Escalus, der alte weise Mann, den der Herzog Herrn Angelo al

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Anmerkungen zur Transkription:

Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung

und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend

korrigiert bzw. ergänzt. Einige altertümliche Wortformen wurden vom

Autor offenbar in illustrativer Absicht eingefügt; diese Begriffe

wurden nicht verändert. Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht

vereinheitlicht.

Im Originaltext beginnen neue Absätze ohne Kennzeichnung durch

Einrückungen oder vergrößerte Zeilenabstände. In einzelnen

Fällen mussten daher vom Bearbeiter willkürliche, aber möglichst

sinngemäße, Entscheidungen bezüglich des Beginns eines neuen

Absatzes getroffen werden.

Wie bei den meisten Frakturschriften üblich, kann auch im Original

zwischen den Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht unterschieden werden.

Die Zuordnung erfolgte in einigen Fällen gezwungenermaßen rein

willkürlich; obwohl beispielsweise die Schreibweisen ‚Iago‘ und

‚Jago‘, sowie ‚Iachimo‘ und ‚Jachimo‘ gleichermaßen bekannt sind,

wurden in diesem Text die Formen ‚Jago‘ bzw. ‚Jachimo‘ verwendet.

Die Originalausgabe enthält am Ende des vorliegenden zweiten

Teiles ein Inhaltsverzeichnis für beide Bände, welches in der

elektronischen Fassung der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter

an den Beginn des Textes gestellt wurde.

Gesperrt gedruckte Passagen wurden mit _Unterstrichen_

gekennzeichnet; Stellen in Antiquaschrift sind von ~Tilden~ umgeben.

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Gustav Landauer

Shakespeare

Dargestellt in Vorträgen

Zweiter Band

1922

Literarische Anstalt Rütten & Loening

Frankfurt am Main

Alle Rechte, besonders die der Übersetzung, vorbehalten

~Copyright 1920 Literarische Anstalt

Rütten & Loening, Frankfurt a. M.~

6. bis 10. Tausend

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Inhaltsverzeichnis

_Erster Band_

Seite

Vorwort V

Romeo und Julia 1

Der Kaufmann von Venedig 42

König Johann 91

Julius Cäsar 139

Hamlet 189

Troilus und Cressida 256

Othello 303

_Zweiter Band_

Maß für Maß 1

Macbeth 48

König Lear 80

Antonius und Cleopatra 130

Timon 160

Coriolan 189

König Zymbelin und Das Wintermärchen 238

Der Sturm 269

Die Sonette 318

Shakespeares Persönlichkeit 371

Maß für Maß

Von dem Augenblick an, wo ein Registrator sich auf den Himmelsthron

setzt und mich als gebietender Gott zwingt, Shakespeares Stücke

ordentlich auf die gehörigen Rubriken zu verteilen, werde ich

Troilus und Cressida zu den ganz großen Tragödien, Maß für Maß aber

unbedenklich als größte zu Shakespeares Komödien stellen. Eine Komödie

größter Art ist dieses Stück gerade darum, weil es seinem Stoff nach

durchaus tragisch ist; die Komik liegt nicht im entferntesten in den

Geschehnissen, die zur Höhe der Handlung emporgeführt werden, nicht

einmal eigentlich in der Art, wie der Dichter die Welt, in der diese

Dinge geschehen, ansieht: die größte Schärfe des Blicks und Bitterkeit

der Stimmung ist mit unsäglich liebender Innigkeit und verzeihender

Milde verbunden, so daß ein Umfang der Empfindung von einer Weite und

Höhe entsteht, die man Heiterkeit oder Humor nur nennen kann, wenn man

jeglichen Beigeschmack von Vergnüglichkeit oder idyllisch kauziger

Beschränktheit aus diesen Begriffen entfernt; die Komik liegt vor allem

in der gleich von Anfang an vorbereiteten Wendung, die die Handlung

auf ihrem Höhepunkt nimmt: ein geheimer Lenker, ein ~deus~ nicht ~ex

machina~, sondern ~ex anima~ ist da, der mit einer liebenswürdigen

Grazie ohnegleichen wilde Wallungen besänftigt, schroffe Gegensätze

ausgleicht und den pochenden Schmerz der Leidenschaften in sinnvollen

Scherz und ernstes Spiel verwandelt. Wie wenn ein ironischer Gott

die Menschen erschaffen hätte und nun als Zuschauer sie frei

gewähren ließe, bis ihre Leidenschaften und Widersprüche zu solchen

Verwicklungen und Konflikten geführt hätten, daß sie ohne sein

Eingreifen verderben müßten, und dann käme er und lenkte sie mit

sanfter Bestimmtheit, wohin er sie haben will, so erschafft der Herzog

dieser Komödie einen Fürsten an seiner Statt mit dem Vorbehalt, ihm

eine Weile zuzusehen, zur rechten Zeit aber einzuschreiten. Die Ironie

weckt die Tragik und gestattet ihr ihre verzerrte Bahn, bis es der

Pein und des Frevels genug und schon fast zu viel ist und die Ironie

wieder die Herrschaft antritt.

Shakespeares Lustspiele könnte man einteilen in die Spiele, in denen

alle Erdenschwere in Ironie, Musik, Traum und Geisteszauber aufgelöst

scheint; dahin gehören der Sommernachtstraum und der Sturm; auch der

Kaufmann von Venedig, nur daß da das Geisterhafte ganz vom Menschlichen

und Natürlichen bestritten wird; und in die Stücke, die zwar oft in

dieses Reich hineinragen, deren Leichtigkeit und Spielerei aber zum

Teil auch daher kommen, daß der Dichter in ihnen etwas auszuruhen

scheint, nicht nur die Probleme, sondern auch die Durchführung leichter

nimmt und sich eine Umbiegung der Charaktere je nach dem Erfordernis

der Handlung und Bühnenwirkung keineswegs immer verbietet; Was ihr

wollt, Wie es euch gefällt, Viel Lärm um nichts sind die vollendetsten

Exemplare dieser Gattung. Aus diesem Bezirk ins Reich der großen,

bitter ernsten Komödie hebt sich Ende gut, alles gut, ohne die letzte

Vollendung zu erreichen. Diesem Schauspiel ist Maß für Maß in mehr

als einem Punkte benachbart; hier aber ist die Vollendung erreicht,

und die Wendung zum Sinnspiel bringt diese Dichtung wieder in die

Nähe der Gattung menschlich-natürlicher Märchen, die Der Kaufmann von

Venedig repräsentiert, nur daß im Kaufmann die Tragödie als alles

überschattende Episode im Lustspiel steht, während in Maß für Maß die

gesamte Handlung, in der alle Hauptpersonen stehn, zu tragischer Höhe

ansteigt, bis vom Scheitelpunkt an die Tragik mählich gemildert und in

Prüfung verwandelt wird.

Der erste Druck, den wir von dem Stück haben, steht in der Folioausgabe

von 1623. Nach einem Dokument, dessen Echtheit nicht völlig feststeht,

wäre das Stück 1604 am Hof aufgeführt worden.

Der Stoff findet sich zuerst in derselben Novellensammlung

Hecatommithi von Giraldi Cinthio, in der sich auch die Novelle vom

Mohren von Venedig findet; Shakespeare stützte sich aber überdies auf

zwei Arbeiten von Georg Whetstone, die Komödie Promos und Kassandra

(1578 gedruckt), und eine kurze Novelle, die er 1582 in der Sammlung

~Heptameron of civil discourses~ herausgab. Die ursprünglichen Namen

und Schauplätze Cinthios haben sowohl Whetstone wie dann wieder

Shakespeare verändert. Shakespeares Herzog Vincentio von Wien ist bei

Cinthio Kaiser Maximilian in Innsbruck, bei Whetstone König Corvinus

von Ungarn und Böhmen; der Statthalter heißt erst Juriste und dann

Promos; unsre Isabella bei Cinthio Epitia, bei Whetstone Kassandra; in

all diesen Fassungen vor Shakespeare muß dies Mädchen um der Rettung

ihres Bruders willen sich tatsächlich dem Statthalter hingeben; und aus

der Umgestaltung dieses Hauptmotivs, die Shakespeare vornahm, ergibt

sich schon, wie er mit dem äußern Stoff und innern Sinn im Kleinen und

Großen frei geschaltet hat.

Maß für Maß hat sehr vielen, die über Shakespeare geschrieben haben,

aus demselben Grund und im nämlichen Grad unangenehme Gefühle und

Verlegenheit erzeugt, wie Troilus und Cressida. Man hat von berühmten,

geachteten und anerkannten Männern Urteile gehört, wie: das Stück sei

auf _unsrer_ Bühne nicht möglich; für _unsern_ Geschmack dürfe bei

einem solchen Motiv von komischer Behandlung und Wirkung keine Rede

sein; _unser_ sittliches Gefühl werde in unerträglicher Weise verletzt;

und die üblichen Epitheta sind: peinlich, abstoßend, widerlich. Mit

alledem zeigen, die so schreiben, nur, daß sie für Shakespeare nicht

reif sind; und daß ihresgleichen in Ehren und nicht in verlachtem

Schimpf stehen, ist kennzeichnend für unsre öffentlichen wie geheimen

Zustände.

Ich sage von vornherein, daß mir Maß für Maß zu Shakespeares

vortrefflichst gebauten, schlagkräftigsten, spannendsten,

bühnenwirksamsten, innigsten, reinsten und reifsten, freiesten und

tiefsten Schöpfungen gehört. Kann es denn für eine Komödie, das heißt

für eine solche Darstellung von Gegensätzlichkeiten, über die wir

lachen dürfen, weil wir sie in uns und um uns zugleich kennen und nicht

kennen, in unsrer erbärmlichen Wirklichkeit kennen, in unserm Glauben,

Wünschen und Umschaffen nicht kennen, kann es tauglichere Motive geben,

sowie wir die Komik ernst genug nehmen und mit ihr nicht Vergnügliches

betrachten, sondern wollend in unsrer eignen Zwiespältigkeit eine

Entscheidung treffen? Wer, der in Betracht kommen will, ist denn durch

elende Lustigkeit, bei der die Gemeinheit mit der Gemeinheit lacht,

oder gar durch Frohsinn, bei dem der Philister mit den Philistern

vergnügt ist, so verdorben, daß er nicht weiß, daß das echte Lachen

der Komik ebenso gegen die Niedrigkeit Partei ergreift, wie die

Ergriffenheit der Tragik für die Hoheit und Innigkeit eintritt? Ich

habe das Wort Tränen hier vermeiden müssen, weil die Rührung allermeist

erbärmlich geworden ist und weil bei diesen edeln Tropfen nicht mehr

die adligen Gefühle der Teilnahme am Großen und Reinen, das beschmutzt

und zu Fall gebracht wird, von den Regungen der Tröpfe zu unterscheiden

sind; genau so ins Gemenge und in die Menge gekommen ist das Lachen,

das eine Steigerung sein sollte und allermeist eine Erniedrigung oder

Plattheit geworden ist.

Maß für Maß zeigt uns die Macht und den Mißbrauch der Macht; das

Verhältnis des wahren Menschen zu der Rolle, die er im Amt spielt;

die hohe richterliche Pose; zeigt uns den Mann, der in einem idealen

Wortgebäude wohnt, welches einstürzt, sowie der Sturm der Triebe

kommt; den Anspruch des Staates, regulierend und sittlichend ins

Geschlechtsleben einzugreifen, wobei sich dann ergibt: was für eine

Erfindung, vom Staat zu reden, als ob das ein Gebilde übermenschlicher

Art für sich wäre, und ist doch nur ein Name für Menschen und

Untermenschen! Einen Fürsten sehen wir, der wie Harun al Raschid im

Verborgenen, verkleidet, die Vorgänge in seinem Staat beobachtet,

Zeuge wird, die Fäden lenkt, alles zum Guten wendet, der Milde und

Nachsicht, vor allem aber Wahrheit an die Stelle der Strenge, der

Übergriffe, der Heuchelei setzt; dazu kommen die Probleme des Rechts,

vor allem des Strafrechts und geradezu der Strafrechtstheorie; der

Moral und Moraltheorie, der Gnade, der himmlischen und irdischen Liebe,

des Lebens und des Todes.

Dazu ist die Sprache dieses Dramas nach Form und Gefühls- wie

Gedankengehalt rein, reich, voll, kräftig, knapp; sie bringt Bilder

von wundervoller Ausdrucksgewalt; die Komposition ist glänzend und

sicher; die Abwechslung zwischen Verssprache und Prosa ist besonders

weise abgestuft; die Szenen der niederen Komik, diese burlesken

Scherzo-Variationen sowohl des erotischen wie des Beamtenthemas, die es

mit den entsprechenden in Viel Lärm um Nichts getrost aufnehmen können,

sind lustig, reich an Einfällen, famos; und selbst in diesem untern

Bezirk ist das höchste tragische Motiv mit Fug in eine keineswegs bloß

das Zwerchfell erschütternde, in eine schlechtweg erschütternde Komik

gewandt: da haben wir den Mörder und Räuber, der lustig leben und

sterben will.

Dies Stück, das, wie jedes von Shakespeares bedeutenden, seinen Sinn

nicht irgendwie sentenziös ausspricht, sondern sich deiktisch verhält,

ist darum auch nur denen voll zugänglich, die schauend, Gegensätze

schauend, empfindend, in der Phantasiesphäre zu denken vermögen, die

überdies das, was ihnen plastisch, als bewegtes, dissonierendes Leben,

als Gegensätze der Sphären, der Regungen, der Charaktere entgegentritt,

aufzulösen und zu vereinigen wissen in der Musik, die durch dieses

Stück so waltet wie in Rembrandts Schöpfungen. Das hat sehr schön Hugo

von Hofmannsthal gesehen und zum Ausdruck gebracht, und besonders gut

weist er auch auf diese gegenseitige Ergänzung des oberen und unteren

Bereichs hin: „Welche Lichter auf dem Finsteren, welches Leben des

Schattens durch das Licht.“

Das Stück setzt, so wie der König Lear, in der Staatsszene, die den

Eingang bildet, sofort mit einem Sprung in die Haupthandlung hinein:

der Herzog entfernt sich aus Wien, seiner Hauptstadt, und übergibt aus

besonderen Gründen dem jungen Angelo mit voller Statthalterhoheit das

Regiment; einen alten, klugerfahrnen Mann, Escalus, der eigentlich das

nächste Anrecht auf die Vertretung des Herzogs hätte, gibt er ihm nur

als Gehilfen bei. Was sind das für Gründe besondrer Art? Was ist Angelo

für ein Mann? Das merken wir, daß die besondern Gründe in ihm, in

seiner Natur liegen; ihn selbst aber, wie er ist, zeigt uns der Dichter

noch lange nicht; und auch, was der Herzog über ihn zu ihm selbst

äußert, ist zwar von entscheidender Wichtigkeit, aber mit Absicht

dunkel gehalten; so dunkel, daß die meisten Übersetzer, die ich habe

prüfen können, -- zumal der neueste und doch wohl allerschlechteste,

Hans Olden -- den Sinn verfehlt, oft ins Gegenteil verkehrt haben; der

Herzog sagt:

Angelo,

Auf deinem Leben zeigt sich eine Prägung,

Die dem, der aufmerkt, deinen Lebenslauf

Völlig enthüllt. Du selbst und deine Gaben

Sind nicht so ganz dein eigen, daß du dich

An deine Tugenden, noch sie an dich

Verschwenden darfst. Der Himmel macht’s mit uns,

Wie wir’s mit Fackeln tun: um ihretwillen nicht

Entzünden wir sie; wenn die Tugenden

Aus uns heraus nicht flössen, wär’ es so,

Als hätten wir sie nicht...

Ein paar Szenen weiter, nachdem Angelo dem Rat, dem Gebot prompt

gefolgt ist und schon begonnen hat, seine Tugenden in die Welt wirken

zu lassen, hören wir vom Herzog in seinem Gespräch mit dem Bruder

Thomas schon deutlicher, wie er’s gemeint hat: die scharfen Gesetze,

über die das Land verfügt, hat dieser Fürst in den vierzehn Jahren

seiner milden Regierung kaum zur Anwendung gebracht; so ist vielerlei

Zügellosigkeit eingerissen,

Die Freiheit zupft dem Rechte an der Nase;

würde er selbst jetzt mit einem Male auf die Gesetze zurückgreifen, die

fast vergessen wurden, so wäre das eine Härte, die er geneigt wäre,

Tyrannei zu nennen. Denn hatte er nicht selbst all die Schlechtigkeiten

geradezu geboten?

Denn wir gebieten’s,

Wenn wir der Übeltat den Freipaß geben,

Anstatt der Strafe.

Darum also soll Angelo,

ein Mann

Der keuschen Selbstbeherrschung und der Strenge,

wie uns jetzt gesagt wird, den Gesetzen wieder Geltung verschaffen.

Und mit den Worten, die wir vorhin hörten und die keineswegs bloß uns,

die auch Angelo selbst dunkel bleiben sollen, hat er ihn dazu bringen

wollen und dazu sofort dazu gebracht, aus sich herauszugehen und seine

Tugenden -- im Anschluß an die alten Gesetze -- an die Anwendung zu

lassen. Der Herzog hat aber, er deutet es Bruder Thomas schon an,

noch einen geheimen Hintergedanken: nicht bloß sollen die Gesetze

jetzt wieder zu Leben erweckt werden; diesen Statthalter, der nun auf

öffentlichem Gebiet seine Tugenden ans Werk lassen soll, will er prüfen.

Herr Angelo ist genau

Und sieht sich vor. Kaum, daß er zugibt, Blut

Fließ’ ihm in Adern oder es gelüste

Ihn mehr nach Brot als Stein; die Probe lehrt,

Wie sich im Machtbesitz der Schein bewährt.

Nach diesen Worten sehen wir schon viel deutlicher in das Verhältnis

des Herzogs zu dem jungen, begabten Mann, den er zu seinem Statthalter

gemacht hat: etwas Strenges, Asketisches, Welt- und Wirkungscheues

hat Angelo bisher an sich gehabt; drum hat der Herzog ihn ermahnt, er

solle sein Licht der Welt leuchten lassen, solle seine Tugend auf die

Menschen anwenden; und den weitesten Spielraum hat er ihm gelassen,

überdies noch zu dem Versuch, in seinem Staat für Zucht und Ordnung zu

sorgen. Bist du so tugendhaft, hier hast du Arbeit! Verschwende nicht

deine Tugenden in dir, in sich selbst; gib ihnen entfesselte Freiheit,

so wie in meinem Lande die bösen Triebe allzu lange diese Freiheit

genossen haben.

Das soll sich also nun zeigen; die Widersprüche der Menschennatur

sollen an den Tag kommen; der Gegensatz von Schein und Wesen, vor allem

von Reden und Handeln soll heraustreten. Ganze Systeme hat sich das

Reden geschaffen: das System der Tugend oder die Moral; das System der

Religion; das System des Rechts. Sie alle treten in diesem Stück auf

und spielen ihre Rolle; und ihnen allen treten die leibhaften Tatsachen

gegenüber und entlarven sie.

Eine kleine Probe solcher Kritik bekommen wir gleich zu Beginn der

zweiten Szene in einer kleinen episodischen Einlage. Der Herzog hat

absichtlich seine Spuren verwischt; am Hof meint man, er sei in den

Krieg gegen Ungarn gezogen; die Berufsoffiziere kennen aber seine

milde, vernünftige Natur und fürchten, es könne zu einem Vergleich mit

dem Feind kommen. Da seufzt einer den frommen Wunsch:

Der Himmel schenk’ uns Frieden; nur nicht mit dem

König von Ungarn!

Und ein andrer ruft Amen dazu. Da spottet der Edelmann Lucio mit seinem

bösen Mundwerk:

Du amenst wie der andächtige Seeräuber, der sich mit den zehn

Geboten einschiffte, aber eins davon von der Tafel auskratzte.

Da lachen sie und wissen gleich, welches Gebot der Seeräuber nicht mit

auf seine Berufsfahrt nahm: Du sollst nicht stehlen.

Ja, das schabte er weg.

Und einer der Offiziere macht sofort die aufrichtige Nutzanwendung:

Kein rechter Soldat ist unter uns, der im Tischgebet an der Bitte

um Frieden Gefallen fände!

So geht’s, das sehn wir sofort nach der kurzen feierlichen Einleitung

der Übergabe des Regiments, in diesem Staat, in dieser Stadt Wien zu:

es gibt gewisse allgemeine Normen, gewisse Lehren, die ihre Wortmacht

üben, so daß man sie mit den Lippen bekennt; aber im vertrauten

Kreis macht man kein Hehl daraus, daß dieses Allgemeine sich auf die

besondern Stände und Interessen in Wirklichkeit gar nicht anwenden läßt.

Und nun ist ein junger Mann ans Ruder gekommen, nicht durch Ehrgeiz

oder Usurpation; er hatte sich’s, wir haben es wohl zu beachten, nie

träumen lassen, so hoch hinauf zu kommen; und er muß ja auch von

vornherein annehmen, daß es nur für eine Weile ist und daß er für

alles, was er verfügt, Rechenschaft abzulegen haben wird; wir wissen

zunächst weiter nichts von diesem Statthalter, als daß er ein strenger

Idealist oder Ideologe sein soll. Wo wird er zunächst angreifen?

Welches Gebiet liegt seinem Reform- und Reinigungseifer am nächsten?

Noch ehe wir so weit sind, über Angelos Wesen, seine Sittenstrenge und

Selbstbeherrschung aus dem Mund des Herzogs etwas zu erfahren, sehen

wir, daß dies das Gebiet ist, auf dem der Rigorist vor allem eingreift:

die Gesetze zur Aufrechterhaltung und Hebung der Sittlichkeit sind

da -- nicht von diesem Herzog, der sie kaum angewandt hat, gegeben,

sondern von seinem Vorgänger -- nun soll Ernst gemacht werden. Die

Freudenhäuser in den Vorstädten sollen niedergelegt werden; den

Kupplern und Kupplerinnen will Herr Angelo das Handwerk legen; ein

junger Edelmann, Herr Claudio, der einem Mädchen -- das er sogar zu

heiraten gedenkt, nur aus Gründen der Mitgift ist der Akt verschoben

worden -- ein Kind gemacht hat, ist verhaftet worden; auf diesem

Verbrechen steht nach dem Gesetz der Tod.

An dem nämlichen Tag, an dem Claudio ins Gefängnis abgeführt wird,

tritt seine Schwester Isabella ins Kloster ein, um da als Novizin ihre

Probezeit durchzumachen. Aber sie wird ganz anders, als sie sich’s

dachte, wird mitten in der Welt geprüft, wird in die Prüfung Herrn

Angelos verwickelt. An sie wendet sich der Bruder durch Vermittlung

eines Freundes: sie soll durch Freunde und vor allem persönlich beim

Statthalter tun, was sie irgend kann, um ihren Bruder zu befreien. So

widerwärtig dem reinen Mädchen, das in einem Zusammenhang, von dem wir

nichts Äußeres wissen, im Begriffe steht, der Welt Valet zu sagen,

ehe es sie aus Erfahrung kennt, diese Männergeschichten sind, so weiß

sie doch, daß der Fall hier anders liegt, als der Anschein sagt: das

Mädchen, das Mutter werden soll, ist ihre Freundin, sie hat schon immer

gewünscht, daß ihr Bruder sich mit ihr vermähle. Und dann: der Tod!

Tod, weil gegen die Ordnung des Staats, aber nach der Ordnung der Natur

ein neuer Mensch geboren werden soll! Sie ist bereit, zur Rettung alles

zu tun, was sie kann.

Wie allmählich, wie zurückhaltend Shakespeare diesmal seine Motive

bringt! Da haben wir, jetzt ganz im Hintergrund, den Herzog, den die

Leute seiner Regierung und das Volk im fernen Polen glauben, der sich

aber in einem Kloster verbirgt, um bald als Mönch zum Volk und zum

Statthalter zu gehn, und zu sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Da

ist der junge Mann im Gefängnis, vom Tode bedroht, und seine fromme

Schwester soll helfen. Und da ist der Herr über Leben und Tod, der

stellvertretende Fürst, Herr Angelo, und noch wissen wir nichts von

seinem innern Wesen, noch kennen wir ihn nur aus Amtshandlungen und

Kennzeichnungen aus dem Munde andrer; von seinem privaten Leben sehen

wir gar nichts. Können wir uns auf das verlassen, was die Leute so

über ihn sagen, jetzt zum Beispiel Claudios mit dem Mundwerk so

leichtfertiger Freund Lucio, der Herrn Angelo also schildert:

... ein Mann, des Blut

Zerlass’ner Schnee ist; einer, der der Sinne

Begier und süßen Stachel niemals fühlt,

Nein, stumpft und schwächt den Antrieb der Natur

Durch Geistesarbeit, Fasten und Studieren.

Ist er so? Ist damit alles über ihn gesagt? Nicht sehr wahrscheinlich;

Lucios Psychologie steht auf schwachen Beinen: die Heiligen und

Anwärter zur Heiligkeit, die durch Fasten und Kasteien ihre Triebe im

Zaum halten, spüren die Regungen und den Aufruhr der Sinnlichkeit nur

allzu stark. Sollte das vielleicht der Fall des jungen, strengen Mannes

sein, den der Herzog jetzt aus seiner Abgeschiedenheit holte und in die

freie Welt, in die Welt des Befehls und der Verantwortung stellte?

Mit solchen Fragen und auf wahre Innerlichkeit gespannten Erwartungen

treten wir in den zweiten Akt ein, in dem nun sofort Angelo als

Hauptperson dasteht.

Bei einem Aufbau, wie ihn Shakespeare hier gewählt hat, daß eine

Person inmitten des Dramas agiert, deren letztes Wesen und Geheimnis

noch unbekannt bleibt und erst später enthüllt wird, könnte es eine

Schwierigkeit für den darstellenden Künstler sein, daß er von allem

Anfang an einen ganzen Menschen hinstellen muß, während wir nach der

Absicht des Dichters noch im Unbestimmten bleiben, das Ganze noch gar

nicht durchschauen sollen. Hier ist das keine ernste Schwierigkeit,

weil Angelo, das sehen wir jetzt sofort und er sagt es überdies selbst,

solange er’s irgend vermag, nicht in seiner privaten Menschlichkeit

unter die Leute geht, sondern in der Rolle seines Amtes. Wie es mit

ihm bestellt war, als er noch in seinem Wiener Palast sein strenges,

privates Leben führte, ob auch da die Sittenstrenge ein Gewand war,

das er aus Pflicht oder sonst einem Grund über seinen Menschen

streifte und nicht auszog, das wissen wir nicht. Jetzt aber ist er

vom Herzog mit dem Amtscharakter bekleidet worden; den trägt er, den

hat er darzustellen, das ist seine Aufgabe im Staat, dagegen darf

nichts aufkommen. Und das eben wird in dem Drama vorgeführt, wie der

zurückgedrängte Mensch Sieger über die Rolle wird. Selbst wenn das

nicht ein so wundervolles Motiv wäre, das unser aller Leben, das im

Haus und das auf dem Markt, aufs nächste angeht, so wäre es immerhin

erstaunlich, daß das Theater sich diesem Stück trotz manchen Versuchen

in Wahrheit noch heute verschließt, einem Stück, in dessen Mitte das

Problem steht, das den Schauspieler in seiner innersten Menschheit

angeht: der Konflikt zwischen der Rolle, die ein Mensch annimmt,

und dem von dieser Rolle unterdrückten Triebleben, das, während

die Amtsperson ihre Rolle agiert, eben in der Betätigung des Amtes

herausgekitzelt wird.

Escalus, der alte weise Mann, den der Herzog Herrn Angelo als nächsten

Berater unterstellt hat, bittet für den mit dem Tod bedrohten Claudio.

Da der Fall ihm arg ans Herz greift -- er hat Claudios und Isabellas

Vater gekannt und verehrt --, wird er sehr warm, und es fügt sich

natürlich, daß er Herrn Angelo sagt: Kein Zweifel gegen Eure strenge

Tugend; aber bedenkt doch nur, um welches Vergehen es sich handelt,

besinnt Euch auf Euch selbst; hätte sich die Gelegenheit günstig und

verführerisch erwiesen, hättet Ihr nicht denselben Fehler begehn

können? Das ist menschlich gefragt; was Herr Angelo zur Antwort gibt,

ist in großer Art unmenschlich und heißt nichts anderes als: Richtet

euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten, und noch viel

weniger nach Trieben, Gelüsten und Regungen meiner Natur.

Was Angelo hier, in Vornehmheit und Amtswürde eingehüllt, ohne mit der

Wimper zu zucken, ohne über seine Natur das geringste zu verraten,

verkündet, ist weder Tartüfferie noch Heuchelei zu nennen. So viel ist

jetzt schon sicher, wo wir den Mann immer noch von außen abtasten:

eine solche vereinfachende Karikatur wie den Tartuffe hat Shakespeare

mit diesem Herrn Angelo nicht dargestellt; eher könnten wir darauf

gefaßt sein, daß das, was Molières elende Psychologie als Heuchelei

des isolierten Individuums gegeben hat, von Shakespeare in seinen

gesellschaftlichen Zusammenhang eingefügt wird. Angelos Erklärung,

Recht müsse Recht bleiben, auch wenn unter den zwölf Geschworenen,

die einen Dieb verurteilen, einer oder zwei sitzen, die ärgere Diebe

seien als der Beschuldigte, seine Erklärung, der Richter habe das

Gesetz anzuwenden, ohne an seine eigene Natur, an seine eigenen

verbrecherischen Triebe auch nur zu denken, diese Losung, die wir

nannten: Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten,

-- das ist in Wirklichkeit die Losung jeglicher Kirche, worunter hier

jede Organisation zu verstehen ist, in der fehlbare Menschen die

Hüter und Rächer eines Idealismus sind. Es geht in dieser gewaltigen

Komödie nicht um so eine vom primitiven, abkürzenden, verleumderischen

Denken erfundene Figur wie den Tartuffe, mit der man die Lacher aller

Stände mit Ausnahme des jeweils betroffenen immer auf seiner Seite

hat, sondern es geht um dieses Grundproblem der Kirche, der Schule,

des Staats und seiner Rechtsordnung, um ein Problem von unendlicher

Erhabenheit und unendlicher Komik, um ein Problem, das immer wieder

neu ersteht, solange der Pfarrer in der Sakristei den Talar über den

bürgerlichen Anzug streift, unter dem sein nackter Leib sitzt, solange

der Richter in der Robe sich zur Frühstückspause zurückzieht, solange

es in unsern Menschengesellschaften Bacons Idole gibt, an welche man

hier, ohne vor den törichten Schlußfolgerungen der Baconianer Angst zu

haben, sachlich zu erinnern hat[1]. Ehe wir Herrn Angelo wegen der

These, die er hier verficht, einen Heuchler nennen, wollen wir uns

besinnen, ob wir nicht wie er in unsrer Maske stehn, wenn wir als Vater

oder Mutter mit unsern Kindern, als Kaufmann mit unsern Kunden, als

Offizier mit unsern Soldaten, als Arzt mit unsern Patienten, als Mann

mit der Frau, als Mensch mit Menschen, ja sogar als einzelner mit uns

selbst und unsern Bedürfnissen zu tun haben.

Vielleicht verstehen wir jetzt besser, was es mit dem Problem auf

sich hat, das Shakespeare hier behandelt, und mit der Behauptung

der Prüderie, dieses Problem könne und dürfe bei uns nicht komisch

behandelt werden, das Problem nämlich des Zusammenstoßes zwischen

Geschlechtsleben und Rechtsordnung. Vielleicht verstehen wir jetzt

besser, warum es grade die Grundnatur des Tiermenschen, das Geschlecht

ist, mit dessen Regulierung sich hier der Fürst und oberste Richter zu

beschäftigen hat. Vielleicht verstehen wir jetzt auch schon, warum in

diesem Stück die niedrige Sphäre der Hurenwirte und Kuppelknechte einen

so breiten Raum einnimmt, verstehen, warum hier auch der niedrigste

Standpunkt der Kritik an diesen Regulierungen des Staates zu Wort

kommt, so, wenn zum Beispiel der Kuppelknecht, der den pompösen Namen

Pompejus führt, bei den neuen Maßnahmen und Verfolgungen erstaunt fragt:

Soll die ganze Jugend in der Stadt kapaunt und wallacht werden?

Und wie das verneint wird, begreift er gar nichts mehr; braucht man

denn nicht Freudenhäuser oder so ähnliche Anstalten, solange es lockere

Buben und liederliche Dirnen gibt?

In der Tat ist das Geschlechtsleben von allen Grundtrieben des

Menschen bei weitem der geeignetste, um auf der Bühne mit der Maske

der Gerechtigkeit und Hoheit konfrontiert zu werden. Ein Zeichner kann

eine komische Wirkung schon erzielen, wenn er einen Priester den Talar

hochheben läßt, um, sagen wir, einen Floh zu fangen; oder wenn er einen

Monarchen in seinem Ankleidezimmer im Hemd zwischen den Uniformen

seiner verschiedenen Regimenter und Feldherrnstellen im In- und Ausland

zeichnet; eminent komisch wirkt es, wenn wir etwa in einem Briefe

Mirabeaus lesen, die Abgeordneten der Nationalversammlung hätten eine

Sitzung in einem entscheidenden und kritischen Moment unterbrochen,

weil sie das Bedürfnis verspürten, zu pissen; aber alle solche

natürlichen Bedürfnisse und Verrichtungen, auch das Essen und Trinken,

haben nicht annähernd eine so seelische Weite wie das Geschlecht,

das in seiner Verbindung mit Wildheit, unbezwingbar Leiblichem und

erschütterter Innigkeit das Tierische in uns mit der Phantasie und dem

Geiste in nächste Beziehung bringt, das vor allen Dingen durch seine

Polarität das Element des Dramatischen schon in sich trägt. So daß mich

dünkt, Shakespeare hätte sich auf das, was aus dramatischen und eminent

wichtigen ethischen und sozialen Gründen auf unsre Bühne gehört und in

höchst bedeutendem Sinne komisch zu behandeln ist, besser verstanden

als seine Kritiker.

Irgend etwas muß in Angelo leben, was ihn zu der unnahbaren Pose des

Monarchen, der die staatliche, schon fast die göttliche Gerechtigkeit

zu repräsentieren hat, besonders geeignet macht; und der Herzog muß

es bemerkt haben. Aber ein andres -- oder ist es das selbe? -- lebt

noch dazu in ihm, was die Grenze der Strenge bis zur Härte, bis zu

einer fast wilden Grausamkeit hin überschreitet. Von dem Verhör der

armseligen Kupplergesellschaft wendet er sich schließlich wie ein

Gelangweilter ab und kann den Wunsch nicht unterdrücken, es möchte

sich Grund finden, alle miteinander auszupeitschen. Mild und klug, als

ein Mann, der in seinen hohen Jahren es noch nicht aufgegeben hat, mit

Warnungen, Verweisen, bedingter Strafandrohung zu arbeiten, zeigt sich

dagegen Escalus. Aber er, so will es für diese Zwischenzeit der Prüfung

der Herzog, darf der Gerechtigkeit, sagen wir besser, der Justiz, nur

dienen; Angelo ist ihr Herr.

Zu diesem Herrn des Rechts, der schon auf den nächsten Tag die

Hinrichtung Claudios verfügt hat, kommt nun, um den Starren zu beugen,

die angehende Nonne Isabella, des Verurteilten Schwester. Himmel

und Welt treffen da auf einander, Welt in den beiderlei Formen von

Staatsregiment und privatem Libertinismus. Furchtbar ist es diesem

herben, keuschen Mädchen, daß sie für eine Sünde eintreten muß, die ihr

vor allen verhaßt ist; so sind in diesem Zwiegespräch, das nun anhebt,

die Rollen verteilt: Isabellas Natur sträubt sich gegen alles, was mit

geschlechtlicher Unordentlichkeit im geringsten zu tun hat, sie hat

aber, aus Liebe zu ihrem Bruder, das Amt übernommen, ihn zu erretten;

Herr Angelo hat das Amt, ihn zum Gericht und zum Tode zu bringen; wie

steht es mit seiner Natur? Was sagt die dazu?

Isabella hebt damit an, daß sie bittet, die Schuld und den Schuldigen

zu trennen; die Schuld soll verdammt werden, nicht ihr Bruder.

Schwächer könnte sie’s nicht beginnen; aber auch nicht gefährlicher

für sich selbst; denn was geht es den Hüter des Rechts an, daß der

Verurteilte eine Schwester hat? Lenkt sie nicht in ihrer Verlegenheit,

in ihrer Scham sofort den Blick auf sich? Und tut sie übrigens damit

nicht das, was ihr verzweifelter Bruder und sein leichtfertiger Freund

Lucio von ihr erwarteten? Wenn Claudio meinte:

Ihre Jugend

Spricht sprachlos eine wirkungsvolle Mundart,

was kann er andres gewollt haben, als daß sie mit ihrem Persönlichen

durch die starre, stachlige Hecke des Rechts hindurch auf die Person

Herrn Angelos wirken solle? Wie schön wäre das, wenn die reine

Menschlichkeit der Jungfrau alle Überzüge, Decken, Masken und Kostüme

der Wortsysteme entfernte und zur reinen Menschlichkeit des Fürsten

durchdränge? Aber ist das, in dieser Situation, unter Menschen, wo

ein Menschliches ganz andrer Art dazwischen steht, zu erwarten? Wird

es vielmehr nicht dahin kommen, daß Mensch von Mensch, wie sie jetzt

getrennt sind durch das trotz allem ideale Gestrüpp des Rechts, nach

dessen Entfernung noch viel tiefer getrennt sind durch das, was sich

statt dessen zwischen ihnen erhebt und sie zusammenwerfen will? Das ist

die Frage, vor die wir jetzt gestellt sind; und um dieser Frage willen

ist das Stück so gebaut, daß wir Herrn Angelo nicht kennen, nichts von

seinem Wesen, nichts von seinem Leben.

Auf diese Anforderung Isabellas, die Schuld zu verdammen, aber nicht

den Schuldigen, hat der Mann des Strafrechts leicht antworten. Die

Schuld zu verdammen, einmal für alle, dazu ist das Gesetz da. Er hat

gerade das Amt, das Gesetz anzuwenden, ohne Ansehen der Person, auf die

Personen, die es übertreten. Isabella, der ihre Rolle über die Kraft,

so ganz gegen die Natur geht, sieht es seufzend ein und will gehen.

Lucio hält sie zurück, ermahnt sie, flehentlicher zu sprechen; erinnert

sie, daß es ums Leben geht. Das bringt sie zu größerer Klarheit, was

hier ihres Amtes ist; sie darf nicht mit dem Wahrer des Rechts rechten,

sie hat um Gnade zu bitten. Das aber ist ein Punkt, wo irgend etwas in

ihm ganz besonders empfindlich getroffen sein muß; er scheint sich noch

fester in den Mantel der Justiz einzuhüllen, ehe er schroff zur Antwort

gibt:

Ich will’s nicht tun.

Kaum, daß er als Mann, der sich eifrig, eifersüchtig an die

Wahrheit hält, anderes sagen kann. Er ist ja nicht bloß der oberste

Gerichtsherr; ihm ist in vollem Maße, ohne Einschränkung, auch die

Gnade anvertraut worden. Das entnimmt sie, die, wir merken es mehr

und mehr, eine der Frauen ist, die den Geist haben, der ihrer schönen

Natur gewachsen ist, seiner kurzen Abweisung sofort; sie wird wärmer,

weil sie nun am rechten Ort ist, und fragt, stellt fest, er könne also

Gnade üben, wenn er nur wolle. Das rührt nun wieder an ein ungeheures

Problem, an kein geringeres als das der Willensfreiheit. Herr Angelo

hat in seinem Leben offenbar Gründe genug gehabt, sich mit ihm zu

beschäftigen; und der Rigorist hat es in seiner Art gelöst:

Was ich nicht tun will, seht, das kann ich nicht.

Was hilft da alles Zureden? heißt diese Antwort, aller Versuch, ihn

umzustimmen? Er kann doch den Willen nicht haben, den Schuldigen zu

begnadigen. Während wir aber dieser Dialektik zuhören, achten wir noch

auf etwas andres, kaum Merkliches. Der Mann, der da cäsarisch als Fürst

steht, ist kurz, schneidend, schroff, sachlich in seinen Antworten bei

dieser Audienz; er will seine Schuldigkeit tun, die Fürbitte zu hören,

nichts weiter. Da fällt es auf, wie er allmählich ein ganz klein wenig

weicher, wie auftauend wird; mal fügt er als Anrede das Wort „Mädchen“

in eines seiner knappen Sätzchen ein; mal mildert er eine Schroffheit,

indem er „~look~“, seht her, dazu sagt. Man könnte wohl einwenden,

das seien kleine Flickworte des Versdichters; aber da kennte man

den Shakespeare dieser Stufe schlecht! Bei einer solchen Szene ist

jedes Wort erwogen und steht kein Wort umsonst; und so sind wir an

dieser Stelle schon ahnungsvoll gespannt, was sich weiter mit seiner

Menschlichkeit begeben wird.

Und siehe da! Gleich bei seiner nächsten Replik ergibt sich zur

Evidenz: der Mann ist verwirrt, er ist nicht mehr ganz verwachsen mit

seiner Rolle, etwas in ihm fängt an, den Mann von dem Gewandträger

loszulösen und einen Spalt zu eröffnen. Denn diese Antwort:

Er ist verurteilt; ’s ist zu spät,

hätte er in normaler Gemütsverfassung nie geben können; so weit kennen

wir den gegen sich selbst viel mehr noch als gegen andre harten

und gewalttätigen Mann nun schon aus Schilderungen und aus seinem

eignen Auftreten. Von der Gnade ist jetzt die Rede; er kann es nicht

vergessen haben; und für Gnade ist es niemals zu spät. Isabella merkt

auch sofort, daß da so etwas wie eine nachgiebige Stelle ist; jetzt

erst läßt sie ihre schöne Menschlichkeit in ihr bitteres Geschäft,

sie wird warm, lebhaft beseelt. Sie weiß ja, fühlt ja im Innersten,

daß die Gnade, die menschliche Nachsicht mit der wahren Menschheit,

wie sie in ihr selber lebt, mehr zu tun hat als das starre Recht. Sie

spricht als eine Liebende; Eros redet aus ihr; und sie, die Strenge,

Züchtige, Herbe, beinahe schon Nonne, ahnt nicht, wie der Eros und das

Geschlecht bei dem einen aufs feinste, bei dem andern aufs gröbste und

leidenschaftlichste beieinander wohnen, sie ahnt nicht, was sie in

dem Manne erweckt, dem sie mit ihren kühnen, beflügelten, erwärmenden

Worten, mit der ganzen Bewegtheit ihrer Seele, die aus Augen und Mienen

und Haltung zu ihm hinüberstrahlt, das Amtskleid herunterreißt! Sie

will die Liebe, die Gnade darunter zeigen, wenn sie sagt:

Seid gewiß,

Nicht festliches Gepräng’ und große Herrn,

Nicht Königskrone noch Statthalterschwert,

Des Marschalls Stab, des Richters Amtsgewand,

Nicht geben die nur halb so schönen Schmuck,

Wie Gnade gibt.

Irgendwie wird auch in ihr selbst in dem Grade und in der Art, wie

es der keuschen Seele ziemt, damit, daß sie das so sagt, eine Hülle

dünner, die das Geschlecht von dem Geiste des Eros in ihr trennt,

und sofort findet sie die Brücke von ihrem Appell an die Gnade zu

der Betrachtung: Wie bist du Mann denn eigentlich selbst in deinen

Regungen?

Wär’ er wie Ihr, und wäret Ihr wie er,

Ihr wärt wie er gestrauchelt, doch nicht wär’ er

Wie Ihr, so finster streng.

Das trifft; diese Betrachtungen liegen dem Mann des Determinismus nahe

genug; und vielleicht hat er auch sonst in seinem Inwendigen Gründe zu

solchen Erwägungen, der Heilige? Aber heute hat er ganz Ähnliches schon

einmal gehört, von Escalus, und da hat er scharf und trefflich erwidern

können, ganz in der Hoheit des Amtes und der Ideologie:

Nicht dürft Ihr sein Vergehn drum schmälern, weil

Auch ich ja fehlen könnt’, nein, lieber sagt mir,

Wenn ich, der ihn bestraft, mich so vergehe,

Mein eigner Spruch sei dann mein Todesurteil.

Was aber weiß er jetzt zu erwidern? Er sagt:

Ich bitt’ Euch, geht nun,

sagt es dumpf, als handle es sich um etwas für ihn Persönliches, was

er fast nicht mehr aushalten könne. Sie aber wird davon, von diesem

Hauch des Verstehens, der von ihm zu ihr geht, nur kühner, sie ist

jetzt mit Feuereifer, mit Hingegebenheit, mit Größe bei ihrer Sache.

Erst zeigt sie ihm, was sie für ein ganz andrer Richter an seiner Statt

wäre, wenn er als Isabella vor ihr stände; sie kann nicht ahnen, was

sie mit dieser Vertauschung in dem wüsten Manne anrichtet, der bei

dieser Vorstellung fast zurückweicht; Lucio, der mit dem Kerkermeister

dabei steht, merkt es wohl. Sie aber ist eine so reine himmlische

Seele und lebt so in den innigsten Vorstellungen ihrer Religion, daß

sie von diesem Gedanken, sie wäre Richter, sofort wieder zur Gnade

übergeht, die seinen mechanisch stereotypen Einwand, das Gesetz habe

gesprochen, fortweist. Und wieder, von noch höher oben, erinnert sie

ihn: Bist nicht auch du ein Sünder? Ähnlich ihrer Schwester Porzia,

aber christlicher getönt, wie es der Novizin natürlich ist, ruft sie

ihm in die Seele hinein:

Wie? Was an Seelen war, das war verfallen,

Und er, dem Fug und Grund zur Strafe war,

Fand noch Vermittlung. Was wohl würd’ aus Euch,

Wollt’ er, der Allerhöchste des Gerichts,

Euch richten, wie Ihr seid?

Während sie so sprach, dadurch, daß sie so sprach, ist viel, ist

Großes, ist fast schon Entscheidendes in ihm vorgegangen. Irgend

einer in ihm hat einer Stelle in ihm eine Erlaubnis gegeben; etwas

ist losgelassen worden. Er wird aufgeräumt, zutraulich, freundlich,

und -- oh über uns seltsame Menschenkinder! über das absonderliche

Verhältnis in uns zwischen Trieb und Geist! -- gerade dadurch, daß er

da drunten irgendwo den Mann der Erhabenheit, den Mann im Amtskleid

verrät und dadurch freier wird, ein Erlöster in ganz anderm Sinn, als

die Christin jetzt eben dies Wort an sein Ohr klingen läßt, grade

dadurch kann er die Sache seines Amtes jetzt wieder besser, jetzt

wieder mit trefflichen Gründen verteidigen. Er ist nicht mehr starr und

zugeknöpft; „schönes Kind“ sagt er zu ihr, und wie sie denn wieder,

jetzt gar nicht mehr widerstrebend, im Feuereifer ihrer Rolle, der

sie so sehnsüchtig Erfolg wünscht, von den „Vielen“ spricht, die

dasselbe getan wie ihr Bruder, da doziert er ihr mit offenbarer Freude,

wohlgefällig und mit vorzüglicher Beherrschung der Sache seine Theorie

des Strafrechts:

Nicht tot war das Gesetz, wiewohl es schlief.

Die ‚Vielen‘ hätten nicht gewagt den Frevel,

Wenn gleich der erste, der die Vorschrift brach,

Gebüßt hätt’ seine Tat.

Und wie sie ihn von dem starren Recht abbringen will und sein Mitleid

anruft, da fährt er gewandt, elegant, beredt und grausam fort, Mitleid

erweise er am meisten, wenn er Gerechtigkeit erweise:

Denn Mitleid zeig’ ich dem, den ich nicht kenne,

Den die erlaßne Schuld einst schäd’gen würde,

Und tu’ dem Recht, der, büßt er ein Vergehn,

Ein zweites nicht erlebt...

Das alles ist für Isabella, an der wir mit immer innigerer Freude

die schöne, seelen- und geistvolle Natur entdecken, unbegreiflich

unmenschliche Überhebung und Pose; so ein kleiner Mensch will den

strafenden Gott spielen, wo Gott selber lieber für unsre Sünden den

Martertod erlitt, als daß er strafte!

Oh, es ist herrlich,

Zu haben Riesenkraft; doch ist’s tyrannisch,

Zu brauchen sie als Riese!

Sie fühlt sich ihm nun, ohne zu ahnen, wieso der Machthaber

einschrumpfte und der Mensch vor ihr wie in Fesseln kam, überlegen; es

kommt wie Glück, wie Heiterkeit über sie; und mit der Vorwegnahme des

Gefühls, sie könne ihren Bruder retten, fällt von ihr das Christelnde

ab; sie wird weltlich, witzig, heidnische Vorstellungen, in denen sie

in der gebildeten Sphäre ihres edeln Vaters aufgewachsen ist, werden

von Angelos Theorie des gestrengen Rechts, nach dem jeder für seine

Taten büßen muß, damit andre sich von ihnen abschrecken lassen, erweckt:

Wenn Große donnern könnten,

Wie Zeus es selbst kann, Zeus fänd’ nimmer Ruhe,

Denn jedes winzige Beamtlein würde

Aus seinem Himmel donnern, nichts als donnern!

Sie erkennt, sie durchschaut den Mann, der jetzt selbst wie

niedergedonnert kläglich vor ihr steht, wäre sie gleich erschrocken,

wenn ihr einer von einem Wissen in ihr spräche, von dem sie in der

obern, oberflächlichen Region unsres Geistes nichts weiß. Sie redet von

dem Hochmut des Menschen; und in dem

~man, proud man~

klingt noch etwas anderes, klingt das spezifisch Männische in dem

herrschenden Menschen an; von der armseligen autoritären Gewalt redet

sie, von der gläsernen Gebrechlichkeit dieses Herrschaftsmannes, der

sich wie ein wütiger Affe aufspielt, -- sie weiß und weiß nicht, was

sie dem Manne da vor ihr, da unter ihr sagt. Er wird ganz verwirrt,

weiß gar nichts mehr zu sagen, schweigt und stammelt schließlich

beinahe die Frage, wozu sie ihn mit all den Worten überhäufe; und sie

nimmt herzhaft ihre ganze Kühnheit zusammen und schneidet mit großem

Zuruf den Würdenträger vom Menschen ab:

Greift in den Busen,

Klopft an und fragt Euer Herz, ob nichts drin wohnt,

Gleich meines Bruders Fehl. Wenn’s nur bekennt

Natur_trieb_, so zu sündigen wie er,

So tön’ auf Eurer Zunge auch kein Laut

Von meines Bruders Tod.

Nönnlein! Nönnlein! Nur allzu gut ist dir geglückt, was du da

unternahmst! Isabella hat Herrn Angelo mit diesen Worten, mit all

ihrem schönheitsvollen, seelenberauschten Wesen das Amtsgewand

heruntergezogen; aber der Arme, der Gepeinigte, der Peiniger seiner

selbst! Darunter ist, meint er, nicht die seelenvolle Güte und Gnade,

sondern der nackte, pochende, fiebrig gierende Leib. Wir aber, die

wir ihn besser kennen, als er sich selbst, dürfen vorwegnehmend

sagen: der Mann, der so lange den kalten Juristen sich und der Welt

vorgespielt hat, der strenge Mann, der sich selbst vergewaltigt, der

seine Triebe unterdrückt hat, der vielleicht von einer Gewissensschuld

erdrückt wird, die er weit aus dem Gedächtnis verbannt, der nimmt

da etwas für Brunst, für wütende, unwiderstehliche Geilheit, was

seelische Innigkeit, was Mitfreude wäre, wenn er seine gute Natur nicht

verfälscht und verwandelt hätte. Kaum ist sie weg -- denn sowie er die

Sinnlichkeit deutlich in sich hochsteigen fühlt, schickt er sie eilends

fort, morgen soll sie wiederkommen, er flieht vor ihr und vor sich

selbst, indem er sie für heute entläßt, aber -- wie vielfältig ist der

Mensch! -- heute sind auch Zeugen bei der Unterredung, morgen werden

sie wohl allein sein -- da bekennt er sich, da fragt er sich staunend:

Ist es möglich denn,

Daß Sittsamkeit mehr unsre Sinne aufrührt

Als Weiberlockung?

Es ist nur möglich bei Gewaltsmännern gleich ihm, die so anfällig sind,

daß sich in ihnen die wunderzarte Erotik, die bei jeder Seelenfreude,

Seelenbewegtheit auch das Geschlecht leise rege macht, in tobende Sucht

verwandelt. Er wehrt sich, wehrt sich mit gewaltiger Anstrengung, hält

sich ihre Reinheit, ihre Tugend, ihre Himmelsart vor, aber gerade

damit, daß er ihre Seelenschönheit und den Ausdruck, den sie im

bewegten Leibe findet, vor seine verwahrloste und verderbte Phantasie

stellt, wird sein schmerzlich-begehrender Überwältigungstrieb zu diesem

Weibe hin immer ärger.

Dieses Gespräch zwischen Angelo und Isabella ist von dem zweiten,

das, wir fühlen es voraus, entscheidend sein wird, nur durch eine

kurze Szene getrennt, die uns in unsrer erwartungsvollen Erregung

eine Trosteshoffnung bringt: der hinter alledem steht, der diese

Zwischenzeit der Prüfung gewollt und so ähnliche Ereignisse vielleicht

gar vorhergesehen hat, der Herzog ist als Mönch in dem Gefängnis

eingetroffen, in dem der junge Claudio auf seinen Tod wartet, und

versteht sich gut mit dem braven, menschenfreundlichen Kerkermeister.

Und dann sind wir wieder bei Herrn Angelo. Er erwartet Isabella; er

möchte beten, aber Isabellas Gestalt tritt zwischen ihn und Gott;

er will sich an den Staat, dem sonst all seine Gedanken gelten,

anklammern, aber mit einem Mal, zum ersten Mal, findet er diese

Beschäftigung langweilig und abgedroschen. Sonst streckte er sich stolz

in Amt und Würde hinein und stand aufrecht und -- er bekennt es sich

-- eitel in dieser Figurine da; jetzt sieht er ein: Rang und Form sind

äußre Schale und Gewand, doch

Blut bleibt Blut!

Shakespeare (Volume 2 of 2) Dargestellt im Vorträgen · 第 1 / 30 段