe, zu eigenem Gebrauch umhauen

müssen. Wir erfahren es bald, zu welchem Zweck: um sein Grab zu

bauen. In seinen ungeheuren Gewaltreden hat er sich ganz ausgegeben;

es gibt für ihn so wenig wie für die Tragödie, die von ihm handelt,

einen innern Fortgang; er hat nichts mehr auf der Erde, nichts auf

der Bühne zu suchen: er verkriecht sich und stirbt, ohne daß wir

dabei sind, ohne daß der Dichter darauf ausgeht, uns mit diesem

Sterben in der Verlassenheit menschlich zu erschüttern. Goethe hat

schon recht: Molière, der große Komödiendichter, hat aus seinem

Menschenfeind den Helden einer Tragödie, Shakespeare, der größte aller

tragischen Dichter, hat aus Timon eine Molièrekomödie, allerdings mit

Shakespearischer Sprachgewalt, gemacht, und Timons Tod sogar ist eine

Art epigrammatisches Auftrumpfen, ein Komödienschluß.

Von diesem Helden einer fast allegorisch zu nennenden, dramatisch nur

eingekleideten vehementen Predigt, in der die Übergangsszenen der

Handlung lässig und unlustig hingeworfen sind, von diesem Menschenfeind

und Feind seines Volkes und von seiner Ergänzung Alkibiades, der

den Krieg seinem eignen Volk ins Land trägt, gehen wir nun in der

nächsten Betrachtung zu jenem andern Adelsmann über, der eben schon

genannt wurde, zu dem Verbannten, Volksfeind und Kämpfer gegen sein

Vaterland Coriolan. Wie anders wird der zuinnerst und in der Art, wie

er steht und geht, lebendig werden als Timon; wie wird Coriolan ein

Mann und ein Mensch sein, wo Timon ein Exempel ist; was werden ihn in

mannigfaltiger Abstufung für Römer und Römerinnen umgeben gegen die

Puppen von Athenern, die wir hier finden! Einmal noch, zum letzten

Mal also, werden wir da den Shakespeare zu uns sprechen lassen, der

uns mit der Geschichte der Seele die Seele der Geschichte gibt. Dann,

nachher, wollen wir sehen, wie der Shakespeare, der die Moralität von

den wunderbaren Reisen des Perikles und die Satire von Glanz und Wut

Timons des Menschenfeindes gedichtet hat, auch in diesem Stil noch

wieder aufwärts steigt zu reiner Höhe der Milde, der Heiterkeit, der

Weisheit, in dem Drama von Imogen, im Wintermärchen, im Sturm. Die

Märchen- und Meeres- und Sphärenmusik des Sturm klingt schon in den

Reisen des Perikles an, wie auch Miranda in manchem an Marina, die

Tochter des Perikles, erinnert; aber der letzte Aufwärtsweg, den wir

mit Shakespeare machen, ist noch weit, so weit wie von der gequälten

Wut Timons des Menschenfeindes zu der Überlegenheit Prosperos, der das

innerste Grauen der Welt kennt und den unrettbar verworfenen Caliban im

Urgrund der Welt und des Menschengeschlechts finden muß und dennoch,

heiter in Düsterkeit, Ruhe und Liebe nicht aufgibt.

Coriolan

Coriolan ist das dritte und letzte Stück, das Shakespeare nach Plutarch

aus der römischen Geschichte behandelt hat. Über die Zeit der Abfassung

oder der ersten Aufführung liegt uns kein Bericht vor; auch sonst

fehlen äußere Merkmale, aus denen etwas zu schließen wäre. Ich folge

denen, die auf Grund der Sprache und der Verstechnik die Jahre zwischen

1608 und 1610 als Zeit der Abfassung annehmen: ich möchte glauben, daß

Antonius und Cleopatra und auch Timon von Athen vorher gedichtet sind.

Man könnte aber nicht leicht drei Stücke eines Verfassers nennen, die

sich nach Aufbau, Stimmung, seelischer und poetischer Technik radikaler

von einander unterschieden als diese; Shakespeare war gerade in seiner

letzten Periode zu mehreren, sehr verschiedenen Darstellungsarten

geneigt und war vielleicht jetzt mehr ein Suchender als je.

Zu Plutarch steht Shakespeare bei diesem Stück eher noch freier

als die beiden andern Male: wohl dankt er ihm viele Einzelzüge,

folgt ihm auch im Aufbau der einen oder andern Rede; aber er nimmt

Abweichungen wichtiger Art auch in der äußern Handlung, vor allem

Zusammenziehungen vor. Die Vorgänge, die den Stoff der beiden Tragödien

aus dem Beginn der Kaiserzeit lieferten, waren und sind ein Stück der

eignen Geschichte auch unsrer Völker; es geht um Entscheidungen, die

Shakespeares Zeitgenossen angingen, wie sie auch für uns noch bedeutend

sind; der Krieg zwischen Römern und Volskern und alles, was damit

zusammenhing, hat als äußerer Verlauf keine solche Aktualität; es kommt

alles nur auf das geschichtliche Beispiel für immerdar wirksame Kräfte,

Tendenzen und Gegensätze und auf das innere Leben der Gestalten an.

Die spontane Lebendigkeit aber der inneren Antriebe, das Feuer, von

dem diese Menschen erfüllt sind, das ist ebenso völlig auch diesmal

Shakespeares Eigentum wie die geschichtliche Weite, zu der sich das

Ereignis ausdehnt.

Coriolan gehört zu den Stücken Shakespeares, die besonders sorgsam

komponiert, straff gebaut, rund vollendet sind; keines übertrifft es

in diesem Betracht; wenige, wie Macbeth und Othello, können ihm darin

gleichkommen.

Welch ein Abstand aber in jeder Hinsicht, wenn man von Timon kommt!

Nicht einmal die Hauptperson ist da wahrhaft individualisiert und

im Innersten ergriffen; die Nebengestalten aber sind allesamt

schablonenhaft; der Timon zielt ganz auf das Wort, auf die Rede

ab; große, herrliche Reden bringt wahrlich auch der Coriolan, aber

alle stehen sie im Zusammenhang der ergreifenden, lebendigen Aktion

und dienen der Erhellung der Seelen; und jede Gestalt bis zur

kleinsten Nebenperson herunter ist individuell behandelt, und nun

gar die Hauptgestalten! Neben Coriolan Menenius Agrippa, die beiden

Volkstribunen, Tullus Aufidius der Volskerheld, Coriolans Mutter, seine

Frau und das Volk.

Eine sehr bezeichnende Abweichung Shakespeares von Plutarch bringt

eine Bestätigung für etwas, was schon früher gesagt wurde, und deutet

zugleich das Bereich, in das uns der Coriolan führt. Es hat wahrlich

seinen tiefen Grund, warum die Natur einen zum Dichter und nicht zum

Philosophen oder Forscher geschaffen hat. Ein Dichter, ein Dramatiker

wie Shakespeare _kann_ sich nicht nur in die verschiedensten

Naturen, Temperamente und Weltanschauungen einfühlen; er muß es, weil

seine Natur ihre herrliche, stramme Sicherheit und Eindeutigkeit

nicht in _einem_ System, sondern in einer Vielheit von Bildern

findet; immer macht der Künstler aus der Not eine Tugend; und eben aus

dieser Entbehrung an eng begrenzter Festigkeit macht der Dramatiker

den Reichtum seiner Gestalten, Sphären und innern Verfassungen. Der

Dichter lebt in Einem Himmel, der durch alle Reiche waltet; er kniet

nicht vor Einem Gott. Diese Proteusnatur des Dichters bringt es mit

sich, daß er mit einer Kraft und Eindringlichkeit, die nur von

eigener Übereinstimmung zu kommen scheint, in das Denken und Fühlen

eines Menschen eingeht, daß er ihn von innen gestaltet, als wäre er es

selbst, daß er ganz mit ihm und in ihm ist, daß er dann aber wieder

hinausschlüpft und ebenso untrennbar sich mit einem wesentlich andern

zu decken scheint.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 14 / 30 段