Das ist die Sphäre dieses Stückes: von der liederlichen Gemeinheit

und denen, die mit dem Geschlechtstrieb Handel treiben, zu dem

Männerpaar Claudio und Angelo zunächst; der eine umgeht die Ehe und

scheut sich nicht vor allerlei dunklem Schmutz für sich, seine Liebste

und ihr Kind, weil er auf eine Mitgift wartet; der andre bricht

das Ehegelöbnis, weil die Mitgift verloren ist; sitzt über seinen

unsittlichen Bruder zu Gericht und schickt ihn in den Tod; drängt den

Trieb zurück, bis er alle Schranken durchbricht und Geist und Macht

als Werkzeuge der Vergewaltigung benutzt. Und eine Stufe höher Mariana,

der die Sinnlichkeit des Leibes in die Seeleninnigkeit flammt; deren

Sehnsucht und Wollust duftet, und tönt und von der sich Angelo, der

ehrlich seinen Geist nüchtern und frei vom Trieb halten möchte -- es

wird genügend angedeutet --, vielleicht doch nicht bloß aus schnöden

Besitzgründen getrennt hatte. Und hoch hinauf endlich zu den beiden,

die uns lange vor dem schönen Schlusse, der sie zusammenfügt, als

Paar zu einander gehören: zu dem Herzog und Isabella. Der Herzog,

ein gereifter Mann, dem zwar um seiner Milde und der geheimnisvollen

Geborgenheit willen, die dem ernsten Manne unter Menschen notwendig

ist, die lästernde Liederlichkeit geheime Sünden nachredet, der aber

in der Reinheit steht, bis er seine weibliche Ergänzung gefunden hat;

Isabella, Marianas Gegenbild, die nicht wie der Herzog das Klosterkleid

zu sinnvoller Vermummung bloß gewählt hatte, die einen Widerwillen

gegen alle Sinnenlust im Herzen trug und voll verdammender Härte war;

welche Wirren und Nöte erst, welche Kühnheit und Überschreitung der

Grenzen mußten kommen, um ihren Geist zur Natur zu bringen, um ihre

Seele zu vermögen, beruhigt, ohne Aufruhr und einverstanden im Leibe zu

wohnen.

Von unten nach oben, die Skala der Sinnlichkeit immer wieder berührend

und kreuzend, geht’s auch im Bezirk der Macht. Ganz draußen bleiben

die Wiener Lüstlinge, in deren Gesellschaft sich auch Claudio gefällt,

Genießende, die im Schutz der Macht Bevorzugte sind, bis die Macht

daran geht, sie als geile Schmarotzer auszurotten; ganz drunten steht

Bernardin, der brutale Mörder; es folgen die Berufsoffiziere, die

den Krieg um des Kriegs willen treiben und sich selbst mit Piraten

vergleichen; der Konstabel Ellbogen, ein Duplikat Holzapfels aus

Viel Lärm um nichts, eine der aus Dummheit, Brutalität, Gutmütigkeit

und Aufgeblasenheit zusammengesetzten Volksgestalten, die es den

studierten Beamten gleichtun möchten; der Henker Abhorson oder

Grauserich, der mit gefühlloser Lust aus dem gesetzlichen Morden nicht

bloß ein Gewerbe, sondern eine Technik und ein System gemacht hat; der

Staatsmann und Jurist Angelo, der auf derselben Stufe stünde, wenn

er nicht die weiten Gesichtspunkte, den Ernst und den Geist und die

Bildung dazu brächte; und oben in reiner Höhe der gütige Kerkermeister

und der nach milder Gerechtigkeit trachtende Herzog, der doch hart,

stetig, ausdauernd, abwartend bis zur Peinigung sein kann, wenn er mit

Menschen zu tun hat, denen es not tut und die es wert sind, erzogen zu

werden.

Ein solcher Mensch ist für ihn der junge Herr Angelo; ein solcher

Mensch auch Isabella. Um sie beide zu ihrer guten, echten Natur zu

bringen, scheut sich der Herzog nicht, Angelo die Gelegenheit zu

schaffen, wo das Verkehrte in ihm sein Bösestes tun kann, wie ihn kein

Mitleid hindert, Isabella, die in furchtbarer Tugendhärte ihrem Bruder

den Tod gewünscht, seinen Tod als gerecht und verdient bezeichnet hat,

diesen Tod, diese Hinrichtung des Bruders ganz erleben, den Bruder als

tot betrauern zu lassen.

Denn es geht nun keineswegs alles nach dem Plane des Herzog-Mönchs.

Wohl hat Angelo -- wie er meint -- sein Gelüste an Isabella befriedigt,

rauh, heimlich, nachts, seelenlos, brutal; wie er dann aber die Brunst

gelöscht hat und von der ganzen Glut nichts mehr da ist als brennende,

unauslöschliche Scham, erwägt er, daß gefährlicher als die Anzeige des

geschändeten Mädchens Isabella, von der überdies kaum zu erwarten ist,

daß sie ihre Entehrung kundgeben wird, die Rache des gepeinigten und

um solchen Preis freigegebenen Bruders wäre; er muß den Weg der bösen

Tat bis zu Ende gehen und verfügt die schleunige Hinrichtung Claudios.

Die geschieht, für Angelo und alle Welt; auch Isabella wird nicht in

das Geheimnis eingeweiht; Claudio wird in verborgener Haft gehalten;

ohne sich ganz zu offenbaren, bringt der Mönch den guten Kerkermeister

dazu, Angelo anzuführen und seinen Befehl zu mißachten: der Wackere

weiß, der wahre Fürst wird nun zurückkommen. Wie die Verwirrung am

größten ist, sagt der Herzog zu diesem Wächter der Gefangenen ein

Wort, das in all seiner Leichtigkeit, mit der es uns nahe an traumhaft

spielerische Märchenstimmung trägt, tief erhellend für das Ineinander

äußerer und innerer Wirrnis in diesem tragischen Lustspiel ist:

Staunt und grübelt nicht darüber, wie dies alles zugeht. Alle

schweren Dinge sind ganz leicht, wenn sie nur erst erkannt sind.

Sie zur Erkenntnis zu bringen, in ihrer innern Beschaffenheit und

ihrem Zusammenhang, ist die Bestimmung des fünften Akts. Innerlich

ist für uns schon beruhigte Entspannung da; wir sehen in dieser einen

Szene, in der Shakespeare, wie öfter, nach den verwandlungsreichen

früheren Akten alle Verwirrungen zur vollen Höhe häuft, ehe er sie

löst, guten Muts zu, wie die Personen des Stücks, zumal Angelo und

Isabella, vom Herzog noch gehörig auf die Folter gespannt und dann mit

Enthüllungen überrascht werden, mit denen allen wir vom weisen Dichter

dieses Lustspiels schon lange bekannt gemacht worden sind. Angelo und

Isabella! In ganz anderm Sinn, als der junge Wüterich meint, bilden

auch sie denn doch ein Paar. In beiden ist die Tugendstrenge seltsam

nach Art und Grad verschiedene Irrwege gegangen; die Nonne, die es bis

zum wildesten Ausbruch der Unbarmherzigkeit bringt, ist eine adlige

Seele trotzdem; der vom Herzog zur Probe zum Fürsten erhöhte, dadurch

zum Tyrannen gewordene, zwischen Idealismus, Abstraktionshärte und

ichsüchtiger Schnödigkeit hin und her irrende unfertige junge Mann

ist, wir sollen’s nun erleben, nicht minder in seinem besten Wesen ein

adliger Mensch.

Der Herzog hat, ehe er in Wien wieder einzog, verkünden lassen, wer

irgend sich über erlittene Unbill zu beschweren habe, solle es sofort

bei seinem Einzug tun; unverzüglich, wenn der echte Herr das Regiment

wieder antritt, soll reiner Tisch gemacht werden. Kaum hat er denn den

Statthalter mit Worten höchster Achtung über seine gerechte Verwaltung

des obersten Amtes beglückt, so tritt die trauernde Isabella auf und

fordert, immer das eine Wort wiederholend, mit lauter Stimme, was in

diesem Staat durch Angelo so streng durchgeführt worden sein sollte:

Recht, ja Recht, Recht, Recht!

Mariana, hat der Mönch ihr geraten, soll außer Spiel bleiben; so

beschuldigt Isabella Herrn Angelo genau dessen, was er selbst glaubt,

an ihr begangen zu haben. Was tut er, der hochgeehrt neben dem Herzog

sitzt, auf diese entsetzliche, gegen einen Mann wie ihn jedoch höchst

unglaubwürdige Anklage hin? Was wir alle täten, wenn wir erst Schritt

für Schritt uns so mit dem Bösen eingelassen hätten: er leugnet alles,

mit frecher Stirn, und erklärt, Isabellas Verstand habe seit dem

Prozeß gegen ihren Bruder gelitten. Merken wir hier nur darauf: vor

dem Buchstaben des Rechts hat Angelo kein andres Verbrechen begangen

als das gegen Isabella, und das hat er, wir wissen es, nicht begangen;

Claudio war dem Gesetz verfallen, und er hat’s dabei gelassen; es ist

kein Recht gebeugt worden. Und da kommt nun eine und schreit hinaus,

um ihren Bruder, wie es der Statthalter selbst bedungen hätte, zu

retten, hätte sie dem ihre Ehre preisgegeben; aber der Bruder ist ja

hingerichtet worden; wer wird solches wirre Zeug glauben? So scheint

es ganz in Ordnung, daß der Herzog die Anklägerin bis zur weitern

Prüfung der Sache ins Gefängnis abführen läßt; um wahnsinnig zu sein,

redet sie wieder zu klar; es scheint eine Verschwörung gegen Herrn

Angelo vorzuliegen, der von dem heillosen Schmutz, wie er da gegen

ihn geworfen wird, so wenig berührt werden kann, daß der Herzog ihn

auffordert, in dieser seiner eigenen Sache selbst Richter zu sein.

Was für eine Verwirrung tritt aber nun ein, als von einem Vertrauten

des Herzogs, dem Mönch Peter, geleitet, eine Zeugin auftritt, die

Herrn Angelos Alibi auf die seltsamste Art beweisen soll: da stellt

sich eine hin, die sich für weder verehlicht noch Mädchen noch Witwe

und dann gar für des Statthalters Gattin erklärt und bezeugt: just zu

der Stunde, wo Herr Angelo Isabella fleischlich beigewohnt haben solle,

sei er in ihren Armen gelegen. Gegen diese Behauptung, gegen diese

Anklage, die als Verteidigung auftritt, kann sich Angelo nun mit bestem

Gewissen verwahren; und das hilft ihm, viel freier als zuvor, fast mit

Lächeln über so viel Tollheit, alles zu leugnen, auf die Vermutung

des Herzogs einzugehn und dies schamlose Auftreten zweier Weiber

gegen ihn, der jetzt eben das Land von der Unzucht gereinigt, auf ein

niederträchtiges Komplott zurückzuführen. Er ist auch klug genug, den

Vorschlag des Herzogs, Richter in eigner Sache zu sein, in diesem

Augenblick, wo die Sache für ihn so günstig steht, anzunehmen. So kann

der Herzog, um seinem bisherigen Statthalter sein ganz besonderes

Vertrauen zu bezeigen, sich von der Gerichtsstelle, zu der dieser freie

Platz vor dem Tor geworden ist, entfernen, ohne daß es jemand auffällig

finden darf. Welch köstliche Motivierungskunst in einer auch für den

Dichter fast unmöglich scheinenden Situation; was für eine leichte,

spielende Hand; wie ist das, womit motiviert wird, das Auskunftsmittel

des Dichters, daß der Statthalter seinen Fall selbst zu richten

bekommt, für den Gang der Handlung entscheidend wichtiger, als was zu

motivieren notwendig ist: daß der Herzog fortgeht, damit er in Gestalt

des geheimnisvollen Mönchs wieder erscheinen kann.

Der Mönch erscheint und braucht stärkste Worte, erst gegen den Herzog

-- sich selbst --, der einen Schurken in eigner Sache richten läßt,

dann gegen diesen Elenden nicht nur, der immer noch als oberster

Richter auf dem Thron sitzen darf, sondern im allgemeinen gegen die

Widersprüche zwischen dem Moral- und Gesetzsystem, das im Reich

herrscht, und den wirklichen Zuständen. Er mußte sehen,

wie hier Entartung kocht und brodelt,

Ja überschäumt; für jeden Fehl Gesetze,

Doch Frevel so beschützt, daß die Verbote,

Wie Sittensprüche in den Baderstuben,

Indem sie Schmach verpönen, sich verhöhnen.

Das starke Auftreten dieses Mönchs gegen die Sitten der Wiener goldenen

Jugend bringt den Vertreter dieser Gesellschaft, Herrn Lucio, der mit

seiner dreist anmaßenden Geschwätzigkeit auch schon vorher dem Herzog

lästig gefallen war, zum kecken Eingreifen: er will das Gesicht dieses

Sittenpredigers sehen und reißt dem Mönch die Kapuze herunter: alle

erkennen den Herzog. Sofort, noch ehe irgend ein Weiteres enthüllt ist,

gesteht Angelo seine Schuld: er ist, sowie er vor Augen sieht, daß der

Herzog schon lange mit dieser furchtbaren Sache zu tun hat und sein

Tun beobachtet, wie von einem Strahl göttlicher Rache vernichtet: auf

geheimnisvollste Weise, die er nicht begreift, ist einem Zusammenhang,

den er selbst und dazu noch Vorfälle, die ihm rätselhaft sind, aufs

verwirrteste versträhnt haben, die schlichte Klarheit, der wirkliche

Kausalzusammenhang wiedergegeben. Wie eine Erleichterung überkommt es

ihn, daß der Bau des Bösen und der Lüge, den er hat türmen müssen, weil

in seinem Bau der starren Moral der Grundstein ins Rutschen gekommen

war, auf einen Schlag eingestürzt ist: höchst würdig legt er sein

Bekenntnis ab und erbittet sofortiges Gericht, sofortigen Tod.

Gewiß hat der Herzog, der den Mann von allem Anfange an gekannt hat,

nichts andres erwartet. „Alle schweren Dinge sind ganz leicht, wenn sie

nur erst erkannt sind.“ Der Spruch bewährt sich bei der unglaublichen

Verwirrung aller äußern Geschehnisse; er bewährt sich auch für Angelo.

Eine schwere Last ist von ihm genommen, ein Druck, der seit langem sein

Leben auf schiefe Bahn geschoben hat; mit der Reue, die überraschend

wie der Blitzstrahl über ihn gekommen ist, ist ihm so ganz leicht

geworden. Der Herzog aber macht keine Miene, ihn zu richten; erst tut

andres not. Kurz stellt er fest, daß Angelo und Mariana rechtmäßig

verlobt waren; stracks schickt er beide weg zu schleuniger Vermählung.

Aus diesem Verfahren und dem entsprechenden, das er dann gegen den

heillosen Liederjahn und Verleumder Lucio einschlägt, ergibt sich, daß

in seiner Methode zur Verbesserung der Sitten die Ehe ungefähr die

Rolle spielt, die in Herrn Angelos System Auspeitschung, Einkerkerung

und Hinrichtung eingenommen haben.

Dann erst, wie dies erste und vielleicht innerlich häßlichste Vergehen

Angelos gut gemacht ist, soll zwischen ihm und Isabella gerichtet

werden. Nun soll Angelo lernen, wie es mit seinem Grundsatz des

starren, strengen, vorbeugenden Rechts bestellt ist: Gleiches mit

Gleichem, Maß für Maß: mit welcherlei Maß ihr messet, so soll euch

wieder gemessen werden! Gut denn; er hat sich das Urteil schon lange

selbst gesprochen: sein Verbrechen ist das Claudios; was er noch

viel Schlimmeres als dieser getan, kann ganz außer Betracht bleiben:

wie Claudio hingerichtet wurde, so soll auch er dem Henker verfallen

sein. Was für ein wahrhaft wonnevoller Gegensatz zwischen dem, was die

Menschen auf der Bühne in diesem Augenblick empfinden und erleben, und

dem, was wir beglückt, heiter, frei wissen: Claudio lebt, Angelo wird

leben!

So kommt es noch zu einem letzten Gipfel; Isabella, die Tugendstrenge,

die nur mit äußerster Selbstüberwindung für ihren Bruder, dessen Fall

so ganz milde zu betrachten war, eingetreten war, die ihn zum Tod

verurteilte, als Lebensdurst und Todesangst ihn zum winselnden Tier

erniedrigt hatten, Isabella, die diesen Bruder tot glauben muß, tot

durch Schuld dieses Angelo, der ihn als Meineidiger in dem Augenblick

wie ein unsträflicher, erhabener Richter dem Gesetz geopfert und auf

den Richtblock geschickt hat, wo er selbst auf dem selben Gebiet nach

seinem Willen weit Schlimmeres verbrochen hat, Isabella bittet um das

Leben dieses Mannes, der Notzucht abscheulichster Art, Notzucht auf

dem indirekten Weg des Seelenzwangs hat gegen sie begehen wollen; sie

wirft sich vor dem Herzog auf die Knie und spricht:

Huldreichster Fürst,

Betrachtet, fleh’ ich, diesen schuld’gen Mann,

Als lebte noch mein Bruder. Fast ist mir,

Als habe Ehrlichkeit sein Tun gelenkt,

Bis er sein Aug’ auf mich warf. Ist dem so,

Laßt ihn nicht sterben. Claudio starb nach Recht,

Sofern er wirklich tat, wofür er starb.

Doch Angelo -- --

Sein Tun kam nach ja nicht der bösen Absicht

Und soll begraben sein als bloße Absicht,

Die nicht ans Ziel gelangt. Denken ist frei,

Und Absicht bloßes Denken.

Wie sieht man da voller Lust, Lust des Herzens wie auch des unbeschwert

spielenden, rasch sich bewegenden, Ernstes bedenkenden Geistes: auch

die Milde hat ihren scharfen Juristenverstand, -- und wer weiß, ob

diese Porzia-ähnliche Gestalt, diese Isabella, die vor unsern Augen

so gewachsen und gereift und aus klösterlicher Enge zu Menschenweite

und freiem Sinn sich erhoben hat, ob sie, die der reifsten Stufe des

Dichters zugehört, nicht auch Shylock, dessen Untat ja auch beim

Versuch geblieben ist, Gnade, volle erlösende Gnade erwiesen hätte?

Angelo aber, der jetzt zum ersten Mal ganz und fest in seinem Adel

steht -- wie vielfältig ist der Mensch! und wie groß der Dichter,

der uns die wahrhaft wundervolle Geräumigkeit im Schacht des

Menscheninnern, die Wirklichkeit der Niedertracht wie der Seelengröße

in diesem nämlichen Menschen erleben läßt -- Angelo will den Tod

erdulden:

Mich schmerzt’s, daß solche Schmerzen ich bereitet,

Und Scham durchdringt so tief mein reuig Herz,

Daß Tod mir lieber als die Gnade ist.

Verdient so hab’ ich’s, laßt’s dabei bewenden.

In diesem Augenblick kommt des Herzogs Ebenbild und Gehilfe aus dem

einfachen Volk, der Kerkermeister, und bringt den vielfachen Mörder

Bernardin und eine verhüllte Gestalt.

Dem Mörder, der seit neun Jahren in unverwüstlicher Lebenslust im

Gefängnis sitzt, wird von diesem Herzog, der immer noch in der Tracht

des Mönchs seines Amtes waltet, Leben und Freiheit geschenkt, weil er

keine Todesangst und keine Höllenangst kennt:

He, Kerl, man sagt, du trägst ein störrisch Herz,

Das Furcht vor nichts hat jenseits dieser Welt,

Und lebest demgemäß. Du bist verurteilt,

Doch deine Schuld auf Erden sei verziehn.

Wend’ aber so die Gnad’ an, daß du denkst

Auf bessre Zukunft.

~For better times to come~: der Fürst, der Harun al Raschid,

der Geheimnis und Vermummung liebt, der Dichter, der sich in seinen

Gestalten und in der schwebenden Rede hold vielsagender, duftig auf

alles weisender Allgemeinheit verbirgt, sie überlassen es jedem, was

er dabei empfinden und denken will: ein besseres Leben, das dieser der

Freiheit wiedergegebene Mordskerl jetzt beginnen soll; bessere Zustände

und Einrichtungen zwischen den Menschen; das dunkle Reich jenseits des

Todes.

Da steht noch ein Vermummter; er darf nun in die Klarheit treten:

Claudio lebt! Und er, der genießende Phantasiemensch, der alle

Gräßlichkeiten des Nichtmehrseins und des Jenseits voraus gekostet

hat, hat wahrlich genug ausgestanden, um ferner Leben und Gesellschaft

ernster zu nehmen als vordem: er bedarf keiner Strafe mehr.

Was für ein Recht übt dieser Herzog, der vom Thron gestiegen war, damit

der Statthalter Angelo die Gesetze wieder wirksam machen sollte! Ein

Mörder wird völlig begnadigt; ein zu Unrecht dem Henker Gestohlener in

die Freiheit geschickt! Und doch atmen wir alle, seit in diesem Reich

er wieder die Lenkung hat, frei und beruhigt die Luft der Reinheit und

spüren die Zucht und eine Ordnung, die nicht vom auferlegten Zwang, die

von innen kommt und ein Band um geprüfte Menschen schlingt.

Angelo ist nun mit dieser Erscheinung das milde Urteil gesprochen:

da er kein Mann der Gnade ist und auch gegen sich selbst schließlich

keine Gnade noch Barmherzigkeit geübt hat, da er hart und streng auch

gegen sich gewesen ist, soll ihm sein Recht, nichts als sein Recht

werden: Gleiches mit Gleichem, Maß für Maß: Claudios Schicksal, so

war der Rechtsspruch ergangen, solle sein eigenes werden. So darf er

leben und mit dem leidenschaftlichen Weib, das beglückt an ihm hängt,

so glücklich sein, wie er nach dieser Prüfung, nach diesem Fall, nach

dieser Erziehung vermag. Ein Wilder war er in dieser Welt, und seine

angeborene Vornehmheit hatte die Verwilderung mit Starrheit und Strenge

bändigen wollen; die Wildheit brach eruptiv durch und riß alle Dämme

ein; wie wird er nun werden? wie leben? wie wirken? was wird aus

seinem System? aus dem Wortgebäude, das er über der dunklen Schlucht

des Triebs errichtet hatte? Er spricht von dem Augenblick an, wo in

Claudios Gestalt die Gnade erschienen ist, kein Wort mehr. Der alte

Angelo ist vernichtet; die Hoffnung meint zu schauen, er stehe in

seiner Wiedergeburt.

Und noch ein Menschenkind schweigt: Isabella. Ein wunderbar zarter Zug,

von dem man nur ehrfürchtig reden kann, wie Shakespeare Angelo bei der

Rettung und Isabella bei dem Anblick des wiedergeschenkten Bruders und

bei der Werbung des Herzogs in wortloser Stille verharren läßt. Der

Herzog selbst deutet in verehrender Scheu vor ihrer Menschennatur wie

dem Schicksal, das er selber gelenkt, nur leise an, daß er sie bittet,

die Seine zu werden; wir haben schon lange gefunden, daß die beiden,

der Mehralsmönch und die zum Leben des Menschlichen herangereifte

Nonne, ein edles Paar bilden und in ihrer Zusammengehörigkeit und

Ergänzung, in Klugheit, Innigkeit, Entsagung und Ironie zu Herrschern

in einem Reich milder Weltfrömmigkeit berufen sind.

[1] Auf noch eine Verbindung dieses Stückes mit Bacon hinzuweisen will

ich nicht unterlassen. Das juridische Grundmotiv sowohl unsres Dramas

wie Einzelzüge erinnern in der Tat -- man darf sagen, auffallend -- an

eine Ausführung in Bacons vorzüglichem Essay „Über Rechtsprechung“:

„Wenn Strafgesetze lange in Schlaf gelegen haben oder wenn sie für die

Gegenwart nicht mehr passen, sollten sie von klugen Richtern in der

Anwendung eingeschränkt werden: ~Judicis officium est, ut res, ita

tempora rerum~ usw. [Des Richters Amt erstreckt sich auf Dinge wie

Zeiten der Dinge.] In Fällen, wo es um Leben und Tod geht, sollten

die Richter in der Rechtspflege der Gnade gedenken und ein strenges

Auge auf das Beispiel werfen, ein gnädiges aber auf die Person.“ Das

sind in der Tat Gesichtspunkte, denen wir genau so beim Herzog und bei

Isabella begegnen. -- Ich für mein Teil erlaube mir daraus gar nichts

zu folgern, -- so wenig wie aus der Tatsache, daß der Staatsbeamte Lord

Bacon von Verulam, Viscount von St. Albans in seiner Person (~persona~

heißt Maske) etliche Ähnlichkeit mit Lord Angelo aufweist. Solche

Indizien sind mir noch kein Beweis dafür, daß der gelehrte Whetstone

Bacons Schriften verfaßt hat.

Macbeth

Der Macbeth ist erst aus dem Nachlaß im Jahr 1623 in der Folioausgabe

veröffentlicht worden; verfaßt wird er wohl in der Zeit zwischen 1606

und 1608 sein; sicher ist, daß ~Dr.~ Forman ihn 1610 im Globetheater hat

aufführen sehen.

Den Stoff fand Shakespeare wie den des Hamlet, des Lear und manchen

andern in Holinsheds Chronik. In diesem Geschichtswerk findet sich auch

die Begegnung Macbeths mit den drei Zauberfrauen, die man, wie es an

einer Stelle heißt, im Volk für die drei Göttinnen des Schicksals oder

doch für Nymphen oder Feen hielt. Die Begegnung schildert Holinshed so,

daß man schon einen großen, schaurigen Eindruck von der Szene gewinnen

kann: „Macbeth und Banquo ritten zusammen ohne weitere Begleitung nach

Fores, wo der König damals sein Lager hielt, und kamen durch Wälder und

Felder, als ihnen plötzlich in der Mitte einer großen Heide drei Weiber

von fremdem und seltsamem Aussehen begegneten, die Geschöpfen einer

früheren Welt glichen.“ Im übrigen ist uns an dem Bericht der Chronik

besonders das interessant, was Shakespeare nicht brauchen konnte oder

irgendwie verwandeln mußte. Denn der Macbeth der Sagengeschichte,

der siebzehn Jahre lang, von 1040 bis 1057 regierte und Banquo erst

im zehnten Jahr seiner Regierung ermorden ließ, war trotz der Untat,

durch die er auf den Thron kam, bis zu Banquos Ermordung ein guter

Fürst: „Macbeth suchte nach der Abreise der beiden Prinzen sich die

Gunst der schottischen Edlen und Ritter durch große Freigebigkeit zu

gewinnen, und als er sich im friedlichen Besitze des Thrones sah,

begann er die Gesetze zu reformieren und alle Unregelmäßigkeiten und

Mißstände, die sich unter dem schwachen und trägen König Duncan in

die Verwaltung eingeschlichen hatten, auszurotten. Er befreite das

Land auf viele Jahre von allen Räubern und verfuhr hierbei so ohne

Ansehen der Person, daß er selbst viele Thane, wie die von Cathnes,

Sutherland, Stranaverne und Ros, und den Beherrscher von Galloway

hinrichten ließ. Dagegen beschützte er die Kirche und die Geistlichen

auf das sorgsamste und wurde, um kurz zu sein, wie der Verteidiger und

Schild jedes Unschuldigen angesehn.“ Freilich, fügt Holinshed naiv

genug hinzu, war das alles nur erheuchelt. Nach Banquos Ermordung trat

dann seine Grausamkeit und Tyrannei klar zu Tage. Shakespeare, der

auch hier verfährt wie immer und die Regierungszeit König Macbeths

nicht nach irgend einer astronomischen Zeit, sondern nach dem inneren

Verlauf seines Schicksals, nach dem Tempo seiner Lebenskraft und

Intensität bemißt, und der nicht die Wirklichkeit, die Relativität und

Gemischtheit der politischen Gesellschaft, sondern die Wahrheit der

Grundtriebe im Individuum ~sub specie aeternitatis~ darstellt,

kann diese lange Zwischenzeit zwischen Duncans und Banquos Ermordung

und diese ganze zehnjährige Heuchelei oder Normalität nicht brauchen.

Dagegen bleibt Banquo bei Holinshed ruhig in seinem Grabe; die

Erscheinung des Toten ist Shakespeares Erfindung, und ebenso auch

der Anteil der Lady an Macbeths Schicksal und Taten; bei Holinshed

wird ihr Einfluß nur nebenbei einmal erwähnt. Sonst hat Shakespeare

manche Einzelzüge und Szenen in treuem Anschluß übernommen; die drei

Begrüßungen und die späteren drei Prophezeiungen der Hexen sind da,

wenn auch freilich nicht in ihrem großartigen Zusammenhang; die

Ermordung der Frau und der Kinder Macduffs und vor allem die Szene

seiner Prüfung durch Prinz Malcolm, der sich verstellt, sind dieser

Quelle entnommen.

Soviel zur Herkunft der äußern Handlung. Welcher Quelle die innere

entstammte, soll uns ein junger Dichtersmann sagen, Grillparzer, der im

Jahr 1817 die folgende merkenswerte Niederschrift machte:

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 3 / 30 段