Der König kommt und fühlt sich ganz wohl: es ist der Abend nach der

siegreichen Schlacht; ihm scheint eine Stimmung des Friedens und

der Behaglichkeit in der Luft zu schweben. Und Banquo, dem allerlei

Gedanken fürs Nächste und Entfernte durch den Kopf gehen mögen -- er

war dabei, wie dem Macbeth die Königskrone verheißen wurde, und hat

ihn dabei gut im Auge gehabt, und ihm, Banquo, ist von den wissenden

Schwestern verkündet worden, seine eigenen Nachkommen sollten einst

Könige sein --, Banquo bestärkt den König in seinem harmlosen Vertrauen.

So geht man zur Tafel. Macbeth ist noch keineswegs mit sich im reinen.

Er nimmt keine Rücksicht darauf, daß es auffallen muß, wenn der Wirt

seine Gäste allein läßt; er kann nicht still sitzen; er geht hinaus und

erwägt. Es sollte schnell geschehen -- aber die Folgen müssen bedacht

werden. Wie wird’s die Welt ansehen? welches Mitleid wird aufsteigen?

die Tat ist unerhört: der Untertan ermordet den König; der Vetter den

Nahverwandten; der Wirt den Gast; bei Nacht den Vertrauenden; blutige

Taten gegen ihn selbst können folgen.

Die Frau kommt dazu; sie begreift von alledem nichts. Wozu jetzt dies

auffällige Benehmen? Er hat’s doch schon lange beschlossen; jetzt ist

die Gelegenheit, das kann er nicht leugnen; wie kann er schwanken? Er

hat sich’s zugeschworen, hat’s ihr geschworen: König zu werden; was

er geschworen hat, muß er tun. Nicht der entfernteste Gedanke kommt

ihr, an welches Heilige und Unverbrüchliche gerade der Schwur des

Menschen gebunden ist; sie versteht nichts andres in ihrem Hirn als

dieses Festhalten am Wort; sie formalisiert ihn und nagelt ihn fest;

eigensinnig, beschränkt wiederholt sie ihm, was er doch immer selbst

gesagt; und um ihm vorzuhalten, was Konsequenz und was Mannhaftigkeit

ist, zeigt sie ihm, und es verbindet sich dabei wahrhaft erhabenes

Gefühl mit ihrer Vorstellung, was es doch heißen wolle, sich Wort zu

halten und seinem Vorsatz treu und fest zu sein, sie zeigt ihm, was sie

als Frau Gräßlichstes, Unnennbares zu tun imstande wäre, wenn sie’s nur

erst sich vorgesetzt und sich und dem Gemahl geschworen hätte; sie sagt

es und sie glaubt es:

Ich hab’ gestillt und weiß,

Wie süß es ist, ein liebes Kind zu nähren, --

Ich hätt’ ihm, wie es mir ins Auge lachte,

Die Brust gerissen aus den weichen Kiefern,

Sein Hirn zerschmettert, hätt’ ich’s so geschworen,

Wie du geschworen hast!

Diese ihre Logik, Konsequenz, Entschlossenheit mit dem eiskalten

Pathos des Willensgedankens sticht wie ein blitzender Dolch in das

nächtige Dunkel, das wogend um ihn und in ihm braut. Der Mann täte

die Tat, so glauben wir in dieser Stunde, niemals, wenn nicht diese

dämonischen Mächte, dieses Teuflische wäre, wie es erst von den wüsten

Weibern in feierlicher Begrüßung und jetzt von seiner schönen Frau

mit seinen eignen Gedanken zu ihm spräche, wenn nicht das Ungeheure

ihn wie überirdischer, wie Geist- und Liebeszauber anlockte. So tritt

jetzt das Dämonische sichtbar, greifbar aus seinem Innern heraus;

jetzt wohnen wir seiner ersten Halluzination bei: den Dolch, gerade so

einen paßlichen für diese Tat, sieht er vor sich lockend in den Lüften

schweben und den Weg weisen; nun ist er zur Tat entschlossen, wie

einer, der unentrinnbarem Joch den Nacken beugt; er fühlt sich in die

Geisterwelt aufgenommen, und es ist ihm, als wäre sein Mord so etwas

wie das Tun eines Mondsüchtigen oder der Zwang, der einen Sklaven der

Wollust auf seine Wege zieht. Er ist in den Zauberkreis getreten; der

Bund mit den elementaren Mächten ist geschlossen; er tut, was er muß;

ernst, schaudernd, wie ein hoffnungslos Bezeichneter.

Derweile besorgt die Frau in umsichtiger Ruhe, was vorbereitet werden

muß. Das kann sie gemächlich tun; was sollte sie dabei stören?

Dieses Zubereiten des Schlaftrunks, dieses Berauschtmachen der

Männer, das sind der äußern Erscheinung nach alles Hausfrauen- und

Köchinnenangelegenheiten, und nichts Bildhaftes ist dabei, was aus

ihrer Tiefe Unwillkürliches und Unbewußtes emporschnellen und ihr in

den Weg wälzen könnte.

So geschieht die Tat. Trunkenheit liegt über den Gästen, betäubender

Schlaf über den Wächtern, die sie erst wie in Ausübung häuslicher

Handwerkskunst mit Blut bemalt, er dann in raschem Entschluß tötet.

Über Macbeth aber kommt sofort die Reuequal, das inständige Leiden.

Stimmen tönen ihm durch die Nacht:

Schlaft nicht mehr!

Macbeth mordet den Schlaf!

Und er fühlt: von nun an wird er selbst nicht mehr schlafen können.

Sie aber ist immer noch, noch lange, ganz besonnen; von Stimmen hört

sie nur, was sie auf der Burg von Inverneß zu nächtlicher Stunde

gewohnt ist: die Eule mit ihrem Schrei, das Heimchen mit seinem

Gezirpe; das macht ihr nichts; sie ist in keine andre Welt eingetreten.

Vielmehr redet sie ihm rationalistisch gut zu: über so was darf man

nicht grübeln; man darf seine Tat nicht ansehn; ein bißchen Wasser

wäscht das Blut von der Hand.

Wie anders werden wir’s noch von ihr hören! Gerade das!

Zunächst aber gelingt alles; das auffällige, das törichte Benehmen

Macbeths sieht wie herausfordernde Verwegenheit des Mächtigen aus. Die

Prinzen fliehn und bringen sich dadurch in Verdacht; so ergibt sich von

selbst, daß Macbeth, der Erbberechtigte, der Mächtigste, König wird.

Die Prophezeiung, die nur er und seine Frau und noch einer kennt, ist

erfüllt; kein Verdacht wagt es, laut zu werden.

Es schweigt vor allem -- Banquo. Da scheint ein seltsam

stillschweigendes Einverständnis zu herrschen; er ist eine Art

Mitwisser und Mitschuldiger; er ist mit bei den Hexen gewesen. Er steht

da wie einer, der seine Zeit abwartet. Und hat er nicht doppelt Grund

dazu? Ist, zwar nicht ihm selbst, aber doch seinem Geschlecht, nicht

die Nachfolge verheißen worden? Für ihn also und seine Erben soll

Macbeth das Gräßliche getan haben? Nein; diesmal will Macbeth den Kampf

mit dem Schicksal, mit der Vorbestimmung selbst aufnehmen; es soll

nicht kommen, wie die Sprecherinnen des Schicksals verkündet haben:

Banquo und dazu noch sein einziger Sohn, beide müssen sie fort aus der

Welt. Er ist es dem Schicksal, seinem Schicksal, schuldig, sich der

Verheißung, die einem andern zu Teil wurde, nicht zu fügen, sondern zu

tun, was geboten ist.

Das ist das Eigentümliche an diesem Macbeth, der sein Alles an Eines,

an die Macht, gesetzt, der seine Phantasie nur nach diesem Einen hat

fahren und an ihm scheitern lassen, daß er nun seinem Trieb und der

Notwendigkeit seines Schicksals folgt wie einer Pflicht. Das hat Goethe

gesehen: das Wollen wird in Macbeth zum Sollen. Seine Tat an Duncan hat

er geleistet, weil er sie schuldig war, seinem Willen, dem Verhängnis,

seiner pochenden Frau, und nun folgt Schuld auf Schuld: alles aber tut

er finster, hart, in gepreßter Verzweiflung, wie ein Sklave.

Daß er froh lachen oder lächeln könnte, solche Vorstellung ist uns

unmöglich; ja später, wenn er noch eine Stufe weiter gekommen ist, wird

er höhnisch auflachen können, wenn er an seine Unbesiegbarkeit und an

die Hexenoffenbarungen denkt.

Es wird immer einsamer um den lustlosen Mann. Noch ist er gut und

sanft zur Königin; aber er zieht sie nicht mehr ins Vertrauen; er ist

nicht mehr der Mann, der er früher war, wo er so gern und immer wieder

ihr all sein Inneres eröffnete und seine Träume und Pläne mit ihr

besprach. Er hat genug von den Folgen, die diese Vertraulichkeit gehabt

hat; er zieht sich ins Schweigen zurück; damit schont er sie und sich

selber. Die Ermordung Banquos, durch gedungene Mörder, die auch eigene

Gründe zur Rache haben, entwirft er allein. Die Tat geschieht; ihr

phantastisches Element, das dem verheißenen Schicksal entgegentreten

sollte, mißlingt; Banquos Erbe entkommt; eine neue Bestätigung für

die Wahrheit der Hexensprüche; aber Banquo, die Gefahr für des Königs

Wirklichkeit, ist aus dem Wege geräumt.

Nun aber tritt das Dämonische ganz gewaltsam aus seinem Innern heraus.

Längst ja zwingt sich der unselige Mann zu Dingen, die über seine

Kraft, über seine Natur gehen; in dem Augenblick, wo er da droben in

der Bewußtseinswelt die Zunge mit seinem Willen zwingt, heuchlerisch zu

reden und die Abwesenheit dessen zu bedauern, den er hat morden lassen,

stellt ihm das Unterbewußtsein die Gestalt des Ermordeten, so blutig

und entstellt, wie seine Phantasie drunten sie sich ausmalt, leibhaft

vor Augen. Nur er sieht die Gestalt, keiner der Gäste beim Bankett,

und ganz gewiß nicht die Lady, die uns hier noch einmal in ihrem

Rationalismus gegenübertritt; sie versteht ganz gut, was geschehen ist;

aber sie versteht nicht, wie man so sein kann; wollen und nicht wollen;

überlegt tun und bereuen; wie seltsam!

Banquos Erscheinung ist eine Halluzination der Angst und des Grauens;

keiner hat sie gesehen, aber alle haben gehört, die fürchterlich

verräterischen Worte ihres Königs gehört. Das Land weiß nun, daß der

König durch greulichen Mord auf den Thron gekommen ist; seine eigne

Zunge hat’s ausschwatzen müssen. Und er wiederum weiß, daß die

andern ihn jetzt kennen: er fängt seine Schreckensherrschaft an; er

muß. „Wir sind noch jung in solchen Taten.“ In furchtbarer Bitterkeit

entschuldigt er sich für seine Empfindsamkeit. Er weiß: er muß

fortfahren, wie er begonnen. Und nun _sucht_ er die, die einstmals

von selbst, wie von selbst seinen Weg gekreuzt. Er weiß, hat es heute

Abend durch Banquos Erscheinung wieder neu erfahren: mit ihm ist’s

nicht wie mit andern Menschen. Er dient den Dämonen, sie sollen auch

ihm dienen. Er will alles wissen, will sein Geschick ganz kennen; will

alles tun, was das einmal Begonnene erfordert; und gälte es, weiter und

immer weiter durch Blut zu waten. Zurück? Das ist unmöglich. Vorwärts

also!

Und so geht er streng entschlossen zu den Hexen in ihre Höhle. Aber sie

sind nun, wo er selber kommt, nicht mehr die nämlichen. Die Wendung

ist da; Hekate selbst, die Herrin und Göttin teuflischen Zaubers, hat

eingegriffen; bisher haben die bösen Triebe und Gewalten ihm gedient

und ihn hochgebracht; jetzt, wo er die schlimmste Mordtat begangen, wo

er letztgiltig sein besseres Ich getötet und sich zum Weg des Unholds

entschlossen hat, muß völlige Verblendung über ihn kommen: der Wahn,

ein Cäsar, ein Gott, ein Unverletzlicher, ein Erkorener zu sein.

So werden ihm in der Hexenküche die drei neuen Verkündigungen

offenbart, die so sonderbar in einander greifen und die für ihn doch

keinerlei Widerspruch enthalten.

Zuerst wird er vor Macduff gewarnt. Nun, das ist gut und sicher

ehrlich; dem hat er schon von selber nicht getraut; da soll abgeholfen

werden. Und es wird ja auch wohl gelingen, ihn unschädlich zu machen;

denn die zweite Verkündigung lautet, daß keiner, den ein Weib gebar,

kein Mensch in der Welt also, ihm etwas anhaben kann; und die dritte,

daß er unbesiegt bleibt, solange nicht der Wald von Birnam gegen seine

Bergfestung Dunsinan anrückt! Ja ja, so schwungvoll in Bildersprache

drücken sich diese phantastischen Geister aus, das kennt er schon;

er aber, der jetzt genug hat von der Phantasie und nüchtern geworden

ist, übersetzt es sich in unsre gemeine Menschensprache. Immer also,

immer, sein Leben lang soll er unbesiegt bleiben! Kein Menschenkind

soll ihn überwinden können! Jetzt hat er, was ihm einzig noch das Leben

erträglich macht, was ihn auf einmal befreit von allen Ängsten; denn

bei all seinen Anfällen war es ja immer die trügerische Ungewißheit,

was ihn erschreckt hat, waren es ja vor allem die Folgen, die er

gefürchtet hat. Aber jetzt hat er, was er braucht, was ihn festigt und

feit, was ihn über alle andern Menschen weit erhebt: die Sicherheit!

Eben die Sicherheit, die ihm Hekate als Höllenangebinde zugedacht hat.

Er hat die Sicherheit, aber er ist nicht der Mann, sich in ihr zu

wiegen; er hat nicht vergessen, womit es angehoben hat: daß die Geister

den Spruch verkünden, und daß er selber das Amt hat, ihn auszuführen.

Kaum einen Augenblick überläßt er sich dem Gefühl der Befriedigung;

dann will er noch mehr wissen; sein Wille möchte übers Grab hinaus

wirken; wird Banquos Nachkommenschaft je über Schottland herrschen?

Und er sieht die ruhmreichen Könige vor Augen, die nicht seine, die

Banquos Erben sein sollen. (Das empfanden Shakespeares Zeitgenossen

nebenbei als eine Huldigung für König Jakob, der seinen Stammbaum auf

Banquo zurückführte; uns geht das nichts an.) Macbeth hat genug von

dem Hexenwesen; die Wut bäumt sich auf und weiß doch, daß sie gegen

das Schicksal ohnmächtig ist; aber in Ausführung des Schicksals gilt

es nun, grimmig im Lande zu wüten, zumal er sofort beim Verlassen der

Höhle die bedenkliche Botschaft empfängt, daß Macduff nach England

geflohen ist. Jetzt soll ein neues Regiment beginnen; hätte er gegen

Macduff sofort so gehandelt, wie es sein Argwohn ihm eingab, so wäre

das nicht geschehen. Nun ist er so weit, wie die Frau ihn hatte haben

wollen: keine Lücke darf es geben zwischen Gedanken und Tat; ohne

Besinnung, ohne Pause soll fürder ausgeführt werden, was er will, was

er soll. Das ist von je sein Feind gewesen, das Grübeln, die Besinnung,

die Betrachtung der Tat vor ihr und nach ihr. Jetzt hört das auf;

er hat Sicherheit; Sicherheit vor allem über seine Aufgabe: wie ein

Würgengel um seinen Thron zu mähen, auf daß er ungefährdet, unnahbar

und erhaben in der Leere stünde. Macduff ist weg, der einzige, den er

noch fürchten soll; da will er helfen, er braucht keine Geister dazu,

will nie mehr mit ihnen zu tun haben, die ihm ein höllisches Leben

bestimmen, aber keine Kinder und keine genießenden und entsühnenden

Erben gewähren. Sofort soll Macduffs Burg überfallen, soll alles

zerstört, sollen Weib und Kinder getötet werden.

Und immer einsamer wird es um Macbeth. Auch von seinem Weib trennen ihn

jetzt Schranken wie Tore der Hölle; da er nun geworden ist, wie sie ihn

wollte, braucht er sie nicht mehr. Er braucht kein Gespräch mehr und

keine Vertraute; er braucht sich nicht zu äußern und kann sich nicht

äußern; die Tat ist seine Äußerung; er hat keine Gemeinschaft, hat

keine Liebe, hat kein Geschlecht mehr. Er ist der Tyrann: lebendig an

ihm sind nur seine Taten.

So tritt er denn im Drama fürs erste in den Hintergrund, wie schon

vorher die Lady; wir sehen seine Wirkungen. Persönlich tritt nun

Macduff hervor, der Than von Fife, der Mann aus einer andern Welt,

deren wir uns nun aufatmend versichern: er will nur den als König

anerkennen, der auch die Tugenden des Herrschers hat; wundervoll ist

diese Szene, wie Malcolm, der junge Prinz, zu dem er nach England

kommt, ihn prüft, ob er kein Verräter, kein mörderischer Abgesandter

Macbeths ist; wie der Prinz sich selber alle Laster zuschreibt; wie

Macduff auf die Frage, ob so ein habgieriger, grausamer Lüstling zu

herrschen verdiene, ausbricht:

Zu herrschen wert?

Nein, nicht zu leben! -- Unglücksel’ges Volk!

Und gleich darauf trifft den edeln Macduff die Nachricht vom gräßlichen

Untergang seines Hauses: von der Ermordung der Frau und der Kinder.

Eine der innigsten Szenen Shakespeares ist das, wie der vom größten

Leid Angesprungene kein Wort spricht, das Gesicht im Hut verbirgt und

dann, als Worte kommen, als er im Bilde sieht, wie der Geier auf sein

Nest losgestürzt ist, immer wieder fragt: Alle? Alle?

All meine lieben Küchlein? samt der Henne?

Und wie er sich dann mannhaft faßt, den Schmerz um all seine Lieben

zum Schmerz ums Vaterland, um das von einem Tyrannen gequälte Volk

werden läßt, da kommt es in aller Ergriffenheit wie Glück über uns: wir

haben einen Mann und Menschen gesehn, in dem Liebe, Innigkeit, Güte,

Klarheit, Beherrschtheit in Harmonie stehen.

Und unmittelbar -- zum Beginn des Schlußakts -- folgt dann die große

Szene der Unharmonischen. Nun dürfen wir in Grauen miterleben, was

alles in Lady Macbeth gelebt und empfunden hat, ohne daß sie’s hat

hochkommen lassen, ohne daß sie’s gewußt hat.

Bei dieser Szene, wo ein enger, aber gewaltig starker Verstand endlich,

endlich überwältigt wird von der lange niedergedrückten Innerlichkeit,

darf uns das entscheidende Wort in den Sinn kommen, das im Kaufmann von

Venedig die Lösung gebracht hat, das Wort von dem Menschen,

der nicht Musik hat in ihm selbst, --

denn die Musik, die Harmonie war in diesem ärmsten Menschen, diesem

bösen Weiblein gestört, und die Seelenkrankheit der Nachtwandlerin

rührt uns nun zu Tränen beglückend wie die Auflösung einer Dissonanz.

(Kein Wunder drum, daß diese Nachtwandelszene ganze Opern geboren hat.)

Nun wäscht sie ohne Unterlaß und immer ohne Erfolg und ohne Ruhe die

Flecken ab, von denen ihr Rationalismus so kühl gemeint hatte, ein

Händewaschen genüge; nun stören Banquo und Lady Macduff ihren Schlaf,

an deren beider Tod sie selbst keine unmittelbare Schuld trägt; nun

seufzt und klagt sie aus dem Schlafe und zerstört sich von innen

heraus. Was tief drunten in ihr verschüttet lag, hat alles, alles

in sich gesammelt, was sie nicht des Aufmerkens für wert hielt; es

war immer noch eine andre in ihr als die, die vor sich und der Welt

die Rolle der Lady Macbeth spielte, -- und nun ist sie gekommen, die

Unterdrückte, und ringt gewaltig mit der bösen, falschen Tyrannin ihrer

selbst. Man sagt später, „durch Gewalttat ihrer eignen Hände“ solle

sie sich das Leben genommen haben -- und das ist sicher wahr, für ihr

Ende und für all die Jahre vorher, gleichviel, wie ihr äußeres Ende

schließlich war.

Diese Szene geht auf derselben festen Burg Dunsinan vor sich, in der

der Tyrann haust, -- aber haben wir nicht dabei immer das Gefühl,

die beiden, die einst so nah und zärtlich beisammen waren wie ein

Sittichpärchen, seien jetzt längst meilenweit getrennt? So wundert’s

uns nicht, daß Macbeth, wie er mitten im letzten Verzweiflungskampf die

Nachricht von ihrem Tod erhält, aus seiner versteinerten Öde heraus das

Ding erst wie einen unwillkommenen Botenbericht von sich schieben will:

Sie hätte später sterben sollen;

Es wär’ wohl Zeit für solch ein Wort gekommen.

Dann aber kommt es doch, nicht wie Trauer um sein geliebtes Weib,

um diesen besonderen Menschen, sondern wie eine Besinnung über die

Sinnlosigkeit des ganzen Lebens über ihn. In diesem Augenblick, wo der

Verblendete, der eiserne Mann der Sicherheit, sich zu besinnen anfängt,

will auch in ihm wieder der alte Macbeth erwachen; auch für ihn ist

diese Auferstehung die Ankündigung des Endes. Wie der Zugefrorene sich

aber jetzt in der wüsten Welt, in seinem verwüsteten Leben umzusehen

beginnt, was gewahrt er? Das Leben ist Kerzenlicht, das Narren ins

modrige Grab leuchtet! Das Leben ist nichts als bewegter Schatten! Das

Leben ist

ein armer Komödiant,

Der auf der Bühn’ ein Stündlein lärmt und tobt

Und dann nicht mehr gehört wird; ’s ist ein Märchen,

Erzählt vom Irrsinn, voller Lärm und Wut,

Dessen Bedeutung: nichts.

Nichts! -- Der Systematiker des Nihilismus konnte es nicht deutlicher,

nicht grimmiger sagen, -- nichts bedeutet ihm mehr das Leben. Auch

ist er gar nicht mehr ein Lebendiger, gar nicht mehr er selbst: nur

noch der klapperdürre Träger eines Staatsgewandes, nur noch eine hohle

Rolle, nur noch der Mann, der spielen muß, was die Dämonen aus ihm

gemacht haben. Er selbst der Schauspieler, der den Tyrannen mimt, --

aber er will, er muß ihn weiter spielen, den königlichen Herrn, der

unbesiegbar ist. Er hat den erhabnen Wahn, den Cäsarenwahn, hat fast

ein Gefühl, als könne er nicht sterben, -- wo doch etwas irgendwo in

ihm sich so längst nach Erlösung sehnt! Nach Erlösung aus dem Tode, den

er als Leben führt.

Jetzt aber kommt, woran er nicht glaubt, wogegen er sich versteinert,

das Ende, die Nemesis, die Überwindung.

Das Unmögliche richtet sich in seiner Welt der Tatsachenwirklichkeit

auf -- der Wald rückt gegen seine Burg heran!

Das ist uns, auch wenn wir nichts von ähnlichen Sagen wüßten, wie

ein Mythos: das grünende Leben empört sich gegen den Steinturm des

Tyrannen, dem das Herz auch von Marmelstein ist.

Wir kennen aber, aus einer deutschen Überlieferung, die Sage von dem

König auf seiner festen Burg, gegen den am Maientag der König Grünewald

angerückt kam, alle Krieger mit grünen Maien geschmückt; da rief die

Königstochter:

Vater, gebt Euch gefangen,

Der Grünewald kommt gegangen!

So wird in der Sage der Winter vom Frühling besiegt. So wird auch der

längst vereiste Macbeth von dem glühend reinen Prinzen Malcolm, von dem

warmherzigen Macduff, von dem ehrenfesten alten Siward, dem weisen und

beherrschten, überwunden.

Die Orakel erfüllen sich und enthüllen sich in ihrer Zweideutigkeit;

und wie um die tragische Ironie zu verdoppeln und den harten

Tatsachenmenschen, den die Dämonie erzeugt hat, mit seinen eigenen

Waffen zu schlagen, löst sich alles Dämonische und Zauberhafte ins

Natürliche auf, und die Unmöglichkeit ist lange nicht so unmöglich,

wie die gefeite Sicherheit und Majestät von Hexen Gnaden, die der

besessene König für Wirklichkeit genommen hatte: der Wald kann freilich

nie gegangen kommen, -- aber Soldaten der Revolutionsarmee können

Zweige tragen, um ihre große, überlegene Zahl dahinter zu bergen;

kein vom Weibe Geborener sollte Macbeth je überwinden können, nun

denn, Kleingläubiger, Ungläubiger, Wortgläubiger, Macduff hat aus dem

Mutterleib geschnitten werden müssen.

Und die Führer des Ständeheers, das den Sieg erlangt -- der Jüngling,

der Mann, der Greis -- alle drei sind geprüfte Menschen der Harmonie;

Trieb und Geist sind ausgeglichen in ihnen; ihr Fühlen, ihr Wollen, ihr

Denken streben zur Einheit, ihr Unteres und ihr Oberes halten einander

die Wage.

Faust -- der Faust jener Zeit -- hat ein Bündnis mit dem Teufel

geschlossen und wird am Ende vom Teufel geholt.

In Macbeth haben sich die Teufel in der eignen Brust zusammengefunden

mit den teuflischen Mächten der Welt; er war ein Besessener, der hoch

kam und dem es glückte und der gebietend in der Macht stand wie mancher

besessene Unhold; der kein Glück und keine Freude seitdem kannte; der

wußte, daß er ein Fluch der Menschen war, und der, ohne zu wissen,

wofür, ein Sklave der Pflicht, ein ganz hart und trocken gewordener

Pflichtmensch, nur freilich dem Bösen verpflichtet, tapfer bis zum

Schluß sein Dasein verteidigt, sein Nichts!

Ich fechte, bis das Fleisch mir von den Knochen

Gehackt ist.

Daß er einst Gewissensbisse, Reue, Grauen, Angst vor Zusammenhängen und

Folgen, Furcht vor den Menschen gekannt hat, ist ihm längst nur noch

wie ein Märchen:

Vergessen hab’ ich fast der Furcht Geschmack.

Einst war die Zeit, wo meine Sinn’ erstarrten

Beim nächtlichen Geschrei, wo sich mein Haar

Bei einem Unglückswort erhob und sträubte,

Als lebte es; ich aß mich satt an Grausen;

Entsetzen, meinem blut’gen Sinn verwandt,

Erstaunt mich nicht mehr.

So wenig wie er mehr begreift, wozu man lebt, versteht er, wie man

freiwillig dem Leben ein Ende machen, wie man dem Schicksal durch

den Freitod entrinnen wollen kann. Nichts faßt er, was mit Freiheit

zusammenhängt; es gibt kein vollendeteres Gegenbild des Brutus als

diesen Zinspflichtigen des cäsarischen Dämons; wie in der letzten

Schlacht die Not schon ans Äußerste geht, ruft er voller Hohn über so

eine unmögliche Vorstellung:

Soll spielen ich den römischen Narren und

Ins eigne Schwert mich stürzen?

So ist dieser Tyrann, der dämonischer Ehrsucht gefröhnt hat, der Narr

und leibeigene Knecht des Lebenstriebs, eines Lebens aber, das keinen

andern Inhalt hat als Macht über andre, leere, ziellose Macht, die sich

nur behaupten kann durch unausgesetzte Gewalttat und die einen Sinn,

auch nur für ihren Träger selbst, so wenig hat wie einen Erben. Und

-- er hat es in einer Stunde, wo ihm mit dem einstmals Liebsten alles

hinsinken und schwinden wollte, durchschaut -- solch ein öder Wille zum

Dasein und zur Macht ist Wille zum Nichts. Solange er Angst und Reue

und Qual hatte, war er noch irgendwie im Reich der Lebenden gewesen;

sowie ihm die Hölle ihre unbewegte Ruhe und Sicherheit gegeben hatte,

gehörte er dem Reich der Leere, dem Nichts an und war nur noch ein

bewegter Schatten, ein Bühnenheld mit allerlei Lärm und Wut, der seine

Rolle gut zu Ende führte und tapfer wie ein Held den Schlachtentod fand.

Soviel ich weiß, können dem Dichter des Macbeth nur zwei spätere an die

Seite gestellt werden. Den einen hat Otto Ludwig genannt: Goethe, den

Dichter des Tasso. Für den andern halte ich Dostojewskij, den Dichter

des Raskolnikoff und des Iwan Karamasoff.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 5 / 30 段