Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde und
Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren Maschinen
sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige Laut, den man
hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der Wind herübersteht,
schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein anderer Laut ans Ohr, -- das
klappernde Geräusch der Mähmaschinen unten am Horizont. Zuweilen hört
man diesen Laut ganz merkwürdig nahe.
Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten Westen,
ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, und es sind
mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen. Die Häuser der
Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine Klippen, die aus dem
unübersehbaren Weizenmeer aufragen.
Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum späten
Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen beschäftigt.
Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden
Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen Pferden;
aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige Frau auf der
Billybory-Farm.
Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern in
dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt die Luft
ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.
Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen, spangedeckten
Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt wird, hört man die
Stimmen und Schritte des Kochs und seiner beiden Gesellen, die sich in
größter Geschäftigkeit regen. Sie feuern die großen Herde mit Gras,
und der Rauch, der aus dem Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und
Flammen vermischt. Wenn das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen
hinausgetragen und auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt,
und die drei Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.
Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig, von
militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht offen, und
sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von aller Welt Polly
genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit einem Papagei hat.
Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er
ist literarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch ein
Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte Nummer von
einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt er keinem der
Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche liegen, um sie in seinen
freien Augenblicken zur Hand zu haben. Und er benutzt sie mit großem
Fleiß.
Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und eine
Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um darin zu
lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch anzubieten,
die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor seinen Augen;
dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung des Kochs in der
Hand zu halten und bei der großen Schrift der Anzeigen zu verweilen.
Aber der Koch vermißte augenblicklich seinen Schatz, suchte Zachäus in
seinem Bett auf und riß die Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein
heftiger und lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.
Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er
schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
jemals einen Soldaten gesehen habe und ob er die Einrichtung eines
Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er sich nur
lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht nehmen! Und das
Maul solle er halten! Was er im Monat verdiene? Ob er etwa Häuser in
Washington habe, ob seine Kuh gestern gekalbt habe?
Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den Koch,
daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin anrichte.
»Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, Zachäus, sei
ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung wieder hingelegt haben,
nachdem er sie studiert hätte. »Steh' nicht da und spuck' auf den
Fußboden, du schmieriger Hund!«
Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in dem
wütenden Gesicht.
Aber seit jenem Tag herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den beiden
Landsleuten. --
Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und speisen
jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von allen Ecken
herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen sich unter die
Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten während der Mahlzeit zu
ergattern. Nach zehn Minuten ist das Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt
wieder im Sattel und kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und
die Proviantwagen fahren wieder nach der Farm zurück.
Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und Kummen nach
der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber draußen im
Schatten hinter dem Hause und liest zum tausendsten Male seine Gesänge
und Soldatenlieder aus dem teuren Buch, das er aus dem Fort im Süden
mitgebracht hat. Und da ist Polly wieder Soldat.
_II_
Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen mit
der Arbeiterschar langsam aus der Prärie heim. Die meisten waschen
ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot gehen, einige
kämmen sich auch die Haare. Da sind alle Nationen und mehrere Rassen
vertreten, da sind jüngere und ältere Personen, Einwanderer aus Europa
und eingeborene amerikanische Landstreicher, alles mehr oder weniger
Vagabunden und verunglückte Existenzen. Die wohlhabenderen der Bande
tragen einen Revolver in der hinteren Rocktasche. Das Essen wird
gewöhnlich in großer Hast eingenommen, ohne daß irgend jemand was sagt.
Die vielen Menschen haben Respekt vor dem Aufseher, der selber an der
Mahlzeit teilnimmt und über die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit
beendet ist, begeben sich die Leute sofort zur Ruhe. -- -- --
Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von Schweiß
geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf seinen Rücken
brannte.
Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem großen
Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln in die Nacht
hinaus.
Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit Wasser
standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser sorgfältig während der
Regentage sammelte, denn das Wasser von Billybory war zu hart und zu
kalkhaltig, um darin zu waschen.
Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd ab und
fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, es fror ihn
gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er pfiff sogar leise
vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.
Da öffnete plötzlich der Koch die Küchentür. Er hielt eine Lampe in der
Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.
»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.
Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus zu und
fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«
»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.
»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast es
genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«
Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem an,
seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.
Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.
Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem kleinen
Ferkel? Mein eigenes Wasser!«
»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um. »Ich
habe es benutzt!«
Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst du die?«
»Ja,« antwortete Zachäus.
»Ich will sie dich kosten lassen!«
»Wenn du es wagst!«
Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und im
selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen ein
Geheul über das andere aus; das war der Ausdruck ihres Beifalls und
Wohlbehagens.
Zachäus aber hielt nicht lange stand.
Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze, seine
Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten zu können.
Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt über den Platz
und fiel dann um.
Der Koch wandte sich an die Menge:
»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn gefällt!«
»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.
Der Koch zuckte die Achseln.
»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein
großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft den
Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck verleihen,
er wird literarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,« sagt er. »Laßt
ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel Webster? Kommt her und
will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, der ich für Generale gekocht
habe! Ist er Oberst der Prärie, frage ich?«
Und alle bewunderten Pollys Rede.
Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so verbissen,
genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfuß!«
Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur
mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit dieser
Lampe prügeln!«
Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.
Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder in
ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang es
sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter den
andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu kommen.
_III_
Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras auf den
Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist heute ebenso
scharf, und seine Augen laufen ihm hinter den Brillengläsern voll
Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar Schritte vor, mag es vor
irgend etwas gescheut haben oder ist es von einem Insekt gestochen.
Zachäus stößt einen Schrei aus und springt vom Boden auf. Eine Minute
später fängt er an, die linke Hand in der Luft hin und her zu schwingen
und mit hastigen Schritten auf und nieder zu gehen.
Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein
Pferd an und fragt: »Was gibt's denn?«
Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«
Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt: »Mir
ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem Augenblick. Suche
mir den Finger, ich sehe so schlecht!«
Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren zwei
Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus wie eine
kleine Leiche.
Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend an und
bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn einmal!«
Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen davon ab;
mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern wickelt er den
abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die Tasche. Dann dankt er dem
Kameraden für die Hilfe und setzt sich wieder auf die Maschine. -- Er
hielt fast bis zum Abend stand. Als der Aufseher von seinem Unfall
hörte, schalt er ihn aus und sandte ihn nach der Farm zurück.
Das erste, was Zachäus tat, war, den abgeschnittenen Finger
aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er Maschinenöl in
eine Flasche, steckte den Finger hinein und verkorkte den Hals fest.
Die Flasche legte er unter den Strohsack in seiner Pritsche.
Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in der
Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug sich auf
den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag da und litt und
grämte sich über alle Maßen. Eine Untätigkeit wie diese hatte er noch
nie durchzumachen gehabt, nicht einmal vor einigen Jahren, als die Mine
explodierte und seine Augen beschädigte.
Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch Polly
selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die Gelegenheit, den
Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde lieferten manches Wortgefecht
in dieser Zeit, und es geschah mehr als einmal, daß Zachäus sich nach
der Wand umdrehen und die Zähne schweigend zusammenbeißen mußte, weil
er dem Riesen gegenüber so ohnmächtig war.
Endlos kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen und
gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich war, fing
Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu sitzen, und des
Tags, während der Hitze hielt er die Tür nach der Prärie und nach dem
Himmel offen. Oft saß er mit offenem Munde da und lauschte dem Ton
der Mähmaschinen in weiter, weiter Ferne, und dann sprach er laut mit
seinen Pferden, als wenn er sie vor sich habe.
Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt nicht
in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Tür vor der Nase zu, unter dem
Vorwand, daß es ziehe; es ziehe ganz entsetzlich, und dem Zug dürfe er
sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus außer sich vor Wut aus der
Pritsche heraus und sandte ihm einen Stiefel oder einen Holzschemel
nach, und es war allemal sein brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum
Krüppel zu machen. Aber Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht,
um zu zielen und er traf niemals.
Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu Mittag
essen wolle. Der Koch antwortete, er verbitte sich seinen Besuch
ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute sein Essen
auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz verlassen da und
krümmte sich vor Langweile. Jetzt wußte er, daß die Küche leer war,
der Koch und seine Gehilfen waren mit dem Mittagessen draußen in der
Prärie, er hörte sie mit Gesang und Lärmen ausziehen, um sich über den
Eingesperrten lustig zu machen.
Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber nach
der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen an
ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder zurück in
den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und fängt an, die
amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu lesen.
Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden vergingen
jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der Proviantwagen
zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, der den Gehilfen wie
gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen zu waschen.
Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies war
gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner Bibliothek begab.
Er besann sich eine Sekunde und steckte dann die Zeitung unter den
Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile holt er schnell die Zeitung
wieder heraus und bringt sie auf seinem bloßen Leibe unter. Nie im
Leben wollte er die Zeitung wieder ausliefern!
Es vergeht eine Minute.
Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus liegt da
und starrt zum Dach empor.
Polly tritt ein.
»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt mitten in
dem Raum stehen.
»Nein!« antwortet Zachäus.
»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.
Zachäus richtet sich auf.
»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er und wird
ganz wütend.
Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an,
die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso die
armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.
»Du mußt sie haben!« Dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte und
schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von neuem um
und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, mein Freund!«
Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte:
»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du
schmutziges Ferkel!«
Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot, und ein
unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Canaillenblick. Er sah sich
nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«
_IV_
Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der
Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher
Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige flickten
Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes Werkzeug oder
Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und Mähmaschinen.
Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche, wo
er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er ward indes
draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein Essen brachte.
Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun an mit den anderen
zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein Fieber mehr. Der Koch
antwortete, wenn er das Essen nicht haben wolle, das er ihm bringe,
so bekäme er gar nichts. Er warf die blecherne Schale auf Zachäus'
Pritsche und fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?«
Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein Schicksal.
Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man ihm gab.
»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« knurrte
er nur und machte sich über die Schüssel her.
»Küken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß aus
seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
»Küken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen mit
seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Küken, du Lügner.« Aber
es war Fleisch und Sauce.
Und er aß von dem Fleisch.
Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug werden
konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen mit zähem
Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, nimmt er das
Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund kann seinen Knochen
selber behalten!« murmelte er und geht an die Türöffnung, um es
genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es mehrere Male. Plötzlich
eilt er nach der Pritsche zurück und sieht nach der Flasche mit dem
abgeschnittenen Finger, -- die Flasche war verschwunden.
Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit
verzerrtem Gesicht bleibt er in der Tür stehen und sagt, so daß alle es
hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein Finger?«
Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische zu kichern an.
Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und,
Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt' ich
den nicht wiedererkennen?«
Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die wunderlichen
Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
»Was hast du eigentlich?« fragte einer.
»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem Essen
gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los, und
die Leute schrieen durcheinander:
»Er hat deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen gegeben? Du
hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du hast die eine Seite
abgenagt!«
»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- -- ich
dachte nicht -- --«
Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Tür hinaus.
Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, wandte
sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem anderen Fleisch
zusammen gekocht, Polly?«
»Nein,« erwiderte Polly?. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür
haltet Ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz anderen
Kessel.«
Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande, sie
stritten und lachten darüber wie die Verrückten, und der Koch feierte
einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
Zachäus aber war verschwunden.
Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch immer
nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus aber wanderte
weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug seine kranke Hand
in der Binde und schützte sie, so gut er konnte, gegen den Regen; im
übrigen war er von oben bis unten durchnäßt.
Er setzte seine Wanderung fort.
Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim Schein
eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zurück,
den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, bedächtigen Schritten geht er
durch den Weizen, als habe er die Zeit und den Weg genau berechnet.
Gegen acht Uhr langt er wieder bei der Farm an.
Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum beim
Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster guckt, meint er
den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, daß er sehr guter Laune
ist.
Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den Schutz
stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken schweigen,
alles ist still, nur der Regen fällt noch immer, und von Zeit zu Zeit
schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel mitten durch und
schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den
Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um nicht naß
zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig und eigensinnig,
dann begibt er sich nach der Küche.
Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er tritt
ruhig ein.
»Guten Abend!« sagt er.
Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
Zachäus entgegnet:
»Gut! Aber dann gib mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist gestern
abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder waschen.«
»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
»Ich rate dir davon ab.«
»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
Und Zachäus geht hinaus.
Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so recht
mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser
herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht geradeswegs
mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu.
»Was machst du hier?« fragt er.
Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«
»In meinem Wasser?«
»Natürlich!«
Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich davon
zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser nach dem
Hemd.
Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten Hand
heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.
Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.
_V_
Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen kam, um
zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden und fragten,
was er so lange draußen gemacht habe.
Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«
Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu hören.
»Du hast ihn erschossen?«
»Ja!«
»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«
»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.«
»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«
»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«
»Das hast du getan?«
Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen.
Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »War er gleich tot?«
»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das
Gehirn.«
»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch das
Gehirn, so ist das der Tod.«
Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schlafen -- -- --.
Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit
dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht und war
herzlich glücklich über den Mord.
Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
weiter über Pollys Heimgang geredet; der arme Teufel war tot, er lag
irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen waren. Dabei
war nichts mehr zu machen.
Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der nächsten
Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu
trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor,
und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit.
»Wohin gehst du, Zachäus?«
»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht nach
Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.«
»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche
Reise!«