bringt; nur dadurch lernen wir seine wahre Natur und seine Stellung
in der Welt kennen. Gonerils Hausverwalter behandelt ihn nicht mehr
als König, sondern als Myladys Vater: der von Lear selbst geschaffenen
Tatsache entspricht es, aber es ist schonungslos. Dann beklagt sich
Goneril über seinen zügellosen Troß, den er nicht in Zucht hält;
diese hundert Ritter mit ihrem wüsten Treiben machen ihr Schloß zur
Kneipe, zum Bordell gar; sie ersucht kategorisch -- widrigenfalls
will sie selbst einschreiten --, sein Gefolge etwas zu verringern;
er solle nur gesetzte, ältere Männer in seinem Dienst behalten. In
der Sache hätte sie ganz einfach recht; weder ihre Darstellung noch
ihre Forderungen könnten als unmäßig bezeichnet werden. Aber der Ton,
in dem sie redet, ist von schneidender Schärfe, von einer unheimlich
unpersönlichen Sachlichkeit; sie spricht als Regentin zum abgedankten
König; sie denkt nicht daran, sie fühlt nicht, daß alles, worin sie
nun in einem einzigen Punkt empfindlich gestört wird, ihr freiwillig
von ihrem lebenden Vater geschenkt worden ist, ohne daß es einen
andern Grund zu seinem Verzicht gab, als seinen Willen, der für sie ein
guter Wille war; sie offenbart völlige Gefühllosigkeit, Lieblosigkeit,
Undankbarkeit. Er wird nun an der Welt und an sich organisch irre,
irgend etwas in ihm bekommt einen Riß; nur einen Augenblick lang
erliegt er dieser Pathologie; sowie er wieder zu sich kommt, sowie
seine erste gräßliche Wut über diese Undankbarkeit herausgeströmt ist
und fast automatisch der Entschluß da ist, sofort zur zweiten Tochter,
zu Regan zu reisen, sowie er merkt: ja, so spricht, so handelt wahr und
wirklich seine Tochter, kommt sofort, offen eingestanden, die Reue über
sein Verfahren gegen Cordelia. Die, so argumentiert er noch verderbt,
dumm und lieblos genug, hätte ein Recht zu solcher Lieblosigkeit gegen
ihn. So klammert er sich denn blind, vertrauensvoll, im geheimsten aber
schon angstvoll an die einzige Tochter, die noch übrig ist, an Regan;
gegen Goneril aber bricht er in den grauenvollsten, leidenschaftlichen
Fluch aus. Welche Ansprüche stellt dieses Menschenkind, dieser
wahrhaft königliche Tor an die Weltordnung! Ein undankbares Kind muß
mit Unfruchtbarkeit geschlagen werden; ganz einfach, ganz logisch,
ganz unbedingt ist für ihn der Zusammenhang zwischen Menschenlos und
göttlicher Gerechtigkeit: er ist König, ist Vater; die Götter, die
Göttin Natur voran, müssen die undankbare Tochter strafen. Er ist ganz
überzeugt, daß dieser Fluch in Erfüllung gehen muß; darum auch kann er
ihn mit dieser ungeheuren Gewalt ihr zuschleudern. Es wird von einer
jung verheirateten Schauspielerin berichtet, daß sie nie mehr als
Goneril auftreten wollte, nachdem der große Schröder ihr diesen Fluch
ins Gesicht und ins Innerste hinein gedonnert hatte.
Auf dem Weg zur andern Tochter, zu der letzten, die ihm geblieben, sagt
ihm der Narr das Stichwort seiner Rolle:
Du hättest nicht alt werden sollen, ehe du zu Verstand kamst!
Was für eine Reise! Der Narr spricht immer nur aus in seinen
Gleichnissen und Rätselfragen, was in ihm selber auch bohrt. Ist Regan
denn wirklich, wie er hoffen muß, so ganz anders als ihre Schwester,
die jetzt ihr wahres Gesicht gezeigt hat? Und der Gedanke, daß er
Cordelia Unrecht getan hat, die Furcht, um den Verstand zu kommen,
verläßt ihn keinen Augenblick. Und erst sind wir am Schluß des ersten
Akts -- was werden wir noch erleben, was wird der ärmste Abcschütze im
weißen Haar, der, indem er seine äußere Würde freiwillig und großmütig
aufgegeben hat, nun in seiner natürlichen Hoheit angetastet wird, noch
durchmachen!
Der alte Mann muß eine weite Reise machen. Einen Boten mit einem
Schreiben, in dem er der Tochter Mitteilung von dem Geschehenen macht,
schickt er voraus. Das ist sein neuer Knecht Cajus, in Wahrheit der
treue Kent, der vorhergesehen hat, was kommen muß, und den Herrn, der
ihn verbannt hat, nicht verlassen will. Wie Lear dann ankommt, ist
das Haus leer: Cornwall und seine Frau sind weg. Auch die Schwester
hat sofort Botschaft geschickt; und in dieser Sache sind sie einig,
so weit sonst die Gegensätze zwischen Albanien und Cornwall schon
gediehen sind. Lear muß ihnen nach dem Schlosse des Grafen Gloster
nachreisen; und wie er nun zu später Stunde ankommt, sieht es ganz böse
aus: sein Diener Cajus ist schimpflich mißhandelt worden; Regan und ihr
Mann scheinen ihn gar nicht empfangen zu wollen; sie lassen sich erst
verleugnen; und ihr Wirt, der alte Gloster, muß seinen Einfluß, der zur
Zeit groß ist, aufbieten, damit Tochter und Tochtermann herbeikommen.
Aus Lear will inzwischen die mühsam zurückgestaute Wut losbrechen;
der Zweifel an der Wirklichkeit, die Krankheit zeigt sich wieder
an; aber -- wir erleben’s zum ersten Mal -- er nimmt sich zusammen,
versucht, was er nie gekonnt, sich zu beherrschen, will Vernunft und
Gründe annehmen; und, wenn er nun endlich vor der Tochter steht,
ist es rührend, wie er ihr kindlich sein Leid über ihre schlechte
Schwester klagen will. Die Tränen steigen ihm auf, er kann nicht weiter
reden. Sie weiß ja auch, er hat ja geschrieben; und jetzt eben hat er
erfahren, daß Goneril auch einen Brief geschickt hat. Regan erwidert
zunächst mit kalter Zurückhaltung: höflich, trocken, fast mild, wie
etwa eine kalte, geübte Pflegeschwester einem Kindischen zureden würde,
sagt sie ihm, sie, die Töchter, wüßten besser als er, was ihm not täte;
er möchte zur ältesten Tochter zurückkehren und zugestehen, daß er
unrecht gehabt. Er war nun schon auf so etwas gefaßt, so entsetzlich
es ist; es hatte sich vorbereitet; noch bleibt er dem Grad nach
mäßig; aber was sie da sagt, ist ihm sofort wieder eine suggestive
Anschaulichkeit; er probiert’s gleich, wie sich’s ausnimmt, wenn er,
der König, der Vater, hinkniet und seine Tochter um Verzeihung, um
Schutz und Obdach bittet. Das ahnt er noch nicht, wie seine Entwicklung
bald so vollendet sein wird, daß er das, was ihn jetzt die äußerste,
die tollste Zumutung dünkt, gerade in der Form, die niemand von
ihm verlangt hat, die nur seine im Stolz getroffene Phantasie sich
ausgemalt hat, aus innigem Ernst tun wird, er der König, der Gebieter,
der Vater: in Reue und Demut vor einem Kind, das der Vater gekränkt,
hinknien und um Vergebung flehn.
So wird er am Ende sein. Jetzt klammert er sich noch an Einbildungen,
die er gewaltsam festhalten will, klammert sich an Regan, sein einziges
Kind. In vernünftiger Auseinandersetzung will er ihr dartun, daß ihr
Vorschlag unmöglich sei, will ihr beweisen, sie sei so milde, wie
Goneril grausam. Aber es ist, als sprächen nur seine Lippen, während
unten in ihm ganz anderes arbeitete; und mit einem Mal, gerade während
der Mund ihr vorhält, daß er ihr das halbe Reich geschenkt, wirft
er den Kopf zurück und fragt zornig, wer es gewagt, seinen Diener
in den Block zu setzen? Er nimmt das ganz, wie wenn an fremdem Hof
sein Botschafter verletzt worden wäre; es ist eine Antastung seiner
Majestät. Aber Trompetengeschmetter reißt ihm die Worte vom Mund:
Goneril trifft zur eiligen Beratung mit der Schwester ein und findet
den Vater. So muß denn die Entscheidung sofort erfolgen; ganz großartig
hat der Dichter alles so aufgebaut, daß nach der Gonerilszene, die in
dem gewaltigen Fluch gipfelte, nun diese ungeheure Steigerung sich noch
ergab. Die beiden Schwestern hatten politisch beraten und dann ihre
Entschlüsse bekannt geben wollen, und nun muß es gegen ihren Willen
doch wieder zu einer dramatischen Szene kommen, wie ihr Vater sie zu
brauchen scheint.
Sie fassen sich schnell und sind durchaus nicht aus der kühlen Ruhe
gebracht. Regan wiederholt, er solle zur Schwester zurück, fügt aber
nun hinzu, wenn er dann zu dem vereinbarten Zeitpunkt zu ihr komme,
solle er vorher sein halbes Gefolge entlassen. Immer noch hält Lear an
sich; als einen Vorschlag nimmt er das, der ganz falsch ist, und gegen
den er nun, freilich wieder in erregter Bildersprache, Gründe ins Feld
führt. Ja, noch mehr: Goneril läßt vier kalt abweisende Worte fallen,
ohne ihn weiter zu beachten, und er redet nun noch einmal zu ihr, der
er den Fluch entgegengeschleudert hat: mit sanfter, fast brechender
Stimme, wirr, aber der Sinn ist, daß er ihr gütig, bittend zureden
will, in sich zu gehn; schelten und fluchen will er nicht mehr; Gott
soll ihr Richter sein, er will sie nicht verklagen. Er redet ihr zu,
sich zu bessern, er spricht als Vater; er will nichts von ihr. In
höchster Not tut er so, als habe er nichts Entscheidendes gehört; er
bleibt an Regan, die letzte Hoffnung, angeklammert:
Ich kann geduldig sein,
sagt er und fühlt vielleicht, daß ihm die Tugend bisher vor allem
gefehlt hat; im Zusammenhang heißt es, Goneril solle sich bessern, auch
wenn sie lange dazu brauche, er wolle es abwarten und einstweilen
bei Regan bleiben
Mit meinen hundert Rittern.
Aber die Töchter sind von dieser rührenden Wandlung nicht im mindesten
ergriffen; Regan beharrt darauf, ihn jetzt nicht zu sich zu nehmen; im
übrigen erklärt sie nun fünfundzwanzig Ritter für genug. Er winselt
beinahe, er flüstert:
Ich gab euch alles,
und wie nun Regan auf ihrer Entscheidung beharrt, tut der alte Mann,
dem mit seinen Rittern sein Selbstbewußtsein genommen werden soll,
das ganz überraschende: um dies äußere Zeichen seiner Würde behalten
zu dürfen, gibt er in kindischer Gesunkenheit die innere preis und
erklärt, er wolle nun zu Goneril gehen; die läßt ihm doch fünfzig!
Aber nun haben die Töchter genug: sie werden schon für seine Bedienung
sorgen, er braucht keine zehn, keine fünf, keinen einzigen!
Wozu ist einer not?
Not? Dabei stutzt er. In der Tat, in Not ist er nicht und braucht es
auch künftig nicht zu sein. Aber seine Würde, seinen Luxus, seine
Hoheit wollen sie ihm nehmen, demütigen wollen sie ihn. Eindringlich,
aber immer noch still hebt er an:
Beklügelt nicht die Not! Der ärmste Bettler
Hat bei der größten Not noch Überfluß...
Und nun wechselt es in ihm zwischen Bitten und Zorn; zwischen
Nichtweinenwollen, Weinen, Seufzen und Drohen; die Hitze steigt auf,
es zerbricht etwas; er erträgt’s nicht; er will vor diesen Töchtern
hier nicht mehr, nicht noch einmal ausbrechen; er stürzt hinaus; eben
zieht das Unwetter am Himmel auf. Noch einen Blick hat er in die Runde
geworfen, wie auf der Suche nach einem Menschen, nach einer Stütze,
nach einem Freund; er fand ihn auch: den Narren.
O Narr, ich werde wahnsinnig!
Das war in diesem Kreis sein letztes Wort. Die bleiben doch etwas
bestürzt zurück; und vielleicht würde gar der harte Eigensinn der
Töchter erweicht; aber nun tritt eine noch größere Brutalität hervor:
Regans Mann Cornwall. Er befiehlt, während der Sturm zu brausen
anfängt, die Tore zu schließen. Kleinlaut versichern die Schwestern
einander, für den alten Mann wäre hier schon Platz gewesen, aber nicht
für sein Gefolge; an Cornwalls Haltung indessen werden sie wieder
energisch; der Alte soll nur für seinen Unverstand büßen; schafft er
sich selber Kränkungen und Beschwerden, so sollen die seine Schullehrer
sein! Die Tore müssen jedenfalls geschlossen werden; wer weiß, wessen
man sich sonst von seinem wilden Gefolge, das nun so gut wie entlassen
und verzweifelt ist, zu versehen hätte? Um die aber kümmert sich der
kranke, tobende Mann nun gar nicht mehr, und sie, mit Ausnahme eines
einzigen Getreuen, um ihn auch nicht; sie werden schleunig weiter
geritten sein und eine Herberge gefunden haben.
Lear, seinen Narren und den Knecht, der Kent ist, treffen wir im
tosenden Wettersturm wieder nachts auf der Heide. Er ist, nachdem er
sich so lange gewaltsam unterdrückt hat, in einer Leidenschaft, die
sich wollüstig mit dem Orkan mißt. Ah! sich auslassen zu dürfen! Welch
königliches Herrengefühl, Grund zum Toben zu haben! Recht, recht so,
ihr Stürme und Wetterschläge, Undankbarkeit ist auf diesem Erdenball
eingesät; zertrümmert ihn! Das ist noch bacchantische Raserei der
Leidenschaft; aber zwischendurch zuckt die Logik des Wahnwitzes
auf. Auch ihn, den alten, preisgegebenen Mann, dürfen die Elemente
treffen, sie haben die Erlaubnis, dürfen ihn zausen und schlagen nach
Herzenslust: sie sind ja nicht seine Töchter! Und so apostrophiert er
den Regen, den Donner, den Blitz:
Ich gab euch nie ein Reich, nannt’ euch nicht Kinder!
Und dann besinnt er sich, die Logik ist willfährig, man kann die
Sache auch von der andern Seite ansehn: es ist doch unrecht von den
Elementen; sie benehmen sich wie die „knechtischen Helfershelfer der
verruchten Töchter“, und nun geht ihm eine ganz neue Gedankenreihe
auf. Es denkt in ihm: wenn’s nach der Gerechtigkeit zuginge in der
Natur, wer dürfte getroffen werden? Er nicht; er gewiß nicht; ganz
andern müssen die Götter so begegnen: den verborgenen Verbrechern, den
Meineidigen, den Mordlustigen. Und wir gedenken dabei der Greuel, die
im Hause Gloster im Gange sind. Er aber, Lear?
Ich bin ein Mensch, an dem man mehr
Gesündigt, als er sündigte.
Und er fängt an, sich noch tiefer zu besinnen, wie’s in der Welt
zugeht; er wird liebevoller als je zuvor gegen den armen Narren, der
gleich ihm selber, aber nur aus Liebe zu ihm, friert:
Mein armer Narr, mir blieb vom Herzen nur Ein Stück,
das ist betrübt um dich.
„Obdachlose Armut!“ Das bohrt nun immer in ihm weiter, daß es so etwas
in der Welt gibt, nicht bloß ein Verzicht auf Eitelkeiten, nein, ganz
wirkliche Not, völlige Entbehrung, ein Leben wie das, dem er sich in
der Raserei dieser Nacht ausgesetzt hat. In keinem Augenblick denkt
er praktisch, was nun von jetzt an aus ihm werden soll; ganz andre
Dinge hat er auszumachen; wir sehen, wie sich hinter seiner eiteln,
äußerlichen Hoheit letzte Vornehmheit verborgen hat; er muß mit dem
Allgemeinen, mit den Zuständen dieser Erde, mit der Weltordnung fertig
werden; das ist nun in ihm aufgekeimt, was vorher der eigenwillige
Triebmensch ganz beiseite liegen ließ.
Sie nähern sich einer armseligen Hütte, die Kent ausfindig gemacht
hat; aber vergebens zunächst fordert dieser treue Knecht den Herrn
auf, sich darin zu bergen. Solche Sorge dünkt ihn gemein; was tut ihm
alles Unwetter da draußen im Vergleich mit dem Sturm in seiner Seele?
Doch ist er nicht mehr zu festen Entschlüssen imstande; und sowie er
sich hoch aufrichten will und auf die Bestrafung der ruchlosen Töchter
sinnt, bricht einer in ihm zusammen, und die Tränen stürzen vor. Ja,
er wird schon hineingehn; er wird zu schlafen versuchen; der gute Narr,
der nicht von ihm gewichen ist, soll nur vorausgehn; er will erst unter
freiem Himmel, für sich allein, sein Gebet verrichten.
Was der König aber jetzt betet, ist eben diese Erinnerung an die, zu
deren Schicksalsgenossen er sich in dieser Nacht gemacht hat:
Ihr armen nackten Elenden, wo ihr seid,
Die ihr dies mitleidlose Wetter duldet,
Wie soll eu’r bloßes Haupt, eu’r magrer Leib,
Durchlöcherte Zerlumptheit euch beschützen
Vor solchem Sturm wie der? -- O, nicht genug
Bedacht’ ich das! -- Nimm dir’s zur Lehre, Pomp,
Nur einmal fühle, was der Arme fühlt,
Daß deinen Überfluß auf ihn du schüttest
Und zeigst: es gibt Gerechtigkeit im Himmel!
Was für eine große neue Erkenntnis diesem König da an der Grenze des
Wahnsinns kommt! Das ist die Gerechtigkeit im Himmel, die man selber
auf Erden übt! Damit, daß man hier auf Erden reichlich seinen Überfluß
auf die Armen schüttet, zeigt man, daß im Himmel gerechte Mächte
walten. Weit ist er jetzt davon entfernt, die Extragötter anzurufen,
die ihm persönlich helfen sollen; und doch hätte er’s nie nötiger
gehabt. Aber er hat schon viel gelernt; hat zu denken gelernt und damit
zu fühlen und gut zu sein.
Und in diesem Augenblick, wo er von seinem Elend absieht auf die vom
Schicksal Verstoßenen auf dem weiten Erdenrund, tritt aus der Hütte,
die sie leer geglaubt hatten, das nackte Elend leibhaftig: ein nackter
Bettler, toll, besessen, von allen Teufeln verfolgt, wahnsinnig. Wir
wissen: es ist Edgar Gloster, der sich vor seinem Vater und seinem
Bruder bergen muß, der von Cornwall geächtet ist; das Elend ist echt,
der Wahnwitz ist angenommen, wie umgekehrt Lear ganz dicht am Wahnsinn
steht, im Elend nur, weil er’s zur Stunde nicht anders will und
erträgt.
Bei diesem Anblick schließt der Wahnsinn, das tolle Zwangsspiel mit dem
Wahnsinn: den müssen undankbare Töchter so weit gebracht haben; was
sollte einen sonst um den Verstand bringen? Die beginnende Erkenntnis
aber, die im Fieber des Deliriums arbeitet, bohrt weiter. Sie führt ihn
über die Wahrnehmung der Entblößtheit aus sozialen Gründen noch tiefer
ins Echte hinein, ins Erfassen des Wesens: aller Pomp ist Schein; das,
was da vor ihm steht in der Entblößtheit nicht bloß von Mitteln des
Unterhalts, in der Entblößtheit des Leibes, das ist der wahre Mensch in
seiner Nacktheit!
Ist der Mensch nicht mehr als das? Betracht’ ihn wohl! -- Ha, drei
von uns sind verfälscht! Du bist das Ding an sich. Der unverzierte
Mensch ist nicht mehr als so ein armes, nacktes, gabelförmiges Tier
wie du bist!
Zum ersten Mal achtet der Mann, der sich bisher abends hat aus den
Königsgewändern und in sein Nachtgewand helfen, morgens anziehen
lassen, in dieser Sturmnacht beim flackernden Schein eines Kienspans
auf den nackten natürlichen Menschen und seine Gestalt. Wieder ein
Stück Anschauungsunterricht, aus dem er sofort die Lehre zieht:
Fort, fort, erborgter Plunder!
Zur Echtheit will er vordringen; er reißt sich die Königsgewänder ab
-- und sieht sich dabei in alter Gewohnheit nach den Dienern um, die
ihm helfen sollen, sich zu entkleiden! Welch eine Szene! Wo ein Greis
im nächtlichen Wettersturm anfängt, Wirklichkeit und Güte zu lernen,
aber sein Hirn ist nun so geworden, daß er nur noch in Gestaltensehen
und leidenschaftlicher symbolischer Aktion lernen kann. Und der Sturm
heult, der Donner tobt, der Regen prasselt, Edgars Vater, der alte
Gloster, voller Erbarmen gegen den König, zu mildtätiger Hilfe bereit,
die ihm übel bekommen soll, tritt dazu, und Edgar, um sich vor dem
Vater, der ihm ein grausamer Verfolger ist, zu verbergen, bricht
in tollere Reden aus. Zugleich nimmt Lears immer weiter bohrende
Erkenntnis wieder Wahnsinnsform an. Der ihn das gelehrt hat, die Sache
zu erkennen, wie sie wirklich ist, bis zur Echtheit des Wesens, bis
zur nackten Natur vorzudringen, der ist, nackt und zähneklappernd und
irre redend, wie er vor ihm steht, ein edler Philosoph, ein weiser
Thebaner, ein hoher Gelehrter. Und kaum sind sie durch Gloster auf
einem seiner Pachthöfe unter Dach und Fach gebracht worden, so weiß
er genau, wozu ihm dieser Weise, der die Wahrheit mit seinem Leibe
kündet und der überdies zwischen Tiefsinn und Unsinn ein Kauderwelsch
von sich gibt, aus dem der kranke Sinn des Königs manche Erleuchtung
empfängt, zugeführt worden ist: die Töchter sollen vor Gericht gestellt
werden! Der nackte Bettler ist ihm, eben weil er nackt ist und keine
Falschheit und Verhüllung anhat, „der Mann im Rechtstalar“; der Narr
ist der eine Beisitzer, der treue Knecht der zweite. Vors Gericht des
Volks und der Wahrheit werden die Königinnen gestellt: der tolle nackte
Bettler, der arme Narr, der gute Knecht sind die Richter: alle drei in
Wahrheit tief Verkleidete, hinter deren Masken Güte und Ehre wohnt.
Und sie, selbst so an die Grenze gerückt, daß das Spiel mit grotesker
Phantasie ihnen nahe genug liegt, gehen aus Güte, um ihn zu beruhigen,
und aus Tollheit, von der sie sich gern anstecken lassen, darauf ein.
Die Töchter sollen vortreten, ein Schemel stellt Goneril vor; wie Lear
Regan holt, entwischt sie ihm, seine Gedanken, seine Bilder irren
in andre Richtung. Jetzt sieht er eine Hundemeute vor sich, die ihn
kläffend verfolgt, die dann wieder die Töchter zu Tode beißt, bis er
in Erschöpfung niedersinkt. Und wie der treue Kent ihn bettet, ist er
wieder für einen Augenblick der alte König, und nichts von aller Würde
und Behaglichkeit ist ihm genommen worden: „Macht keinen Lärm, zieht
die Vorhänge zu.“ Er schläft ein.
So läßt ihn Gloster auf einer Sänfte fortbringen; er soll nach Dover,
zu Cordelia, zu dem Heer der Franzosen, das dort schon gelandet ist.
In den Wirren des Reichs, die sofort nach König Lears Abdankung
eingetreten sind, in den heimlichen Machenschaften zwischen Cornwall
und Albanien und beider Feindseligkeit gegen den alten König, hat sich
eine Partei zu Frankreich, zu Cordelia geschlagen, deren Rechte in dem
Augenblick erwachen, wo die andern Töchter die Vereinbarungen mit ihrem
Vater brechen. Kent und Gloster gehören zu dieser Partei. Gloster ist
schon in Verbindung mit dem französischen Heer; für Cornwall ist das
ärgste Gefahr, und er hat das Recht, es für Hochverrat zu erklären. Was
da vorgeht, erfährt er durch Glosters eignen Sohn, den Bastard Edmund,
der erst den echten Sohn verjagt hat und nun Graf an seines Vaters
Stelle werden will: grauenhaft ist die Rache, die Cornwall nimmt: die
Augen werden Gloster aus den Höhlen getreten, gerissen; in der Ekstase
des Zorns hatte der alte Mann gerufen, er werde noch sehen, wie die
Strafe des Himmels über die grausamen Kinder komme; das war das Wort,
das die Art seiner eignen Bestrafung über ihn brachte.
Ein geblendeter Vater war er schon zuvor, wie Lear sein Herr. Und wie
Lear im Wahnsinn das Denken lernt, so gehen Gloster nach der Blendung
die Augen auf. Bei Dover begegnen die beiden einander wieder: Lear
auf der Flucht vor der Tochter, an der er gesündigt hat und deren
Anwesenheit er in lichten Momenten ahnt; der andre, Gloster, durch den
Tod hindurchgegangen und im äußersten Elend wie zu Ruhe und Frieden
auferstanden und wiedergeboren: von der hohen Klippe über Dover hat er
sich hinabzustürzen vermeint; aber der echte Sohn Edgar in allerlei
fremden Gestalten und mit allerlei Täuschungen hat den blinden Vater
gerettet, und wie ein Fluidum der Sanftmut und heilenden Liebe ist es
vom verstoßenen Sohn und vom Tod her über den alten Mann gekommen.
Und wir empfinden, wie der Elende, der von hoher Herrlichkeit so
hinuntergestürzt ist, als blinder Bettler ergeben am Wege sitzt, sein
noch unerkannter Sohn bei ihm, von diesem Vater verstoßen und auch
im selbstgewählten nackten Bettlerdasein, wir empfinden in tiefster
Seele die alte Weisheit: Es ist alles eitel; alles, was zur innersten
Verborgenheit des Wesens als Aufputz und Zierat dazu kommt. Und in
diesem Augenblick tritt Lear der König auf; wieder ganz herrisch für
diesen Augenblick; und da dem Abgerissenen, der durch Wälder und
Felder gerannt ist, der Königsornat fehlt, hat er sich mit Blumen
ausgeschmückt. Der Wahnsinn hängt nun dicht und schwer über ihm; aber
auch in dieser lastenden Wolke verfolgt er sein seltsames Lernen
weiter. Zum König hat er sich jetzt wieder gemacht, um lebendig in
seinen einstigen Zustand zurückgreifen zu können und mit besserer
Einsicht sein Königserlebnis mit den Menschen zu wiederholen. Wie
hatten sie ihm die Welt mit Schmeicheleien verhüllt; „Ja“ und „Nein“
zugleich zu allem gesagt, was er vorbrachte!
Ja und Nein dazu, das war keine gute Religion! Als der Regen kam,
mich zu durchnässen, und der Wind, mich schaudern zu machen; als
der Donner nicht einhalten wollte auf meinen Befehl, da fand ich
sie, da witterte ich sie aus.
Die unerbittlich wahre Natur, die außer der Sprache ihrer Taten nicht
noch eine der Bemäntelung und Lüge hat, hat diesen Fürsten, der
von Lüge erstickt war, in die Schule genommen. Und nun ist er, der
Selbstherrscher, der König von Götter Gnaden, in Not und Wahnwitz zur
selben Erkenntnis gekommen wie Richard II. in dem Augenblick, wo
man ihn der Macht entkleidete:
Sie sagten mir, ich wäre jedes Ding; ’s ist erlogen;
das Fieber ist stärker als ich.
Nun merkt er die Schranken, die Gleichheit alles dessen, was von
Menschenhaut umspannt ist; seine Hand „riecht nach Sterblichkeit“. So
hatte es Richard gesehen:
Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir:
Wie ihr leb’ ich von Brot, ich fühle Mangel,
Ich schmecke Kummer und bedarf der Freunde.
So unterworfen, -- kann ich König sein?
Und jetzt, wo Lear weiß, was der nackte Mensch ist, jetzt weiß er
auch, wie in dieser Welt der Kostüme, der Lüge, der Politik von
Würdenträgern, Beamten, Richtern Unrecht geübt wird. Hör’ zu, blinder
Mensch im Staub, der du dich freiwillig von der höchsten Klippe
hinunterwerfen mußtest, um zu dir selbst zu kommen, hör’ zu, wie dein
König auf Elends- und Wahnsinnswegen aus dem Lager seiner politischen
Töchter hinweg endgültig zu Cordelia, zur Menschheit, zur Echtheit
heimgefunden hat! Was hat er denn selber in seinem Königsornat geübt?
Willkür! Laune! Und seine Beamten? Ach, du Blinder, das kannst du
merken, ohne zu sehen. Hör’ nur hin, wie der Richter sich über den
armseligen Dieb erhebt!
Wechsle die Plätze, dreh die Hand um, horch hin: wer ist der
Richter, wer der Dieb?
Er gewahrt alles in bewegten Bildern, er erlebt die Wahrheit in
lebendiger Aktion:
Hast du wohl einmal gesehn, wie ein Pächterhund einen Bettler
angebellt hat? -- Ja? -- Und der Tropf lief vor dem Hund davon?
-- Da hast du das große Bild der Autorität: einem _Hund_ im
_Amt_ gehorcht man.
Alles, was er je gesehen, was in seinem Namen geschah, wird in ihm
aufgerührt; und zugleich melden sich die Triebe, die ihm sagen: wir
Herren, wir Gebieter, wir strafenden Richter und Henker, wir spielen
eine Rolle; wir stellen uns an, als wären wir wie unser unbefleckter
Mantel, als wären wir unser Amt; und was sind wir in unsrer
Wirklichkeit, in unserm Leib? Die scharfe Erkenntnis, die sich im Ton
der zugleich unerbittlich logischen und bildkräftigen Prosa geäußert
hat, schwingt sich -- wie so oft in diesen Szenen Lears -- wie zu
dichterisch gesteigerter Proklamation auf:
Du Schuft von Büttel, weg die blut’ge Hand!
Was schlägst du diese Dirne? Peitsch’ dich selbst!
Heiß glühst du, das mit ihr zu tun, wofür
Du sie zerschlägst.
Da haben wir in Lears Erkenntnis das Motiv, das sich in Maß für Maß zum
Drama ausgestaltet hat.
Der Wuchrer hängt den Gauner.
Durch lump’ge Kleider scheint der kleinste Fehl;
Ein reich Gewand deckt alles.