XII

Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als

körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet;

indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines

Nervensystem das Genie vollständig, sondern es müsse ein

leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als

ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach

dem Kopfe hin. »Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene

Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es

aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt;

zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige

innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch

verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse

bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie

seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung

überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben

daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil

auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb

sind die großen Geister selten von großem Körper.«

Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine

Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat,

dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre

der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du

Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott

für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb

Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht,

in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem

bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter

wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt.

Wenn du dir vorstellst, daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom

Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen

Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des

einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.

Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem

Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei

aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen

bildlichen Ausdruck. »Die Liebe Gottes«, heißt es in den Römerbriefen, »ist

ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben

ist.« Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz

und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung

mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern,

als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb,

weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen

Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches,

Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und

Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu

tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ,

das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste

Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber

voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch

welche die Wahrheit hindurchstrahlte. »Des Heiligen Geistes Amt ist nicht

Bücher schreiben noch Gesetze machen«, heißt es bei Luther, »sondern daß er

ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen

Mut.«

Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. »Der Kopf faßt

kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende

muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen

will.« Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig,

andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die

Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht

abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man

kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die

Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so

entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er

wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: »Große Gedanken und ein reines Herz,

das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten«, so meint er sicherlich

eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder,

göttliche, nicht Menschengedanken.

Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die

Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und

empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich

gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das

Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es

sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in

eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und

gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem

Meere, das es speist, ist es passiv.

Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die

einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen

organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe,

bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher

ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die

Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des

tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die

Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf

ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen

und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das

eine, monarchische Herz, das Aristoteles das #punctum saliens# und das Tier

im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze

Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl

entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls

lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und

Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit

wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind

Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir

denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind.

Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt,

sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem

Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es

seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn

bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar,

sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die

Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das

Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte

der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als

die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.

Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und

allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend,

auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall

mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt;

es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die

Heimat Gottes.

Das Herz ist der Gott im Menschen: #est deus in nobis, agitante calescimus

illo#. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur

theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die

Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält,

indem es von ihm erhalten wird.

Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als

das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers

und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande

entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft

erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die

Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches

Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer

als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem

Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber

andererseits nicht so genial.

Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß:

Luthers Glaube: Briefe an einen Freund · 第 14 / 29 题