XXI

Luther datierte seine endgültige Erlösung von der Melancholie nicht von dem

Augenblick, wo er durch Staupitzens Vermittelung das Wesen Gottes erkannte,

sondern von dem, wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde.

Dieser erste Schritt riß ihn göttlich zwingend auf seine gewaltige

Laufbahn. Seine bewußte Seele kämpfte fortwährend gegen die hohe Berufung,

wie die Propheten des Alten Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort

wehrten. Denn es ist so, daß Gott die am meisten Abgesonderten, die größten

Sünder, zu seinem Werkzeug wählt; die Sterbenwollenden zwingt er zum Leben,

weil er ein Gott des Lebens ist und den Tod haßt. Luthers persönliche

Sehnsucht ging in den kühlen Tempel seines Innern, und wen rührte nicht der

Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet. Die Süßigkeit dieser

Stimme stand aber in Wechselbeziehung zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe

gegen die Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum; ist

dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren hin

vollzogen, so folgt natürlich die Neigung, sich ganz von der Welt abzulösen

und in Gott zu versenken. Dies ist der Punkt, an dem viele, die berufen

sind, scheitern: sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß Gott zwar

der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; daß er das Zeichen zum

Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat sich als Form, als Tat, als Wahrheit

geäußert; daraus folgt, daß auch wir uns äußern und betätigen sollen. »Das

Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft.« Gott sollen

wir nicht nur im Herzen erkennen, sondern auch öffentlich bekennen.

Christus war die Liebe, die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist

keine Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erhält, ist

menschlich; das göttliche hat einen Überfluß, der in die Welt hinaus wirkt.

Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott und den Menschen wurde zu

Luthers Zeit als das Verhältnis von Glaube und Liebe verhandelt; ob der

Glaube der Liebe vorangehen müsse oder umgekehrt, und welches von beiden

größer sei. Da Luther damit begann, die guten Werke zu bekämpfen, war es

natürlich, daß er zuerst die Notwendigkeit des Glaubens, der göttlichen

Gesinnung, betonte, die Betätigung derselben nicht oder weniger erwähnend,

hauptsächlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur nach,

selbstverständlich war; indessen fügte er doch stets hinzu, daß aus dem

Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen von selbst folge, ja er sagte

einmal, daß Glaube und Liebe überhaupt zusammenfielen, in der Weise, daß

man ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug auf die

Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat Paulus in seinem Hoheliede der Liebe

gesagt: »Und wenn ich allen Glauben hätte, also daß ich Berge versetzte,

und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.« Luther mißbilligte das

insofern, als es keinen Glauben, das heißt natürlich keinen Glauben an

Gott, ohne Betätigung in der Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die

Menschen, weil sie »seines Geschlechts« sind; Liebe ist das Bewußtsein der

Zusammengehörigkeit. Wer die Zusammengehörigkeit der Menschen nicht erkannt

hat, hat auch Gott nicht erkannt, von dem alle Menschen ausgehen und in den

alle münden. #Plenitudo legis est dilectio#, die Liebe ist des Gesetzes

Erfüllung. Wer die Menschen liebt, ist gläubig und Gottes Kind, wenn er es

auch selbst nicht wüßte, ja mit Worten bestritte; wer die Menschen nicht

liebt, ist ungläubig, wenn er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes

und Beobachtung göttlicher Gebote zubrächte. »Und wenn ich alle meine Habe

den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so

wäre mirs nichts nütze.« Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit

die Liebe des Göttlichen in der Menschheit fließt, so der Haß des

Ungöttlichen in Form, Tat und Wort.

Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden Kunst betrachtet, so

sieht man, wieviel besser die Menschen den liebenden und verzeihenden

Christus als den zürnenden begreifen; daß es keine Liebe des Guten ohne Haß

des Bösen und Kampf gegen das Böse gibt, möchten sie sich gern verhehlen.

Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus deutlich als den kämpfenden

und triumphierenden Helden, den allerdings im Gefühl seiner Liebe, im

Bewußtsein seines Rechtes, seines notwendigen Unterganges in der Welt und

seines Sieges im Geist auch im glühendsten Zorne eine großherzige

Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verläßt. »Christus ist zu einem

Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden soll«, sagt Luther einmal, »und

viele werden sich an ihm stoßen, fallen und sterben. Alles Streiten und

Krieg des Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des Evangelii,

das muß und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten.« Daß

Christus selbst gesagt hat, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen,

sondern das Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete, sagt

Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal: »Denn wo der Mann kommt und

sich sehen läßt, da hebt sich bald ein Rumor und Fallen an.« Widerspruch

erregt und überwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die er

vertritt, gegenüber der Selbstsucht und der Lüge, die in der Welt

herrschen. Mitten in den Kampf ums Dasein hinein verkündet er das Recht

der Liebe; der Lüge und Selbsttäuschung der Welt, daß sie, die Scheinende,

Gott sei, stellt er die Wahrheit entgegen, daß er, der Unsichtbare, Gott

ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt, wirft er vom

angemaßten Throne und ruft ihm zu, daß Gott im Ganzen ist, während der

einzelne vergeht. Darum kann es nicht anders sein, als daß die wahren

Christen um Christi willen werden Verfolgung leiden. »Kein Volk auf Erden

muß solchen bitteren Haß leiden, sie müssen Ketzer, Buben, Teufel und die

schädlichsten Leute auf Erden heißen.« Ja, man erkennt die Auserwählten

daran, daß sie von der Welt gehaßt werden. Daß Luther die Werke, durch die

der Glaube sich betätigt, den Kampf gegen das Böse außer uns, sowie den

Kampf gegen das Böse in uns, diesen allerbittersten und allerschwersten

verhältnismäßig viel weniger als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht

zu erklären, die Menschen würden diese unwillkürlichen Werke, die der

Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willkürlichen Werken der Moral

verwechseln. Dazu kommt, daß derjenige, der wirklich Glauben und Liebe hat

und sie mit Notwendigkeit betätigt, vergißt, davon zu sprechen. Luthers

Leben war ein fortwährendes Ausüben der Liebe, ein beständiges Sichopfern

für die Menschen. Er wandte sich nicht mit vornehmer Verachtung von der

Welt ab, sondern warf sich mitten in sie hinein, so daß er kaum noch, wie

man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was den Christen

macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt und genießt sie, der Buddhist

oder Mystiker verneint sie und entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint

sie zugleich, das heißt er überwindet sie. Gewiß hat Luther die Hälfte

seines köstlichen Lebens damit zugebracht, »Mansfeldische Säuhändel« zu

schlichten, vom selben Wert wie jener letzte von allen, nach dessen

Beilegung er starb. Er war der Beschützer aller Schwachen und Unterdrückten

ohne eine Spur von Menschenfurcht. Was menschliche Größe ist, kann man aus

Luthers Briefen an die Fürsten, mit denen er zu tun hatte, ersehen, vor

allem an seine kursächsischen Oberherren. Es ist, als höre man Gott selbst

sprechen: gütig, langmütig, wahr, die Herzen kennend und führend, zuweilen

streng und blitzend, immer weit, himmelweit überlegen. Die gegnerischen

Fürsten donnert er zusammen, daß man meint, es bleibe kein Stück von ihnen

übrig; aber bei alledem ist es Donner, der aus einem Himmel

unerschöpflicher Liebe kommt. Man begreift nicht, wie er die ungeheure

Arbeit, die ihm durch die Sorge für andere Menschen auferlegt wurde,

bewältigte; in der Tat hätte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht.

Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu reden; tat Luther es

einmal, so wurde allen anderen bange, weil sie merkten, daß das, was sie

Liebe oder Mitleid nannten, gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer

gleichzeitig nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbedürftigen, hassend

gegen die Bösen, mahnend gegen die Gleichgültigen. Der schwerste Kampf ist

eigentlich gar nicht der gegen das Böse; sondern der gegen die menschliche

Trägheit, die unter der Maske der Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit und Milde

das Böse und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen will. »Wenn du

über das Evangelium richtig denkst, kann seine Sache nicht ohne Aufruhr,

Skandal, Unruhe geführt werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus

dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist Schwert, ist Krieg,

ist Verderben, ist Ärgernis, ist Gift und wie ein Bär auf der Straße und

ein Löwe im Walde.« So schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan

des Kurfürsten, der die Gegensätze wohl sah, aber nach weltlicher Art

umgehen wollte. »Hüte dich zu glauben«, schrieb er demselben, »du könntest

Christus in der Welt fördern mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem

Blute gekämpft hat wie nach ihm alle Märtyrer.« Die Welt zieht deshalb den

stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie die Wahrheit

verleugnenden, kämpfenden Luther vor. Auf Melanchthon allein gestellt,

würde das von Luther neu aufgerichtete Evangelium kaum eine Spur

hinterlassen haben; auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das

Größte ist, mit seiner Person für sein Wort eintreten, das ist, es mit

seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber »es gehört dazu ein

trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu

sagen«. Die meisten Kämpfer unterscheiden sich von Luther dadurch, daß sie

nicht aus Liebe Gottes und Haß des Teufels, sondern aus Eitelkeit, Neid und

persönlichem Haß kämpfen; Luther hatte nur wenig redliche Gegner und keinen

von göttlicher Liebe in den Kampf getriebenen. Viele unter seinen Feinden

waren Neider und Nebenbuhler, denen seine Größe keine Ruhe ließ; nachdem er

das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, drängten sie nach und wollten

die vordersten sein. Anderen war es um ihre weltlichen Vorteile zu tun,

andere wollten nur Aufsehen erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und

es war nicht anders möglich, als daß sie ihm widerwärtig waren, denen es

immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die Wahrheit zu tun war;

aber selbst Karlstadt, der ihm mit seiner Eitelkeit das Leben so sauer

gemacht hat, nahm er liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn

wandte, und wurde sein Fürbitter beim Kurfürsten. Was für großmütige Liebe

bricht aus seinen Worten über Ökolampad mitten im Abendmahlstreit: »Welchem

Gott viel Gaben geschenkt hat vor viel anderen und mir ja herzlich für den

Mann leid ist.« Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens nicht

fühlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger von Luthers Gegnern,

wie bedeutend er auch sein möge, hat wie er Worte der Liebe; wie auch

keiner wie er Worte des Zornes und Hasses hat.

Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb streng ablehnend,

weit mehr als gegen schlechtweg weltliche, religiös gleichgültige Leute. Er

nannte sie Enthusiasten, Schwärmer und Flattergeister, insofern sie Gott

nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren Glauben irgendwie

betätigen müßten, sondern im Geist, der eigentlich nirgends ist, und wo sie

deshalb nur zu schwärmen und zu flattern brauchen. »Ich hasse die

Flattergeister und liebe dein Gesetz«, sagte Luther mit David, das

göttliche Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt, der

unfruchtbaren Gefühlsschwelgerei des Mystikers entgegenstellend. Alles

Frommtun im Winkel, das Pochen auf göttliche Eingebung außerhalb der Bibel,

die Heiligkeit und Rührseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung

vom allgemeinen und öffentlichen Gottesdienst, wie sich das bei Waldensern

und ähnlichen Sekten fand, flößte Luther Abneigung und Mißtrauen ein, auch

wenn es zunächst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen,

wie leicht die übersinnliche Geistigkeit in ungeistige Sinnlichkeit, in

Zügellosigkeit nach jeder Richtung umschlägt. Aber auch die Mystik feiner,

gutgesinnter Menschen bekämpfte er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl

von allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne daß er darin je

nachgelassen hätte, forderte er doch auch von ihm lautes Bekennen und

Eintreten für seinen Glauben.

Selig, wer sich vor der Welt

Ohne Haß verschließt.

Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, da er sich der Welt

weit mehr in Liebe und Haß opferte und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen

das Ende seines Lebens verließ er einmal Wittenberg, um nie mehr

zurückzukehren, so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner Umgebung

an; aber die Bitten seines Fürsten bewogen ihn, das Joch wieder auf sich zu

nehmen. Der gemarterte Prophet sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der

Gott des Lebens hieß ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist die

Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod ist das Ziel des

Sichabsondernden und seine Strafe.

Daß Tolstois Kampf, der mit so großer Gebärde der Welt den Handschuh

hinwarf, doch verhältnismäßig wenig fruchtete, lag, wie mir scheint, an

einer gewissen persönlichen Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die

nun einmal den heutigen Menschen anhängt. Wir sind allzu persönlich

geworden; unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Fürsichsein, sollte

das Gepräge sein, das das Allgemeine, das Göttliche, uns zueignet; aber es

ist eine Maske geworden, unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere

Herzen sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen

Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, um die sich in

Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit mehr als Tolstoi etwas

Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, Lächerliches. Die meisten von

ihnen sind durch die Worte des Paulus gerichtet: »Und wenn ich mit

Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre

ich ein klingendes Erz und eine tönende Schelle.« Sie wären wohl auch

niemals auf den Markt getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren könnten,

und mit Recht: ihr bißchen Gottähnlichkeit kann sich unserem glaubenslosen

Klima nicht aussetzen.

An die Stelle von Haß und Liebe, von Kampf und Opfer tritt bei den allzu

persönlichen, ungläubigen Menschen unserer Zeit, bei den »Heuchlern und

Gleisnern« die Medisance. Man läßt sich gefallen, was einem zuwider ist,

und es ist einem alles zuwider außer man selbst; aber man rächt sich daran

durch einen Spott, der zu höflich ist, um eine Herausforderung zu sein, und

witzig genug, um sich nötigenfalls für einen Spaß auszugeben. Die

Duldsamkeit ist nicht auf Großmut gegründet, sondern auf Gleichgültigkeit

oder Angst vor dem Kampfe.

Luther war allerdings der erste, der in religiösen Dingen den Grundsatz der

Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er es für unsinnig erklärte, Irrende

dadurch überzeugen zu wollen, daß man sie verbrennte. Mit dem Wort aber

solle man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten,

der in einer Hand die Kelle führte und baute, in der anderen das Schwert,

um sein Werk gegen die Feinde zu verteidigen. In einem brieflichen

Gutachten an seinen kurfürstlichen Herrn schrieb er die berühmten Worte:

»Man lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie künnten, und wider

was sie wöllen; denn wie ich gesagt habe, es müssen Secten seyen

(1. Kor. 11, 19), und das Wort Gottes muß zu Felde liegen und kämpfen,

daher auch die Evangelisten heißen Heerscharen und Christus ein Heerkönig

ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor uns nicht

furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so wird er sich vor ihnen auch

nicht, noch vor jemand furchten. Man lasse die Geister aufeinander platzen

und treffen. Werden etliche indes verführt, wohlan, so gehts nach rechtem

Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche fallen und

wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrönt werden.«

Für Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie später für Gustav

Adolf der Kavalier, der für Gottes Wort kämpft. »Ein Christenleben soll ein

Krieg sein, und die das Wort haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen,

das Schwert in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen,

gerüstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in einer rechten

Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.«

Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte während seines Aufenthaltes in

Lausanne eine Blindenanstalt zu besuchen und beobachtete dort ein

zehnjähriges Mädchen, das taub, stumm und blind geboren war und bisher ganz

ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. Sowie man dies Kind

sich selbst überließ, das heißt, es nicht anrührte, kauerte es sich mit an

die Ohren hinaufgezogenen Händen nieder, genau in der Haltung eines Kindes

vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens auf, daß dies auch die

Haltung der Wilden ist, wie verschiedene Reisende sie beschrieben haben,

unter anderem Defoe: »Ihre Haltung bestand gewöhnlich darin, daß sie auf

der Erde saßen, die Knie an den Mund hinaufgezogen und den Kopf zwischen

beiden Händen auf die Knie herabgeneigt«; und er erkannte es als die

embryonische Haltung der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt

versuchte man nun eine Verbindung des Kindes mit der Außenwelt

herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, die sie

zwischen den Händen hin und her rollte: »Sie scheint zu denken, daß dies zu

etwas führen soll, erkennt deutlich die Hand, welche ihr die Steine gibt,

als eine freundliche und schützende, und sitzt stundenlang ganz geschäftig

da.« Man gewöhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte in ihr das

Vergnügen an der Geselligkeit, und sie begann zu lachen und in die Hände zu

klatschen. »Ich habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art

Ergreifenderes gesehen«, erzählt Dickens, »als da man sie neulich in die

Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur Klavierbegleitung im

Chore sangen, und ihre Hand mit dem Instrument in Zusammenhang setzte und

hielt. Ein Schauer durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller,

ihr Gesicht rötete sich, und ich kann es mit nichts anderem vergleichen,

als mit der Wiederbelebung eines beinah toten Menschen. Es war wahrhaft

erschütternd, zu sehen, wie die Empfindung der Musik die in ihr

verschlossene Seele erregte und aufscheuchte.« Ich mußte an das Bild

denken, wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewußtlosen Dumpfheit

daliegenden Menschen anrührt und durch das Überströmen seiner Kraft das

schlafende Herz weckt. Die Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des

ganz einsamen Ich, des noch nicht mit der Außenwelt verbundenen Ich, das

eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht bewußt geworden

ist; es ist die Stellung der Seele des an Dementia, an Geistesabwesenheit

Kranken, des sich selbst anbetenden Ungläubigen, des hochmütig und

furchtsam zugleich vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man kann

auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen und des modernen

Menschen. Und wie erschütternd, daß Dickens durch jenes Schauspiel so

erschüttert wurde, der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch

in einem beständigen qualvollen Kampfe den Abgrund überwand, der ihn von

den anderen Menschen trennte, um sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu

reißen. In ganz anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte

nach das Leben Luthers.

Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur indischen

Philosophie hinneigen, sei es, daß sie indische Ideen in die christliche

Religion hineinlegen oder geradezu die indische Philosophie über die

christliche Religion erheben. Religion ist nur das Christentum, ja,

Christentum und Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung

der Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die Tat und das

Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brüdern und zu Gottessöhnen macht.

Der Christ weiß, daß der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem

vergossenen Blute Christi, und daß wir nur, wenn wir auch unser Blut

vergießen, zu Gottmenschen werden. Die Frau vergießt ihr Blut, indem sie

Kinder hervorbringt und alle Liebebedürftigen als ihre Kinder liebt, der

Mann, indem er nicht nur für die Seinigen, sondern, soweit sein Einfluß

reicht, für alle Hilfsbedürftigen kämpft. Du verstehst wohl, ohne daß ich

es ausdrücklich bemerke, daß ich nicht an Krieg und Schwert denke, obwohl

ja auch das in Betracht kommen kann; Liebe ist tatsächlich ein

Blutvergießen, die starke Bewegung eines Herzens, das sein Blut durch den

ganzen Körper hinströmt und ihn dadurch vergeistigt.

Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das bewußt gewordene Ich.

Setzt das Blut sich im Gehirn fest, so wird es dem Herzen entzogen, das

Dunkel des Allerheiligsten wird allmählich hell gemacht, die Kraft in

Wissen verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgöttert. Es ist ein

großer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reißt es sich aber nicht

rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie Narziß verzaubert und verloren.

Hier muß sich der Christ seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn

erkannte, aber, wie es in der Bibel so schön heißt, seine Gottheit nicht

für einen Raub hielt, nicht für sich behielt, sondern seinen geringeren

Brüdern opferte. Je höher wir zu stehen glauben, desto mehr sollten wir uns

getrieben fühlen, uns anderen hinzugeben. Nicht daß wir, wie Don

Quichotte, der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das möchten die

modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, unerhörte Opfer bringen,

zu denen durchaus keine Gelegenheit ist. Auch da kann man wieder von Luther

lernen, daß es darauf ankommt, das Nächstliegende zu tun, daß wir uns nicht

mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten quälen sollen, während wir

nicht imstande sind, die einfachen, von Gott gegebenen zu erfüllen.

Luthers Glaube: Briefe an einen Freund · 第 25 / 29 题