Ihr wart halb welk, als ich Euch kennen lernte!

Und weiter:

Als kaltgewordnen Bissen

Fand ich Euch auf des toten Cäsars Teller;

Ein Brocken ja von des Pompejus Tisch;

Dazu noch was an schwülen Stunden, nur

Vom Leumund unverzeichnet, Eure Wollust

Sich auflas; denn gewiß, könnt Ihr auch ahnen,

Was Keuschheit sollte sein, Ihr wißt nicht, was

Sie ist.

Kann wohl sein, daß sie, die von Moment zu Moment lebt, in jedem

Augenblicke aber ganz, daß sie erst jetzt, wo seine zürnende Liebe

so schamlos ausbricht und ihr solche Gewalt antut, daß sie, die

Gepeitschte und Übergossene, erst durch diese Gewalttätigkeit wieder

ins Gefühl ihrer unabänderlichen Schicksalsliebe zu ihm kommt.

Jedenfalls beschwört sie nun ihre Liebe zu ihm mit so leidenschaftlich

überzeugenden Worten, daß er wieder umschlägt: auf also in die

Liebesnacht vor der letzten Schlacht!

Das ist die nämliche Nacht, in der die Soldaten, die auf Posten stehn,

eine seltsame unterirdische Musik vernehmen:

’s ist Herkules, der Gott, den er geliebt,

Der jetzt Anton verläßt.

Ein Mann war er, die verkörperte Männlichkeit, und zu Manneswerk

bestimmt; und als Weiberknecht geht er zugrunde. Im unterirdischen

Trauermarsch verläßt ihn sein guter Geist, der Gott der Männlichkeit.

Wohl stammt dieser Zug, den Shakespeare hier für die Untergangsstimmung

bringt, wie so manche Einzelzüge, von Plutarch: hier aber erst gewinnen

sie Leben und Sinn und werden mehr als Anekdotenkram, wo sie eingefügt

sind in dieses Gemälde der west-östlichen Leidenschaft im Rahmen großer

geschichtlicher Katastrophe.

An dem Morgen also, der dieser Nacht folgt, darf Antonius, der kämpft

wie ein Löwe, noch einmal sich Sieger nennen; aber das Treffen ist von

keiner Entscheidung und kann nichts mehr abwenden. Sein Stern sinkt;

der Glaube an ihn verliert sich aus der Welt; am Tag darauf entspinnt

sich wieder eine Schlacht zur See, und seine ganze Flotte übergibt sich

dem Feind.

Wer ist schuld? Auch hier will es der Dichter nicht wissen; es ist, wie

wenn ein Elementares sich dem Antonius entzöge. Wir wissen nur, daß

Antonius sofort wieder Cleopatra des Verrats bezichtigt.

An Treue der Liebenden glaubt er nicht und kann nicht dran glauben;

so ist die Welt nicht mehr, so sind seine Erfahrungen nicht, und so

ist vor allem seine Natur und die Lebensart nicht, die er wählte. Zeit

seines Lebens war er, wenn es die Selbstbehauptung gegen die Welt

und die Verfolgung seiner Ziele galt, ein Komödiant; sein schnell

teilnehmendes Gefühl, seine menschliche Wärme, seine kindliche

Hingabe, die alle als echte Gabe natürlich in ihm lebten, hat er in den

Dienst politischer Zwecke gestellt; aus seiner Stärke wie aus seinen

Schwächen hat er Mittel gemacht; wie Enobarbus, der ihn am besten

kennt, einmal daran erinnert wird, wie Antonius bei Cäsars und auch

wieder bei Brutus’ Tod Tränen vergossen habe, da meint der trocken:

Jawohl, in jenem Jahr plagt’ ihn der Schnupfen;

Was willig er zerstören half, darüber

Vergoß er Tränen.

Und vor allem, wie könnte er, der seinen Frauen hintereinander die

Treue gebrochen hat, an treue Liebe zu ihm glauben?

An Treue zu glauben war er gewohnt; an seinen Kriegskameraden, an

seinen Soldaten hat er sie gekannt; an Freundschaft und bewundernde

Ergebenheit hat er geglaubt; aber selbst die verlassen ihn jetzt eben.

An Liebe glaubt er und hat sie genossen, hat sich leidenschaftlich in

sie hineingewühlt und sich in sie begraben und um ihretwillen Welt

und Treue und Ehre vergessen und verraten. So ist ihm Cleopatra jetzt

wieder die Schlange, das falsche ägyptische Herz, das Zigeunerweib, --

jetzt hat sie ihm den Rest gegeben, hat ihn dem „jungen Römerknaben“

verkauft, die Hexe!

Vor seiner Wut flüchtet sie in ihr Grabmonument wie in eine Festung und

läßt ihm, in Angst und damit seine Stimmung umschlage -- sie kennt ihn

wie sich selbst --, sagen, sie sei gestorben.

Das aber ist sein Ende. Seine politische Rolle ist ausgespielt; es ist

nichts mehr zu hoffen, der kühle Knabe hat gesiegt. Und nun ist ihm,

wähnt er, Cleopatra im Tod vorangegangen, ist um seinetwillen, ist um

ihn gestorben! Er hat genug; die römische Tradition lebt noch in ihm:

ein Freigelassener soll ihm zum Sterben verhelfen. Er selbst glaubt’s

nicht zu vermögen. Der aber -- Eros heißt er schon bei Plutarch --

treu bis zum Tod, stürzt sich lieber selber ins Schwert.

Da nimmt sich Anton ein Beispiel; aber er ist doch kein ganzer Römer

mehr, es gelingt ihm nur, sich schwer zu verwunden; und da erfährt

er, daß es eine falsche Botschaft gewesen, was ihn in die letzte

Verzweiflung brachte; daß Cleopatra noch lebt! So läßt er sich zu ihr

tragen.

Sie aber inzwischen: in welcher Not der Reue und Angst ist sie! Oh, was

hat sie getan! Schon ehe er gebracht wird, weiß sie: diesmal hat sie in

ihrer Angst die Saite zu stark gespannt. Er hält sie für tot! für so,

um seinet-, um seines Zorns willen den Liebestod gestorben; das wird

er, sowieso schon zum Äußersten gebracht, nicht überleben!

Rührend ist ihr Abschied; er stirbt im Kuß, wahrlich, kein Romeo! aber

ein Mensch, ein Mann, ein Liebender trotz allem, ein Einziger -- Marcus

Antonius!

Sie aber fühlt sich neben diesem Leichnam, wie sie aus der Ohnmacht

erwacht, die sie sofort umfangen hat, wie Asche: es rieselt wie Alter

an ihr herab; der Königintraum, der Kaisertraum ist ausgeträumt; sie

ist nichts Besseres als ein armes, schwaches Weib, eine Magd, die

zurückgelassen ist: ihr Herr ist tot. Das Öl ist ausgebrannt.

Eine bessere Erkenntnis, als sie je gehabt, steigt jetzt in ihr auf,

eine ganz nächtige, die Erkenntnis all derer, die der Macht und dem

Genuß nachgetrachtet haben, deren innere Unbefriedigung, Ungenügsamkeit

und Sucht an der Welt und an sich selber gefrevelt hat, die Erkenntnis,

zu der auch jener so ganz andere, darin aber zum Kreis der Holden

gehörige, der unholde Mann Macbeth gekommen ist: der Nihilismus; das

Leben, _das_ Leben ist -- nichts.

Aus meinem öden Leid beginnt zu sprießen

Ein beßres Leben. Cäsar sein, wie nichtig!

Fortuna ist er nicht, nur Sklav’ Fortunens,

Ein Diener ihres Willens; aber groß ist’s,

_Die_ Tat zu tun, die alles Tun beschließt,

Den Zufall bändigt und den Wechsel sperrt,

Sich schlafen legt und nie den Kot mehr kostet,

Der Bettler nährt und Cäsar.

Und doch -- wahrlich, sie ist keine Julia! und auch nicht Portia, die

Römerin -- die Wetterwendische, das Kind des Augenblicks, das von ihrem

Zentralen her schillernde Oberfläche ist, wie der Opal, dessen äußerer

Schlangenhautglanz seine Tiefe ist, -- wer weiß, ob sie nicht doch

noch weiterleben könnte? Aber sie vernimmt, daß der kalte Octavius --

der erste Imperator und Cäsar, über den sie keine Macht hat -- nichts

andres sinnt, als sie gefangen im Triumph nach Rom zu führen -- und oh,

das wäre das Schrecklichste für sie!

Die alberne, eiskalte Octavia, die angetraute Gattin ihres geliebten

Toten, ihres Gemahls, soll höhnend auf sie blicken? Der jauchzende

Pöbel in Rom soll ihr entgegenschreien? Auf der Vorstadtbühne soll

irgend ein junger Schauspielerlaffe sie als Hure vom Nil darstellen?

Nein. Nun ist’s aus; sie ist entschlossen. Unzählige Male hat sie

ihrer Lebtag mit dem freigewählten Tod gespielt; das hat zu ihrem

hingegebenen, krampfhaften Leben gehört. Jetzt wird’s Ernst. Längst

kennt sie die sanfteste Todesart: in ihr schönstes Kleid läßt sie

sich schmücken; sie gedenkt des Tages, wo sie Marc Anton auf dem Fluß

strahlend als junge Liebesgöttin entgegenfuhr, -- und dann, nun, wo

sie tapfer frei in den Tod geht, ist sie nicht mehr die feige Sklavin,

die in scheu geduckter Liebe zu ihrem Herrn, dem Gatten einer andern,

emporsieht --

Ich komm’, _Gemahl_:

Jetzt gibt mein Mut mir Recht zu diesem Namen!

Ich bin ganz Feuer und Luft; was sonst in mir,

Geb’ ich dem niedern Leben.

„Was sonst in mir“, im Original aber: ~my other elements~: das

Element des Wassers, dem die tränenreiche Nixe vom Nil angehört hatte,

das Element des Erdenkots, dem sie bis dahin nie hatte entrinnen

können, die sollen nun mit ihrem Leichnam, der zurückbleibt, zu den

Stoffen gehn, deren Teil sie von je gewesen waren; Cleopatra steigt in

ihrem edlen leichten Teil, als Feuer und Luft, in ihre Ewigkeit.

Noch einmal haben wir hier der Sonettendichtung zu gedenken, wo der

Dichter klagt, daß wir Menschenkinder nicht ganz und gar Geist sind,

daß wir in die „dumpfe Substanz des Fleisches“ gestopft sind. Da wird

auch von dem bittern Naß des Wassers und von der Erde gesprochen, von

diesem Elementaren, das uns an die Natur klebt; unser Leib und unsre

Tränen, das sind Erde und Wasser in uns. Die beiden andern Elemente

aber, die Luft ist Geist in uns, und das Feuer ist ~desire~, ist der

Wille des Excelsior und himmlische Sehnsucht.

So darf Shakespeares Cleopatra sich zu ihrer Apotheose rüsten. Von

einer Schlange, die ein Bäuerlein bringt, läßt sie sich töten.

Stille, still!

Siehst du mein Kindlein nicht an meiner Brust

In Schlaf die Amme saugen?

Sanft und süß, unmerklich sacht holt die Schlange der Schlange

das Leben aus der Brust und träufelt den Tod hinein; im reinsten

aller Geschlechtsgefühle des Weibes, in unwirklich-phantastischer

Mütterlichkeit verscheidet die liebliche Buhlerin.

Aber noch im Sterben bäumt sich die alte Isis in ihr auf, die alte Eva:

sie freut sich noch, durch ihren Tod den klugen dummen Cäsar, der sie

hatte fangen wollen, um seine Beute zu prellen!

Treue findet auch sie bis in den Tod: ihre Frauen, die ihr Leben

geteilt haben und ihr ganz ähnlich geworden sind, sterben mit ihr:

die eine setzt sich die Schlange an wie die Herrin; die andre war ihr

einen Augenblick im Tod vorangegangen. Enobarbus’ scherzhaftes Wort vom

schnellen Tod dieser Kammerfrauen ist Ernst geworden: ohne daß man

eine Ursache erkannte, fiel sie tot hin, als Cleopatra, die Schlange

schon am Busen, sie zum Abschied küßte, auch sie ein Weib, für das Tod

und Liebesakt in seltsamem Rapport stehen.

So endet dieses Drama, eine Liebestragödie wie Romeo und Julia,

eine Römertragödie wie Julius Cäsar, ein Pamphlet auch gegen die

Geschlechtsliebe wie Troilus und Cressida. Dies alles ist es und ist

es nicht; daß es aber -- und ähnliches war für das sehr ernste Spiel

von den Helden des Trojanischen Kriegs zu sagen -- nicht eine Komödie,

wozu sein scharfes Auge den Dichter bei diesem Stoff so leicht hätte

verführen können, sondern trotz allem eine innig liebevolle Tragödie

wurde, das ist das beste. Es ist die besondere Tragödie dieses

besonderen reifen, überreifen, zeitlebens unreifen, zwischen Jugend und

Alter stehenden Menschenpaares Antonius und Cleopatra in dem großen

geschichtlichen Moment, wo die Antike reif, überreif, unreif zwischen

Jugend und Alter, vor dem Ende steht.

Liebe und Politik gehören in diesem Drama so zusammen, wie in der

wahren Geschichte der Völker privates und öffentliches Leben nicht zu

trennen sind. Die prachtvollen politischen Szenen des Stückes stehen

darum mit seinem Sinn in so naher Berührung wie die Liebesszenen: das

Staatsgespräch, wie Antonius und Octavius sich zuerst wieder begegnen,

das in seiner kühlen Überlegtheit seinesgleichen nur in den politischen

Szenen des Egmont hat; die Bankettszene auf dem Schiff des Pompejus, wo

mitten in römisch-traditionelle, aber nicht mehr durchweg festgehaltene

Würde süditalienische Seeräubertücke und griechisch-orientalischer

Tanztaumel kommt, wo Antonius und Octavius einander scharf

gegenüberstehen, der eine mit seinem lässig-nachgebenden Trinkspruch

Schickt euch in die Zeit!

der andre mit dem kühl gebietenden

Sei Herr der Zeit!

Da haben wir ein Drama, das fast unergründlich in die Tiefe der Seelen,

fast unermeßlich und farbenschimmernd in die Breite des geschichtlichen

Raums, in die Weite der Zeiten geht; ein Drama nur für reife Menschen

-- das gilt für den ganzen Shakespeare, aber für dies Stück besonders

--, das man lieber gewinnt und mehr bestaunt, je öfter man es liest,

das aber noch niemand in seiner umwerfenden und aufrichtenden,

schüttelnden und streckenden Größe ganz kennt, weil es die Gestalt,

nach der es verlangt, die Gestalt auf der Bühne noch nicht gefunden hat.

Diese Tragödie braucht für wichtige Szenen nach Shakespeares Anordnung,

ich meine, auch zur Einleitung und mancher Überleitung, Musik feiner

und starker Art, wie sie der Egmont gefunden hat, und braucht eine

Stimmung und ein Tempo, eine Zugleichheit von schneller Folge, saftiger

Breite und streng seelenvoller Tiefe, wie wenn ein Rubens und Rembrandt

als einziger Meister ans Werk ginge.

Timon

Der Punkt ist erreicht, wo es kaum mehr möglich ist, von Shakespeares

Schaffen zu reden, ohne auf sein Leben zurückzugreifen. Nicht zwar

auf das Leben, von dem uns Gewährsmänner oder Dokumente berichten;

kurz gesagt, auf den Menschen vielmehr, wie ich genötigt bin, ihn mir

vorzustellen. Denen, die meiner Auffassung widerstreben, räume ich gern

das Recht ein, mir einzuwenden, ich stütze eine Hypothese mit einer

Hypothese. Ich, indem ich zugebe, daß hier die Phantasie am Werke ist,

ohne die ich nicht auskomme, drücke es lieber so aus, daß ich sage:

den Menschen Shakespeare und das Werk seiner letzten Zeit sehe ich

in einem Zusammenhang, in dem allein ich dieses Werk verstehen kann

und gegen den mir weder psychologische Erwägungen noch tatsächliche

Überlieferungen sprechen, von welch letztern im Gegenteil einige meine

Deutung unterstützen.

Ich brauche einen Rückblick. Das scheint das Besondere der ganz

großen Dramen Shakespeares zu sein: Menschen und Handlung werden so

mit einander zur Entwicklung gebracht, daß die Menschen von innen her

sichtbar werden, daß sie einander gegenseitig erhellen, wobei zu ihrer

äußern Gegensätzlichkeit und Hilfeleistung noch innerer Kontrast und

Verwandtschaft treten, und daß sich uns so das innerste Leben, die

tiefste Wahrheit, das verborgenste Geheimnis dieser Naturen offenbart.

Ob diese Dramen mit ihren äußeren Geschehnissen im Altertum, in

sagenhafter Zeit, in geschichtlich christlichen Jahrhunderten spielen,

wird für diesen ihren seelischen Gehalt von minderer Bedeutung; die

Gestalten scheinen den Bann von Zeiten und Räumen, die strengen

Grenzen des Vorgangs, in den sie eingesperrt sind, zu sprengen und

untereinander einen Zyklus, einen Reigen und Verein ohnegleichen zu

bilden; nicht nur Shylock und Porzia, Prinz Heinz und Percy, auch

Richard III. und Jago, der Bastard Faulconbridge und der Bastard

Edmund, Julia und Desdemona, Brutus und Hektor, Hamlet und Falstaff

stehen in geheimem Gespräch, in Dialektik zu einander. Es geht um

Menschen und ihre Schicksale; es geht um den Menschen in gröbsten

Gegensätzen und feinsten Tönungen; es geht um Kraft, die als Hoheit

und als Gemeinheit erscheint; um große Leidenschaft, Wildheit,

Tapferkeit, Kühnheit; um Bekenntnis zu sich und um Hader mit sich; um

geniales oder dämonisches Denken und Wollen; um holde Innigkeit, um

heroische Hingabe an Freiheit oder Gerechtigkeit oder Liebe; und um

wie viele Erscheinungsformen für diese Allgemeinheiten! um wie viel

Zwischenstufen und Entgegensetzungen!

Es sind keine Charaktermasken, keine Typen; besondere Vertreter

eines Typus, eines Schicksals sind sie; es ist Unnennbarkeit, ist

Abgrund, ist Unendlichkeit in ihnen wie im Leben; Shakespeares

Kraft des Gestaltens ist seiner Kraft des Schauens nichts schuldig

geblieben; dem Bild gegenüber, das aus ihren Reden und Handlungen in

uns entsteht, haben diese Reden selbst, die der Dichter geformt, und

diese Handlungen, die der Dramatiker ins Werk gesetzt hat, fast nur

die Bedeutung technischer Behelfe, die uns zum Ungesprochenen und

Unsichtbaren leiten.

Wie also steht es mit dem, was wir den Charakter dieser Gestalten

nennen? Ist es so, daß sie in ihrem Wesen unverändert die bleiben, die

sie sind, oder wachsen sie, verändern sie sich mit ihrem Schicksal?

Beides; sie stehen unentrinnbar, wie im Ewigen, in ihrem Wesen; dieses

ihr Sein aber offenbart sich uns in Bewegung; im Werden, im Wachstum,

in der Entfaltung. Was wir an ihnen Charakter, Natur, Wesen nennen,

kommt aus den tiefsten Gründen ihrer innern Notwendigkeit, ihrer

Möglichkeit, ihrer Anlage herauf, so aber, wie es gerufen wird von

ihren Begegnungen mit dem Schicksal. Was da also in die Erscheinung

tritt, ist nicht das Wesen im Abgrund, nicht die unsägliche, nur im

Unendlichen, im Grenzenlosen völlig für die Erscheinung ausgeschöpfte

Ewigkeitstotalität, wie sie der Dichter in der ungeformten Konzeption,

in Stille oder Aufruhr, im Moment oder im zuckenden Ringen geschaut

hat; es sind die Teile, die Strahlungen des Wesens, die von außen, von

Erlebnissen gerufen, der Umgebung und dem Träger dieses Wesens selbst

abgerissen bekannt werden.

So ein Mensch ist immer er selbst, und ist eben um dieses Selbst

willen, eben darum, weil so ein Selbst für die Erfahrung der andern

wie für das eigene Bewußtsein seines Trägers unergründlich bleibt,

nicht immer derselbe. Lear, als er herrisch und launisch zum ersten Mal

vor uns trat, war er selbst, so wie er sich auf Grund der Bedingungen

seines bisherigen Lebens den andern und sich geben konnte; und am Ende

ist er dieser nämliche Mensch, wie er sich in furchtbaren Erlebnissen,

die wir mitgelitten haben, tiefer heraufgeholt, reiner offenbart hat:

nicht bloß für uns Zuschauer, auch für seine Nächsten und vor allem

für sich selber hat er sich durch seine ungemeinen Schicksale noch in

seinen hohen Jahren entwickelt; Dinge sind durch diese gewaltsamen

Erschütterungen und Eingriffe herausgekommen, von denen niemand geahnt

hatte, daß sie in ihm sind. Es ist also wahr und Shakespeare bestätigt

es, daß man einen Charakter nicht lernen und erwerben, daß man seine

Natur nicht verändern kann; es ist aber ebenso wahr und ebenso von

Shakespeare gezeigt, daß der Quell, der als unser Leben zu Tage tritt,

im Unterirdischen unerschöpflich ist und daß dieses Leben seine Grenze

nur findet in Zahl und Art der Schicksale, die uns begegnen, und in der

Zahl unserer Jahre.

Was also aus Lear, aus Herrn Angelo und so manchem andern, was

pathologisch aus Ophelia im Schluß hervorbricht, das war alles von

Anfang an da, aber verborgen, latent, potentiell, als Möglichkeit,

als Bereitschaft, als Spannung, und war der Erfahrung der andern wie

dem eignen Selbstbewußtsein unzugänglich, bis es allmählich oder

überraschend gerufen wurde.

So ist der Mensch, wie ihn Shakespeare in diesen Meisterwerken

darstellt, nie eine starre Charaktermaske, aber immer fest von den

Schranken seiner besonderen Bedingungen umgrenzt; seine Beharrung wie

seine Wandlungen sind glaubhaft; immer haben wir in diesen Stücken das

Gefühl der Sicherheit von dem Eindruck her, daß Charakter und Schicksal

einander gegenseitig bedingen, daß der Mensch nicht um der dramatischen

Zwecke des Dichters willen plötzlich aus seinem Wesen gerückt wird.

Diese Enthüllung und Offenbarung des Innern für uns Zuschauer,

diese Entwicklung und Herausgestaltung für die Personen selbst und

ihre Umgebung ist uns an Shakespeares großen Dramen dieser Art der

wesentliche Zug. Daß diese Dichtungen Dramen, Fortgang, Handlung,

Gegenspiel, gegenseitige Bedingnis sind, liegt tief schon in dem

Widerstreit begründet, in dem Schicksal und Charakter einander vorwärts

bringen und die Wage halten: die Handlung ergibt sich aus den Naturen

und aus ihrem Gegensatz nicht nur zu einander, sondern auch zu den

Aufgaben, vor die jede einzelne von jedem Stadium ihres Geschicks sich

gestellt sieht; und die Naturen werden von den Vorgängen zu ihren

Äußerungen und Wandlungen gereizt. Dieses Wachstum, diese Variabilität

der Naturen im Zusammenhang mit der äußern Handlung ist es, was

Shakespeares Drama nebst dem, daß es uns ein wundervolles Abenteuer

zeigt, daß es ein entzückendes oder ergreifendes Spiel ist, zu noch

mehr macht: zu einer Sichtbarmachung des innersten, des wahrsten Lebens

bis in den Schlund hinein, wo im Ungrund das Nichtmehrsichtbare wogt.

Wie Stifters Jüngling nach der Aufführung des König Lear empfindet:

Das hatte ich nicht geahnt, von einem Schauspiel war schon längst

keine Rede mehr, das war die wirklichste Wirklichkeit vor mir,

so ist das, was diese Erschütterung erzeugte, ein wesentliches Element

in all diesen großen Menschenenthüllungen Shakespeares. In der äußern

Wirklichkeit mancher dieser Dramen ist manches uns fremd geworden,

fast so fremd manchmal wie in den Tragödien und Komödien der Antike;

aber die Offenbarung des inneren Menschentums bleibt ein immer frisch

ergreifendes, durchschüttelndes, reinigendes und vorwärts, aufwärts

drängendes Wunder der Lebendigkeit und trotzt der Zeit. ~Tua res

agitur~, deine Sache wird da verhandelt, das ist die Grund- und

Zielempfindung, von der aus diese Dichtungen zu unserm Denken und

Wollen gehn und imstande sind, unser Leben zu wandeln.

Dieses aber nun, was Shakespeares Neues, Gewaltiges, Eigenes, Größtes

war, womit er nicht nur die Genialischen unter seinen Zeitgenossen,

sondern alles dramatische Genie, das vor ihm und nach ihm war,

übertraf, diese Verbindung von Charakter und Schicksal, von Gestalt

und Handlung, diese Offenbarung des geheimsten Lebens, diese Beziehung

zur Wirklichkeit des Menschenlebens, der Natur, der Weltordnung, all

das, was ihn zu mehr macht als einem bloßen Dichter, was ihn zur

Philosophie, zur Religion, zur Kritik und Umgestaltung, zu Erneuerung

und Wiedergeburt in Beziehung setzt, -- dieses sein Größtes ist

offenbar auch sein Schwerstes gewesen.

Die Produktivität geht immer irgendwie über die Kraft; sie ist immer

mit Angst, mit Abwehr, mit der Unlust, die auch mit der Wollust gepaart

ist, mit Müssen und Sträuben verbunden; je größer der Genius, um so

mehr fürchtet sein Leibliches, der Komplex seiner normalen Funktionen,

von dieser dämonischen Übergewalt zerbrochen zu werden. Kein Genie,

das über die Jugendjahre hinaus in die Meisterschaft gerät, das sich

nicht, damit der Normale in ihm das Zusammenhausen mit dem Abnormen

erträgt, irgend eine besondere Lebensdiät zulegen müßte; was gibt es

da für mannigfache Stufen! Man sollte einmal den Versuch machen, die

Geschichte der Kunst nicht in zeitliche Perioden, sondern nach dieser

Modalität, nach diesem Lebensstil einzuteilen. Welch ein Unterschied

zum Beispiel zwischen einem Rückert, der Anlage nach einem der größten

Geister, der seinen Geist nur so ertrug, daß er das Genie zum Talent

hinabebnete und das Leben der Produktion in den stillen Bahnen des

privaten Lebens weise verlaufen ließ, und einem Beethoven, der das

Privatleben aller Würde entsinken ließ, nur um dem Schaffen keine

Fesseln anzulegen. Nur von hier aus wird das Rätsel der Deutschen,

Goethe, der Mensch nicht nur und der Geheimerat, sondern der Dichter

einmal seine Lösung finden: seine Schöpfungen und das Verhältnis

seiner Mannes- und Altersproduktion zu den Jugendverheißungen versteht

man, wenn man das Kompromiß versteht, das der Genius und der Normale

in Krisen und in dem unaufhörlichen Ausgleich, der Leben heißt, mit

einander schließen müssen, um es mit einander auszuhalten. Zweie sind

in dem produktiven Menschen stets beisammen, die sich einander bequemen

müssen; es ist ein immerwährendes Ringen, Ausweichen, Pausieren; und

nicht geringeren Grades ist diese Dualität, als wir sie in dem Bilde

des Langschläfers und Morgenfaulen haben, der nie aufstehen würde, wenn

der andre, der mit ihm unter einer Decke und einer Haut liegt, ihm

nicht jeden Morgen die Bettdecke wegzöge.

Jedes Genie nun, wir können es uns nicht dringend genug vorstellen,

ist ein Kind seiner Zeit; alles Schöpferische geht in dieser Welt aus

dem Geschaffenen hervor. Immer wieder muß sich der Produktive dem

Üblichen, dem er entstammt, das auch von ihm erwartet und verlangt

wird, entringen; er will immer wieder zurücksinken, wie Goethe in den

Großkophta, den Bürgergeneral, die Singspiele und so vieles der Art

sank; er steht in einem Kampf, der oft entsetzlich, dämonisch, der

manchmal ermattend und manchmal beflügelnd ist.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 12 / 30 段