Ich erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit zum Ersatz für
sein Scheiden einen Tröster versprochen habe. »Wenn der Tröster kommt,
welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom
Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.« Es ist der Heilige Geist, der zu
Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die
Wahrheit, daß Christus Gott ist, zu verkünden.
Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung und Auflösung der
Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die
Bildung und Auflösung der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben,
gelten läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen
Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte
Geist gebunden; denn du weißt ja, daß Gottvater sich in Christus ganz und
gar ergossen und nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich
sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Höhepunkt
überschritten, und der gesamte, durch die vor ihm dagewesene und in ihm
vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung
des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die
Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat nun den Geist
oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr
losgelöst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehör
kommt. Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen
spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort
und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt
des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht
betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben durch die
Religion, welches Wort von #ligare#, binden, kommt; da Gott nicht mehr
unbewußt in der Menschheit ist, muß er durch Religion, Glauben, Phantasie
an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das
selbstbewußte Ich.
»Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort«, sagt
Luther. Damit, daß der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewußtsein und
zugleich sein Gottbewußtsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein,
da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen kann. Das
Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefühl und
Menschengefühl, aber nicht Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus
war das Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein
vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit
Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. Mythisch sagten wir, daß Gott die
Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu
erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, erkannte
sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon überwältigt; und
doch sieht man beständig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott
außer sich zu suchen.
Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann
als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn
Geist. Der Geist ist im Wort; ich führte schon den Ausspruch an: #res
sociae verbis et verba rebus#, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt:
»Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.« Im
Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war
bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und
Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein erscheint die
Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor der Ausgießung des Heiligen
Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere
dich bitte, daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig
wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten
die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in
einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet
verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt.
Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch
seinen Mund: durch den Künstler und den Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt
hat: »Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.« Dagegen steht
Luthers Ausspruch: »Und kein kräftigeres noch edleres Werk am Menschen ist,
denn Reden.« Der eine geht von der Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen
Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör
ist. Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte, würde
ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er
war ja ein Genie, welches sich vom bloßen Künstler dadurch unterscheidet,
daß es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die
stärkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das
eigentliche Genie, das Genie +kat exochên+, weil er die vorangegangenen
Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der
Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf
seine eindrucksvolle Bildersprache einen großen Maler. Natürlich spreche
ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat.
Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man
auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im
Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch Denker und Dichter
ist, wie Dürer und alle großen Künstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt
es keine Genies mehr, ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu
sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler usw.,
und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind.
Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das Auge des Dichters
ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie
wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte;
das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen
ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich
hineinzieht; das des Dichters geht über die Erscheinung hinweg oder durch
die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die
Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der
letztere wirklich blind. Man hat von schönen Bildern Homers nie den
Eindruck, daß er blind ist, sondern daß er nach innen schaut und dort die
Welt schöner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder
große Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben muß. Ich
finde es sehr interessant, daß das hervortretende Auge zu den sogenannten
Degenerationsmerkmalen gehört, das heißt, es erscheint auf einer hohen
Entwickelungsstufe, woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf
reiches Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich eher
bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe
dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend.
Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus Gottbewußtsein und
Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder
auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit
Christus steht sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber;
du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, dies als negativ
bezeichne. Daß das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes
ist, darüber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft
ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Untätigkeit
oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und
Lüge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten,
daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, wie daß es ein Gutsein
gibt; sie behaupten, für den einen sei dies, für den andern jenes wahr, gut
und schön. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im
Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter
mit dem Schwerte, das Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge
scheidet. Es ist ein tiefsinniger Zug im Evangelium, daß Pilatus zu dem
verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er
fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran
man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus,
die hören meine Stimme, und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott
geboren sind, hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott zu
ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott
sich den Menschen durch die Schrift hätte offenbaren wollen, so hätte er
eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit,
daß das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen
Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da
der selbstbewußte Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient
wie Gott? Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie
überhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort
ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem
Göttlichen, zeigt.
#Verbum Dei manet in aeternum#, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter
diesem stolzen und demütigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst
von Sachsen seiner Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel
mißverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken
und hatte natürlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel
waren. Luther hat bekanntlich die Bibel für die Richtschnur erklärt, an
welcher alle Menschenmeinung müßte gemessen werden; aber er hielt nicht
jedes Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich hat er an
einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er,
daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrücklich, daß
Gott sich jederzeit den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun
werde. Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch große
Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gültigen
Bildern erschöpfend offenbart sei, so daß jede andere Offenbarung der
Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse.
Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle großen
Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, daß sie in
der Wahrheit übereinstimmen; was sie lügen, das reden sie aus ihrem
Eigenen. Was den Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner
Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der Äußerungen
Vischers über Luther, die unseren Briefwechsel veranlaßten; sofern man
Wechselgespräch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von
Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der Mensch imstande
ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder
nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lügt
er: es ist die vielgerühmte Objektivität des Künstlers und Dichters, die
aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung von
Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also Subjektivität in der Objektivität
ist. Das Selbstbewußtsein und somit das Menschenwort verdrängt das
Gottbewußtsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie zwei
Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt.
Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie
man beten solle, daß er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl
er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich
ausdrückt, in reiche Gedanken spazieren: »Und wenn auch solche reiche gute
Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen
Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn
da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel
besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt
in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.«
Anderswo sagt er über das Gebet, es müsse »frei aus dem Herzen gehn ohne
alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und muß selbst Worte machen,
darnach das Herz brennt«. In den Psalmen heißt es: #Audiam quid loquatur in
me Deus#; ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere
Vorschrift für einen Dichter.
Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: »Das erste, was aus dem Herzen
bricht und sich ergießt, ist das Wort.« Aus dem Herzen strömt Geist, und in
dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des
Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung
haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie
verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind.
Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehört, das wirst du aus
Märchen und Sagen wissen; aber es muß das rechte Wort, das Herzenswort
sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und
Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können damit erlösen.
Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. »Er schafft ja nicht als
durch sein Wort«, sagt Luther, und Paulus: »Gott ruft oder nennt das da
nicht ist, daß es sei.« Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des
göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man möchte rasend werden,
daß Menschen darüber nachgrübeln, ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel
sie erzählt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist
sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt
sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht
erlebt, der wird nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde
Licht! die Welt da war.
Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der
Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein. #Abundantia cordis
os loquitur#, aus der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte
bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; es ist
bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen
Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da
sein, damit der Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen
kann: »Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott
erbitten sollten.«
Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde,
sei das Gedächtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich
aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder
auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, an dem
jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die
wahren und ewigen Worte. So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die
Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der
Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, muß das
Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also
auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem
Gesamtgedächtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur den Unterschied
zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.
Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des göttlichen
Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck,
die in der Welt herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen
Fremdling widersetzen.
Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, daß der
Papst über der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen
keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift
übereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des
heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht
der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht
umgekehrt. Nur das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden,
schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schöpferische sprach er
ihr wie allen Menschen ab, das heißt den Menschen, wenn sie »aus ihrem
Eigenen« reden. Aber auch er mußte klagen über die Blinden, »die nicht
können so viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der Mensch
selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet -- #o furor et amentia his
saeculis digna!#«
Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von Gott, wenn der
Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heißt Echtes vom Unechten, das
Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natürlich kann es der
Ungläubige nicht, für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im
Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige Kritiker sich
selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß die Kirche, weil aus der
freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende
Auffassungen und Irrlehren entstanden seien, das Studium der Bibel
überhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen,
habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den Quell der Wahrheit
versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor
Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu
werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit
Einzelbeobachtungen und Experimenten und schließt sich in die Mauer
sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken
muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der
Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund
Gottes geht.
Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten und bewußten, ich
sage lieber dem gottbewußten und selbstbewußten Wort ist von jeher
aufgefallen. Man bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit
sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies
einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden
erfahren haben, daß ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf
besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die
das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des
Morgens aus dem Schlafe. #Spirat ubi vult#, der Geist weht, wo er will. Die
Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man
nicht eins machen: »Sintemal sie nicht mögen eins werden und natürlich
müssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie
Jesaias davon redet, Kap. 55. 8, 9: >Wie der Himmel von der Erde erhöht
ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.<«
Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß er sich trotz der
Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort
gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen
Menschen-und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das
heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz unterdrücken,
womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich
nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: »Wenn die
Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und
urteilen die Heilige Schrift ... Also dient die Vernunft dem Glauben auch,
daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist.« Die Wahrheit
bewährt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen muß das
Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an
einem dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hänge. Diese
Kette muß das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es läßt sich
nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann
niemals bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart
er sich in Werk und Wort, das sich beweisen läßt und bewiesen werden soll.
Weit entfernt, der Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu
sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm
aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblühen der
Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang.
Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und
das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verständnis der
Sprache, so heißt das, daß die Sprache der unmittelbare Ausdruck des
Geistes ist, und daß man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können,
sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. »Gott gibt niemandem seine
Gnade oder seinen Geist«, sagt er, »ohne durch oder mit dem vorgehenden
äußerlichen Wort.« Das äußerliche Wort aber ist dem menschlichen
Selbstdenken zugänglich.
Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die
Korinther über den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen.
Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht
zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner
Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen.
Hingegen soll man auch den anderen Menschen verständlich sein und das mit
Zungen Geredete auslegen, das heißt das Gotteswort dem menschlichen
Begriffsvermögen anpassen. »Wie soll es aber denn sein? Nämlich also: ich
will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen
singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn.« Wir würden etwa
sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit
ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen
überwand: er vertraut auf Gott, daß er ihm den Sieg geben wird, aber er
gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern
menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser
Zutun gibt.
Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen,
sondern ohne die persönliche Wahrheit wäre die göttliche gar nicht da. Das
ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr
Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, binden kann. Nur
dem Widersprecher offenbart das göttliche Wort sich ganz; andererseits hat
er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort
verdrängt, sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft
und den eigenen Wert. »Der Teufel«, sagte Luther, »achtet meinen Geist
nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist
nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache
machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.«
Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in
der Schrift, die göttliche Offenbarung, und der persönliche Geist, der die
Offenbarung vernimmt.
Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene
Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen,
die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden;
aber wenn auch die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der
fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort
hineinfallen.
Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen Überfluß
an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und
zwitschernd über bewegliche Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es
als ein schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich
liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht.
Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste und unseligste der Engel, wie der
unbarmherzig-gnädige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen
Hahn nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, über die
Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden.
X
Laß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer gewidmet sein;
doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß, mit dem Teufel beginnen, was
nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf
gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich
mißverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und
Lächerlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen --
denn ich kenne längst nicht alle -- Lutherbiographien gönnerhafte Klagen
darüber hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen,
gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen
man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn es sei ja nun einmal so, daß jeder
große Mann seine Schwächen haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther
habe an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, der in den
Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht,
und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten
ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an
dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine
Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie
wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und daß, die
nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, daß sie auch an
Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mögen, Gott als
einen alten Mann mit weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im
tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht täten,
würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, daß für den
Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfuß und Hörnern sein müsse.
Luther wußte, daß Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich
Gott widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott selbst ist,
und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens liegt, weshalb er ihn
oft mit einem gewissen Hohn bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer
berühmten Lutherbiographie kannst du lesen: »Ein wissenschaftlicher Streit
war mit Luther nicht zu führen, da er jeden Widerspruch gegen seinen
Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der
Vernunft und den Segen der Logik.« Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner
als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um
die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch
nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens
waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt gegen Luthers
Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, daß ein Kind sie widerlegen
könnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik
bewiesen hatte, was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und
unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt,
wenn es im eigenen Ich gewußt wird.
Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich
ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen könnten, wenn der
Teufel sie nicht verblendete, das heißt, wenn sie nicht alles durch das
gefärbte Glas ihrer eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur,
was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, welcher an das
Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott
glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so
viel, wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu glauben, daß
Hexen und Zauberer den Menschen Böses anwünschen können, und nicht
abergläubisch, zu glauben, daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig
machen konnte?
Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht, und daß Kraft
auf Stoff wirkt, und daß der Mensch Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann,
göttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bösen Herzen.
»Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was
sie machen, wenn sie Glauben daran haben!« Nicht glauben tat Luther, daß
Hexen auf einem Besen reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz
nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm »lauter
Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber«. Es
möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder in der Verzückung
wähnten, sie liefen oder täten dies und das, während sie tatsächlich im
Bette lägen. »Und wer mag doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen,
närrischen, abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit
sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva
angeboren, daß sie sich also äffen und betrügen lassen.«
Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die
Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens auf andere Willenskraft oder auf
Stoffliches. »Aber ach, daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages
so gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte;
tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun dahin mit uns gekommen,
daß wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die
blutigsten Kriege führen und hadern ohne Aufhören.«
Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das
nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern daß
er sich aus einer Selbsttäuschung herausreißen wollte. Einmal entstand in
einer Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerüste
stürzten ein; er schnitt die entstehende Panik damit ab, daß er zu der
Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der
Teufel. Das heißt: eure Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch
wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit
einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer
Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das Wort vorausgegangen ist, befindet
sich in einer Selbsttäuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort
verkündet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur
von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europäer kann den Wilden
Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertäter darstellen;
es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das künftige
Erscheinen Christi weissagten.
Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte
Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollständig von Aberglauben
frei, wie nur der Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann;
der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere
hat gar keine. Der Ungläubige hat eine lügnerische, die ihm vorspiegelt,
was er hofft oder fürchtet, was aber nicht ist.
Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei Stufen der Versuchung
unterschied: die erste durch Trägheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in
der Jugend befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht,
Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schließlich
die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst
vergöttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen
den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer,
unterscheiden.
Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte an ihn. Gott und
der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich gegenseitig bekämpfen. Christus
hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst
der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich,
daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck
Luthers an die linke Hand getraut und läßt zu, daß sie dem Teufel dient.
Luther, der die Welt durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er
wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; daß in der
Welt, so drückte er es aus, der Stärkere den Schwächeren in den Sack
steckt. Es war für ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst
Menschen machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf
gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er
nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die
sichtbare Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren Kirche,
mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die
Kirche, noch die Universitäten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das
Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich,
zugleich aber als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut
hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprüche in
Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an
Melanchthon: »Wie können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre
urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann
unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen anders sein als bloßer
Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die
Gebräuche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich
verehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und leugnet?« Wie
sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt antun mußte, um seine Gegner
nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekämpfen!
Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den man doch anerkennt, ja
sogar bewundern kann, haßte er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des
Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und
Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den
eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer
Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn
kannten, nicht den Teufel in seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben
Luzifer. Dieser nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen
anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel kommt aus dem
Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken; und
diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse
nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst
keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie göttliche Liebe, es ist
dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame,
tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gütigen
werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt.
Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz,
weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden
oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein
bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist.
Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; er will
vollkommen und Gott gleich sein, nämlich dem abstrahierten Gott, den er
sich ausgedacht hat. Er läßt Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern
verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert
nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist
nun der Punkt, weswegen er so gefährlich ist: er ist nicht wie der gemeine
Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt,
sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des
Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte,
sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natürliche
Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen,
vertreibt er auch das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit
des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. An die Stelle der
heißen Hölle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz
verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus
einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott
abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann
ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen,
deren Folge Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, Völker
und Zeiten sind unproduktiv.
Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, verdrängt
Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende Kraft, das ist die
Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen äußert sich das als Mangel an
Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an
Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind
phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral
zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der
Zeit muß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben
eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter der moralischen Larve fast
erstickte Feuer sich empört und die Kruste zerreißt, was dann einen
vollständigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte
Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen
Zeit und stammte aus einer überwiegend moralischen Familie. Seine Briefe
sind unerträglich trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was
Wölfflin so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie,
Überraschende, der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, der
die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er
doch haßte, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen
beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht.
Bezeichnenderweise fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder
genial begabte Schweizer muß, bevor er schaffen kann, eine außergewöhnlich
starke Kruste von Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von
Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte gezeitigt werden,
daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit auszeichnen. Die
schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens für die Menschheit, sondern
ein Leckerbissen für eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch
war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in
ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glühen es nur
stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jäh heraus und ruhte
nicht, bis die Kruste zerrissen war, ähnlich wie Kleist; das Leben
wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen.
Nietzsche wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, den
Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit, unter der er den
Widerstreit hätte vereinigen können, fand er nicht. Er hatte, anders
ausgedrückt, ein Übermaß von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden
und das er doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein paar
reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, und er hat es ja
auch getan; aber als Deutscher mußte er Brot des Lebens allen Menschen
geben wollen, und dazu war er zu verselbstet.
Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen ist verderblich,
es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es
das Göttliche verdrängt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es
liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu wollen, also
Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt,
hat er alles verloren.
Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen und die Edlen
und Stolzen zusammenwerfe, während doch die letzteren viel höher stehen.
Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß
die Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen nur die eigene
Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und
Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung
durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten
Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann Verkümmerung und Absterben durch
Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich
reißt, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine
Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind ihm noch nicht sehr
wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner Macht schließt er sich ab. Mit dem
Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft;
sein Nachfolger, der Königstypus, erbt nur »des Ahnherrn große Züge«,
nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die
sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und
hält das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte und
gewahr würde, daß er »innen hohl« und unendlich viel schwächer ist als
jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten würde.
Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk
erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk
leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die
Ausgeglichenheit und Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer
Städten und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem Lande, hat
etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit
verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an
Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste Folge der
Selbstanbetung und Absonderung.
Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel
des Sichselbsterkennens sieht, zu schön ist; je geringer der Unterschied
zwischen ihm und der göttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich
selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit ist ein
Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben
ab. Deswegen will ich aber der Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten;
ja, ich leugne nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der
aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen Zauber auf
mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die durch das tragische Siegel des
Todes geweiht ist.
Luther sagte einmal: »Gott hat in tausend Jahren keinem Bischof so große
Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin
zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch
danken kann.« Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott
verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, so liege daran
nichts; denn Gott könne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die
Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, daß das
Genie sich seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, daß
sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, dem aber auch der Mensch
gehört.