Ich will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: Gott
ist schaffende Liebe; er äußert sich dreifach als Gott-Natur, Gott-Mensch
und Gott-Geist. In Gottes Ebenbilde, dem Menschen, äußert sich die
göttliche Kraft entsprechend als Gestaltungskraft, Tatkraft und
Glaubenskraft oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der
Phantasie, erfaßt der Mensch die Welt als unendlich viele Einzelheiten, die
ihm alle göttlich sind, so daß die ganze Welt ihm göttlich ist, aber
unbewußt; auf der Stufe der Tatkraft erfaßt er die Welt als Gegensatz
zwischen dem Einen persönlichen Gott und dem teuflischen Gegengott, dem
menschlichen Selbst; zuletzt glaubt er an eine göttliche Welt, deren
Inneres mit seinem Inneren zusammenfällt. Seit die Menschheit die Welt als
unendlich ansieht, dürfen wir ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natürlich
hier, statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der göttlichen Kraft
sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, dürfen wir sagen, daß die
Welt sich stufenweise entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von
Luthers Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit übersetzt: Wir
glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, endlose und grenzenlose
Einheit, deren Mittelpunkt der Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist
geozentrisch, wie mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im
Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich muß der Mensch und mit ihm
die Erde der Mittelpunkt der Welt sein.
Die Dreieinigkeit drücke sich auch in der allergeringsten Kreatur ab, sagt
Luther, insbesondere natürlich im Menschen. Das antike Wort, daß der Mensch
die Welt im kleinen, das Maß aller Dinge sei, heißt beim Christen, er sei
das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen bilden, nennt
Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, Seele und Leib. Die betreffende
Stelle kommt im ersten Brief an die Thessalonicher vor und heißt: Gott, der
ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, also daß
euer ganzer Geist und Seele und Leib unsträflich erhalten werde auf die
Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.
Den Geist beschreibt Luther als den »höchsten, tiefsten, edelsten Teil des
Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unmittelbare, ewige Dinge
zu fassen und ist kürzlich das Haus, da der Glaube und Gottes Wort
innewohnt«. Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in einem
anderen Werke, nämlich in dem, daß er den Leib lebendig mache und durch ihn
wirke. Durch die Seele also wirkt der Geist auf den Körper. Die Art der
Seele sei, nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die
Vernunft (wir würden sagen der Verstand) erkennen und ermessen könne, und
die Vernunft sei das Licht in diesem Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die
Affekte schreibt er, im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu.
Um diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fügt Luther noch ein
Bild hinzu; er vergleicht sie nämlich mit dem von Moses beschriebenen
Tabernakel. Das Allerheiligste, in dem Gott wohne und in dem kein Licht
sei, stellt er dem Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen
Leuchter der Seele, das Atrium, den jedermann zugänglichen Vorhof, dem
Körper.
Mir stellt sich das unwillkürlich körperlich vor, nämlich als drei
ineinander schwebende Sphären, von denen die innere der Geist, das
Allerheiligste ist, die äußere der Körper und die mittlere, welche Geist
und Körper verbindet, die Seele. Überträgst du diese Form des Mikrokosmos
auf den Makrokosmos, so ergibt sich, daß die Menschheit die Seele der Welt
ist; im Selbstbewußtsein der Menschheit wird das Sichtbare und das
Unsichtbare, Stoff und Kraft, zur Einheit. Ohne die Menschheit wäre die
Welt seelenlos, ja, sie wäre nicht, denn es wäre nur Chaos. Das Wort der
zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschheit läßt die Welt aus dem Nichts
hervortreten.
Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es dunkel bleiben soll,
und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen könne: das Licht scheinet in
der Finsternis. Von dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen
Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das
eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir sollen Gott in allen
seinen Äußerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoße der Mutter
verborgen wachsen lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen
dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das
geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. Dauernder Betrieb, hastige
Geschäftigkeit verscheucht den Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel
auf zur großen Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst das
Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du kennst das Gleichnis von
Martha, die sich viel zu schaffen machte, während ihre Schwester Maria zu
Jesu Füßen saß und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst dir
viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist
der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein
vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen also des Selbstbewußtseins. Ich
habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre
des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre der Seele zu
stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die
Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, leidet Gott. Füllt die Seele
das Allerheiligste ganz aus, so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt,
früher oder später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr
Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott eins ist.
Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch das Leben nicht,
und es strömen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der
Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, daß
er an Wallenstein die »allzeit wachen Gedanken«, das emsige, unruhige Gemüt
als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese beständige Wachsamkeit, die uns
als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von dem
stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das
Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, muß auch im
Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und
Lieblosigkeit ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichts geschaffen
hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; er, der nie einen
Augenblick zu schaffen aufhört, läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos
aufsteigen, und es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden
kann.
Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewußtsein finden
wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist
das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen
am Kinde entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes
Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem
Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es
vor Glück. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein
klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen
und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich
sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht
hineinkommen.« Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich
weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft habe, der sich
das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes nicht trotz des
Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch muß, bewahrt.
Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt und zugleich
gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor
allen. In den Tischgesprächen, wo er sich ganz unbefangen äußert, spricht
sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem
seiner Werke, ja, ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast
übermenschlicher Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein Selbst; dies
Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in
Qualen, die ihn an den Rand des Todes brachten; aber immer wieder ging das
gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt.
Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen habe, führt Luther die
Beichte an; ohne sie, meint er, würde der Teufel ihn überwunden haben. Die
Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die
Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. Der
freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, wie schon in seiner
Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit
ist, nicht weiter über sich nach, wodurch er der Gefahr der
Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man
zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, die
»Heimlichkeit des Herzens« zu erforschen; denn über das Herz hat kein
Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich
vorbehalten, das heißt: es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. »Die
Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der Sünden,
wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Sünde
Größe, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und
Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und größere Sünder.« Auch
vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht haben, denn im
Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber
auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine
gewisse ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese von Gott
gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät sie auch ihre Ohnmacht; denn
Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, daß man sich nach außen
ausströmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich
Entweihung Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir den
Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und
Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus,
daß sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. »Es sind
Menschen, die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. Aber sie
werden fortan nichts mehr schaffen.«
Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, wenn man den
Kindern als ungehörig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens
sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für
das Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. Die
meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich
sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenüber er sich gehen
lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch
Selbstanbetung unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott
gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die
Psalmen das wahre +gnôthi sauton+.
Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den heutigen Menschen, der
den Umgang so schwer macht und bewirkt, daß man fast am liebsten mit
Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat
begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man ißt, trinkt,
geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich
Unwillkürliches und Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein
schweres Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, wonach Frauen
sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich sehen lassen unter dem
Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Körpers gehöre zur
künstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu den
Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner bewußten
Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle
wahrhaft schönen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich
dadurch entstanden, daß ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter
nur einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper ganz zu kennen;
aber diesen muß er lieben. Der Körper braucht nicht vollendet schön zu
sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann »vor der
Welt« nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es
studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit kann nur von dem
Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört
nicht in einen künstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es
für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der
Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, wenn man sie aus ihrem
göttlichen Dunkel reißt.
Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken wird, auch
die Kindlichkeit künstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum
Zwecke der Unbewußtheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten,
lebhafte Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur
immer bewußter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade;
Vorläufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl
auf diese hoffen.