In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die P

Langens Mark-Bücher

Band 3

Langens Mark-Bücher

Eine Sammlung moderner

Literatur

Dritter Band:

Knut Hamsun

Abenteurer

[Illustration: Signet]

Albert Langen, München

Knut Hamsun

Abenteurer

Ausgewählte Erzählungen

[Illustration: Signet]

Albert Langen, München

Ein Verzeichnis von

Knut Hamsums Schriften

findet man am Schluß

dieses Buches.

_Copyright 1914 by Albert Langen_

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,

vorbehalten

Albert Langen Knut Hamsun

Inhalt

Seite

Vagabondage 7

Zachäus 71

Auf den Bänken von New-Foundland 94

Vagabondage

_I_

»Auf, Leute!« ruft der Aufseher der Sektion Orange Flat. Wir können ihn

nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir

springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an.

Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig

Schlaf, und alle Mann gehen in unnatürlich erhitztem Zustand umher.

Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten

Schwierigkeit, die sich während der Arbeit im Laufe des Tages ergibt,

wenden wir Gewalt an und brechen die Gerätschaften entzwei.

Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er

erzählt uns, daß die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und

ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie

geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Zähnen. Wir habens uns

in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz

zu übertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten können. Darum hat

uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den

Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!« würden wir morgen wieder und

übermorgen wieder hören um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende

ab in diesem Gejage.

Wir stürzen an den Eßtisch und zwingen uns, das allernotwendigste an

Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist

gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir

bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsstätte hinaus.

Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Geschöpfe. Wir wissen

sehr wohl, daß viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen

Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion

macht gleichfalls die alleräußersten Anstrengungen. Ein jeder hat

seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern.

Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und fängt zu glühen an; wir

werfen unsre Blusen ab. Hunderte von Männern sind über die endlose

Weizenprärie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend

die Dunkelheit da ist.

»Ich weiß nicht, ob ichs noch länger aushalten kann, Nut,« sagte

Huntley, der Irländer.

Und Nut, das war ich.

Im Laufe des Tages hör ich, daß Huntley das gleiche zu dem

Landstreicher Jeß gesagt hat: daß ers nicht länger aushalte.

Ich rüffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm

Vorwürfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte.

Huntley begreift wohl, daß er dadurch eine gewisse Macht über mich

bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er läßt sich noch weiter

aus, er erklärt sich ganz offen:

»Ich kann nicht länger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du

mitkommen, so bin ich um zwölf Uhr an der nördlichen Stallecke.«

»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich.

Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte über die Sache nach; und als

der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich

sah wohl, daß er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch

nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war

zufrieden mit mir, daß ich ihm Widerstand leisten konnte.

Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in

Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube.

Ich saß angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar

Stunden würde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag

würde verlaufen wie der gestrige und der vorgestrige. Dagegen lag

wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo

ich andre Arbeit finden und Geld verdienen könnte. Und da würde ich

vielleicht ein bißchen mehr Schlaf finden.

Ich schlich mich aus der Stube und ging an die nördliche Stallecke

hinüber.

Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem Rücken nach

der Wand zu und die Hände in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf

kam auch der Landstreicher Jeß.

Ich fragte:

»Soll auch Jeß dabei sein?«

»Natürlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest

ja nicht.«

»Gewiß, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal.

»Ja, nun ists zu spät,« erklärte Huntley. »Ich hab nur Proviant für uns

zwei.«

Wütend sagte ich:

»Dann meld ichs dem Aufseher.«

»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du

das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.«

Er kam mir so nahe, daß ich seinen Atem spürte.

»Halt!« flüsterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich

mehr Essen schaffen. Ich weiß, wo der Koch das Fleisch stehen hat.«

Während der Landstreicher Jeß weg war, standen Huntley und ich bei den

Ställen und zankten uns darum, daß ich ihn hatte angeben wollen, und

als Jeß mit dem Fleisch zurückkam, war Huntley noch so erregt, daß er

sagte:

»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das für einen

erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf

mir das Fleisch zu.

Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort.

_II_

Wir gingen in nördlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu stoßen,

und wir gingen ein paar Stunden. Da erklärte der Jeß, er müsse ein

wenig schlafen. Wir beiden andern hätten noch weiter gehen können.

Wir waren mitten auf der Prärie, und noch sahen wir kein Anzeichen,

daß der Morgen herankäme. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen

wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Prärien, ohne naß zu

werden. Wir gingen nun rings im Kreise und fühlten mit den Füßen vor

uns her, um eine gute Stelle zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte

mich hintüber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand

gestützt, ein.

Plötzlich weckt uns Jeß. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu

wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen.

»Auf, Leute!« rief er.

Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im

Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und

behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht nötig gewesen.

Jeß erwiderte:

»Wir wollen sehen, daß wir von der Stelle kommen. Hier liegt überall

soviel weißer Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den Ställen aus

verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.«

»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.«

»Und er kann uns vorher erschießen,« erwiderte Jeß.

Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten

wars, als ob der Himmel sich zu erhellen begänne, das bißchen Schlaf

hatte uns auch gut getan, so daß unser Mut etwas stieg; selbst Jeß, der

nicht geschlafen hatte, schien mehr Kräfte zu haben, er ging strammer

daher und stolperte seltener auf der unebenen Grasprärie.

»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Jeß. Er erkannte es am

Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt frühstücken sie. Jetzt

fragt er nach uns.«

Wir gingen unwillkürlich alle drei geschwinder.

»Jetzt ist er draußen und sieht nach uns,« sagte dann Jeß wieder.

Ich hörte mein Herz schlagen.

»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer

schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?«

»Er wird gut zureiten müssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte

ich, um Mut zu markieren.

»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals

erreichen.«

Huntleys Sicherheit wurde recht groß, wir hörten binnen kurzem, daß er

verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann.

Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Jeß blieb stehen

und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen.

Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Präriemeer.

Jeß sagte:

»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche nach Osten. Die Sonne wird

bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung

wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.«

»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach

Norden reiten, -- er wird uns nicht finden.«

Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken

nahe. Im Steigen wurde die Sonne wärmer und wärmer und hatte

schließlich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben

oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe.

Ich war übermüdet und konnte nicht schlafen, aufrecht saß ich und

besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Jeß war von

dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige Hände

und Schultern. Gott weiß, er hatte vielleicht schon alle möglichen

Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unablässig

umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu führen.

Von seiner Matrosenzeit auf den Flüssen her hatte er Kenntnis von den

Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht

in einem städtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter

Kamerad: als er in der Nacht Müdigkeit vorschützte, geschah es, um uns

ein kleines Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte.

Huntley war ein viel größerer und beleibterer Mann; das Schicksal

schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der

Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle müßig waren, hatte er

lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie

nicht liebst, so erschieß sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so

traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!«

Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft

ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs

entwickelt. Er hatte sanfte, gräßliche Augen, die ekelhaft anzuschauen

waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun

wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah

es aus, als wäre er nackt bis zum Gürtel. Da er uns allen an Kraft

überlegen war, genoß er großes Ansehen unter uns.

Die Sonne tut schließlich ihr Werk an mir und macht mich schläfrig. Und

im hohen Grase rauscht die Brise.

_III_

Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und

schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war.

Jeß sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.«

Als ich später am Tage erwachte, saßen meine beiden Kameraden da und

aßen. Sie sprachen darüber, daß wir unsre Löhnung im Stich gelassen

hatten, daß wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre

Bezahlung zu bekommen.

»Wenn ich dran denke, könnt ich zurückgehen und die Farm

niederbrennen,« sagte Huntley.

Er verschlang unmäßige Portionen von seinem Proviant und ging nicht

sparsam damit um für später. Da ich mein Fleisch für mich hatte,

brauchte ich bloß etwas Brot, das ich auch von Jeß bekam. Von nun ab

hatte ein jeder seinen Vorrat.

Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft.

Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir schätzten die Zeit auf

vier, halb fünf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach

Norden zu, um auf die Bahnlinie zu stoßen.

Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der

Prärie zu Bett; vorher aß Huntley seinen ganzen Vorrat und war

gehörig satt, als er einschlief. Während der Nacht erwachten wir in

Zwischenräumen alle drei von der eisigen Kälte, dann machten wir

im Dunkeln ein paar Sprünge vor und zurück, bis wir fielen und das

bereifte Gras im Gesichte fühlten. Dann krochen wir wieder aneinander

heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Zähnen. Huntley fror

etwas weniger als wir, weil er sehr satt war.

Schließlich sagte Jeß und erhob sich dabei:

»Wir könnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns

dann hinlegen.«

Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen

Weg und Jeß einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern

stand am Himmel, daß wir uns darnach hätten richten können.

»Ich gehe mit Jeß,« sagte ich und fing zu gehen an.

Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders

mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand.

Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu frühstücken an. Huntley,

der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des

Tages begannen wir Durst zu verspüren, und Jeß sagte: »Wir werden

vielleicht den ganzen Tag über kein Wasser finden, seid mit dem Tabak

sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bißchen auf einmal.«

Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so daß wir mit ihm

teilen mußten.

Am Abend in der Dämmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, hörten

wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre

Ohren wie zärtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kräften drauf

los. Endlich stießen unsre Füße gegen die Schienen. Aber weder im

Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir

mußten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine

Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene,

aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum

wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich für mein

Teil fast ständig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten.

Als der Morgen dämmerte, erhob Jeß sich plötzlich und sagte:

»Paßt auf, Jungen, es kommt ein Zug.«

Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern

in der Ferne gefühlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem

Lokomotivführer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der

Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten Hände

aus. Aber der Zug brauste vorüber. Es war ein Weizenzug; er hätte uns

wohl aufnehmen können. Zwei rußige Männer standen auf der Maschine und

lachten uns aus.

Huntley erhob sich und war wütend. Er sagte:

»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, daß ich den nicht

hier habe.«

Wir begannen längs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein

anstrengendes Wandern über Tausende von Schwellen, ein Gehen wie über

eine liegende Leiter. Jeß und ich verzehrten einige Mundvoll Essen;

Huntley schämte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben

ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die Hände

Huntleys fiele, während ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor

seinen Augen.

»War das etwa schön gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley

haßerfüllt.

Während des Tages hörten wir einen neuen Weizenzug kommen. Jeß

entschied, daß wir uns in Zwischenräumen von ein paar hundert Metern

längs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten,

den Zug zu besteigen. Weit drüben steht eine Rauchlinie in der Luft,

der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner

Kasten. Wir sind in der höchsten Spannung.

Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den

einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen

zu können; am Arme hängend, verdrehte er seinen Körper und mußte

loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte

gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit

geblieben. Jeß jedoch hatte gewiß schon früher einen fahrenden Zug

erklettert, er lief in ein paar hastigen Sätzen neben dem Zuge her,

schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem

Trittbrett.

»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras

aus dem Munde.

Plötzlich steht der Zug ein Stückchen weiter still, wir sehen zwei

Eisenbahnleute Jeß übermannen und absetzen. Als Huntley und ich

hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu spät, der Zug fuhr

bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Prärie.

Der Durst quälte uns stärker und stärker. Huntley hat zum zweitenmal

seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu

erwehren, er spuckt ein wenig weißen Speichel in seine Hand und zeigt

uns, daß ihn mehr dürstet als irgendeinen. Da teilen Jeß und ich den

Tabak zum letztenmal mit ihm.

Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich.

Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in östlicher

Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals trägt er ein kleines

seidnes Tuch und ist wärmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk

taugt nichts.

»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley.

»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton.

Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner

Brust nach, aber er hatte nichts.

Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander.

»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue

Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und Nächte lang und habe keine

Menschenseele getroffen.«

»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir

kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.«

Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach

Osten zu wandern. Unsre ganze mühselige Wanderung seit heute morgen war

vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, daß ein Kondukteur

kommen möchte, der uns auf einen Weizenzug steigen ließe.

Unser neuer Kamerad ging im Anfang rüstiger als wir, weil sein Körper

leicht war und er noch viel Kräfte hatte; gegen Abend aber, als wir an

die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten,

begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten.

Jeß fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und

er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her.

Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem müden Gefährten. Als es

pechschwarz um uns geworden war, mußten wir die Beine hochheben und wie

die Hähne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu stoßen.

Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei

heraus, daß Huntley lässig wurde und sich zu sehr von uns andern

schleppen ließ, darum gaben wir das wieder auf. Schließlich legten wir

uns zur Ruhe.

_IV_

Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es

wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vorüber, kümmerte

sich aber nicht um unsre Signale. Zähneknirschend ballte Huntley die

Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er:

»Hättest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so würde uns der

Durst nicht so plagen. Wie heißt du?«

»Fred,« entgegnete der Mann.

»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?«

»Von Geburt, ja.«

»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig.

Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien

seiner Sache gewiß zu sein, daß im Osten eine Farm oder eine kleine

Stadt liege; im übrigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht

in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er müde

und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schließlich umsahen,

hatte er sich niedergesetzt.

Der Landstreicher Jeß sagte:

»Wir müssen ihm unser Essen geben, Nut.«

Es war die pure Großtuerei von Jeß, denn er wußte, daß ich kein Essen

mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was

er selbst tun würde. Er ging zu Fred zurück und gab ihm sein Essen.

»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm

erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute.

Da zuckte Jeß zusammen.

»Und alles tust du bloß, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du

wachtest in der ersten Nacht, während wir schliefen, da sorgtest du

auch dafür, daß wir die Sache verständen. Ein Schwindler bist du. Ich

habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.«

»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von

dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Jeß, weil er ein besserer

Mensch ist als du?«

Für Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm große

Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine.

Das Essen hatte jedoch für Fred sowohl böse wie gute Folgen, er geriet

nach und nach in eine Art Geisteszerrüttung und verlor die Herrschaft

über sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anmaßend und

hatte große Pläne mit einer kleinen Station auf der Prärie. Da stände

ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da stände auch ein

geladener Motor, den wir anzünden könnten.

»Warum sollten wir den anzünden?« fragte Huntley ärgerlich. Es entspann

sich eine lächerliche Unterredung über diesen Motor. »Wenn wir ihn

anzünden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute

werden herbeilaufen, die wir erschlagen können.«

»Dabei fällt viel Essen für uns ab,« erwiderte Huntley höhnend. Und zu

mir sagte er: »Dieser Verrückte müßte auf der Stelle von uns fort. Er

stört unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.«

Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine frühere

Wortkargheit zurück. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur

Huntley hielt sein Mundwerk im Gang.

»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns.

»Weiß ichs?« war meine Antwort.

»Nein, nein, du weißt es nicht. Aber sehnst du dich denn zurück nach

Orange Flat? Und was solltest du da?«

»Wir müssen nur geradeaus gehen,« sagte Jeß.

Später am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde.

Huntley bemerkte:

»Du sagst ja nichts, Fred.«

»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit wütenden Augen.

Das reizte Huntley.

»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn für die Fahrzeuge

da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe.

Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, daß er keinen von uns auf

seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in

unsern Augen dadurch interessant zu machen, daß er sich plötzlich auf

der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand,

den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren

enttäuscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um

unsre Aufmerksamkeit für eine Weile zu erregen.

Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Prärie. Der

stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen

hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht

mit.

Jeß und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre

Anfangsbuchstaben in die Wände einzuschneiden; währenddessen stand Fred

draußen, und Huntley ging hie und da ans Türloch heran, um nach ihm zu

sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah

hinaus.

»Da läuft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns

fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.«

Und alle drei sprangen wir hinter dem flüchtigen Fred her und gröhlten

ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt

sah, wendete er sich in großem Bogen nach der Prärie hin; da wir aber

zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley schüttelte ihn

wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob

er um einen guten Ort wüßte.

»Ich weiß von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht

bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir

mein Leben. Es liegt mir nichts dran.«

Wir verständigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die

Dunkelheit anbrach; wir waren erschöpft und legten uns deshalb zeitig

zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem

Landstreicher Jeß, der damit endete, daß er mir ein paar Schläge ins

Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte.

»Das ist recht, er verdient Prügel,« sagte Huntley gleichfalls und sah

neugierig zu. Schließlich traf ich Jeß mit einem Schlage unters Kinn,

daß er hinfiel und genug hatte.

In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die Prärie

hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gräser. Er

führt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm

her. Ich war an die zehn Schritte vorwärts gelangt, als ich bemerkte,

daß Jeß im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in

seiner Nähe zu riechen. Er hat also noch Eßwaren! dachte ich. Still

kehrte ich auf meinen Platz zurück und tat, als ob ich schliefe. Eine

halbe Stunde darauf kam auch Jeß zurück und legte sich nieder.

Am Morgen erzählte ich Huntley, was ich wußte, und verlangte, er solle

mir dabei helfen, den Jeß zu untersuchen. Huntley war gleich bereit

dazu und kriegte Jeß zu packen. Es stellte sich heraus, daß Jeß an drei

Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und daß das Brot ausgehöhlt

war, und in den Löchern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das

Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir

gegessen hatten, dankten wir Jeß und segneten ihn, obwohl er uns hatte

betrügen wollen. Da fing Jeß in seiner Beschämtheit zu pfeifen an und

wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein Künstler.

Dann gingen wir weiter.

Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine weiße

Vierecke vor uns auftauchen.

Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit

Weizenfeldern und künstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an

die Gebäude gelangten, stießen wir auf ein Weib, ein junges Mädchen,

das auf ihrer Schneidemaschine saß und mähte. Das war ein prächtiger

Anblick für uns, die wir von der Prärie kamen und seit Jahr und Tag

kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen großen Strohhut

auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir grüßten. Huntley war es, der

zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat.

Das Mädchen antwortete, daß wir alles bekommen sollten, was wir

begehrten.

»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vorüber

ist,« sagte Huntley.

Da wollte sich Jeß bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte:

»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug

Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.«

»Gut!« sagte das Mädchen.

Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in

der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser

neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am

besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um

von da Eßwaren zu holen; während der Zeit sollten wir andern ihre

Pferde besorgen. Es wäre kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte

sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht

zu erschrecken.

Während das Mädchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe

nach auf die Schneidemaschine und ließen die Pferde gehen.

Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir

konnten; und noch bevor das junge Mädchen mit dem Essen zurückkam,

hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur

Beendigung der Ernte.

_V_

Die Erntearbeit erledigten wir in fünf und das Dreschen danach in

zwei Tagen; wir erhielten also Lohn für sieben Tage und waren wieder

vogelfrei. Der Landstreicher Jeß hielt sich gleich bereit, den Ort zu

verlassen -- wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben

Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel gehängt gehabt.

Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den

Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen.

Als wir draußen auf dem Hofe standen und Huntley schon ein Stück

entfernt war, da sagte der Farmer, daß er wohl zwei von uns noch einen

Monat lang würde brauchen können beim Herbstpflügen. Jeß weigerte

sich, dazubleiben, und gab vor, er müsse ohne Zögern notwendig nach

Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der

Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich

die Jacke aus und ging an die Arbeit.

Jeß sagte zu mir:

»Die Verabredung war, daß wir zwei miteinander wandern wollten.

Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld

und können uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.«

Ich sagte deshalb dem Farmer, ich würde morgen zurückkommen, und zog

mit Jeß von dannen.

Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen

waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine.

Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Jeß mir

auseinandergesetzt, daß mancher kleine Verdienst winken könne, wenn man

sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze.

Hier liege nun ein Städtchen vor uns; vielleicht könnten wir an der

Bahn entlang hineinkommen.

»Ich will morgen zurück zur Farm,« sagte ich.

»Ich weiß wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Jeß. »Das

Mädchen hat es dir angetan. Laß du ruhig das Mädchen fahren, Fred

ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut

aussieht.«

»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Schönheit,« bemerkte ich.

Dazu schwieg Jeß. Aber nach einer Weile sagte er:

»Nicht deswegen; Fred bekommt das Mädchen auch nicht.«

»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergnügt. »Der reine Satan bist

du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Jeß; und du glaubst

also nicht, daß Fred sie bekommt?«

»Der Alte würde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du

dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang

fortbleiben mußt du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das

ist der Weg.«

Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen.

Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und ließen uns zu trinken

geben. Ich war an alle starken Getränke so wenig gewöhnt, daß ich im

Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht:

als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu

spielen begann, wurde ich gleich wieder demütig und geriet in ein

innerliches Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar

Pfennige. Jeß sah mich verwundert an.

»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er.

Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen

andern Aufenthaltsort hatten. Und überall waren wir willkommen, da

wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schließen ließ,

daß wir viel Geld mit uns führten. In einer der Wirtschaften trafen

wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem

Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch

nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten

Schenke. Während wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines

Gespräch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt geführt,

einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken.

Der Wirt fragte:

»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?«

»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Geschäfte da, wie ich

höre. Die Frau ist zum Vergnügen mitgefahren.«

»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?«

»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur

nüchtern hält.«

Diese Unterhaltung bot kein Interesse für mich, aber mein Kamerad hörte

scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen:

er habe mit mir zu reden.

Langsam gingen wir stadteinwärts, und Jeß grübelte den ganzen Weg

entlang. Wir kamen an ein Gebäude, woran auf einem Schild geschrieben

stand: ^Hart & Co. Farmers Bank^; hier bat Jeß mich, einen

Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zurückkam, fragte

ich:

»Was hast du da drinnen gemacht?«

»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Jeß.

Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir

uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den

Schienen entlang lag.

Zunächst ging Jeß rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich,

daß wir allein waren, dann kam er zurück und sagte:

»Keiner von uns hat noch soviel Geld übrig, daß es der Rede wert wäre,

nicht wahr?«

»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach.

»Dann wirst du einen Dollar weniger haben als ich. Den hast du der

Frau mit der Harfe gegeben. Das war übrigens das Dümmste, was du tun

konntest.«

»Na, soviel klüger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und

das Geld zu versaufen.«

»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Jeß. »Ich trink einen Schnitt,

wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.«

»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich.

»Und außerdem hätte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht

gefaßt, wenn wir nicht in die Schenken gegangen wären,« fuhr Jeß fort.

»Was ist das für ein Plan?«

»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Jeß.

»Ja --?«

»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.«

»Ja, ich habe das gehört --?«

»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.«

»So, so.«

»Aber George ist ein berüchtigter Trinker.«

»Das alles weiß ich bereits, Jeß. Was du bloß faselst!«

Jeß erklärte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, daß er --

kurz und gut -- in dieser oder in der nächsten Nacht der Bank einen

Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein.

»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort.

»Dann nehm ich Huntley mit.«

Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte:

»Ich habe es noch nie getan. Es hört sich sehr gefährlich an. Aber wenn

du michs lehren willst ...«

»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Jeß. »Wenn George zu trinken

anfängt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus

studiert.«

Und Jeß zeigte mir erstens eine Säge, um Metall zu durchsägen,

und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben

abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer.

»Aber später?« fragte ich, »hinterher?«

»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Jeß. »Mr. Hart braucht

drei Tage zur Hin- und drei Tage zur Rückreise, das macht sechs; er

wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen

zehn«. Und Jeß setzte hinzu: »Übrigens denke ich nicht daran, die

Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem Mädchen gegenüber brauchst,

dafür ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr

hinzusparen.«

Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die Läden wurden geschlossen,

und die Straße belebte sich für eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk

getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen,

solange Gäste da waren.

»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er

unternimmt,« sagte Jeß.

Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden

aber niemand unter den Gästen, der George hätte sein können. Und wir

landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George.

_VI_

George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf

den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja

ein so schöner Herbsttag, fügte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo

er sich für ein Stündchen aufhalte.

Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig

Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung

und hatte sehr weiße Hände, weil er immer bloß saß und schrieb. Uns

beachtete er gar nicht.

Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Straße

herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den

Abend zum fröhlichen Fest. Er wurde von allen mit großer Höflichkeit

behandelt.

Als Jeß an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken,

antwortete George abweisend, weil er eben ein großer Mann in der Stadt

war und Jeß nichts als ein Landstreicher.

»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben

die Tasche voll Geld,« fügte er hinzu und deutete auf Jeß und mich.

»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein

Taschenbuch vor.

Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an übernahm er alle Ausgaben

und traktierte jeden, der zu trinken wünschte. Der Wirt tat alles, um

ihn zufriedenzustellen.

»Ich muß mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier,

Burschen.«

Er ging hinaus. Er war sehr aufgeräumt und sang.

»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander.

»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.«

Jeß ließ sich kein Wörtchen entgehen.

Als George zurückkam, gab er sich zunächst den Anschein, als habe er

nicht mehr Geld finden können; aber er bestellte sorglos eine Runde

Getränke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus

dem Taschenbuch.

Darüber verstrichen einige Stunden.

»Nun gehen wir zu Conway,« erklärte George.

Conway war der Inhaber einer andern Kneipe.

»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt.

»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Jeß und ich, wir

hielten uns zurück, als seien wir zu stolz, mitzugehen.

»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.«

Und wir ließen uns überreden.

Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele

Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen

geheißen. Jeß wollte für sich und mich nicht ganz zurückstehen, er

begann vielmehr wie ein Künstler zu pfeifen und weckte großen Beifall.

»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle.

Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern

Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Jeß es mich gelehrt

hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in großer

Spannung war, -- wegen der Dinge, die bevorstanden.

George zählte sein Geld und sagte:

»Nun geh ich zu den Mädels. Gutnacht, Kinder. Ich muß mir noch Geld

holen.«

»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet.

»Es reicht nicht,« erwiderte George.

Er taumelte zur Tür hinaus.

»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler ärmer,« sagten die

Burschen.

»Es hat den Anschein,« erwiderte Jeß augenblicklich und ging darauf

ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.«

Doch da keiner ein Gespräch mit Jeß führen mochte, der ein

Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zurück.

Jeß ging an ihren Tisch hinüber und fragte jeden einzeln, was er zu

trinken wünsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts

mehr trinken.

»Komm und gönn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich.

Ich sah ihn erstaunt an.

»Du wirst das brauchen können,« sagte Jeß.

Ich trank zwei große Gläser Whisky, wurde firm und unüberwindlich und

hätte mich daran machen können, die Menschen aus Conways Kneipe, einen

nach dem andern, hinauszuwerfen.

Jeß und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Straße.

Finster und öde lag die Stadt da. Jeß führte, und wir bewegten uns in

der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus

schlossen wir, daß George sich im Hause befinde.

»Warte hier auf mich!« sagte Jeß und tat fünf lautlose Sprünge auf das

Haus zu. Er verschwand durch die Gartentür.

»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich.

Ich wartete zwei Minuten, und Jeß kehrte zurück.

Er machte dieselben Sprünge.

»Wo bist du gewesen?« sagte ich.

»Ich war drüben und hab ein bißchen an seinem Türschloß gefingert,«

entgegnete Jeß. »Laß uns ruhig hier warten.«

Plötzlich ergriff Jeß mich am Arme und flüsterte:

»Hörst du?«

Wir hörten einen Mann mit dem Schlüssel an einem Schloß arbeiten und

arbeiten und immer maßlosere Flüche ausstoßen.

»George ist es,« sagte Jeß.

Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten.

»Ich kann die verdammte Tür nicht zukriegen!« sagte George und kam auf

die Straße heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schlösser!«

George ging zu den Mädchen und taumelte stark.

»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,«

sagte Jeß.

Im Gehen bemerkte ich:

»Ich glaube doch nicht, daß du es wagst, Jeß.«

»So?« sagte Jeß.

Er musterte die Häuser, so gut es sich im Finstern tun ließ, wählte

sich einen Laden mit einer Doppeltür aus und sagte, er wolle mir etwas

zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte

wie aus Unbehilflichkeit gegen die Tür. Das bewirkte eine starke

Erschütterung im ganzen Hause, und die Türen sprangen beide auf.

Ein Mann, der Wache hält, ruft drinnen aus dem Laden heraus:

»Was zum Teufel ist das?«

Jeß verharrt schwankend in der Tür, als begreife er selbst nicht, wie

er hierhergekommen sei.

»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schieße, Hundsfott, wenn du

nicht Antwort gibst.«

»Ich bin es,« sagt Jeß ganz hilflos vor Trunkenheit und läßt sich zu

Boden fallen.

Der Mann im Laden mußte ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und

so gut verstand Jeß es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, daß der

Wächter durchaus einsah, daß es sich hier um einen unfreiwilligen

Einbruch handle. Er schloß die Türe wieder und war wütend.

»Wie ärgerlich, daß ein Mann im Laden sein mußte,« sagte Jeß, als er

wieder auf der Straße zu mir stieß. »Sonst wäre es vielleicht ein

kleiner Fang geworden.«

»Nun sehe ich, daß du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte

ich.

Und wieder standen wir vor der Bank. Jeß sagte:

»Du mußt dir eine Handvoll Sand hier auf der Straße zusammensuchen und

gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.«

»Ja,« sagte ich und hörte mein Herz hämmern.

»Nun gehe ich,« sagte Jeß.

Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte

verschwand. Wenn jetzt jemand käme und mich fragte, warum ich hier

stünde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand

zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Straße war

ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen.

Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten

bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenzügen

rangierten. Plötzlich höre ich Schritte auf dem Fußgängersteig. Schon

will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank werfen, aber statt

dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte

Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Jeß mochte jetzt fünf Minuten

lang fort sein.

Da höre ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der

Bank. Nun schneidet Jeß Schrauben durch, denke ich und bin verwundert

über seine Kaltblütigkeit. Ich wußte, wohin ich flüchten wollte, wenn

es notwendig würde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen

längs dem Geleise befanden.

Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Jeß beginnt drinnen Metall zu

durchsägen, ich höre bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe

wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur

wirklich gelänge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme

Gier auf meinen Anteil. Je später es wurde, desto ruhiger wurde ich

auch, und ich ging auf dem Bürgersteig hin und her und grübelte. Auch

an das Mädchen auf der Farm mußte ich denken, Alice Rodgers hieß sie.

Nun ist Jeß ganz gewiß seit einer Stunde fort und noch immer nicht

zurückgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu

betreten und nachzuschauen, da kommt Jeß heraus. Er eilt mir voran,

hinunter zu den Bretterstapeln längs den Geleisen.

»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner fleißigen Arbeit.

»Was ist geschehen?« fragte ich.

»Dieser verflixte George muß die ganze Bank mit zu den Mädchen genommen

haben,« sagte Jeß. »Der Schrank war leer. Bloß Protokolle waren noch

da.«

Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und

ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte

und ihn fragte:

»Du hast also nichts an dich gebracht?«

»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Jeß erbost. »Ich

will nicht länger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir müssen etwas

andres versuchen.«

Damit ging Jeß, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging

mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte:

»Offen gestanden, ich glaube nicht, daß das einen Zweck hat. Wir

wollens aufgeben!«

»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Jeß.

Er ging ins Stationsgebäude und fragte den Telegraphisten, wann ein

Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der

Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr.

»So ist nichts zu machen, bis der Zug vorüber ist,« sagte Jeß zu mir.

Wir setzten uns in die Nähe der Station und warteten die halbe Stunde

ab, trotzdem wir tüchtig froren. Der Morgen begann zu nahen.

Sobald das Kommen des Zuges hörbar wurde, stand Jeß auf und hieß mich

auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgebäude hinein und blieb

fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder

ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten dämmerte der

Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit ausspähen,« dachte ich mir. Ich

ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden

gesehen hätte.

»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten.

»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein

größeres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Jeß hatte sich

in mir festzusetzen begonnen, daß er vielleicht doch etwas andres in

der Bank gefunden hätte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen

und hatte sich so seltsam gegen mich benommen.

Der Telegraphenbeamte fragte lächelnd:

»Ist er dir durchgebrannt?«

Überlegen gab ich ihm das Lächeln zurück und sagte:

»Nein, ich habe gewußt, daß er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht,

und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, daß ich auch nichts mit ihm zu tun

haben will.«

Von tausend Gedanken erfüllt, verließ ich die Station. Ich war wie aus

den Wolken gefallen über diese Frechheit meines Kameraden. Natürlich

hatte er Glück gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der

Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil

bedacht. Der Teufel sollte ihn holen!

Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute

gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs fühlte ich

mich mehr und mehr befriedigt davon, daß ich meine Hände nicht mit dem

geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genuß ist es doch, wunderbar

rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte

vor Vergnügen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften für andre,

bis zum letzten Blutstropfen!

Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschloß ich, lieber zu den

Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen.

Ich besaß nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers

gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem

Goldschmied am Fenster gesehen hatte.

_VII_

»Ich glaubte, du wärest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,«

sagte Farmer Rodgers, als ich zurückkam. »Das gefällt mir, daß du Wort

gehalten hast.«

»Ich sagte doch, ich würde heute wiederkommen,« entgegnete ich.

»Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm

auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.«

»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest.

Du hättest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der

Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers.

Ich wurde auf die Prärie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann

Maultiere auszuwählen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze

Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillkürlich zueinander

hinneigten, als Paartiere, und wählte mir danach ein Gespann.

»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zurückkam.

»Brauch es gut!«

»Das werd ich, Miß,« erwiderte ich.

Ich fügte Miß hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so

auf der Farm.

Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages stürzte

das eine Tier des Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred

schlug vor, er wolle mein Gespann übernehmen. Dem widersetzte ich mich,

und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred

blieben Sieger über uns. Am Morgen stand Fred früher als gewöhnlich

auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das hätte für

mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich

solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann wählen.

Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das

erste und von größerer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut fütterte und

ihren Kopf wusch und sie spät und früh striegelte, gelang es mir bald,

Fred ein gutes Stück im Pflügen zuvorzukommen.

Abenteurer · 第 1 / 4 段