Vor Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen, die sich zu
Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie führten ein sehr ordentliches und
ehrbares Leben, sie tranken nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner
Richtung aus und hielten sich im Grunde für viel kultivierter als uns
Europäer. Sie mißbilligten, daß man sich bei uns küsse, überhaupt im
Ausdruck der Gefühle gehen lasse; einer erzählte, wenn er nach jahrelanger
Abwesenheit heimkäme, würde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des
Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, höchstens mit einem Händedruck
begrüßen. Selbstbeherrschung werde bei ihnen vom Menschen verlangt.
Mir hat das einen befremdenden und unauslöschlichen Eindruck gemacht, den
ich damals nicht weiter auslegte und verfolgte; ich fand, daß die
einwandfreien Japaner eher künstlichen Affen als Menschen glichen, von
schönen, liebenswerten Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch vor,
daß sie sich für Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung protzten,
obwohl gar nichts zu beherrschen da war, höchstens daß irgendein Rädchen
hätte kaputt gehen können. Als Menschen genommen flößten sie mir Ekel ein.
Wie anders die Griechen, die wie Löwen brüllten, wenn sie verwundet waren,
die wie Kinder weinten, wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch ging, und sich
wie Straßenjungen beschimpften, wenn sie wütend aufeinander waren. Luther,
den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war vielleicht unter
seinen deutschen Zeitgenossen am meisten Grieche. Was hatte der trockene,
klügelnde Erasmus mit Griechenland zu tun, und was die meisten der
fleißigen, strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen großen Schmerz erfuhr,
wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog er sich zurück und
betete, das heißt, er raste sich aus. In seinen Gebeten sprach er mit Gott,
hielt ihm sein Unrecht vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte
dann seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen Gegnern ist
bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen Vorwurf daraus; er gab ihnen
recht, blieb aber dabei. Sicherlich hat er nicht gedacht, daß er seine
Naturkraft schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich
allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten Vorsätzen, die er
selbst faßte, zum Trotz; es gehörte zu seinem Genie. »Die Stoiker, die
Stockheiligen, die nicht weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es
geschehe, was da wolle«, verurteilte er; denn es sei im Grunde »eine
gemachte Tugend und erdichtete Stärke, die Gott nicht geschaffen hat, ihm
auch gar nichts gefällt. Denn Gott hat den Menschen nicht also geschaffen,
daß er Stein oder Holz sein sollte.«
Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden, weil es eine
Zeit versiegender Natur war. Er und einige seiner Zeitgenossen, zum
Beispiel Dürer, waren noch durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten
sie fest; dann fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch.
Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz darein setzte, nicht
Tier mehr, nur noch Mensch sein zu wollen, und ihm folgte der moralische
und tugendhafte Mensch, der sich nur noch im Gehege der bürgerlichen
Ordnung bewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles, was getan und
gemacht wird; man wundert sich zuweilen, wie die Menschheit ohne Hunger und
Liebe sich erhielt und fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in
der Weimarischen Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe auf dem
Boden der Bildung, Wohlanständigkeit und Kleinbürgerlichkeit das ungezähmte
Element nie losbrechen können.
Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes Volk, wie zum
Beispiel das spanische, und zwar aus einem sehr erfreulichen Grunde, weil
das Chaotische und Elementare, das der Form sich Widersetzende, in den
Deutschen noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch viel zu
tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den Preis darf ein Volk auf
die Zier der Vornehmheit wohl verzichten. Indessen ist etwas anderes da,
was dieser instinktiven Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint,
nämlich das System.
Vergleicht man etwa den Dreißigjährigen Krieg mit dem heutigen, so springt
jedem ein wesentlicher Unterschied in die Augen. Dort, im 17. Jahrhundert,
eine lächerliche Umständlichkeit, Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei
eine unübersehbare Fülle der Erscheinung. Etwas Überschwengliches, zugleich
Entsetzliches und Schönes stellt sich unserem inneren Auge vor, wenn wir
daran denken. Dagegen jetzt eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres
Funktionieren, das jeden in Erstaunen setzt; das System bewährt sich über
alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel, und man
vergleicht sogar hier und da mit dem Dreißigjährigen Kriege; aber in
Wahrheit besteht vielleicht nur auf russischer Seite eine wirkliche
Ähnlichkeit. Ich las die Schilderung eines Pfarrers in Ostpreußen, wie ein
russischer hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes töten zu
lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders den Geistlichen
zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte; wie dann aber plötzlich das Herz
dieses Teufels sich wendete, und er mit einer wahrhaft großmütigen Wallung
alle begnadigte. Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem Dreißigjährigen
Kriege.
Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System arbeitet folgerichtig,
von Gott heißt es #spirat ubi vult#. Luther sagte einmal, als eine Stadt
mit irgendwelchen derzeitig neuen Kanonen beschossen wurde, daß diese
Maschinen wahrhaft eine Erfindung des Teufels zu nennen wären; denn dadurch
würde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann sich hervortun könne, die
persönliche Tapferkeit, ihm genommen. Du mußt nicht denken, ich wolle die
Tapferkeit und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne
sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die Soldaten des 16. und
17. Jahrhunderts, denen es in allen Schichten hauptsächlich um Beute zu tun
war; aber das ist nicht zu leugnen, daß der Krieg fortwährend mehr
systematisiert und mechanisiert wird, das heißt, daß der Ausgang weniger
von lebendiger persönlicher Kraft abhängt als davon, daß jeder einzelne an
seinem Orte pünktlich die ihm vorgeschriebene Pflicht tut. Wenn jeder
Arbeiter im richtigen Augenblicke sein kleines Rädchen dreht oder auf sein
kleines Knöpfchen drückt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel
Pferdekräften. Im Dreißigjährigen Kriege sprachen die größten Feldherren
immer von der launischen Fortuna und dem Umschwunge des Glücksrades; es lag
alles, wie in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand der
Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverständlich, daß die Welt
dabei gewonnen hat; das Reich Gottes hat dabei verloren.
Ebenso verhält es sich mit der heutigen Wohltätigkeit. Früher fanden die
von den Stärkeren zertretenen Schwachen Zuflucht bei der erbarmenden Liebe
einzelner, auch konnte der Unterdrücker selbst sich plötzlich in einen
Großmütigen verwandeln; kurz, über dem Armen waltete lebendige Kraft und
darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohltätige Betrieb ersetzt nicht
nur die erbarmende Liebe des einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man muß den
Bettler von der Tür weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken, etwaiges
Mitleid darf sich nur bessernd äußern. Unter Ausschaltung des einzelnen
übernimmt es das System, die Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren
beizufügen, für richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empfänger
soll um keinen Preis durch die Gabe beglückt werden, sondern soll sie so
anwenden, daß die allgemeine Ordnung dadurch gehoben wird. Da die
Privatpersonen nach Maß ihres Besitzes zur Erhaltung der
Wohltätigkeitsmaschine beigesteuert haben, lassen sie die Menschenliebe
nachher brachliegen; die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle
wohlwollende Geschäftsleute. Daß unter den Privatpersonen wie beim
Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe für die Leidenden bewogen
werden, ist selbstverständlich; im allgemeinen kommt auch auf diesem
Gebiete das System der Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies
wurde natürlich auch schon bemerkt, und die merkwürdigsten Vorschläge
wurden gemacht, um eine Änderung herbeizuführen. Einmal las ich, es sollte
in jedem Herrschaftshause unter dem Dache eine arme Familie einquartiert
werden, welche die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so
dachte man das System durch ein besonders feines System aufzuheben.
Das System ist das, was am Preußentum gehaßt und gefürchtet wird. Die
Abneigung dagegen ist instinktiv und unausrottbar und läßt sich nicht
dadurch widerlegen, daß das System es gut meint, korrekt und löblich ist
und sehr viel leistet, natürlich in der Welt. Jedes organische Wesen, je
lebendiger es ist, wird abgestoßen durch die Kennzeichen des Systems: die
schnurgerade Linie, die Starrheit und Übersehbarkeit; denn alles Lebendige,
wie überzeugend es auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar
seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System Triumphe
gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus und den Sozialismus,
nirgends aber so wie in Deutschland. Daß das gerade in diesem kindlichen,
phantasievollen Volke möglich war, ist merkwürdig; ich erkläre es mir
folgendermaßen.
Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens für das Genie
der politischen oder weltlichen Völker. Sie organisieren die Gesellschaft,
wie Frauen, Kinder und Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen
pflegen mit einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm
getrieben, zu organisieren, so wie ein Künstler sich auf sein Werk stürzt;
ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine andere. Dieser
Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigermaßen selbstbewußtes Volk einen
Gegendruck entgegen, der der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem
Kunstwerk eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr passiven,
zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand gering; der starken
Persönlichkeiten, die früher zwischen dem Volke und den Herrschenden
standen, sind immer weniger geworden, und so gelingt es dem knetenden
Willen, den unförmigen Teig einförmig zu machen. Ein geniales Volk in
seiner Blütezeit widersteht der Organisierung ganz und gar: es entzückt
durch die Fülle seiner üppig wachsenden Formen, während wir an England die
logische Entwickelung seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorzüge
der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren der Maschine,
Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit und Schönheit; dort ist Leben,
Geist, Genie, Liebe bei äußeren Verhältnissen, die einem Weltmenschen als
chaotische Unordnung erscheinen müssen. Das Organisieren möchte ich als
eine natürliche Gabe betrachten, aus der Natur politischer Völker
hervorgehend; das System verdeckt den Mangel an weltlicher Begabung. Wer
nicht organisieren kann, verfällt auf das Mechanisieren.
Man hat Luther nachgesagt, daß er kein Organisator gewesen sei, aber das
ist ganz unrichtig. Er hatte genug von einem Herrscher in sich, um
organisieren zu können; aber er war zugleich ein Genie und haßte alles
Mechanische, so wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen
Richtungen frei beweglich und entwickelungsfähig wäre, damit nicht aus dem
Organismus ein Mechanismus würde.
Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin er selbst sein höchstes
Glück findet: im Handeln. Er will das Handeln an sich allein reißen, für
alle handeln, wie die Kirche für alle denken wollte. Christus hat nie
organisiert, nur Leben geweckt, wohin er kam; ich möchte mit Absicht den
entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und ließ leben. Während Zwingli und
Calvin vorzugsweise Organisatoren, also Weltmenschen waren, organisierte
Luther nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gefühl, sich dadurch tragisch
zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um der Erstarrung
vorzubeugen.
Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem Gebiete
ist in dieser Hinsicht staunenswert weise, oder sogar durch und durch
genial; er entschied immer nach dem einzelnen Fall, immer unter
Miteinrechnung der jeweiligen Möglichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit
und Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln wie bei
der Einführung von Zeremonien steckte er immer die Grenzen weit und machte
sie beweglich und vermied jede Willkür. Er organisierte wie die Natur, das
heißt wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so fügte er
nachdrücklich bei, daß es durchaus nicht überall und nicht immer ebenso
gehalten werden müsse. Am Schlusse seiner Deutschen Messe und Ordnung des
Gottesdienstes sagt er: »Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu
gebrauchen, daß, wo ein Mißbrauch daraus wird, daß man sie flugs abtue und
eine andere mache; gleichwie der König Ezechias die eherne Schlange, die
doch Gott selbst befohlen hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, daß
die Kinder Israel derselbigen mißbrauchten. Denn die Ordnungen sollen zur
Förderung des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zu Nachteil des
Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr tun, so sind sie schon tot und ab und
gelten nichts mehr; gleich als wenn eine gute Münze verfälscht, um des
Mißbrauchs willen aufgehoben und geändert wird, oder als wenn die neuen
Schuhe alt werden und drücken, nicht mehr getragen, sondern weggeworfen und
andere gekauft werden. Ordnung ist ein äußerliches Ding; sie sei wie gut
sie will, so kann sie in Mißbrauch geraten. Dann aber ists nicht mehr eine
Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht und gilt keine Ordnung von ihr
selbst etwas, wie bisher die päpstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind;
sondern aller Ordnung Leben, Würde, Kraft und Tugend ist der rechte Brauch;
sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.«
Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger Bau unter einer
Kuppel, entsprechend den drei Haufen, in welche die Menschheit, ein Abbild
der Heiligen Dreifaltigkeit, sich gliedert. Sie sollte einschließen einen
Bau für den großen Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt werden
muß; einen anderen Bau für die zwischen der Welt und dem Reiche Gottes
Schwankenden, denen die Verheißung des Evangeliums offenbart wird, damit
sie um der Herrlichkeit der Auserwählten willen den Flug in das Geistesland
wagen; den dritten Bau für diese, die wahren Christen, die freiwillig mit
den anderen in der Kirche anbeten, obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist.
Diese gigantisch gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome des
Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand. Welche Tragik des
genialen Einsamen! In dieser Spitze sollten die Bauglieder der Kirche
münden, diese wären das Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut
versorgt und vor der Erstarrung bewahrt hätte. Ich weiß keine Tragödie, die
mich mehr erschütterte als diese; der von Christus im Wesen gleich, als er
seine Jünger auf dem Ölberge schlafend fand.
Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, daß die Menschen die Einrichtungen
machen, und zwar für sich; tatsächlich verschwinden aber bei uns die
Menschen hinter den Einrichtungen, in die das Leben übergeht. »Es kann in
der Welt nur gut werden durch die Guten«, das ist, glaube ich, ein Wort der
Königin Luise. Luther sagte: »Darum ist dem Staate mehr dafür zu sorgen,
daß gute und verständige Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze
gegeben werden.« Wenn die Wut nachläßt, Verordnungen, Pläne, Organisationen
zu machen und Maschinen zu mästen, werden wir auch wieder mehr
Persönlichkeiten haben, deren gerade wir bedürfen, weil wir im ganzen ein
unpersönliches Volk sind.
Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich ist es nicht getan:
der moderne Staat ist das System, das keine Persönlichkeit duldet; denn er
ist ja die Maschine, die schwächer werdende Persönlichkeiten sich zum
Ersatz für ihre versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an
Übung schwächer und schwächer wurden, so könnte die Übung sie auch wieder
kräftiger machen. Das mittelalterliche Feudalsystem, das System der
persönlichen Beziehungen, der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich
schließlich zu größeren zusammengliedern, war der Ausfluß persönlicher
Kraft und könnte auch wieder zur Schule persönlicher Kraft werden. Handeln
ist die unmittelbare persönliche Wirkung von Mensch auf Mensch, und nur
handelnd bildet sich das selbstbewußte, selbsttätige Ich, der Mann.
Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom für das Aufhören des
unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens. Man sagt seine Meinung in
Büchern und Aufsätzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen
Berührung kommt es nicht, und schließlich bleibt jeder bei seinen
taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas den alten öffentlichen
Disputationen Ähnliches; aber im Grunde vermeidet man doch das
Aufeinanderplatzen der Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe
fühlt. Wir leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden.
So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller unserer Zeit
werden konnte, gerade von Männern gern gelesen. Fontane hatte sich durch
fünfzigjährige Beobachtung eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte
sie dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den anderen auch
Eingeheimsten übereinstimmten, als vollgültige Bilder angenommen und
begrüßt wurden. Die Ideen des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes,
im Leben, Eigentum der Seele, bewußt werden, und durch welche die
Ausschnitte aus der Außenseite der Welt erst zum Bilde ergänzt werden,
fehlen ganz; aber gerade in dem verständigen Gerüste fühlt der moderne
Mensch sich heimisch. Andere Dichter und Künstler geben nur ihre
Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen stehen die
Visionen hart neben den Ausschnitten; im tätigen Ich würden sie zum
lebendigen Ganzen verschmelzen.
Es gab Zeiten, wo aus Jünglingen, die verantwortlich ins Leben
hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Männer wurden, denen eine
religiöse, das heißt einheitliche Weltanschauung, die sie trug und hob, von
selbst erwuchs. Die Jünglinge der neuen Zeit können nicht Männer werden,
weil sie nicht verantwortlich, schaffend tätig sind, und es kommt nicht
selten vor, daß das Ich um das fünfzigste Lebensjahr herum, zu einer Zeit,
wo es sich allmählich auflösen sollte, sich noch gar nicht gebildet hat.
Diese stehengebliebene Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas
Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch eine ohne Sonne
reifgewordene Frucht zustande; aber im Grunde bleibt es doch zwischen
Jünglingshaftem und Greisenhaftem unbeglückend schwanken. Vielen ergeht es
wie jenem sagenhaften Mönch, der sich träumend im Walde verlor, und als er
nach einem verpaßten Leben, das ihm zeitlos verlaufen war -- denn Zeit und
Raum entstehen nur dem selbstbewußten, selbsttätigen Ich, nicht dem Träumer
-- zu den Menschen zurückkam, von dem starken Anhauch des Lebens in Asche
fiel.
Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch und sehr
belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhängigkeit von der Natur. Der Titel
bezieht sich auf die künstliche Erzeugung von Nährstoffen, Farbstoffen,
Heilstoffen und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen
entbehrlich werde. Es wurde darin erzählt, wie schäbig der Purpur der Alten
in der Tat gewesen sei, wenn man ihn mit unseren künstlich hergestellten
Farben vergleiche, und es könnte vielleicht, wurde hinzugefügt, mit manchem
Glanze der Antike so gehen, wenn er mittels ähnlicher exakter Methoden, wie
sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen könne. Und doch, dachte ich,
hat die Glut dieses schäbigen Purpurs über Jahrhunderte weg die Phantasie
der Menschen entzündet, daß sie ihre imperatorischen Träume, ihre
herrlichsten Gesichte dahinein hüllten. Was hülfe uns die königlichste
Farbe, wenn kein Held mehr da wäre, dessen Schultern sie trügen? »Jetzt gib
mir einen Menschen, gute Vorsicht!« läßt Schiller seinen König Philipp
flehen, der die Natur zu einem toten Räderwerk hat erstarren lassen. Der
Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedürfen, je imposanter unsere
naturfreien Purpurfarben werden. Ich weiß wohl, daß es nicht an solchen
fehlt, die in der Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas
bedeuten; aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. Man
kann nicht Gott dienen und dem Mammon; aber man kann mit Gott den Mammon
beherrschen. Marquis Posa war Gott zu treu, um Fürstendiener sein zu
können; den klügsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit durch Gott zu
regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, weil er das Elend seiner
Gottesferne durchschaute. Solche Menschen brauchen wir, die zugleich
Mittelpunkt und Peripherie, zugleich der Eine und das All, zugleich
lichtbringendes Wort und Chaos sind.
Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; das Licht
erschafft die Welt, indem es die Finsternis von ihr abtrennt. Aber alle
Lichter steigen auf aus Nacht und gehen in Nacht unter; das Feuer in
seiner Majestät vernichtet. Aus den Mythologien wissen wir, daß die
Feuergötter zweischneidig sind, böse und gut, tötend und lebendigmachend
zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zürnen, daß ich dich mit Worten um
den schwarzen Wein der Nacht bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, daß es
Worte aus dem Herzen, und daß sie also doch vielleicht etwas alkoholisch
waren.