begreifen, wie man einen andern lieb haben kann; und nun soll sie
gar so weit weg; zwei Ausländer, man könnte fast Schlimmeres sagen,
Landesfeinde bewerben sich um sie; die beiden älteren Töchter haben
wenigstens Herzöge Britanniens zu Männern genommen. Nun wird sie wohl
gar, wenn er ihr schon ein Drittel des Landes gibt, die meiste Zeit
fort, drüben in Frankreich oder Burgund sein. Auf jeden Fall will er
sich’s jetzt bequem machen, will die Last der Regierung auf seine alten
Tage los sein, aber ein reiches, üppiges, königlich gebieterisches
Leben mit Jagden und Festen und Ritterfahrten weiter führen. Diesen
seinen Entschluß betrachtet er als einen edelmütig liebevollen
Verzicht, als Großmut; er hält es für selbstverständlich, daß die
Töchter und der Hof ihn so nehmen müssen; und da ist es, meint er,
das wenigste, daß sie ihm dafür jetzt, in feierlicher Staatssitzung
versichern, wie lieb sie ihn haben, das heißt, wie gut er ist.
Und gerade das kann Cordelia nicht! Ihre beiden Schwestern nehmen die
Sache politisch; wenn Paris eine Messe wert ist, sind sie ja wohl keine
Teufelinnen aus der Hölle, sondern bloß Fürstinnen durchschnittlicher
Art, wenn sie für ein Drittel Britanniens ihrem despotischen Vater mit
schönen Redensarten um den Bart gehen. Wie man Shakespearephilologie
von seiner übrigen Gesinnung trennen kann, verstehe ich nicht,
aufrichtig gesagt; ich habe in der Tat gar nichts dagegen und sehr
viel dafür, wenn man sich auf den wunderschönen Standpunkt Cordelias
stellt; aber damit, daß man ihre Haltung bewundert und die der
andern Schwestern als etwas abgründlich Schlechtes, als schnöde
Heuchelei verdammt, ist es nicht getan. Unser ganzes öffentliches,
gesellschaftliches und Familienleben wird radikal umgestaltet, wenn
man auf Cordelias Boden tritt. Goneril und Regan benehmen sich höchst
abscheulich und ganz nach der Regel. In Cordelia, die bisher ein Kind
war und nun vielleicht zum ersten Mal berufen ist, vorzutreten und ihr
Inneres zu offenbaren, tritt diesem herrischen, eigensüchtigen, an
Liebedienerei gewöhnten König zum ersten Mal ein Ausnahmemensch, zum
ersten Mal jemand entgegen, dem das Gebot des Herzens wichtiger ist als
alles andre in der Welt. Und das ist sein eignes, sein liebstes Kind!
Keine Frage, er weiß es bloß nicht, darum liebt er sie vor allen, weil
ihre Innigkeit, ihre Menschlichkeit, ihre Echtheit ihm wohltut; weil
sich die Übereinstimmung von Fühlen und Handeln, die ihr notwendig
ist, in ihren Bewegungen, ihrem Antlitz, dem Blick ihrer Augen und
hundert täglichen Kleinigkeiten äußert. Keineswegs kann man sagen, daß
sie eine Fanatikerin der Wahrheit wäre; dann müßte das Denken in ihr
besonders entwickelt sein, und sie könnte dann ihrer echten Liebe zum
Vater wahrscheinlich einen recht starken Ausdruck geben. Sie ist aber
in keiner Weise unter wahrhaften Menschen eine Ausnahmeerscheinung;
sie ist es nur in der knechtisch-lügnerischen Umgebung, wie man sie
allenthalben, ganz besonders aber am Hofe trifft. Ein sprödes Mädchen
ist sie; sie kann ihr Herz nicht auf dem Präsentierteller herumreichen,
kann nicht in einer Staatssitzung, kann vor allem nicht zu einem Zwecke
von ihren Gefühlen sprechen. Von den Gefühlen zu sprechen geht gegen
das Gefühl; Gefühle äußern sich im stillen, fortwährenden Tun und in
plötzlichen Erhebungen und Aufwallungen. Der König zwar erwartet, wenn
er verkündet, er wolle zurücktreten und das Reich seinen Töchtern
und Tochtermännern schenken, müsse eine solche Aufwallung, die ihm
echt und von innen aufschießend vielleicht noch nie im Leben, gemacht
aber gewiß immerzu begegnet ist, sich sofort einstellen; und die
gezierten Äußerungen der beiden andern Töchter, derengleichen er für
ungewöhnliche Dankbarkeit, zu der er so oft Veranlassung gegeben hat,
gewohnt ist, nimmt er für solche Ausbrüche. Cordelia aber horcht in
sich hinein und findet in diesem Augenblick nur Leere. Den Äußerungen
ihrer Schwestern hört sie die Berechnung an, und so wird aus ihrem
Unvermögen, sich jetzt zu äußern, Verstocktheit. Es kommt aber noch
etwas dazu. Der Kindheit entwachsen, eine Jungfrau geworden ist sie
durch die ersten Regungen der Liebe, einer Liebe so ganz andrer Art
als die Kindesliebe. Wir dürfen annehmen, daß ihr Herz sich Frankreich
zuneigt; aber selbst, wenn sie davon gar nichts wüßte, wäre doch
Liebigkeit, diese Bereitschaft in ihr, bald ein eheliches Weib zu
werden, die ja auch von außen gefördert wird. Höheres gibt es für
dieses Mädchen nichts in der Welt als diese Erwartung, sich liebend
hinzugeben und hemmungslos, wie es das Gebot der Liebe ist, einem Manne
zu gehören. Und in diesem Augenblick -- die Freier stehn vor der Tür,
werden eben geholt, die Stunde grenzenlosen Aufgebens, wonnig bangen
Umfassens ist da -- verlangt der alte Mann für sich, was bis aufs
letzte Tröpfchen gesammelt in ihr eines andern wartet. Und sie muß
mitanhören, wie ihren Schwestern glatt wie Öl etwas von der Zunge geht,
was ihr nur wie Verrat an der Gattenliebe klingen kann. So vermag sie
ihrem Vater nicht nur das Gehäufte nicht zu geben, worauf er Anspruch
macht; sie kann ihm jetzt gar nichts geben; und was sie schließlich
äußert, kommt gezwungen und hart heraus. König Lears Seelenkenntnis
können wir uns aber nicht verwahrlost, verbogen und verkehrt, man nennt
das naiv, genug vorstellen. Er hat verlangt, mit Recht verlangt, das
war doch das wenigste, daß man ihm bei diesem feierlichen Akt seines
ungemeinen Edelmuts ein paar schöne Worte sagt; ist das denn zu viel?
Nun, die älteren Töchter tun’s; und schon ist er zufrieden und gibt
ihnen ihr überreichlich Teil. Jetzt ist an seinem liebsten, seinem
Schmerzenskind die Reihe; und wie? hört er recht? hart, fast böse
antwortet sie, sagt wohl so etwas von pflichtschuldiger Liebe; aber
merkt man nicht, wie sie sich dazu selbst zwingen muß? Für ihn ist sie
in diesem Moment nicht bloß verstockt und lieblos; sie ist eine arge
Heuchlerin; sie preßt sich Äußerungen ab, die ihr nicht von Herzen
kommen. Was steckt da dahinter? Es muß doch einen Grund haben! Was
offenbart sich da? Wie sieht es in ihrem Herzen aus? In dem Augenblick,
wo sie ihrem Vater, der den Kindern sein ganzes Reich gibt, wie die
Schwestern, überströmend dankbar sein sollte, zeigt sie sich so und
redet mehr von ihrem künftigen Mann als von ihrem guten Vater? Alles
dreht sich um ihn, innen kocht’s auf, und der Ausbruch ist da.
Vergebens ruft der Graf von Kent, ein Mann, der schon lange an diesem
Hof gelebt und zu Lear voller Verehrung wie zu einem Vater aufgeblickt
hat, dessen kerniger Biedersinn Cordelias verwandte Frauenseele
erkennt, dem König zu, er sei ja toll:
Was tust du, alter Mann?
In dieser Verfassung läßt Lear sich von keinem Menschen hemmen:
Kent wird verbannt, Cordelia verstoßen, enterbt, ohne Mitgift dem
überlassen, der sie nimmt. Burgund tritt zurück; Frankreich liebt
Cordelia um ihrer selbst willen; sie wird seine Frau. Cordelias
knospenhaftem Wesen, das überlegener Klugheit fern ist, können wir
nicht zutrauen, daß sie daran gedacht hat; aber ein besseres Mittel,
ihre Freier zu prüfen, als auf jede Würde und Mitgift zu verzichten und
nur noch sie selbst zu sein, konnte es nicht geben.
Hundert Ritter, mit ihrem stattlichen Gefolge von Edelknappen, Knechten
aller Art, hat der alte Mann sich vorbehalten; mit diesem Hofstaat
will er abwechselnd bei den Töchtern hausen; und hochbeglückt und
erfreut sollen sie sein, wenn ihr Vater kommt. Goneril hat in der Sache
keineswegs unrecht, wenn sie meint, er habe seine Macht verschenkt,
wolle aber nichts davon entbehren. Er tritt herrisch, brutal auf;
die Ritter ahmen das Beispiel nach; was er um seiner Machtfülle,
seines Selbstbewußtseins willen tut, setzen sie in Willkür, Roheit
und Liederlichkeit fort; es ist ein zügelloses Treiben; sein erstes
Wort, das wir bei Goneril von ihm hören, wie er mit seinem wilden
Gefolge von der Jagd kommt, ist: „Laßt mich keinen Augenblick auf das
Essen warten!“ Und noch mehr Proben eines Auftretens erhalten wir,
das übermütig zu nennen wäre, wenn er nicht ein überalter Mann wäre,
der in einem langen, langen Leben niemals vom Leben in die Schule
genommen worden ist. Er ist derart ungezügelt wie kleine Kinder, die
man ungezogen nennt; die Sinneseindrücke scheinen fast ohne jede
geistige Vermittlung Handlungen bei ihm auszulösen; er verstößt,
verbannt, schimpft und schlägt so unmittelbar, nachdem man sich seiner
Willkür entgegengestellt hat, wie das kleine Kind nach dem glänzenden
Gegenstand greift, den es sieht. Hat man das Kindchen ein paarmal aufs
Händchen geschlagen, so wird sich, wenn es die Bewegung noch macht,
schon so etwas wie Zögern, wie böses Gewissen darin äußern; Lear
aber scheint nie im Leben etwas entgegengetreten zu sein, was er als
ernsthaften Widerstand achtete; er hat das beste Gewissen von der Welt;
er meint es wirklich gut zu meinen; er hält sich für gut. Er hat doch
seine Macht abgegeben; bloß auf die Eitelkeiten dieser Welt will er
nicht verzichten; das ist für ihn fast nichts, was er behalten hat; daß
er damit andern sehr lästig fallen kann, daß das -- gleichviel, wie
die Töchter sind -- ein ganz unleidliches Verhältnis ist, -- wer soll
es ihm sagen? So daß er es erkennt? Wer will den alten Mann jetzt noch
erziehen?
Kein einzelner Mensch könnte das mehr unternehmen wollen; man kann
ihn nur dulden und liebevoll klug, unmerklich lenken. Die Töchter
aber haben von ihrem Vater die Herrschsucht ohne die Würde, ohne die
Liebenswürdigkeit, ohne den Charme geerbt; dafür handeln sie nicht
bloß in Hitze, sondern planmäßig, kalt. Lears Bedürfnis, geliebt zu
werden, ist immer noch ein Grad der Liebe; die Töchter sind in ihrem
Verhältnis zu ihm ganz lieblos und kennen auch die Hemmung nicht, die
man Pietät nennt. Er hat seine Macht weggeschenkt; sie haben, was sie
von ihm wollten; nun soll er ihnen abwechselnd täglich und stündlich
mit anspruchsvollen Narrheiten lästig fallen? Erziehen wollen sie ihn
gewiß nicht, aber los werden und rücksichtslos seines Spielzeugs,
seiner Machtfülle, seines Scheins berauben. Für ihn ist das gerade
so, als wollten sie ihn zum Gerümpel werfen, obwohl die Rumpelkammer,
die sie ihm anweisen würden, wenn alles ginge, wie sie in kalter Ruhe
planen, wahrscheinlich ein ganz stattliches Haus wäre. Davon, daß sie
ihn hungern lassen, in Nacht und Elend, in Obdachlosigkeit hinausstoßen
wollten, ist gar keine Rede: die Vereinfachung der Märchenpsychologie
ist Shakespeares Sache nicht. Für Lears Subsistenz wollen die Töchter
schon sorgen; ihre Lieblosigkeit übersieht nur, daß die Substanz, von
der das Gemüt des alten Mannes sich nährt, eben die Akzidenzien sind,
die sie ihm wegnehmen wollen.
Um ihn steht es nun so: er war in der Macht, und man war vor ihm
gekrochen, und was sich dabei ergab, hatte er für die wirkliche Welt
genommen. War ihm einmal im Ernst Widerspruch entgegengetreten, so
hatte er ihn unter dem Beifall seiner Umgebung sofort zermalmt.
Niemals war äußerer Widerstand begleitet gewesen von einer inneren
Unruhe in ihm selbst; seine Umgebung hatte immer den Glauben in ihm
befestigt, daß er es um seiner angeborenen Majestät willen verdiene,
zu befehlen. Diesmal ist es anders. An ihm nagt etwas, immerzu, etwas
Doppeltes, etwas Dreifaches: daß er seine Macht weggegeben hat, daß
er sie diesen Töchtern gegeben hat, daß er Cordelia verstoßen hat.
Falschheit kann täuschend wie Wahrheit aussehen, aber die Wahrheit
hat etwas ganz Untrügliches in sich. Hat man einen Menschen, den man
gut kennt, im Vorübergehen zu sehen geglaubt, so kann man sicher
sein, daß er es nicht war; wäre er es gewesen, so wüßte man es. So
ähnlich geht es diesem kurzsichtigen Vater: er glaubt, daß Cordelia
ein liebloses Geschöpf, daß Goneril und Regan liebende Töchter sind;
aber etwas in ihm weiß, daß es nicht so, daß es umgekehrt ist. Der
Klang der Stimme Kents, der so tapfer zu Cordelia stand, liegt ihm noch
im Ohr; und da ist nun noch einer, der auf seine Art ausspricht, was
Lear selber nicht hochkommen läßt, der ein Privileg hat, den er nicht
so ohne weiteres des Landes verweisen kann: das ist sein Narr, sein
scharfer, sein bitterer, sein armer, sein liebender Narr. Der hängt
treu und liebevoll an ihm, ganz gleich, wie er vom Herrn behandelt
wird, der kennt die Liebe so, wie Goneril und Regan sie nicht kennen
und wie auch Lear sie keineswegs kennt und übt, und in immer neuen
Gleichnissen, Verdrehungen und Liedchen gibt der ihm nun zu verstehen,
was für ein Narr er gewesen, das gute Kind zu verstoßen und sich und
sein Reich den harten, scharfen, lieblosen Töchtern anzuvertrauen. Er
kann sich’s nicht verhehlen, denn er merkt’s durch bittre Erfahrung:
an den mitleidig verdammenden Sprüchen des Narren, die immer schärfer
ausfallen, ist etwas, ist viel dran. Und doch glaubte er, so klug und,
da er sich so recht mollig lieben und hegen lassen wollte, ein so guter
Vater zu sein! Das erkennen wir nun aber auch deutlicher, als wir’s zu
Beginn wußten: er kann tun, was er will, selbst Brutales: Böses ist
doch nicht in ihm. In seinem Verkehr mit dem Narren gewahren wir gleich
echte Liebenswürdigkeit und eine Neigung zu Kameradschaft, in der sich
seltsam eine Kindlichkeit angeborener, zurückgedrängter Natur mit
Kindischwerden vor Alter mengt.
Die Welt sieht doch nun, wo er der Macht entkleidet ist, so ganz anders
aus, als er gemeint hatte! Was sich der Haushofmeister seiner Tochter
gegen ihn herausnimmt, wie scharf und ausfallend die Tochter selbst zu
ihm spricht, wie es der Narr mit seinen Sprüchen kommentiert, -- aber
der arme alte Mann! In dem Augenblick, wo allererst die Erkenntnis
der Wirklichkeit kommen, wo der Wahn sinken will, bricht in dem
schwachen Gefäß, das Druck von außen nie gekannt hat, der Wahnsinn aus.
Sein erstes Zeichen bemerken wir sofort nach der ersten unerbittlich
scharfen Rede Gonerils, wie Lear die Hand über die Augen hält, die
Tochter prüfend, als sehe er nicht gut, ansieht und fragt: Ist das
meine Tochter?
Sowie wir diese erste Spur merken, können wir nun zurückgreifen,
können uns der Worte Kents erinnern, der es gewagt hatte, seinen
König verrückt zu nennen und dabei an sein Alter zu erinnern, können
dazu nehmen, daß jetzt eben der Narr seinen Herrn den wahren Narren
gescholten hat, und können fragen: war denn nicht wahrscheinlich sein
Benehmen bei der Teilung des Reichs und bei Cordelias Verstoßung auch
schon Geisteskrankheit?
Fragen können wir so; ich antworte: Nein. Und vergesse dabei
keinen Augenblick die Regel, die Gestalten des Dichters nicht als
Naturgeschöpfe zu nehmen, sondern als Geistgeburten Shakespeares. Ich
untersuche nicht einen Britenkönig Lear, sondern was Shakespeare uns
gegeben hat. Dabei kommen irgendwelche medizinische Ausdrucksweisen,
die der Dichter gehabt hat oder nicht gehabt hat, nicht in Betracht,
sondern lediglich die Züge, die er seinen Gestalten gegeben hat. Die
haben wir, ganz in unsrer eigenen Sprache, zu deuten. Das Problem,
was Krankheit und was gar geistige Krankheit sei, will ich bei
dieser Gelegenheit nicht aufrollen; sicher ist, daß es Namen für
Veränderungen sind, deren wahres Wesen uns unbekannt ist, und daß
diese Namen nur gewisse Komplexe von Symptomen einordnen. Sicher
ist aber auch, daß Begriffe dieser Art haarscharf begrenzt sind,
und daß unsre Menschenwelt untergehen und das Chaos beginnen würde,
wenn diese Grenzen verwischt würden. Wie König Lear bei der Teilung
des Reichs gehandelt hat, war, wie Kent in derber Volkssprache sagt
-- nicht umsonst kann der herzhafte, getreue Landedelmann nachher
so gut den Knecht spielen --, verrückt, war verrückt, was das Volk
so verrückt nennt. Der König hat so tun müssen, sonst hätte er’s ja
nicht getan, aber die Notwendigkeit, die ihn zu seinem Verhalten
brachte, war ein sozialer Komplex, bestehend aus den Beziehungen seiner
Erziehung, Stellung, Umgebung; man kann sich darum auch denken, daß
diese Notwendigkeit durch eine gleichfalls soziale Einwirkung, z. B.
das ruhige und vernünftige Auftreten mehrerer im Staatsrat oder einen
plötzlichen Überschwang kindlicher Verzweiflung in Cordelia aufgehoben
worden wäre. Was aber jetzt in Lear allererst sich ankündigt, ist ein
individueller, organischer Zwang unsäglich viel stärkerer und anderer
Art in ihm; irgend etwas funktioniert jetzt anders in ihm; und wenn
Heilung kommen soll -- wie sie denn in der Tat kommt, das Stück, in
dessem erstem Akt wir noch stehen, handelt von ihr --, wird sie ganz
andere Wege gehen müssen, als gutes Zureden oder soziale Einwirkung der
üblichen Art.
Seid Ihr Unsre Tochter?
Mit dieser Frage sind wir genau an der Grenze zwischen Vernunft und
Wahnsinn. Man kann völlig vernünftig sein und sein schmerzliches
Staunen über das eigene Kind so ausdrücken, daß man fragt, ob man so
einen Menschen, wie er da vor einem steht, wirklich selbst gezeugt
und aufgezogen habe. Es kann auch tatsächliche Gründe geben, warum
man bei einer starken Enttäuschung, die eine völlige Unähnlichkeit
zwischen Vater und Kind an den Tag stellt, sich ernsthaft fragt,
ob nicht Ehebruch im Spiel sei. Auch ist der Mensch, jeder, da er
gottlob einen Dichter in sich hat, durchaus befugt, in irgend einer
ekstatischen Stimmung mit dem Wahnsinn zu spielen. So hebt es denn
auch bei Lear an: er schwankt zwischen ganz leise einsetzendem echtem
Wahnsinn und dem Spiel damit. Noch spielt er, daß er nicht er selbst
sei, daß er die Dame, die vor ihm steht, nicht kenne, aber schon ist
es einen verschwindenden Moment lang innerer, organisch-funktioneller
Zwang, so zu spielen, der dann aber sofort wieder abgelöst wird von dem
gewaltig ausbrechenden, schmerzlichsten, wütendsten Zorn des in seiner
Königswürde, in seiner Vaterschaft, in seiner Menschheit gekränkten
Mannes.
Seid Ihr Unsre Tochter?
Hier an der Grenze haben wir schon die Form, in der sein Wahnsinn
sich äußern wird. Eines hat er sein Leben lang nicht gekannt, ein
Allerwichtigstes freilich: denken. Es hat für ihn keine Wirklichkeit
gegeben, sondern nur Schein und Trug, von Schmeichelei und botmäßigem
Eifer erzeugt; und so war in ihm kein Denken, sondern Trieb, Raschheit,
Laune; und auf diese Weise entstand eine Welt, eine Beziehung von innen
und außen, wo alles glatt funktionierte: seine Umgebung und er paßten
ihre Lücken und Auswüchse an einander an, und was er befahl, geschah.
In diese Welt der Täuschung, und andre kannte er keine, war er nun in
langen Jahrzehnten, bis in sein höchstes Greisenalter, ganz eingelebt.
Nun aber ist er allererst nicht oben in seiner, sondern irgendwo unten
in der wirklichen Welt, und da sieht alles so ganz, so schmerzlich
anders aus. Er sollte also umlernen, nachdenken, sich einordnen, sich
zurechtfinden, und das kann er nicht mehr; er ist zu alt dazu. Zu alt
wenigstens, um noch in der üblichen Art zu lernen, zu wachsen. Denn er
lernt, der arme, alte Mann, lernt sogar erstaunlich, wie in Glut und
Fieber; aber er begreift nicht in Begriffen; in seiner Altersschwäche,
wo ihn immer hilfloses Weinen ankommt, nimmt ihn das Leben in die
Schule, und sein Lernen sieht so aus: Gegen meine Töchter bin ich
immer gut gewesen -- sie müssen also auch gut gegen mich sein -- diese
Damen sind ja so hart gegen mich -- -- ~ergo~ sind es nicht
meine Töchter. Die neue Wirklichkeit, die sich ihm jetzt objiziert,
lernt er nur in der Weise kennen, daß er das Neue, das er nun von der
innern Beschaffenheit und Wahrheit der Menschen entdeckt, als äußere
Halluzinationen, als Zwangsvorstellungen schaut und hört; der Sinn
geht ihm auf in Gestalt von Sinnestäuschungen. Und so wie er daran
ist, die Töchter nicht mehr als seine Töchter zu erkennen, so verliert
er den Glauben, das Wissen, das Selbstbewußtsein, daß er Lear ist; er
verliert sich selbst.
Aber er versinkt nicht völlig in diesen Wahnsinn; er ergeht sich nur
gefährlich am Rande der Tollheit; ganz wahnsinnig, bloß wahnsinnig
sehen wir ihn nie; wir erleben an ihm einen entstehenden und auch
wieder vergehenden Wahnsinn; wir sind dabei, wie in und mit dem
Wahnsinn sich ihm der Sinn öffnet für den Wahn seines bisherigen
Lebens; wie er jetzt allererst einen Blick ins Leben tut; wie er mit
dem Schmerz, der ihm von außen angetan wird, wütenden Schmerz über
sich selbst, Reue, von daher Einsicht und mit der Einsicht Liebe,
echte Liebe, Liebe zu andern lernt. Der Schein, der Machtkitzel, der
Dünkel, die Hohlheit, die Ichsucht, all das schmilzt weg; indem er ins
Elend hinuntersinkt, vermag er nun auch, die Welt und das Leben vom
Standpunkt des Elends aus zu erblicken.
Daß er das aber noch vermag, daß er auf diesem einzigen furchtbaren
Weg, den seine Altersschwäche ihm läßt, auf dem schwindelnden Grate
zwischen Verzweiflung und Aberwitz noch lernt, noch wächst, Erneuerung
und Wiedergeburt findet, das zeigt uns, was wir in dem Vater Cordelias,
in dem Freund des Narren, in dem von Kent verehrten König, in der
Gewalt seiner Leidenschaft und der Hoheit seines Auftretens schon
geahnt hatten: daß eine große Natur in ihm von sozialen Narrheiten und
Wüstheiten überklebt war; daß seine brutale Willkür sowohl wie seine
ungeheuerliche Dummheit nur Manier war und nicht Wesen, daß ein guter,
ein allerbester Kern in ihm ist, der nun, wo die gräßliche Not ihn
zeitigt, sich zugleich als Geist und als Güte offenbart.
Jetzt sehen wir: die Welt seines pompösen Scheins war ihm notwendig
gewesen, weil seine echte Natur eine Welt der Niedrigkeit
nicht ertrug, weil er Größe, Adel, Übereinstimmung braucht. Die
Lebensmöglichkeit entsinkt ihm, sowie er gewahrt, wie es wirklich in
der Welt zugeht. Dieses sein Lernen, seine neue, seine erste Erkenntnis
kommt ganz allmählich, und er kann nur dazu gelangen durch furchtbarste
Not und Schrecknisse. Zum weit überwiegenden Teil aber tut er sich all
dieses Fürchterliche selber an; sein Adel, sein Mißverhältnis zur Welt
äußert sich in dem, was die Welt seine unerhört übertriebene Natur
nennen müßte; durch Erschütterung allerschrecklichster Art, durch Wut
und Leidenschaft, elementar wie eine Naturkatastrophe, arbeitet er sich
aus der Verschüttung zum schmerzlichen Licht empor, ein überalter Mann,
der nach dieser letzten gewaltigen Anstrengung gerade noch Zeit hat,
still und milde für einen Augenblick sein wahres Wesen zu sein, sein
Leben zu führen, wie es ihm zukommt, und dann zu sterben.