IX

Ich erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit zum Ersatz für

sein Scheiden einen Tröster versprochen habe. »Wenn der Tröster kommt,

welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom

Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.« Es ist der Heilige Geist, der zu

Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die

Wahrheit, daß Christus Gott ist, zu verkünden.

Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung und Auflösung der

Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die

Bildung und Auflösung der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben,

gelten läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen

Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte

Geist gebunden; denn du weißt ja, daß Gottvater sich in Christus ganz und

gar ergossen und nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich

sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Höhepunkt

überschritten, und der gesamte, durch die vor ihm dagewesene und in ihm

vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung

des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die

Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat nun den Geist

oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr

losgelöst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehör

kommt. Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen

spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort

und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt

des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht

betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben durch die

Religion, welches Wort von #ligare#, binden, kommt; da Gott nicht mehr

unbewußt in der Menschheit ist, muß er durch Religion, Glauben, Phantasie

an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das

selbstbewußte Ich.

»Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort«, sagt

Luther. Damit, daß der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewußtsein und

zugleich sein Gottbewußtsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein,

da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen kann. Das

Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefühl und

Menschengefühl, aber nicht Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus

war das Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein

vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit

Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. Mythisch sagten wir, daß Gott die

Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu

erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, erkannte

sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon überwältigt; und

doch sieht man beständig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott

außer sich zu suchen.

Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann

als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn

Geist. Der Geist ist im Wort; ich führte schon den Ausspruch an: #res

sociae verbis et verba rebus#, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt:

»Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.« Im

Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war

bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und

Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein erscheint die

Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor der Ausgießung des Heiligen

Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere

dich bitte, daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig

wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten

die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in

einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet

verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt.

Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch

seinen Mund: durch den Künstler und den Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt

hat: »Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.« Dagegen steht

Luthers Ausspruch: »Und kein kräftigeres noch edleres Werk am Menschen ist,

denn Reden.« Der eine geht von der Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen

Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör

ist. Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte, würde

ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er

war ja ein Genie, welches sich vom bloßen Künstler dadurch unterscheidet,

daß es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die

stärkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das

eigentliche Genie, das Genie +kat exochên+, weil er die vorangegangenen

Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der

Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf

seine eindrucksvolle Bildersprache einen großen Maler. Natürlich spreche

ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat.

Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man

auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im

Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch Denker und Dichter

ist, wie Dürer und alle großen Künstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt

es keine Genies mehr, ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu

sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler usw.,

und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind.

Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das Auge des Dichters

ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie

wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte;

das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen

ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich

hineinzieht; das des Dichters geht über die Erscheinung hinweg oder durch

die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die

Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der

letztere wirklich blind. Man hat von schönen Bildern Homers nie den

Eindruck, daß er blind ist, sondern daß er nach innen schaut und dort die

Welt schöner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder

große Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben muß. Ich

finde es sehr interessant, daß das hervortretende Auge zu den sogenannten

Degenerationsmerkmalen gehört, das heißt, es erscheint auf einer hohen

Entwickelungsstufe, woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf

reiches Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich eher

bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe

dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend.

Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus Gottbewußtsein und

Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder

auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit

Christus steht sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber;

du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, dies als negativ

bezeichne. Daß das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes

ist, darüber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft

ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Untätigkeit

oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und

Lüge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten,

daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, wie daß es ein Gutsein

gibt; sie behaupten, für den einen sei dies, für den andern jenes wahr, gut

und schön. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im

Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter

mit dem Schwerte, das Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge

scheidet. Es ist ein tiefsinniger Zug im Evangelium, daß Pilatus zu dem

verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er

fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran

man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus,

die hören meine Stimme, und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott

geboren sind, hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott zu

ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott

sich den Menschen durch die Schrift hätte offenbaren wollen, so hätte er

eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit,

daß das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen

Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da

der selbstbewußte Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient

wie Gott? Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie

überhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort

ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem

Göttlichen, zeigt.

#Verbum Dei manet in aeternum#, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter

diesem stolzen und demütigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst

von Sachsen seiner Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel

mißverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken

und hatte natürlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel

waren. Luther hat bekanntlich die Bibel für die Richtschnur erklärt, an

welcher alle Menschenmeinung müßte gemessen werden; aber er hielt nicht

jedes Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich hat er an

einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er,

daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrücklich, daß

Gott sich jederzeit den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun

werde. Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch große

Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gültigen

Bildern erschöpfend offenbart sei, so daß jede andere Offenbarung der

Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse.

Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle großen

Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, daß sie in

der Wahrheit übereinstimmen; was sie lügen, das reden sie aus ihrem

Eigenen. Was den Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner

Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der Äußerungen

Vischers über Luther, die unseren Briefwechsel veranlaßten; sofern man

Wechselgespräch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von

Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der Mensch imstande

ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder

nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lügt

er: es ist die vielgerühmte Objektivität des Künstlers und Dichters, die

aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung von

Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also Subjektivität in der Objektivität

ist. Das Selbstbewußtsein und somit das Menschenwort verdrängt das

Gottbewußtsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie zwei

Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt.

Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie

man beten solle, daß er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl

er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich

ausdrückt, in reiche Gedanken spazieren: »Und wenn auch solche reiche gute

Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen

Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn

da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel

besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt

in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.«

Anderswo sagt er über das Gebet, es müsse »frei aus dem Herzen gehn ohne

alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und muß selbst Worte machen,

darnach das Herz brennt«. In den Psalmen heißt es: #Audiam quid loquatur in

me Deus#; ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere

Vorschrift für einen Dichter.

Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: »Das erste, was aus dem Herzen

bricht und sich ergießt, ist das Wort.« Aus dem Herzen strömt Geist, und in

dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des

Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung

haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie

verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind.

Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehört, das wirst du aus

Märchen und Sagen wissen; aber es muß das rechte Wort, das Herzenswort

sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und

Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können damit erlösen.

Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. »Er schafft ja nicht als

durch sein Wort«, sagt Luther, und Paulus: »Gott ruft oder nennt das da

nicht ist, daß es sei.« Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des

göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man möchte rasend werden,

daß Menschen darüber nachgrübeln, ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel

sie erzählt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist

sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt

sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht

erlebt, der wird nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde

Licht! die Welt da war.

Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der

Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein. #Abundantia cordis

os loquitur#, aus der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte

bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; es ist

bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen

Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da

sein, damit der Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen

kann: »Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott

erbitten sollten.«

Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde,

sei das Gedächtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich

aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder

auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, an dem

jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die

wahren und ewigen Worte. So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die

Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der

Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, muß das

Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also

auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem

Gesamtgedächtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur den Unterschied

zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.

Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des göttlichen

Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck,

die in der Welt herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen

Fremdling widersetzen.

Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, daß der

Papst über der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen

keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift

übereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des

heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht

der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht

umgekehrt. Nur das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden,

schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schöpferische sprach er

ihr wie allen Menschen ab, das heißt den Menschen, wenn sie »aus ihrem

Eigenen« reden. Aber auch er mußte klagen über die Blinden, »die nicht

können so viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der Mensch

selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet -- #o furor et amentia his

saeculis digna!#«

Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von Gott, wenn der

Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heißt Echtes vom Unechten, das

Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natürlich kann es der

Ungläubige nicht, für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im

Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige Kritiker sich

selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß die Kirche, weil aus der

freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende

Auffassungen und Irrlehren entstanden seien, das Studium der Bibel

überhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen,

habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den Quell der Wahrheit

versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor

Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu

werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit

Einzelbeobachtungen und Experimenten und schließt sich in die Mauer

sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken

muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der

Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund

Gottes geht.

Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten und bewußten, ich

sage lieber dem gottbewußten und selbstbewußten Wort ist von jeher

aufgefallen. Man bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit

sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies

einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden

erfahren haben, daß ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf

besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die

das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des

Morgens aus dem Schlafe. #Spirat ubi vult#, der Geist weht, wo er will. Die

Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man

nicht eins machen: »Sintemal sie nicht mögen eins werden und natürlich

müssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie

Jesaias davon redet, Kap. 55. 8, 9: >Wie der Himmel von der Erde erhöht

ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.<«

Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß er sich trotz der

Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort

gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen

Menschen-und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das

heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz unterdrücken,

womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich

nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: »Wenn die

Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und

urteilen die Heilige Schrift ... Also dient die Vernunft dem Glauben auch,

daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist.« Die Wahrheit

bewährt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen muß das

Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an

einem dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hänge. Diese

Kette muß das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es läßt sich

nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann

niemals bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart

er sich in Werk und Wort, das sich beweisen läßt und bewiesen werden soll.

Weit entfernt, der Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu

sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm

aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblühen der

Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang.

Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und

das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verständnis der

Sprache, so heißt das, daß die Sprache der unmittelbare Ausdruck des

Geistes ist, und daß man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können,

sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. »Gott gibt niemandem seine

Gnade oder seinen Geist«, sagt er, »ohne durch oder mit dem vorgehenden

äußerlichen Wort.« Das äußerliche Wort aber ist dem menschlichen

Selbstdenken zugänglich.

Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die

Korinther über den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen.

Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht

zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner

Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen.

Hingegen soll man auch den anderen Menschen verständlich sein und das mit

Zungen Geredete auslegen, das heißt das Gotteswort dem menschlichen

Begriffsvermögen anpassen. »Wie soll es aber denn sein? Nämlich also: ich

will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen

singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn.« Wir würden etwa

sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit

ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen

überwand: er vertraut auf Gott, daß er ihm den Sieg geben wird, aber er

gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern

menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser

Zutun gibt.

Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen,

sondern ohne die persönliche Wahrheit wäre die göttliche gar nicht da. Das

ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr

Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, binden kann. Nur

dem Widersprecher offenbart das göttliche Wort sich ganz; andererseits hat

er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort

verdrängt, sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft

und den eigenen Wert. »Der Teufel«, sagte Luther, »achtet meinen Geist

nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist

nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache

machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.«

Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in

der Schrift, die göttliche Offenbarung, und der persönliche Geist, der die

Offenbarung vernimmt.

Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene

Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen,

die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden;

aber wenn auch die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der

fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort

hineinfallen.

Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen Überfluß

an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und

zwitschernd über bewegliche Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es

als ein schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich

liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht.

Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste und unseligste der Engel, wie der

unbarmherzig-gnädige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen

Hahn nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, über die

Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden.

X

Laß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer gewidmet sein;

doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß, mit dem Teufel beginnen, was

nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf

gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich

mißverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und

Lächerlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen --

denn ich kenne längst nicht alle -- Lutherbiographien gönnerhafte Klagen

darüber hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen,

gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen

man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn es sei ja nun einmal so, daß jeder

große Mann seine Schwächen haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther

habe an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, der in den

Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht,

und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten

ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an

dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine

Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie

wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und daß, die

nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, daß sie auch an

Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mögen, Gott als

einen alten Mann mit weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im

tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht täten,

würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, daß für den

Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfuß und Hörnern sein müsse.

Luther wußte, daß Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich

Gott widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott selbst ist,

und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens liegt, weshalb er ihn

oft mit einem gewissen Hohn bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer

berühmten Lutherbiographie kannst du lesen: »Ein wissenschaftlicher Streit

war mit Luther nicht zu führen, da er jeden Widerspruch gegen seinen

Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der

Vernunft und den Segen der Logik.« Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner

als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um

die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch

nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens

waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt gegen Luthers

Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, daß ein Kind sie widerlegen

könnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik

bewiesen hatte, was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und

unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt,

wenn es im eigenen Ich gewußt wird.

Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich

ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen könnten, wenn der

Teufel sie nicht verblendete, das heißt, wenn sie nicht alles durch das

gefärbte Glas ihrer eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur,

was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, welcher an das

Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott

glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so

viel, wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu glauben, daß

Hexen und Zauberer den Menschen Böses anwünschen können, und nicht

abergläubisch, zu glauben, daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig

machen konnte?

Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht, und daß Kraft

auf Stoff wirkt, und daß der Mensch Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann,

göttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bösen Herzen.

»Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was

sie machen, wenn sie Glauben daran haben!« Nicht glauben tat Luther, daß

Hexen auf einem Besen reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz

nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm »lauter

Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber«. Es

möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder in der Verzückung

wähnten, sie liefen oder täten dies und das, während sie tatsächlich im

Bette lägen. »Und wer mag doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen,

närrischen, abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit

sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva

angeboren, daß sie sich also äffen und betrügen lassen.«

Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die

Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens auf andere Willenskraft oder auf

Stoffliches. »Aber ach, daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages

so gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte;

tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun dahin mit uns gekommen,

daß wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die

blutigsten Kriege führen und hadern ohne Aufhören.«

Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das

nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern daß

er sich aus einer Selbsttäuschung herausreißen wollte. Einmal entstand in

einer Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerüste

stürzten ein; er schnitt die entstehende Panik damit ab, daß er zu der

Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der

Teufel. Das heißt: eure Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch

wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit

einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer

Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das Wort vorausgegangen ist, befindet

sich in einer Selbsttäuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort

verkündet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur

von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europäer kann den Wilden

Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertäter darstellen;

es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das künftige

Erscheinen Christi weissagten.

Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte

Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollständig von Aberglauben

frei, wie nur der Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann;

der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere

hat gar keine. Der Ungläubige hat eine lügnerische, die ihm vorspiegelt,

was er hofft oder fürchtet, was aber nicht ist.

Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei Stufen der Versuchung

unterschied: die erste durch Trägheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in

der Jugend befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht,

Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schließlich

die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst

vergöttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen

den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer,

unterscheiden.

Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte an ihn. Gott und

der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich gegenseitig bekämpfen. Christus

hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst

der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich,

daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck

Luthers an die linke Hand getraut und läßt zu, daß sie dem Teufel dient.

Luther, der die Welt durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er

wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; daß in der

Welt, so drückte er es aus, der Stärkere den Schwächeren in den Sack

steckt. Es war für ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst

Menschen machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf

gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er

nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die

sichtbare Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren Kirche,

mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die

Kirche, noch die Universitäten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das

Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich,

zugleich aber als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut

hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprüche in

Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an

Melanchthon: »Wie können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre

urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann

unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen anders sein als bloßer

Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die

Gebräuche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich

verehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und leugnet?« Wie

sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt antun mußte, um seine Gegner

nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekämpfen!

Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den man doch anerkennt, ja

sogar bewundern kann, haßte er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des

Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und

Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den

eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer

Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn

kannten, nicht den Teufel in seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben

Luzifer. Dieser nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen

anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel kommt aus dem

Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken; und

diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse

nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst

keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie göttliche Liebe, es ist

dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame,

tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gütigen

werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt.

Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz,

weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden

oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein

bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist.

Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; er will

vollkommen und Gott gleich sein, nämlich dem abstrahierten Gott, den er

sich ausgedacht hat. Er läßt Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern

verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert

nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist

nun der Punkt, weswegen er so gefährlich ist: er ist nicht wie der gemeine

Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt,

sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des

Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte,

sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natürliche

Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen,

vertreibt er auch das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit

des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. An die Stelle der

heißen Hölle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz

verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus

einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott

abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann

ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen,

deren Folge Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, Völker

und Zeiten sind unproduktiv.

Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, verdrängt

Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende Kraft, das ist die

Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen äußert sich das als Mangel an

Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an

Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind

phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral

zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der

Zeit muß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben

eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter der moralischen Larve fast

erstickte Feuer sich empört und die Kruste zerreißt, was dann einen

vollständigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte

Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen

Zeit und stammte aus einer überwiegend moralischen Familie. Seine Briefe

sind unerträglich trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was

Wölfflin so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie,

Überraschende, der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, der

die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er

doch haßte, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen

beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht.

Bezeichnenderweise fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder

genial begabte Schweizer muß, bevor er schaffen kann, eine außergewöhnlich

starke Kruste von Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von

Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte gezeitigt werden,

daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit auszeichnen. Die

schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens für die Menschheit, sondern

ein Leckerbissen für eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch

war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in

ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glühen es nur

stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jäh heraus und ruhte

nicht, bis die Kruste zerrissen war, ähnlich wie Kleist; das Leben

wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen.

Nietzsche wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, den

Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit, unter der er den

Widerstreit hätte vereinigen können, fand er nicht. Er hatte, anders

ausgedrückt, ein Übermaß von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden

und das er doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein paar

reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, und er hat es ja

auch getan; aber als Deutscher mußte er Brot des Lebens allen Menschen

geben wollen, und dazu war er zu verselbstet.

Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen ist verderblich,

es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es

das Göttliche verdrängt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es

liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu wollen, also

Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt,

hat er alles verloren.

Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen und die Edlen

und Stolzen zusammenwerfe, während doch die letzteren viel höher stehen.

Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß

die Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen nur die eigene

Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und

Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung

durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten

Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann Verkümmerung und Absterben durch

Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich

reißt, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine

Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind ihm noch nicht sehr

wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner Macht schließt er sich ab. Mit dem

Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft;

sein Nachfolger, der Königstypus, erbt nur »des Ahnherrn große Züge«,

nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die

sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und

hält das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte und

gewahr würde, daß er »innen hohl« und unendlich viel schwächer ist als

jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten würde.

Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk

erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk

leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die

Ausgeglichenheit und Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer

Städten und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem Lande, hat

etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit

verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an

Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste Folge der

Selbstanbetung und Absonderung.

Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel

des Sichselbsterkennens sieht, zu schön ist; je geringer der Unterschied

zwischen ihm und der göttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich

selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit ist ein

Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben

ab. Deswegen will ich aber der Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten;

ja, ich leugne nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der

aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen Zauber auf

mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die durch das tragische Siegel des

Todes geweiht ist.

Luther sagte einmal: »Gott hat in tausend Jahren keinem Bischof so große

Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin

zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch

danken kann.« Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott

verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, so liege daran

nichts; denn Gott könne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die

Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, daß das

Genie sich seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, daß

sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, dem aber auch der Mensch

gehört.

Luthers Glaube: Briefe an einen Freund · 第 12 / 29 题