Die Klarheit, wie’s in der Welt zugeht und was die innere Wahrheit der

Dinge ist, kommt jetzt; aber es ist ja zu spät; sein alter Leib hält’s

ja nicht mehr aus; sein Geist ist ja dieser fieberhaften Anstrengung

nicht mehr gewachsen. Es geht alles wirr und wüst durcheinander;

er kann ja schon nicht mehr leben, wo es jetzt in ihm anfängt zu

tagen. Manchmal ist er in hoher Erkenntnis und einmal in höchster;

da eint sich sein alter Königsstolz mit der erhabnen Einsicht eines

Augenblicks; der Ekel hatte ihn übermannen wollen über diese feile,

gemeine, verbrecherische Welt der Lüge; aber wenn man erst so nah der

Enthüllung ist, braucht’s nur noch einen Schritt; er tut ihn: Der

Reiche entgeht dem Speer des Gesetzes; der Arme wird vom Strohhalm

eines Zwergs gefällt; schon will er sagen, daß alle, alle Sünder sind;

aber königlich hoheitsvoll kommt jetzt die Demut über ihn; wie viel

weiter ist er nun in diesem Moment als in der Wetternacht, wo er in der

Hütte des armen Toms die Töchter vors Gericht schleppte:

Es sündigt keiner; keiner, sag’ ich, keiner.

Ich schütze sie; glaub’, Freund, ich habe Macht,

Des Klägers Mund zu stopfen.

Was für eine Macht ist das, die da mit all seiner Königshoheit

auftritt? Seine Erfahrung im Unglück und in der Herrlichkeit; sein

Leben in beiden Reichen: er versteht sich jetzt auf das Leben der

Enterbten und auf die Innerlichkeit der Obrigkeiten; er ist ein Mensch

geworden, der das Bewußtsein seiner selbst und das Bewußtsein seines

Gegenübers zugleich hat; aber o Jammer! nur wie Fetzen blauen Himmels,

die die Wolkenschicht mal öffnet, mal schließt, sind diese höchsten

Momente; schon im nächsten Augenblick tollt ihn die Verrücktheit wieder

in seinen alten Königswahn hinein, und der Monarch ruft ungeduldig,

herrisch die Diener herbei, die nicht da sind, ihm schnell die Stiefel

auszuziehn! So ist er in dem Augenblick, wo die Abgesandten Cordelias

ihn auffinden, in völliger Raserei. Dann aber kommt er in Pflege, in

die behutsame, liebevolle Pflege Cordelias und ihres guten Arztes. Der

heilt ihn mit Ruhe, mit Schlaf und weckt ihn schließlich mit sanfter

Musik. Und nun möchte ich Adalbert Stifter das Wort geben, dessen

Schilderung einer Lear-Aufführung am Burgtheater mit Anschütz, die er

in seinen „Nachsommer“ verflochten hat, das Schönste ist, was je über

diese Tragödie geschrieben wurde:

„Der König erwacht endlich, blickt die Frau an, hat nicht den Mut, die

vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen, und sagt im Mißtrauen

auf seinen Geist mit Verschämtheit, er halte diese fremde Frau für sein

Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung

überzeugt, gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet kniend

und händefaltend sein eigenes Kind stumm um Vergebung.“

Der Unterricht des alten Mannes ist vollendet: er -- jeder Zoll ein

König! -- hat Demut und Selbstüberwindung gelernt. Wie er die Demut,

als er noch in Wahnsinnsform den Wahn seiner Königswut durchbrach,

verkündet hatte, so kann er sie jetzt in letzter Klarheit und Würde

vor dieser reinen, kindguten, herb wahren Frauengestalt üben, die er

geliebt hatte, ohne sie zu kennen, sie, die an seinem Hof die Echtheit,

die Natur, die Seelenschönheit repräsentiert hatte.

Und wie hatte er, gerade noch in seiner letzten Raserei, wo alles

Verhohlene in ihm aufgewühlt wurde und er zu den letzten Gründen des

tierisch Allzumenschlichen vordrang, in wüsten sexuellen Bildern gegen

die Weiber gewütet! Die beiden andern Töchter traf’s -- wir haben ja

ihr aus Herrschaftsgier, aus wonnigem Verlangen nach der Gemeinheit

und aus edlerer Sehnsucht gemischtes ehebrecherisches Treiben mit dem

Bastard miterlebt, das nun noch weitergeht:

Vom Gürtel niederwärts sind sie Kentauren,

Wenn oben gleich ganz Weib.

Nur bis zum Gürtel sind sie Götterwohnung,

Doch drunter ganz des Teufels...

Es ist eine tiefe Erkenntnis Shakespeares -- fast haben wir ihn doch

über dem Erleben dieser Gestalten vergessen, die alle seines Geistes,

seiner Natur, seiner Kunst Geschöpfe sind --, daß er den Machtkitzel

zu allerletzt auf einen Wahn zurückführt, der mit anderm Namen Wollust

heißt. So weit die ichsüchtige Lüsternheit sich von ewiger Liebe

entfernt, so weit irrt die Herrschgier von der geordneten Eintracht

zwischen den Menschen ab; und beides ist dasselbe, derselbe Fehl unsrer

schwachen, gemengten Menschennatur: daß wir erraffen und haben müssen,

um unsres Ich und der Nächsten sicher zu sein, daß wir haben müssen, um

zu sein.

Was in ihm Wutmanier, Herrensinnlichkeit und gebieterisch besitzende,

besessene Wollust der Wirklichkeit war, das haben Goneril und Regan,

die politischen Schwestern, als Erbe bekommen; Cordelia, ein völlig

weiblicher Mensch, hat vom Vater die ursprüngliche gute Anlage, die,

da sie aus ihm herauskommen konnte, in ihm von je da war, und die wir

an einem Zug gemerkt haben, der dem Vater und seinem Kind gemein ist,

von dem wir aber an den Schwestern nicht die kleinste Spur finden:

Kindlichkeit. Mit der Kindlichkeit steht alle Reinheit unsrer sexuellen

Natur in tiefem Zusammenhang; das mädchenhaft Holde dieser Tochter,

die ihrem Vater nicht von ihren Gefühlen zu reden vermochte, ihre

Seelenkeuschheit entstammt dieser Unschuld, daß sie als reifer Mensch

und liebende Frau geblieben ist, wie sie als Kind war. Und mit diesem

seinem Kinde zusammen wird der Mann, der vordem so oft ein kindischer

Wüterich gewesen und dessen unerzogene und verzogene Willkür trotz dem

Grundguten seiner Natur der Schlechtigkeit so nah gekommen war, nun,

wo’s zum Ende geht, sanft und kindlich. Nicht aber bloß so, wie man im

gemeinen Leben von einem sanften und kindlichen Menschen spricht; wir

haben schon, als die Wut tobte und die Krankheit verzerrte, gemerkt,

daß da ein ungemeiner Mann sich herausarbeiten will; jetzt ist er

das Urbild dessen, der überwunden hat, und hat ganz den Geist seiner

Haltung. Wie die Schlacht für Cordelia und ihr Heer unglücklich ausgeht

und Lear samt seiner Tochter in Gefangenschaft gerät, macht er sich

aus diesem Schicksalswechsel gar nichts, nicht einmal für sein Kind;

er ist, was er nie hat sein können, fröhlich: in gleichmäßiger Ruhe

heiter, gelassen über die Wechselfälle der Ereignisse hinweg:

Wir wollen ins Gefängnis

Und wie zwei Vögel in dem Käfig singen.

... So woll’n wir leben:

Man betet, singt, sagt alte Märchen, lacht

Der goldnen Falter, hört wohl armer Leute

Gered’ vom Hof und schwatzt wohl selber mit...

Wir tun so wichtig mit geheimen Dingen,

Als sei’n wir Gottes Späher; überleben

Im Kerker Sekten und der Großen Streit,

Was ebbt und flutet mit dem Mond...

Man sieht, aus der Welt jeglicher Gier und Macht ist er völlig

ausgeschieden; er, dem nichts galt als die Größe, die Herrlichkeit,

das Befehlshabertum und der Pomp, ist ein kleiner Mann geworden, einer

von den Stillen im Lande, deren Erhabenheit in Lächeln, in Frieden,

in Überwindung besteht; ein Armer in jeglichem Sinn, auch in dem der

christlichen Mystik: ein freiwillig Armer, ein Abgeschiedener, der

nichts hat und nichts will. Aber dieses stille Versickern seines

schwachen Lebensrestes in genügsamer Beschaulichkeit ist ihm nicht

beschieden; zu tief hat sein früheres Treiben, zumal sein Handel mit

den drei Töchtern ihn und die gute Cordelia mit ihm ins Böse, ins

Politische, in Krieg und Mord verstrickt. Die sanfte, unpolitische

Cordelia hat um seiner und um Britanniens Rettung willen zur Politik

und den Waffen greifen müssen, die politischen Schwestern haben, um

die Ziele ihrer privaten und öffentlichen Gier durchzusetzen, den

Mann immer weiter nach oben gebracht, in dem das böse Prinzip sich

verkörpert, den Glosterbastard Edmund, und nun ist es so weit gekommen,

daß der Teufel und der Engel in Menschengestalt, Edmund und Cordelia,

einander gegenübertreten; der Teufel bekommt, so weit ist’s in diesem

Reich des Wahns gediehen, den Engel in die Hand, steht siegreich über

ihm und darf ihn umbringen.

Und nun sehen wir noch einmal den rasenden, den brüllenden, den

wütenden König Lear; jetzt darf er toben; diesmal geht’s nicht um

Eitelkeiten, nicht um ihn selber; sein Jammer tönt um den liebsten

Menschen, nicht weil er sie nun nicht mehr haben soll, nein, weil man

ihr das Leben, weil man sie der Welt genommen hat.

In dem ganzen Stück scheint sich der Kampf des Guten,

Menschenfreundlichen, Verträglichen mit dem Bösen, Gierigen,

Ränkevollen und grausam Wütenden zu verkörpern, und so wie in Lear

selbst eine tragische Bühne aufgeschlagen ist, auf der dieser

Widerstreit der Mächte ausgefochten wird, so scheint er der König

eines Reichs jenseits Britanniens, jenseits aller Reiche der Erde

zu sein, wo dieser metaphysische Kampf der zwei Mächte um das

Weltregiment gestritten wird. Auf der einen Seite Goneril und Regan,

die wie Zwillingstöchter des Herrschteufels erscheinen; auf der andern

Cordelia; hie Edgar, hie Edmund. Und auch der Verlauf der Geschehnisse

ist so, daß Bös und Gut sich immerzu messen und abwechselnd siegen; und

immer erscheint Bös als Reich dieser Welt, Reichtum, Unersättlichkeit;

Gut als Stille, Friedfertigkeit, Armut. Der gute alte Gloster wird von

Cornwall geblendet; sofort empört sich ein alter Knecht, einer von

den kleinen Leuten der Menge, wir haben vorher nichts von ihm gesehen

noch gehört, gegen den Herrn und verwundet ihn zu Tode; und Schlag auf

Schlag; unmittelbar darauf ist das Böse wieder Meister: Regan bringt

den Knecht um. -- Der Haushofmeister Gonerils,

ein dienstergebner Bube,

So treu den Lastern der Gebieterin,

Als Schlechtigkeit nur wünscht,

will den Hochverräter Gloster, blind wie er ist, töten; Edgar der

Sohn, in Gestalt eines Bauernlümmels, nimmt dem Herrenknecht vorher

das Leben. Edmund der Bastard tötet Cordelia; ihn aber erschlägt

in ritterlichem Kampf sein wundervoller Bruder Edgar, der Armut

und Tapferkeit, Milde und Heldentum in sich vereint. Und zugleich

stirbt das Schwesternpaar, das nach dem Bastard lechzt: Regan von

Goneril vergiftet, Goneril von eigner Hand, am meisten aber von der

schneidenden Verachtung ihres „milden Gemahls“, wie sie ihn genannt

hatte, getötet. Der, Albanien, hatte sich in ruhiger Verachtung, in

einer Haltung stiller Größe von ihr geschieden, die ihr bitterer sein

mußte als irgendein Wutausbruch eines Brutalen; zu seiner Schwägerin

gewandt hatte er in dem Augenblick, wie er den Bastard in Haft nahm,

die Worte gesprochen:

Und Euren Anspruch auf ihn, schöne Schwester,

Muß ich bestreiten namens meiner Frau.

Sie ist mit diesem Herrn geheim verlobt,

Ich als Gemahl tu’ Einspruch Eurer Ehe.

Sucht Ihr ’nen Mann, schenkt Eure Liebe mir;

Mein Weib ist schon versagt.

Man hat es gewagt, Balzac einen Shakespeare zu nennen; das war weitaus

zu viel gesagt; Gonerils und Regans im Kostüm seiner Zeit sind ihm

trefflich gelungen; viel höher ist es nicht gegangen; aber an solcher

Stelle Shakespeares wie dieser merkt man, woher der Irrtum gekommen

sein mag: in Shakespeare dem Unerschöpflichen steckt auch, diese

Worte Albaniens zeigen’s, der ganze Balzac, dazu aber noch, auch in

schneidender Verachtung, eine Vornehmheit, die Balzac ewig unerreichbar

blieb.

Sehen wir nun, daß uns die letzten blutigen Entscheidungen, in denen

es um Leben und Tod geht, über das Verhältnis von Gut und Böse in

dieser Welt keine Sicherheit geben, daß der Kampf unruhig hin und her

wogt, so tun wir vielleicht gut, von den Taten, die keine Klarheit

bringen, überzugehen zu den Worten, die sie begleiten. Wie steht es

mit dem Zusammenhang von Menschenschicksal und Weltordnung? Welche

Weltanschauung des Dichters hat im König Lear Gestalt angenommen?

Sehen wir zu; leicht möglich, daß wir hier endgültige Aufklärung über

Shakespeares Weltanschauung erhalten.

Lear hat sein Reich geteilt; Gloster hat von seinem Bastardsohn Edmund

-- dessen Bastardsohn Franz Moor heißt -- mit Hilfe eines gefälschten

Briefes erfahren, daß sein Sohn Edgar ein Ruchloser ist, der nach des

Vaters Besitz und Herrschaft und Leben trachtet. In dieser innern

Verfassung des Jammers über sein mißratenes Kind und über die Lösung

aller Bande in der Familie des Königs spricht er die Anschauung aus:

Diese neulichen Verfinsterungen der Sonne und des Mondes bedeuten

uns nichts Gutes. Mag sie die Naturweisheit so oder so deuten,

immer findet sich die Natur selbst durch die darauf folgenden

Wirkungen gepeinigt: Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder

entzweien sich: in Städten Aufruhr, auf dem Lande Zwietracht, in

Palästen Verrat; und das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen.

Dieser mein Bube bestätigt die Wahrsagung: da ist Sohn gegen Vater;

der König tritt aus dem Geleise der Natur: da ist Vater gegen Kind.

-- Wir haben gesehen, wie weit unsre Zeit es bringen kann: Ränke,

Gleißnerei, Verrat, und alle verderblichen Zerrüttungen folgen uns

quälend bis ans Grab!... Und der edle, biederherzige Kent verbannt

-- sein Verbrechen: Ehrlichkeit! -- ’s ist seltsam!

Eine Beschreibung der Sphäre dieses Stückes, in der all die

verschiedenen Handlungsteile darin sind, haben wir sicher mit diesen

Worten; wenn aber darüber hinaus nicht nur Gloster in seiner bestimmten

Situation, sondern der Dichter sich hier im allgemeinen über den

Zusammenhang der Menschengreuel und der Zeichen der Natur äußern

soll, so muß es uns stutzig machen, daß sich diese Weltanschauung

des Dichters auf einer falschen Voraussetzung, die er eine seiner

Gestalten machen läßt, aufbaut: Glosters echtes Kind Edgar, „dieser

Bube“ bestätigt ja die Wahrsagung in der Tat nicht. So erstaunt es uns

schon weniger, wenn der Bastard sofort darauf das Wort erhält und mit

herzhafter Kraft die entgegengesetzte Auffassung äußert:

Das ist die ausbündige Narrheit dieser Welt, daß, wenn unser

Glück bei schlechtem Befinden ist -- oft, weil wir selber uns

übernommen haben --, wir die Schuld für alles Unheil, das uns

trifft, auf Sonne, Mond und Sterne schieben; als ob wir Schurken

aus Notwendigkeit, Narren durch himmlische Fügung wären; Schelme,

Diebe, Verräter durch Machtspruch der Sphären, Trunkenbolde, Lügner

und Ehebrecher durch Abhängigkeit vom Einfluß der Planeten, und

alles, worin wir übel daran sind, durch göttliches Verhängnis: eine

prächtige Ausrede für den Hurenjäger von Menschen, seine Bocksnatur

den Sternen zur Last zu legen!... Pah, ich wäre geworden, was ich

bin, hätte auch der jungfräulichste Stern am Firmament meiner

Bastardierung zugeblinzt!

So spricht der Empörer, der Morallose, der Frevler, der natürliche

Sohn, der sich ganz als Kind der Natur betrachtet und nur nach seiner

Kraft, nicht nach Gesetz und Sitte und Rücksicht auf andre fragt; „ich

wachse, ich gedeihe“; das ist seine einzige Losung. Daß er also diese

Worte spricht, die jedes Band zwischen Himmel und Erde zerreißen,

entspricht seinem Charakter, seiner Situation genau so kraftvoll, wie

das bedenkliche Wiegen des Kopfes, das Grübeln, das Suchen nach einem

Zusammenhang, das Erschauern vor einer Ahnung, die Ergebung in die

Ratschlüsse des Himmels zu seinem Vater paßt. Aber der Dichter? Was

sagt er? Vielleicht -- nichts? Wo ist er? Verschwindet er vielleicht

hinter seinen Gestalten, in seinen Gestalten, aber nicht in einer

einzigen oder einer Gruppe, sondern in allen? Ist er vielleicht darum

mit Notwendigkeit der Dramatiker, weil er einer einzigen Anschauung

nicht verschrieben sein kann?

Nach seiner Blendung weiß Gloster von dem Verhältnis des Himmels zu

unsern irdischen Losen ganz anderes zu sagen als vorher; da hören wir

die unerbittliche, unerforschliche Grausamkeit des Schicksals also

gedeutet:

Was Fliegen losen Buben sind wir Göttern:

Sie töten uns zum Spaß.

Aber er ist sich seiner Sache jetzt nicht mehr sicher; auch er ist, wie

Lear, erschüttert und zum Lernen gekommen: am Ende tragen die Menschen

und ihre Einrichtungen größere Schuld als die Götter; vielleicht ist

gerade das Unglück eine Art ausgleichende Gerechtigkeit? Wie er zum

Freitod entschlossen oben auf der Klippe über Dover in hoher Luft zu

stehen vermeint und einem armen, tollen Bettler -- seinem Sohn! --

schenkt, was er bei sich hat, Geld und Schmuck, da meint er:

... Mein Elend

Bringt dir Glück. Ganz recht so, ihr Himmelsmächte!

Laßt überfluß- und wollusttrunknen Mann,

Der eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen,

Weil er nicht fühlt, schnell fühlen eure Macht:

Verteilung tilgte so das Übermaß,

Und jeder hätt’ genug.

Da ist es nun ganz deutlich, wie der blinde Gloster im Augenblick, wo

er vor dem Tod steht, mit hellen Geistes Augen zu derselben Erkenntnis

kommt wie noch in der nämlichen Stunde der wahnsinnige Lear. Für beide

wird in dem Unterricht, den ihnen der Sturz von der Höhe erteilt,

die metaphysische Weltanschauung, der sie beide wohl in der Zeit der

Herrlichkeit angehangen haben, ergänzt und zu großem Teil ersetzt

durch die soziale Betrachtung, die ja in Wirklichkeit die Erkenntnis

birgt: Schiebt nicht den Göttern zu, was euer Menschenwerk ist, was ihr

schlecht gemacht habt und gut machen könnt.

Und doch kann-will es der Mensch nicht lassen, in den hohen

Augenblicken des Menschenschicksals manchmal sichtbar und greifbar die

geheime Führung, die Vorsehung, die ewige Gerechtigkeit, den Sinn zu

erblicken. Wie der gute Albanien hört, daß nach Glosters scheußlicher

Blendung der Täter, sein Schwager Cornwall, sofort vom eignen Knecht,

der ihm Jahre gedient und zu Gloster keine Beziehung hatte, aus Aufruhr

der Seele heraus erschlagen worden ist, ruft er, tief erschüttert ob

dieser Vergeltung:

Dies zeigt, ihr waltet droben,

Ihr Richter, die der Menschen Übeltat

So schleunig rächen!

Hier erleben wir aber eine wundervolle Steigerung. Edgar hat seinen

Bruder, den Bastard, der über ihn und seinen Vater das Elend gebracht

hat, im Zweikampf feierlich-ritterlicher Art, im Gottesgericht besiegt;

in dem Augenblick, wo er dann sich, mild verzeihend, dem Sterbenden

enthüllt, findet er Worte des Verstehens auch für dies Entsetzliche

selbst, für die Blendung seines Vaters; wie Albanien in der Tat, die

dieses Gräßliche gerächt hat, so findet der eigene Sohn himmlischen

Sinn in dem Gräßlichen selbst:

Die Götter sind gerecht, aus unsern Sünden

Erschaffen sie das Werkzeug unsrer Strafe.

Der dunkle, schnöde Platz, wo er dich zeugte,

Raubt ihm das Augenlicht.

Geben wir’s nur zu: wir wären keine Menschen, wenn wir in den Momenten

der innigsten Erschütterung, die uns so hinnimmt, daß wir nicht wissen,

drückt sie uns nieder oder erhebt sie uns, mit dem Ewigen nicht spielen

müßten, wie hier Edgar spielt, wie die Guten alle in dieser furchtbaren

Welt des Zorns, der Bosheit, der Brunst und Gier, wenn Erkenntnis sie

anrührt, spielen, in einem Spiele spielen, das dem Glauben so verwandt

ist, wie ihre Art, die Wahrheit zu schauen, dem Wahn. Was Edgar da

sagt, heißt ja doch: Du, den der Vater in Sünden, in Wollust, in

Unehren, fern von Familie und aller gesellschaftlichen Anerkennung,

wie in einem dunklen Loch in die Welt gesetzt hat, du, der als Bastard

zum Aufrührer geboren war, du Bruder, in dem Neid und Rachsucht von

Geburts und Erziehungs wegen entstehen mußte, du warst von Gottes

und Rechts wegen der berufene Rächer seiner Sünde; und daß er durch

dich der Finsternis anheimfiel, darin kann man tiefen Sinn und Fügung

des Himmels erkennen. Ein solcher Ausruf, eine solche Bewunderung,

ein solches Sichbeugen ist ja nicht die Setzung einer Theorie, es

ist ein Stück heiligen Willens: so sei die Welt! ist ein Entschluß,

ist die Umschaffung der natürlichen Welt in eine Menschenwelt und

zugleich die Anerkennung des unverbrüchlichen Zusammenhangs der

Notwendigkeitsordnung, die wir Ursache und Wirkung nennen: Denn alle

Schuld rächt sich auf Erden.

Während dies sich zwischen den Brüdern ereignet, wo der milde Held den

bösen Kraftkerl tötet und ihm Verzeihung in sein Sterben ruft, stirbt

der alte Vater still und lebenssatt. Er ist noch mitten in den Krieg

geraten, hat miterlebt, wie die gute Sache, der er gedient hatte, für

die er alles gegeben, unterlag, wie Lear und Cordelia gefangen wurden;

der blinde Greis hockt unter einem Baum, will nicht mehr weiter, will

sich nicht retten:

Nicht weiter, Freund, ein Mensch verwest auch hier.

Da ermuntert ihn der immer noch unerkannte Sohn Edgar, mit Worten, in

denen zugleich Resignation und Tatkraft liegt: über nichts verzweifeln,

alles tragen, nicht aber es stumpf über sich ergehen lassen:

Dulden muß der Mensch

Sein Scheiden wie sein Kommen in die Welt.

Reif sein ist alles.

In alledem haben wir je nach Charakter, Stimmung, Situation wechselnde

Gefühle, Gedanken, Bereitschaften angesichts großen Unglücks; und

immer versucht der Mensch, Himmel und Erde in Verbindung zu bringen

oder ohne das auszukommen. Aber auch, wenn große, innige Seligkeit zu

einem kommt oder wenn gar die Gleichzeitigkeit und das Ineinander des

Bösen und des Guten gewahrt wird, ist der Mensch geneigt, den Himmel

zur Erde hinabzuziehen und das Wunderbare als geheimen Zusammenhang zu

erfassen. Wie Kent die Güte seines Lieblings Cordelia und die Bosheit

ihrer Schwestern betrachtet, ist es ihm, als reichten irdische Gründe

zur Erklärung des Warum all der Rätsel hier auf Erden nicht aus. Es muß

eine überirdische Lenkung da sein; ein uns unbegreifliches Verhängnis,

das in den Sternen geschrieben steht:

Die Sterne,

Die Sterne droben leiten unser Schicksal.

Wie könnte sonst ein Paar wohl Kinder zeugen,

So ganz verschieden?

Die Szene am Schluß aber, wie Lear, selbst ein Sterbender, schwach,

taumelnd, die Leiche der grauenhaft ermordeten Cordelia auf den Armen

herein trägt, wie nun sein letztes Leben als Leidenschaft aufschreit,

diese Szene hat wahrhaft Weltuntergangsstimmung:

Heult, heult, heult, heult! -- O, ihr seid all von Stein!

Hätt’ eure Zung’ und Augen ich, des Himmels

Gewölbe machte ich zusammenstürzen!

Und Kent, Edgar, Albanien, die Guten, die im Untergang einer Welt, wo

die Guten mit den Schlechten in unlöslicher Umklammerung hinabgerissen

werden, allein noch übrig sind, bilden den Chorus:

Ist dies das verheißne Ende?

Ist’s jenes Grauens Bild?

Sink und vergeh!

Und wie Lear sterben will, flüstert Kent der Vielgetreue, der seinem

Herrn gleich nachsterben wird -- der zehnte und letzte Tote in diesem

Stück --, ängstlich, bange, daß Lear doch ja nicht in dieses Leben hier

noch einmal zurückkehre:

Quält seinen Geist nicht, laßt ihn ziehn! Der haßt ihn,

Der auf die Folter dieser zähen Welt

Ihn länger spannen will.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 9 / 30 段