Du sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther klar geworden
wäre, daß er seine Kirche nicht fertig bauen konnte, weil er die wahren
Christen nicht fand, die ihre Spitze hätten bilden sollen, hätte er den
Kampf gegen die katholische Kirche aufgeben müssen. Es hätte ihm bewußt
werden müssen, daß es der Natur der unsichtbaren Kirche widerspreche,
sichtbar zu werden, daß also jede sichtbare Kirche zur unsichtbaren Kirche
in dem Gegensatz stehen müsse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er
hätte doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen
müssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe und die Natur
schütze.
Darauf erwidere ich, daß das Sichtbare dem Unsichtbaren nicht nur
entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden ist; Luther wollte eine
solche Kirche gründen, die aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare hinüberführt,
die sichtbar und zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, daß er das getan
hat, soweit es damals möglich war.
In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die Gemeinde vor Gott.
Nur er konnte mit Gott verkehren, er hütete die heiligen Örter, vollzog die
Opfer und betete für alle. Jede heilige, das heißt Gott zugeordnete
Handlung war ein #opus operatum#, das heißt ein Werk, das durch seinen
richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige, der das Werk
vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer. Die Möglichkeit des
Zaubers, das heißt die Wirksamkeit richtig vollzogener Werke oder die
Wirksamkeit bestimmter Örter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben
nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war, auf dem Glauben
an durch die Mittlerschaft des Priesters Gott geweihte Zeichen oder Werke.
Mit dem Erscheinen Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun
Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das Priesteramt aufhob,
wie das im Ebräerbriefe tiefsinnig und klar zugleich dargestellt ist.
Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegenüber dem alten darin,
daß Gott nunmehr seine Gesetze in den Sinn und das Herz der Menschen
schreiben will, und daß niemand mehr seinem Nächsten die Erkenntnis des
Herrn lehren soll: »Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem Kleinsten
an bis zu den Größesten.« Es soll auch nach Christus nicht mehr geopfert
werden, da Christus einmal sein eigenes Blut geopfert und damit für ewige
Zeit alle Opfer aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit
die Gottheit außer sich und glaubte an den Priester, von welchem sie
voraussetzte, daß er die Gottheit kenne und den rechten Verkehr mit ihr
wisse; Christus offenbarte, daß die Gottheit in uns selbst ist, und daß wir
infolgedessen selbst mit Gott verkehren können, ja, mehr, daß nur jeder
selbst glauben kann, nicht ein anderer für uns. Priester im alten Sinne
brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von Christus wußten oder nicht
an ihn glaubten.
Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener am Wort sein, die
Heilige Schrift erklären und das Sakrament austeilen. Sie haben kein Werk
zu vollziehen und zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber üben
die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott den Glauben gibt,
Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet demnach eine
Mündigkeitserklärung der Menschen: vorher vermochten sie nur Sichtbares zu
ergreifen, nun aber auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und
Unsichtbares, Wort und Zeichen überhaupt nicht geschieden waren, war es
durchaus nicht abergläubisch, an Äußerliches zu glauben; der Zustand der
katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies aber, daß der Zeremonien- und
Werkdienst Aberglauben geworden war.
Ich glaube, du stimmst mir darin bei, daß die Priesterkirche für diejenigen
überflüssig, ja verdammlich ist, die an Christus glauben. Luther durfte die
Katholiken in diesem Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu
Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen und ewigen
Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart sich nicht nur
nacheinander, sondern auch nebeneinander, und infolgedessen gibt es jetzt
noch eine vorchristliche Menschheit; für diese muß die Priesterkirche da
sein. Diejenigen, welche nicht glauben können, muß, wie einst, der
Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott vertreten.
Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten tatsächlich alle nicht
mehr an den Priester und das #opus operatum#; über diese Stufe waren sie
hinaus. Luther wurde deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die
Zeremonien, sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig
seine Gedanken über die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu den Zeremonien
empfahl Luther damals Werke der christlichen Liebe: man diene Gott, sagte
er, wenn man mit dem bisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den
Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte damals, daß jeder
Christ ein Heiliger sei, das heißt ein Gott geweihter Mensch, und daß man
Gott mehr diene, wenn man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn
man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen, besonders der
nordischen, auf das Weltliche und Moralische gerichteten Menschheit sehr
ein, und Luther bemerkte bald, daß die guten Werke blieben, nur daß die
gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder bürgerlichen ersetzt
wurden. Wenn er selbst den Armen half, so geschah es »im Glauben«, das
heißt sein Herz trieb ihn dazu; aber die anderen übten die Werke der Liebe
um irgendeines weltlichen Zweckes willen, sei es der bürgerlichen Ordnung
wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder um für mildtätig
gehalten zu werden oder was sonst immer. Nur betonte Luther, daß unter den
zu verdammenden »guten Werken« durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern
ebensowohl die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und du weißt ja,
daß dieser verzweifelte Kampf gegen die Moral dann sein Leben ausfüllte,
ohne Ergebnis und ohne Verständnis seiner Anhänger. Trotzdem verfiel er nie
in den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zurückzukehren, wie so viele
andere getan hätten; man kann immer nur wieder das Allumfassende und
Unbestechliche an Luthers Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien
besser, weil die Moral noch gefährlicher war? Die Prüfungen, die der
Auserwählte zu bestehen hat, werden immer schwerer, wie in der Zauberflöte.
Die Versuchungen des Teufels durch das Fleisch erscheinen dem fast
kindlich, den der Teufel in seiner Majestät, als Luzifer, im Geiste
versucht. Auf die Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand
vollkommen zu werden, das heißt edel. Das alles sah Luther; indessen
dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten, er warnte nur.
Betrachtet man den Lauf der Geschichte, so sieht man, daß Gott durchaus
nicht mehr bei den Menschen des Zeremoniendienstes als bei denen der
Werkheiligkeit war.
Außer denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben können, weil sie auf
einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben sind, nimmt die Priesterkirche
auch diejenigen auf, die durch eine Schwäche des Geistes daran gehindert
sind, die Allzupersönlichen, deren großes Wollen durch keine Kraft des
Vollbringens gestützt wird. Es ist Luthers »zweiter Haufen«, soweit er sein
Ziel, das Reich des Geistes, nicht erreichen kann. Diese Gescheiterten, die
den naiven Zusammenhang mit der Welt verloren, aber den Mut nicht fanden,
sie entschieden von sich zu stoßen und endlich zu überwinden, retten sich
in den Hafen der Weltkirche, die ihnen die Selbsttäuschung gewährt, als
wären sie mitten in der Welt bei Gott. Die zu hochmütig waren, sich vor
einer Person zu demütigen, die vor Gott flohen, der das Opfer des Herzens
fordert, unterwerfen sich dem unpersönlichen Stellvertreter Gottes, der,
mit äußerlichen Opfern zufrieden, weltliche Gaben dafür gibt, die aber in
der Welt als göttlich kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum großen
Haufen zählen, sondern Auserwählte sein wollen, aber ohne den Preis dafür
zu zahlen; die Priesterkirche ist für sie wie eine Universität, die den
Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein fürstlicher Hof, der
unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht. Häufig ist das Katholischwerden für die
Interessanten der höchste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen
Genuß ihres Werdezustandes ist. Gehören zur katholischen Kirche alle
Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbaren Mittlerschaft bedürfen,
um das Unsichtbare zu ergreifen, so will die lutherische Kirche durch
Gesetz und Evangelium zum Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die für
das ewige Licht empfänglich sind und sich von stärkeren Brüdern allmählich
»von einer Klarheit zur anderen« führen lassen wollen. Wenn diese
Stärkeren, die wahren Christen, der Kirche auch nicht förmlich einverleibt
sind, so wie Luther sich das ursprünglich dachte, so daß sie ein Recht der
Aufsicht über die Schwächeren hätten, strömt doch ihr Geist fortwährend den
unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es tun. Die Spitze der lutherischen
Kirche wird sich immer in den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel,
sondern ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares eins
werden. Sowie die Auserwählten sich zu einer sichtbaren Kirche formten,
wären sie die Auserwählten nicht mehr; der Geist Gottes weht, wo er will,
und läßt sich nicht binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte
Geistliche versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung des
öffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer und ähnliche
Verbindungen entstanden; aber das hat zu keinem Ziele geführt, während
Goethe und Schiller, und natürlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem
Glauben zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt
haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische Gestaltung
der wesentlichen Ideen Luthers.
Luther wußte genau, was für ein Segen ihm der Kampf gegen die
Priesterkirche sei. Es beglückte ihn, als er zu der Einsicht gekommen war,
daß der Papst der in der Schrift geweissagte Antichrist sei. Als ein Teil
seiner Anhänger, namentlich Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der
Kirche wünschte, sagte er zwar, daß man den Papst anerkennen könne, wenn er
das Evangelium freiließe und darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes auf
Erden sein zu wollen; aber er setzte hinzu, daß der Papst das nicht könnte,
selbst wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer recht haßt,
muß wünschen, das Gehaßte zu vernichten; aber irgendwie wird er doch
fühlen, daß das Gehaßte dennoch zu seinem Leben gehört, ja, er würde es
sonst arg nicht hassen. Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des
von ihm getöteten Königs zu malen: in jenem Augenblick muß ihm die
Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewußt geworden sein. Eine ähnliche
dunkle Ahnung mag Wallenstein bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller
Gustav Adolfs brachte.
Luther hat öfters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod solle dem Papsttum Tod
bringen; und wirklich hat die Kirche allmählich ihren mittelalterlichen
Charakter abgetan, aufgehört Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu
selbstsüchtig, um zu wünschen, sie möchten wieder damit anfangen; das
glaube ich aber, daß eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung der
religiösen Gegensätze mit sich bringen würde.
Gibt es nicht eine andere Möglichkeit? Ja, wenn das Unmögliche wirklich
würde, und der Papst darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes sein zu
wollen, damit Christus selbst das Haupt der Kirche würde. Es bleibt uns
nichts, als dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche
gründen, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten Jahrhundert
betonten die Evangelischen, daß sie die eigentlichen Katholiken wären, die
Glieder der urchristlichen Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des
Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren, begeistert und
beseelt durch das in ihm wirkende Reich des Unsichtbaren, die Kirche.