Einbruch des Schurken Jeß könnte entdeckt, und ich könnte in sein
Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsblättchen der
Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts über den Einbruch darin
stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder
hatte Jeß gar keinen Einbruch in den Geldschrank verübt, sondern sich
nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank
war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt,
es anzuzeigen. Ich hörte später, daß George ein Sohn des reichen
Stadtmüllers war, so daß sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt
haben mochte.
Fred stach mich täglich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte,
immer stand er mir im Wege und siegte. Schon während der Ernte hatte er
sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er
zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein
helles Haar. Es bekümmerte ihn, daß er den einen Augenzahn eingebüßt
hatte, und daß das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn
ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Prärie eingebüßt hatte und
beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte außerdem
aufgehört, mich zu rasieren, ich ließ meinen steifen Bart wachsen, und
dazu kam, daß Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich
konnte mich mit Fred nicht messen.
Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und
behandelten mich gut. Oft kam es vor, daß Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir
sagte, ich müsse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie
mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch
wäre, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon,
geboren und folglich Städter war.
Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und
bemühte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu dürfen; es stellte sich
aber heraus, daß es bloß Sonntag war, und daß sie sich aus dem Grunde
geschmückt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und
dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in
ihrem ganzen Staat zu Fred hinübergehen und ihm einen Besuch abstatten,
weit draußen in der Prärie. Und zu mir kam sie nicht.
So ging es Tag für Tag. Ich machte keinen Schritt vorwärts bei Alice,
obwohl ich sie nicht nur Miß nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam
gegen sie war. Fred war viel natürlicher als ich und spielte sich nicht
im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der
Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon
verwöhnt, und als ich aufhörte, Miß zu sagen, und sie einfach Alice
nannte, faßte sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und
antwortete mir nicht.
Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausführung, den ich mir
ausgedacht hatte. Ein mehrstündiger Gewitterregen hatte es unmöglich
gemacht, zu pflügen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen
heim. Ich besaß keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein
trocknes Hemd an und setzte mich in Hemdärmeln in die Stube zur
Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben,
ich wollte meine große Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den
goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen.
»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben
versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt.
Alice warf unwillkürlich einen Blick auf mich; auch Fred saß dabei, und
mit ihm redete sie.
»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie.
»Finden Sie ihn hübsch?« fragte ich.
»Gewiß.«
»Sie können ihn gern bekommen, Miß,« sagte ich und reichte ihn ihr.
»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es
wundert mich, daß du mit einem so teuern Federhalter schreibst.«
»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, daß ich
diesen Federhalter von jemand bekommen hätte, und ich richtete es so
ein, daß sie glauben mußte, ein Mädchen hätte ihn mir geschenkt. Aber
auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr
den Federhalter zu überreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht
hatte.
Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach
dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und
Zurückhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgefühl mit mir
hätte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit
schnellen und treffenden Antworten zu glänzen. Alice sagte nur:
»Wie lange bist du jetzt in Amerika?«
»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt
zum zweitenmal hier.«
»Und du, Freddie?«
»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort.
»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir.
Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte
auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht
deutsch.
»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was
hast du mit deinem angefangen, Nut?«
»Ich habs auf der Prärie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es
mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederkäme.«
»So, so,« sagte Alice.
_VIII_
Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und
ich für eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze
Stunden.
Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hieß
Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf
die Prärie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das
Gespann führen ließ. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem
Großvater zusammen war, geschah ihm ein Unglück. Der Alte hantierte
mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher
hinunterbeförderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe
Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin
fiel um und lag wie tot da.
Es entstand ein großes Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich
am nächsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich riß die
Maultiere vom Pfluge weg, ließ sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und
lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich
gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr
Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranlaßte ihn, in aller Hast die Pferde vor
den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen.
Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Großeltern in voller
Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das
Kind hin und her auf dem Fußboden, ohne es wieder ins Leben zurückrufen
zu können. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und
es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm
die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett
unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich
zurückkam, riß ich Edwins Hemdärmel auf und begann, in eine Ader an
seinem Arm zu schneiden.
Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf
mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind
ermorden. Ich stampfte mit dem Fuße und befahl ihr, zur Seite zu gehen;
hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte
Rodgers fügte sich diesen starken Worten gegenüber und half den Arm
halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur.
Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als
kleine Blutung, später als feiner Strahl. Ich öffnete das Hemd und
horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg. Da ergriff ich ihn bei den
Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und
her. Das geschah, damit das Blut ins Strömen käme. Dann legte ich das
Kind wieder ein wenig nieder und horchte, -- das Herz schlug ein wenig.
Das war die entzückendste Operation, die ich mir wünschen konnte. Wir
alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der
einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte
Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte
auch die alte Großmutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz
darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schloß sie wieder.
»Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine
Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr.
»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice.
Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener;
ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein weißes Stück
Leinenzeug, das soeben für eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich riß mir
ein Viereck zu Charpie heraus, und dann riß ich mir noch einen langen
Streifen ab als Binde.
Alice kam wieder herein und sagte:
»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?«
»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie.
Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu
ihrer Tochter:
»Schweig still, Alice.«
Edwin sah häufiger und häufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte
er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute
er mit vollem Blick auf, und ich sah, daß er mich erkannte.
Ich legte nun die Charpie auf die geöffnete Ader und band die Binde
darum, was ich vielleicht früher hätte tun können. Dann trugen wir ihn
in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Betäubung; inzwischen
wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband.
»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich.
Und da war mir wie einem Gotte zumut.
Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und
begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf
erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte
mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl
zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu
meinem Gespann hinüber, schirrte die Tiere ein und begann wieder zu
pflügen. Ich hätte einschlafen können auf meinem Sitz.
Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte
Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins
Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich,
die Tiere für heute auszuspannen.
Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zurück. Es wurde fast nichts
gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann
war.
Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir:
»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, daß Edwin es überstehen wird.«
»Er sagte, du hättest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« fügte
Rodgers hinzu.
»Er sagte, du hättest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein.
Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn.
Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es
machte mir kein Vergnügen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf
der Farm umher und langweilte mich; hätte ich mich nicht geschämt, es
zu tun, ich hätte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. Für Alice
hätte es sich geziemt, mir allerhöchst ein paar herzliche Worte zu
sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost:
»Du hast mir gegenüber mit dem Fuß aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch
einmal!«
Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unmöglich erschien
sie mir in dem Augenblick. Die Alten für ihr Teil setzten sich aber in
den Kopf, ich sei gewiß ein merkwürdiger Mann und vieler Dinge kundig;
sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so,
als ob sie begännen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu
machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel
zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Einkäufen, und
Fred war nicht dabei.
Wär ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat hätte
ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten können. Indes die
Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie früher
wurde, fiel meine Großtat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder
arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine Änderung
statt.
Fred kam zu mir und sagte:
»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pflügen ist es zu Ende. Was
wirst du dann anfangen?«
»Ich weiß wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon
Rat finden.«
Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft
zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann
angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein
Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er
arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen
war er eitel auf sein hübsches Gesicht, und wenn er lachte, öffnete
er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnlücke verbergen
wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt
in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam
öffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein
bißchen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis über die Ohren
verliebt.
Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert
wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erzählte mir, daß
Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden
hätte, daß sie ihn liebe; aber die Eltern hätten verlangt, daß sie von
ihm lassen solle.
Fred sagte zu mir:
»Du mußt uns helfen, Nut.«
Ich fühle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte:
»Bittest du mich mit Alicens Willen?«
»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gewünscht.«
Ich sagte:
»Dann werde ich es tun!«
Es schwebte mir so etwas vor, daß es mir vielleicht gelingen werde,
Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen.
Ich besaß der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines
Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme.
»Von einer Farm,« war die Antwort.
Das müsse ein seltsames Leben für ein junges Mädchen sein, auf einer
einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen
lerne?
Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und
dann komme man wöchentlich in die Stadt. Aber natürlich, viele Menschen
treffe man nicht.
Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen
Vorbeiziehenden nehme?
Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine ältere Tochter, die
mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem
Paar war es gut gegangen, die jungen Leute hatten sich Land genommen
und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn.
Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht könne ein
junges Mädchen sich in einen Unwürdigen verlieben, bloß weil sie keinen
andern kenne und nicht die Wahl habe.
Ja, darin hätte ich ganz sicherlich recht. So wäre es.
Unzweifelhaft müßte man vorsichtig sein, gegenüber Landstreichern, wie
wir es wären, sagte ich zum Schlusse.
Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau.
Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice
wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von
meiner unheimlichen Einsicht bekommen!
Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst ängstlich wurde wegen des
Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice würde erkennen, daß ich Fred
entgegenarbeite. Ich benutzte also die nächste Gelegenheit und sagte zu
Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher
ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher
wählen würde, wenn ich ein Mädchen wäre. Auch diesmal fand ich Gehör
bei den Alten, und ich merkte, daß es ihnen einleuchtete, eine wie
uneigennützige Seele ich sei.
Ich paßte dem Mädchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie
zuerst zum Reden veranlassen.
»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie.
»Was habe ich getan?«
»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.«
Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich
Schlechtes über Fred gesagt hätte.
»Du sagtest, man müsse sich hüten vor den Herumstreichern, aber Fred
sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter.
»Aber Mutter, das hast du mir nicht erzählt!« rief Alice. »Gott segne
dich, Nut!«
Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine günstige Position
gut aus. Als Fred mich das nächste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da
entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und
Alicens Benehmen sei der Grund dafür.
_IX_
Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes über
Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice
kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf
herum, so daß ich näher bei ihr stand als je zuvor und ihren Atem
etwas spürte. Dies Glück machte mich benommen, und ich antwortete ohne
Zusammenhang.
Ȇber Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was
Sie verlangen.«
Und ich wußte nicht, daß Fred den Lauscher machte; aber er stand im
Stall und hörte uns zu.
»Was soll ich übrigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich
bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, daß ich selber Sie lieb habe.«
»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals
gesagt.«
»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich weiß,
daß ich ein Vagabund und Ihrer unwürdig bin.«
»Übrigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn
Freddie ist der, den ich liebe.«
»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?«
»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.«
»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß ich schon uneigennützig genug
gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen
vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, würde es die Kräfte
eines Menschen übersteigen.«
»Ich weiß, daß du ein guter Mensch bist,« sagte Alice.
»Mehr aber nicht?«
»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du
schreibst wie der Blitz.«
Aber das, was ich hören wollte, daß ich beinahe so gut aussehe wie Fred
und ebenso betörend sei, das sagte Alice nicht.
»Könnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich.
»Gewiß,« sagte Alice, »ein wenig, das heißt ...«
Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte:
»Glauben Sie nicht, daß ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld
verdienen und Sie auf den Händen tragen würde? Was aber wird Fred
machen?«
Alice schwieg.
»Sie wissen nicht, was für ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und
gab ihr zu verstehen, daß sie keine Ahnung von mir hätte.
»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam plötzlich aus dem Stall hervor.
Er hatte eine Heugabel in den Händen. »Die Ahnung hab ich von dir, daß
du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich
schlag dich tot wie nen Hund.«
Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur Abwehr hoch. »Beruhige dich,
Fred, und laß mich gehen,« sagte ich.
»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und
stach mit der Heugabel nach mir.
Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »Töte ihn nicht,«
war alles, was sie sagte.
»Du bist ein Mörder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die
Heugabel beiseite, Mörder du.«
Aber Fred wollte mich nicht schonen.
»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich
nieder,« sagte er.
Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, daß Fred vollkommen verrückt
war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der
Heugabel ist dafür bekannt, daß er sehr langsam und vielleicht niemals
vernarbt, und ich fürchtete für mein Leben.
»Was hast du den Alten über mich gesagt?« schrie Fred.
»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich
will dir keinen Gefallen tun.«
Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen
Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich
wieder. Als die Heugabel abermals in meine Nähe kam, griff ich mit der
Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand
Alice, daß nun Gefahr für Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und
holte ihren Vater heraus.
»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?«
»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.«
»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice.
Jetzt verstand ich, daß Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl
auch ich schlecht war, so war sie doch noch ärger. Im Zorn ging
ich meiner Wege und überließ es den zwei Liebesleutchen, sich zu
verständigen und zu entschuldigen und auf meinen Rücken abzuladen, was
sie wollten. Aber am nächsten Tage ging ich zu Fred hinüber, als er
pflügte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er
nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, daß er schwankte
und vom Sitze fiel. Und zur Rache dafür verfiel Fred auf nichts andres,
als den Rücken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als
ich lag und schlief.
Wir pflügten, bis eine Eisdecke die Felder überzog, ja bis zu der Zeit,
wo der Frost begann, in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte
Mr. Rodgers:
»Nun, Burschen, hört auf mit dem Pflügen!«
Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und
zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab
ihnen zu fressen.
»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr könnt bis morgen bleiben,«
sagte Mr. Rodgers.
Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld
aus. Ich hatte keinen Vorschuß erhoben, so daß ich mehr als Fred bekam,
der sich hatte Vorschuß geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem
neuen Hut aus der Stadt.
Mr. Rodgers erbot sich, mir für die Reise eine etwas bessere Jacke
zu borgen als meine eigne; ich könne sie ja bei seinem Kaufmann
hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke
um, damit er sähe, daß nichts darin vergessen war. Das war ein etwas
unnötiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen.
In der Nacht wurde ich wach davon, daß Fred von seiner Pritsche
aufstand und die Jacke anzog.
»Wo willst du hin?« fragte ich.
Er gab mir keine Antwort.
Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und
schlich mich hinter ihm her an die Tür und öffnete sie; draußen war
es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter
zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch
geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war
durchfroren vom Stehen in der Tür und schlief jetzt recht tief; erst am
Morgen erwachte ich wieder.
Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht
zurückgekommen.
»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat.
»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich.
Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte
sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die Tür zu Alicens
Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schloß die Türe wieder
und sagte:
»Wo mag nur Alice sein?«
Ihr Gesicht war aschgrau.
Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden
sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so daß uns klar
wurde, daß das Paar das Weite gesucht hatte.
»Genau so wie unsre älteste Tochter,« sagte Mr. Rodgers verblüfft.
Der alte Rodgers grämte sich und war stumm, er ging herum und tat dies
und jenes, hatte aber nirgends Ruhe. Seine Frau war es, die zuerst
ihre Fassung wiederfand und sagte, es sei ihrer zweiten Tochter gut
gegangen, also würde es vielleicht auch dieser glücken. Und nach
Großelternart sahen sie auch nicht länger ihre erwachsenen Kinder als
die an, die ihnen am meisten am Herzen lagen, sondern die kleinen
Enkelkinder.
Klein-Edwin war die höchste Freude des Hauses.
»Wenn du wieder einmal hier vorbeikommst will ich dir gern Arbeit
geben,« sagte Mr. Rodgers zu mir. »Wohin reisest du?«
»Weiter in den Westen,« erwiderte ich.
»Das solltest du nicht tun,« sagte Rodgers. »Du solltest dir hier in
der Stadt eine Stellung verschaffen und in unsrer Gegend bleiben.«
Aber ich bin dann in die Weinfelder von Kalifornien gereist.
Zachäus
_I_
Tiefster Friede ruht über der Prärie.