»In allen guten Künsten und Kreaturen findet und sieht man abgedruckt fein
die heilige göttliche Dreifaltigkeit.« Jedes Kunstwerk muß wie jeder
lebendige Mensch die drei Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das
gilt wenigstens für die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen Gott
glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst wurde die Kraft
unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt das für die bildende Kunst sowohl
wie für die Dichtung. In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist,
und das kann nur mittelbar geschehen durch die Persönlichkeit. Sie hat
Natur und Geist gespalten und muß sie wieder vereinigen; die Persönlichkeit
prägt den Geist der Erscheinung ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie
sie persönlich. Die Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, daß
es in jedem Atom durchgeistigt, persönlich geworden ist. Mit unbefangener
Fröhlichkeit stellte Luther fest, daß keines seiner Worte zu verkennen sei,
daß man jedem unwidersprechlich anmerke: das ist der Luther. So gibt es
auch Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das ist der
Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt es in der nachchristlichen
Kunst nicht nur auf die Kraft an, die natürlich vorhanden sein muß, sondern
ebensosehr auf die Persönlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einprägt.
Die Persönlichkeit muß von hervorstechender Eigenart, zugleich aber
möglichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr Kraft sie vertritt. Es
ist die merkwürdigste Sache von der Welt, daß die heutigen Künstler sich
plagen, nicht um sich möglichst vielen verständlich, sondern um sich
möglichst vielen unverständlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein
Buch an, das seiner Art nach nicht für eine allgemeine Verbreitung bestimmt
sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser nicht gewünscht werde. Gut, aber
warum behält er es dann nicht ganz für sich oder liest es vielleicht
einigen Freunden vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die
sich für viele ausdrückt; dagegen leben die Künstler, die sich bemühen, für
wenige verständlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch eine Persönlichkeit
zu werden. Die Absonderung geschieht von selbst, das heißt: die Natur
verdichtet Individuen durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf
Erweiterung gerichtet sein. Weil keine Persönlichkeit mehr den Wunsch hat,
Millionen zu umschlingen, kommt auch kein millionenfaches Echo;
allerdings, wäre Kraft vorhanden, würde auch der Wunsch nicht fehlen.
Luther lobte einen jüngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit, Bildung
und was weiß ich sonst für Vorzüge; predigen aber, setzte er hinzu, könne
er, Luther, doch besser. Der jüngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, daß
dies selbstverständlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine es
vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige nämlich deshalb
besser, weil er verständlich für das Volk spreche. Mehrmals hat er betont,
daß er bei öffentlichen Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und
Kollegen sich aus dem Sinne schlage, um nur an die Ungelehrten und
Allereinfältigsten zu denken. An Dürer rühmte er die Einfachheit und
Schlichtheit seiner Bilder. Für Klarheit muß man selbst sorgen, Tiefe und
Eigenart verleiht die Natur durch die Persönlichkeit.
Unpersönliche Werke sind der Jugend eines Künstlers angemessen; Künstler,
die früh schon sehr persönlich, sehr beseelt oder vergeistigt wirken, sind
verdächtig; sie werden früh ganz weltlich oder welk und hohl werden.
Künstler, die auch in reiferen Jahren unpersönlich bleiben, verdecken
unwillkürlich diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen; da sie
aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschwächen können, sind sie
eigentlich überflüssig.
Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, daß er niemals
absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit, nie auf Schönheit an.
Zwar sind seine Werke überreich an Schönheit, aber nur an zufälliger; er
schüttet Edelsteine, Gold und Perlen aus unerschöpflichem Füllhorn, aber
ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther war ganz und gar christlich
insofern, als er Dichter, nicht Künstler, daß er Genie war; so wie
umgekehrt manche Künstler nur Künstler, nicht auch Dichter und darum keine
Genies sind. Das Gestalten macht den Künstler; im allereigentlichsten Sinn
gibt es deshalb nach Christus überhaupt keine Kunst mehr; denn in allem,
was Form, Gestalt betrifft, sind die nachchristlichen Menschen Schüler der
Alten, und zwar Schüler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung der
Form durch die Persönlichkeit ist unser höchstes Ziel und das, was wir an
Luther bewundern. Er war eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die
Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes.
Daher kommt es, daß man ihn oft bäurisch, derb, primitiv genannt hat; wir
kennen ja kaum andere Persönlichkeiten, als die auf Kosten verbrauchter
Kraft entstanden sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig
ausgesogenen Bäumen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu haben,
das ist eben das Geheimnis des Genies.
»Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende in aller
Wirkung der Rhythmus.« Diesen Ausspruch von Heinrich Wölfflin führe ich dir
an als einen Beweis von Übereinstimmung mit meiner Ansicht, daß Kunst und
Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nämlich nichts anderes als
Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein,
um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.
Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das nicht mehr
natürlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das durch das Gehirn vereinsamte
Herz, hat einen allzu regelmäßigen, langweiligen, eintönigen Rhythmus; es
muß überschüssige Kraft haben, um die Verbindung mit der Sinnlichkeit
wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus beseelt, persönlich, kurz:
lebendig. Leider ist aber gerade das Herz die schwache Seite des modernen
Menschen.
Du kennst gewiß das Gedicht von Schiller »Die Teilung der Erde« und den
Vers: Willst du in meinem Himmel mit mir leben, sooft du kommst, er soll
dir offen sein. Derselbe Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen:
»Seid willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines Vaters, die euch
von Anfang bereitet sind.« Wie matt, von der Blässe des Gedankens
angekränkelt, sind Schillers Worte gegen diese, in denen das Herz noch
klopft, das Blut noch glüht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung
aus einem vollen, tätigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und Blut gewachsen
ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk ist schal. Das Gehirn ist der
Schatten des Herzens, und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken
vom Körper abgesonderte Herz hervorbringt.
Ich erwähnte gelegentlich, daß man den Entwickelungsgang des inneren Lebens
als eine fortdauernde Verdichtung auffassen muß. Diesem Gesetz unterliegen
auch alle Künste, als Äußerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen
seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft ist am geringsten
auf dem Gebiete der Baukunst und am stärksten auf dem der Dichtkunst, wo
der Geist sich seiner und Gottes bewußt wird. Von dieser Verdichtung zum
Bewußtsein hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im Herzen ist,
nennen wir sie Gefühl; indem sie auf die Lippe tritt, wird sie Wort, und
ist das Wort von der Lippe abgelöst, so fristet es ein selbständiges Dasein
weiter als Gedanke.
Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des unbewußten Geistes
oder Gefühls zum bewußten Geist geschieht durch verstärkten Blutdruck
infolge außergewöhnlich verstärkter Herztätigkeit. Dies erklärt die von
Lombroso beobachtete Tatsache, daß alle produktiven Menschen ein
gesteigertes Wärmebedürfnis haben, und daß fast alle genialen Geisteswerke
in der warmen Jahreszeit entstanden sind. Jeder hat wohl schon an sich
selbst erfahren, daß sich ihm im Gehen und namentlich im Steigen die
Gefühle leichter zu Worten verdichten, das Unbewußte leichter bewußt wird.
Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx überschritten hätte, würde es
zum Schatten. Der Christ sät den Samen des Wortes vertrauend in das
Erdreich des Gehirns, weil er weiß, daß es das Grab sprengen wird, wenn die
Posaune des Herzens tönt, um mit verklärtem Leibe in das ewige Licht zu
schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung des Gehirns beginnt die persönliche
Kunst, die im Gegensatz zur Volkskunst an den großen Namen gebunden ist.
Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden ist, daß es
Sinnlichkeit und Geist erst trennen und dann zu einer lebendigen Einheit
zusammenbinden kann. Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen
Abendmahls, den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir als die
#Penetratio corporum#, die Durchdringung des Verweslichen und
Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit und Geist im
Selbstbewußtsein. Gottfried Keller bestimmte das Wesen der Schönheit als
die in der Fülle vorgetragene Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck für das
Fleischwerden des Göttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle Erklärungen
heraus, die Künstler gegeben haben. Die notwendige Voraussetzung dazu ist
die Person; nur in der Person kann die göttliche Kraft Fleisch werden.
Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist
für die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn ist
nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und
Volksmäßigen stecken, wie sie ohne das sinnliche Herz akademisch und
schablonenhaft wird. Ehe wir das Wort hatten, konnte jede Äußerung des
Herzens unmittelbar Gestalt werden; jetzt muß es zuvor dem ganzen
Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das stärkere Herz, das das
bewußte Geistesleben erfordert, macht die Persönlichkeit; Israel sein,
ebensosehr Werkzeug Gottes wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit
führt Luther als Kennzeichen des nichtgöttlichen Künstlers an; weil seine
Person allein Urheber seines Werks ist, fühlt er durch jede Kritik seines
Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die Spitze, wo man beides,
Werkzeug und Herr ist, annähernd erreicht; wirklich ist persönliche
Empfindlichkeit und persönlicher Haß, wie leidenschaftlich er auch haßte,
kaum an ihm zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem stürmischen Hauche der
Eingebung und der sinnlichen Fülle nie die persönliche Bändigung und
Beseelung.
Eine merkwürdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, die, wie Fontane
und C. F. Meyer, erst anfangen zu schaffen, wenn der Mensch sonst
aufzuhören pflegt, so um das fünfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das
Herz nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so daß das
Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, gleichwie es erkannt ist.
Durch die Beobachtung und Erfahrung eines Lebens fand Fontane den Anschluß
an das Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung ersetzte
ihm die Wahrheit, die dem großen Dichter das Herz eingibt. Aus seinen
Werken spricht ein alter Mann, ja, eigentlich eine feine, alte Dame, die
aus stillem Hafen auf das Leben zurückblickt, nicht ein Kämpfer, der es
lebt und bändigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, vor dem das
Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde unter den Füßen; man wird
durch keine Geschmacklosigkeit gestört, aber auch von keiner tödlichen
Wahrheit durchbohrt, durch kein Wunder geheilt. Bei C. F. Meyer liegt das
Verhältnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt wie Fontane,
seine Prosawerke sind äußerlich geblieben; dafür hat sein Herz in
Augenblicken der Gnade die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten
gestalten und beseelen können.
Daß der große Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke echter Kunst
vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwürdig und traurig ist es nur, daß
auch unsere edleren Geister das Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im
Gegenteil sich nur jenseit des goldenen Stromes wohl fühlen. Die schwachen
Herzen schrecken furchtsam vor der Erschütterung zurück, die ihre Gefäße
zerreißen könnte; andererseits hat das plumpe Pathos, das den Herzschlag
nachzuahmen suchte, gerade die Menschen von Wahrheit und Geschmack
argwöhnisch gemacht. Man glaubt nicht mehr an Großherzigkeit, und es gehört
die Schamlosigkeit des Komödianten oder der Mut eben der Großherzigkeit
dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so fehlt gewiß die
Persönlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und das Fehlen der
Persönlichkeit wird von denen nicht vermißt, die für das sinnliche Herz
empfänglich sind.
Man sollte meinen, in einer Zeit überwiegenden Verstandes müßte es
wenigstens gute Kritiker geben; aber der Kritiker soll ja Menschenwerk von
Gotteswerk unterscheiden; und wie soll er das können, wenn er nicht an Gott
glaubt? Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm alles
ist, was er sieht oder hört, je fester er überzeugt ist, daß er das alles
gerade so gemacht hätte. Daß erst jenseit seines Begreifens das Reich der
Kunst anfängt, scheint er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers
aus der Bibel. »Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein kommt dein
Heil.« Du verstehst das nicht gleich, aber du unterwirfst dich sofort; denn
das Herz versteht unmittelbar. Luther sagt einmal ungefähr so: Da spricht
kein Kaiser oder Fürst, sondern die göttliche Majestät, vor der alle
Kreaturen sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: zu
allererst muß das Herz sich hingeben und ja sagen, dann mag der
kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten nachgehen.
»Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, ohne Beruf, ist ein
menschlich und teuflisch Ding«, heißt es in den Tischreden, »darum ist es
stracks unnütz und schädlich. Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort,
führen dasselbe traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des
Glaubens, die tun sie auch äußerlich; die Abgöttischen den Zeremonien, die
halten sie auch; die Dummkühnen und Wagehälse folgen dem Kriege, wollen
auch Kriegsleute sein; die Narren und Klüglinge dem Regiment, wollen auch
regieren; die Hümpeler und Störer den Handwerken, wollen auch kunstreiche
Meister sein; die Eselsköpfe ahmen nach guten Künsten, wollen traun auch
gelehrt sein, wie Mäusedreck sich unter den Pfeffer menget.«
»Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Künste gibt, so tut er nichts, denn
daß er Affen reizet und macht, und der große Haufe folgt den Affen nach.
Gott aber behält das übrige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt
von Anfang gewesen.«
Indessen ist das nicht so zu verstehen, als müsse nicht jeder lernen und
insofern auch nachahmen. Nachahmen muß jeder, aber nur die Antike und die
Natur, also die unpersönliche Form. Wer das Persönliche nachahmt, stiehlt
und lügt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser Standpunkt in
der Kunst wegfällt, sondern weil man nichts damit erreicht. Das
Persönliche ist unnachahmlich, es ist der geheimnisvolle Übergangspunkt des
Geistes zum Fleisch, die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen
läßt: dies bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem Werke
Luthers ruft: dies ist der Luther.