Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als
körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet;
indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines
Nervensystem das Genie vollständig, sondern es müsse ein
leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als
ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach
dem Kopfe hin. »Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene
Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es
aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt;
zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige
innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch
verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse
bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie
seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung
überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben
daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil
auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb
sind die großen Geister selten von großem Körper.«
Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine
Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat,
dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre
der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du
Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott
für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb
Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht,
in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem
bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter
wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt.
Wenn du dir vorstellst, daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom
Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen
Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des
einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.
Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem
Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei
aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen
bildlichen Ausdruck. »Die Liebe Gottes«, heißt es in den Römerbriefen, »ist
ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben
ist.« Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz
und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung
mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern,
als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb,
weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen
Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches,
Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und
Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu
tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ,
das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste
Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber
voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch
welche die Wahrheit hindurchstrahlte. »Des Heiligen Geistes Amt ist nicht
Bücher schreiben noch Gesetze machen«, heißt es bei Luther, »sondern daß er
ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen
Mut.«
Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. »Der Kopf faßt
kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende
muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen
will.« Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig,
andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die
Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht
abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man
kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die
Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so
entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er
wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: »Große Gedanken und ein reines Herz,
das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten«, so meint er sicherlich
eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder,
göttliche, nicht Menschengedanken.
Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die
Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und
empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich
gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das
Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es
sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in
eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und
gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem
Meere, das es speist, ist es passiv.
Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die
einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen
organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe,
bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher
ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die
Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des
tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die
Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf
ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen
und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das
eine, monarchische Herz, das Aristoteles das #punctum saliens# und das Tier
im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze
Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl
entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls
lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und
Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit
wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind
Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir
denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind.
Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt,
sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem
Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es
seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn
bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar,
sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die
Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das
Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte
der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als
die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.
Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und
allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend,
auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall
mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt;
es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die
Heimat Gottes.
Das Herz ist der Gott im Menschen: #est deus in nobis, agitante calescimus
illo#. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur
theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die
Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält,
indem es von ihm erhalten wird.
Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als
das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers
und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande
entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft
erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die
Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches
Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer
als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem
Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber
andererseits nicht so genial.
Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß: