„Vielleicht ist Macbeth das größte Werk Shakespeares, das wahrste

ist es jedenfalls... Ich glaube, daß das Genie nichts geben kann,

als was es in sich selbst gefunden, und daß es nie eine Leidenschaft

oder Gesinnung schildern wird, als die es selbst als Mensch in seinem

eigenen Busen trägt. Daher kommen die richtigen Blicke, die oft ein

junger Mensch in das menschliche Herz tut, indes ein in der Welt

Abgearbeiteter, selbst mit scharfem Beobachtungsgeist Ausgerüsteter

nichts als hundertmal gesagte Dinge zusammenstoppelt. Also sollte

Shakespeare ein Mörder, Dieb, Lügner, Verräter, Undankbarer,

Wahnsinniger gewesen sein, weil er sie so meisterlich geschildert?

Ja! Das heißt, er mußte zu dem allem Anlage in sich haben, obschon

die vorherrschende Vernunft, das moralische Gefühl nichts davon zum

Ausbruch kommen ließ. Nur ein Mensch mit ungeheuren Leidenschaften kann

meiner Meinung nach dramatischer Dichter sein, ob sie gleich unter dem

Zügel der Vernunft stehen müssen und daher im gemeinen Leben nicht zum

Vorschein kommen.“ Von dieser Einsicht, die uns wichtig nicht nur für

die Psychologie des Genies, sondern vor allem auch für die Beurteilung

des Dramatikers Grillparzer sein muß und die überdies, wir erfahren

es noch, in Shakespeares Selbstbekenntnissen, in seinen Sonetten

ihre Bestätigung findet, war der junge Mann, der sie aufschrieb, so

ergriffen, daß er den Ausruf hinzufügte: „Ich wollte, irgend ein

Dichter läse das!“

Darin jedenfalls haben inzwischen viele Grillparzer zugestimmt, daß

auch sie den Macbeth für Shakespeares größtes Werk erklärt haben.

Und darin sind fast alle Beurteiler einhellig, daß Macbeth seine

klassischste, seine formvollendetste, seine der Antike geistig am

nächsten kommende Tragödie ist. Und in der Tat, kann man vor den und

jenen andern Werken Shakespeares wenigstens verstehen, wie der ganz

falsche Eindruck, der so lange gespukt hat, entstehen konnte, als

wäre er so eine Art Naturdichter, ein Volksdichter, der nachlässig

und unbekümmert wie ein trunkener Wilder seine Einfälle vor uns

ausschüttete, ein unbewußtes Genie, das sich um Überlegung, Berechnung,

Komposition nicht viel kümmerte, so kann bei Macbeth keinem, der

irgendwie aufzumerken imstande ist, im geringsten zweifelhaft sein,

daß hier alles geplant, gebaut, gewußt, gewollt ist, alles, Aufbau,

Szenenfolge, jede Rede und jedes Wort, was getan und gesagt und ebenso,

was geschwiegen wird. Mit dieser straffen Komposition, die an nichts so

sehr erinnert wie an die gespannten Muskeln in Macbeths Gesicht, wenn

er von Dunsinans Turm Ausschau hält nach dem Schicksal, das ihm nichts

anhaben soll; mit dieser festen Geschlossenheit, die ihres gleichen nur

hat in Macbeths finsterer Entschlossenheit, sich zu behaupten, damit

steht auch in Zusammenhang, daß das Stück die kürzeste aller Tragödien

Shakespeares ist, wie Hamlet die längste; Hamlet hat 4000 und Macbeth

nur 2100 Verse.

Dämonische, sagen wir getrost teuflische Triebe im Innern des Menschen

und reale, äußere dämonische Mächte, Abgesandte der Hölle begegnen

einander: daß dieses Hereinragen der Geistersphäre diese Tragödie von

andern abhebt, sehen wir sofort. Auch haben wir eben gehört, daß es

so überliefert ist. Es liegt uns aber trotzdem die Frage ob: Wie ist

das? Wie steht es hier um das Verhältnis von Glauben, Aberglauben und

Wissen? Wie zumal ist das Verhältnis zu unsrer naturwissenschaftlichen

Weltanschauung?

Vor allem ist da zu beachten: Shakespeare der Weite und Vielfältige

ist darum aus Notwendigkeit ein Dramatiker, weil er sein Geheimnis

zu wahren hat, weil er die Einheit der Person, die eine _Frage_

ans Schicksal und ein Ringen mehr ist als eine Sicherheit, hinter

der gespaltenen Vielheit der Gestalten versteckt. So entsprechen

bei ihm Weltanschauung und geistige Stimmung, die in einem Stück

walten, durchaus der Gesinnung und Charakterhaltung der Hauptperson

oder den Tönungen und Bedingungen der Handlung, und es ist nicht

zu viel gesagt, wenn geradeswegs ausgesprochen wird, daß bei einem

Dichter wie Shakespeare die Weltanschauung viel mehr, als gewöhnlich

beachtet wird, ein je nach Bedarf wechselndes formales Element ist.

Was daher für ein besonderes Stück gilt, darf nie auf den ganzen

Dichter und seine Gesamthaltung übertragen werden: so passen sich

auch die Elementargeister, die Erscheinungen, die Gespenster immer

der Stimmung der Dichtung, der Innerlichkeit der Träger der Handlung

an: im Sommernachtstraum weht eine Renaissanceluft hell, neckisch,

spöttisch wie bei Ariost, eine Romantik also, die der Ausdruck mehr

des Rationalismus als irgendwie dumpfer Mystik ist; die Erscheinung

von Julius Cäsars Genius hinwiederum in ihrer klaren, würdevollen

Sprache steht ganz im Einklang mit der stoisch-republikanischen

Selbstbestimmung edel-gebildeter römischer Bürger. Man denke sich die

Hexen der schottischen Heide in dem Römerdrama, oder einen Kobold wie

Puck, einen Geisterfürsten wie Oberon im Macbeth, -- und man wird

sofort merken, daß man mit einem souveränen Dichter zu tun hat und

daß die Frage nach seiner Befangenheit in Glauben und Aberglauben von

Seiten seiner Dramen kaum eine bündige Antwort finden wird.

Für das Zeitalter Shakespeares und die Anschauungen, in denen die

besten Geister dieser Zeit standen, ist zu sagen, daß das, was wir

geneigt sind Aberglauben zu nennen, viel weniger Rückstände alter Zeit,

als gerade Anfänge natürlicher Betrachtung sind. Die Wissenschaft hat

sich nicht allmählich aus geringem und bescheidenem Keime zu uns herauf

entwickelt; wenn sich etwas auf diesem Gebiete aus kleinsten Anfängen

zu achtbarer Größe hinaufgesteigert hat, so ist es vielmehr gerade die

Bescheidenheit und Resignation. Im Anfang, im Zeitalter Fausts, hat das

Wissen im Glauben der Menschen die Gabe, Riesenkräfte zur theoretischen

wie praktischen Bezwingung der Natur zu verleihen; und diese Natur wird

nicht für harmlos und lediglich sachlichen Prinzipien oder gar nur

mathematischen Formeln unterworfen angesehen, sondern als strotzender

Kraftspeicher betrachtet. Man sieht die Natur ungeheuerlich, wozu eben

auch gehört, daß es in ihr nicht geheuer ist; alles Ungeheuerliche aber

wird als durchaus natürlich und unsrer bezwingenden Menschenkraft

erkennbar und zugänglich aufgefaßt.

In alledem, was wir heute überwunden haben und dem Aberglauben

zuzuweisen geneigt sind, in der Alchemie und Astrologie, in dem

Glauben an Vorbedeutungen und Offenbarungen durch Naturgeschehnisse,

wie Erdbeben, Meteore, Finsternisse und dergleichen, steckt die

wissenschaftliche Frage an die von den Banden des Dogmatismus befreite,

seltsam, trächtig, gärend, chaotisch gewordene Welt: Ist hier nicht,

ist nicht zwischen innen und außen, zwischen Menschenschicksal

und Weltbewegung ein kausaler Zusammenhang? Die Frage gehört der

Wissenschaft an, so betrüblich paradox im eigentlichen Wortsinn es

auch klingen mag, eine Frage ein Wissen zu nennen, die Antwort aber,

die jene Zeit fand, entstammt starker, gestaltender dichterischer

Phantasie; wohl uns, wenn nach wiederum etlichen Jahrhunderten von

unsern Antworten das Selbe gesagt werden kann!

So steht’s nun auch um den Hexenglauben, der in dem Glaubenssystem der

christlichen Zeit nie recht Platz fand, erst vom 14. Jahrhundert an ins

Kraut schoß und im Zeitalter der sprossenden Wissenschaft sich sein

System ausbildete, -- woran sich Shakespeares gelehrter König Jakob in

eifrig pedantischer Arbeit redlich beteiligte.

Überall begegnen wir der Tendenz, der auch dieser Glaube angehört,

nicht, das Geheimnis, das Grauen, den dunklen Zusammenhang zwischen

Materie und Seele ins Mechanische aufzulösen und die Welt, die man als

dämonisch erlebte, durch die Wissenschaft nüchtern zu machen, sondern

umgekehrt das Materielle als beseelt, als vom Geiste durchdrungen

und durchglüht zu erfassen. Das Göttliche und Teuflische war in die

Natur aufgenommen; dem Verständnis und der gebietenden Gewalt, der

Magie des Menschen sollte kein Gebiet mehr unerreichbar, mehr jenseits

verbleiben. Männer wie Giordano Bruno und Jakob Böhme, Shakespeares

Zeitgenossen, mit deren erstem er als junger Mensch sogar persönlich

in London Verkehr gepflogen haben könnte, machten den Versuch, die

symbolischen Heilswahrheiten der Religion naturwissenschaftlich zu

deuten, eine Physik und Chemie des Christentums zu begründen. Und immer

soll die Naturanschauung, soll die Einheit der Natur Geist und Materie

umfassen. Zu der Bescheidung, um der Kausalität willen auf die Frage

nach dem Zweck und dem Sinn, um der Wissenschaft willen auf das Suchen

der Wahrheit zu verzichten, war man noch nicht gekommen.

In dieses Gebiet also, auf diese Stufe der schöpferischen Kraft und

Vehemenz des forschenden und ringenden Geistes gehört der Glaube von

Shakespeares Zeitalter an den Verkehr zwischen Menschen und dämonischen

Elementarwesen, die in die Stoffe und Kräfte der Natur gebannt sein

sollten, gleichviel hier, wie weit Shakespeare diesen Glauben teilte,

wie weit er als Dichter sich spielend, versuchend, versucherisch,

tragisch, dämonisch in ihm erging.

Das Gewaltige und Einzige in der Darstellung des Dichters, die uns

hier beschäftigt, ist nun, daß Macbeth den Dämonen verfallen ist,

ohne -- wie Faust zum Beispiel im Volksbuch und bei Marlowe -- ein

ausdrückliches Bündnis mit ihnen einzugehen. Es ist ein Verhältnis wie

Sympathie oder Fernwirkung: er ruft die höllischen Mächte nur dadurch,

und sie, die uns allezeit unsichtbar umschweben, nehmen nur darum für

ihn Sichtbarkeit an, weil seine Gedanken, seine Triebe, seine dunkeln

Wünsche und undeutlichen Pläne ihnen verwandt sind. Welch eine Welt!

Welch eine prästabilierte Harmonie der Hölle! Was in unserm tiefsten,

finstersten Untergrund sich keimend regt und noch farblose, blasse

Würzelchen unsicher tastend nach außen schickt, das sind zugleich

Lockungen, die von draußen, vom Drunten nicht unsres Innern, sondern

der allverbreiteten Unterwelt her uns suchend, Einlaß begehrend,

unruhig schwirrend umkreisen und zu uns hinein wollen. Das ist hier

auf Erden nicht nur eine Welt des Stoffwechsels, wo der Leib des

Individuums in unausgesetztem Austauschverkehr mit der stofflichen Welt

steht, sondern eine Welt, wo die Kräfte, die Seelchen, die Dämonen des

Innern und Äußern im Wechselverhältnis stehen.

Wir Laien, wir Normalen, wir Braven sagen so leichthin: Wo ein Wille

ist, ist ein Weg. Man überlegt aber nicht, was für eine Wechselwirkung,

was für eine geheimnisvolle Gemeinschaft damit zum Ausdruck gebracht

ist. Schon wenn dieses Geistige in uns, das wir Willen nennen, nur den

Finger rühren will und siehe da! es geschieht, schon da ist es so, wie

wenn dem Gedanken Mächte, die im Elementaren der Materie auf unsern

Befehl, auf unsre Bereitschaft warten, gehorchen und entgegenkommen.

Das Kindchen will an der Mutterbrust saugen; will aber die Brust nicht

auch geleert und befreit sein? Und wissen wir nicht, wenn nicht in der

Naturwissenschaft, so doch gewiß in der Welt, die wir die moralische

nennen, und das ist die, die den Dichter angeht, daß die Materie, die

uns dient, die wir brauchen und begehren und einheimsen und formen, daß

sie Herr über uns werden, daß sie uns mit Haut und Haaren verschlingen

kann?

Nichts an höllischer Einwirkung kommt zu Macbeth bloß von außen, ohne

daß es von seiner innern Bereitschaft gerufen wäre; aber auch umgekehrt

freilich, und das macht seine besondere Welt aus, das stellt diese

der Sphäre der christlich-renaissancehaften Naturmagie zugehörige

Tragödie neben die antike: nichts, was sich in seinem Innern gebiert,

bleibt ohne dämonische Unterstützung, Weiterführung und Irreführung.

Gott, mein Gott, was würde aus uns allen, wenn die Dämonen uns und

unsern geheimen Regungen auch nur so hülfen, wie sie Macbeth zur Seite

treten: mit Verkündungen, Verheißungen, feierlichen Begrüßungen! Und

wenn nun gar wie hier diese Hilfe ein Beinstellen, die Verkündung

eine Zweideutigkeit, die Verheißung eine Fopperei, die Begrüßung ein

feindlicher Hohn wäre! Damit, daß wir das bedenken, haben wir, wie es

für die innige Aufnahme der Tragödie not tut, aus Macbeth, was immer

Entsetzliches er tue, den Bruder unsres Herzens gemacht, einen solchen

aber, der in leibhafter Wirklichkeit auf gehobener Ebene verkörpert

und erlebt, was uns in den Eingeweiden stecken bleibt. Nicht eine

zufällig-äußerliche Wirklichkeit fabelhafter Ferne, sondern unsre

nächste Gefahr, den Nachbarn all unsrer Emotionen und Begierden,

die Wahrheit unsres Innern stellt Macbeth uns vor Augen. Er ist ein

tragisch, ein dämonisch Auserwählter, ein übers menschliche Maß

hinaus Gesteigerter und über Menschenkraft Gequälter wie unser Vater

Prometheus, der zum Tisch der Götter zugelassen wurde, wie unser Bruder

Ödipus, über den die Götter in dem Spiel, das sie da droben üben, schon

vor der Geburt das Los warfen.

Nun sollten wir bereitet sein, zu hören, was er ist, was er tut, was er

leidet, was ihm geschieht.

Er ist einer der Großen Schottlands, der Vetter des Königs Duncan.

Solange Malcolm, der älteste Sohn des Königs, nicht für volljährig und

thronberechtigt erklärt ist, darf Macbeth sich für den rechtmäßigen

Thronerben halten. Auch in Schottland geht es so zu, wie damals fast

überall: eine richtige Thronfolgeordnung besteht nicht zu Recht; es

ist eine Mischung aus Wahlrecht der Stände und Erbkönigtum; keineswegs

folgt immer der älteste Sohn, oft ein andres, nah oder fern verwandtes

Glied des Königshauses, das sich durch Kraft oder Erfolg hervortut.

Macbeth jedenfalls ist seit langem von keinem andern Gedanken erfüllt

als diesem: König zu werden. Daran, wie lange das schon in ihm bohrt,

erinnert ihn seine Frau in entscheidender Stunde. Und nun ist der

Moment zugleich da und vorbei: in schwerem Kampf, wo er Wunder der

Tapferkeit und Feldherrnkunst vollbracht hat, während der weiche König

zugesehen hat, hat er mit Banquo zusammen den Aufruhr und den äußern

Feind, den Norweger, niedergeschlagen. Der Thron hat gewankt, nun ist

er befestigt: Macbeth wird reich belohnt, in Rang und Macht erhöht;

aber unmittelbar nach der Schlacht, in Anwesenheit Macbeths und der

andern vertrautesten Stützen des Throns, wird Malcolm vom König zum

Erben des Reichs ernannt. Soll es dabei bleiben? Soll der Retter des

Reichs, der so lange den Gedanken genährt, dereinst König zu sein, von

Stund ab, von der Stunde seiner größten Leistung und Herrlichkeit an

vom Thron ausgeschlossen sein?

Jetzt ausgeschlossen, wo seine Berufung, sein geheimer Wunsch gerade

eben, im Anschluß an die Schlacht, von den Dämonen bestätigt worden

ist? Wir sind dabei gewesen, wie zum ersten Mal in seinem Leben die

Welt des Geheimnisses nicht von innen, sondern real von außen zu ihm

gesprochen hat; und daß diese drei Schicksalsschwestern, die ihm im

Gewitter auf der öden Heide sichtbar wurden, nicht Einbildungen seiner

erregten Phantasie, sondern Vertreter der Geisterwelt waren, dafür

ist Feldherr Banquo der Zeuge, der dabei gewesen und auch mit ihnen

gesprochen hat.

„Heil dir, Macbeth, Than von Glamis! Heil dir, Macbeth, Than von

Cawdor! Heil dir Macbeth, König demnächst!“ So begrüßen ihn die

schrecklichen Weiber. Das erste ist er, aber noch nicht lange; das

zweite scheint unmöglich, der Than von Cawdor lebt, und doch erfüllt es

sich sofort aufs erstaunlichste; und das dritte? König demnächst? Die

Hexen haben einmal gewußt, was noch kein Mensch wissen konnte; und nun?

Wie weiter? O, es scheint schnell kommen zu sollen, dieses künftige

Große; es scheint auf seine eigne Seele gelegt: der König will die

Nacht in Inverneß, auf Macbeths Burg verbringen!

Und nun, da unsre innere Bühne noch einen weiteren Schauplatz umfaßt

als die Shakespeares, müssen wir, während der Abend sinkt, die

Kavalkade über Hügel, Täler und Heiden reiten sehen, dahinsprengen

hören. Der König und sein Gefolge in schnellem, fröhlichem Ritt,

Macbeth aber weit voraus, um Quartier zu machen! Das muß Schickung

sein; muß mit den Geistermächten zusammenhängen; welch eine

Gelegenheit, die so nie wiederkehrt! Auf einmal der anerkannte Held des

Landes geworden, geehrt und gefürchtet von allen, -- und der König heut

zur Nacht in Inverneß! Es muß alles vorbereitet werden; jetzt, jetzt

muß es geschehen, muß ins Werk gesetzt werden, was kommen soll, was

verkündigt ist -- -- der Gedanke läßt ihn keinen Augenblick.

Und zu Hause sitzt ihm eine, die all sein Planen in ergebenster,

mitreißender, befeuernder Gattenliebe teilt: sie muß vorbereitet

werden, sie muß vorbereiten: und noch schneller als er sprengt ein Bote

voraus, der die Nachricht bringt: der König kommt, kommt heute zur

Nacht, trifft sofort ein!

Fast zu Tod erschöpft steigt der Bote vom Pferd, außer Atem; er selbst

kann in dem Zustand nicht vor die Herrin treten; ein Diener bringt ihr

die Meldung. Das ist „große Zeitung“.

Selbst der Rab’ ist heiser,

Der krächzt den Schicksalseintritt König Duncans

In meine Mauern.

Wie wunderbar schnell das alles sich fügt! Jetzt eben erst -- die

beiden halten sich in steter Verbindung mit einander -- hat sie

den Brief gelesen, den ein früherer Bote gebracht hat, der ihr die

Nachricht von Macbeths Sieg, von der Begegnung mit den Hexen und

ihrer übermenschlichen Kunde und der sofortigen Erfüllung der ersten

Prophezeiung gebracht hat. Schon war die Stimmung in ihr: es muß

geschehen, es muß getan werden. Und nun, wo ihr die Gelegenheit ins

Haus rennen soll, ist sie ganz gerüstet, ganz reif.

Hier werfen wir erstmals einen Blick auf die seltsame Gleichheit und

Ungleichheit dieses liebenden Ehepaars.

Ihn belauschen wir in seinen innersten Gedanken, seinen dialektischen,

die Vorfälle hin und her werfenden Erwägungen. Eine überirdische, eine

metaphysische Verkündung und Lockung ist zu ihm gekommen; schlimm

kann sie nicht sein, denn, sagt er sich, ein Pfand des Erfolgs ist

ihm sofort in die Hand gegeben worden. Schlimm wäre also für ihn das

Wesenlose, das Unwirkliche, das Lügenhafte. Aber gut? Gut kann diese

Prophezeiung auch nicht sein; denn er vermag es nicht, ruhig, geduldig,

vertrauend abzuwarten, bis sie eintrifft; Mord liegt ihm im Sinne; er

bekennt sich’s sofort. Dann aber ruft ihm wieder eine Stimme zu, es

müsse alles gut und in Ordnung sein; er solle sich doch nur beruhigen

und still halten; diese Geister sagten ja die Wahrheit:

Will Glück mich König, möge Glück mich krönen

Ohne mein Zutun.

Das aber ändert sich, sowie er vor den König getreten ist; da

wird schon klar, wie’s gemeint war; da bietet sich die dringende

Aufforderung: Prinz Malcolm ist nun zum Thronfolger ausersehen; ihm

soll genommen werden, was ihm zukommt, was er will, was er braucht;

aber es bietet sich auch die Gelegenheit: der König wird sein Gast. So

also ist’s gemeint; auf ihn ist die Tat gelegt; hält er sich still,

wird er nie König, er soll’s aber demnächst werden, er soll also

mithelfen, jetzt oder nie ist die Gelegenheit. So deutet er sich den

Zusammenhang aller innern und äußern Momente.

Und doch schwankt er noch und will gerne schwanken; er ahnt: die

Entscheidung findet sich, zu Hause, bei der Frau. Darum der Eilbote;

darum sprengt er selber dem König voraus; er muß ihren Rat, ihre Stimme

vorher hören.

Sie ist die teuerste Gefährtin seiner Größe, wie er sie nennt; die

Liebe dieses Paares, dem die Kinder weggestorben sind, ist ganz auf

den großen Plan, auf das Kind seines Ehrgeizes gesammelt. Er denkt,

noch schwankend, unbestimmt; was er aber brütend sinnt, das hält sie,

nachdem er ihr’s gesagt hat, mit eifernder Hingebung fest. Sie ist

weder ein Mannweib noch eine Furie, auch in der äußern Erscheinung ganz

weiblich; wir wissen, wie klein ihre Hand ist, wie ihr Mann in der

Mannigfaltigkeit kosender Anreden, die er im Brauche hat, „zarte Frau“,

wohl auch einmal „liebes Täubchen“ zu ihr sagt.

Der Unterschied zwischen den beiden ist der: der Abstand zwischen

Unterbewußtsein und Oberbewußtsein funktioniert in ihnen verschieden;

es sind in ihnen andre Pendelschwingungen zwischen Vorsatz,

Vorstellung, Phantasie und Gefühl. Der Plan, die Idee: ich muß König

werden, stammt sicher von ihm; es wird uns ausdrücklich gesagt. Sie

nimmt ihn auf, folgt und geht dann voraus, da sich, was sie erst

einmal eingesehen hat, hemmungslos mit ihrem Willen verbindet und da

es Hindernisse für sie nicht geben darf; andre Gedanken können gegen

seinen Königsgedanken nicht aufkommen; und das Gefühl bleibt tief

drunten. „Du willst; also tu’s auch.“ Es gibt nichts Klareres.

Er aber hat Hemmungen, die in seinem Oberbewußtsein, in seiner

vernünftigen Sphäre, das Wort in umfassendem Sinn genommen, vor sich

gehen; er hat die Moral, das Religiöse, das Bangen und Schwanken in

Verbindung mit der vernünftigen Überlegung. Er hat von Haus aus Weite

in seinem Kopf; sie ist darin ganz eng und darum unheimlich klar,

scharf und bestimmt. Denken, Planen heißt für sie nichts andres als die

Mittel für das Gewollte suchen. Da begreift sie kein Schwanken, kein

Zögern; sie rüttelt an ihm und ist imstande, fast verächtlich von ihm

und zu ihm zu reden.

Sehr wahr ist etwas, worauf Grillparzer hinweist: „Shakespeare hat hier

nicht bloß Macbeth und seine Gattin, er hat Mann und Weib überhaupt

geschildert.“ Besser wäre zu sagen, daß der Dichter den ganz besonderen

Mann Macbeth in seiner einmalig individuellen Situation nie aus dem

Umkreis der Mannesart, das individuelle Weib, seine Frau, nie aus der

Sphäre des Weiblichen entfernt. Und wenn Grillparzer dann weiter sagt,

in Lady Macbeths Seele sei der Entschluß im ersten Augenblick reif, so

ist das nur wahr, wenn man dazu sagt, daß es der Gedanke ihres Mannes

ist, der in ihr sofort zum Entschluß erwächst und gesteifter Tatwille

wird. Richtig ist jedenfalls, sie bestimmt ihn zu seiner Tat, feuert

ihn an, hält ihn wie mit Klammern darin fest.

Aber nun das sehr Richtige und Wichtige, was Grillparzer beobachtet

hat: „Aber jetzt, da gehandelt werden soll, kehrt sich auf einmal

das Verhältnis um. Macbeth schaudert, aber handelt; sein Weib, die

Entmenschte, die Verlockerin, war vor ihm in Duncans Zimmer, sie hatte

die Dolche in der Hand, --

‚hätt’ er nicht im Schlaf meinem Vater ähnlich gesehn,

ich hätt’s getan!‘“

Und Grillparzer, der von Anfang an gewußt hat, wie das Genie nicht

blind hinwirft, sondern sein Handwerk verstehn muß, fügt ganz

begeistert hinzu: „Ich ärgere mich oft über mich selbst, daß ich die

Idee, etwas zu schreiben, nicht aufgebe, wenn ich so was gelesen habe.“

Sie also kann weder ursprünglich denken, noch letztgiltig handeln;

da stellt sich ihr der Schauder in den Weg; aus dem Gebiet, das sie

oben nicht kennt und nicht duldet, aus dem Gebiet der Erinnerungen,

Assoziationen, Verwandtschaften und Träume, aus dem zu Gefühl

gewordenen Leben der Vergangenheit herauf tritt etwas dazwischen und

lähmt ihre Hand.

Zunächst aber tritt viel mehr die Einigkeit des Paars als seine

Getrenntheit zu Tage; das ist schauerlich wie das Eingreifen der

Unterirdischen in das Werk der Menschen, wie diese zwei zu schnödestem

Mordplan in ganz inniger Liebe verbunden sind. So stellen wir uns

bewundernd und ohne Schauder einen Löwen und seine Löwin vor; nur

daß wir hier doch von Anfang an wissen und fühlend miterleben: das

Bluthandwerk ist nicht ihr Beruf; es sind trotz allem empfindende,

phantasiebegabte, leidende und mitleidige Menschen!

Zunächst aber spüren wir nur den frevlen Gegensatz zwischen ihrer Liebe

zu einander und ihrer Unmenschlichkeit, und dazu den Gegensatz zwischen

dem Vertrauen des Königs und ihrem Plan.

Macbeth ist rasch vom Pferd gesprungen, ahnt die Königskavalkade dicht

hinter sich, es ist nur Zeit für ein paar hastige Worte, aber sie

verstehen sich sofort:

Geliebtes Weib,

Der König ist heut’ Nacht bei uns.

So tritt er in die Tür, und damit ist für sie in beschwörender

Zärtlichkeit alles gesagt. Sie wendet sich sofort, in fest

zusammengenommener, schneidender Kürze zum Praktischen:

Und geht?

Eine unwahrhaft zögernde, schwankende und doch vielsagende Antwort

kommt von ihm:

Schon morgen, hat er vor.

Da, so sehr die Minute drängt, läßt sie sich Zeit zum Ausbruch, aber

rasch, heiser, zwischen Flüstern und Schreien:

O nimmer soll

Die Sonne dieses Morgen sehn!

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 4 / 30 段