Wenn ich hier bei genialen Menschen, die zeitlich weit auseinander

sind, von An-die-Seite-stellen rede, so kann ich damit nur meinen, daß

ein Gleiches da ist und ein Trennendes, nenne man’s Fortschritt oder

wie man wolle, es wird der Änderung im Geist der Zeit, aus dem oder

gegen den der Künstler sich erheben muß, entsprechen.

So auch, wenn wir von Shakespeare aus rückwärts gehn und in der

Vergangenheit einen suchen, der seinesgleichen, der wie er also

und anders war. Wir werden keinen eher nennen als Sophokles und

werden erkennen: das Verhältnis des Menschen zu seinem Schicksal,

das Verhältnis innerer und äußerer Dämonie ist in aller Gleichheit

des Wesentlichen bei den beiden Dichtern ein anderes; die Macht der

Vernunftsphäre, die Freiheit, in der der Mensch gegen das Verhängnis

steht, die Macht des Individuums, sich zu wandeln und zu entwickeln,

ist in Shakespeare größer geworden. Selbst an dem finstern, strengen

und streng behandelten, aus der Bahn der Gewöhnlichkeit von den Mächten

ins Reich metaphysischer Lockung und Verfolgung gehobenen Macbeth und

in andrer Art an seiner Gefährtin erkennen wir die Möglichkeit des

μετανοεῖν, der Buße, der Umkehr und Heimkehr ins wahre Wesen, das

keinem Lebendigen in seinem Innern ganz und gar fehlen kann.

Und dasselbe Verhältnis sehen wir fortschreitend zwischen Shakespeare

und den beiden Dichtern, die nach ihm kamen. Das Gleiche in den

Werken der drei Dichter, die ich nannte -- Shakespeare, Goethe und

Dostojewskij --, ist, daß in vollendeter Art der Charakter sich selber

sein Schicksal baut, daß nicht hier die Tat ist und dort, nachher, von

außen die Vergeltung kommt, sondern daß Tat und Leiden ein einziger

Zusammenhang sind: in der Tat, im ursprünglichen Wesen, das die Tat aus

sich entlassen hat, liegt das Leiden, die Strafe.

Ödipus straft sich selbst für das, was die Götter dadurch taten, daß

sie ihm sein Schicksal gaben.

Diese Männer neuerer Zeit indessen sind vom Weltengeist gestraft, nicht

mit äußerem Schicksal zunächst, sondern mit ihrem inneren Wesen. Und

was von außen als Strafe über sie hereinbricht, ist in Wahrheit der

Anfang der Erlösung: auch für Macbeth, der längst kein Lebendiger mehr

ist, wenn der Tod ihn von seinem Posten abruft.

Hier aber fängt gerade der Unterschied an zwischen den Dichtern unserer

näheren Zeit und Shakespeare: Strafe, Sühne, tragischer Ausgang fällt

für die modernen Tragiker nicht mehr so unbedingt mit dem Lebensausgang

zusammen. Den Knalleffekt des gewaltsam aus dem Leben gerissenen und

dann als Leiche daliegenden Menschen braucht unser Empfinden und unser

Geist -- denn die hohe Dichtung wendet sich keineswegs bloß an die

Empfindung -- nicht mehr. Tasso wie Macbeth, beide leben ihre Tragödie,

solange sie leben; aber für Macbeth und seine Welt ist es so notwendig,

daß er als einer, der gewaltsam gelebt hat, gewaltsam von hinnen geht,

wie für Tasso, daß das Äußere, Plötzliche, Einmalige des Ausgangs ohne

Bedeutung ist. Bei dieser Gestalt kommt alles nur darauf an, daß ihr

Wesen und Leben nicht in die Umgebung, nicht in die Welt paßt.

Und wieder einer andern Tönung des mit der Zeit und dem Volksschlag

veränderlichen Teiles der Ausdrucksgestalt des Geistes gehören

Dostojewskijs Gestalten an. Raskolnikoff und gewiß auch -- das Werk ist

unvollendet geblieben -- Iwan Karamasoff, beides Mörder gleich Macbeth,

Iwan ein indirekter, der durch Psychologie die Mordtat zustande

bringt, sie beide überleben ihre Tragik, leben über sie hinaus,

überwinden ihr So-tun-müssen, So-wollen-müssen, das ihre Qual bedingt

hat.

Ihre Tragik, ihr Aufruhr, ihr Nicht-in-die-Welt-passen und Zerfall mit

sich selbst, mit Gott und der Welt, ist ein Krampf und Übergangszustand

der Jugend.

Da ist ein Neues, und Goethe der junge Dichter hat nicht gewußt, nicht

gestaltet, was Goethe der Mensch langen Lebens würdevoll bewährt hat:

daß Werther nämlich sich in Wahrheit nicht hat töten, sondern nur den

Krampf der Jugend bei furchtbarem Zusammenprall mit der schnöden Welt

hat überwinden müssen.

Das aber gibt es bei diesen Gestalten Dostojewskijs: sie haben einen

so starken Grad der Erkenntnis in die Zusammenhänge des Innen und

Außen, ihres Wesens und der geschichtlich gewordenen Umgebung, daß

ihre Leidenschaft, ihr Napoleons- und Mordtrieb und ihr Leiden nur ein

Entwicklungsstadium in ihrem Leben bilden, daß sie durch Resignation

und Hoffnung, Hoffnung nicht so sehr für sich wie für die Menschheit,

gerettet werden.

Etwas von dieser Entwicklung fängt gerade mit Shakespeare an: in

seinen beiden modernsten Tragödiengestalten Troilus und Hamlet und in

der Entwicklung des trotz allem nichttragischen Schauspiels Maß für

Maß. Troilus der Jüngling wächst und reift während der Handlung; als

Lebender sieht er am Ende des Dramas gefaßt und groß dem Untergang

seines Volkes entgegen. Und Hamlet? Wie er leben mußte, in dieser Welt,

das ist für uns seine Tragödie; daß er am Schluß gewaltsam stirbt,

und die Art, wie dieser Tod herbeigeführt wird, das hat etwas fast

Nebensächliches, ja sogar Ungemäßes und Konventionelles an sich.

Und vielleicht darf ich hier sogar mit einer persönlichen Erinnerung

kommen. Als ich ein junger Student war und mich viel mit Hamlet

beschäftigte, konnte ich nicht anders: ich erklärte mir das ganze

seltsame Wesen des Dänenprinzen, seine Nähe am Wahnsinn, sein

furchtbares Leiden an sich und den Menschen -- wovon allem wir an

seinem Ort ausführlich gesprochen haben --, ich erklärte mir das alles

mit der Pubertät, mit Jugend und Übergangszustand also.

Kein Zweifel ist, daß auch in Hamlet potentiell eine Macht der Vernunft

vorhanden ist, deren höchste und reinste Gestalt, die Harmonie zwischen

Fühlen und Denken und Handeln, auch die höchste Tragik überwinden kann,

weil kein Äußeres, auch der Himmel und sein Verhängnis nicht, mächtiger

ist als der Mensch, der überwunden hat.

Was da mit der Gesamthaltung des Sinnspiels Der Kaufmann von Venedig,

mit dem Schicksal und der Läuterung des Angelo und Troilus beginnt,

was im Vernunftwesen Hamlets angelegt ist, das wird auf Shakespeares

letztem Gipfel zu weihevoller Höhe gehoben im Wintermärchen und zumal

im Sturm, der, wie wir sehen wollen, von nichts anderm handelt als von

dem Sieg des Geistes über den Trieb.

Tragik aber bleibt immer das Teil derer, deren Wesen nicht nur im

Triebhaften wurzelt -- so sind wir alle beschaffen --, sondern aus

denen der Trieb wie Blattwerk und Blüte und Flamme zehrend, zündend

und verderbend nach oben schlägt. Auch sie haben Erkenntnis, manchmal

hohe und starke; aber nur eine solche, die ihr Licht auf den Trieb

wirft und dies Nächtige sichtbar macht, auch für sie selbst; nicht aber

die Erkenntnis, die Macht über den Trieb ist und beherrschend mit ihm

fertig wird.

Ein solcher Triebmensch, ein Getriebener also, ein Bewirkter, Passiver,

von Dämonen Gepackter, so sehr er sich zumal später, nach seiner

Krise, einbildet, eine aktive Natur zu sein, ist Macbeth der König,

ganz anders denn doch von seiner innern Bestimmtheit seinem Schicksal

zugetrieben als König Ödipus, bei dem die Hybris und der Herrscherwahn

nur eine Begleiterscheinung, eine Folge und Widerspiegelung des

unbegreiflichen Beschlusses der Götter ist. Und als ein Triebmensch,

diesmal aber einer, der zum Lernen, zur Entwicklung der Vernunft wie

der Innigkeit noch im höchsten Greisenalter nicht zu alt ist, der vom

Schicksal in die Schule genommen wird und bei der Natur, beim Volk, bei

Narren und nicht zuletzt beim Unglück in die Lehre geht, wird sich uns

auch ein ganz anderer König enthüllen -- jeder Zoll ein König! -- das

nächste Mal --, König Lear.

König Lear

Im Jahre 1603 erschien ein Buch eines gewissen Harsnet „Entdeckung und

Erklärung hervorragender papistischer Betrügereien“; darin findet sich

ein großer Teil der seltsamen Teufelsnamen, die Edgar Gloster in seinem

vorgegebenen Wahnsinn im Munde führt. Es ist also wahrscheinlich, daß

Shakespeare das Werk für diese Einzelheit benutzt hat, woraus sich

ergibt, daß der König Lear, wofür auch gar nichts spräche, nicht vor

1603 verfaßt sein wird. Im Jahre 1605 erschien ein Schauspiel, „Die

echte Chronikenhistorie von König Leir und seinen drei Töchtern“.

Dieses Stück hat, vom Rohen der Handlung abgesehen, so gut wie keine

Ähnlichkeit mit Shakespeares Stück und weist von seinem Geist so wenig

wie von seiner Komposition und Sprache etwas auf. Da nichts sicherer

ist, als daß dieses Stück nichts mit Shakespeare zu tun hat -- außer

Tieck, der bei all seinem beinahe tiefen Verstand eine wahre Sucht

nach dem Verkehrten hatte, hat es, glaube ich, nur Simrock für möglich

gehalten, der vom Volkstümlichen im allgemeinen wie von Shakespeares

Volksart im besondern einen falschen Begriff hatte --, so kann man

annehmen, daß hier ein älteres Stück rasch gedruckt und als das echte

bezeichnet wurde, weil damals gerade Shakespeares Stück neu, noch nicht

gedruckt, aber begehrt war. Sicher wissen wir, daß Shakespeares König

Lear 1607 mit der Bemerkung ins Buchhändlerregister eingetragen wurde,

das Stück sei Weihnachten 1606 aufgeführt worden; diese Aufführung,

die vor dem König in Whitehall stattfand, braucht aber nicht die erste

gewesen zu sein. 1608 erschienen dann tatsächlich zwei von einander

abweichende Quartausgaben des Stückes. Der Text, den die Gesamtausgabe

von 1623 bringt, ist in vielem einzelnen bedeutend besser; dafür

fehlen ihm aber wichtigste Szenen, so vor allem die, wo Lear in

Wahnsinnswut seine Töchter aus der Luft zusammenballt und vor die

Richter stellt. Da diese Nachlaßausgabe trotz allem redlichen Willen

der Herausgeber Liederlichkeiten genug begeht, da ihr Text nicht im

entferntesten kanonische Geltung hat, da er so wenig von Shakespeare

endgültig festgesetzt worden ist wie der, den die bei seinen Lebzeiten

erschienenen Raubausgaben bringen, da man auf alle möglichen Gründe zur

Erklärung der Auslassung raten kann, haben wir dem Schicksal lediglich

dankbar zu sein, daß wir diese prachtvolle Hauptszene haben; sie aus

dem Text wegzulassen und in den kritischen Apparat zu verbannen, blieb

dem Tieck ~redivivus~ unserer Tage Gundolf vorbehalten.

Die Geschichte vom König Lear war offenbar sehr bekannt und beliebt;

ich nenne hier, ohne auf einzelnes einzugehen, die Quellen, die

Shakespeare sicher bekannt waren: Mitte des 12. Jahrhunderts verfaßte

der Bischof Galfried von Monmouth nach Überlieferungen in seiner

Heimat Wales die „Geschichte der britischen Könige“, die 1508 in Paris

lateinisch gedruckt erschien; darin berichtet er auch von Lear und

seinen drei Töchtern. In allem Wesentlichen stützte sich Shakespeare

aber wieder auf Holinsheds Chronik, deren zweite Ausgabe aus dem Jahr

1587 stammt. Dichterische Bearbeitungen fand er in dem Lehrgedicht

„Spiegel der Obrigkeiten“ von 1575 und in Spensers „Feenkönigin“ von

1590. Das erwähnte Chronikendrama wird er doch wohl gekannt haben; eine

der hölzernen Gestalten, die sich in Shakespeare zu seinem wundervollen

Kent verwandelt haben kann, der in der sonstigen Überlieferung kein

Vorbild hat, unterstützt die allgemeinen Erwägungen, die dafür

sprechen. In allem übrigen aber hat er das biedere Ding, das so

ungefähr auf dem Niveau von Hans Sachs steht, so gar nicht benutzt, daß

keinerlei wirklicher Beweis dafür da ist, daß er es gekannt hat.

Nun ist aber in der ganzen Überlieferung von den Vorfällen im Haus

Gloster mit keinem Wort die Rede. Shakespeare flocht diese Tragödie

kunstvoll in die Lear-Tragödie ein, indem er eine ganz andere Fabel,

die Geschichte vom paphlagonischen König, die er in Sidneys „Arcadia“

vom Jahr 1590 fand, benutzte.

All diese Texte, die Shakespeare vorlagen, sind im Original

und in guter deutscher Übersetzung in einem sehr hübschen und

lehrreichen Büchlein zu finden, dem ersten Band einer Sammlung von

„Shakespeares Quellen“, die Alois Brandl im Auftrag der Deutschen

Shakespeare-Gesellschaft herausgibt.

Seien nun zunächst die Grundelemente der überlieferten äußern Handlung

und Shakespeares Abweichungen von den groben Zügen dieser Fabel

zusammengestellt.

Die Regierung des Britenkönigs Lear, der in noch älterer Gestalt

der Sage ein keltischer Gott gewesen zu sein scheint, wird in eine

fabelhafte Vorzeit verlegt; wir haben die Wahl, ob wir das Jahr 600

oder gar 800 vor Christus nennen wollen. Immer ist er bei Beginn der

merkwürdigen Geschehnisse sehr alt. Er hat drei Töchter, deren jüngste

sich durch Schönheit und Klugheit auszeichnet und von ihm besonders

geliebt wird; die beiden andern sind, wie wir im Märchen so häufig

hören, böse und neidisch. Nun will er das Reich teilen und zugleich die

Töchter verheiraten. Damit in Verbindung stellt er ihnen die Frage,

welche von ihnen ihn am liebsten habe. Die bösen Töchter antworten

schwülstig schmeichlerisch; Cordelia -- die Überlieferung ist in der

Deutung dieses schwierigen Charakters nicht ganz einig -- spricht sich

bald trocken, bald trotzig, bald keusch zurückhaltend aus; immer aber

für ihn sehr unbefriedigend und überraschend. Sie wird enterbt; aber

der König von Frankreich nimmt sie auch so, als armes Mädchen, zur

Frau. Lear wird dann durch Goneril und Regan schlecht behandelt, sein

Rittergefolge, das er sich ausbedungen hatte, immer mehr verkleinert.

Zuletzt geht es ihm bei diesen vorgezogenen Töchtern so schlecht,

daß er nach Frankreich flieht. Dort findet er am Hof die liebevollste

Aufnahme. Es kommt zum Krieg; Frankreich siegt; Lear wird wieder

König und lebt noch ein paar Jahre. Nach seinem Tod besteigt Cordelia

den Thron. Etliche Jahre später aber erheben sich die Söhne ihrer

Schwestern gegen die Herrschaft der Tante und erlangen den Sieg; sie

wird gefangen gesetzt und erhängt sich im Gefängnis.

Hier nun können wir Shakespeare sehr schön bei der Arbeit beobachten;

wir sehen, wie er aus kompositorischen und inneren Gründen

zusammengezogen und geändert hat, wie er aber dabei von den Elementen

der Tradition in irgend einer Umgestaltung noch nimmt, was er irgend

brauchen kann. Frankreich und Cordelia siegen in der Überlieferung;

Lear wird wieder König; etliche Jahre später wird Cordelia in einem

neuen Krieg besiegt. Diese Dehnung am Schluß konnte der Dichter nicht

brauchen; ein Sieg Frankreichs über die Briten paßte also nicht zu

seinem Schluß; er wird auch sonst keine Lust gehabt haben, ihn ohne Not

auf die Bühne zu bringen. Aber daß Lear wieder König wird, entsteht,

wenngleich nicht für Jahre, so doch für Augenblicke irgendwie vor

unsrer Vorstellung: er wird wieder groß, königlich, gebieterisch, ehe

er stirbt. Cordelia in der Überlieferung erhängt sich im Gefängnis nach

ihrer Niederlage; bei Shakespeare wird sie gleich das erste Mal besiegt

und von Edmund verräterisch ermordet; aber die Tat geschieht ebenfalls

im Gefängnis und durch den Strick.

Aber was hat Shakespeare sonst noch der dürren Fabel gegeben! Seine

wichtigste Zutat ist Lears Wahnsinn, von dem die Überlieferung nichts

weiß, und alles, was damit zusammenhängt; die Nachtszenen im Gewitter

auf der Heide, in der Hütte, auf dem Pachtgut. Kents Widerspruch bei

Lears Verstoßung Cordelias, seine Verbannung und Treue sind neu;

wie gesagt, eine Spur davon bot das ältere Drama. Wie Cordelia zum

König von Frankreich kommt, ist völlig verändert; da hat Shakespeare

vor allem viel Liebesromantik, die ihm in dieses Stück nicht paßte,

weggelassen; dafür hat er die Doppelwerbung Burgunds und Frankreichs

erfunden, um Frankreichs edle Gesinnung in Kürze zu zeichnen.

Wiederum Shakespeares Erfindung ist, daß die beiden Ehemänner der

bösen Schwestern sich wesentlich unterscheiden; bei ihm ist Gonerils

Gemahl Albanien ein edler, rechtschaffener Mann; das brauchte er im

Zusammenhang der Glosterhandlung, brauchte es wohl auch zum Ersatz des

Königs von Frankreich, der ganz in den Hintergrund trat. Der Narr ist

völlig Shakespeares Erfindung. Und dann die ganze Glosterhandlung:

Glosters Erlebnisse mit den beiden Söhnen, mit Regan und Cornwall; des

Bastards Edmund Beziehungen zu Goneril und Regan; Edgars verstellter

Wahnsinn und Zusammenhang mit Lear; Glosters Blendung und Erlebnisse

mit dem Sohn und Lear; Edmunds entscheidendes Eingreifen in den Krieg

und gegen Cordelia: all diese aufs engste verflochtenen Beziehungen der

drei Gloster zu Lear und seinen Töchtern stammen ganz von Shakespeare,

können natürlich auch in der Geschichte des paphlagonischen Königs

nicht vorgebildet sein.

Zwei sinnvoll nebeneinander laufende und aufs natürlichste ineinander

verflochtene Handlungen, reichlich Stoff für ein großes Drama hätte

Shakespeare in der ursprünglichen Überlieferung gehabt: Lears

Erlebnisse mit den Töchtern; Cordelias und des Königs von Frankreich

Liebesabenteuer. Das hätte ein Stück werden können, mit seinem

Ineinander des triebhaft Wilden, Willkürlichen in der alten Generation

und des freien Liebesspiels in der jungen, ganz anders als das hölzerne

Chronikenspiel es machte, ganz shakespearisch, so wie Shakespeare eine

ähnliche Doppelfabel in der Tat später im Wintermärchen behandelt

hat. Aber daß es ihm diesmal auf ganz anderes ankam, zeigt eben die

Tatsache, daß er das Liebesspiel unschuldiger Jugend in Wald und

freier Natur, dem er sich sonst so oft zugewandt hat, radikal aus dem

überlieferten Stoff austilgte und statt dessen mit der Glosterhandlung

Ereignisse einfügte, die gegen Lears Geschichte sich nicht abheben,

sondern das nämliche Thema verstärkt variieren und die Lears Erlebnis,

das er selbst so überraschend in seinen Reden manchmal ins Sexuelle

hinüberspielt, auch in der Handlung, die wir vor Augen haben, in

den Vorgängen zwischen dem Bastard Edmund und Lears Töchtern, in

Verbindung bringen nicht mit unschuldiger Liebe, sondern mit arger und

frevelhafter Verkuppelung von Geschlechtstrieb und Machtgier.

König Lear, wir sehen es mit seinem ersten Auftreten und blicken immer

tiefer in seinen innern Zustand hinein, ist ein Mann des Triebs, der

Willkür, gutartig dabei, aber jäh, ungezügelt. Ungeheuer stark prägt

sich sein Königsbewußtsein aus; er ist eigensüchtig und eigensinnig,

ist es von je gewesen und in seinem hohen Alter noch viel mehr

geworden. Aber eine ganz besondere Spielart in Shakespeares Sammlung

gebietender Triebmenschen stellt er vor. Ohne Frage hat Lear mit

Macbeth, mit König Claudius, mit Richard III. Züge genug, entscheidende

Züge gemeinsam; am ehesten aber wirkt er, wie ein in langer

Regierungszeit von keiner Rebellion gestörter, alt gewordener Richard

II.; eine unverwüstlich gute Anlage ist in ihm, und sein Schöpfer,

so scharf er ihn ansieht, entzieht ihm niemals seine Sympathie. Auch

insofern darf er mit König Leontes aus dem Wintermärchen verglichen

werden. Der wird von der Raserei seines eingewurzelten Triebs, seiner

Willkür und Tyrannei im Gang der Handlung, vor allem durch das

Eingreifen einer resoluten Frau, die ihn in die Kur nimmt, geheilt.

Die Gattin, der Gegenstand seiner Wut, wird ihm weggenommen; er

glaubt, durch sein Gericht in den Tod; in Wahrheit durch Intrige vor

ihm verborgen. So ist das Wintermärchen, obwohl es in einem Punkt

bis ins Allerletzte der Seelenergründung geht, doch keine Tragödie

und kein Lebensdrama geworden, sondern ein Spiel; darum auch hat in

ihm die heitere Liebesepisode und so manche andre Erholung Platz,

und die Heilung und Befreiung des Königs ist der Zeit anvertraut,

die übersprungen wird. Wie anders im Lear! Da sind wir dabei, wie

allmählich, Stufe um Stufe, auf seltsamstem Weg die neuen Umstände,

die furchtbarsten Erfahrungen eine Wandlung und Läuterung von innen

hervorbringen.

Lear der König, der alte Mann, der Vater legt großen Wert auf

die Liebe; aber -- Strindberg hat gut darauf hingewiesen -- der

Eigenwillige, Heftige, Launische versteht unter Liebe vor allem: sich

lieben lassen. Mildernd ist da allerdings zu sagen: er ist alt, fühlt

sich hinfällig, hat, ohne daß er’s in seinem starken Verlangen nach

majestätischem Auftreten zeigen will, das Bedürfnis, sich anzulehnen;

sein starkes Reden, Pochen und Kopf-in-den-Nacken-werfen täuscht nicht

darüber, er ist schon ein wenig weinerlich geworden; er blickt sich,

nur soll man’s nicht merken, nach Liebe und Pflege um.

Wie mag er früher gewesen sein, als er noch rüstig war, in der

Manneszeit, in der Jugend? Auch da hat Strindberg etwas Interessantes,

auch für ihn selbst Bezeichnendes gefragt: was hat König Lear

eigentlich für eine Frau gehabt? Jetzt ist sie tot. Wie hat er mit

ihr gelebt? Die Kinder dieser Ehe sind jedenfalls sehr ungleich

ausgefallen, und ungleich werden wohl auch ihrer beider Naturen,

untereinander und jede in sich, gewesen sein; ungleich etwa auch Art

und Grad ihres Zusammenlebens. Erwähnt wird die Frau nur einmal. Wie

Regan den Vater, der sich unzeitig bei ihr einquartieren will, mit kaum

unterdrücktem Zorn begrüßt:

Ich freu’ mich, Euer Majestät zu sehn,

da erwidert er mißtrauisch:

Regan, ich denk’, du tust’s, und weiß den Grund,

Warum ich’s denke: wärst du nicht erfreut,

Ich schiede mich von deiner Mutter Grab,

Weil’s eine Ehebrecherin verschlösse.

Schließlich heißt das nur in einer etwas blühenden Gleichnissprache: Du

bist mein echtes Kind nicht, wenn du dich nicht freust, deinen Vater

zu sehen! Aber dies Stück stammt aus der Periode, wo Shakespeare schon

lange nicht mehr die üppige Sprache mit sich, sondern höchstens mit

den Personen davonlaufen läßt, für deren Charakter und Erleben sie

kennzeichnend ist; und überdies dürfen wir glauben, daß dem reifen

Dichter, als er Lear gerade so und nicht anders reden ließ, die Frage

nach Lears Weib schon auch selber einfiel, und vor allem: wir werden

noch hören, wie Lear später, wo mit der Tollheit die Erinnerungen

farbig und brennend heraufgekommen sind, sich über den Zusammenhang von

Machtwillkür und Weibsgemeinheit äußern wird. Ein gewisser Einblick

in das frühere Leben und die Beschaffenheit der Ehe eröffnet sich da

schon, und mehr als diese allgemeine Stimmung brauchen wir nicht; mehr

hat auch der Dichter selbst nicht gewußt.

Was die beiden ältesten Töchter über ihren Vater äußern, soll wohl

vor allem ihre Lieblosigkeit kennzeichnen; der böse Blick aber sieht

scharf, und was sie von den Schwächen, den Altersschwächen ihres

Vaters sagen, finden wir im Sachlichen selbst bestätigt und glauben

den Töchtern gern, daß das im Alter sich nur verstärkt hat, aber

schon immer seine Manier war. Und wenn nun Goneril, das junge Weib,

klagt, „die besten rüstigsten Jahre seines Lebens“ seien auch schon

voll Übereilung gewesen, so finden wir das recht glaubhaft; sie wird

sich aus ihrer Kinderzeit, etwa auch aus Erzählungen, an genug solche

Auftritte erinnern. Er ist ein Mann, von dem ungestüme Launen, jähe

Machtsprüche zu erwarten sind. Vielleicht ist aber doch die Szene,

mit der die Handlung einsetzt, das tollste Stück, das er je geleistet

hat. Die beiden ältesten Töchter sind schon verheiratet; um Cordelia,

die jüngste, bewerben sich zwei hochansehnliche Freier. Das wurmt ihn

innerlich schon, ohne daß er sich’s eingesteht, daß das jüngste und

liebste Kind ihn nun auch noch verlassen, einem andern in Liebe folgen

soll:

Sie war mein liebstes Kind; des Alters Trost

Hofft’ ich von ihrer Pflege.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 6 / 30 段