»Nun ist auch irrig, daß die Zeremonialwerke nach dem Tode Christi
todbringend sind. Sie rechtfertigen, nur nicht vor Gott.« Diese Worte
Luthers führe ich dir deswegen an, weil du mir neulich schriebest, das
einseitige Betonen des Unwillkürlichen, Unbewußten oder Gottbewußten sei
dir zuwider; der Mensch sei doch auch Mensch, ja eigentlich wesentlich
Mensch, also selbstdenkend, selbsthandelnd, selbstbewußt,
selbstverantwortlich; erst wenn er das ganz sei, komme das Göttliche an die
Reihe. Ob du diese Einseitigkeit deshalb so stark empfindest, weil du
gerade mehr göttlich als menschlich bist und als ein ritterlicher Mann auch
dem Gegner gerecht werden willst? Oder weil du im Grunde weltlich bist? Was
Luther betrifft, so war er sehr stark selbstbewußt -- die alte Schlange
hatte ihn greulich vergiftet, wie er sagt -- und seine Zeitgenossen waren
es überwiegend; aus diesem Grunde hat er den Ton auf das Göttliche gelegt,
da das andere sich von selbst verstand. Die angeführten Worte beziehen sich
zunächst nur auf kirchliche Gebräuche, deren der Christ nicht bedarf; die
er aber nach Belieben beobachten kann, wenn er sich nur darüber klar ist,
daß Zeremonien uns nicht den inneren Frieden, die Übereinstimmung mit uns
selbst und Schaffenskraft geben können.
Ähnlich sprach sich Luther auch über die guten Werke, also über die
bürgerliche Moral aus, daß sie nicht an sich zu verdammen sei, nur vor Gott
nicht rechtfertige. »Nun ist wahr«, sagt er, »wie ich immerdar gelehrt
habe, daß Gott ja will fromme Leute haben, in einem fein äußerlichen Leben
und Wandel vor der Welt, heilig und unsträflich; aber es soll und kann vor
Gott keinen Christen machen, das ist das ewige Leben schaffen noch bringen.
Zu diesen Ehren lassen wir kein menschliches Leben noch Heiligkeit kommen,
sondern es soll hoch und weit über alle Werke und schönes, herrliches Leben
schweben. Unsere Werke und Leben laß hienieden in diesem Regiment bleiben
und eine irdische Frömmigkeit heißen, welche Gott auch von uns fordert und
läßt sie ihn gefallen, so sie im Glauben geht, und beide, hier und dort,
belohnen will: dies aber, wovon wir hier reden, ist eine himmlische und
göttliche Frömmigkeit, die ein ewiges Leben schafft.«
Du siehst, es kam Luther darauf an, den Unterschied zwischen der Moral zu
zeigen, die von menschlicher Willkür abhängt, und von dem Glauben, der aus
göttlicher Gnade, aus dem Herzen fließt, und zu erklären, was vom einen und
was vom anderen zu erwarten ist.
Leute, die die Reformation mit Jubel begrüßten, haben sich später angeekelt
von ihr abgewandt, wie zum Beispiel der Nürnberger Patrizier Pirkheimer,
weil sie wahrzunehmen glaubten, daß auf evangelischer Seite die
Sittenverschlechterung mit einem großen Nachdruck und Übermut einreiße.
Luther selbst erschrak über diese unvorhergesehene Folge seines Werkes und
sagte: sie nehmens fleischlich auf. Daß dies geschehen konnte, liegt auf
der Hand: Luther predigte gegen die Moral und gegen das Streben nach
Vollkommenheit, vielmehr solle man sich gehen lassen und auch sündigen.
»Wir sehen im Evangelium«, schreibt er, »den Zöllner Christo näher sein als
den Pharisäer; wenn sie auch nach menschlichem Urteil ärger sind, so stellt
sie doch das Evangelium gewißlich als seliger dar, so daß es sicherer
erscheint, öffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos
dazustehen. Aber deswegen raten wir jenen nicht, zu fallen. Wir überlassen
Gott seine verborgenen und zu fürchtenden Urteile.«
Luther hatte tiefe Einsicht in die Gefahr der Selbstüberspannung auf der
einen Seite; aber auch in die Gefahren, die dessen warten, der sich dem
Herzen und seiner elementarischen Unberechenbarkeit überläßt. Seine Lehre
bedurfte deswegen einer Ergänzung, die er ihr auch gab, nämlich indem er
das durch die Obrigkeit vertretene Gesetz stärkte.
Luther verstand unter Welt mit dem Evangelisten Johannes die noch nicht zum
Geist hinübergeführte Menschheit, anders ausgedrückt: die Gesamtheit aller
von den Menschen willkürlich gemachten, nicht gewachsenen Organisationen
und der ihnen dienenden, sie bedienenden Menschen. Die genialen Menschen
und die Sünder und Verbrecher haben das Gemeinsame, daß sie außerhalb
dieses Mechanismus stehen, mit dem Unterschied aber, daß die Auserwählten,
die wahren Christen, sich ihm freiwillig fügen oder ihn ignorieren oder, je
nachdem, ihn durch Worte bekämpfen, während diese, die Sünder und
Verbrecher, ihn hinterrücks oder offen gewaltsam zu zerstören suchen. Vor
allem aber ist der Grund des Gegensatzes zur Welt beim Christen und beim
Verbrecher ein anderer: der Verbrecher fühlt seine Selbstsucht durch die
Welt gehemmt, der Christ seine Göttlichkeit. Da jedoch Selbstsucht wie
Göttlichkeit aus derselben Quelle fließen, nämlich aus dem Herzen, so ist
zwischen beiden ein Verständnis möglich. Man kann sagen, daß Gott und Tier
sich unmittelbar leichter verstehen als Gott und Mensch: sie beide leben
aus dem Herzen, der Mensch aus dem Kopfe.
Luther hatte vom natürlichen Menschen die Meinung, daß er dem Teufel und
der Sünde verknechtet sei, daß er also nur sich selbst wollen könne;
infolgedessen herrsche unter den natürlichen Menschen das Recht des
Stärkeren, wer den anderen übermöge, stecke ihn in den Sack. Damit nun der
Stärkere den Schwächeren nicht erdrücken könne, müsse das Gesetz sein, das
die Aufgabe habe, aus Tieren Menschen zu machen. Luther hat bewußt für die
Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt gesorgt, die in der Tat eine
notwendige Ergänzung seiner Lehre ist: nur dann können sich die Menschen
ihrem Herzen überlassen, wenn die Übergriffe der selbstischen, bösen, noch
tierischen Herzen durch das Gesetz gehemmt werden. Das Gesetz überhebt den
Menschen, diese Hemmung selbst durch die Moral auszuüben, was er nicht tun
kann, ohne seine Herzkraft dadurch zu lähmen. Es ist Verleumdung, wenn man
Luther nachsagt, er habe den Fürsten geschmeichelt, sei es auch nur, damit
sie seine Ideen stützten. Die Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt
gehörte vielmehr durchaus zu seinen Ideen; er tadelte an dem Kurfürsten
Friedrich die Scheu, streng zu strafen, die vermutlich dem Adel zugute kam.
Die in der Welt herrschende und auch in den Gesetzen sich ausprägende
Gesinnung, nicht den Schwachen, sondern den Starken auf Kosten des
Schwachen zu schützen, kannte Luther sehr wohl und gab sich selbst
furchtlos preis, um mit seiner Person etwaige Schäden der Gesetzgebung in
dieser Hinsicht zu decken; dennoch hielt er die Herrschaft selbst
ungerechter Gesetze für besser als Gesetzlosigkeit. Was er anstrebte, war
strenges Gesetz, dessen Handhabung durch großherzige Menschen besorgt
würde. Dies Verhältnis bestand bis zu einem ungewöhnlich hohen Grade in
Sachsen, solange Luther lebte; tatsächlich regierten sein reines Herz und
seine großen Gedanken, nur selten wurden die Fürsten, die sich
vertrauensvoll von ihrem Propheten leiten ließen, durch die Selbstsucht
ihres Adels abgelenkt. Luthers Herz schlug ebenso stark in die Welt hinaus,
wie in sein Inneres hinein; nach seinem Tode war das Stück Welt, das er
dadurch beherrscht hatte, wieder sich selbst überlassen.
Die Erkenntnis, daß, wenn das Gesetz in der Hand von Persönlichkeiten ruht,
mit dem Ausscheiden derselben plötzlich Schwankungen und Störungen
eintreten können, hat die Menschen veranlaßt, die Gesetze von der
Handhabung durch einzelne unabhängig zu machen, da der geschriebene
Buchstabe verläßlicher zu sein scheint als der veränderliche Mensch. Sowie
aber der menschliche Verstand denkt, irrt er auch; es ist nämlich wohl
richtig, daß geschriebene Gesetze nicht sterben, aber sie tun es deswegen
nicht, weil sie nicht lebendig sind, und infolgedessen decken sie sich
nicht mit den Erscheinungen des Lebens und können das Leben nicht
regulieren, ohne es zu schädigen. Soviel ich weiß, ist man jetzt zu dem
Grundsatz zurückgekehrt, die Gesetze so großzügig anzulegen, daß Raum für
persönliche Auslegung und Anwendung bleibt. Woran es fehlt, sind die
herzhaften Menschen, die salomonische Urteile fällen können. Alle die
Urteile zu sammeln und herauszugeben, die Luther in den vielen ihm zur
Entscheidung vorgelegten Sachen fällte, würde sehr verdienstlich sein und
einen überraschenden Einblick in seine gründliche Kenntnis weltlicher
Angelegenheiten und in die Weisheit seines Herzens gewähren. Hätte das Volk
immer Zutrauen zu der Weisheit der richterlichen Herzen haben können, wären
sicherlich keine Geschworenengerichte entstanden. Wenn in den rückläufigen
Zeiten die Kraft abnimmt, versucht man durch Summierung von Menschen die
Unkraft des einzelnen zu ersetzen, ohne zu bedenken, daß Millionen
schwacher Herzen nicht ein einziges starkes ausmachen. Nach dem Gesetz, daß
Organe, die sich nicht üben, immer schwächer werden, mußten die
Einrichtungen, die zum Ersatz der mangelnden Kraft getroffen wurden, die
Herzen immer mehr entkräften.
Luthers Ideal war, daß die Welt, in der das Gesetz herrscht, sofort
abgelöst wird durch das Reich Gottes, in dem die Liebe und infolgedessen
die Freiheit herrscht. In ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes
Sichgehenlassen, sondern ein steter Kampf gegen das herrschsüchtige Ich; da
aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom gläubigen und
liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch gewissermaßen ein
Sichgehenlassen und nicht schädlich, sondern heilsam.
Da nun aber außer der Welt und dem Reich Gottes noch das Zwischenreich des
zweiten Haufens besteht, der zwischen Welt und Geist schwankt, so scheint
mir die Moral für dieses übrig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des
großen Haufens unterworfen zu fühlen, nicht stark genug, um sich dem
eigenen Herzen zu vertrauen, müssen sie sich einstweilen mit der Moral
rüsten. Diese Rüstung -- wer wollte das verkennen -- kann sehr blank und
ritterlich sein, und Luzifer kann mit ihr dermaßen strahlen, daß man ihn
fast mit der Sonne verwechseln könnte. Nur das ist gegen sie einzuwenden,
daß das göttliche Feuer hinter ihr ersticken kann; deshalb muß sie abgetan
werden, wenn noch Glut genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme
zu werden.
Es ist für Luther, den Deutschen, und für Luther, das Genie,
charakteristisch, daß er bei seiner Einteilung der Menschen in die drei
Haufen eigentlich nur die Entwickelung des natürlichen Menschen zum
geistigen im Auge gehabt hat. Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber
es gibt auch eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden
Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich auf den
verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor, Unternehmer,
General bis zu den Fürsten, von denen Luther sagte, daß sie gemeiniglich
die ärgsten Buben oder größten Narren wären. Luther hatte nichts gegen sie;
sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, daß er ein frommer
Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen, daß auch ihre allergrößte
Macht nicht imstande sei, ihnen die überschwengliche Herrlichkeit der
Auserwählten zu verschaffen. Ich erwähnte schon, daß die Römer, im
Gegensatz zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegenüberstanden.
»Drum soll der Sänger mit dem König gehen; sie beide wohnen auf der
Menschheit Höhen.« Sie sind die Spitzen zweier in entgegengesetzter
Richtung nach oben führender Linien, als Herrscher einander verwandt, als
Herrscher sich ausschließender Reiche einander feind.
Zwischen beiden Punkten jedoch ist beständiges Fließen und Übergehen. So
senkte sich die Linie der Kurfürsten von Sachsen seit Friedrich dem Weisen
in der Welt abwärts, um im Reiche Gottes aufwärts zu steigen, so haben
alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten. Den Geist Gottes
verglich Luther einem Platzregen und betonte, daß er nicht erblich sei.
Talent vererbt sich, nicht das Genie; denn es ist ein Höhepunkt und kann
seiner Natur nach nicht zugleich Ebene sein.
Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt und ihre Ordnung; die
genialen Menschen, die im Reiche Gottes Befestigten, hassen das Böse in der
Welt und haben Sympathie für diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie es
auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen lieben die
Persönlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil sie göttlicher Natur ist,
Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der
Welt und Herrscher im Geistesreiche müssen sich zueinander hingezogen
fühlen, so wenig sie sich jemals ganz verständigen können. Sowie die
Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen, zeigt sich ihre höhere
Art: fesseln läßt der Geist sich nicht; aber auch die Weltherrscher wollen
sich nicht in jenes Reich verklären lassen, zu welchem man nur durch das
Tor der Schmerzen eingeht. So müssen die beiden Fürsten, obwohl sie sich
anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie Gott und der Teufel.
Sieh, der Herold der Sonne setzt die beflügelte Silbersohle auf den
Wolkenrücken jenseit jener Dächer und winkt zum Abschied. Von Sternen zu
Sternen und Sonnen steigt die unsichtbare Leiter; der Kuß des Abschieds
verschmilzt in dem des Wiedersehens, ist doch der Kuß selbst nur eine
Begegnung. Ein zögernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und
vergönnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu säumen, den Fuß schon im
Eimer, der aufwärts an die Küste des Tages führt. Lebewohl für eine
Tageslänge; er wächst schon, flutet nach allen Seiten, und die Nächte, die
uns vereinen, werden frühlingshaft gedrängt. Bald weiß ich auch nichts
mehr, nichts wenigstens, was sich sagen ließe, und wenn die kürzeste Nacht
kommt, werde ich ausgeredet haben. Lebewohl.