Solltest du, liebster Freund, jemals Ursache haben, an der Menschheit zu
zweifeln oder zu verzweifeln, so studiere Luthers Streit mit Zwingli über
das Abendmahl und tröste dich mit ihm. Luther hat ja bei Lebzeiten und nach
seinem Tode begeisterte Anhänger gefunden; aber wo er am glühendsten
fühlte, am tiefsten dachte, am größten handelte, da hat ihn niemand
verstanden. Man begriff, daß Zeremonien ohne Glauben keinen Wert vor Gott
haben; aber daß Handeln, auch das edelste, ohne Glauben auch ungöttlich
ist, das begriff man nicht. Man wollte wohl eine sichtbare Kirche, aber
einen Kult wollte man nicht, außer einem solchen, der mit dem Verstande zu
begreifen wäre, mit Gott also gar nichts zu tun hätte. Luther wollte jeden
Kult abschaffen, den Gott nicht geboten hatte; einen solchen nannte er
Zeremonien, Menschengebote, Menschenlehre, und verdammte ihn heftig;
denjenigen wollte er heilig bewahrt wissen, den Gott geboten hat, oder, was
dasselbe ist, der mit Notwendigkeit aus Gottes Wesen fließt. Die Richtung
des sechzehnten Jahrhunderts ging auf Ausbildung des Selbstbewußtseins, des
Verstandes, der äußeren Welt; man wollte durchaus keinen Gott haben, der,
in der äußeren Erscheinung heimisch, das Begreifen der Welt von zwei Seiten
her gefordert hätte. Als Luther denjenigen Kult einführen wollte, den Gott
geboten hat und der aus dem Wesen Gottes mit Notwendigkeit sich ergibt,
bewunderten sie nicht seine Folgerichtigkeit, sondern sie nahmen Ärgernis
daran, daß er, wie sie es nur auffassen konnten, sich plötzlich als
Mystiker verriet. Der aus Herz, Kopf und Sinnen lebende Mensch wird stets
von denen verkannt und gehaßt werden, die nur aus Kopf und Sinnen leben.
Luther verstand unter dem Unsichtbaren das, was ist, was unsere Augen aber
nicht wahrnehmen; die Gegner verstanden unter dem Unsichtbaren das, was
nicht ist, wovon aber unklare Mystiker träumen. Sie verbannten das
Unsichtbare in einen sogenannten Himmel, der jenseit, das heißt eigentlich
nirgendwo, ein harmloses Dasein fristen durfte, obwohl Christus
unmißverständlich gelehrt hat, daß der Himmel in unserem Inneren, daß er
menschlicher Geist ist. Indem Gott seinen eingeborenen Sohn gab, sagte
Luther, machte er aus Himmel und Welt ein Ding; in der Person des
Gottmenschen sind Sein und Erscheinung eins geworden. Dieser monistischen
Weltanschauung war die Zeit Luthers nicht zugänglich, die, nachdem in einem
genialen Augenblick Spiritualismus und Materialismus verschmolzen waren,
übermächtig zum Materialismus hindrängte. Der Standpunkt Zwinglis, daß man,
wie er sich ausdrückte, die beiden Naturen, nämlich Geist und Stoff, nicht
vermischen dürfe, wurde auch von den Katholiken geteilt, nur daß sie sich
nicht, wie die Reformation, auf den bloßen Geist, sondern auf den bloßen
Stoff stützten. Sie waren Heiden ohne die kindliche Blindheit der
vorchristlichen Heiden. Auch die heutigen lutherischen Theologen sprechen
von Luthers Mystik wie von einer Ausschweifung seines Verstandes, einer
liebenswürdigen Schwäche, die man einem übrigens vernünftigen Menschen
hingehen läßt. Daß Gott der Geist wirklich ist, das Unsichtbare vereint mit
dem Sichtbaren, scheinen sie so wenig zu glauben wie die Zwinglianer und
Katholiken des sechzehnten Jahrhunderts.
Als kultliche Handlungen, die von Gott geboten sind, bezeichnet Luther die
Taufe und das Abendmahl. Die Taufe bedeutet das Sterben des Naturmenschen
und Auferstehen des Gott- oder Geistmenschen, die zweite Geburt des
Menschen, die sein Leben lang währen und mit seinem Tode vollendet sein
soll. Die Taufe soll aber durchaus nicht nur eine bildliche Handlung sein,
sondern sie soll diesen Werdegang der Wiedergeburt im Geiste tatsächlich
einleiten, indem in das Herz des Kindes zum erstenmal das Samenkorn des
göttlichen Wortes fällt. Das Wort ist, wie du weißt, die höchste
Verdichtung des Geistes und bindet den verweslichen Menschen an das
Unverwesliche, oder es heiligt ihn; mit den Worten der Taufe nimmt die
Heiligung ihren Anfang. Sie setzt sich fort im Leben durch die Taufe
#flaminis et sanguinis#, die Taufe in Feuer und Blut. Zufolge eines
begreiflichen Trugschlusses des Verstandes verlangten die Wiedertäufer, daß
die Taufe an Erwachsenen sollte vollzogen werden, da das neugeborene Kind
das Wort noch nicht vernehmen könne; ein Irrtum, den Luther selbst
durchgekämpft hat. Er wandte dagegen anfangs ein, daß der Glaube der
erwachsenen Paten für den noch unentwickelten Glauben des Kindes eintreten
könne; später erst ging ihm die großartige Erkenntnis des unbewußten
Glaubens auf, wie er es nannte. Er begriff, daß der Glaube ein Nichtwollen,
ein Sichpassivverhalten des Menschen Gott gegenüber ist, und daß gerade das
unbewußte Kind geeignet sein muß, von Gott ergriffen zu werden.
Neuerdings hat man Beobachtungen darüber angestellt, daß Worte, die in
Gegenwart von fest schlafenden Kindern gesprochen werden, obwohl nicht mit
Bewußtsein, doch von ihnen aufgenommen werden und in ihnen wirken können;
gehorcht doch auch der Hypnotisierte den Worten dessen, der ihn
hypnotisiert, obwohl er sie nicht mit Bewußtsein hört. Ich habe an mir
selbst erfahren, daß in der Kindheit vernommene Worte, die ich nicht
verstand, die mich nur durch ihren Rhythmus ergriffen, sich in mir
festsetzten und in mir fortwirkten; und es wird jeder Mensch Beispiele
dafür in seinem Leben finden. Worte sind Samen, der bewußt gesät und
unbewußt empfangen wird; sie schlummern im Stoffe, aus dem das Herz sie
hervorglühen kann, damit sie Frucht tragen. Auf der Annahme, daß Kraft
auch da wirken kann, wo sie unbewußt empfangen wird, beruht der Segen, den
Eltern auch ganz kleinen oder schlafenden Kindern erteilen; Worte sind die
stärkste Kraft, die es gibt.
Luther bemerkte gelegentlich, es sei dem Sakrament der Taufe zugute
gekommen, daß es mit unbewußten Kindern umgehe, deshalb lasse man es so
ziemlich undisputiert. In der Tat kam wohl Zwingli gar nicht darauf, daß
die Taufe anders könnte aufgefaßt werden als eine symbolische Handlung, sah
deshalb keinen Grund ein, sie abzuändern, und bewirkte, daß die
Wiedertäufer in Zürich mit dem Tode bestraft wurden. Luther, der Irrende
nur durch das Wort bekämpft wissen wollte, begnügte sich damit, sie
auszuweisen.
Ganz anders verhält es sich mit dem Abendmahl, das im Mittelpunkte des
Kults steht und den Erwachsenen dargeboten wird. Daß im Stoff Geist, daß
der Stoff geistvoll sei, hatten schon die Propheten des Alten Testamentes
gelehrt, indem sie sagten, Gott erfülle Himmel und Erde; Christus setzte
hinzu, daß der Himmel das Herz des Menschen sei. Anders ausgedrückt: die
Propheten lehrten, daß Gott das Herz der Welt sei, Christus, daß das Herz
der Welt zugleich das Herz der Menschheit sei, die Einheit der Welt im
Selbstbewußtsein des Menschen. Der Name Testament schon deutet an, daß es
sich um eine Vergabung handelt: der Gottmensch, dessen Seele sterben wird,
teilt sein Fleisch und Blut denen aus, die ihn lieben, deren Herzen ihm
geöffnet sind, um sein Wort zu empfangen. Die Zauberworte der Einsetzung
sind: Nehmet, esset, das ist mein Leib. Trinket alle daraus, das ist mein
Blut, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.
Vorbereitet hatte Christus selbst das Testament durch seine Erklärung im
6. Kapitel des Johannes-Evangeliums, daß er das Brot des Lebens sei,
welches er ausdrücklich als Himmelsbrot, also eine geistige Speise, der
vergänglichen Speise gegenüberstellte.
Hieronymus hat das Abendmahl #invisibilis gratiae visibilis forma# genannt,
die sichtbare Form der unsichtbaren Gnade, das ist also der im Stoff
erscheinende Geist. Der heilige Augustinus erklärte es mit den Worten:
#Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum#, Das Wort zum Element oder
Geist zur Natur, und das Wunder geschieht. Wenn ich Wunder übersetze, so
ist es nötig zu betonen, daß statt Sakrament im Griechischen +mystêrion+,
Geheimnis steht. Wunder in unserem Sinne gibt es nicht, nur Geheimnisse.
Hier handelt es sich um das letzte Geheimnis, daß in der Seele, im Ich, der
Stoff zugleich Geist ist, und weil wir dies Geheimnis nur erleben, nicht
machen können, scheint mir richtig, es Wunder zu nennen. Mit dem Tode wird
unser Körper wieder eins mit der ewigen Substanz, unser Geist, sei es in
Form, Tat oder Wort oder im Blute, geht in die Herzen ein. Brot und Wein
sind Stoff: wenn der Blitz des Wortes sie entzündet, erglühen sie zu Geist.
Daß Christus das Brot wählte, geschah, weil das Samenkorn die stärkste
Verdichtung des Stoffes ist wie das Wort die stärkste Verdichtung des
Geistes; Brot ist die natürliche Speise des Menschen. Ebenso ist Wein das
Getränk, das am stärksten ins Blut geht, wie man volkstümlich sagt; das
Feuerwasser, wie der Wilde es nennt, ist das gegebene Bild für das
Feuerwasser, das aus dem Herzen des Menschen quillt. Auch unser Fleisch und
Blut lebte nicht, wenn die Seele sie nicht mischte, gären und glühen
machte; das Erlöschen der Seele ist der Tod. Wer sich dessen bewußt ist,
dem kann jede Speise eine Geistesspeise sein; davon aber unterscheidet
sich das Abendmahl dadurch, daß es von der gläubigen Gemeinde genommen
wird. Luther beantwortete deshalb alle an ihn gerichteten Anfragen, ob
einer sich das Abendmahl unter Umständen allein dürfe reichen lassen,
abschlägig; Gott ist ja Person nur im Menschen, und die Verbindung mit Gott
muß durch die Verbindung mit der Menschheit geschehen. Absonderung von den
Menschen wäre zugleich Absonderung von Gott, also wäre das Abendmahl von
einem Einzelnen genommen ein Widerspruch in sich selbst und eigentlich
ungöttlich. Dem Wissenden für sich allein ist ja selbstverständlich das
Abendmahl nicht notwendig; ist er an seinem Gebrauch verhindert, so tritt
das Wort des Augustinus in Kraft: #crede et manducasti#, glaube, so hast du
gegessen; als gemeinsames Mahl macht es die durch den Körper Gesonderten im
Geiste eins.
Zwingli hatte vom Wesen des Abendmahls keine Ahnung: er dachte, Christus,
ein edler, vorbildlicher Mensch, habe seine Jünger ermahnt, seiner nach
seinem Tode zu gedenken, und ebenso sollten es künftig die Gläubigen
halten, wenn sie die Handlung des Abendmahls symbolisch wiederholten. Die
katholische Kirche wollte im Sakrament den Opfertod Christi wiederholen und
sich durch den richtigen Vollzug desselben Verdienste erwerben; sie, ebenso
wie Zwingli, machte ein Werk, eine Selbsttätigkeit des Menschen daraus.
Luther verstand die Sakramentshandlungen als Austeilungen göttlicher Kraft,
bei denen die Menschen die Empfangenden sind.
Eines der hauptsächlichen Argumente Zwinglis gegen Luthers Auffassung,
Christi Fleisch und Blut sei im Brot und Wein, war, daß Christus zur
rechten Hand Gottes sitze, also nicht im Brot und Wein sein könne. Man
sollte meinen, eine so grobe Unfähigkeit, das Göttliche zu erfassen,
springe jedem in die Augen. Sie veranlaßte Luther zu einer hinreißenden
Schrift über die Allgegenwärtigkeit Gottes, die, von göttlichem Geist
durchdrungen, dem milden Tadel der lutherischen Theologen nie entgeht. Die
meisten wünschen, er möchte sie lieber nicht geschrieben haben, obwohl sie
recht hübsche Bilder enthalte. Wer, außer etwa Shakespeare oder Dante, hat
solche Bilder schaffen können? Luther sagt selbst einmal, man hasse ihn,
weil er nicht nur die Wahrheit sagte, sondern auch sagte, daß er sie sagte.
Hätte er sich Dichter genannt, so hätte man ihn vergöttert.
Begreiflicherweise mußte Luther über Zwinglis »Gaukelhimmel« lachen, »darin
ein goldener Stuhl stehe und Christus neben dem Vater sitze in einer
Chorkappe und goldenen Krone, gleichwie es die Maler malen«. Daneben aber
bemühte er sich ernstlich zu erklären, daß die allmächtige Gewalt Gottes
zugleich nirgends und an allen Orten sein müsse; daß alles, was an einem
Orte sei, an diesem Orte beschlossen sein müsse, welcher örtlichen
Gebundenheit Gott doch nicht unterliegen könne, der vielmehr über Raum und
Zeit sein müsse. Doch muß er »an allen Orten wesentlich und gegenwärtig
sein, auch in dem geringsten Baumblatt«. »Darum muß er ja in einer
jeglichen Kreatur in ihrem Allerinnersten, Auswendigsten, um und um, durch
und durch, unten und oben, vorn und hinten selbst da sein, daß nichts
Gegenwärtigeres noch Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen, denn Gott
selbst mit seiner Gewalt.« Er führt die majestätischen Bibelworte an: »Bin
ich nicht ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott, der ferne ist?
Erfülle ich nicht Himmel und Erde?« Er macht klar, daß Gott unbeweglich und
unveränderlich ist, daß er nicht hin und her fahre wie die Kreatur, daß er
deshalb an allen Orten bereits da ist, also auch im Brot und Wein, und daß
es sich nur ums Offenbaren handelt. Das freilich ist nicht jedem gegeben.
»Es ist ein Unterschied unter seiner Gegenwärtigkeit und deinem Greifen, er
ist frei und ungebunden allenthalben, wo er ist, und muß nicht da stehen
als ein Bube am Pranger.« Um die #penetratio corporum# verständlich zu
machen, daß ein Leib in einem anderen sein könne, gebraucht Luther das
schöne Bild vom Eisen, das vom Feuer durchglüht wird; so durchglüht Gott
Brot und Wein, wenn wir es glaubend empfangen.
Übereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der im Himmel zur Rechten
Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer, man setze Gott herab, wenn man
glaube, er werde mit den Zähnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie
blickten hochmütig auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im Geist
und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther vor, daß Christi
Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch, Geistfleisch sei. »Wird
Christi Fleisch gegessen, so wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein
geistliches Fleisch und läßt sich nicht verwandeln, sondern verwandelt und
gibt den Geist dem, der es ißt.« Für Luther, der wußte, daß Gott lauter
Aktivität und Produktivität ist, war die Vorstellung, daß er mit den Zähnen
könnte zerbissen werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch größere Probe von
naiv-weltlicher Gesinnung gab Ökolampad, indem er fragte, was Christi Leib
im Abendmahl, falls er darin sein könnte, nütze sei? Es war nicht allzu
große Leidenschaftlichkeit oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte
Antworten gab, es war vielmehr überflüssige Güte, daß er sich auf einen
aussichtslosen Kampf mit Gegnern einließ, die das Problem nicht einmal
richtig stellen konnten, um das gestritten wurde.
Zwingli sagte, man müsse bei der alten rechten Theologie bleiben, wonach
die beiden Naturen -- nämlich die göttliche und menschliche in Christus --
nicht vermischt werden dürfen. Demnach glaubte Zwingli gar nicht, daß
Christus Gottmensch war, daß Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein
Christ, sondern ein Schüler des Aristoteles, der wohl an einen Gott
glaubte, aber an einen Gott außerhalb der Menschheit.
Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter Meinung sein
soll, ein Bauer, besser gesagt, ein einfacher Weltmensch. Er war noch
ungebrochen, es war noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem
Selbstbewußtsein und seinem Weltbewußtsein, zwischen Wollen und Können, und
weil noch keine Spaltung da war, konnte auch noch keine Religion, kein
Band, da sein. Ich las neulich einen schönen Vers von Dehmel auf dem
Kalender:
Immer wieder, wenn wir sinnen,
Stürzt die Welt in wilde Stücke,
Immer wieder, still von innen,
Fügen wir die schöne Brücke.
Zwingli war seine äußere Welt noch nicht in Stücke geschlagen, und so war
auch noch kein Anlaß gewesen, die schöne Brücke des Glaubens über die Kluft
zu werfen. Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller
Grundsätze, war er moralisch und hielt seine Moral für die einzig mögliche,
wahre Religion. Er war Gegner der katholischen Kirche als gegen die Maske
der Religion und Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der
Religion; die Katholiken hielt er für ganze Heuchler, Luther für einen
halben, und auf beide sah er von der Höhe seines gänzlichen Nichtverstehens
herab. Für ihn gab es keinen Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot
ist, sondern nur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen
abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den Athenern das Wesen Gottes
erklären wollte, erinnerte er sie daran, daß einer ihrer Dichter gesagt
habe: Wir sind seines Geschlechts. Jene Spätgriechen konnten das verstehen;
Zwingli stand noch auf einer früheren Stufe der Entwickelung, wo er Gott
noch nicht erlebt hatte. Indessen scheint es fast, als habe er die ersten
tragischen Schritte auf dem großen Wege noch getan. Er wird als ein
frischer, freundlicher, tatkräftiger, zugreifender Mensch geschildert; so
faßte auch Luther ihn auf; »aber doch so gar verdüstert und traurig danach
geworden«. Da die Ereignisse ihm zeigten, daß er nicht alles konnte, was er
wollte, begann seine Weltanschauung sich zu ändern. Ein Wort von ihm
wenigstens ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen: »Herr,
nun heb den Wagen selbst«, der Anfang seines bekannten Gedichtes. Es ist
der Aufschrei eines Menschen, der stets selbst gestrebt und gesorgt hat,
ohne göttliche Kraft aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt,
daß er über seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch großdeutsch, wenn
ich diesen Ausdruck für jene Zeit gebrauchen darf; sein Können war schon
schweizerisch beengt. Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen
vorgedeutet: daß sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der göttlichen
ausbildeten. Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem Fürsichsein,
in ihrer Persönlichkeit; die Kraft mußte in ihrem von einem größeren Ganzen
abgesonderten Dasein schwinden. So wenig sich der Deutsche mit der
eindrucksvollen, selbstbewußten Persönlichkeit, der Sittlichkeit und
Selbstbeherrschung des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz an
Ideenfülle, an schöpferischer Kraft Deutschland nach. Die großen
schweizerischen Künstler haben deshalb ihre Kraft in einem Vaterlande
ihrer Wahl betätigt; die Schweiz ist für die besten ihrer Söhne da, um,
wenn die schöpferische Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen.
Luther hat sich aufs äußerste bemüht, Zwingli die Wahrheit zu erklären;
aber da Luther von göttlichen, Zwingli von weltlichen Dingen redete, konnte
Luther wohl Zwinglis Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers höheren
Standpunkt. Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Übrigens hat
Luther Zwingli so weit beeinflußt, vielleicht im Verein mit seiner
Persönlichkeit, daß er zugab, das Abendmahl sei nicht nur eine
Gedächtnisfeier, sondern Christi Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend,
nur formulierte er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei
genommen. Später erneuerte sich der Streit, indem die Anhänger des
verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur für den Gläubigen, nicht für
den Ungläubigen da. Hier widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin
naheliegende Mißverständnis entstehen konnte, als hänge der Geist vom
Glauben ab, als mache ihn der Glaube, während doch umgekehrt Gott den
Glauben gibt; indessen einigte man sich durch Luthers Nachgiebigkeit auf
eine beiden Teilen genügende Formel, obwohl der prophetische Mann wohl
erkannte, daß die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht um ein
Wesentliches stritten.
Es ist nach meiner Ansicht einer der größten Augenblicke in der Geschichte
der Entwickelung des menschlichen Geistes, als Luther in Marburg vor dem
Tisch saß, auf den er mit Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist;
allein mit Gott gegen die Häupter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer
seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel nur aus Langeweile
hingemalt. O Himmel! Seine schöne kindliche Sinnlichkeit hatte das
Bedürfnis, das Wort, das ihn leitete und von dem man ihn losreißen wollte,
wie einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles, was ihm das
Festhalten erschwerte. Die politische Rücksicht auf den hessischen
Landgrafen, den für sich zu gewinnen nicht unwichtig war, kam doch erst in
zweiter Linie; aber sein liebevolles Herz drängte zu einer Verständigung
mit Zwingli, sowie er bei persönlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und
Tüchtigkeit fühlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete, treu bei der
Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl allerdings sicherlich das
unüberwindliche Nichtverstehen der Gegner. Es wäre anders gewesen, wenn es
sich um etwas Nebensächliches gehandelt hätte; aber daß Männer, die sich
Führer der Christen nannten, nicht ahnten, was den Kern des Christentums
ausmacht, und dabei auf ihn, den Gläubigen und Wissenden, bald hochmütig
herabsahen, bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das muß unendlich
schwer zu ertragen gewesen sein.
Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren Riß, welcher
durch die Welt und auch durch ihn ging, noch einmal heilend verbinden, sich
und die Welt noch einmal ganz machen wollte!