Isabella, die nun bei dem Gepeinigten eintritt und gleich wieder

als „schönes Mädchen“ begrüßt wird, hat am Tag zuvor alles gesagt,

was sie irgend weiß; sie ist wieder herb und spröde geworden; und

wie sie aus Angelos ersten, gepreßten Reden entnimmt, es müsse beim

Todesurteil bleiben, wendet sie sich zum Gehen. Er hält sie aber auf,

zunächst mit einem furchtbar heftigen Ausbruch, äußerlich gegen das

Laster, das ihren Bruder zur Verdammung gebracht hat; er braucht aber

diese leidenschaftlich aufwallende Rede, einmal, um seine eigne Glut

irgendwie herauszulassen, dann, um mit dem Inhalt dessen, was er sagt,

eben diese seine Wildheit in gewalttätiger Unterdrückung zu zähmen.

So schäumt er gegen die unsaubere Lust, die das Standesamtsregister

des Staates bastardiert, die Akten fälscht, das Leben der Neugebornen

fälscht und in unheilvolle Bahnen lenkt; solche Zeugung ist nichts

Bessres als Mord! Für staatsrechtliche und gesellschaftliche Argumente

der Art, wie sie sein verzweifelter Kampf gegen sich selbst ihm aus

dem bereiten Vorrat seiner Studien und Gesinnungen jetzt über die

Lippen bringt, hat sie wenig Sinn; was ihr Bruder getan, ist ihr eine

schwere Sünde vor Gott und eine Unordentlichkeit, die ihr widerwärtig

ist; kein Verbrechen, das auf Erden, dem Staat gegenüber, mit dem Tode

gesühnt werden müßte. Bei diesen ihren Worten jubelt es in ihm; sie

wird also zu gewinnen sein, sagt er sich; er gibt den Kampf gegen sich

auf und geht zum Kampf gegen sie, zu seiner Art der Werbung über. Ganz

erbarmenswürdig, ganz erbärmlich geht er da vor; er denkt nicht daran,

sein Begehren nach ihr nun vor allen Dingen loszulösen von dem Fall

ihres Bruders; er denkt nicht daran und versteht es nicht, sich bei

dieser Frau liebenswert zu machen; seine Gier kann er nicht trennen

von der Situation, durch die sie ihm, wähnt er, verfallen ist. Haben,

erobern, besitzen will er sie, da in ihm Gewalt des Triebs hämmert, mit

Gewalt; die Gewalt des Triebs setzt sich bei diesem Mann, der darin

geübt ist, den Trieb durch den Geist zu unterdrücken, jetzt, wo er ihn

loslassen will, zur Vermittlung in Logik um. Das ist sein Instrument;

raffinierte Manneslogik soll ihm zur Vergewaltigung, zu nicht viel

Besserem als zur Notzucht dienen; in ein Dilemma, in diese gespreizte

Gabel der Logik will er sie hineintreiben.

So legt er ihr zunächst die Frage vor, was ihr lieber wäre: daß ihr

Bruder stürbe oder daß sie ihren Leib derselben lustvollen Unsauberkeit

hingäbe, wie jenes Weib, das ihr Bruder befleckte? Sie ahnt nicht im

entferntesten, was der Mann, den sie nun als starren Theoretiker schon

kennen gelernt hat, mit der Abschweifung will, und erwidert zerstreut,

aus frommer Gewöhnung heraus, den Leib würde sie gewiß eher geben als

die Seele. Er antwortet ungeduldig; mit greulich dummer Brutalität

versteht er so, als meine sie, eine beseelte Liebe, die zu solcher

Sünde führe, wäre ihr ärger als die Preisgabe des Leibes selbst; und zu

ihrer Beruhigung sagt er, die Seele könne ganz aus dem Spiele bleiben;

es handle sich um eine pure Zwangslage. Sie versteht nicht, und er will

jetzt ganz deutlich werden:

Darauf nur gebt Antwort:

Ich, jetzt der Mund des gült’gen Rechtes, fälle

Ein Urteil über Eures Bruders Leben;

Wär’ etwa nicht Barmherzigkeit die Sünde,

Die Euren Bruder rettete?

Entzückend, wie sie nicht im entferntesten versteht, was er meint,

ganz sicher aber ist, recht zu verstehen; ja, er will barmherzig sein!

Und eifrig, beglückt versichert sie ihm, das wäre keine Sünde, solche

Gnade sei nur Barmherzigkeit. So geht es nun noch eine Weile mit dem

Mißverstehen hin und her; der elende Tropf wird ärgerlich und redet

grob, wie er wohl in schlechter Laune als Untersuchungsrichter mit

einer unlogischen oder schlauen Angeklagten umgegangen wäre; und so

legt er ihr denn knappe, ganz klare Fragen vor, um ihr jeden Ausweg

zu verrammeln. Der Bruder muß sterben; das Gesetz spricht klar dieses

Urteil. Das muß sie zugeben. Nun aber, wo er ihr bedeuten will, wie

der Bruder noch zu retten sei, hindert ihn doch die Scham, direkt

herauszureden; er setzt einen Fall, wie aus der Moralkasuistik.

Gesetzt den Fall, der Bruder wäre vom Tod nur zu retten durch einen

Mächtigen oder Einflußreichen; und „dieser Supponierte“ stellte zur

Bedingung, daß sie, die Schwester, ihm ihren Leib preisgäbe; was würde

sie tun?

Die Frage ist nun klar; nur daß sie noch immer keine Ahnung hat, warum

er so fragt. Sie zögert keinen Augenblick mit ihrer entschiedenen

Antwort. Wo’s um die Tugend geht, die von Seele und Züchtigkeit geboten

wird, ist sie so fest bis zur Härte, wie er’s bis vor kurzem war, wenn

sich’s um die Tugend handelte, wie sie Staat und Gesetz vorschreiben.

Nur daß in der edeln Frau die Tugend keine Idee, sondern zur Natur

gewordene seelische Notwendigkeit ist, während im Mann -- selbst wenn

ihm, wie Herrn Angelo, Adel nicht fehlt -- die Staatsidee immer eine

kahle Sache der Überlegung und des Verstandes bleibt, die sich gegen

ursprünglichen Naturtrieb niemals behaupten kann. Was sie tun würde?

Qualvoll sterben würde sie lieber -- für ihren Bruder wie um ihrer

selbst willen --, ehe sie den Leib der Schmach gäbe.

Viel besser, daß ein Bruder einmal sterbe,

Als daß, ihn frei zu kaufen, eine Schwester

Auf ewig stürbe.

Er gibt es noch nicht auf, sie mit Theoretisieren zu fangen. Aber sie

ist jetzt, in der Wallung des Zorns bei der bloßen Vorstellung solchen

Schimpfs, wieder glühend geworden und repliziert schlagkräftig. Er

möchte ihre Härte erweichen und meint grob aufmunternd:

Gebrechlich sind wir alle!

sagt es aber nicht entschuldigend für Claudio, nicht einmal so recht

für sich selber, sondern für die Weiber. Da gibt sie, und wundervoll

wirkt in dieser Situation die unschuldige Lebhaftigkeit ihres Geistes,

auf dieses sein Wort: Nein, auch die Weiber sind gebrechlich! zur

Antwort:

Ja, wie der Spiegel, drin sie sich beschaun,

Der so leicht bricht, wie er Gestalten formt.

Das Weib! -- Weiß Gott, der Mann entwürdigt sich,

Nutzt er _den_ Vorteil! Nennt uns zehnmal schwach,

Denn wir sind sanft, so sanft wie unser Bau,

Und trauen falscher Prägung.

Jetzt glaubt der Mann, den die Vermengung des Triebs mit entartetem,

willfährigem Verstand zum bösen, verrannten Narren gemacht hat und den

dazu noch gerade bei diesem Bilde des schwachen, leicht verführten

Weibes eine persönliche Erinnerung ermuntern mag, sie zu haben. Sie

redet der Schwäche der Frauen das Wort; nun -- er faßt sich einen

gewaltigen Mut -- wir Männer sind auch nicht stärker. Sie soll nur ein

Weib sein; mehr tut gar nicht not. Und er wird deutlich genug, daß sie

endlich verstehen muß, was er ihr anträgt. Erst will sie immer noch

annehmen, er wolle sie prüfen; wie er dann aber „auf Ehre“ erwidert, es

sei ihm Ernst, muß sie’s glauben. Kaum einen Augenblick verweilt sie,

deren Sittsamkeit so rein wie ihr Denken schnell ist, bei der Schmach,

die dieser Antrag ihr antut; ihr liegt bei dem ganzen Gespräch nichts

im Sinn wie ihr Bruder. Jetzt, glaubt sie, muß er gerettet sein: sie

scheut die Erpressung gegen den elenden Machthaber nicht:

Gleich stell’ des Bruders Gnadenbrief mir aus,

Sonst künd’ ich aller Welt aus lautem Hals,

Was für ein Mann du bist.

Ihm aber, der die Schwelle der Schamlosigkeit überschritten hat, ist

nun keine Wahl mehr geblieben. Er kann nicht, er will nicht zurück;

seine Gier läßt sich so nicht abweisen. Ihre Drohung schreckt ihn

nicht; wer wird ihr denn glauben, wenn er’s abschwört? Solche Anklage

gegen ihn, den Vertreter des Fürsten, dessen Ruf fleckenlos ist, dessen

strenges Leben die Welt kennt? Einen Tag noch gibt er ihr Frist; bis

dahin muß sie nachgeben; sonst stirbt ihr Bruder nicht den einfachen

jetzt mehr, den martervollen, schweren, langsamen Foltertod.

Damit verläßt er sie. Und sofort sieht sie ein: ihr letzter Versuch

ist gescheitert; sie kann die Gnade nicht erpressen. Ihr Bruder ist

zum Tode verurteilt; jetzt auch von ihr; um ihrer Ehre willen muß er

sterben. Sie geht zu ihm, um ihm das zu sagen: er stirbt nicht mehr

bloß für sein heißes Blut; er stirbt für die Reinheit seiner Schwester.

Wiewohl sich alles um die Rettung dieses Bruders drehte, galt unser

Anteil bisher viel mehr Herrn Angelo und Claudios Schwester, die ihn

nun beide verurteilt haben. Jetzt, wo Angelo für lange zurücktritt,

lernen wir Claudio kennen; durch den Konflikt zwischen Angelo und

Isabella, der fürs erste in der Schwebe bleibt, ist, wir sehen es

voraus, ein Konflikt zwischen den Geschwistern reif geworden. In

dem Moment, wo der dritte Akt beginnt, stehen wir zwischen der

physischen Möglichkeit und der psychischen Unmöglichkeit mitten inne:

Claudio kann durch Isabella gerettet werden; er kann nicht durch sie

gerettet werden. Der Vorhang geht auf; wir sehen den Herzog-Mönch

bei dem zum Tod Verurteilten und sagen uns noch stärker als zuvor:

Der aber, der wahre Fürst, wird ihn retten! Der Mönch bereitet den

Gefangenen indessen zum Tod vor und spendet ihm die Tröstung keineswegs

christlicher Verheißung, sondern allerbitterster pessimistischer

Philosophie. Der Mann, der sich in den Tod finden soll, erfährt von dem

erfahrenen, leidgeprüften Pilger durch sein Reich, was das Leben ist.

Claudio, dessen Gemüt rasch bewegt und dem Moment unterworfen ist, ist

für den Augenblick ruhig:

Auf Leben hoff’ ich, bin gefaßt auf Tod.

Da sagt der Mönch, und diese große Rede, die weniger auf den Tod

vorbereiten als den Tod im Leben, die Abgeschiedenheit, lehren will,

wollen wir ausführlich vernehmen:

Seid’s unbedingt auf Tod. Tod oder Leben

Wird dadurch süßer. _Redet so zum Leben_:

Wenn ich dich lasse, lasse ich ein Ding,

Dran nur ein Tor sich hängt. Ein Hauch bist du,

Abhängig jeder Änderung der Luft,

Wie sie die Wohnung hier, in der du weilst,

Stündlich bedroht. Du bist des Todes Narr;

Durch deine Flucht strebst du ihm zu entgehn,

Und rennst ihm stets doch zu. Du bist nicht edel;

Denn alles Angenehme, was du hegst,

Stammt aus Gemeinem. Du bist gar nicht tapfer;

Denn dir macht Angst das schmale Züngelchen

Des armen Wurms. Dein bestes Ruhn ist Schlaf,

Den suchst du täglich, doch dich schreckt dein Tod,

Der auch nichts mehr ist. Du bist nicht du selbst,

Denn du bestehst durch Tausende von Körnern,

Aus Staub entsprossen. Glücklich bist du nicht,

Denn was du nicht hast, strebst du stets zu fassen

Und gibst auf, was du hast. Du bist nicht stetig,

Denn deine Farb’ ist launisch wandelbar,

So wie der Mond... Nicht Jugend und nicht Alter

Hast du, nur gleichsam den Nachmittagsschlaf,

Der beides träumt; all deine selige Jugend

Tut wie bejahrt und bettelt lahme Greise

Um Gaben an. Und bist du alt und reich,

So fehlt dir Glut und Trieb, Gelenk und Schönheit,

Des Reichtums froh zu sein. Was ist doch dies?

Das Leben heißen darf? Birgt doch dies Leben

Viel tausend Tode, -- und wir scheun den Tod,

Der alles ausgleicht?

Erst ist Claudio davon wunderbar besänftigt; dann aber, wie zum Mönch

der skeptischen Resignation mit frommem Friedensgruß die Nonne in

dieses Gefängnis dazukommt, wie die Lichte aber nicht die Erlösung

bringt, sondern den Zweifel, da kommt die Todesangst über ihn.

Ihr ist es notwendig, ihm alles zu sagen; keineswegs um ihm die

Entscheidung zu überlassen; so lieb sie ihn hat, so sehr wir ihr

glauben, daß sie ihr Leben an seine Rettung setzen würde, in dieser

Sache gibt es keine Beratung und keine Wahl für sie. Sie will aber,

daß er sie stützt, daß er jeden Gedanken an ihr Opfer verwirft;

daß sein Tod jetzt einen Sinn bekommt: er soll wissen, daß er für

seine Schwester stirbt. Mit dieser Absicht ist sie gekommen; jetzt

aber, wo sie seine weichen Züge sieht, bangt sie im voraus vor dem,

was nicht ausbleibt. Erst, wie er’s vernimmt, ist er entsetzt, daß

sein strenger Richter so dastehn soll; dann sieht er ein, daß sie

sich nicht preisgeben darf, und will sich in den Tod, vor dem jetzt

keine Rettung mehr ist, finden. Aber es regt sich ein Sinnen in ihm;

also dieser erhabene weisheitsvolle Mann ist doch auch dem Trieb

unterworfen! Claudio wagt nicht zu sagen, kaum auszudenken, wie ihm

von dieser Vorstellung, daß die Lust doch mächtiger sei als alles, die

Gedanken von Angelo zur Schwester, von der Schwester, die nun über sein

Schicksal verfügt, zu seiner eigenen Lebenslust irren. O Isabella! Mehr

vermag er noch nicht als diesen Ausruf; und dann, immer noch wieder

gebändigt und bedächtig, sinnt er vor sich hin:

Sterben ist schrecklich --

Wie sie aber, schon in streng vestalischer Abwehrstellung, erwidert:

Und schmachvoll Leben greulich,

da, wo für ihn auf der einen Seite das Leben, sein Leben, steht,

auf der andern -- ein Nichts, ein Wort, eine Tugend, von deren

Notwendigkeit seine eigne Natur kein Wissen und keine Erfahrung

hat, die ihm ein so kaltes Schema ist wie der Staatsgedanke, dem er

geopfert werden soll, da wallt die Todesangst zu einem gewaltigen

Ausbruch heraus. Vergessen auch alles, was der Mönch -- der, ohne daß

die beiden es wissen, alles mit anhört -- Schlimmes an die Adresse

des Lebens gesagt hat; nur leben, leben will Claudio, leben um

jeden Preis! Er sieht das Grauen des Grabes vor sich, er ist in der

Situation des Prinzen von Homburg, und ich zweifle nicht, daß Kleist,

dem dieses Stück ja auch sonst so ganz besonders, so unsäglich nah

gehn mußte, aus dieser Szene den Mut zur Fassungslosigkeit seines

Prinzen geschöpft hat; geht Kleists Szene darin über Shakespeares

hinaus, daß sein romantischer Prinz sonst von Natur und Gewöhnung in

der Rolle des Helden steht, so ist wiederum Claudios Ausbruch insofern

erschütternder, als dieser weiche Genießer nicht bloß die eigne Würde

wegwirft, sondern die Schwester anbettelt, sie solle um seinetwillen

sich in Schmach und Ekel stürzen:

Ja, aber sterben! gehn, wer weiß, wohin,

Daliegen kalt und reglos starr und faulen,

Aus sinnbegabter, warmer Regsamkeit

Verschrumpft zum Kloß; der Geist, noch lebensfroh,

Getaucht in Feuerwogen, hingebannt

In schaudernde Gefilde ew’gen Eises;

Im Kerker unsichtbarer Sturmgewalt

Rastlos gejagt rund um die schwebende

Weltkugel; ja, noch Schlimmres als das Schlimmste

Von dem, was zügellose Phantasie

Sich heulend ausmalt -- gräßlich, schauderhaft!

Die schwerste Last von Lebensmühsal hier,

Was Alter, Armut, Schmerz, Einkerkerung

Dem Menschen auferlegt, ist Paradies,

Mit dem verglichen, was der Tod uns droht.

-- -- --

O Schwester! laß mich leben!

Was für des Bruders Leben du auch tust,

Oh, die Natur rechtfertigt es so sehr,

Daß es zur Tugend wird.

Erst war die Schwester bei diesen apokalyptischen Bildern von den

unausdenkbaren Schrecknissen, die der Seele im Tode warten, unnennbar

erschüttert worden, ins Gewissen hinein; was kann den fühlenden

Menschen schwerer treffen, als wenn er aktiv hilflos sein muß: wenn

er physisch erretten könnte, aber angesichts bitterster Not in dem

moralischen Entschluß steht, stehn muß, nichts zu tun? Wie Claudio

dann aber seinen fassungslosen Jammer in diesen Anruf münden läßt, da

schlägt all ihre Innigkeit in lodernde Empörung um. Über alle Grenzen

setzt ihre Verachtung gegen diesen Wicht vor ihr, der um diesen Preis

sein Leben erhandeln möchte. Sie spricht ihm endgültig das Todesurteil;

sie kann ihn nicht retten; das wußte sie vorher; er verdient nicht zu

leben; das empfindet sie jetzt und sagt es ihm.

Da tritt der Herzog dazu. Was hat er gehört! Von all diesen

Zusammenhängen, von seinem Statthalter Angelo!

Die Probe lehrt,

Wie sich im Machtbesitz der Schein bewährt.

Er hat’s geahnt, als er das sagte; diese drei, Angelo, Claudio und

Isabella, sind geprüft worden und haben ihr Innerstes, ihr Äußerstes

gezeigt; über ihre Grenze gegangen sind sie -- alle drei. Nun ist’s

höchste Zeit, einzugreifen, nach dem Rechten zu sehn und diese

verirrten Menschenkinder zu ihrem Maß zurückzuführen. Angelo zwar --

das muß noch näher untersucht, muß sehr behutsam behandelt werden. Die

entfernte Möglichkeit, daß er das Mädchen nur prüfen wollte, liegt

immerhin vor; und sehr wahrscheinlich ist es zum mindesten, daß er sich

so ausreden würde.

Das Drama ist in den drei Gestalten Angelo, Isabella, Claudio und ihren

Erlebnissen an einander bis zur Tragik gediehen. Nur das Vorspiel, nur

die Gewißheit, daß wir in einer Zwischenzeit der Prüfung sind, und die

Gestalt des Herzogs haben uns immer getröstet. Wie er jetzt mitten

in den exzentrischen Überschwang der todesbangen Lebenslust und der

lustverächterischen Tugend dazwischentritt, wie in die zum Höchsten

gesteigerte Verssprache seine kluge, sichere Prosa hineinredet, da

werden wir ganz ruhig, da biegt der Konflikt der von der Leidenschaft

Fortgerissenen in das überlegene Spiel eines Weisen, die Tragik in die

Komik um.

Wir wissen, der Herzog hat Angelo schon lange beobachtet und hat

Mißtrauen gegen seine Tugend gehegt; aber wir wußten nicht, daß er

mehr von ihm weiß, als wir bisher erfahren haben. Jetzt, so spät in

diesem Stück, dessen ganze Technik von allem Anfang an darauf angelegt

ist, Herrn Angelo sehr allmählich und immer mehr die Hüllen zu nehmen,

erfahren wir aus dem Gespräch des Herzog-Mönchs mit Isabella, was

Angelo noch auf dem Gewissen hat. Wir haben gesehen, wie dieser Jurist,

dieser Staatsheilige es seinem Intellekt erlaubt hat, seit langem die

Triebe und die Seele zu vergewaltigen; jetzt hören wir das Schlimmste,

was er sich und vor allem einem andern Menschen angetan hat. Er hat

eine Braut gehabt; hat es elenden Verstandesgründen erlaubt, die Liebe

zu diesem Mädchen, die er hegte, in ihm zu ersticken; hat diese Mariana

um einer verloren gegangenen Mitgift willen sitzen lassen. Jetzt

vereint der kluge Herzog, der Philisterbedenken nicht kennt, vielmehr

seiner herrlichen Losung folgt:

Tugend ist kühn und Güte niemals furchtsam,

der Mönch flicht Claudios Todesnot, Angelos Brunst, Isabellas tapfere

Tugend, Marianas Liebessehnsucht in eines: Isabella soll Angelo ein

kurzes nächtliches Liebesbeisammensein bewilligen; Angelo soll, ohne es

zu ahnen, statt ihrer Mariana umarmen:

Damit ist Euer Bruder gerettet, Eure Ehre unbefleckt, die arme

Mariana versorgt und der arge Statthalter entlarvt.

Wären wir von vornherein in einem lustigen Spiel gewesen, wo dann

aber von Anfang an Mariana dabei gewesen wäre, so wäre diese Lösung

nichts weiter als ein höchst übermütiges Motiv. Nun aber, wo wir so

zu teilnehmender Not hochgeführt worden sind, wo sich uns allmählich

erst das Rätsel Angelo erschlossen hat, das für uns immer noch nicht

ganz erklärt ist, von dem wir jetzt eben wieder Neues erfahren haben

und auf dessen noch tiefere Ergründung wir gefaßt sind, nun ist uns

diese plötzliche Wendung eine wahrhafte Erlösung. Der Dichter und sein

fürstlicher Mönch schalten mit uns, als ob die strafende Rede, die

dieser ans arge Leben gehalten hat, Wirkung getan hätte: das Leben

ist in sich gegangen; seine bebende Not und Gefahr war nur Schein

und Prüfung; alles, was wir da als Grauen erlebt zu haben glaubten,

ist, wenn wir näher zusehen, gar keine Wirklichkeit, ist nur Spiel,

sinnvolles Spiel, in dem sich die Bilder des Wesens tummeln. Und mit

einem Sinnspruch in dem Bänkelsängerton, den Shakespeare liebt, wenn er

die Naturgewalt der Tragik in das freie Spiel überleitet, faßt darum

der Herzog-Mönch die vergangene und künftige Handlung zusammen und

beschließt damit den dritten Akt.

Und doch wäre es -- mit Goethe zu reden -- ein klattriges Motiv,

welche Aushilfsrolle diese Mariana spielen soll, wenn der Dichter,

der so meisterhaft von innen heraus komponiert, Mariana nicht bei

ihrem ersten, späten Auftreten zu Beginn des vierten Aktes wie

umlodert zeigte vom Feuermantel der Liebesglut, die, verschmäht, in

sie zurückgeschlagen ist. Da verliert sich sofort der Eindruck, ein

Menschenkind solle als Mittel dienen, dazu noch mit seinem Geschlecht;

wir erleben, wie die Liebesvereinigung dieser Süchtigen eigenes,

äußerstes Bedürfnis ist.

Sie sitzt da, passiv, lechzend, wartend auf nichts; sie hört

schmachtend zu, wie ein Knabe ihr ein Lied, ihr Lied, das Lied ihres

brünstigen Verlangens und ihrer Verlassenheit vorsingt; eines der

wunderbarsten Liebeslieder, in dem die ganze Wonne des Schmerzes, der

ganze Schmerz der Brunst liegt; keine Übersetzung kann ihm Genüge tun:

Weg, o weg die Lippen dein,

Die so süßen Meineid schworen;

Weg dies Auge, Funkelschein,

Licht, das mir die Nacht geboren.

Nur die Küsse bring zurück, bring zurück,

Liebessiegel, falsche Siegel falschem Glück, falschem Glück!

Es geschieht nun alles nach dem Plan des Herzogs. Aber der weise

Dichter, der die Sensation, das bloße Sinnenbild, auch wenn es von

zentraler Bedeutung ist, gerne im Hintergrund läßt, wenn es die innere

Entwicklung nicht fördert und bloß die Erfüllung dessen zeigt, was wir

in der Anlage miterlebt haben; und der die Sensation im gröberen Sinn

des Wortes gewiß nicht auf die Bühne zieht, läßt nun alles, was wir

im Entwurf schon kennen, im Hintergrund vor sich gehn: wir sind nicht

bei Isabellas Gespräch mit Angelo, in dem sie ihm zusagt, sich ihm

preiszugeben; nicht einmal bei der Einweihung Marianas in den Plan,

und gewiß nicht bei Mariana-Isabellas nächtlicher Begegnung mit Herrn

Angelo. Shakespeare mit seinem zarten Takt hat Bühne und Sichtbarkeit

aufs feinste unterschieden: nichts, was geeignet war, das Menschenwesen

zu ergründen, hat er, der freie Geist, der er war, von der Bühne

verbannt; aber er hat auch gewußt, daß keusche Ohren in der Form der

Sprache, welche durch die Verwandlung des Sinnlichen in Geist alles

rein zu machen imstande ist, alles hören können, daß aber nicht alles

in sinnlicher Erscheinung gezeigt werden kann. So ist es unsäglich

weise, frei und witzig von ihm, daß er auf der Stufe der Handlung, wo

unzüchtige Seelen, deren es unter seinem Publikum genau so gut gab

wie unter seinen Kommentatoren späterer Jahrhunderte, Sinnenkitzel

und angenehmes Ärgernis von den Vorgängen erwarteten, die Bühne statt

dessen mit Szenen aus der niederen Welt der Kuppler und Verbrecher

füllte, wo eben die Gemeinheit nicht vor Augen, sondern zu Sprache und

robustem Spaß gebracht wird.

Die Zusammenhänge von Brunst und Machtgier, wie sie von Shakespeare

auch in andern Stücken aufgezeigt werden, stehen in der besondern Art

in der Mitte dieses Dramas, daß der Machthaber ein rigoristischer

Staatstyrann ist, solange er den Trieb zurückdrängt und ein Diener

am Wort ist, daß er dann ganz schlecht, in jedem Sinn wortbrüchig,

verräterisch und nur mehr auf seine Stellung und Sicherheit bedacht

werden muß, sowie die Lust ihn überwunden hat. Wollust wie Tyrannei

aber hat der Dichter diesmal noch in andre Verbindungen gebracht: wir

wandern vom Palast des Tyrannen zum Gefängnis, zu den Verbrechern,

zu den Henkern; von der Sinnengier des Mächtigen zu den Lieferanten

der Genußbefriedigung und den leichtlebigen Genießern; und durch das

alles geht noch das Verhältnis des Menschen zu der Instanz hindurch,

die, sollte man meinen, ihm die Lebenslust am gründlichsten austreiben

könnte: zum Tod. Wir sehen den prachtvollen Kerl, den Zigeunermörder

Bernardin, den sein langjähriger Aufenthalt im Gefängnis so wenig wie

der Gedanke an die seit vielen Jahren immer mal wieder bevorstehende

Hinrichtung oder ans Jenseits vom lustigen Leben abbringen kann, den

vollendeten Gegensatz in seiner zynisch robusten Gesundheit zu dem

weich genießerischen Claudio und seiner Todesangst; und wir gewahren:

nicht der Staat und nicht einmal der Tod mit ihrer Drohung von außen

vermögen es, die Triebe im Zaum zu halten und die Menschen entscheidend

auf neuen Weg zu bringen; nur zwei Menschen in diesem Drama, die vom

innern Sinn bedeutungsvoll zusammengedrängt werden, haben vermocht, die

Lust des Lebens, die übergreift und ausbricht, zu beschränken, mit dem

Tod einzuschränken, den sie in ihr Leben aufgenommen haben, mit der

Ordnung und Zucht, die nicht von außen auferlegt wird, sondern die das

Bedürfnis ihrer Seelen ist: Isabella und der Herzog, die Nonne und der

Mönch.

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 2 / 30 段