selbe. Ein herkulischer Mann, der Familiensage nach auch wirklich
aus Herkules’ Stamm entsprossen; Sportsmann, Ringer, Athlet. Tapfer,
aushaltend, nicht umzubringen, von einer ehernen Konstitution, die
man, im ursprünglich bildhaften Sinn, wahrhaft kolossal nennen darf.
Dazu feurig, flammend, rasch einnehmend; er repräsentiert die seltene,
berückende Vereinigung der stärksten Kraft mit der feinsten Eleganz,
der unerschütterten Ruhe, wie sie sonst nur ein Vierschrötiger hat,
mit der leichtesten und witzigsten Beweglichkeit. Sein Denken ist
schnell, schnellend; und so ist auch seine Entscheidung ohne Bedenken
und Skrupel. Solange er sich in der Gewalt hat, ist er imstande, all
seine reichen Gaben in den Dienst eines Zwecks zu stellen, und ist
dann ganz sieghaft. Denn er ist eine reiche Natur, voller Gefühl und
Unmittelbarkeit, und wenn er diese Gaben vermöge seiner angeborenen
und durch viel Übung bezwingend gewordenen Schauspielerkunst seinem
Willen dienstbar macht, so siegt er durch sich selbst und durch die
Popularität, die mit ihm geht.
Er ist einer, der durch Ausschweifungen so wenig wie durch härteste
Entbehrungen umgebracht wird. Für sein Ausmaß gilt nicht das
Entweder-Oder kleiner oder mittlerer Normalmenschen: entweder
liederlich etwa oder kriegstüchtig; entweder leidenschaftlich oder
besonnen; er ist das eine wie das andre. Nie ist er, in fassungslos
wilder Unbeherrschtheit nicht einmal, in äußerster Anspannung; immer,
ehe es mit ihm zu Ende geht, ist in ihm und um ihn noch etwas von der
Ruhe einer gewissen mittleren Haltung, einer holden Lässigkeit.
Da sind wir aber bei seiner Gefahr, zumal in dieser dürr gewordenen
Welt der Politik: er kann nicht nur, er muß manchmal den Zweck
ausschalten; er kann nicht alleweile hell, klar, scharf sein, die
Gegner belauern und ein Ziel verfolgen; er braucht Selbstvergessenheit,
Hingebung, Versinken, Trägheit, Lust: Genuß und Rausch.
Und dazu kommt nun: er steht jetzt an der Grenze, wo die Jugend ihn
bald verlassen würde, wenn er sie nicht mit leidenschaftlicher Gewalt
festhielte.
Was ihm, ganz abgesehen von allen politischen, allen
Rivalitätsgegensätzen, an Octavius menschlich so widerwärtig ist,
das ist, daß dieser junge Mensch gar keine Gegenwart und also Wonne
so wenig wie Laster zu haben scheint: der lebt nur in der Zukunft,
in der Spannung, im politischen Ziel, im Abstrakten. Über Antonius
aber scheint das Gebot zu walten, das der Dichter des augusteischen
Zeitalters, Horaz, in die zwei Worte faßt: ~carpe diem~, genieße
den Tag, pflücke die Stunde. Lust ist das Element, in das er immer mal
wieder tauchen muß, Lust bis zur Liederlichkeit; nur daß sie tragisch
umwittert ist, in Verbindung wie sie steht mit der Gefahr der Zeit in
jeglichem Sinne: daß die Zeit dahinschwindet, daß die Jugend vergeht;
und dazu noch die Untergangsstimmung dieser besonderen Zeit: es mischen
sich die Kulturen von Ost und West; die republikanische Tugend ist
versunken; wie lange ist’s schon her, daß er selber Brutus erst in den
Untergang gehetzt und ihm dann den erschütterten Nachruf gesprochen
hat! Nun herrschen Frivolität und Skepsis; die Welt hat keinen Halt und
keinen Glauben mehr; und in den großen Kämpfen geht es nicht mehr um
Prinzipien, sondern um persönliche Macht.
Es ist fast wie ein landschaftliches, ein Natursymbol dieser wogenden
Stimmung -- wie’s uns anders, aber doch verwandt dann wieder im
Sturm begegnet --, daß wir in diesem weiten Drama immer wieder auf
die Wasserfluten, des Meeres und des Stromes, geführt werden: es
ist in diesem Stück etwas Weiches, Wogendes, Nebeldunstiges, feucht
Dahinrinnendes; es fehlt nicht an Sonne, aber es ist die Sonne, die
Maden ausbrütet; wir schwimmen auf einem Flusse wohliger Lust, und wo
wir dem Feuchten entsteigen, kommen wir doch nicht aufs feste, sichere,
trockene Land, sondern in die fruchtbar-schwüle Sumpfniederung des Nils.
Auf einem Flusse ist Cleopatra allererst dem Antonius entgegengefahren;
drüben in Kleinasien war’s; auf dem Kydnus in Kilikien. Das üppige
prächtige Bild dieser Begegnung stammt ursprünglich von Plutarch; wir
haben es nun, wie eine zauberhafte Wirklichkeit, die aus Geschichte
zur Sage geworden ist, in den Farben, in denen es Shakespeare für
alle Sinne gemalt hat und die noch frisch und strahlend sein werden,
wenn das Bild, das Makart aus der Szene gemacht hat, längst chemisch
zersetzt sein wird:
Die Barke, drin sie saß, brannt’ auf dem Wasser
Hellstrahlend wie ein Thron; getriebnes Gold
Des Schiffes Spiegel; purpurrot die Segel
Und so durchduftet, daß die Winde sich
In Liebesweh verfingen. Silberruder
Regten im Takt sich nach dem Ton der Flöten,
Und wie in Sehnsucht folgten die Gewässer.
Und nun sie selbst! Der Schildrer wird zum Bettler!
In ihrem Zelt von Goldbrokat lag sie,
Das Venusbild, in dem die Kunst der Laune
Noch die Natur bemeistert: ihr zu seiten
Wie lächelnde Amoretten standen Knaben
Mit holden Wangengrübchen, bunte Fächer
Wehten statt Kühlung Glut dem zarten Antlitz...
Um sie die Dienerinnen, allesamt
Meermädchen, Nereiden gleich...
Ein Meerweib sitzt am Steuer; seidnes Tauwerk
Schwillt an im Druck der blumenweichen Hände...
Und von der Barke trifft
Ein seltsam unsichtbarer Duft die Sinne
Der nahen Ufer...
Da haben wir sie allererst, Cleopatra die Nilschlange! Der Hörer des
Stückes freilich vernimmt diese begeisterte Erzählung des sonst so
ruhig-klugen Feldherrn Enobarbus erst, nachdem er die Königin schon in
schönen und häßlichen Launen leibhaft kennen gelernt hat. Seltsam und
ganz in der Art großer Dichter, so indirekt fast, wie Homer die Helena
in ihrer Wirkung auf die trojanischen Greise geschildert hat, ist es,
wie wir in diesem Bericht über die Jugend der Schönen, die wir vor
Augen haben, mehr von ihrem Milieu, ihrem Dunst und Duft hören als von
ihr selbst, mehr von ihrer Wirkung als von ihrer Erscheinung, und mehr
von Kunst als von Natur!
Ihrer äußern Erscheinung aber werden wir Leser besser durch die Szene
habhaft werden, wo sie sich ihre Nebenbuhlerin Octavia schildern läßt;
eine echte Cleopatra-, auch eine echte Shakespeare-Szene das; aus ihren
Ablehnungen der Eigenschaften Octavias erfahren wir, für welche eignen
sie sich selber zulächelt: demnach ist Cleopatra eine hohe, schlanke
Erscheinung, voll graziöser Bewegung; das Gesicht ist oval, der Teint
dunkel -- eine Zigeunerin wird sie genannt; die Stimme aber ist hell
und zart. Sie wirkt königlich und weiblich; bezwingend, verführend vor
allem durch Hinfälligkeit.
Dies ist nun ein wesentlicher Zug an diesem Geschöpf, der, glaube
ich, bisher nie richtig gedeutet worden ist. Um ihn zu gewahren,
haben wir zunächst darauf zu achten, daß die Menschen sich in ein
paar Jahrhunderten oder auch Jahrtausenden nicht eigentlich, nicht im
Grunde ändern; gewisse Ausdrucksformen, Kleider, Moden und vor allem
Bezeichnungen und Deutungen ändern sich, aber nicht Wesenszüge, weder
normaler noch abnormer Art; und es macht kaum einen Unterschied,
ob wir, darauf nun aufmerkend, den Blick in Shakespeares oder in
Cleopatras Zeiten richten. Frauennaturen, wie sie uns heute begegnen,
wie wir sie heute kennen -- was man so kennen heißt --, hat es
auch damals gegeben. Ich glaube nun zu gewahren, ja, ich bin mir
sicher, daß Shakespeare, wohl der größte Menschen- und vor allem
Frauendurchschauer, den wir haben, in Cleopatra eine Frau dargestellt
hat, die wir besser verstehen, wenn wir sie in den Kreis der
Frauengestalten aufnehmen, wie sie in der uns vertrauten Sprache und in
direkter Schilderung zuerst Stendhal und dann vor allen Dostojewskij
geschildert haben.
Ja, Shakespeares Cleopatra gehört zum Geschlecht der Aglaja Epantschin
und der Nastasja Filipowna aus dem Idioten und vor allem der Gruschenka
und der Katharina aus den Brüdern Karamasoff. Nur daß sie zu all
der Hoheit, die bei ihr wie auch bei diesen Frauen aus mannigfachem
Erliegen und sklavischem Hingeben, aus arger Erniedrigung sich immer
wieder aufbäumt, noch die Stellung einer echten Königin hat, mit Macht,
Üppigkeit, fabelhaftem Reichtum umgeben, und daß ihr Geliebter der
Imperator ist.
Sprechen wir das Wort nur aus: eine sinnlich, seelisch, geistig reich
begabte Hysterische ist diese Zigeunerin und Königin aus dem Lande
Ägypten, eine Hysterische von der strahlend reichen, schimmernden
Gattung, die Männer verschwenderisch verbraucht und Männer zauberhaft
anlockt; der Gattung, der gegenüber Worte wie Wahrheit und Lüge, ja
sogar, Natur und Kunst unzulängliche Ausdrücke werden.
Das entscheidende Wort, von dem aus die Gestalt aufzubauen ist, fällt
im vertrauten Gespräch zwischen Antonius und seinem ersten Feldherrn
und nächsten Freund Enobarbus. Antonius ist entschlossen, Cleopatra
zu verlassen; es ist höchste Not, in Italien nach dem Rechten zu
sehen; die Nachricht von Fulvias Tod hat ihn aufgestört, hat positiv
und negativ ihre Wirkung getan; denn einer der Gründe, warum er
ganz in diesem ägyptischen Weibe wie in einem Versteck und einer
Vergessenheit untergetaucht war, besteht nun nicht mehr: seine Ehefrau,
dies kriegerische Mannweib, vor dem er Respekt in jeder Hinsicht,
wahrhaft Angst nämlich gehabt hat, ist nun tot. Wie Antonius ihm diesen
Entschluß eröffnet, meint Enobarbus bedenklich: O weh! Da stirbt
Cleopatra, sowie sie’s hört, auf der Stelle! Und ihre Frauen, ja, die
leben ja in so einer Art bei weiblicher Freundschaft bekannter Mimikry
mit der Existenz ihrer Herrin, die werden ihr eilends nachsterben!
Damit will der Kauz, der zynische Sprache als Panzer gegen die Welt
sich angelegt hat, sagen: Was wird es diesmal für eine Szene geben! Wie
wird sie in Ohnmacht fallen!
„Ich habe sie zwanzigmal sterben sehen bei weit armseligerm Anlaß. Es
muß, denk’ ich, ein feuriger Stoff im Tod liegen, der irgendwie einen
Liebesakt auf sie überträgt, sie hat so eine Schnelligkeit im Sterben!“
Auf diese Bemerkung, die schon seltsam genug ist, erwidert
Antonius, dem nicht wohl zumut ist, mürrisch: „Sie ist schlau über
alle Begriffe.“ Er deutet also -- in diesem Augenblick -- ihre
Hinfälligkeit, ihre Anfälle, ihre Ohnmachten, im Zusammenhang
mit ihren Launen und ihrer Buhlerei aller Grade, ganz wie der
Durchschnittsbeurteiler, als Falschheit, Schlauheit, List. Wir aber
wollen, noch ehe wir weiter gehen, daran denken, daß unser Wort Laune
von ~la lune~, dem Monde, kommt, der nur bei uns Deutschen nicht
weiblichen Geschlechts ist, und daß Monat und Mond das nämliche Wort
ist. Enobarbus aber, ein feiner Beurteiler, einer, der trotz rauher
Rede fein empfindet, erspart uns vorerst weitere Deutlichkeit, indem
er dies seltsame Wesen noch eindringlicher analysiert, mit sehr
merkwürdigen Worten einer höchst modernen Seelenchemie:
„Ach nein, Herr,“ so weist er des Antonius brummige Plumpheit zurück,
„ihre Triebe -- ~passions~ -- bestehen aus gar nichts anderm als
dem allerfeinsten Teil reiner Liebe; ihre Stürme und Fluten dürfen wir
gar nicht Seufzer und Tränen benennen; es sind Orkane und Gewitter
einer heftigeren Art, als sie im Kalender stehen: das kann bei ihr
keine Schlauheit sein; wenn das wäre, könnte sie einen Regenschauer
machen so gut wie Jupiter.“
Moderne Verkünder der Periodizitätslehre würden sich weniger
anschaulich und formelhafter ausdrücken; aber auch sie würden
Cleopatras Wallungen mit Wind und Wetter, mit Ebbe und Flut und mit dem
Kalender in Beziehung bringen.
Damit ist also gesagt: ihre Launen, ihre Tränen, ihre Ohnmachten, ihre
Wutanfälle, womit all ihr verführerischer, sinnlicher Zauber und auch
ihr Spielen mit der Liebe, ihre Katzennatur zusammenhängt, all das ist
im Grunde eine überempfindliche Hingebung an Liebe und Leidenschaft.
Die Liebe ist bei ihr etwas Zentrales, und gerade darum ist sie nicht
bloß inwendig, in Seelenkeuschheit Liebe; ihre Liebe ist immerwährend
anwesend und allüberallher in ihrem Leibe verbreitet; bis in die Haut
und jede Regung hinein ist sie lauter Liebe und Trieb; wenn sie alle in
irgend einem Grad in ihre Netze zieht, so nur darum, weil sie selbst
mit Haut und Haar im Netz, im Bann, im Dienst der Liebe steht. Ihre
Unberechenbarkeit ist Schwäche; und diese Schwäche ist ihre Stärke über
die Männer; sie ist eine tödlich Liebende, weil Liebe, das mörderische,
schlangenhaft aussaugende, bebend rastlose Prinzip, ihr in Leib und
Seele sitzt. Ergreifend schöner und dazu unbemäntelt wahrer kann man’s
nicht ausdrücken, als es der Römer Enobarbus getan hat: ein Leben, das
dem Tod entstammt und in jedem kleinsten Zeitteil vom Tode besetzt ist,
führt sie; und dieser Tod ihrer Herkunft und ihres immer zitternd regen
Daseins verwandelt sich ihr in geheimnisvollen Schauern und feurigen
Wallungen wie zu Liebesakten. Fassen wir sie so, wie Enobarbus uns den
Weg zu ihr weist, welche Achtung überkommt uns vor den Gegengewichten,
die diese reiche Arme trotz all ihrer elementaren Natur in sich haben
muß, vor ihrem Geist und ihrer Beherrschtheit, vor ihrer mit allem
Hohen der Welt in Verbindung stehenden, königlichen Liebe zu den Großen
der Erde, ja, sagen wir’s geradeheraus, so paradox es klingt, vor ihrer
Treue in der Liebe! Wie hat sie die pochende, zuckende Ruhelosigkeit
ihrer Natur in sanft und geräuschlos bewegte Grazie, wie hat sie ihre
Schlangenhaftigkeit denn doch in die Wellenlinie berückender Anmut
verwandelt, so oft nicht ihre lettene Ursprünglichkeit die Dämme der
Sitte sprengt und in brutal-abscheulicher Gemeinheit loslegt!
So wenig ich sonst geneigt bin, aus Shakespeares Dramen in sein
Leben auszubrechen und aus diesen Gebilden Schlüsse auf des
Dichters persönliche Existenz zu ziehen, so sehr bin ich hier davon
durchdrungen, daß er diese wundervoll verführerische, gefährlich schöne
Weibnatur im Leben kennen und als Mann verfluchen gelernt hat.
Ich denke, wie es auch andern gegangen ist, wie es unausweichlich ist,
an die schwarze Schönheit, die uns in mehreren Teilen, besonders am
Schlusse seiner Sonettendichtung begegnet, an das Weib, in dem sich
ihm zu unerhörter, unheimlicher Klage die Sinnenliebe, das Geschlecht,
die Wollust verkörperte. Davon hören wir später im Zusammenhang, aber
damit die Tragödie von Antonius und Cleopatra uns in unserer, uns in
Shakespearischer Tiefe aufsucht, wird es uns gut tun, jetzt gleich
das 129. Sonett zu hören; und da uns die Gedanken, das Gefühl und
die Stimmung dieses Gedichts in all ihrer Schärfe treffen sollen,
verbleibe der nie ganz mögliche Versuch einer dichterischen Wiedergabe
der späteren Darstellung der Sonettendichtung in ihrem Zusammenhang;
hier folge dieses Sonett in der unverwischten Klarheit, die es im
Original in der rhythmisch gebannten Sprache mit der Schlagkraft der
Reimverschränkung und der Hammerschläge des Schlusses, für uns aber
nur in Prosa hat:
Schändliche Vergeudung des Geistes ist Wollust in Ausübung; und
bis dahin, vorher ist Wollust meineidig; mörderisch, blutig,
schmachvoll, wild, unsäglich, roh, grausam, ohne Verlaß;
Sobald genossen, stracks verachtet; sinnlos gejagt, und, sobald
erlangt, sinnlos gehaßt; wie ein verschluckter Köder, der ausgelegt
wurde, um den, der ihn zu sich nimmt, toll zu machen: toll in der
Sucht und toll auch im Besitz; unsäglich, wenn man’s gehabt hat,
hat und zu haben begehrt;
Ein Segen, den man sucht; wahre Qual, die man gefunden; vorher:
erhoffte Freude; nachher: ein Traum.
Das weiß die Welt alles gar wohl; und doch weiß keiner den Himmel
zu fliehen, der die Menschen in diese Hölle führt.
So spricht, so klagt, so klagt an Shakespeare der Mann, der auch in
dieser direkten Aussprache, wir hören’s noch, oft genug so tief und
schön in der verstehenden, gestaltenden, umgestaltenden Phantasie des
Dichters einkehrt, die Liebe, auch Liebe, himmlische Liebe heißt, daß
er auch da die liebenswürdige Milde neben die grausame Aufdeckung
der Wahrheit zu setzen vermag. Das aber ist die vollendetste Höhe
des Dramatikers, daß er zugleich so erschreckend grausam und so
anbetungswürdig milde und liebend in seiner Wahrheit ist. Keiner, kein
einziger vor und neben und nach ihm hat ein solches Volumen der Seele
wie er.
Sehen wir nun von Anbeginn, wie’s die beiden, in deren Seelen der
Zauberer diesmal hineingeschlüpft ist, mit einander treiben, wie es sie
treibt.
Sie noch mehr als er steht immer zitternd in Angst vor dem Alter;
Cleopatra lebt in Reminiszenzen, in den großen Erinnerungen, wie
hintereinander Julius Cäsar und Pompejus in ihren Banden waren.
Und nun ist ihnen Antonius gefolgt, der Herr des dritten Teils der
Welt, der ein so herrlicher Mann ist, daß er Kaiser der Welt sein
sollte.
Um es aber zu sein, müßte er fort von ihr, in Krieg und Gefahr, das
wäre das wenigste, wiewohl sie, das Weibchen, so feige wie verwegen
ist; aber sie braucht ihn bei sich; ihre Liebe, die immerwährendes
allgemeines Verlangen ist, kann der Gegenwart des Geliebten nicht
entraten; und überdies, ginge er zu seiner Aufgabe, so käme er zu ihrer
größten Gefahr: zu Fulvia. Daß er ein Ehemann ist, auch innerlich, in
einer edlen Region seines Wesens, an eine andre Frau, an eine kühlere
Welt, an Italien gebunden, ist ewig ihr Stachel; sie plagt ihn mit
Bosheit und Hohn, mit „Schelten, Lachen und Weinen“. Ist er traurig, so
will sie tanzen; ist er vergnügt, so will sie, daß er sie krank glaubt.
Will er reden, so läßt sie ihn nicht zu Wort kommen.
Und wie er nun, gefaßt ruhig, zwischen ernstem Bedauern und großer
Erleichterung, ihr mitteilt, Fulvia sei tot, da ist es für die Unselige
wieder ein stechender Schmerz; denkt sie doch über alles andre hinweg
vor allem an sich, ihr Geschick und ihre Liebe: so also geht es uns
Frauen, wenn wir tot sind; so wird er einst sich über _ihren_ Tod
mit einer andern trösten!
Kaum aber ist er weg, so hat sie keinen andern Gedanken als ihn.
So wie der Politiker Octavius täglich Boten allüberallhin entsendet, um
mit allen Teilen des Reiches in Verbindung zu sein, so gehen täglich
ihre Liebesboten zu Antonius und wieder zu ihr zurück.
Seine rasche neue Ehe mit Octavia ist pure Politik: Mißtrauen und
Kriegsbereitschaft sind bei Octavius aufs höchste gestiegen; der
Stern Antons will sinken; es gibt für ihn nur dies eine Mittel, die
Entscheidung hinauszuziehn.
Sie aber gerät bei dieser Nachricht in fassungslose Wut. Da hat ihr
Dichter wahrlich nichts schmeichlerisch bemäntelt; wie wir aber in
einem Gemälde oder einer Skulptur die ganze Tiefe der Enthüllung mit
einem Blick umfassen, so erfordert das Kunstwerk, das, wie Dichtung,
Drama und Musik, in der Zeit verläuft, die Aufhebung der Zeit und das
Erfassen von Anfang, Mitte und Ende in Einem durch das einzige Mittel,
das sich bietet: durch unsre innige Vertrautheit mit dem Werk. Ich
pflege, wenn ein junges Menschenkind zum ersten Mal die Bekanntschaft
mit einer der Symphonien Beethovens gemacht hat, in ernsthaftem Scherz
zu sagen: man dürfte sie gar nicht zum ersten Mal hören; und in der
Tat ist das der Unterschied echter Zeitkunst von der Wirklichkeit:
die Wirklichkeit bietet uns nie die Totalität, immer nur den linearen
Verlauf in Hoffnung und Bangen; im Kunstwerk vermögen wir, immer noch
in Harren und Furcht, geheimnisreich das runde Wissen ums Ganze zu
haben und damit in aller Erdennot und Greuel himmlischen Trost. So
dürfen, so sollen wir Cleopatras Liebreiz, ihre samtene Zartheit, ihr
erhaben-liebliches Ende im Liebestod im Sinne haben, wenn wir dabei
sind, wie sie besinnungslos den Boten schlägt und an den Haaren zerrt,
der diese Nachricht bringt: Antonius wieder vermählt!
Shakespeares gewaltige Kunst und Menschlichkeit, seine Menschen
in all ihrer Mischung zu zeigen, tritt nirgends imponierender und
rücksichtsloser, selbstgewisser heraus als in diesem Drama; das sind
Gestalten, die jeder abstrakten Formel, jeder Typisierung spotten; sie
sind nicht gut und nicht böse; und wollten wir diese Bezeichnungen auf
sie anwenden, so müßten wir sagen, sie seien abwechselnd beides und
manchmal sogar beides zugleich.
Sein Antonius, wie er erst wieder römischen Boden unter den Füßen hat,
ist guten Willens, Cleopatra zu vergessen; aber immerzu unterhält sie
mit ihren Boten ihr frisches Gedächtnis, sie bringen ihm ihren Duft;
und sein Verhältnis zu Octavius bleibt nicht gut, trotz der Schwester,
die er geehelicht hat, und wird schlimmer; und wie er erst wieder
griechische Luft atmet, weiß er, glaubt er: sein Heil ist -- politisch
und menschlich -- im Osten.
So flieht er zu Cleopatra und organisiert die Reiche des Ostens zum
Krieg. Die Kunde wird Cäsar Octavius sofort übermittelt, und der
Entscheidungskrieg ist da.
Antonius, der Heraklide, ist, wo’s vor allem auf persönliche
Tapferkeit ankommt, im Landkrieg, der erste Held seiner Zeit und fast
unüberwindlich. Cleopatra aber mit ihrer schimmernden Flotte, mit ihrer
verwegenen, verführerisch hemmungslosen Lust zum Gefährlichen und
Verderblichen, lockt ihn auf ihr Element, das Wasser. Im Seekrieg aber
entscheidet nicht die körperliche Tapferkeit, sondern die berechnende
Klugheit und kühle Ruhe, deren Meister Octavius ist.
So fängt’s bei Actium gleich unglücklich an und ist schnell zu Ende:
Cleopatra, die aus Laune in den Krieg gegangen ist, das ängstlichste
Menschenkind, flieht sofort, nachdem Octavius mit scharfem Ernst
losgelegt hat, und alle Ägypterschiffe hinter ihrem Admiralschiff her;
Antonius aber verliert den Kopf und folgt ihr mit seiner gesamten
Flotte.
Das größre Stück der Welt verloren!
... Länder und Reiche
Sind weggeküßt.
„Wie ein brünstiger Enterich“ ist Antonius hinter ihr her gesegelt:
derlei Äußerungen fallen im Kreis der entsetzten, der wie mit kaltem
Wasser begossenen Generale; sie sehen: ein Dämon waltet über Antonius,
sein Schicksal erfüllt sich; einer nach dem andern rüsten sie sich, von
ihm abzufallen.
In Alexandria im Palast erst findet er sich wieder und schäumt vor
Scham und Wut. Sie sieht und hört er erst gar nicht; dann fährt er
ganz unbeherrscht, tobend gegen sie los. Sie aber ist rührend in ihrer
weiblichen Schwachheit. In diesem Augenblick ganz ohne Sinn für Krieg
und Politik, nicht einmal bewußt weiblicher Politik folgend und gerade
dadurch ihn treffend, unköniglich, wie ein Zigeunermädchen beugt sie
sich tief:
O mein Herr,
Mein Herr, vergib nur meinen zagen Segeln!
Ich dacht’ nicht, daß du folgtest.
Zart und geknickt kann sie nur immer um Verzeihung bitten, und wie die
Tränen kommen, ist er besiegt. Es ist zu Ende, er weiß es; aber wer
wird dran denken? Wein her, zum Mahl! zum Kuß! zur Liebe! zur Betäubung!
Sie aber, der Lieben Leben und Leben Lieben ist, die feig wie eine
Sklavin an Dasein und Wohlsein, an Lust und Üppigkeit hängt, der
hintereinander die Beherrscher der Welt, Pompejus, Julius Cäsar,
Antonius Geliebte waren, kommt jetzt in die größte Versuchung ihres
Lebens.
Schon liegt Octavius mit seinem Heer vor Alexandrien und sendet
Botschaft: Antonius soll ausgeliefert werden; dann soll Cleopatra Gnade
und Gunst finden.
Seine Feldherrn haben Antonius fast alle verlassen; selbst der Treue,
der ihn trotz allem Zynismus seines Gehabens fast anbetet, Enobarbus
entschließt sich, von ihm zu gehen (um dann bald in Reue -- eine
wundervolle Szene -- sich selbst zu töten): wo die Römer von ihrem
Herrn und Meister abfallen, wo er verloren ist, was soll sie, die
Ägypterin, sie, die Zigeunerin, Tod und Untergang vor Augen, tun?
Wir wissen nur, daß sie den Boten des Octavius huldreich empfängt --
ob sie weiter gegangen wäre? Wer weiß es? Der Dichter weiß nur, was er
wissen will; die Unbestimmtheit und Frage ist sein Kunstmittel so gut
wie die Sicherheit, je nach den Menschen und Lagen, die er behandelt;
hier verrät er uns wieder einmal nichts; soviel er tut, seiner
Cleopatra die schillernde Haut und das Innere zu beleuchten, sie ist
ein Rätsel, soll es sein, und hier läßt er sie unaufgelöst.
Antonius fährt dazwischen. Schon kommt wieder in der gefährlich labilen
Seelenverfassung dieses Mannes an der Wende, der außen sich noch ans
Leben klammert, während innen in ihm fortwährend etwas weiß, daß alles
aus ist, schon kommt die grenzenlose Wut über ihn. Den Gesandten, der
Cleopatras Hand hat küssen dürfen, läßt er peitschen.
Nicht etwa, daß keiner sie berühren dürfte; kaum ein paar Stunden
später, wo mit einem schönen Sieg Anmut und Würde wieder in ihm oben
sind, verschafft er selbst seinem tapfern Feldherrn Scarus, der noch
bei ihm ausharrt, diese höchste Gunst als Lohn: Cleopatra die Hand
küssen zu dürfen. Aber hier ist es anders; er kommt von Octavius,
der Hund! Und was brodelt da alles an Unausgesprochenem in dem
Todbedrohten, der beerbt werden soll! In Haß und Härte bricht er nun
gegen sie los. Kein Moderner hat unbarmherziger den Haß offenbart, in
den die Wollust umschlagen kann; mit der blitzschnellen Raffiniertheit
der Wut schreit er ihr das Schlimmste entgegen, was sich der Ärmsten
sagen läßt: