Ich fand kürzlich bei Schopenhauer folgende interessante Ideen über das
Wesen des Wahnsinns.
»Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns wird
faßlicher werden, wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken,
welche unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen,
wie schwer wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu
genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen
unbewußt davon wieder abspringen oder abschleichen, wie hingegen angenehme
Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen, und, wenn
verscheucht, uns stets wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang
nachhängen. In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die
Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher
der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige neue Vorfall
nämlich muß vom Intellekt assimiliert werden, das heißt im System der sich
auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle
erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrängen haben mag.
Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel weniger, aber diese
Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch meistens nur langsam
und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal
richtig vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht
hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Sträuben des
Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jene Operation
nicht rein durchgeführt wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorfälle
oder Umstände völlig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht
ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die
dadurch entstandene Lücke beliebig ausgefüllt, so ist der Wahnsinn da ...
Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns
ansehen als ein gewaltsames >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen< irgendeiner Sache,
welches jedoch nur möglich ist mittelst des >Sich-in-den-Kopf-setzen<
irgendeiner andern. Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß nämlich das
>Sich-in-den-Kopf-setzen< das erste und das >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen<
das zweite ist.« Einen Lethe unerträglicher Leiden, das letzte Hilfsmittel
der geängstigten Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn;
das Verdrängen einer unleidlichen Wahrheit durch Lüge könnte man auch
sagen. Es ist die Negation des Schwächeren, wie denn auch dieser Wahnsinn
in der Jugend auszubrechen pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen
Entgiftung nicht gewachsen.
Dieser Äußerung Schopenhauers möchte ich eine Luthers folgen lassen, die
einem Brief an Link entnommen ist: Ȇber die Wahnsinnigen ist meine Meinung
die: jeder Narr und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, ist von
Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von Gott dazu verdammt ist,
sondern weil der Satan die Menschen auf mancherlei Art versucht, die einen
schwer, die anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange
Zeit. Denn wenn die Ärzte solche Leiden oft natürlichen Ursachen
zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, so geschieht das bloß,
weil sie die gewaltige Macht und Kraft der Dämonen nicht kennen. Christus
nennt das krumme Weib im Evangelium unbedenklich >von Satanas gebunden<.
Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10, 38: daß alle, die Christus
gesund gemacht hat, vom Teufel überwältigt waren. So muß ich also auch
denken, daß Stumme, Taube und Lahme der Tücke des Satans ihr Leiden
verdanken ... Daher glaube ich also, daß die Wahnsinnigen, von denen ihr
schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. Denn sollte Satanas nicht
auch den Verstand nehmen, wo er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei,
Mord, Raub und allen Lüsten erfüllt? Summa, er ist näher, als ein Mensch
denken kann, und den Heiligsten am nächsten, und so schlägt er selbst
Paulus mit Fäusten und greift Christus an nach Belieben Matth. 4.« Diese
und ähnliche Äußerungen Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, daß
er unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben seiner Zeit
unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die Gegner seiner Lehre als vom
Teufel besessen betrachtet habe. Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie
man sich das vorstellt, als habe Luther alles Feindliche und Unerklärliche
auf einen in einer irgendwo verborgenen Hölle wohnhaften #diabolus ex
machina# geschoben; sondern der Teufel ist nach Luther der Widersprecher,
den Gott sich selbst gegeben hat, und der sich ihm auf den drei Stufen
seiner Offenbarung widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht
oder Stolz und Lüge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten,
elementarischen Zustande äußert sich das Besessensein vom Teufel in
körperlichen Zuständen, Krämpfen u. dgl., auf der geistigen Stufe als
Besessensein von willkürlichen Vorstellungen. Die Quelle von allem ist
Eigenliebe: es kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und
Selbstsucht, wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag, und
obwohl ihr aus tiefem Bewußtsein mangelnder Kraft Verzweiflung am Selbst
gegenüberstehen muß.
Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als Überhandnehmen der Hemmungen
der unwillkürlichen Kräfte des Menschen durch die willkürlichen, so
bedeutet das dasselbe wie Schopenhauers Erklärung, er bestehe in
willkürlicher Verleugnung und endlich gänzlicher Verdrängung der Wahrheit.
Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge welcher die Bindung zwischen
Herz, Gehirn und Sinnlichkeit, die Seele, nicht zustande kommt, so daß der
betreffende Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die
vollständigste Absonderung von Gott und der Menschheit, die man sich denken
kann: der Mensch ist ein isoliertes Selbst, das immer mehr verzwergen und
endlich ganz verschwinden muß. Der Wahnsinnige ist demnach der größte
Sünder.
Vielleicht hast du auch schon über die Sünde wider den Heiligen Geist
nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift lehrt, nicht vergeben werden
kann. Nun heißt ja Sündenvergebung nichts anderes als Gewinnung des inneren
Friedens, innerer Übereinstimmung. Jede Sünde und jeder Irrtum kann dadurch
aufgehoben werden, daß der Sünder und der Irrende sein Unrecht und die
Wahrheit einsieht; sieht er aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so
befindet er sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie der
Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Daß es eine Sünde gibt, die nicht
vergeben werden kann, heißt eigentlich, daß es unheilbaren Wahnsinn gibt.
Die Sage erzählt, daß der Adler, das einzige Geschöpf, das in die Sonne
sehen kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, daß er ihre Augen
dem Sonnenlicht aussetzt; können sie es nicht ertragen, so tötet er sie.
Der blendende Strahl der göttlichen Wahrheit erleuchtet den götterhaften
Menschen; dem gottlosen geht er tödlich durchs Herz.
Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht, wie er praktisch
verfuhr, wenn er mit Geisteskranken zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug
an sich selbst gewonnen; du wirst wissen, daß er zeitlebens an Melancholie
und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit der Melancholie kam
im Zeitalter Luthers häufig vor, so daß man sie für seine und die
nachfolgende Zeit geradezu charakteristisch nennen kann. Sie wurde
aufgefaßt als ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem
Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt mit Zweifel,
einer leisen, tastenden Hemmung, und endet, falls der Teufel siegt, mit
Verzweiflung. Die Auffassung des Selbstmörders als eines von Gott
abgefallenen Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen
Kampf, der unter völligem Bewußtsein des Menschen vor sich geht, nannte
Luther Anfechtungen; unter Melancholie verstand er eigentlich jenen Zustand
des weitesten Auseinandertretens der kämpfenden Kräfte, der jede Entladung
der Kraft unmöglich macht: ein Zustand gänzlicher Unproduktivtät, den man
lebendigen Tod nennen kann.
Zum Beginnen, zum Vollenden
Zirkel, Blei und Winkelwage;
Alles stockt und starrt in Händen,
Leuchtet nicht der Stern dem Tage.
Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas schwächliche
Unterschrift zu Dürers Melancholie: das Werkzeug, das unwillkürliche
Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift es nicht. Das ängstliche Harren der
Kreatur wartet auf den Herzschlag, der den gebannten Sphären das Zeichen
zum rhythmischen Umschwung geben soll.
Der volkstümliche Ausdruck für verrückte Menschen, daß sie vom Teufel
geritten werden, erinnert an das Bild der Bibel, das den Menschen einem
Tiere vergleicht, das entweder von Gott oder dem Teufel getrieben werde;
auch hier wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein Überhandnehmen der
negativen Kräfte betrachtet. Es leuchtet ein, daß die Kinder und Frauen,
die vorwiegend passiv sind, der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht
oder weniger ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo die
Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind der Melancholie und den
Anfechtungen geniale Menschen, die reich an positiven und negativen Kräften
sind; zum Kampfe berufen, sind sie aber auch auserwählt zum Siege. Die
Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf der gleichen Stärke oder
Menge der vorhandenen Hemmungen; im Genie ist gleichzeitig positive Kraft
genug, um die Hemmungen zu überwinden.
Luthers Leben bietet das Beispiel eines großartigen Kampfes gewaltiger
Dämonen, die ihre Fesseln zu zerreißen suchen, gegen ein immer wieder
siegendes, götterhaftes Herz, das seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der
Teufel müsse vorausgesehen haben, daß er viel an ihm, Luther, zu leiden
haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner Jugend auf
gequält. Wenn es eine apostolische Gabe sei, mit Dämonen zu kämpfen und
häufig im Tode zu sein, so sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus.
Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch das Erbe seiner
Eltern gegeben war: er besaß sowohl das leidenschaftliche, jähzornige,
herrschsüchtige Wesen des Vaters, wie die Hingebungsfähigkeit der Mutter,
die sich, wie es scheint, ihrem Manne auch in den Stücken unterwarf, wo sie
hätte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreter der Mutter, trieb
durch sein Wort die Teufel aus, die das väterliche Herz besessen hatten,
bis es von Banden frei und glorreich in ihm auferstand.
Aus Luthers Kindheit werden uns überwiegend Züge von Sanftmut, liebevoller
Hingebung, weitgehender Schüchternheit berichtet. Allmählich jedoch tauchte
die männliche Wesenshälfte in ihm auf, die selbstbewußt herrschsüchtige,
die den Schatz seiner gläubigen Seele verneinte. »Wohlan, ich kann es nicht
leugnen«, sagt er einmal von sich, »die alte Schlange, der Teufel, hat mich
übel gebissen und greulich vergiftet.« Wie er oft und oft erzählt, hat er
die höchste Versuchung, die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an
sich selbst erfahren, die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott
gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung und
zum Gotteshaß, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung und Menschenhaß, hat
er alle Regungen des menschlichen Selbstgefühls durchgemacht. Er war in
allen Angriffen gewiegt, die ihm jemals religiöse Gegner machen konnten.
Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel spricht, als habe er ihn
persönlich gekannt, und so war es ja auch; was die Selbstanbetung dem
Menschen eingeben kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das
wußte er. Es ist charakteristisch, daß der Ausbruch der Melancholie mit dem
Eintritt ins Kloster, einer Absonderung, begann. Er schien zu fühlen, daß
er in der Einsamkeit mit seinem Selbst ins reine kommen müsse. In der Lage
eines Kranken war er, der im Vorgefühl eines herannahenden epileptischen
Krampfes sich auf das Bett wirft, um ihn dort austoben zu lassen. Was die
Kirche ihm an Heilungsmöglichkeiten gewährte: Kasteiungen, Beichte,
vorschriftsmäßiges Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch kränker.
Seine gläubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicher Trost in der
Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden ihm diejenigen Personen im
Kloster, von denen etwas Positives, Wohlwollen, Nachsicht, Verständnis,
Geduld ausströmte; es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der
umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die stärkste Kraftquelle
fand Luther in Staupitz; an diesen Stützpunkt sich klammernd, vermochte er
den selbstbejahenden und gottverneinenden Kräften seines Innern besser zu
widerstehen. Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, daß Gottes Wesen
die Liebe sei, und der Umstand, daß diese Liebe nun auch zugleich
sinnenfällig in Staupitz vertreten wurde, riß ihn von seinem Selbst los und
bereitete die Richtungsänderung, die +metanoia+, in ihm vor. Bedenke bitte
immer, daß Gott sich persönlich nur in der Menschheit offenbart, daß es
also darauf ankommt, die Menschen zu lieben, und daß dem Gottes- oder
Menschenhasser jeder Mensch zum Erlöser wird, den er lieben kann und muß
und der ihn dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet. Es
gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst der Mittelpunkt der
Welt und ihr eigener einziger, in sich ruhender Mittelpunkt, nicht
genügenden Widerstand entgegensetzen, da sie nicht assimilieren können. Wie
sich diese Wahnidee nun äußert, ob in der platten Ausprägung, daß einer
sich für Gott oder für Christus oder für irgendeine berühmte, angesehene
Persönlichkeit hält, ob in Schuld- und Angstgefühlen, ob im Aufsuchen der
Einsamkeit oder gänzlichem Sich-ins-Innere-Zurückziehen, ihr Wesen ist
Unfähigkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivität. Zuweilen geschah es,
wenn der Kampf, der sich in Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen
überschritt, was sein Bewußtsein erfassen konnte, daß er auf das Unbewußte
überging. Seine Angstzustände führten dann zu völliger Bewußtlosigkeit.
Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein anderes Mal, als er neben
Staupitz in einer Prozession ging, konnte er sich nur mit Anstrengung
aufrechthalten; aber es kamen auch Zufälle vor, die seine Feinde nach der
Schilderung als epileptische ansehen wollen. Dafür spricht auch die
wohltätige Wirkung, die die Musik in solchen Fällen auf ihn ausübte. Nach
der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates und Galen stützte,
wurde Musik als Heilmittel für Epileptische angewandt, und zwar sanfte,
leise, nicht lärmende Musik.
Daß von allen Künsten Musik die stärkste Heilkraft hat, kommt wohl daher,
daß sie der unmittelbare Ausdruck des Herzens ist. Sie wirkt berauschend
wie alle Kunst, wie der Glaube und die Liebe, nämlich die negativen,
willkürlichen Kräfte lähmend.
Wie aber die stärksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist es mit der Liebe
und der Musik: nur die göttliche, die aus reinem Herzen kommt, ist heilsam,
die irdische wirkt tödlich auf den kranken Geist. Endgültig vollzog sich
die Heilung Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor
und Prediger wurde und im Wirken auf andere und für andere sich selbst
vergaß. In der Sprache der Aufklärung würde man sagen, er habe seine
ungeheure persönliche Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und
sie dadurch unschädlich gemacht. Interessant ist, daß er seinem Vater
Bericht über den Gang seiner Entwickelung erstattete und ihm zugleich
erklärte, daß Gottes Gewalt noch über seine Gewalt gehe; der befreite Geist
der Mutter stellte gleichsam fest, daß sie zu ihrem wahren Herrn
zurückgekehrt sei.
Obwohl im wesentlichen und für immer gerettet, hörte Luther doch nicht auf,
schwere Anfälle von Melancholie zu erleiden; er hätte ja sonst aufgehört,
Werke und Taten zu schaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht
nur die göttliche Kraft, sondern auch »der Widersprecher«, wie Luther es
ausdrückte, ist nötig, wo Ideen hervorgebracht werden sollen. Es fiel
Luther auf, wie die Menge des Negativen in oder außer ihm der Menge des
Produktiven stets die Wage hielt, so daß er zu sagen pflegte, der Teufel
ärgere sich, daß er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und wolle
sich dafür rächen. Man wird im Leben aller genial begabten Menschen finden,
daß sich ihr größtes Schaffen einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum
Trotze erhebt, gehe es vom Äußeren oder vom Inneren, vom Körper oder vom
Geiste aus.
In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen ein;
vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben das Blut vom
Herzen abgezogen, das Herz gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung
gerissen und der Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gestört. »Ich war
mehr als eine Woche in Tod und Hölle geworfen, so daß ich noch jetzt am
ganzen Körper verletzt in den Gliedern zittere. Ich hatte Christus fast
ganz verloren und wurde umhergetrieben auf den Wellen und Stürmen der
Verzweiflung und Blasphemie Gottes. Aber durch die Fürbitte der Heiligen
bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner zu erbarmen, und hat meine Seele
aus der untersten Hölle gehoben.« Einige Zeit später: »Satan selbst wütet
gegen mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen anderen
Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch eine wunderbare Schwäche
des Geistes; aber durch die Fürbitte der Heiligen werde ich nicht in seinen
Händen gelassen, obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen habe, nur
schwer heilen werden.« Er werde zwischen den beiden fürstlichen Gegnern hin
und her geworfen, schreibt er. Mit Christus sei er durch einen schwachen
Faden verbunden, Satan hingegen hänge mit mächtigen Seilen an ihm und ziehe
ihn zur Tiefe. »Aber der kranke Christus siegt bis jetzt durch eure Gebete
und kämpft wenigstens tapfer.« Diese Schilderungen malen anschaulich, wie
das erschöpfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem
verkörperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele das Sterben der
Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen körperliche Vorgänge als
Ursache seiner seelischen Leiden an, nämlich Blutstockungen am Herzen, und
gebrauchte auch Mittel dagegen. Er wußte ja, daß alles Geistige zugleich
ein Körperliches ist.
»Die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last werde«,
schrieb Luther in seinen jüngeren Jahren. Er sah eine Stufe seines Lebens
voraus, wo die göttliche Sonnenkraft seines Herzens für immer erschöpft
sein, nicht wieder morgendlich verjüngt aufgehen werde. Allerdings büßten
damit die teuflischen Mächte in ihm zugleich ihre Kraft ein; die
zermalmenden Kämpfe hörten auf, die er doch lieber ertragen hätte, als die
dauernde Melancholie, die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von
einem überirdischen Sturme getrieben, fühlte sich nie mehr als auserwähltes
Werkzeug in der allmächtigen Hand Gottes. Allein geblieben mit seiner
begrenzten menschlichen Willkür, sprach er zuweilen mit träumerischer
Verwunderung von den gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott könne einen wohl
so toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in Worms vor
Kaiser und Reich erinnerte.
Getreulich tat er weiter, was er für seine Pflicht hielt; aber, wie er
selbst so unermüdlich gelehrt hatte, selig macht die Erfüllung der Pflicht
nicht, selig macht nur, was im Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht
mehr, die einen Goldglanz über die Welt warf; sie erschien ihm so häßlich,
daß es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der Wittenberger, denen seine
Liebe und Sorgfalt sein Leben lang vorzüglich gegolten hatte, stieß ihn so
ab, daß er einmal die Stadt verließ, um nicht zurückzukommen. Sein Herz sei
gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend schön und wahr. Auch von
Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern die mängelvolle, dürftige
Erscheinung, wenn er auch noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung
der Vergangenheit heilig zu halten. Er stand ernüchtert in einer grauen
Welt, die ihm einst im göttlichen Rausch der Liebe und des Hasses erglüht
war. Wie grausam von Gott, könnte man sagen, daß er seinen Auserwählten
sich überleben ließ; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen wäre. Die
Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden; so verschieden
die Verteilung auch ist, kann man doch gewiß sein, daß, könnte man
schließlich Leben und Tod jedes für sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf
beiden Seiten gleich sein würde.
Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht und überwunden
hatte, fühlte er sich berufen, Leidenden der Art mit Rat und Tat
beizustehen. Überhaupt war er durch die große ihm innewohnende Lebenskraft
zum Naturarzt bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte er
stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie er sich dabei zu
benehmen pflegte. Er setzte sich auf das Bett der Kranken und erkundigte
sich zunächst nach den Verordnungen des Arztes; während er ihnen dann Trost
zusprach, beugte er sich mit ganzem Leibe über sie, eine instinktive
Gebärde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in den Entkräfteten möchte
überströmen lassen. Öfters nahm er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor
Ansteckung, vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert
hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und die
Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich behandelt, wodurch
uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode gegeben ist. Sie beruhte auf
dem Streben, einerseits Kraft zu geben und zu wecken, andererseits
Hemmungen aufzuheben; also in dem großen Kampfe um die Seele des
Betreffenden Gott zu unterstützen, den Teufel zu bekämpfen.
Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit zu meiden.
Einsamkeit nennt er ein Gift für die Menschen; in der Wüste habe der Teufel
Christus versucht, Eva, als sie allein gewesen sei, überredet. Man solle
sich nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die bösen Gedanken
einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen. Er selbst würde vom
Teufel verschlungen worden sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet hätte.
Habe man sich nun aber einen Beichtvater erwählt, so solle man dessen
Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst käme. Er erzählt von
sich, daß manches Wort des Bugenhagen, dem er zu beichten pflegte, ihm
rettend, wie von Gott selbst gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller
Freunde hielt er für heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn es aus dem
Herzen kam. Das im Bewußtsein angesammelte Gift sollte in der Beichte,
überhaupt in der Mitteilung an Freunde, ausströmen. Aus demselben Grunde
empfahl er das Sichgehenlassen im Freundeskreise. »Darum wollte ich Ew.
Fürstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen, immer fröhlich zu
sein, zu reiten, jagen und anderer guter Gesellschaft sich fleißigen«, so
schrieb er dem schwermütigen Prinzen Joachim von Anhalt, »die sich göttlich
und ehrlich mit Ew. Fürstl. Gnaden freuen können ... So hat auch Gott
geboten, daß man solle fröhlich vor ihm sein und will kein trauriges Opfer
haben ... Es glaubt niemand, was Schaden es tut, einem jungen Menschen
Freude wehren und zur Einsamkeit und Schwermut weisen ... Denn ich denke
fürwahr, Ew. Fürstl. Gnaden möchten zu blöde sein, fröhlich sich zu halten,
als wäre es Sünde ... Wahr ists, Freude in Sünden ist der Teufel, aber
Freude mit guten, frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich
ein Wort oder Zötlein zu viel ist, gefällt Gott wohl. Ew. Fürstl. Gnaden
seien nur immer fröhlich, beides, inwendig in Christi selbst, und auswendig
in seinen Gaben und Gütern; er wills so haben, ist drum da und gibt darum
uns seine Güter, sie zu gebrauchen.«
Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus Weller, den jungen
Hauslehrer seiner Kinder; der wird dir seine ganze Weisheit und Liebe
zeigen: »Mein liebster Hieronymus, du mußt einsehen, daß diese deine
Versuchung vom Teufel kommt, und daß du deswegen so von ihm gequält wirst,
weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie sicher und froh er die ärgsten
Feinde des Evangeliums läßt, Eck, Zwingli und andere. Wir müssen den Teufel
zum Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie Petrus sagt:
Euer Feind, der Teufel, geht umher usw. Bester Hieronymus, freue dich
dieser Versuchung des Teufels, die ein sicheres Zeichen ist, daß du einen
gnädigen Gott hast. Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen
kannst, und du fürchtest, sie werde dich so erdrücken, daß du in
Verzweiflung und Gotteslästerung fallest. Ich kenne diesen Kniff des
Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall der Versuchung zermalmen
kann, versucht er ihn durch Ausdauer zu ermüden und zu schwächen, bis er
fällt und gesteht, daß er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung
kommt, hüte dich, dich in einen Streit mit dem Teufel einzulassen und
diesen tödlichen Gedanken nachzuhängen. Das ist nämlich nichts anderes, als
an den Teufel glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr Mühe, die vom
Teufel gesandten Gedanken zu verachten ... Fliehe durchaus die Einsamkeit,
denn er stellt dir am meisten nach, wenn du allein bist. Durch Spiel und
Verachtung wird dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit.
Vergnüge dich und scherze darum mit meiner Frau und den anderen, wodurch du
die teuflischen Anfechtungen betrügst, und sei gutes Mutes, mein
Hieronymus. Diese Anfechtung ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich
will dir erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich ungefähr in deinem
Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging ich immer betrübt und
traurig einher und konnte die Traurigkeit durchaus nicht loswerden.
Deswegen besprach ich mich mit Dr. Staupitz, einem Manne, von dem ich gern
spreche, und eröffnete ihm, was für entsetzliche Gedanken ich hätte. Darauf
sagte er: Du weißt nicht, Martin, wie nützlich und notwendig dir diese
Anfechtung ist. Es ist nicht zufällig, daß Gott dich versucht, sondern du
wirst sehen, zu was für großen Dingen er dich brauchen will. Und so ist es
gekommen. Denn ich bin ein großer Doktor geworden (das darf ich mit Recht
von mir sagen), was ich nie für möglich gehalten hätte zu der Zeit, wo ich
unter den Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen. Du
wirst noch ein großer Mann werden. Sieh nur zu, daß du inzwischen guten und
tapferen Mut hast, und glaube mir, daß solche Stimmen, wie sie besonders an
große und gelehrte Männer ergehen, von Gott eingegeben und weissagend sind.
Ich erinnere mich, daß einmal ein Mann, den ich tröstete, weil er ein Kind
verloren hatte, zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, daß du ein großer
Mann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht: wie ich dir
gesagt habe, solche Stimmen haben etwas Prophetisches. Sei deshalb gutes
Mutes und wirf die leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich
mit Gedanken quält, suche den Umgang mit Menschen, oder trinke etwas
reichlicher, vergnüge dich, scherze, tu etwas Lustiges. Man muß zuweilen
etwas mehr trinken, spielen, scherzen und zum Haß und zur Verachtung des
Teufels sündigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen aus
leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu besiegen, daß wir uns
allzusehr quälen, damit wir nicht sündigen. Wenn dir der Teufel sagt, du
sollst nicht trinken, erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir
verbietest, will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu immer das
Gegenteil von dem, was der Teufel will ... Könnte ich nur eine ordentliche
Sünde begehen, nur um den Teufel zu überwinden, damit er einsieht, daß ich
keine Sünde anerkenne und mir keiner Sünde bewußt bin. Wir müssen dann die
ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn schlagen, wir, sage ich, die so vom
Teufel gequält werden. Und wenn der Teufel uns unsere Sünden vorwirft und
uns des Todes und der Hölle schuldig spricht, dann müssen wir antworten:
Gut, ich gestehe, daß ich des Todes und der Hölle schuldig bin, und was
weiter? Werde ich deswegen auf ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich
weiß, daß _einer_ für mich gelitten und genug getan hat, der heißt Jesus
Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde ich bleiben.«
Das heißt: Wer ein starkes Selbst ist, der muß zunächst alles hassen, was
nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein dies Selbst einschränken will.
Wer aber ein starkes Selbst ist, kann auch etwas Großes und Göttliches
werden, sowie er erkennt, daß sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern in
Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche Kühnheit aber, dies zu sagen,
und welche Weisheit, es in Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich
selbst befreit und entlastet wird.
Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke, der sich als
wehrlose Beute von Gedanken fühlt, die ihn elend machen und die er doch
nicht loswerden kann, begreift, daß sie von einer teuflischen Macht
ausgehen, die sich seiner bemächtigen will. Man gewinnt einen festeren
Standpunkt, sowie man sich einem persönlichen, außer einem selbst
befindlichen Feind gegenüber weiß.
Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit mit der Erkenntnis,
daß Gott in ihr, nicht außer ihr ist, zugemutet ist. Gegen einen äußeren
Feind ist es leichter, als gegen sich selbst zu kämpfen. Es ist nicht
erwiesen, ob Luther das Tintenfaß gegen den Teufel geworfen hat; aber gewiß
ist, daß es seinem Wesen und seinen Überzeugungen durchaus entsprochen
hätte. »Sei der du bist!« pflegte er laut zu rufen, wenn er irgendwie die
Macht des Bösen spürte; das heißt: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk
bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von einem angestrengten
Kampfe gegen den Teufel ab; lieber solle er sein Wüten über sich ergehen
lassen und warten, bis Gottes Gnade ihn erlöse, die vielleicht schon ganz
nahe sei. Er wollte es vermeiden, das willkürliche Selbst anzuregen, dessen
Übermaß der Krankheit Ursache ist.
Darauf gingen ja überhaupt, allen Menschen gegenüber, seine vorbeugenden
Warnungen, die eigene Kraft nicht zu überspannen; lieber zeitweise untätig
zu bleiben, sich gehen zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen.
Es muß jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art der Behandlung von
Geisteskranken mit der moderner Seelenärzte übereinstimmt. Auch sie lassen
den Kranken beichten, raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, daß
Neigung zur Sünde, die unterdrückt und gleichsam nach innen gebogen wird,
das Innere vergiftet. Auch sie sorgen möglichst für ablenkende Tätigkeit,
und auch in ihrer Behandlung spielt die Liebe eine bedeutende Rolle; aber
gerade hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied.
Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schwäche oder Krankheit des
Herzens, der positiven und aktiven Kraft im Menschen, infolge welcher die
negativen, teuflischen Kräfte die Überhand gewinnen und eine Anarchie und
Verwirrung entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen und
Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von ihm empfangen, eine
allgemeine Erschöpfung. Es handelt sich also um eine Kräftigung des
Herzens. Ein leicht erklärlicher Irrtum hat zu der Annahme verführt, man
könne dem Herzen durch Unterdrückung der negativen Kräfte zu Hilfe kommen.
Indessen während ein starkes Herz diese Bändigung mit Nutzen selbst
vornehmen kann und soll, so wird ein schwaches und krankes dadurch nicht
stärker, daß seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschwächt
werden; die Zerstörung wird dadurch nur weiter ausgedehnt.
Die Kräftigung des Herzens kann auf geistigem Wege nur durch das Wesen des
Herzens selbst geschehen, also durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein
großes Verdienst der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben.
Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die göttliche Liebe die
teuflische, die nicht wie die göttliche Liebe auf Überfluß und Glauben
beruht, sondern auf Mangel und Mißtrauen und demzufolge nicht Verschwendung
und Empfangen, sondern nie gesättigtes Begehren und Verzehren ist.
Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer Liebe von den Kranken
lieben läßt, so entzieht er ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und mästet
sich auf Kosten der Bedürftigen, die er speisen sollte. Ein Herz voll
göttlicher Liebe lenkt unwillkürlich von der irdischen, für Kranke
gefährlichen Liebe ab; wer das nicht tut, stärkt unwillkürlich das, was
überwunden werden sollte. Neben der unwillkürlichen Wirkung des Herzens muß
die bewußte durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur ein
starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll großer Gedanken haben. Nur
das Wort der Wahrheit, die richtige Selbst- und Gotteserkenntnis kann den
Kranken selbständig machen; ohne sie würde er nie auf eigenen Füßen stehen
können, sondern immer vom Arzte abhängig bleiben. Dem Kranken die Ursache
seiner Leiden zum Bewußtsein zu bringen schadet nur, außer wenn man zur
letzten, innersten Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer
Verdrängung der göttlichen Kraft durch Vordrängen der selbstischen
Einzelkräfte bestehen muß. Schließlich würde eine beständige Zufuhr von
Kraft den Kranken überladen und schwächen, wenn er sie nicht in der
Berührung und im Kampfe mit den Menschen wieder ausgäbe. Die von den
Menschen ausgehende Gegenwirkung erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft
erregt, so daß allmählich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst
erhält. Die Erkenntnis, daß Gott als Person sich nur in der Menschheit
offenbart, muß den neuen Mut zum Kampfe des Lebens geben, der ein Zeichen
der Wiedergeburt ist.
Indessen wie ich schließen will, fühle ich, wieviel Unklarheit noch
zurückbleibt, und sehe ich ein, daß ich mich über die Physiologie des
Teufels noch nicht deutlich genug ausgedrückt habe.
Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Maß von Aktivität, das ist Geist
oder Kraft, welche über das Maß von Aktivität hinausgeht, das durch
entsprechende Passivität, also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr
von Aktivität ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat, damit Leben
sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien das Feuer zugleich das
Abzeichen des guten Gottes und des Gegengottes ist, er heiße Loki, Luzifer,
Prometheus oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majestät,
verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den Stoff, nämlich Wasser,
Erde und Luft sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos gebundene Feuer, der
geoffenbarte Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim Menschen ist der
Geist im Blute, vermutlich als eine der Elektrizität verwandte Kraft. Das
Fleisch und Blut Christi, das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich
Stoff und Geist. Jedes willkürliche Hervorbrechen und Überhandnehmen des
Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus dem Göttlichen das Teuflische
wird: das Genie grenzt an den Wahnsinn. »Laßt dicke Menschen um mich sein
und die gut schlafen«; das natürliche Gefühl empfindet das Dicke richtig
als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer dämpft, allerdings auch
das Grab des göttlichen werden kann. Gott offenbart sich nur im Stoff, im
Fleisch, nur in Verbindung mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber
schließlich löscht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt die
Kraft den Stoff.
Auf eine richtige Verteilung des Blutes im Körper kommt also alles an; bei
allen Kranken muß dafür gesorgt werden, daß das Blut dem ganzen Organismus
zugute kommt. Christus, der göttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, daß nur
die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute vorhandenen Geist zur
richtigen Wirksamkeit bringt, so daß er unseren ganzen Körper vergeistigt.
Das Übermaß von Aktivität, welches entweder den Menschen selbst oder
andere, seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen Lehre in die
richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes Arztes und des Seelenarztes
insbesondere.