Jeder Besondere kennt den Wunsch und die Notwendigkeit, zwischenhinein

gewöhnlich zu sein, gleichviel, wie viele seiner Gaben er in

die Gewöhnlichkeit mitnimmt; und so verstehe ich es als völlige

Notwendigkeit, daß auch Shakespeare hie und da und in besonderen Krisen

der Umgebung und sich selbst hat nachgeben müssen.

Wir haben sein Neues, Besonderes, Großes gesehen; auch läßt sich

zeigen, wie es aus der Art und Mode seiner Zeit und gegen sie entstand.

Die Art der Zeit war Leidenschaftlichkeit, Üppigkeit, Bilder- und

Witzesfülle der Rede und Charakteristik großen Zuges im Sinne einer

rationalen, allgemeine Typen setzenden Psychologie; prachtvolle Muster

dieser Dichtung seiner Zeit sind die beiden glänzenden Gedichte seiner

Jugend, Venus und Adonis und Der Raub der Lucrezia, um derentwillen

er sofort ein gefeierter Dichter wurde. Glänzendes Talent, in der Art

der größten Dramatiker seiner Zeit zu dichten, zeigt sich im Titus

Andronikus; und wie wundersam und abgestuft die Sprach- und Metapher-

und Witzkunst, die Sprache der Empfindung und des Geistes in der

Verlornen Liebesmüh! Wie er dann aber mit seinem Eigenen, Wesentlichen

einsetzt, in der Gestalt des Proteus in den Zwei Edelleuten von Verona,

da ist er ein Anfänger, der den Übergang von der starren Charaktermaske

zur Beweglichkeit des lebendigen Menschen noch nicht zu finden weiß und

aus dem Ernst ins Spiel zurückbiegt, um nur einen Abschluß anzuflicken.

Zu solchen Vor- und Entwicklungsstufen ist Shakespeare aber während

seiner ganzen Produktion hie und da zurückgekehrt, wenn ihn Bedürfnis

oder Lust überkam, sich’s zwischenhinein leichter zu machen. Da hat

er derbe, rasch gezimmerte Possen geliefert wie Der Widerspenstigen

Zähmung und dergleichen; oder leichte Spiele; in einer ernsteren

Komposition hat er wohl die Charaktere entweder nicht zur Entwicklung

gebracht oder hat sie umgekehrt plötzlich, gegen alle Glaubhaftigkeit,

umfallen lassen; oder er hat nicht seine letzte Kraft aufgeboten und

hat Großes in der skizzenhaften Anlage stehen lassen. Ganz besonders

lag ihm schon immer nahe, sein Größtes und Schwerstes, das, womit

er maßlos fremd in seiner Zeit stand, die Entwicklung menschlicher

Seelen, wie er sie in immer tieferen Abgrund hinein verfolgte, fallen

zu lassen und dafür zweierlei zu bringen: einmal in dramatisierten

Novellen, Romanen, Märchen das buntbewegte romantische Abenteuer, nach

dem die Zeit in allen Völkern und in allen Schichten der Bevölkerung

viel hungriger begierig war als nach der Offenbarung des menschlichen

Innern; und dann die leidenschaftliche, grimmige, weise, satirische

oder polemische Rede. Sonst, wenn er in seiner ganzen Gewalt stand

und das Äußerste von seiner Produktion verlangte, ließ er diese Rede

sublim aus dem tief Menschlichen heraufquellen; war er aber genötigt

oder gewillt, es sich leichter zu machen, so gelang es einem solchen

Virtuosen auch, sie unmittelbar, unterhaltend und geißelnd, zum

Mitgefühl wie zum Nachdenken stimmend, aus den äußern Vorgängen allein

abzuleiten.

In seiner letzten Arbeitszeit nun tritt sein Eigenstes, die Verbindung

von Handlung und Seelenenthüllung, ganz besonders zurück; keineswegs

verschwindet es ganz und gar; aber irgendwie -- so deute ich dieses

sehr Schwere und will jetzt nicht mehr davon sagen; wie ich es

möglicherweise meine, werde ich erst in den letzten dieser Vorträge

anzudeuten wagen -- irgendwie setzt die höchste und gefährlichste, die

verzehrendste Kraft seiner Produktivität aus. Denken wir einstweilen

nur an das, was hier von dem Dualismus und der Diät und den Krisen der

produktiven Menschen gesagt worden ist; denken wir daran, wie Goethe

eine gewisse zauberhafte, kraftvolle, über Schönheit, Weisheit und

Literatur hinausbrechende zeugungsmächtige Energie der Gestaltung,

wie sie seine Jugendproduktion hatte, früh verloren und nie wieder

erhalten, wie er dafür freilich anderes bekommen und erarbeitet hat,

so werden wir uns nicht wundern, daß Shakespeare zum Ende hin, wiewohl

er an Jahren nicht alt wurde, seine Stimmung und Weisheit, das Höchste

seines Ergebnisses im Drama bringen und leuchten lassen wollte, ohne

es erst so tief in Menschenseelen hineinzustecken, daß es den langen

schweren Weg der Charaktertragödie gehn mußte, um in Fülle des Lebens

wieder herauszubrechen.

Von den Stücken, die wir noch vor uns haben, unternimmt Shakespeare nur

noch in einem die Fahrt in den tiefen Schacht der Seelen hinein: in

Coriolan; in den andern geht er in dem besondern Stil seiner letzten

Periode, nicht zwar auf einem, sondern auf verschiedenen Pfaden,

immer den Weg der Verbindung von romantischem Spiel und Weisheit, den

er vollendet erstmals im Sommernachtstraum gegangen war. In dieser

letzten Periode aber ist er auf der Suche nach einem neuen Stil; und

über Zymbelin und Wintermärchen hinweg kommt er zu einer wunderschönen

einsamen Höhe im Sturm.

Ehe er indessen so weit war, in dieser Gattung, die die drei Elemente

seines Dramas: Handlung, Seelenenthüllung und Sprache, in neuem

Mischungsverhältnis brachte, ganz oben zu sein, erlaubte er sich,

tastend oder schnell hinwerfend, zwei leichter gezimmerte Stücke, die

sich sehr merkwürdig von all seinen andern unterscheiden: Perikles,

Fürst von Tyrus und Timon von Athen. Auf ein drittes Gebilde ebenso

und, meine ich, im selben Zusammenhang problematischer Art, König

Heinrich VIII., sei hier nur hingewiesen.

Perikles soll uns dazu dienen, das Rätsel Timon, soweit es möglich ist,

zu erhellen; die Bedenklichkeit, ich muß beinahe selbst sagen, die

Komik meines Versuchs liegt nur darin, daß die Entstehungsgeschichte

des Perikles auch nicht gerade feststeht. Ziemlich einhellig zwar

sind die Gelehrten jetzt darin, daß sie Shakespeare die Autorschaft

nicht abstreiten; und auch darüber ist man im großen Ganzen einig, daß

das Stück nicht seiner Frühzeit, sondern dieser recht späten Periode

zugerechnet wird. Ich wüßte auch gar nicht, mit welchem Recht man es

der Jugenddichtung zurechnen könnte; es sei denn, daß der Grundsatz

gelte, was einem nicht behagt, sei entweder nicht von Shakespeare oder

stamme aus seiner Jugend.

Perikles, Fürst von Tyrus ist 1609 in einer Quartausgabe erschienen:

„Das jüngste, viel bewunderte Schauspiel von William Shakespeare“. Ein

Zeichen, daß das Stück beim Publikum großen Erfolg hatte, ist denn

auch, daß rasch hintereinander vier solche Quartausgaben erschienen.

Die große Nachlaßausgabe, die erste Folio aber brachte das Stück nicht;

die zweite von 1632 auch nicht, aber die war auch nur ein Nachdruck

der ersten; die dritte von 1664 nahm das Stück auf, zugleich mit einer

Reihe anderer Stücke, die noch strittig sind, zu einem gewichtigen

Teil aber auch heute mit gutem Grund Shakespeare zugeschrieben

werden. An äußeren Zeugnissen kommen also nur in Betracht erstens

die Quartausgaben, die für Shakespeares Verfasserschaft sprechen;

das ist aber kein ganz durchschlagender Beweis; die Titel dieser

Quartos vermeldeten auch manchmal Irrtümer oder Lügen; und zweitens

die Weglassung des Stückes in der von Shakespeares Freunden besorgten

ersten Folio. Daraus vermag ich aber auch nichts Sicheres gegen

Shakespeares Autorschaft zu holen, so ernst es auch zu nehmen ist;

diese negative Tatsache ist keine Antwort, sondern eine Frage. Haben

die Herausgeber ihre oft bewährte Liederlichkeit und Willkür walten

lassen? Wußten sie aus persönlichen Äußerungen, daß Shakespeare das

Stück verwarf, nicht, weil er es nicht verfaßt hatte, sondern weil er

sich seiner schämte?

Durchschlagende Zeugnisse sind also keine da; weder für noch gegen

Shakespeares Autorschaft. Ich entschließe mich -- mit den meisten

Forschern -- Shakespeare für den Verfasser zu erklären, weil alles

Sprachliche, wozu ich auch die Gedanken, die Satire, die Polemik,

die Weisheit und die lyrische Betrachtung der Ereignisse rechne,

völlig reifer Shakespeare ist; wir kennen niemanden sonst, der in

Situationen der Höhe und der Gemeinheit seine Menschen so sprechen

ließ. Kunsthistoriker helfen sich in solchen Fällen, wo ein Werk alle

Kennzeichen des Pinsels eines Meisters trägt, ihnen aber seiner doch

nicht ganz würdig scheint, damit, daß sie es seiner Schule zuschreiben.

So ähnlich hat man auch für dieses Stück den Versuch gemacht, von einer

bloßen Bearbeitung oder Mitarbeit Shakespeares zu reden. Dazu nun sehe

ich gar keine Möglichkeit. Das Stück ist ganz einheitlich und aus

einem Guß; es gehört nur eben einer völlig andern Gattung zu, als wir

sie sonst von Shakespeare kennen. Das gilt auch für Goethe und seinen

Großkophta zum Beispiel; Schlüsse, das Stück sei nicht von ihm, oder es

stamme aus seiner Jugend, oder ein andrer habe es verfaßt und Goethe

habe es nur überarbeitet, wären, wir wissen es zufällig, allzumal

falsch. Daß Shakespeare hier, wie es öfter anzunehmen ist, ein eigenes

Jugendwerk oder einen aus der Frühzeit stammenden Entwurf bearbeitet

hat, ist wohl möglich; eine Bemerkung in einem Prolog Drydens, dem noch

persönliche Erinnerungen, die auf Shakespeares Freunde zurückgingen,

zugänglich waren, spricht dafür, ohne irgend Sicherheit zu geben.

In diesem Perikles nämlich gehen die Handlung, das romantische

Abenteuer, das Spinnen und Abreißen der Fäden in dem einmal erwählten

Stil überaus sicher vor sich; nur ist freilich dieser Stil kindlich,

holzschnittmäßig, fast nach Art der alten Moralitäten; die Leutchen

bringen alle ihren fertigen Charakter mit in das Stück; von einer

Entwicklung oder tiefern Erleuchtung ist gar keine Rede.

Das Drama geht nicht auf Menschenforschung aus, sondern auf ein

phantastisches Abenteuer, das gefühlvoll, musikalisch, lyrisch umwunden

wird und vor allem Gelegenheit zu Weisheit, zu der Weisheit aber von

Shakespeares unverkennbar besonderer Art gibt.

In der Quellenüberlieferung heißt der Held dieser romantischen Sage

sonst nicht Perikles, sondern von einem beliebten spätgriechischen

Roman her Apollonius von Tyrus. In England hatte im 14. Jahrhundert

John Gower die Geschichte behandelt; und so ist in unserm Drama

Gower der Prolog, der von Akt zu Akt dazwischen liegende Teile des

abenteuerlichen Seereiseromans erzählt. In den dramatisierten Vorgängen

selbst bleibt alles marionettenhaftes Spiel; nun ist das Puppenhafte

und Spielerische ein Element, von dem das Drama ausgeht und zu dem es

immer wieder zurückkehrt; das gilt nicht bloß für die Geschichte des

Dramas, sondern für die Entwicklung jedes einzelnen Dramatikers; jeder

Künstler besinnt sich manchmal darauf, daß sein Amt nicht unmittelbare

Arbeit an lebendigen Menschen, sondern Schnörkel, Arabeske und Spiel

ist; und dieses Drama sieht so aus, wie wenn Dostojewskij, als er

sich erholen wollte und der Psychologie müde war oder irgendwie das

Tiefste nicht mehr oder zwischenhinein nicht konnte, so etwas wie den

Grafen von Monte Christo geschrieben hätte, ihn aber mit reichlichen

Blitzen seines Geistes und seiner Gesellschaftskritik durchzuckt hätte.

Gerade das hat Dostojewskij ja nicht getan; aber wie er sich oft in

andrer Art erholte, wie er seine genial verzerrende, das Übliche zur

innern Wahrheit verzerrende Psychologie, mit der er als Fremder gegen

seine Zeit stand, ließ und inzwischen Geschichten der kleinen Groteske

hinwarf, wissen wir.

Im Anschluß an den Roman läßt das Stück Perikles, den Fürsten von

Tyrus, ein paar Jahrzehnte lang zwischen Antiochia, Tarsus, Pentapolis

und Ephesus hin und her reisen; er verläßt die Prinzessin von

Antiochien, weil sie in Blutschande mit ihrem Vater lebt; durch

ritterlichen Kampf gewinnt er Thaisa, die Tochter des Königs von

Pentapolis; auf der Meerfahrt in fürchterlichem Sturm kommt sie nieder,

scheint tot, wird in einer Kiste ins Meer geworfen; sie hat ein

Töchterchen geboren, das er später verliert; die Ärmste soll ermordet

werden, wird geschont, aber von Räubern in ein Bordell verkauft; darin

bleibt sie rein und gut. Später findet Perikles die Tochter wieder,

und mit Hilfe der keuschen Diana wird ihm sogar auch die Frau wieder

geschenkt, die von einem weisen, wundertätigen Arzt als Ertrunkene

wieder ins Leben gerufen und Hohepriesterin in Ephesus geworden war.

Das alles wird farbig und im äußern Vorgang lebendig dargestellt und

könnte auch heute noch interessieren und leicht, spielerisch rühren.

Tiefere Bedeutung erlangt das Stück immer wieder durch zündende

Worte. Zur Kritik der Fürstengewalt, zur Weisheit der Staatslenkung,

zur Kennzeichnung der Niedertracht wie der schlicht volksmäßigen

Redlichkeit hat Shakespeare da ganz Treffliches gesagt. Und

unübertroffen gut ist die Sphäre des Bordells, des Liebesgeschäfts

dargestellt.

Ich führe ein Beispiel an, wie der Dichter in seiner Kritik den

absoluten Monarchen, den Tyrannen, und den rechten König, den Vater der

Seinen, einander gegenüberstellt. Die Tyrannen trifft es, wenn gesagt

wird:

Die Könige

Sind Erdengötter und im Laster schaffen

Sie ein Gesetz aus ihrem Willen. Zeus

Kann keiner strafen, wenn Zeus selber sündigt.

Dagegen erhebt sich das Bild des rechten Königs in Perikles. Wie um

seiner persönlichen Angelegenheiten willen Krieg mit Antiochien droht,

ist er besorgt, seine armen Untertanen, die mit all den Wirren nichts

zu tun hatten, könnten ganz unschuldig Gräßliches erleiden müssen:

Ich sorg’ um sie,

Denn mich bedaur’ ich nicht; ich bin nicht mehr

Als wie die Wipfel, die der Bäume Wurzeln,

Durch die sie wachsen, schützen.

So wird die Handlung, außerdem, daß sie fesselndes und rührendes Spiel

ist, immer wieder, bei jeder Gelegenheit, zu Sentenzen benutzt; nur

freilich geht diese Weisheit nicht aus der innersten Not weder der

Person noch der Situation hervor, und so bleibt unsere Stimmung wohlig,

angenehm unterhalten, aber nichts berührt uns in der Tiefe.

Ich sage nun, daß Timon von Athen, wiewohl dieses Drama in dem, was ich

die Sprache oder die Rede nenne, zu weit bedeutenderer Höhe ansteigt,

ein Stück ähnlicher Art ist: auch hier treten die Charaktere ganz

fertig und schablonenhaft auf, sie sind keine Individuen, sondern in

bestimmte Kostüme gekleidete Repräsentanten von Typen nach Art der

klassischen und romanischen Komödie, der Komödie von Shakespeares

Freund und gelehrtem Gegner Ben Jonson. Die Handlung ist diesmal nur

ein übernommener, weitmaschig motivierter, Skizze gelassener Vorwand,

ein Stramin, um Reden, Betrachtungen, leidenschaftliche Ausbrüche

gegen Erbärmlichkeit und Verrat der Menschen hineinzusticken. Denken

wir dagegen etwa an Hamlet! Gewiß wird auch da die Handlung immerzu zu

Ausfällen und Betrachtungen benutzt; da erwachsen sie aber, wie mit

innerem Zwang, aus dem Zusammentreffen von gereizter Menschenseele und

Situation; sie gehören zu einem unsäglich reichen, quellenden Leben,

zu einem Stück tragischer Wirklichkeit. Von den Kommentatoren wird

nun allerdings meist behauptet, für einige Szenen des Timon gelte das

ebenfalls, und sie seien nicht geringer an Rang als die Szenen höchster

tragischer Gewalt, die wir von Shakespeare haben; Timons Ausbrüche des

Menschenhasses werden den Wahnsinns- und Verzweiflungsszenen Lears an

die Seite gestellt. Und dagegen findet man dann eine Reihe anderer

Szenen so elend, so stümperhaft hingehudelt, so des Dichters unwürdig,

daß man sagt: sie können nicht von Shakespeare sein.

Man hat noch viel zu geringe Ehrfurcht und Ergriffenheit vor dem

großen Tragiker Shakespeare, wenn man die prachtvollen Sprachkatarakte

Timons nicht tief unterscheidet von dem Einblick ins Innerste der

Menschenseelen, wie ihn uns die großen Tragödien des Dichters gewähren.

Was er im Timon als höchstes zuwege gebracht hat, tragische Redegewalt,

das hat er auch, aus unmöglichen Situationen heraus, im Titus

Andronikus, das haben auch Marlowe und andere Zeitgenossen vermocht.

Auch ich finde den Abstand gewisser Szenengruppen im Timon von einander

außerordentlich groß; aber er ist nicht unüberbrückbar und nicht so

sehr viel größer als im Perikles zwischen der Art, wie die Handlung

geführt wird, und wie die Weisheit und Satire sich äußert.

Das nämlich dünkt mich der springende Punkt: wo es im Timon um Polemik,

Satire, Erfahrung, Weisheit geht, um die groß pathetische Rede, da

ist die Sprache prachtvoll, stark und wenn nicht gewaltig, so doch

gewalttätig groß. Aber innerste Glut, Hervorbrechen des schlechthin

Notwendigen, so daß man mit hingenommener Seele bei einer Eröffnung

des Lebens ist, ist auch sie nicht, nie in diesem Stück, nicht einmal

in den höchsten Momenten: immer prasselt da eine gewisse kalte,

virtuosenhafte Pracht auf uns hernieder; immer ist dieses Feuerwerk

Sprache und also Rhetorik, tief empfundene Rede Shakespeares, die

aber den Gestalten und Situationen der Handlung nur so aufgebunden

ist, wie der Redner sich der Bildersprache bedient; immer hat man

den Eindruck wie einer Wiederholung von etwas, was einstens ganz

echt und ursprünglich und dramatisch war, weil der Dichter sich in

seinen Gestalten verlor, während er es jetzt, blendend, bezaubernd und

subjektiv, wie er sich äußert, fast nicht der Mühe wert zu finden

scheint, seinen letzten Ernst auf das zu verwenden, was ihm nur noch

Einkleidung ist.

Eine Notwendigkeit, die verbreitete Annahme zu teilen, daß etliche

Szenen, in denen die äußere Handlung vom Flecke gebracht wird und

die in der Tat auf einem sehr niedrigen Niveau stehen, nicht von

Shakespeare stammen, sehe ich also nicht; was für Teilhaberschaften

kämen dabei heraus, wenn man jedesmal eine Szene, die einem

minderwertig erscheint, dem großen Dichter absprechen wollte! Man hat

die bedeutenden Szenen Timons überschätzt und zu sehr gerühmt; auch

sie stammen zwar von Shakespeare, aber auch sie nicht von dem ganz

echten, sondern von einem schlaffen, schwankenden, müden, vor allem der

Gestaltung und Seelenergründung müden, von einem Geiste, der wieder

einmal zugleich ruhend und suchend geworden war.

Es findet sich aber freilich in der Schlußszene des Stückes eine

Stelle, wo man wirklich meint, sagen zu müssen: das ist so unsäglich

jammervoll, nein das kann nicht von Shakespeare stammen! Und müßte

man auch nur das kleinste Stückchen des Textes einem andern abtreten,

so wäre ein Mitarbeiter, ein Überarbeiter oder Überarbeiteter da,

und weitergehende Vermutungen hätten sichern Grund. Diese Stelle ist

die Inschrift, die Timon auf seinen Grabstein gemeißelt hat; sie ist

nach Ton wie Inhalt im Original genau so elend wie in der folgenden

Übersetzung:

Hier ruht ein müder Leib, die müde Seel’ entschwebt:

Forscht nach dem Namen nicht; die Pest euch Schurken, die ihr lebt!

Hier lieg’ ich, Timon, der im Leben Lebendes gehaßt;

Fluch’, Wandrer, wie du willst, nur halt’ hier keine Rast!

„Forscht nach dem Namen nicht!“ und „Hier lieg ich, Timon,“ -- das

erinnert doch gar zu sehr an die Legende von dem hilfreichen Mann, der

sich von der armen Frau mit den Worten verabschiedete: „Meinen Namen

werdet Ihr nie erfahren; ich bin der Kaiser Josef“, als daß wir eine so

überhomerische Schläfrigkeit Shakespeare zutrauen dürften. Indessen

ist die Textgestaltung, die wir haben, uns nicht von Shakespeare selbst

vorgelegt; je zwei von diesen vier Versen bilden eine in sich fertige

Grabschrift, die beide Male nichts vorher und nichts nachher erfordern;

es besteht also die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Fassungen überliefert

waren, die von den Herausgebern der Folio törichterweise beide

gedruckt wurden. Allerdings brauchte man sich mit dieser Abweisung

noch nicht zufrieden zu geben, könnte vielmehr sagen, auch wenn man

die Grabschrift halbiere, bleibe doch jede, die zur Auswahl stehe,

ein gleichermaßen elend versifiziertes Sprüchlein, das in seltsam

kindlichem Widerspruch stehe zu der sprühenden Geist- und Sprachgewalt

Timons. Ist ein so kümmerliches Gemächte Shakespeare als Krönung eines

Stückes, in dem in den Hauptszenen eine so prachtvoll starke Sprache

geredet wird, zuzutrauen? Darauf aber kann ich nicht ohne weiteres

glatt Nein sagen; ein sehr seltsamer Umstand macht mich betroffen.

Wir haben eine andere Grabschrift, von der eine gut beglaubigte und

nicht leicht zu verachtende Tradition behauptet, Shakespeare habe sie

gedichtet oder zum wenigsten bestimmt: Shakespeares eigene nämlich, wie

sie sich auf seinem Grab in der Pfarrkirche zu Stratford befindet. Die

ist nicht nur gerade so kläglich, sondern auch in der nämlichen Art

elend: in weinerlichem Bänkelsängerton gehalten, der, wenn er nicht

Persiflage ist, gewiß mehr an Jahrmärkte erinnert als an die hohe freie

Würde und Ausdrucksgewalt Shakespeares. Und dabei können wir uns daran

erinnern, daß dieser volkstümliche und kindlich einfältige Leierton,

wie er auch von Gower in den Prologen zu Perikles gesprochen wird,

auch sonst manchmal von Shakespeare zur Zusammenfassung an solchen

Stellen gewählt wird, wo das Ernste und Furchtbare aus der Form des

Spielerischen nicht hinausfallen soll, zum Beispiel in Verschen, die in

Maß für Maß der Herzog zu sprechen hat.

Ich bleibe also dabei: man kann das Rätsel Timon teils lösen,

teils, weil es sich mit anderm Rätselhaften in Shakespeares letzten

Lebensjahren eng berührt, Rätsel lassen, ohne einen zweiten Verfasser

zu bemühen.

Um die äußern Daten der Textüberlieferung steht es sehr einfach: wie

viele andre Stücke ist Timon für uns erstmals in der ersten Folio von

1623, und zwar als vierte der Tragödien gedruckt worden. Wann das Stück

zuerst auf der Bühne erschien, ob es bei Shakespeares Lebzeiten auch

schon erschien, wissen wir nicht. Ein andres Stück Timon in der Art

gelehrter Schulkomödien, das aus dem Jahr 1600 stammt, ist bekannt; es

hat gar keinen Berührungspunkt mit unserm Drama.

Von Timon muß Shakespeare eine Erwähnung in Plutarchs

Antoniusbiographie gelesen haben; da findet sich auch der Name des

Zynikers Apemantus. Dann ist der Stoff von William Paynter, den

Shakespeare auch sonst benutzt hat, als Erzählung behandelt worden.

Einige Züge stammen -- gleichviel, wie sie auf Shakespeare kamen -- aus

den Dialogen Lucians.

Das Stück zerfällt in zwei parallele Teile, deren erster den

reichen und mächtigen, der zweite den durch seine verschwenderische

Freigebigkeit verarmten Timon zeigt. Die Erfahrungen, die Timon

macht, sowie er arm wird, stürzen ihn nun ganz plötzlich, ohne

jede Vorbereitung oder Überleitung, in grimmigsten, schimpfenden

Menschenhaß, er geht in die Einöde, in Wald und Höhle, und hat auch

für die, die ihm treu geblieben sind oder nichts zu Leide getan haben,

keine rechte, keine schöpferische Liebe mehr.

Man erhält gar sehr den Eindruck, daß das übrige Stück nur rasch

und leicht hingeworfen ist um der maßlos ausschweifenden Haß- und

Schimpfreden Timons gegen das Menschengeschlecht willen. Daneben

geht noch eine locker und schlecht mit der Haupthandlung vernestelte

Kontrasthandlung: die Athener zeigen sich auch gegen ihren Feldherrn

Alkibiades undankbar; der aber flieht sie nicht, sondern führt Krieg

gegen sie und besiegt sie.

Alle ziehen sie aus dem reichen Timon, der nur so drauf los schenkt und

übrigens auch geistig einer aus der Zunft von der „schenkenden Tugend“

ist, da er sich durch weisen Rat ums Vaterland verdient macht, ihren

Vorteil: Staatslenker, Hausfreunde, Wucherer, Tellerlecker, Juweliere,

Maler, Dichter; alle umschmeicheln ihn und er merkt keine Falschheit,

lebt vielmehr in Freude und Harmonie, weil er Gutes tun und beglücken

kann:

Wozu wären uns Freunde nötig, wenn wir sie niemals in der Tat nötig

hätten?... Ja, ich habe mich oft ärmer gewünscht, um euch näher zu

kommen. Wir sind geboren, Gutes zu tun, und was nennen wir wohl

besser und eigentlicher das unsrige als die Reichtümer unsrer

Freunde?

Diese Freunde beschenken ihn denn auch in der Tat sehr reichlich; er

merkt bloß nicht, daß sie es lediglich tun, weil sie sicher sind, noch

mehr von ihm zurückzuerhalten.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 13 / 30 段